Eine Fahrt ins Weihnachtsland.
Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein, Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmer lag der Garten mit seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu, da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute, und nun, nach Krieg und Wunden, mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. – Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein. Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die dunklen Halden des alten Bergbaus waren noch weiß betupft. Die Fläche des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk ringenden Sonne.
Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern und den schön geschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnaufen und Pusten und gelegentlichem, wichtigtuendem Bimbim, Bimbim durch das enge, malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda.
Schön bewaldete Höhen treten rechts und links an die Bahn heran. Rechts öffnet sich bald ein Wiesengrund, in dem ein Bächlein herniedereilt, während neben ihm die Straße gemächlich zum Haltepunkt abwärts steigt. Wolfsgrund ist der romantische Name, der zu der Lieblichkeit nicht mehr zu passen scheint.
Einst war es anders: Am Eingang und Ausgang des Tales standen am Wege Hütten zum Aufbewahren von Waffen, besonders Keulen, die beim Durchgehen des dunkelen Waldes jeder mitgenommen, um sich gegen die Wölfe zu verteidigen, welche hier in den Dickichten der Talschlucht gehauset. Längst sind diese Tage vorüber und statt Urwaldschrecken grüßt uns die sonnige Lieblichkeit von Wiesen und Wald in freundlichem Wechsel.
Ein reizvolles Wiesental ist es, in dem die Bahn sich hinschlängelt. In seinem leuchtenden Grün mag im Sommer das Auge sich satt trinken können und sich der tausend Blumen freuen in ihren starken Farben und würzigem Duft und Kräfte gewinnen, um freudig ins Grau des Alltags zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter gewesen und hatte kräftige, schwarze Tupfen durch die zahlreichen frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen durch das Tal.
Man sollte es dem harmlosen Bächlein dort nicht zutrauen, daß es auch recht bösartig sein kann und durch Überschwemmungen schon manchen schlimmen Schaden angerichtet hat. Das Kirchenbuch von Dorfchemnitz weiß davon zu erzählen: »Am 17. Mai 1622 sind 7 Personen begraben worden, welche in der großen erschrecklichen Wasserfluth ertrunken. Denn das Wasser und große Schloßen 3 Häußer ganz und gar weggerißen, daß nicht ein Stecken mehr stehengeblieben. Auch sonsten erschrecklichen Schaden gethan, indem es die Gärten gäntzlichen verschwemmet und alle Zäune hinweggenommen. Denn das Wasser über die ganze Gemeinde, so breit sie gewesen (70–80 Schritt!) etliche Ellen hoch gegangen, an der Schulbehausung zum Stubenfenster hineingegangen, Stub und Haus voll Schloßen geführt, welche zum Theil sehr groß gewesen. Gott wolle vor solchen Wasserfluthen hinfür und auch anderm Unglück aus Gnaden behüten!«
Das breite Wiesental liegt so freundlich in seinem silbergrauen Atlasgewande, als trüge es immer nur ein Feierkleid und lernte nie des Lebens Not und Kampf kennen.
Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Fest geschlossen wie Burgen schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine Baugruppe von besonderem malerischen Reiz.
Der Rauch unseres Zügleins weht in langer, silberweißer, wallender Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß, und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild beherrschen und alles in unendlich weicher Harmonie vereinen. Die Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare, kalte Luft der Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen.
»Das vollständige Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen« von August Schumann aus dem Jahre 1823 sagt von ihm:
»Die Lage von Sayda ist, da es auch an Bäumen fehlt, unfreundlich und rauh, und hat zwei große Unbequemlichkeiten, nämlich einen langen Winter und sehr viel Schnee und im Sommer oft solchen Wassermangel, daß Wachen an die Brunnen gestellt werden, um nicht zu viel Wasser in eine Haushaltung kommen zu lassen; auch gibt es im Frühling und Herbst immer viel Nebel. Dagegen wird das Korn doch in der Regel reif, und nur selten begräbt der Schnee den Hafer.«
Ein schlichtes Landstädtchen ist es mit einfachen, nüchternen Häusern in gerader Straßenzeile. Diese Straße war einst ein tiefer Hohlweg, welcher die beiden Haupttore, das Freiberger nördlich und das böhmische südlich, verband, so daß man in einem Tore stehend, durch das andere hindurchsehen konnte. Im Jahre 1554 füllte man den 6 Ellen tiefen Hohlweg aus und pflasterte ihn, ein Fortschritt, der für jene Zeit eine besondere Kulturleistung war. Von der uralten Grenzburg Seydowe ist nichts mehr erhalten.
Dort, wo die Kirche mit ihrem kräftigem Turme sich erhebt und hohe Linden ihren jetzt so kahlen Wipfel breiten, scheint der letzte Rest alter, malerischer und behaglicher Kleinstadtschönheit zu sein und im Sommer mag es gar traulich und schön zu weilen sein unter dem dichten Blätterdach und duftendem Grün.
Harte Schicksale waren es, welche der Stadt ihre heutige Gestalt gaben. Feuersbrünste, Kriegsdrangsale und Seuchen gingen durch die Straßen und Häuser und zäher Bürgersinn baute immer wieder auf, was des Schicksals erbarmungslose Faust zerschlagen. So ist das heutige Stadtbild zugleich eine Folge und ein Denkmal schwerer Vergangenheit. 1465, 1599, 1634, 1702, 1842 sind die Jahre der zerstörenden Feuersbrünste, welche große Teile der Stadt in Asche legten. Das obengenannte Staats-, Post- und Zeitungslexikon sagt treuherzig: »Nach all diesen Unglücksfällen ist es kein Wunder, daß der Ort jetzt zu den ärmeren des Landes gehört, und ohne einigen Paschhandel nach Böhmen würde er es noch mehr seyn!« Im Jahre 1842 verloren durch den Brand 289 Familien mit 1100 Köpfen ihr friedliches Obdach. Auch die Kirche hatte damals stark gelitten, doch blieb das Netzgewölbe mit seinen acht schlanken Pfeilern und die schönen Epitaphien der Familie von Schoenberg in ihren reichen Renaissanceformen erhalten. Besonders das Grabmal des 1605 verstorbenen Caspar von Schoenberg mit seinem reichen Figurenschmuck und üppiger, kunstvoller Ornamentik in edlem Material, aus der Schule des Nosseni stammend, nach einem Entwurfe vielleicht von seiner Hand, ist der Hauptkunstbesitz der Kirche und der Stadt geblieben und mag sich getrost mit den schönsten Werken dieser Art im Lande messen.
Der Turm, der sich so gut ins Stadtbild fügt und weithin ins Land über Wälder und Berge leuchtet, mußte nach dem Brande von Grund auf neu errichtet werden. Unter den Pfarrern, welche hier ihres Amtes walteten, war gar mancher wackere Mann, den Zeit und Schicksal besonders eigenartig formte. Victorinus Rothe, 1564 in Leisnig geboren und in Freiberg erzogen, verlor seinen Vater durch Gift, welches ihm seine Gegner, die Calvinisten reichten. Nach seinem Studium in Wittenberg war er erst Schulmeister an verschiedenen Orten und dann zehn Jahre Mittagsprediger am Dom zu Freiberg, wo er infolge seiner hellen und durchdringenden Stimme großen Zulauf hatte. 22 Jahre war er dann in Sayda tätig und mag dort viel mit Sorgen zu kämpfen gehabt haben, denn um seinen Tisch reihte sich eine Kinderschar, für die wohl bald das Brot zu schmal, die Räume zu eng, der Betten zu wenig gewesen sein mochten. Bei Gelegenheit der Kirchenvisitation 1617 legt er das Bekenntnis ab, »er habe keinen gänzlichen Commentarium über die Bibel, aus mangel und weil ihm viel auff die kinder gienge, deren ihm Gott 22 bescheret und noch 16 am leben«.
Eine andere Charaktergestalt ist Johann Reinhard Jakobeer, der Sohn des Apothekers Theophilus Jakobeer in Pirna, der seine Vaterstadt im Jahre 1639 durch kühne Tat vor der Einäscherung durch den schwedischen General Banner bewahrte. Unser Johann Reinhard war der echte Sohn seines Vaters und ein Kind des Dreißigjährigen Krieges. Er erfuhr alle Schrecken dieser furchtbaren Zeit. Mit seinen Mitschülern wurde er zweimal durch schwedische Soldaten aus der Fürstenschule zu Pforta verjagt und verlor alle seine Bücher. Von 1638 an hat er in Wittenberg in Not und Armut drei Studienjahre durchgehungert, wurde dann Lehrer der Söhne eines erst kaiserlichen, dann schwedischen hohen Offiziers, mit denen er durch Böhmen und Sachsen zog und dabei alle Beschwerden eines Wanderlebens und Kriegslebens in jener zuchtlosen, wilden Zeit voller Abenteuer, Gefahren, Straßenraub und Gewalttaten ertrug. Dann wurde er Feldprediger und mag im bunten rauhen Soldatenleben manche wilde Tat verhütet, manchem verlorenen Sohn die Todeswunde verbunden, die Todesstunde erhellt haben. Als endlich Friede eingekehrt war, wurde er 1653 Pfarrer in Sayda, wo er zehn Jahre seines Amtes waltete, um dann in seine Vaterstadt Pirna als Diakonus heimzukehren. Sein Nachfolger Christoph Knorr ist auch eine Charaktergestalt jener furchtbaren 30 Jahre. Als 72jähriger Greis trat er 1663 das Pfarramt in Sayda an und hat ihm noch drei Jahre gedient. Er war 1591 in Plauen geboren, kam nach vollendeten Studien in Wittenberg im Jahre 1616 nach Brüx als Rektor an die evangelische Schule, wurde Pfarrer in Wielenz in Böhmen und geriet so mitten in die ausbrechenden Stürme des furchtbaren Krieges. 1624 wurde er vertrieben und lebte sechs Jahre ohne Amt in Sayda, bis er 1630 Pfarrer in Neuhausen wurde. 33 Jahre waltete er hier seines Amtes als Vater und Schützer der vertriebenen und verfolgten Glaubensgenossen, welche aus dem nahen Böhmen Zuflucht und Hilfe suchten. Ihre Kinder hat er im Walde auf Baumstöcken als Tauftisch oft unter Lebensgefahr getauft. Mitten im dichten Walde ist damals nach dem Kirchenbuche von Neuhausen Kaspar Kadens uffn Seuffen Söhnlein Kaspar »in schwedischen Einfall in Böhmen Jung worden, und uf der deutschen seyden vorn Gohrn übern Wasser bey einem großen faulen stock geteufft«. Im Purschensteiner Walde liegt bei Dittersbach ein großer tischähnlicher Stein, welcher im Volksmunde der Taufstein heißt. Er trägt die Jahreszahl 1635 und mag als Altar und Taufstein im sicheren Schutze des Waldes bei heimlichen Gottesdiensten der vor den Feinden geflüchteten Gemeinde oder böhmischen Exulanten gedient haben. In der Char- und Osterwoche 1638 hat von Neuhausen, wie oft vorher und nachher, »menniglich sich wieder in walt salvieren müssen«.
Aus dem benachbarten Dörnthal wird berichtet, daß im Jahre 1639 »solcher Hunger gewesen, daß die Leute meistens Kleie, Leinkuchen, Gesäme und gekochtes Gras müssen essen, und sein viel Hunger gestorben«. Die zahlreichen Leichen wurden zumeist »ohne Sarg, Klang und Sang« heimlich begraben. Ja in den Pestjahren, welche immer wieder die Orte heimsuchten, blieben die Leichen oft tagelang unbeerdigt, weil sich keine Totengräber fanden.
Im Kirchenbuche von Neuhausen hat der wackere Pfarrer Knorr von diesen Notzeiten einiges berichtet, von Mord und Plünderung, Schändung, Brandschatzung und anderen Untaten, vor denen sie öfter in die Wälder fliehen mußten. 1634 schreibt er: »unterm 22 Marty ist eine Partey Churfl. Krieges Volk in Böhmen auf die Plünderung gezogen; im raußziehn haben sie sich allhier eingelegt, und futtern wollen, es hat ihn aber der feind uf der ferschen nachgezogen, sie unversehens, weil sie keine Wache gehalten, überfallen, der Churfl. ihrer Drey niedergehauen undt angezundet: Hans Steffens Hauß sambt der Scheune, Hans Müllers, des Schneiders Hauß, Nikol Fleischers Hauß uf der Brücken, darinnen seine Schwieger die alte Kochin verbrand, der Paul Schullerin Hauß mit der Scheunen, und darbey ihr Neben-Hauß darinnen ein Kneblein von 4 Jahren verbrand, das Lehngericht, welches damals Kaspar Drechsels Erben gewesen, zu grund abgebrand und Hans Fritzschens darneben und sind also dismahl ihrer 5 Thodt blieben.«
Allein zwölf vertriebenen Pfarrern außer vielen anderen Flüchtlingen wurden aus den Kirchenvermögen Beihilfen gegeben, obschon Neuhausen selbst vierzehnmal in jener Zeit geplündert wurde; und obschon das Pfarrhaus 1638 verbrannt und zerstört war und wieder aufgebaut werden mußte, »weil in den vielfeltigen feindseligen Ausfellen alles darinnen zerschmettert und zu nichte worden«. Die Vertriebenen haben größtenteils nichts mehr als einen Exulantenstab in ihren Händen gehabt, oder, wenn es hoch gekommen, auf einem Schiebebock ihre kleinen, öfters noch an der Mutterbrust liegenden Kinder hinübergeführt.
Trotz des furchtbaren Ernstes der Zeit hatte aber Knorr noch mit der Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten in seiner Gemeinde zu kämpfen.
Er beschuldigt 1644 sogar den herrschaftlichen Schösser in Purschenstein, daß er Verwirrung stifte und die Unsittlichkeit fördere, »er habe Nacht- und Lobetänze biß zu Tage ausgeheget, deßwegen das gesindte, Knechte und Magde zugelauffen und allerlei Uppigkeit, wie leicht zuermessen, getrieben. Es war kein Herr seines gesindtes mächtig.« Sogar der Schulmeister mußte wegen Vernachlässigung des Amtes und Unsittlichkeit abgesetzt werden.
In seinem späteren Amte in Sayda fand er nicht die Ruhe, welche er wohl gesucht hatte. Ja, sein Leichenstein sagt »Den Abend seines Lebens trübte er sich durch die Annahme des Pfarramtes zu Sayda«, und bitter klingt der Spruch, den er sich selbst als Grabspruch gesetzt:
»Ade du falsche Welt, die du mich hast geplagt,
Auch Tag und Nacht an mir nach Würmer-Art genagt.
Mich decket dieser Stein,
Biß Gott wird Richter seyn.«
Er, der in schwerster Zeit, 33 Jahre lang, der geistige und seelische Halt in dem gefährdeten Grenzbezirk gewesen und alle Nöte und Ängste des Krieges treu mit seiner Gemeinde geteilt, hätte einen besseren Dank als diesen bitteren Ausklang und Nachklang seines Lebens verdient.
Einer seiner Nachfolger in Sayda, Friedrich Ziegler, Pfarrer 1692–1720, hatte sich als Wahlspruch das Wort gesetzt: »ride et vicisti«, »Lache und du hast gesiegt!« Dieser lachende, vielleicht auch ironisch lachende Philosoph – Optimist oder Skeptiker? – mag leichter das Leben überwunden haben, aber freilich ist diese Philosophie nicht durch solche furchtbaren Proben versucht worden, wie Knorr sie bestehen mußte, bei denen man das Lachen wohl verlernen mag! Ziegler hat eine Schrift verfaßt, »Die Seelen-Vergnügung im Grünen«. Es lächelt uns aus dem Titel das frohe Behagen eines freundlichen Pfarrherrn entgegen, dem das Lachen leicht ist. Knorr mag bei seinen heimlichen, gefährlichen Waldgottesdiensten nicht an eine »Seelenvergnügung im Grünen« gedacht haben, weil er zu viel Blut und rote Flammen gesehen, zu viel Seelennot im Grünen gefunden.
Gedankenvoll schreiten wir die lange Straße zurück, verlassen das Städtchen und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt vor dem Städtchen das alte Johannes-Spittel hinter alten Bäumen. Bunt leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und Charakter erhält. Bernhard von Schönberg hat das Hospital gestiftet, als er 1476 auf der Heimfahrt von Jerusalem auf der Insel Rhodos auf dem Sterbelager lag und seiner fernen grünen Heimatberge und harzduftenden Wälder gedachte. –
Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein, du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung finden lassen.
Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruhe, aber was ihr gedacht und gelebt, es lebt und wirkt in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter, eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die Gedanken und Stimmungen, die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren Lebens, das hier daheim ist, Spuren eures Lebens, das ihr ganz an eure Heimat gewendet habt, und das uns nun eure Heimat lebendig und beseelt macht. Mit uns wandern alter ferner Zeiten stille Gestalten, nicht als dunkle Schatten, nein als Leben von unserem Blut, die das Leben gelitten und durchkämpft und bestanden haben und mit uns gehen als Freunde, um vom Schicksal zu reden, vom Schicksal der Seelen, vom Schicksal der Heimat, von Vergangenheit und Zukunft.
Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen lauscht wie geheimnisvollem Läuten sehnsuchtsweiter Glocken, dem Harfen des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden Schnees im Waldboden.
Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet stärker als zuvor.
Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal mit silbernem Teppich liegt sie da rings vom schweigenden Walde wie von dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt »das kleine Vorwerk« mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da wie der stille Wächter der Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank an seinem Stamm unter den schimmernden Zweigen ist heute ein starkes Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl. Dort lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger Vögel, dort klingt ein altes Lied von Liebe und Leid zur Laute. Dort sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht dem Flöten der Singdrossel hoch oben im Gezweig: Ein Baum, um den alle Poesie von Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt. –
Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich, auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin. Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fee im kühlen Wasser dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen Tausende funkelnder Tropfen wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen fallen die Tropfen nieder mit leisem, feinem Klingen.
Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen hält. – Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. – –
Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus. Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge, welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter, bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides, und was die kleine Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt. Ob Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir seine wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und versonnen ins grimme Gesicht. – Wie still und weit wird doch das Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in die schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief, daß echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein und werden können. Schweigen ist Kraft. Schweigen ist Tiefe. In dieser heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert der Dinge wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der Stille ins tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein und geben kann.
»Das Ewige ist stille,
laut die Vergänglichkeit;
schweigend geht Gottes Wille
über den Erdenstreit.«
(Wilhelm Raabe.)
Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins Dorf hinab.
Wie stolz liegt die malerische Baugruppe der alten Burg nun jetzt über uns, mit ihren spitzen Türmen über die Bäume des Parkes am Berghang hinwegschauend.
Als Grenzburg hat sie durch viele Jahrhunderte Feinden Trutz geboten und war zugleich auch eine Zufluchtsstätte in der Zeit der Glaubenskämpfe für zahlreiche aus ihrer böhmischen Heimat vertriebene lutherische Exulanten. Mehr als ein halbes Jahrtausend sitzt hier das Geschlecht der Herren von Schoenberg bis auf den heutigen Tag. Freilich ist die Zeit jener Herrschaftsgewalt vorüber, als zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges die Purschensteiner Schönberge neben den weitausgedehnten Waldungen 5 feste Schlösser, 4 Rittergüter, 2 Städte, 1 Marktflecken und 39 Dörfer ihr eigen nannten und über einen Besitz von rund 500 Quadratkilometer – ein kleines Fürstentum – als Herren geboten. Der Ruhm dieses Geschlechtes, der zugleich seine Blüte bedingt, ist die Arbeit, der weitschauende Blick, welcher in der wirtschaftlichen Entwicklung und zielbewußter Siedelung und Aufbautätigkeit die Wohlfahrt seiner weiten Gebiete förderte.
Die Aufnahme der böhmischen Exulanten war nicht nur eine Tat lutherischen Geistes und menschlichen Mitgefühls, sondern auch klügster wirtschaftspolitischer Überlegung. In zahlreichen Dörfern und industriellen Unternehmungen erblühte neues Leben und neue wirtschaftliche Kraft für die Ansiedler ebenso wie für den weitschauenden Grundherren. Deutscheinsiedel, Deutschneudorf, Niederseiffenbach, Heidelberg, Oberseiffenbach, Deutschkatharinenberg, Brüderwiese, Eisenzeche, Lässigherd, Oberlochmühle, Frauenbach, Deutschgeorgenthal, Neuwernsdorf, Oberneuschönberg, Niederneuschönberg, Kleinneuschönberg u. a. sind Orte, die solcher bewußten Siedlungstätigkeit ihre Entstehung verdanken.
Damals schaute das Schloß nach einem Bilde von 1735 noch bei weitem stattlicher ins Land. Fünf hohe schlanke Türme mit offener, durchsichtiger Laterne und geschwungenen Haubendächern, ähnlich wie der Freiberger Rathausturm, ragten in die blauen Lüfte und bezeichneten die von starken Mauern umgürtete und durch tiefen Wallgraben und steilen Absturz geschützte Hauptburg, die wie eine stolze Krone auf der Bergeshöhe leuchtete. Wie mag so mancher Flüchtling, der vom Feinde gehetzt aus den dunkelen Tiefen der Dickichte der Grenzwälder emportauchte, diese leuchtenden Türme auf dem Berge mit Jubel gegrüßt haben. Wie mag so mancher Feind begehrlich nach diesen festen Mauern und hellen Fenstern geblickt haben. Feindlichen Angriffen, Plünderungen und Zerstörungen ist dieser stolze Sitz jedoch nicht entgangen. 1643 z. B. war das Schloß von Schweden besetzt. Da rückte der Rittmeister Sporr von der kaiserlichen Armeeabteilung des Grafen Brey mit 200 Reitern aus Böhmen heran, um die Schweden aufzuheben und das Schloß in Brand zu stecken. Schon hatten die Kaiserlichen viel Leitern und Stroh herbeigetragen, um letzteres zu ersteigen. »Es haben sich aber die darinnen gelegenen 46 Mann Schwedischer Reuther mit Schüßen und Steinwerffen so ritterlich gehalten, daß die Keyßerlichen 200 Mann unverrichteter Sache wieder abziehen müssen.« Sporr rächte sich dadurch, daß er die außerhalb der Mauern liegenden Stallgebäude in Brand steckte. Die Schweden hielten aber das Schloß noch acht Wochen besetzt und brandschatzten ihrerseits die Umgegend nach Herzenslust.
Auch 1646 haben hier noch einmal die Schweden gehaust. 2000 Mann plünderten die Kirchgemeinde Neuhausen, trieben von hier und aus Dittersbach und Seiffen sämtliches Vieh hinweg, raubten das Schloß aus und zündeten den oberen Teil desselben an. »Die Schweden kommen« war der Schreckensruf, der noch nach langen Friedensjahren den Bauer mit Entsetzen füllte. Es hatte sich zu tief eingeprägt, was die Pfarrchronik sagt: »weil wier damals, wie noch alle stund und augenblick in großer kriegesnot und gefahr geschwebet«, und »weil die Kriegesnot und gefahr noch so groß ja größer ist, als sie iemals gewesen, sintemal uns der Feind mit rauben, plündern und anderen grausamen thaten, ie länger ie mehr kömmt, … große Tyranney verubet, … ausgeplündert« usw.
Doch hinweg mit den Bildern aus blutiger, schwerer Zeit. Wir wollen heute hier nicht rasten, so lockend auch der alte malerische Bau auf der Höhe und dort das behäbige Gasthaus an der Straße winken. Wir wollen ja hinüber ins Weihnachtsland, das jenseits des Berges liegt. Auf steilem Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges, »an der Schwarte« empor. Hei, das war ein lustiges Klettern, Steigen und Rutschen auf dem blanken Eis des schmalen Weges, wo oft nur der feste Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einem Baumstamm eine unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen gewachsenen Rodelkufen verhütete.
Diese Bergflanken oberhalb Neuhausens senden in schneereichen Wintern auch ihre Lawinen zu Tal, die manchmal nicht ungefährlich sind. Wer den erzgebirgischen Winter kennt und erlebt hat, wie in tagelangem Schneetreiben oft die Schneemassen sich türmen und Schneewehen zu Bergen sich emporbäumen, wie in den Wäldern viele Hunderte stolzer Wipfel unter der kalten, drückenden Faust des Schnees niederbrechen, wer einmal in solchem Schneesturm gewandert ist oder vielmehr sich durchgekämpft hat, der wird die unheimliche Gewalt solcher Naturereignisse ermessen.
Im Winter 1835 löste sich vom hohen Gassenberge eine Schneelawine und zerstörte gänzlich das Haus des Korbmachers Hengst, der sich mit den Seinen jedoch noch rechtzeitig retten konnte. 1862 verschüttete eine Schneelawine das Heinrichsche Haus in der Treibe derartig, daß seine Bewohner erst nach langem Schaufeln durch ein Dachfenster des obersten Bodens mit Lebensgefahr in Sicherheit gebracht werden konnten.
Heute liegt jedoch der Schnee hier oben nicht so dicht in geschlossenen Flächen. Locker, weich und leuchtend wirkt er in den einzelnen Flecken und Bändern wie ein schimmernder Schmuck, den der Berg zur Weihnachtszeit sich angelegt.
Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über eine Schneefläche wie auf weichem, kostbarem Teppich auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an. Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder.
Höhenluft! – Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große, stille Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem Alltag. Staubige Pfade liegen fern in der Tiefe, in reiner Höhenluft wird das Blut und die Seele frei, frei für Höhengedanken frei von dunklen Tiefen.
Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen seiner Herrlichkeit sind.
Unter einer alten, knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom Sturm zerzaust, und die Äste recken sich trotzig, wie feste Arme mit starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten im struppigen Gezweig, und es fällt ab und zu ein nasser Klumpen hernieder. Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten hinaus.
»Kein irdscher Laut mehr reichte durch die Lüfte,
Mir wars, als stände ich mit Gott alleine,
So einsam, weit und helle wars da oben.«
Um die Felsblöcke dort oben saust der Wind. Frau Sage sitzt dort und raunt ihm ihre Geheimnisse zu. Zauberkundige Venetianer, »die Walen«, sollen dort Gold gefunden und aus unterirdischen Höhlen geborgen haben. Als 1874 moderne Goldgräber hier ihren Schacht in die Tiefe trieben, da floh das Gold und wurde taubes Gestein und arm an Beutel mußte die Habgier heimkehren. Frau Sage sitzt wieder dort und schaut mit tiefen Augen ins Land und dir in die Seele, wenn du ein Sonntagskind bist, d. h. wenn du Höhengedanken in dir trägst. Sie erzählt dir von den Wundern der Heimat, die ewig sind und ewig jung.
Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich abwärts ins Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege hinunter. Tiefe Schneewehen boten hier willkommenen Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen den Absturz. Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern am Hange, wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns bald an winzigen Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße führte.
Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das Erbgericht, das bunte Haus. Helle leuchten uns seine blanken Mauern und Fenster entgegen. Ein Querhaus und zwei Flügel umschließen einen offenen Hof, als breiteten sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hie ist gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir wohl werden.« Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut Alt-Freibergs Bergparade vom langen, gemalten, bunten Holzschild. Ja wahrlich, es ist recht, hier der alten Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit zu gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von ihr ging die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis des Miriquidi gerodet und besiedelt, wurden die Erzgruben des Gebirges erschlossen. Der Name Erzgebirge wurde erst im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen Stellen Erz entdeckt und die Bergstädte mit den Namen der heiligen Familie wie Joachimsthal, Annaberg, Marienberg, Jöhstadt usw. gegründet wurden.
Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters:
»Sehr wild und felsicht wars in diesen Waldesöden,
Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind.
Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten,
Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«
Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung dem Bergbau, dem Zinnbergbau. Ausseiffen bedeutet auswaschen der Erzkörner aus Sand und Geröll. Längst ist er zwar zur Rüste gegangen, aber überall hat er seine unverwischbaren Spuren hinterlassen. Man sieht es, daß der Bergbau nicht unbedeutend gewesen sein kann und dies bestätigen alte Berichte: 1686 wurden rund 200 Zentner »Zien« à 22–23 Thaler gewonnen. 1730 waren in Seiffen vier, im benachbarten Heidelberg zehn Zechen im Betrieb. Die Ausbeute betrug 508 Zentner Zinn à 22 Thaler. Doch allmählich ließ die Ergiebigkeit der Gruben nach, der Bergbau kam in Verfall. Schon im 16. Jahrhundert gab es Holzdrechsler, welche mehr dem Holzreichtum der Wälder als dem Erzreichtum der Tiefe trauten. Der Bergmann ist ja auch immer ein Basteler gewesen. So ist es kein Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein Beruf wurde, und daß, als der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, statt Schlägel und Eisen das Schnitzmesser den Lebensunterhalt verdienen mußte. Seiffen wurde allmählich der Mittelpunkt und Hauptort der Spielwarenindustrie. Es wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus des erzgebirgischen Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige Gegensätze sich berühren.
Hier das »Bunte Haus« ist so recht das Heim und der Ausdruck dieser erzgebirgischen Volkskunst und Volksindustrie geworden, einer Weihnachtskunst, bei der man fröhlich und ein Kind wird wie zu Weihnachten, in der man sich heimisch und wohlfühlt, als erzählte Großmutter ein Märchen aus der Zeit »Es war einmal«. Vom hübsch geschmiedeten Arm an der Hausecke grüßt uns der Spruch:
»Erst die Erde, dann die Sterne,
Erst die Heimat, dann die Ferne.«
Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie heimfinden, viele haben die Heimat und halten sie nicht. Heimat ist kein leerer Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. Wer kein Herz hat, wie will der die Heimat finden oder halten?
Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele geben, welche jene Vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, Heimatkindern mit Herzen voll heimwehen Heimatstolzes macht. –
Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch gemacht, durch die Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches Heimathaus zu machen, in welchem man das Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der Hausspruch sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung gehen:
»Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt,
wie schön sie einst gewesen ist.
Gott gebe, daß die Nachwelt spat
an uns dieselbe Freude hat.«
Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein, für das bunte, freudige Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen.
Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit Schlägel und Eisen. Der Bergmann, der Erzsucher und Erzfinder, ist – oder leider vielmehr war – ja die Charaktergestalt des Erzgebirges. Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen Städtewappen, Bergleute sind die Träger erzgebirgischer Kanzeln, Bergleute sind in den alten Bergstädten Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch treuherzig entgegen. Bergleute sind das Spielzeug großer und kleiner erzgebirgischer Kinder. So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an seinem Platze sein.
Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu Hause in warmer Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert die ganze bunte, lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern, die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen auf die Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst auf den Straßen des Gebirges verkehrte, um Salz nach Böhmen oder das gute Freiberger Bier ins Gebirge zu schaffen. Dort ist der Postschlitten in voller Fahrt dargestellt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes.
Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand schmücken die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges Friesband – Ähren mit bunten Feldblumen – bildet. Durch die Fenster strömt das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen Gardinen und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker, farbiger Fries von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines drolligen Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende, satte, tiefe harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller, echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen dringt. Die kräftigen, gut geformten Holzstühle und Tische laden ein zu behaglicher Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern, weil sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen du speisest, die Tassen, aus denen du trinkst, sind bunt bemaltes Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes in Dresden kennen und lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen Gebrauch einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu empfinden. Durch dieses Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller heimatlicher, künstlerischer Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten in den Gebrauch des praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche die hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege, Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr, als es an einem Orte geschieht, in dem die Erziehung zum guten Geschmack sich unmittelbar in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag.
Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper diente. Wie half sich der Künstler? Er bemalte den Glasschirm der Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf den Glasschirm legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in Seiffen dreht, und ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem Holzreifen aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck herunter. Da jagt der Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch alle einheitlich und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames, eigenartiges Stück Seiffens Kunsthandarbeit.
In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen. Der Schrank wirkt freilich in seiner Form des oberen Abschlusses mit den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen hier etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm, ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht »echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen Bauernkind. – Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen, fein abgestimmten, echten Umgebung plötzlich auffallen und das Verlangen nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. In neuem Lichte sieht man alte Formen und klarer sieht man, was not tut; den falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle anderen Saiten und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem stimmungsvollen, echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Der Alltag liegt weit hinter uns und fröhliche Weihnachtsgeister lachen durch den Raum. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener tiefen, freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt, nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde bringen. – Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz oder auch Ergänzung zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der Gaststube mehr auf hohe Kunst erzgebirgischer Art und Landschaft und als »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg, Alfred Kunze, Chemnitz, Prof. Seifert, Seiffen, der Neubeleber und Anreger der Seiffener Kunst und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und frohmachend durch die Kunst.
Man muß dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten auch in den besten Gaststätten oft nur Plakate oder minderwertige Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft für das Geld, das anderweitig für die Augen- und Ohrenmarter der Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe so wäre unserer notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude, welche jedes echte Kunstwerk schafft, würde reicher Segen geschaffen. Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten können und für sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der heimischen Wohnung ähnlich sind. Alle Teile, der Wirt, der Gast, die Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.
Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft. In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder wie Elster, Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht und oben im Laubwerk und Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei Getier des deutschen Waldes, frisch und keck ohne ängstliche Schablone hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich.
Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer, springender Hirsch, dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das Herz fröhlich macht.
So geht es dir im ganzen Hause! Schaust du in die Gastzimmer, so findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der Kammer der Magd steht warnend der Vers:
»Die Wirtin thut aufwecken
die faule, faule Magd,
sie thut sich erst recht strecken
und schlaft dann bis es tagt.«
Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig ein bunter, alter Bauernschrank aus dem Jahre 1704 und eine eigenartige, buntgemalte Wiege steht daneben, welche auf dem Kasten den bedeutsamen Spruch trägt:
Salomo der Weise spricht
Weib erfülle deine Pflicht. – –
In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische Bauernstube eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis ins kleinste liebevoll und mit großem Verständnis ausgestattet. Dieser für die Volkskunde belangreiche Raum ist so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die liebevolle Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch oft so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender Sitten und Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. Er ist zugleich auch ein Zeugnis für den Geist der durch das bunte Haus geht, der alles aus Liebe zur Sache mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und des bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte Wahrheit sich wieder erweist, daß das Echte und Schöne und Gute seinen Lohn sich selbst bereitet.
Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst und Industrie in unaufdringlicher, vornehmer Weise, dadurch, daß es durch die lebendige Anschauung Freude daran zwanglos bei jedem Gaste erweckt und die Lust am Besitze solcher lustigen Dinge.
Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. –
Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer. Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau mit hohem Zeltdach und stolz daraus hervorschießendem Glockenturm charaktervoll in die Landschaft der Höhenlinien und Hänge sich hineinpaßt, wie aus dem Boden gewachsen und doch eigenartiges Leben für sich behauptend. Über dem Haupteingange befindet sich eine Platte mit der Inschrift: »Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen geweihet 1779. Ps. 24. 7 – Pred. 4. 17.« Links unten ist die Höhenmarke 640,462 m eingelassen. Im Innern ist man überrascht über die geschlossene feierliche einheitliche Wirkung des zentralen Raumes, in dem zwei Emporen übereinander äußerste Raumausnutzung bei günstiger Anlage der Plätze zeigen. Im Sinne des großen Meisters der Frauenkirche in Dresden, Georg Bähr, ist hier ein echt evangelischer Predigtraum für viele Hörer in packendem Zusammenschluß geschaffen.
Auf dem Friedhof draußen stehen wir dann am Grabe des Pfarrers Härtel, der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde war, ein treuer Berater für die Seelen seiner Gemeinde, Helfer und Anreger auch in allen Dingen, die zur Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher und kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein Freund der Heimat, festgewurzelt im Boden seiner geliebten Gemeinde.
Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosig bewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht.
Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde nach beinahe dreißigjähriger treuer Arbeit entriß, da dachte man seiner Worte. Er konnte nicht mehr zum Stein im Walde draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu ihm und deckt nun als mächtige, rauhe Platte sein Grab und schützt es wie der Deckstein das Grab eines germanischen Edelings. Eine schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz aus ernsten Fichtenzweigen ist sein Schmuck.
Eine weihevolle, ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!« –
Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist.
Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen. Wie auf einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit des Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur großen Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns dicht am Rande dieses ungeheuren, wildromantischen Kraters entlang führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische, niedrige Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. – Doch jetzt wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst – Kunst der kleinen Leute suchen!
Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die ein Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt, wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck, bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt, Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer, künstlerischer Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B. dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden, welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden also aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung in künstlerischem und wirtschaftlichem Sinne für die Seiffener Industrie. Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen, zukunftssicheren Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte.
Wenn die erstarrten und veralteten, z. T. unnatürlichen und unschönen oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne muß Massenartikel werden.
Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Reihe von reizvollen, bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen, sogenannten Bergspinnen, gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren. Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele oder in traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst, Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch aus dem Herzen gesungen.
Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen vermag. Denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel, nicht die Überalldinge, nicht die Billigkeit begründen den Ruf und Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert, die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Wenn sich mit dieser volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist im Betrieb und Vertrieb verbündet, so wird er auch die wirtschaftlichen Erfolge für die erzgebirgische Heimatkunst herbeizuführen wissen. Trotz vieler köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären, z. B. die Christmetten mit der Kirche in Seiffen in wunderbarer Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die Heimarbeit, andrerseits die Reifendreherei und die bis ins äußerste getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennenzulernen, wo mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren. – Durch bis ins kleinste durchgeführte Arbeitsteilung werden in der Heimarbeit oft mit großer Geschwindigkeit große Mengen des einfachen Spielzeuges hergestellt. Da sitzt die ganze Familie oder mehrere Familien in einer Stube beieinander, und das kleine Werk eilt von Hand zu Hand der Vollendung entgegen. Die Männer an der Drehbank, den Reifen drehend, von welchem wie schimmernde lustige Bänder die feinen Drehspäne fliegen. Wie die Scheiben vom Kuchen, so werden vom Reifen die Profile der Spielgestalten abgespalten, geschnitzt, zusammengesetzt, geleimt, gemalt. Frauen und Kinder sind emsig tätig, singen auch wohl ein Heimatlied von Anton Günther, während der Krinitz im Bauer dazu pfeift.
Aus der Heimarbeit mit ihrer Traulichkeit, die die Familienglieder oder Nachbarschaft zu gemeinsamer Tätigkeit zusammenschließt, entwickelt sich durch die Arbeitsteilung die Fabrikarbeit, wo die Hand die Maschine bedient oder in einförmiger, immer wieder geübter Bewegung zur Maschine wird. An langen Tischen sitzen sie und schaffen und reichen sich die Arbeitsteile zu; nur der Arbeitsvorgang verbindet sie noch äußerlich. Das innere Verhältnis zur Arbeit, das innere Band, welches die Familie daheim um die gemeinsame Schöpfung eines Spielzeuges zusammenschloß, ist verlorengegangen, das was den Heimatfreund so fesselte, ist nicht mehr. Freilich mag diese Industrie mehr Leute und besser nähren, wir wollen sie nicht drum schelten, aber die Seele ist doch verloren gegangen und die Innigkeit des schlichten Empfindens, die Poesie der Schöpferfreude ist in den Fabriksälen nicht zu finden! –
Von sausenden Rädern und Transmissionen aus Sälen, durch deren mächtige Fenster hart, kalt und helle der nüchterne Tag hineinschien, traten wir in ein schlichtes Haus und stiegen auf hölzerner Treppe mit knarrenden Stufen aufwärts zu einem alten Mütterchen von mehr als 70 Jahren, Auguste Müller, welche als letzte wohl noch die urtümliche Herstellung einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller Handarbeit von rohem Holze bis zum letzten Pinselstrich in köstlicher Naivität übt und in ihren Figuren ihre Phantasie mit munterem Blick durch die ganze Gotteswelt spazieren läßt.
Mit gebeugtem Rücken, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum, Himmel, Erde und Weltall zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer oder vielmehr schnitzerischer Unordnung liegen auf dem Tisch Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten und erzählt von ihren Plänen. Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im Walde lebt der »Nusser« (Häher) sagt sie, und diesen packt der Habicht. Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe. Für das Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt. Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule und im Bunten Haus Zeugnis ablegen. Unter manches dieser Stücke klebt sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen. Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der Schnitzarbeit.
Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen naiven Kindlichkeit, die noch in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig lebendig, zufrieden und rüstig erhält, trotz aller Kärglichkeit und Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den Massenexport und als Lebensberuf geeignet ist. –
Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in Sammlungen solcher Dinge gesucht sein.
Bei dieser Wanderung durch die Seiffener Arbeitsstätten haben wir immer stärker und stärker empfunden, daß nur die Pflege der Eigenart uns stark machen kann. Nur in ihr schlummert die urwüchsige Kraft, welche sich durchzusetzen und zu behaupten vermag. Nur durch kraftvolle Eigenart und schlichte, einfache, volkstümliche, kindhafte Gestaltung muß diese Volkskunst wirken, sich abheben, herausheben von dem Gleichgültigen, aus der stumpfen Masse, aus tödlicher Schablone. Wie unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den echten Kindern der Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer Echtheit und Eigenart, zum Charakter sich durchringen und emporsteigen, mehr und mehr echt erzgebirgische Weihnachts- und Kinderkunst werden. Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden dadurch wachsen und eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen.
Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, du deutsche Phantasie mit Kindesaugen und Kinderherzen und schaffe neues Kinderglück, greife ins Land der Träume und trag’ die Erfüllung ins Land der Wirklichkeit, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem Wagen auf neuen Wegen und zu neuer Unternehmung für alte und neue Weihnachtskunst und Kinderkunst.
Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit und Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen Abend. Das Tageslicht ist erloschen, die bunten Farben der Welt sind in schweigende, schwarze Täler, in traumhafte Tiefen versunken. Auf einsamer, stiller Höhe schreiten unsere Füße. Unsere Gedanken wandern über die Täler, über die Höhen, durch Dunkel und durch Hell zur Unendlichkeit. Tief dunkelblau hatte sich der Himmel über die schlummernde Erde gespannt. Millionen silberne Funken blitzten aus den unendlichen Tiefen des Weltalls, mit rätselhaften, tiefsinnigen Fragen unser Herz bedrängend. Als die Menschheit noch ein Kind war, fragte sie danach, und wenn der letzte Enkel seine Stirn zu Sternen erhebt, wird diese Frage an sein Herz und sein Hirn pochen, die Frage nach dem Ich und Du, dem Warum, Woher und Wohin. »Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne?« Je tiefer wir in die dunklen Zweige und Gründe des schimmernden Weltenweihnachtsbaumes dort oben schauten, desto feierlicher, desto ehrfürchtiger wurde uns zumute, desto kleiner wurden wir, Kinder, denen ein unerklärliches Leuchten und Sehnen die Seele hebt, alles Fragen stille macht und den Mund schweigen läßt. Durch die schwarzen Wälder rauscht es wie ferner Orgelton, durch dunkle Gründe ging das Schweigen auf leisen Sohlen, und die weite Welt mit ihren Bergen und Tälern lag stumm unter dem dunklen, sterngestickten Mantel der Nacht, stumm unter den leuchtenden Rätseln der Ewigkeit. Weihnachten ist es. Wir sind Kinder, die heimlich einen Blick auf noch versagte Seligkeit werfen wollen, denen nicht das Wissen, sondern das Ahnen Weisheit ist, deren Herz voller Erwartung ist. Was wird, du Seele, die Antwort auf dein Fragen, die Lösung aller Rätsel sein? Steh’ unter Sternen auf dunkler Höhe und hebe dein Herz empor zu den leuchtenden stillen Wanderern der Unendlichkeit, und dein Herz wird stille werden, weihnachtsfroh und weihnachtsstill. Das Fragen nach dem Ich und Du, dem Warum, dem Woher und Wohin wird in den Sternenströmen der Ewigkeit seine Ruhe, sein Ziel und Erfüllung finden. Das Fragen und Ahnen wird zum Schauen werden, zum Schauen und Lauschen auf das heilige Rauschen der Sternenwogen der Unendlichkeit, unter deren leuchtendem Schaum von Weltkörpern die dunkle Erde wie ein Staubkorn dahinwirbelt, ein Staubkorn und doch ein Gottesgedanke von unergründlicher Tiefe, Weisheit und Schicksalsgewalt, ein Gottesgedanke, von dem ein Sternenfunken in jeder Menschenseele, in jedem Menschenschicksal liegt.
»Denn die Ewigkeit ist nur
Hin und her ein tönendes Weben;
Vorwärts, rückwärts wird die Spur
Deiner Schritte klingend erbeben,
Deiner Schritte durch das All,
Bis, wie eine singende Schlange,
Einst dein Leben den vollen Schall
Findet im Zusammenhange.«
(Gottfried Keller.)