Der Königstein.
Eugen Bracht, der große Meister der Farbe und Stimmung, hat ein kleines Gemälde vom Königstein geschaffen, in welchem mit poetischer Gewalt die Wucht dieses Felsblockes dargestellt ist. Wie ein ungeheurer Altar eines überweltlichen Riesengeschlechtes steigt er aus dunkelblauen Tales- und Waldestiefen in einen wolkenlastenden Gewitterhimmel empor. Gleich dem Rauch unermeßlicher Opfer ballen sich die Wetterwolken und ziehen in dunklen Geschwadern am Himmel über ihm. Will Asathor ausfahren, um Blitze über die Erde zu säen und seinen Donnerhammer gegen den Felsaltar zu schleudern? Ist es ein Riesendenkmal, in welchem sich ungeheures Geschehen, eines ganzen Volkes Schicksal, sein Jubel und sein Jammer, in wuchtiger Form ausprägt?
Es ist heroische Stimmung, welche uns der Maler in seiner Leidenschaft der Farbe und Stimmung hier im Bilde erleben läßt, Stimmung, wie er sie selbst einmal in besonderer Stunde empfunden und mit tiefer Seele aufgenommen hat.
Schildern und Emporheben, das Suchen nach der äußeren und das nach der inneren Wahrheit verschmilzt sich in ihm, wird ihm zum Bild, zum einheitlichen Ausdruck künstlerischen Erlebens.
Ja, der Königstein will belauscht, will erlebt sein. In Gewittertagen und im wonnigen Mai, wenn die Buchen leuchten in seligem Grün, im weißen Prachtgewande des Winters, der silbernes Geschmeide um die Herrscherstirne legt, und im goldenen Königsmantel des Herbstes, dessen schimmernde Schleppe in die Fluten der unaufhaltsam strömenden Elbe taucht, im Abendrot, wenn in feurigen Gluten Himmel und Erde, Nähe und Ferne brennen und langsam verglühen, im Nebelgewoge, das die Täler und Gründe mit weicher, geisterhafter Flut erfüllt, auf dem die Kuppen und Gipfel schwimmen wie blaue, mit blassen Opalen geschmückte Inseln auf märchenhaftem unwirklichem, milchweißem Meere, in dunkler weicher Nacht, wenn droben die unzähligen Sterne ihren schimmernden, ewigen Reigen durch die Unendlichkeit wandern und im Gebüsch die Leuchtkäfer als grüne Funken leise ihren kurzen nächtlichen Lebens-, Liebes- und Sternenreigen ziehen und schweben, während im Walde der Ruf der Eulen geisterhaft tönt, wie die Klage und der Sehnsuchtsruf armer, verlorener Seelen nach Erlösung, nach Erhebung aus bitterer Not und Leid. –
Um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes. Es ist als ob er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu offenbaren weiß. –
Wir wollen diese Seele suchen gehen. Vielleicht wird sie sich finden lassen. – – –
Durch grünen Buchenwald steigen wir an der Flanke des Berges auf dem alten, mit Sandsteinblöcken gepflasterten Kanonenweg zur Festung empor. Weite Ausblicke ins Elbtal und auf die gegenüberliegenden Abhänge des rechten Ufers und drüben auf die dunklen Schroffen des Liliensteines, des stolzen Bruders des Königsteins, wechseln mit dichtem Wald und grünen Wänden von Buchen, Fichten und Gebüsch von Farnkraut, Heidelbeeren und Brombeergerank. Wuchtige Felsblöcke recken sich links am Wege hoch aus dem Dickicht, deren einer in einer Inschrift den Erbauer dieser Straße rühmt. Vom steilen Fahrweg windet sich dann ein steilerer Fußweg links zur Höhe. Da tauchen graue Mauern zwischen den Stämmen des Waldes über uns auf. Es sind die Mauern der »Flesche«, welche als niedrigeres mächtiges Außenwerk wie ein Sporn weit hervorspringt und das Tor, die Zugangsstraße und die Flanke der Festung schützt.
Vor uns leuchtet auf der Höhe des Weges beim Austritt aus dem Walde, wie ein Saal mit weichem, grünem Teppich die ebene Lichtung einer köstlichen Wiese, der Louisenwiese, zur Linken von steiler Mauer umfaßt. Darüber türmen sich wandsteile Felsen und schroffe Quaderwände zu unersteiglicher Höhe mit Vorsprüngen und Zinnen bewehrt und mit keckem Turm auf weitausladender Bastion, die Georgenbastion. Und droben, auf diesem gewaltigen Sockel thront die stolze Georgenburg, vier Geschosse hoch in die Lüfte ragend, welche die ältesten Teile der Burganlage umfaßt. Auf breiterer Straße stehen wir dann unmittelbar am Fuße der senkrechten Felsenmauern, aus denen das Quaderwerk der von Menschenhand geschichteten Sandsteinblöcke aufwächst. Weit springt im Rechteck ein gewaltiger Vorbau auf seinem Felsenunterbau hervor, das Horn, von dem die Seiten und die Zugangsstraßen wie von einem riesenhaften Turm vom Geschützfeuer bestrichen werden können. Ein rundes Türmchen mit Kuppeldach, Laterne und spitzem Helme klemmt sich malerisch in den Winkel des Vorsprunges. Es ist der kleine Seigerturm mit seiner Stundenglocke von Hans Hilliger in Freiberg aus dem Jahre 1603, welche das kursächsische Wappen und Widmungsinschrift trägt. Von dort oben schaute einst im Jahre 1698 der Zar Peter der Große in das wonnige, blühende Land mit seinen Feldern und Dörfern und reichen Kultur und dachte an sein fernes, wildes Rußland. Er nahm den Meißel zur Hand und ritzte seinen Namenszug in die innere Wand des Seigertürmchens zum Gedächtnis dieser Stunde, da er als Gast und Freund deutscher Art und Kultur hier geweilt. Der junge Goethe ritzte in begeisterter Stunde so seinen Namen in den Stein des Straßburger Münsterturmes, ehe er sein Werk begann, eine neue Welt des Geistes zu schaffen und zu beherrschen, seinem Volke und der Welt zu schenken. Des jungen Goethe Namen an der Stätte höchster geistiger und künstlerischer Kraft. Peters Name am Turm der Festung, wo Kraft und Herrschaft sich in wuchtiger Erscheinung zusammenballen, geritzt, ehe er sein Werk begann, seinem Rußland neue Welten der Bildung und Kraft zu erschließen, um so äußere Macht und Herrschaft in wuchtiger Form zusammenzuballen. – –
216 Jahre vergingen. Hindenburg hatte Tannenberg geschlagen. Da zogen die gefangenen Offiziere der russischen kaiserlichen Eliteregimenter hier ein und mußten Wohnung nehmen, unfreiwillig, vier Jahre lang und schauten sehnsüchtig in das wonnige, weite Land und dachten an Freiheit und das ferne Mütterchen Rußland und standen oft sinnend vor dem Namenszuge ihres großen Zaren.
Der große erste Zar, ein Freund der deutschen Kultur, führte sein Land aufwärts zur Höhe, der kleine, schwache, letzte Zar ein Feind der deutschen Art, führte sein Land in den Abgrund. Er wollte zermalmen und wurde zermalmt.
Die Straße am Fuße der Felsenmauer führt uns über eine Zugbrücke, die rote Brücke, durch ein offenes Vortor zum eigentlichen Festungstor. Gut ist die Straße durch Erdwälle geschützt, und einige stolze Pappeln stehen am Rande wie gewaltige Wächter oder eine königliche Leibgarde. Durch ein klirrendes, starkes, eisernes Gittertor treten wir auf einen kleinen Vorhof, von dem unsere Blicke aufwärts fliegen zu den mächtigen Felsen und Wänden, die uns fast im Halbkreis, wie in einem Kessel, umschließen. Felsen, aus denen wieder himmelansteigende Gebäude emporwachsen, die Georgenburg, Streichwehrgebäude und Kommandantenhaus mit funkelnden Fenstern. Vor uns liegt ein anderes Tor in wuchtigen Renaissanceformen, mit einem Gorgonenhaupt als Schlußstein, gekrönt von einer Wappenkartusche mit Königskrone und Waffentrophäen. Der Festungskommandant und Architekt des Königs August II., des Starken, Johann von Bodt (1670–1745) hat den Entwurf dazu gezeichnet, der noch erhalten ist mit dem Handzeichen des Königs und auf dem Architrav die nicht ausgeführte Inschrift trägt:
»Konistein bin ich genant
Ein Konig bracht mich in Stand.«
Wir durchschreiten den gewölbten Torweg und stehen im zweiten, feuchten, finsteren, engen Hofe, unmittelbar am Fuße der ungeheuren Mauern. Bedrückend wirken diese aufgetürmten Massen über diesem engen, verließartigen Kessel, auf dessen Grund kaum ein Sonnenstrahl gelangt. Eine steile Bohlenrampe steigt aus ihm aufwärts zu dem hochliegenden Tore einer schwarz gähnenden Tunnelmündung, in der ein starkes Fallgatter aus eisenbewehrten, spitzigen Pfählen drohend herniederhängt.
Über diesem Tor mit Dreiecksgiebel und Rüstungstrophäen über den Eckpilastern ist das Reliefbild Augusts des Starken angebracht, dessen königliche Baulust auch hier auf dem Königstein sich betätigte.
In dem finsteren Tunnel, der »Appareille«, geht es steil aufwärts. Feuchte, kalte Kellerluft weht uns an, als müßten wir in ein unheimliches Felsverließ hinein. Unsere Schritte hallen wieder von den gewachsenen Felsenwänden, aus denen dieser Aufgang herausgehauen ist, hallen wieder von dem schweren Gewölbe, das schwarz über uns lastet. Als hier die gefangenen Russen 1914 aus lichtem, warmem Tage diesen unheimlichen schwarzen Gang aufwärts geführt wurden, da wurde auch mancher tapfere Mann bleich, denn sie glaubten, sie müßten für immer vom Sonnenlichte scheiden.
An einem Knickpunkt des Aufganges ist eine mächtige Winde angebracht, durch welche die Wagen die schiefe Ebene aufwärts gewunden oder vorsichtig herabgelassen werden. Mag heute auch meistens der elektrische Aufzug an der Außenwand der Festung diesem Zwecke dienen, so ist doch diese altertümliche, gewaltige Wagenwinde noch keineswegs ganz außer Dienst gestellt. Unter der Decke des Aufgangs gewahren wir hier Schießscharten, von welchen der Aufgang mit Feuer bestrichen werden kann, so daß dieser Aufgang geradezu zu einer Blut- und Todesgasse für den Angreifer werden müßte, der hier zu stürmen wagte.
Da leuchtet uns endlich wieder das Tageslicht, und zwischen den Felsmauern ansteigend führt uns der gehauene Gang unter freiem Himmel das letzte Stück aufwärts. Wir sehen grüne Baumkronen hoch über uns im Winde sich bewegen, hören den jubelnden Sang der Vögel und über die Mauer hängt ein Fliederbaum seine duftenden Dolden in die kalte, enge Felsengasse, wie einen Gruß aus Sonnenwärme und Licht. Tief atmen wir auf und unsere Brust hebt sich dem goldenen Tage entgegen. Die Hochfläche des Steines, des königlichen Felsens betritt nun unser Fuß, und es ist uns, als wären wir in einer anderen Welt und Zeit, fern vom Alltage, über dem Tagesgetriebe und näher der Vergangenheit.
Im Herzen der Festung befinden wir uns, auf dem Königsplatz, um den sich die Hauptgebäude gruppieren, Kommandantur und Brunnenhaus, Magdalenenburg, Kirche, neues Zeughaus und Kommandantenhaus. Kunstreich gezierte bronzene Kanonenrohre mit Kurwappen und Medaillons, die Monate darstellend, aus dem Jahre 1686 und andere ähnlich geschmückte aus dem 18. Jahrhundert liegen im Kreise unter den hohen rauschenden Bäumen des Platzes.
Unser Weg führt uns dann rings auf dem Wall an den Zinnen und Brüstungsmauern der Festung entlang, um unsere Wimper erst mal satt trinken zu lassen von dem goldenen Überfluß der Welt, die sich zu unseren Füßen breitet, und Erinnerungen steigen auf an Stunden, die vorüber sind, an Zeiten, Männer und Schicksale ferner Vergangenheit. Die Steine fangen an zu leben, zu flüstern, und ihr heimliches Raunen eint sich mit den großen Linien und Rhythmen der Landschaft ebenso wie mit ihrer wonnigen Lieblichkeit zu unsern Füßen zu einer einzigartigen Symphonie, der auch dunkle Untertöne und Mißtöne nicht fehlen. Es mag im Sachsenlande wohl kaum eine Stätte geben, wo die umfassende Herrlichkeit der Landschaft sich mit Sage und Geschichte zu so eindringlicher Wirkung verbindet. Es mag kaum eine Stätte geben, wo neben rauschenden Festen, königlichem Prunk und übersprudelnder Genußfreude soviel Elend, Verzweiflung, Wut und Schmerzen ihren Weg zum Himmel suchten, wie hier auf dem Königstein, ein Stein des Fluches einst für viele und doch ein königlicher Stein.
Wir stehen an der Friedrichsburg, ursprünglich Christiansburg genannt, welche 1589–1591 Kurfürst Christian I. durch seinen Architekten Paul Puchner aus Nürnberg und Hans Irmisch aus Freiberg auf einem Felsenvorsprung der Nordseite hoch über der Elbe errichten ließ. Christian I. war es ja, der den Felsen eigentlich erst zu einer Festung ausbauen ließ. Er ließ 1589 rings den Felsenrand mit starker Brustwehrmauer versehen und schuf den neuen, sicheren Aufgang, durch den wir auch heute den Felsen betreten haben, unter Benutzung einer natürlichen Kluft, die er überbaute und befestigte, so, daß »die seite des ganzen Berges sampt des Weges und Porten mit 10 oder 12 Soldaten verwarrt werden« konnte. Er legte auch eine ständige Besatzung auf die Festung, und baute für sie eine Kaserne, die heute noch erhalten ist, und in ihrer charakteristischen Anlage wohl eines der ältesten Beispiele derartiger militärischer Bauten ist.
Die Christiansburg auf ihrer sturmfreien, unersteiglichen Höhe an einem der schönsten Punkte des Sachsenlandes galt aber nicht der Befestigung, sondern ist ein Lustschlößchen mit wunderbarer Aussicht elbaufwärts und elbabwärts und auf die malerischen Felsen der sächsischen Schweiz im Basteigebiet und drüben auf den stolzen Lilienstein. Tief unten im Grunde zieht der Strom majestätisch in großer Windung dahin und trägt die Kähne und die Flöße aus dem Böhmerland vorbei und aus dem Walde zu den Füßen steigt der Duft der Buchen empor, klingt das Lied der Singvögel und das Kichern des Spechtes. Ein uneinnehmbarer Festungsklotz, ein unzerbrechlicher Felsenriegel für das Elbtal und doch ein Ort für jauchzende Lebenslust und jubelnder Daseinsfreude in seiner landschaftlichen Schönheit. Da ist es kein Wunder, daß Sachsens Fürsten immer wieder hierher geeilt sind zur Freude und auch in der Stunde der Gefahr, und daß sie auch ihre Gäste hierherführten. 1652 weilte hier der große Kurfürst, 1698 Peter der Große, 1728 Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig mit seinem Sohn, dem großen Friedrich, der später hier wieder ein freilich unwillkommener Gast war, 1813 Napoleon I., der Franzosenkaiser kurz vor seinem Sturz. Hier in der Friedrichsburg, hoch über der Landschaft königlich thronend, fanden die frohen Feste und Gastereien statt. Es ist ein äußerlich schlichter, achteckiger Pavillonbau von 11,4 m Durchmesser von zwei Geschossen mit gebrochenem Mansardendach. Ursprünglich führte nur ein rundes Treppentürmchen zum oberen Spiegelsaal mit seinen Deckengemälden und den zehn großen Aussichtsfenstern, durch welche sich nach jeder Richtung ein neues, reizvolles Landschaftsbild bietet.
August der Starke ließ jedoch an Stelle des Türmchens 1721 eine zweiarmige Freitreppe mit reicher Balusterbrüstung und Vasenschmuck anlegen. Seine Absicht, auch noch durch Flügelbauten und Bogengänge dieses architektonische Schmuckstück noch weiter auszubilden, die in noch erhaltenen Zeichnungen festgelegt ist, ist nicht zur Durchführung gekommen.
Im unteren Saale der Friedrichsburg feierte am 12. August 1675 der Kurfürst Johann Georg II. ein Hoffest. Sein Page Karl Heinrich von Grunau hatte dabei dem guten Meißner Wein, der im großen Fasse der Magdalenenburg ja unerschöpflich schien, zu ergiebig zugesprochen im Hochgefühl der Stunde auf dem königlichen Stein. Die Umtrunkhumpen jener trunkfesten Zeit hatten auch noch etwas anderes Format als unsere Gläschen heutzutage. Bunte Gläser von 2–3 Liter Inhalt sind heute noch in der Friedrichsburg zu sehen. Im Rausche stieg Grunau aus dem Fenster auf einen schmalen, etwa 60 cm breiten Felsenvorsprung herunter und legte sich mit der Sicherheit eines Nachtwandlers am Rande des Abgrunds nieder auf dem harten Stein und schlief, in der Meinung daheim im Bette zu sein, fest und sorglos ein. Nur der geringsten Wendung bedurfte es, und er stürzte in die Tiefe hinunter. Glücklicherweise wurde er zeitig entdeckt. Als man dem Kurfürsten das halsbrechende Ruheplätzchen zeigte, ließ er den Schlummernden erst anbinden und dann mit Trompeten und Pauken wecken. Grunau mag in seinem Leben dieses gefährliche Lager, das man heute noch »das Pagenbett« nennt und zeigt, nicht vergessen haben, obschon er 106 Jahre alt wurde und erst beinahe 70 Jahre später, am 9. Dezember 1744 starb. Er war kein unreifer Jüngling mehr, obschon er Page war, als er dieses steinerne Bett am Abgrund sich suchte, sondern ein Mann von 37 Jahren. Als Greis von 102 Jahren machte er noch in Bischofswerda 1740 August dem Starken auf seiner Reise nach Polen seine Aufwartung.
Im Jahre 1756 stand hier ein anderer sächsischer Fürst, August III., mit seinen beiden Söhnen, den Prinzen Xaver und Karl, und mit seinem mächtigen, unheilvollen Minister Brühl an der Friedrichsburg und schaute schweren Herzens in ohnmächtigem Zorn hinüber nach dem Lilienstein, nach der Ebenheit, aus welcher sich der Felskoloß dort drüben erhebt, und sah den Untergang seines Heeres. Das sächsische Heer, 18 000 Mann stark, hatte nicht vom Lager in Pirna her rechtzeitig die Verbindung mit den Österreichern unter Brown aufgenommen, der bei Schandau stand und mit 9000 Mann auf die Sachsen vom 11.–14. Oktober wartete. Diese waren, nachdem sie das letzte Brot gegessen hatten, erst in der Nacht auf den 13. Oktober auf einer Schiffbrücke über die Elbe gegangen und standen nun dort am Fuße des Liliensteins bei strömendem Regen in einem ungangbaren Gelände, und konnten nicht vorwärts und rückwärts. Von allen Seiten rückten die Preußen heran, wie in einem Kesseltreiben. Ein Durchbrechen ihrer Reihen war nicht möglich. Am 14. Oktober erteilte August, der von dort oben mit eigenen Augen voller Grimm zusehen mußte, wie Friedrich die Schlinge zusammenzog, seinem Halbbruder Rutowski die Vollmacht zum Abschluß der Kapitulation mit Friedrich. Die ganze sächsische Armee wurde kriegsgefangen, die Mannschaften durch einen erzwungenen Fahneneid dem preußischen Heere einverleibt, den Offizieren die Wahl zwischen Gefangenschaft oder Übertritt in den preußischen Dienst gelassen. Doch die Ehre wurde gewahrt: 568 Offiziere gingen lieber in Kriegsgefangenschaft, nur 53 Offiziere in preußischen Dienst. Die Mannschaften entflohen später zum großen Teil und flüchteten sich nach Polen und Österreich. Der König selbst verließ am 20. Oktober 1756 früh 5 Uhr mit seinem Gefolge den Königstein in 33 Wagen, um nach Polen zu eilen und traf am 27. Oktober in Warschau ein.
Der siegreiche Feind im Land, der König und sein allmächtiger Minister auf eiliger Flucht, das Volk und Land in seinem Elend und Not verlassend, um sich in bequeme Sicherheit zu bringen. – – Wie stimmte das zu seinen stolzen Worten in der Schicksalsstunde seiner Armee, als er vor ihrer Kapitulation vom sicheren Königstein ihr zurief: »Der König zieht es vor zu sterben, mit seinen Offizieren zu sterben, als solch eine Schmach zu überleben!« Worte, denen keine Taten folgten! Er war kein Held. Die von Brühl geflissentlich genährte Bequemlichkeit war sogar stärker als das einfache Pflichtgefühl. Das erste Jahr des siebenjährigen Krieges hatte hier unter den Felsen des unüberwindlichen Königsteins unter den Augen eines energielosen, mißleiteten Königs eine für Sachsen verhängnisvolle Wendung genommen. – Heute noch werden hie und da Kanonenkugeln aus jenen schicksalsschweren Tagen auf der Ebenheit aus dem Ackerboden gepflügt.
Auch Napoleon suchte vergebens 1813 auf der Ebenheit sich einen Stützpunkt am Fuße des Liliensteines zu schaffen durch Errichtung eines befestigten Lagers, als Mittelpunkt einer starken Verteidigungslinie gegen die Österreicher von Stolpen über den Lilienstein bis an die böhmische Grenze bei Peterswalde. Reste der Schanzen sind noch vorhanden. Doch Napoleons Stern war erblichen. Auf Leipzigs Fluren sank er in den Staub. – – –
Als 1914 nach dem großen Kesseltreiben Hindenburgs bei Tannenberg die russischen Offiziere auf dem Königstein unfreiwilliges Quartier fanden, wurde ihnen der obere Saal der Friedrichsburg zunächst für ihre Gottesdienste zur Verfügung gestellt. –
Wunderbarer Wandel der Geschicke! Der Raum ausgelassenster Weltfreude eines August des Starken und seiner Nachfolger wird Stätte des mystischen, fremdartigen, russischen Gottesdienstes. Der Pope mit schwarzem Bart und langen schwarzen Locken aus dem Innern Rußlands steht im bunten, reichgestickten, langwallenden Ornat vor dem Altar mit der großen Bilderwand, die einer der gefangenen Offiziere gemalt hat. Daneben der Männerchor, aus allerlei Stämmen Rußlands, der die Orgel ersetzt, mit seinen tiefen, weichen, dunklen Stimmen und den eigenartig schwermütigen, einförmigen Gesängen, welche die Molltonarten und Tonfolgen in halben Tönen so bevorzugen. Von oben schauen verwundert die Köpfe der Zwölf- und Sechzehnender mit ihren gewaltigen Geweihen hernieder auf dieses seltsame Tun und Treiben, das zu dem deutschen Königsfelsen hoch über deutschem Wald und Strom, zu diesem Raum, in dem noch das Lachen derber Weidmannslust, das Jauchzen lebensfroher Trinkgesellen aus zwei Jahrhunderten zu hängen scheint, so gar nicht recht passen und stimmen will. –
Einer der gefangenen Generäle, General von Dehn, aus deutschem Blut und baltischem Geschlecht, sah oft gedankenvoll von hier nach dem Basteifelsen hinüber. Ein Jahr zuvor hatte er die Bastei mit seiner Gattin auf einer Deutschlandreise besucht. Hatte dort drüben gestanden, zum Königstein mit ihr hinübergeschaut und ihr diesen berühmten Felsen gewiesen. Damals hatte er nicht gedacht, daß er sobald diesen Felsen wiederschauen und unfreiwillig so eingehend kennenlernen würde, daß er, der Mann aus der Umgebung des Zaren, sobald wieder eine Reise aus dem fernen Rußland, jedoch ohne Gattin, aber mit Kameraden, in die Sächsische Schweiz machen würde!
Er schüttelt tiefsinnig sein bartloses Haupt und wandert mit gesenktem Blick über den Wall mit raschem, kurzem Schritt. Gefangensein, tatenlos, ist schweres Soldatenlos! Wunderbarer Wandel der Geschicke! –
Diesen Wandel der Geschicke, und daß das Glück eine feile Dirne ist, haben manche erfahren müssen, die hier auf dem Königstein geweilt haben. Fürstengunst war manchmal ein Strick, der aus dem Dunkel, aus der Tiefe aufwärts zog – – aber manchmal viel höher, als es einem gesunden, ehrlichen Hals lieb sein konnte: Gleich neben der Friedrichsburg stand ein Baum, der einen Ast weit über die Brüstungsmauer gerade hinausreckte über den tiefen Abgrund. Am 7. Juli 1610 trug er eine absonderliche Frucht. Es war der bisherige Kommandant der Festung selbst, von Beon, der nach Kriegsrecht über die Festung hinausgehangen wurde, weil er angeblich Holz, Bretter, Schanzzeug usw. veruntreut hatte. Seinem Halse mag die Schlinge der Fürstengunst bald zu eng geworden sein. Ein Kreuz in der alten Brüstungsmauer zeigt die Stelle, wo er auf Wunsch seines Fürsten so aussichtsreich sein Leben aus Luftmangel schloß angesichts der großen, stillen, weiten Elblandschaft. –
Noch ein andrer mag in mitternächtlicher Stunde zur Johannisnacht, wenn geheimnisvolle Kräfte sich regen und, was stumm und tot ist, Sprache und Leben gewinnt, über den Wandel der Geschicke sich wundern. Es ist der riesige Bacchus mit seinem Satyrgefolge, der in das Erdgeschoß der Friedrichsburg wie in ein enges Gefängnis verbannt ist. Wie gern würde er wohl in geisterhaft schöner Vollmondnacht hinüberwandern nach der Magdalenenburg, in die ungeheuren Felsengewölbe hinabsteigen und sehen, ob nicht vom großen Faß ein Zug zu schlürfen wäre, von dem Fasse, dessen Schutzgott, Schmuck und am engsten verbundener Freund er einst war, einen langen Zug und Schlurf zu tun, der für 100 Jahre der Trockenheit und des Staubes vorhält. Der Kelch in seiner hocherhobenen Hand ist trocken und leer und die Gewinde von Weintrauben geben keinen perlenden Saft. Wenn er aufspringen würde, so würde er die Decke durchstoßen, und das Haus auf seinen Schultern davon tragen. Ja, die Zeiten sind nüchtern und trocken geworden, der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht, das große Faß ist zerschlagen, all der bunte Zauber ist verstoben und zu Asche geworden.
Was mögen das für feuchtfröhliche Kellerfeste gewesen sein dort drüben in der Magdalenenburg. Im Grundstein war 1620 ein mit edlem Wein gefülltes Glas versenkt worden und nun lebte der fröhliche Geist des Weines in den mächtigen Gewölben. 1624 wurde ein Faß mit 2222 Eimer Inhalt aufgestellt und diente 50 Jahre etwa seinem Zweck. Dann folgte 1680 ein Faß mit 3319 Eimer Inhalt. 16 Wochen dauerte seine Füllung mit Meißner Wein! Doch August dem Starken genügte das nicht. Von seinem berühmten Architekten Pöppelmann ließ er Zeichnungen machen und dann ein Faß bauen, das seinesgleichen nicht hatte. Die Schauseite war reich geschmückt mit Holzschnitzerei. Oben das reiche sächsisch-polnische Wappen mit der Königskrone darüber, Weingehänge und rechts und links zwei am Rande emporkletternde Satyrn und auf dem unteren Rande sitzend unser prächtig modellierter Bacchus. Auf acht gewaltigen Lagerböcken ruhte der Riesenleib des Fasses. In halber Höhe umschloß ihn wie ein ungeheurer Gurt die die Böcke zu einem festen Lager verbindende Riesenzarge, auf der zum Schmucke die Reihen der mächtigen Humpen und allerlei Schaustücke standen. Da stand ein großer, hölzerner Becher, den Kurfürst August gedreht, dort ein silbernes Fäßchen mit 14 immer kleineren, eingesetzten silbernen Bechern, dort ein silberner Ziehbrunnen mit Säulen und Dach von Silber, dort eine silberne und vergoldete, 18 Zoll lange und an der Mündung 2¾ Zoll weite, auf einer Ebenholzlafette ruhende Kanone, dort ein silberner, vergoldeter, 6 Zoll hoher und an der Mündung 3 Zoll weiter Mörser (beide als Becher zu gebrauchen), dort ein venetianisches Glas, das 6 Maß hält und einen Deckel von 3 Maß Weite hat, dort noch andere Trinkgefäße von besonderen Maßen und Formen und für urweltlichen Durst. 30 eiserne Reifen umspannten den Riesenleib des Fasses, von denen jeder 7 Zentner wog. 10 m Länge und 7 m Durchmesser hatte das Ungeheuer und 3709 Eimer schluckte sein unersättlicher Bauch, das sind 2500 hl, 376 hl mehr als das große Heidelberger Faß. Sein Rücken trug einen geräumigen Boden von zierlicher, vasengeschmückter Brüstung umgeben, auf dem große Tafel und Tanz stattfinden und dem Gotte des Weines in bacchantischer Lust geopfert werden konnte.
Wie das Weinfaß und die Trinkgefäße von besonderen Maßen waren, so war auch der Durst und die Trinkfähigkeit in jenen früheren Jahrhunderten von manchmal erstaunlichem Ausmaß. Der Meistertrunk von Rothenburg o. d. T., den der Alt-Bürgermeister Georg Nusch am 30. Oktober 1631 tat, um seine alte, gute Stadt vor der Verwüstung durch Tillys Scharen zu retten, ist bekannt. Noch heute erscheint ja seine Gestalt, wenn mittags die Uhr zwölf schlägt, oben am Fenster der ehemaligen Reichstrinkstube am Markt in Rothenburg mit dem Schweden, setzt den gewaltigen Humpen an und leert ihn (über 3 Liter Inhalt) im langen Zuge zum Erstaunen seines Feindes. Ein andrer solcher Kämpe mit dem Humpen war Veit von Bassenheim, der ein silbernes Becken, das 8 Weinflaschen faßte, dreimal hintereinander leerte und sich so von dem Ordensmeister Winrich von Kniprode die Schloßhauptmannschaft der Marienburg erkneipte. Ein großer Held im Wettrinken war auch der kurbrandenburgische Oberkämmerer Kurt von Burgsdorf, der bei jeder Mahlzeit 18 Maß Wein vertilgte, und sich im Trinkkampf manches Schloß und Dorf gewann, anders als der Herr von Rodenstein, der alle seine Dörfer zu Heidelberg im Hirschen vertrank. Von den Mengen, die in jenen trunkfesten Zeiten täglich getrunken wurden, gibt eine Hoftrinkordnung Kunde, die 1648 an dem für besonders mäßig geltenden Hofe des Herzogs Ernst des Frommen zu Sachsen-Gotha erlassen wurde. Danach wurden »die gräflichen und adligen Frauenzimmer« auf vier Maß Bier am Tage und drei Maß des Abends gesetzt.
Hier, im Keller der Magdalenenburg, wo wohl seltener »gräfliche und adlige Frauenzimmer« als vielmehr Kriegsmänner, alte »Kriegsgurgeln« mit ausgepichten Kehlen die Runde bildeten, mag manches scharfe Trinkturnier ausgefochten sein, da ja der edle Stoff unerschöpflich war. »Ich hab ein Igel im Bauch, der muß geschwummen haben«, hat mancher da gedacht.
Wild mag es auch manchmal hergegangen sein, wenn der starke König dort seiner Kraftnatur die Zügel schießen ließ, und sein Kommandant, der Generalleutnant Freiherr von Kyau, mit seinen lustigen Einfällen und derben Späßen die Runde der übermütigen Zecher erheiterte, daß das Gewölbe vom Lachen der rauhen Kehlen erdröhnte. – –
»Iz rinnit nich ein tropho mêr,
Der wîn ist vortgehupfit …
Ou wê mîn grôzaz vaz stât lêr,
Sie hâ’nt mirz ûz gesupfit!«
Das Faß wurde 1819 zerschlagen. Das Lachen in der Magdalenenburg ist längst verstummt, schwarz und finster liegen die mächtigen Kellergewölbe wie ein Grab vergangener Größe. Nur der Bacchus sitzt mit den Satyrn trocken und verstaubt im engen Raum der Friedrichsburg. Wenn er reden könnte, was würde er erzählen, wovon kein Buch mehr weiß! Geh hin in der Johannisnacht, wenn der Vollmond scheint. Fülle ihm seinen Becher mit edlem Wein und trinke ihm dann zu, erzähle ihm vom deutschen Rhein und deutschem Wein, von deutschem Glück und deutschem Leid, von deutscher Not und deutscher Rache, vielleicht erwacht er vom Duft der Reben und redet dann, was er erfuhr in tollen Nächten, was er erlauscht in mehr als 100 Jahren, was keiner mehr sonst weiß, vielleicht von deutscher Seele und deutscher Tat, vielleicht ein Wort, das stark macht und Begeisterung schafft, wie edler Wein – – vielleicht!? –
Ja, sonderbare Geister gehen auf dem Königstein um! Da sitzt der Goldkoch Baron von Klettenberg über seine Tinkturen gebeugt. Er wollte dem König, der soviel Gold brauchte und für seine kostspieligen Neigungen durch seine Hände rollen ließ, eine Universaltinktur zum Goldmachen liefern, die überdies durch gewisse Handgriffe einer unendlichen Vervielfältigung fähig sei. Das gefiel August dem Starken, aber als seine Vorschüsse verbraucht waren, ohne das ersehnte Gold zu schaffen, setzte ihn August aus dem fröhlichen, üppigen Dresden auf den ernsten, knappen Königstein, um hier die Goldtinktur zu finden. Mehrere Fluchtversuche des Abenteurers mißlangen. Mit einem Federmesser, das er heimlich in den Schuhen trug, arbeitete er sich in der siebenten Woche seiner Gefangenschaft in der Walpurgisnacht 1719 durch den Fußboden seines Zimmers in der Georgenburg hindurch und ließ sich dann in tollkühnem Wagemut an einem aus seinem zerschnittenen Mantel gefertigten Seil glücklich über den turmhohen Felsen hinab. Glücklich erreichte er die Nähe des Pfaffensteins, da verriet ihn seine Eitelkeit. Im Busche von Gorisch begegneten ihm die Bauern Blumentritt und Roschig, denen er verdächtig vorkam, so daß sie ihn ergriffen und ein scharfes Verhör mit ihm anstellten. Er sei der Hauslehrer eines Pfarrers der Gegend, behauptete er keck. Fast hätten sie ihn wieder laufen lassen, doch halt, da sahen die schlauen Bauern seine schönen rotseidenen Strümpfe mit silbernen Zwickeln, wie kein solch armer Schlucker von Hauslehrer besitzen konnte. Blumentritt und Roschig nahmen ihn in die Mitte, und er mußte den unfreiwilligen, bitteren Weg zur Festung zurück antreten.
Er wurde nun in ein festeres Zimmer im Erdgeschoß der Georgenburg gebracht, brach aber am 10. Januar 1720 auch aus diesem aus und wäre fast entkommen, als er plötzlich abrutschte und 20 m herab in einen mit Schnee gefüllten Graben immerhin noch glücklich stürzte. Er wurde von der durch das Geräusch aufmerksam gewordenen Wache entdeckt und zurückgebracht. Er hatte ja allerlei auf dem Kerbholz und wurde auch wegen eines Duells vom Magistrat seiner Vaterstadt Frankfurt a. M. verfolgt. Seine Auslieferung oder Hinrichtung wurde von dort beantragt. Es wurde ihm nach so hartnäckig wiederholten Fluchtversuchen der Prozeß gemacht und das Todesurteil gesprochen. Als Kyau ihm diese Nachricht brachte, hielt er es für einen Scherz. Aber Kyaus, des sonst so übermütigen, humorvollen Spötters Ernst war nur zu echt. Klettenberg, der so oft sich aus den heikelsten Lagen seines Abenteurerlebens herausgewunden hatte, gab die Hoffnung nicht auf und fragte noch auf dem Wege zum Richtplatz am 1. März 1721 den Henker mit bedenklicher Miene, ob er denn nun wirklich den letzten Gang tun müsse. Seine Eitelkeit, oder war es Stolz und Todesverachtung, verließ ihn auch nicht in der letzten Stunde: Er ließ sich in einem reich mit Silber gestickten Scharlachrocke enthaupten und bat sich als letzte Gnade aus, ihm, da er nicht mehr könne, im Sarge die große Allongeperrücke wieder aufzusetzen, die er beim Köpfen natürlich ablegen mußte. Seelengröße und Lächerlichkeit stehen hier nahe beieinander.
Sinnend stehen wir vor dem kleinen Steinkreuz, das auf seinem Richtplatz errichtet wurde und jetzt auf einem der Wälle in der Nähe der Königsnase noch erhalten ist, und denken dieses kühnen, abenteuerlichen und merkwürdigen Mannes, der so recht ein Kind seiner Zeit war, emporgetragen aus dem Dunkel in ein glänzendes Leben, bald oben, bald unten in der Sonne der Fürstengunst, im Kerker, schließlich Schaffot und dann im Sarg im silbergestickten Scharlachrock und mit Allongeperrücke, im Tode noch den Grandseigneur spielend, obschon der Kopf vom Rumpf getrennt war.
Dem anderen Goldmacher des Königsteins ging es besser, Johann Friedrich Böttcher, der Porzellanerfinder, der durch seine Erfindung mehr als Gold dem Sachsenlande erschloß, nämlich eine Quelle der Arbeit, der Kunst und durch die Jahrhunderte strömenden Segens. Auch auf dem Wege über die geheimen Künste kam er im Jahre 1704 ganz zufällig auf die Erfindung eines braunroten Porzellans, welches alle bisherigen Leistungen dieser Art an Dauer und Schönheit weit übertraf. Man erkannte die Wichtigkeit seiner Erfindung, überhäufte ihn mit Ehren und Schätzen, aber war auch ängstlich besorgt, daß er eines Tages so plötzlich, wie er aufgetaucht war, auch verschwinden könnte. Er mußte sein Laboratorium von Dresden auf die Albrechtsburg in Meißen verlegen, wo er zwar Tafel und Equipage, aber zugleich einen Leutnant zum beständigen Gesellschafter erhielt.
Aber diese Herrlichkeit war von nur kurzer Dauer. Als 1706 die Schweden unter Karl XII. in Sachsen einfielen, wurde er wie ein kostbares Wertstück mit drei seiner eingeweihtesten Gehilfen auf den Königstein geschafft, weil man ihn in Meißen nicht sicher glaubte, auch wohl ihm nicht traute, und ihn und seine Kunst den Schweden nicht gönnte. Es war dies der wirksame Patentschutz jener Zeit, daß man den Erfinder einfach einsperrte. Böttcher kam, für einen unbekannten Arrestanten geltend, mit seinen drei Arbeitern am 26. August 1706 auf der Georgenburg an, wurde zwar aufs beste behandelt, zugleich aber auch auf das schärfste bewacht. Sein Zimmer war sogar mit einem starken Vorlegschlosse versehen. Es lag im Obergeschoß der Georgenburg, deren Zimmer sich nach offenen, loggiaartigen Bogengängen zum Hofe hinaus öffneten. Hier blies der scharfe Wind quer durch das Zimmer, durch Fenster zur Tür, und der Schnee lag im Bogengang vor seiner Schwelle. Er klagte über sein rauhes Quartier und wärmte sich auch wohl an seinem kleinen Brennofen in den Gewölben des Erdgeschosses, wo die ältesten Teile der Burg des alten Kaiserschlosses mit gotischen Türgewänden und Bögen heute noch erhalten sind. Er war noch jung, erst 20 Jahr, und ließ sich die Heiterkeit nicht lange stören, vertrieb sich die Zeit, so gut es ging, schrieb Gedichte, unter andern ein Lehrgedicht auf die Eitelkeit der Dinge und schmiedete heimlich Fluchtpläne, die aber nicht zur Ausführung kamen. Nach 1 Jahr und 9 Wochen wurde er wieder nach Dresden geschafft, wo er dann seine Erfindung weiter vervollkommnete. Über sein Laboratorium schrieb er dort den Vers:
»Gott unser Schöpfer
hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.«
Als »Töpfer« war er jedenfalls besser als wie als Dichter!
Auch in Dresden hatte er zwar alle Bequemlichkeiten und Ehren, nur keine Freiheit. Überall, wohin er sich begab, begleitete ihn ein wachthabender Offizier. Der König schätzte ihn ungemein, wohnte öfters seinen Versuchen bei, machte ihm mehrere Geschenke, schoß mit ihm nach der Scheibe, nahm ihn mit auf die Jagd und erwies ihm andere Ehren.
Böttcher verstand sich aber aufs Geldeinteilen schlecht. Er war umlagert von Leuten, die seine offene Hand mißbrauchten und an ihm zogen. Seine Familie kostete beträchtliche Summen und von schlechten Menschen wurde er hintergangen und betrogen. Er selbst liebte unmäßig starke Getränke, hielt in Meißen, wohin 1710 die Fabrik wieder auf die Albrechtsburg verlegt war, beständig offene Tafel für viele Personen, schaffte sich 20 und mehr Hunde an, kaufte die seltensten und teuersten Gewächse usw. Nachdem er durch unmäßigen Gebrauch von Branntwein und Tabak usw. seinen Körper geschädigt, seine Lebenskraft vergeudet hatte, starb er nach kurzer Krankheit in Dresden am 13. März 1719 erst 33 Jahre alt und hinterließ dem Lande sein großes Werk mit seiner reichen Zukunft, für seine Person aber nur Schulden. – –
Noch mehr Geister abenteuerlicher Gestalten wandeln in heimlichen oder unheimlichen Stunden auf dem Wallgang des Königsteins umher. Da ist der Livländer Patkul, welcher in den Kämpfen und Verhandlungen zwischen Schweden, Rußland und Sachsen eine hervorragende Rolle spielte, und, sei es durch Schuld sei es durch Schicksal, schließlich von den Herren aller drei Länder, von Karl XII., Peter dem Großen und August dem Starken als Verräter angesehen wurde und eines furchtbaren Todes starb. Er wurde von Karl XII. gefangen nach Polen geschleppt und endlich am 30. September 1707 auf eine scheußliche Art gerädert, denn der Henker gab ihm 15 Stöße mit dem Rade, ohne ihn zu töten, so daß Patkul endlich mit zerschmettertem Körper nach dem Block sich wand, und um »Kopf ab« mit gebrochener Stimme bat. Mit vier Hieben wurde dann dieser Wunsch erfüllt. – In der Zeit der Sonnenkönige, überfeinerter Genußsucht und Kultur ein Bild grausamster Folter aus dem finstersten Mittelalter! 1706–1707 hatte Patkul auf dem Königstein gesessen. –
Da ist auch der Schatten des Kanzlers Christians I., Doct. Nicol. Crell, der, beinahe allmächtig unter diesem seinem Gönner, sich viele Feinde unter Adel und Geistlichkeit gemacht hatte und nach des Kurfürsten frühem Tode am 25. September 1591 gestürzt wurde. Zehn Jahre dauerte sein Prozeß, und war er auf dem Königstein gefangen. Er bewohnte den heute noch nach ihm benannten Crellturm, der an die Georgenburg anschließt. Das Todesurteil wurde an ihm in Dresden auf dem Jüdenhofe vollzogen. Crell mußte zum Schaffot von zwei Henkersknechten getragen werden, weil er seiner geschwollenen Beine wegen nicht zu gehen vermochte. Die Witwe des Kurfürsten, dessen vertrauter Diener und Staatsmann er so lange gewesen war, sicher eine feingebildete Dame, schaute aus einem Fenster des Stallgebäudes diesem furchtbaren und traurigen Schauspiele zu. Er hatte vielleicht oft an ihrem Tische gespeist, ihr den Hof gemacht und in geistsprühender Unterhaltung die Zeit verkürzt. Das Haupt, das dort blutig vom Blocke fiel, hatte vielleicht ihre Hand geküßt, für sie und ihren Gatten gedacht, gesorgt und gearbeitet. – Und nun? –
Welche Seelenvorgänge mögen sich im Gemüte dieser Frau gekreuzt haben? Lüsternes Grausen? Innere Anteilnahme und Erbarmen? Blutdürstige Schaulust und Herzenskälte? Etwa befriedigte Rachsucht, wohl aufgespart aus früheren Zeiten? O Rätsel des Menschenherzens, wer mag deine verborgenen, geheimnisvollen Tiefen und Klippen ausdeuten und ermessen? Wer mag sein eignes Herz verstehen und wissen, welche Abgründe dort vielleicht schlummern, die nicht geahnt werden, bis man vielleicht in einer dunklen Stunde erschauernd sie erkennt. – –
Ja, so wandern dunkle Schatten mit schleppenden Schritten in langen Reihen über den Königstein von Männern in Ketten, die in namenloser Qual ihre Strafen, ihre Leiden oft jahrzehntelang trugen. Der Geheimsekretär Friedr. Wilh. Menzel z. B., der durch den Verrat geheimer Depeschen an Friedrich d. Großen die Mitschuld am Ausbruch des Siebenjährigen Krieges trug, lebte mit einer eisernen Stange an den Füßen als Gefangener 33 Jahre hier. Er durfte sich nicht barbieren und sein Bart wuchs ihm bis über die Brust herab. 1796 erlöste ihn der Tod im 70. Jahre.
Königstein, ein Altar, von dem nicht so sehr Gebete als Flüche und Schreie der Verzweiflung, Rache und Hoffnungslosigkeit, der Angst und Wut zu den dunklen ziehenden Wolken und in das Sausen des Windes tönten. So mancher, der unbequem wurde, verschwand auf dem Königstein und schanzte mit Schaufel und Hacke an Mauern und Wällen in Frohnarbeit neben dem Verbrecher, den sein Urteil ereilt hatte, eine bloße Nummer nur wie er. – Friedemann Bach, dem genialen Sohne Johann Sebastians, zerbrach hier in kurzen Stunden der Verzweiflung Leben und Zukunft.
Königstein, ein Stein des Fluches für Unzählige, ein Fels der Zuflucht aber auch in Stunden der Not.
Seine bombensicheren Kasematten nahmen öfter die gefährdeten Schätze Dresdens aus den Archiven, Sammlungen und dem Grünen Gewölbe auf. Ein Fels der Zuflucht auch für die Landesfürsten, wenn Gefahr drohte.
Als am 3. Mai 1849 das Schloß in Dresden von Freischaren und Bürgerwehr angegriffen wurde, floh der König Friedrich August II. mit Familie und den Ministern nachts auf den Königstein und wartete dort ab, daß die zur Hilfe gerufenen preußischen Truppen ihm seine Hauptstadt wiedereroberten. Der Führer des Aufstandes, der russische Flüchtling Bakunin wurde gefangen und fand sein Schicksal auf dem Königstein. –
Doch hinweg ihr Gestalten mit euren schmerzgezeichneten Gesichtern, denen auch der hellste Tag dunkel ist, deren Blicke so trostlos in die Weite wandern auf den hellen Straßen der Freiheit, die sie nimmer betreten werden, nach den Bergzügen in blauer Ferne, die sich nimmer vor ihnen auftun wird. Hinweg, ihr schwarzen Schatten alter Tage, ihr Schatten von Schicksal und Schuld, von Willkür und Weh, von Trübsal und Tod, ihr sollt uns den leuchtenden Tag nicht trüben und die helle Sonne nicht dunkel machen, das wonnige Lachen des Landes zu unseren Füßen nicht verscheuchen.
Wir stehen auf der Rosenkasematte und schauen hinüber auf die lachenden Fluren von Thürmsdorf und die blanken Häuser, die zierlich und fein über die grünen Hänge gestreut sind. Wie ein goldener leuchtender Schild, der Schild des Frühlingsgottes Baldur, liegt ein blühendes Rapsfeld darüber. Es ist, als strömte von ihm alles Licht und alle Wärme aus, und immer wieder tauchen unsere Blicke in dieses reine königliche Gelb, dem alle Farben des Sommers und der Landschaft dienen. Wir schauen hernieder auf die wogenden, rauschenden Wipfel des Waldes unter uns, auf den breiten silbernen Strom, auf dem ein Floß im langen Zuge stromabwärts gleitet. Wie Ameisen klein bewegen sich die wenigen Menschlein darauf hin und her. Das Bellen eines Hündchens klingt herauf. Wie klein ist doch aus der Höhe betrachtet der Menschen Tun und Treiben, und wie wichtig nimmt doch jeder sich selbst dabei! Sie glauben etwas zu schaffen, und doch trägt der Strom das Floß dahin, welches sie sich fügten. Ein wenig Lenken, ein wenig Steuern ist alles, was sie vermögen, von oben betrachtet ein Nichts!
Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben betrachtet und sieht, wie ein Strom uns alle dahinträgt. – – – –
Über uns breitet eine mächtige Eiche ihr Laubdach. Hier huschten im Herbste die Häher durch die dichten Zweige und die Blaufedern der Flügel schimmerten durch das Grün, wenn sie ihre Nahrung suchten. Doch nicht nur Häher fanden Wohlgefallen an den Eicheln, sondern auch Festungsbewohner. Eigenhändig gesammelt, geröstet und gemahlen schuf diese Frucht des »Kaffeebaumes« auf der Rosenkasematte manchem deutschen Offizier einen strenge duftenden »deutschen Mokka« während der trüben Ersatzzeiten des Krieges!
Wie lernt man bescheiden sein, wenn man aus der Höhe das Leben betrachtet und erkennt, daß alle Werte nur bedingt sind und daß den meisten Dingen erst der Glaube ihren Geschmack und ihren Wert verleiht. – – – –
Wir wandern an der Brüstungsmauer weiter und können nicht genug schauen in der Nähe und in der Ferne, um uns und unter uns. Senkrecht fallen die Felsenwände des Sandsteins ab, zerklüftet und zerspalten, an der Oberfläche hie und da von zahllosen Rillen durchkämmt, als hätte ein Steinmetz mit ungeheurem Scharriereisen die Blöcke bearbeitet und Wind und Wetter hätten sein Werk benagt. Wilde Tauben nisten hie und da in den Löchern und ihr melodisches Rufen und Locken läßt sich hören.
Im Osten der Festung springt ein riesiger Felsenturm fast rechteckig aus dem Block des Königsteins heraus, die Königsnase. Willst du einen Freund ins Herz sächsischer Heimatschönheit schauen lassen, daß er des Eindrucks nicht wieder vergessen mag, dann lasse ihn hier von diesem Söller in die lachende Gotteswelt schauen. Tief unten zu Füßen im Tale die roten und grauen Dächer des Städtchens hier am blinkenden Elbstrome hingestreckt, dort in das Tal des Bielabaches, der dort mündet, hineinwandernd und dort drüben die Abhänge des Pladerberges hinaufkletternd. Mitten darin die Kirche mit ihrem Turm, mit Kuppeldach und Spitze, wie ein preußischer Helm dem vierkantigen Gesellen aufgestülpt. Wenn an einem goldenen Sommerabend von diesem Turm unsere lieben Volkslieder geblasen werden, und du lauschst von oben, wie die Klänge durch das Tal ziehen, den Strom entlang tönen und Wald und Berg und grüne Hänge mit Wohllaut füllen als würde ihre Seele und süßheimliches Träumen im Liede offenbar, dann magst du tief empfinden, was deutsche Heimat ist und wie sie so zart und innig dir an das Herz rührt, daß es antworten muß: »Ja, du bist mein, ich bin dein Kind, und mein Bestes öffnet sich dir, wenn ich meine Seele ganz in dich und deine Art und Herrlichkeit versenken darf.« Deine Augen wandern in die blauende Ferne. Die Sehnsucht, das Fernweh und das Heimatfühlen stehen Hand in Hand in deiner Seele und schauen hinaus in die Wunder der Heimat und ahnen in beseligender Weihe, daß die Heimat dich segnet, dir eine ihrer Höhestunden schenkt, um dich über dich selbst emporzutragen. Dort stehen all die Felsaltäre, der Pfaffenstein, der Gohrisch, der Papststein, der Hennersdorfer Stein, die leuchtenden Felswände der Schrammsteine, der Falkenstein, wie ein gewaltiges Gigantendenkmal von heroischer Wucht und Größe, und links der stolze Lilienstein auf dem buntdurchwirkten Gottesteppich von weiten Feldern, Wiesen und Waldessäumen. Es sind stille Altäre, still und groß, und stehen darum so feierlich, so erhaben, so heilig über der flachen Ebene mit ihrem Geräusche der Arbeit, die vom Schweiße dampft, über den verworrenen Lauten des Tages, über dem Staub der Straßen, auf denen die Alltäglichkeit hastet und keucht.
Und weiter hinaus der hohe Schneeberg mit seinem langgestreckten Rücken in blauem Dunst, die Zschirnsteine, der Winterberg und dazwischen die Spitzen und Kuppen der Berge Böhmens, in feinem Dufte verschwimmend, deutsche Berge im deutschen Land, gegrüßt von deutschem Herzen: Mag auch die Landesgrenze einen Strich ziehen, auch sie Altäre der Treue zu deutscher Art und deutscher Seele, still und groß und feierlich.
Ganz in silberner Ferne ragt dort die stolze Spitze des Kleis bei Haida wie eine steile Pyramide, als reckte sich aus böhmischem Gau der Schwurfinger deutscher Erde aufwärts zum Himmel mit dem Treueschwure, der Blut an Blut, Art an Art, Stamm an Stamm, Ehre an Ehre bindet. –
Was soll ich sie nennen, alle die Berge und Spitzen nah und fern, über die die Wolken fliegen und die Farben wandern, die hier lebendig werden, als höben sie ihre Häupter höher, wenn die Sonne sie trifft, dort in blaue Schatten und Erstarrung zurücksinken und ihre Formen zu verlieren scheinen, immer neu und immer wechselnd, unendlich reich im lebendigen Spiel und doch voll himmlischer Ruhe, ein ungeheures Rund, in dem das Kleine verschwindet. – Fernweh und Heimatfühlen sind die Kräfte, welche dir in solchen Weihestunden die Heimat zu eigen geben und deiner Seele Flügel geben über das Kleine zur großen Ruhe. – –
Wir müssen unsere Blicke losreißen, wennschon sie immer wieder in die Ferne fliegen und immer wieder Sehnsuchtsblaues finden und erschauen mögen. Der Felsen, an dessen Rand wir gehen, hat hier besonders zerrissene und zerklüftete Formen mit vortretenden Ecken und senkrechten Kanten und pfeilerartigen Vorsprüngen angenommen. Wie die Zähne einer Säge springen zickzackförmig die scharfen Ecken der Wehrmauer hervor, hie und da von einem spitzen Rundturm gekrönt. Ein wildmalerisches Bild bietet diese vielfach gespaltene, trotzige, z. T. überhängende, unersteiglich scheinende Felswand, zu der die schlanken Fichten im Grunde emporrauschen. Und doch hat schon vor der Zeit modernen Klettersportes ein wagemutiger Schornsteinfegermeister aus der Stadt dort unten, namens Abratzky, heimlich die Ersteigung versucht. Er wußte mit Wänden und Gesimsen, mit Kanten und Kaminen Bescheid und arbeitete sich mit Knieen und Ellbogen, mit festem Griff und griffigen Zehen in einer Spalte und über Vorsprünge empor. Aber auf dem letzten Felsabsatz unterhalb der Wehrmauer verließen ihn die Kräfte, er wurde von Posten bemerkt und mußte auf sein Rufen heraufgezogen werden. Abratzkyfelsen heißt seitdem nach diesem einzigen beinahe geglückten Versuche der Ersteigung der Felsvorsprung. Die nie erstürmte unbezwungene jungfräuliche Festung durfte ihren Jungfernkranz, der hoch oben an steiler Mauer in Stein gehauen an der Südseite sich findet, in Ehren weiter tragen. Die Amsel, welche im Sommer 1917 jeden Abend vom Dachfirste der Georgenburg das Lied »Wir winden dir den Jungfernkranz« in das leuchtende Abendrot mit süßen Tönen flötete, hat Recht mit diesem Sang auf das Magdtum der Festung behalten.
Die Flucht über die steilen Wände herab aus den harten, allzu fest ihn haltenden Armen der jungfräulichen Feste hat freilich mancher versucht und sie ist auch manchem geglückt. Die »Franzosenspalte« erinnert heute noch mit ihrem Namen an die tollkühne Flucht gefangener Franzosen im Jahre 1870. Auch die gefangenen Russen des Weltkrieges haben diesen verwegenen Abstieg wiederholt versucht. Entflohen sind manche. Wiedergekehrt sind alle nach kurzen Stunden der Freiheit auf den verhaßten Stein! Da hatten einmal zwei Offiziere sich ein Seil zu gemeinsamer Flucht zu verschaffen gewußt und zu glücklich abgepaßter Zeit glitten sie an ihm auf schwankendem, gefährlichem Pfad an rauhen Vorsprüngen und scharfen Kanten vorbei, von den Kameraden durch Postenkette gegen Überraschung gesichert, in die schreckende und doch so lockende Tiefe der heiß begehrten Freiheit entgegen. Doch, o weh, das Seil war zu kurz! Über der Tiefe schwebte der erste noch weit vom Boden. Sollte er das haltende Seil fahren lassen und den Absprung wagen? Sollte er in die Gefangenschaft zurückkehren? Konnten seine nachlassenden Kräfte den gefährlichen Wiederaufstieg am pendelnden Seil, an schneidenden, überhängenden Felsgesimsen vorbei noch leisten? – Furchtbarer Augenblick innerer Spannung einer Entscheidung auf Tod und Leben! – Er sprang ab und erreichte glücklich den Boden. Sein Kamerad folgte. Doch wehe, als er sich vom Sturze erheben wollte, versagte ihm der Fuß den Dienst und auch die Schulter schmerzte und war verletzt. – Was tun? Es galt, nicht lange zu zögern! Fort, nur fort, diesen verhaßten Mauern entrinnen, fort ins Dickicht oder eine der Höhlen im Gestein, bis die Nacht die heimlichen Wege deckt! Der Verletzte schleppt sich mühsam weiter, gestützt vom Kameraden, die Freiheit winkt ja!
Doch da lagen am Abhang zwei Soldaten der Besatzung im Waldesgrün, naschten Beeren und guckten in den blauen Himmel. Tiefer Sonntagsfriede! Vogelsang und Wipfelrauschen die einzigen Laute nah und fern. – Horch, sind das nicht Menschenstimmen? Nicht Schritte? Nicht heimlich raunende russische Laute? Sie springen hinter dem Felsblock auf, der sie deckte, und stehen vor den entsetzten Flüchtlingen wie aus dem Boden gewachsen! Ade, du goldene Freiheit, die eben noch winkte! Nutzlos jeder Widerstand! Zu niederschmetternd war der Sturz aus der Hoffnung in die Verzweiflung! Zurück ins alte Elend! –
Andere Kletterer gab es auf der Festung, denen die Blicke der Gefangenen oft sehnsüchtig folgten, so voller Sehnsucht, wie den Vögeln, die mit leichten Flügeln in das Himmelsblau sich schwangen. Könnten sie von ihnen lernen, wie man diesen steilen Mauern entrinnt, könnten sie ihnen die hurtigen, verwegenen Künste absehen!
Diese tolldreisten Kletterer waren die Eichhörnchen, die unten im Walde von Wipfel zu Wipfel sprangen, an den Felsen senkrecht emporliefen, denen keine Wand zu steil, kein Band zu schmal, keine Kante zu scharf war, denen ohne Seil und Leiter die glatten Wände offene Straßen waren, auf denen sie dahineilten. Unten der Wald, oben der Park und die Obstgärten und dazwischen die Felsenwände, das war ihr fröhliches Reich der Vertikalen, in welchem die blitzschnelle Bewegung von unten nach oben oder kopfüber von oben nach unten zugleich lustiges Spiel und Lebensaufgabe, zugleich Inhalt und Zweck des Daseins bildet. Namentlich, wenn die Birnen auf der Festung reiften, dann waren die flinken Gesellen im roten oder dunklen Pelz bei der Hand, um ungeladen, ohne sich lange bitten zu lassen, bei der Ernte recht fleißig zu helfen. Feinschmecker, wie solche in der Baumkrone hochgeborenen Herren sind, und, gründlich erzogen, gingen sie stets auf den Kern jeder Sache, d. h. sie zerbissen die Frucht, nagten und naschten die Kerne und griffen zur nächsten Birne, verschwanden aber blitzschnell kopfüber die Wände herab, wenn Gefahr drohte, in die rauschenden Fichtenwipfel hinein wie eine zuckende, aufblitzende und erlöschende, rote Flamme. Das Spiel und das kecke Treiben dieser reizenden Affen des deutschen Waldes gab mancherlei Unterhaltung, Beobachtungen und Ablenkung.
Dem Stabsarzt vom Lazarett gaben sie sogar öfter einen leckeren Braten, den er nicht genug zu rühmen wußte. Doch möge unser rascher, roter Waldkobold noch lange als Wildpret unentdeckt bleiben, damit nicht noch mehr unser deutscher Wald veröde und seiner geheimnisvollen Reize und seines märchentiefen Waldwebens und Waldlebens beraubt werde. –
Drüben an der Ecke am Lazarett, wo der Umgang sich wieder nach Osten wendet, machen wir noch einmal Halt und schauen von einem erkerartigen Austritt hinunter in das grüne Bielatal und in den Hüttengrund und drüben auf den Quirl mit seinem waldumrauschten Felsenhaupt, den Nachbarfelsklotz des Königsteins, der auch einmal als Zwillingsfestung zur Flankendeckung des Königsteins ausgebaut werden sollte, aber seinen Waldfrieden dort oben behalten durfte.
Wir hören das Rauschen der Biela, die dort unten im Grunde über ein Wehr stürzt, bis zu uns herauf. Die Häuser und Höfe des Dorfes Hütten liegen am Bach und leuchten hell im Grün des engen Waldtales. Einst stand hier im Grunde eine Gießhütte, die dem Orte den Namen gegeben, aber bereits im 17. Jahrhundert eingegangen ist.
Wir wandern jetzt auf breitem, mit starken Steinplatten gedecktem Wege, auf den mächtigen Gewölben der Kasematten, die z. T. in den Felsen gehauen, z. T. aus gewaltigen Felsquadern aufgeschichtet sind. Dort ist der Bärenzwinger, ein enger Felsenkessel, durch welchen einst der älteste Aufgang zum Königstein geführt hat, dessen vermauertes Tor an der Quadermauer heute noch von außen sichtbar ist. Dort sind die anderen tiefen, finsteren, z. T. schluchtartigen feuchten Höfe der Kasematten, in denen die Sonne nicht gerne weilt und der nackte, finstere Fels erbarmungslos aus nächster Nähe in vergitterte Fenster starrt. Viel lieber wandern die Augen hinaus ins grüne Land, nach der kecken Felskanzel des Spankhornes, welches dort drüben aus dem Walde ragt, nach den Felsen der Nikolsdorfer Wände, nach der »Hirschstange«, dem Wege mit dem schönen, sinnigen, deutschen Namen voller Waldpoesie und Nadelduft, der in halber Höhe des Berges wie ein schimmerndes Band aus dem dunklen Waldesgrün leuchtet. Was für lachende Wanderwege sind dort drüben, von denen der laute Schwarm nichts weiß, auf denen man still und froh sein darf und nur sich selbst und die Heimat im Zauber unberührter Herrlichkeit hat. Dort liegt im Walde versteckt der Schüsselgrund, dort ist der Teufelsgrund mit seinen wilden Felsen, dort ist so mancher stille Platz, wo im grünen Frieden die Romantik träumt, wo du das Wild belauschen kannst, wo der Schwarzspecht mit seiner roten Haube wie der Vogel des Märchens geheimnisvoll durch die Wipfel streicht und mit klagendem Rufe lockt, ihm zu folgen, weiter und weiter in die grünen Tiefen des Waldes. –
Dort liegt am Walde eine Wiese, in deren grünem Teppich die Margariten wie tausend silberne Sterne gestickt sind. Ein klares Wässerlein rieselt durch die Halme, und das Wollgras hebt auf zartem Stengel seine Flöckchen wie schimmernde Seide zum Lichte empor. Ist es der Tanzplatz der Elfen, wenn draußen der laute Tag zur Ruhe ging, kein fremdes Ohr neugierig lauscht und nur der Wind und Mondenschein mit leisen, leichten Füßen über die weichen Gräser wandert? – Dort ist mitten im Fichtendickicht ein Platz, eine Blöße mit langem Waldgras von dunklen Nadelwänden hoch umgeben, auf deren zackigen Spitzen der blaue Himmel ruht. Hundert Pilze stehen dort in bunten Farben, leuchtendrot mit weißen Punkten, violett und gelb und braun und weiß. Keines Menschen Fuß kam noch hierher und hat an diese Pracht gerührt. Oben auf höchster Tannenspitze jubelt die Singdrossel ihr köstliches Lied in das Abendrot. – Ja, dort, dort drüben kann jeder Waldgang die Seele frei machen vom Staub des Alltags und zur Freude erheben. – – –
War es ausgesuchte Grausamkeit und Hohn, wenn so die ganze Herrlichkeit deutscher Wald- und Berglandschaft den Gefangenen des Königsteins täglich vor Augen stand, die ihnen unerreichbar war und doch den Drang nach der Freiheit schmerzhaft steigern mußte zu unerträglicher Pein und seelischer Marter? – Nein, es war Erbarmen, Wohltat und Tröstung, ihnen den Blick auf das lachende Bild zu gönnen, auf den weiten Himmel, die rauschenden Wälder und grünenden Hänge, Trost, der den Geist erhebt aus den engen Mauern und dunkler Felsengruft zum Fluge in freie Höhen, zum Schwunge über das traurige Heute, zur Hoffnung auf Freiheit und Erlösung! Der Körper in Haft, die Seele aber in Freiheit und täglich neu die Flügel reckend über das weite Land hinein in eine bessere Zukunft!
Gar mancher Gefangene dort im alten Zeughaus mag doch seine Seele an diesen Fragen wund gestoßen haben. Mit charaktervoller Schlichtheit, mit steilem Dach und Giebel, fast gotisch im Aufbau wirkend, obwohl es 1594 erbaut ist, schaut dieser Bau helle leuchtend weit in das Land hinaus. Im Erdgeschoß ist eine zweischiffige Halle von schweren Kreuzgewölben überdeckt, die auf drei mächtigen, toskanischen Säulen von gedrungener Wucht aufruhen. Nachdem die Friedrichsburg für die Gottesdienste der gefangenen Russen nicht mehr zur Verfügung stand, war dieser kryptaartige Raum die würdige und monumental wirkende Stätte ihrer kirchlichen Feiern und Andacht. Unvergeßlich wird jedem, der es erlebt hat, die russische Osterfeier zu mitternächtiger Stunde in jenem Raume sein. Draußen dunkle Nacht und die große, heilige Stille der Ostererwartung. Nur die Wälder hört man ferne rauschen und die Wasser der Biela im Grunde. Droben am unendlichen, schwarzblauen, samtenen Firmament flimmern die Sternenheere und wandern ihre Bahnen. Da tönt aus dem Tore der Kapelle der orgelähnliche Sang tiefer, voller Männerstimmen in feierlichen Rhythmen, anschwellend und abklingend, dazwischen die volle Einzelstimme des Popen in dunklen fremdartigen Lauten. Im hellen Schimmer von vielen hundert Lichtern leuchtet der Raum. Jeder der Teilnehmer trägt eine brennende Kerze in der Hand. Hier in Gruppen zusammengedrängt stehend, dort knieend, dort an Wand und Pfeiler sich lehnend, feiern sie das Fest in der Weise der Heimat und ihre Gedanken eilen zu den fernen Stätten, an denen ihr Herz hängt, zu fernen Stunden, die nicht mehr sind, zu kommenden Tagen der Hoffnung auf Freiheit, der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Phantastische Schatten huschen über die Gewölbe und Wände, hier leuchten Farben auf, dort ein blinkender Orden oder schimmerndes Rangabzeichen. Eine seltsame, mystische Wirkung geht von der Feier aus, deren mehr geahnte, als bewußte Gefühlswelt so ganz abweicht von dem, was unseres Geistes ist, aber doch an eigenes tiefstes Empfinden zu rühren vermag. Ehrwürdig und heilig ist ja alles, was Menschenseelen erschauern macht, wenn sie sich von irdischem Staube erheben empor zum Lichte, zu dem, was man göttlich und ewig nennt, in welcher Sprache und Bekenntnis es auch sein mag, wenn nur die Sehnsucht der Seele echt und wahr ist.
Ehrwürdig ist es auch, wenn mit dem Gruße »Christ ist erstanden«, und der Antwort »er ist wahrhaftig auferstanden« die Teilnehmer am Gottesdienste nach alter russischer Sitte sich dreimal küssen auf Wangen und Stirn und in diesem Augenblick jeder Unterschied von Rang und Stand, von Alter, Bildung und Besitz verschwindet. Der alte Oberst küßte den jungen Leutnant und der hohe General, welcher als Gouverneur von Turkestan über ein Reich, größer als Deutschland, gebot, küßte seinen Burschen, den armen Bauernjungen aus dem Innern Rußlands. Der Gesunde küßte den Kranken, denn in dieser heiligen Stunde beim österlichen Bruderkuß hat, wie frommer Glaube lehrt, Ansteckung keine Macht, mag sonst auch Krankheit oder Tod der Lohn solchen Kusses sein.
Ehrwürdig und seltsam, unserem Empfinden widerstrebend, vielleicht aus der mystischen Stimmung der Stunde jedesmal neu herausgeborener Glaube, vielleicht aus der Zeit des Urchristentumes durch Jahrtausende bewahrte Sitte, vielleicht aus uraltem, russischem Heidentum stammender Brauch und darum in christlichem Gewande so fest von der Volksseele bewahrt, wer will es sagen? – Zu den seltsamsten Stunden des Königsteines mag dieses russische Ostern zählen, als um Mitternacht unter deutschem Sternenhimmel gefangene Söhne aus allen Landschaften Rußlands von Sibirien bis zur Krim und zur Weichsel den dreifachen Osterkuß tauschten, als wäre man tief im Innern des ungeheuren, uns so fremden Reiches. – –
Wieviele mögen von ihnen die Heimat erreicht haben, nachdem der Friede geschlossen war? Eine dunkle Kunde meldet, sie seien alle erschossen worden, nachdem sie die russische Grenze überschritten hatten. Den Bolschewisten seien diese Offiziere der besten, vornehmsten Truppen des Zaren zu verdächtig oder zu gefährlich erschienen. Nur wer der Heimat entsagt hatte und im Auslande Zuflucht fand, soll vor diesem furchtbaren Schicksal, vor diesem schnöden Dank des »Mütterchens« Rußland bewahrt geblieben sein.
Wie friedlich schlummern dagegen die wenigen während der Gefangenschaft trotz sorgsamster Pflege und ärztlicher Behandlung verstorbenen Russen auf dem dort unten auf lachender Flur am Waldrand liegenden Friedhofe der Festung, sanft gebettet im Schoße der barmherzigen deutschen Erde. Deutsche ärztliche Kunst und Pflege, die nicht Feind und Freund kennt, sondern nur den leidenden Kranken, treue Teilnahme der Kameraden haben nicht zu retten vermocht.
Da lag z. B. ein junger, lungenkranker, russischer Offizier im Lazarett, das außerhalb des eigentlichen Gefangenenlagers stand. Bei gutem Wetter war sein Lager draußen im Garten unter blühenden Rosen und duftenden Blumen inmitten leuchtender Sommerpracht. Er empfing täglich den freien unbewachten Besuch seiner gesunden Kameraden, die zu diesem Zwecke frei die abgeschlossenen, durch Drahtzäune gesicherten Grenzen des Lagers verlassen durften. Jeder erfüllbare Wunsch wurde erfüllt. Er wurde jedoch ein Opfer der unheimlichen Krankheit. Ein langes, würdiges Trauergefolge geleitete ihn zum Grabe in fremder Erde. Voran schritt der Kreuzträger und der Männerchor, der in feierlichen, klagenden Rhythmen Sterbelieder in kurzen abgerissenen Strophen bald leise, bald mit anschwellender Stimme sang. Kränze wurden getragen. Es folgte der Sarg mit dem Bahrtuch, der Pope im prunkenden Ornat, wie ein Bild aus einem byzantinischen Mosaik herausgenommen, das große Trauergefolge der Kameraden, die deutschen Lageroffiziere mit dem Kommandanten an der Spitze und die deutschen Mannschaften. Langsam schwebte der Sarg im Fahrgestell des elektrischen Aufzuges außen an der Festungsmauer hernieder und wurde unter den schwermütigen, ernsten Gesängen zum kleinen Garnisonfriedhof durch das Waldesgrün und wogende Saatfeld zur letzten Ruhe geleitet. Von oben schauten über den Rand der Mauerbrüstung die zurückbleibenden russischen Offiziere ernst hernieder auf den letzten Gang ihres so fern der Heimat verstorbenen Kameraden und lauschten den abgerissen emporklingenden Rhythmen der Totenklage ihres Volkes. –
Der Friedhof der Festung ist ein Platz von besonders eindrucksvoller Wirkung und ergreifender Stimmung. Sein Rechteck von nur 33 × 74 m Größe ist von einer wuchtigen Quadermauer umschlossen, an welcher der Efeu emporklettert und Wiesenblumen blühen. Der Wald ist bis nahe an die Mauer getreten, als wolle er diese Stätte des Friedens noch besonders hüten und abschließen vom Lärm der Welt, von der Unruhe des Tages da draußen, die so fern, so tief unter uns liegt. Zwei mächtige Eichen stehen wie treue Wächter neben der Friedhofspforte und hoch über den Gräbern wölbt sich das Laubdach stolzer Bäume, breiten sich auch die Zweige von immergrünen Fichten und Kiefern. Alte, hohe Lebensbäume stehen wie dunkle Trauergestalten zwischen den stillen, grünen Hügeln. Hier finden wir die Gräber französischer Gefangener aus dem Jahre 1870/71. Ein Marmorkreuz ist ihnen gewidmet und neuerdings ein Gedenkstein, den ihnen französische Gefangene des Weltkrieges hier setzten. Hier finden wir einige Kreuze russischer Form auf Gräbern russischer Gefangener, hier auch Gräber deutscher Soldaten, die ihr Leben der Heimat nach Schmerzen, Leiden und Wunden hier opfern mußten.
Im dichten Efeu unter Lebensbäumen liegen hier auch die Gräber alter Festungskommandanten, die nach langer militärischer Laufbahn hier Frieden fanden. Eine mächtige Steinplatte mit Inschrift deckt das Grab des Kommandanten von Nostitz. Wir entziffern die Inschrift, aus welcher uns der Geist und die Gefühlsstimmung einer längst versunkenen Zeit aus Urgroßvätertagen entgegentritt und uns mit feuchten Augen wehmütig anschaut:
»Als ich am Tag der Geburt die Welt anweinte, da nickten
Vater und Mutter und Freund lächelnd dem Weinenden zu.
Nun ich ihn ausgekämpft, den Ihr noch kämpfet, den Weltkampf
Lächl’ ich am Ziel, und Ihr weinet dem Lächelnden nach!«
Diese Worte bestimmte sich zur Grabschrift der hier ruhende Königl. Sächs. Generalleutnant und Commandant der Festung Königstein, Ritter des Militär St. Heinrichsordens
Karl Friedrich Ernst von Nostitz,
geb. den 18. Juni 1767, gest. d. 17. April 1838.
Sein Andenken segnen, die ihn erkannten!
Es ist zwar nicht eine soldatische Inschrift etwa für einen alten Haudegen, aber eine Inschrift, die zu denken gibt, die in der stillen Bescheidung und rückschauenden Lebenswertung des Greisenalters kennzeichnend für den Verstorbenen und seine Zeit und darum wertvoll ist. – Wie leer und kalt lassen oft die tausendfach gedankenlos wiederholten Worte auf modernen Friedhöfen an prunkenden Steinen, denen die Seele fehlt. Hier aus der schlichten, wuchtigen, moosigen Platte spricht eine Seele.
»Sein Andenken segnen, die ihn erkannten!« Wie fein und wie maßvoll wird hier dem Toten Ehre gezollt. Wir wissen nicht, ob der Kreis derer, die ihn erkannten, groß oder klein, hoch oder niedrig war, ob ihn nicht auch viele verkannten, wir hören nur, daß er Menschen zum Segen war. Ist dies nicht mehr als mancher tönende Nachruf, manche rühmende Gedächtnisrede, so viele übertriebene Lobsprüche und vergoldete Lügen auf Grabsteinen? –
Der kleine Friedhof der Festung birgt tiefe Lehren in sich. –
In seiner schweigenden Abgeschiedenheit weit vom Alltag, hoch über Staub und Unrast des Lebens da draußen ist er eine stille Stätte für die letzte Ruhe, von so ergreifender Stimmung wie wenige im Lande. Mögen sorgende Hände und sinnige Herzen mit innigem Verständnis für seine Worte stets diesen weihevollen Totengarten hüten und seiner warten. –
Doch kehren wir in die Festung zurück. Den Park mit seinen mächtigen Baumriesen, den alten Buchen, Eichen und Ahornbäumen wollen wir durchwandern. Hier wird kein Stamm gefällt, weil er gerade schlagreif ist. Wie ein heiliger Hain, ungestört, in weihevoller Stille, ragen die Bäume mit stolzen Stämmen und schirmenden Kronen. Efeu und Immergrün ranken am Boden und tausend Blumen blühen im Gras, die kein Gärtner pflanzte und doch schöner sind an ihrem Platze und in ihrer Entfaltung, als Gärtnerkunst es zu schaffen vermag.
Es rauschen die grünen Wipfel. Wir hören den hellen, schmetternden Schlag der Finken und in tiefen, melodischen Tönen das zärtliche Gurren der wilden Tauben. Von unten, aus dem Walde, tönt bald näher, bald ferner der Ruf des Kuckucks. Ein Specht trommelt unermüdlich hoch oben an dem dürren Ast der alten, vom Wetter zerzausten Eiche dort. Ein Eichhörnchen huscht flink an jenem glatten Buchenstamm entlang, hält inne und schaut uns verschmitzt aus seinen dunklen blitzenden Augen an. Wir ruhen an der Böschung des Walles im Gras und duftenden Thymianpolstern. Bienen summen um die Skapiosen und Grasnelken, die sich auf schlanken Stengeln wiegen. Wir träumen und sinnen in die grüne Stille hinein, während bunte, kleine Falter uns umgaukeln, als wären wir selbst ein Kind der Natur geworden, das unbekümmert im Arm und am Herzen der Mutter ruht und ihren warmen Atem und ihr Herzpochen fühlt. Wieviele mögen unter diesem Blätterdach schon gewandelt sein und zu den fliegenden Wolken emporgeschaut haben und mitten im tiefen Frieden der Natur und aller ihrer Herrlichkeit diesem Felsen, diesem Hain, dieser Herrlichkeit geflucht, um Erlösung von dieser Stätte geseufzt haben, die uns so lieblich scheint mit allem Sonnenglück geschmückt und die Hunderten schon eine Stätte der Freude und übermütigen Lebensgenusses war. Die harten Gegensätze, welche hier immer wieder aufeinanderprallen, fesseln mit besonderer Gewalt die Gedanken und geben einen eigenartig anziehenden Reiz allem Geschehen und allem Schauen. – Unter diesen Zweigen schritten 1870/71 gefangene Franzosen hin und her und träumten von ihrer gloire und berauschten sich am Rachegedanken, an der revanche. Da griff einer von ihnen zum Messer und schnitt in die glatte Rinde jener alten Buche dort unter sein Namenszeichen die Worte: »un chasseur français, qui reviendra vainqueur.« »Ein französischer Jäger, der als Sieger wiederkehren wird.« – Er ist nicht wiedergekommen! – 44 Jahre später lasen aber seine gefangenen Landsleute mit ihren russischen Freunden und Bundesbrüdern jene Worte in der grauen, rissig gewordenen Rinde, die jetzt ihnen wie ein Hohn auf ihr eigenes, unfreiwilliges Kommen wirkten. Der Gegensatz zwischen Gewolltem und Gewordenem war bitter und schmerzlich für sie.
Doch auf unser Herz auch fällt dieser Gegensatz mit schmerzlicher Wucht: Versailles 1871 und Versailles 1918/19! Wann wird der Ausgleich kommen im Pendelschlag der Weltgeschichte? Wann wird Lüge als Lüge, Schandtat als Schandtat erkannt sein und gelten? Wann wird Friede sein, und Recht und Freiheit wieder unter Völkern und Menschen wohnen und daheim sein? Der sonnige Sommertag will uns dunkel werden, wenn wir mit diesen Fragen an Heimat und Vaterland denken und an Tod, Tränen, Wunden, Schmerzen und Niederbruch, an Wollen und Werden! Doch nein, nicht trübe und mutlos! Aus innerer Erneuerung müssen Kraftströme fließen. Wollen muß dann das Werden zwingen, wenn es echt und stark, einig und zielbewußt ist!
Dort steht zwischen den alten Stämmen des Parkes die Baracke, in welcher die Helden der Emden nach Überwindung von Not und Tod, von Wüstenglut und meuchlerischem Verrat, nach Heldentum in Taten und Dulden zuerst auf heimatlichem, deutschem Boden eine Ruhestätte fanden.
Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der Mut, der stärker ist als das Schicksal, lebt noch und schafft an der neuen, der kommenden, der stahlblanken Zeit! Wenn eine Welt uns niederrang, wir schaffen uns aus neuem Geiste eine neue Welt. Wer für die Heimat und ihre wahren inneren Werte sich einsetzt, der schafft und wirkt mit am Bau dieser neuen Welt. – –
Hier oben, auf der Fläche der Festung, wollte ein königlicher Baumeister, Friedrich August II., der Starke, sich selbst eine neue Welt anderer Art schaffen. Johann von Bodt, Festungskommandant und Architekt mußte immer wieder neue Pläne für ihn zeichnen. Der König, den die Baulust gepackt hatte, änderte und verwarf und suchte mit immer neuen Gedanken und Wünschen eine Bauanlage als großartiges Schloß von 114 m Frontlänge mit weit vorgezogenen Flügelbauten und Ehrenhöfen und Terrassen an einer groß durchgeführten Längsachse von der Appareille bis zur Königsnase in symmetrischer Durchbildung angelegt, wahrhaft königlich aufzubauen. Acht Kasernen, vier Magazine, Bäckerei und Brauhaus sollten wie eine starke Wächterschar vor und neben der stolzen Schloßanlage stehen, die als Zeughaus und für die »Logementer« des Kommandanten bestimmt war.
Alle bestehenden Gebäude sollten dieser großen Planung weichen und fallen, die Georgenburg, das Kommandantenhaus, die Magdalenenburg und wie die alten Bauten heißen, welche uns heute noch erfreuen. Nur das alte Zeughaus auf dem Wall, welches außerhalb der großen Symmetrielinien lag, sollte erhalten bleiben. Dem großen Symmetriegedanken wurde alles untergeordnet. Sogar im Park waren die geschwungenen Wege und die kleineren Rundplätze rechts und links von der großen Hauptachse des Mittelweges trotz scheinbarer Regellosigkeit doch nahezu symmetrisch geplant.
Aus diesen Planungen spricht die großartige Baugesinnung, welche am Zwinger in Dresden ihre größte Entfaltung fand. Ähnliches mag hier dem königlichen Bauherrn vorgeschwebt haben. Über zehn Jahre beschäftigte er sich mit diesen Plänen, die gleichzeitig mit dem Bau des Zwingers und der Anlage von Groß-Sedlitz in seinem phantasievollen Geiste emporwuchsen und Gestalt gewannen.
Sollen wir bedauern, daß sie nicht durchgeführt wurden? Vielleicht! Vielleicht hätte diese Verbindung von fürstlicher Schloßanlage mit dem militärischen Werk eine Gesamtanlage von besonders reizvoller Eigenart ergeben. Vielleicht hätte hier wie bei keinem anderen seiner Bauten das Schloß im Gesamtbilde der Landschaft und großen Natur mitgewirkt als großartiger Abschluß und Krönung eines einzigartigen Landschaftsbildes. Hoch über der Elbe sollte die stolze Schloßfront sich auf dem gewaltigen Felsensockel des Königsteins aufbauen, so daß man weit über Strom und Land, über Berge und Täler schauen könnte und seine Fenster leuchteten bis weit ins Böhmerland. Wie das herrliche Klosterschloß Banz bei Lichtenfels hoch über dem Main, das weit ins Frankenland scheint und schaut, oder gleich der Akropolis in Athen, die weit übers Meer schaut, so mag in der Phantasie das Schloß gestanden haben und dem König in seinen Architekturträumen immer wieder aufgeleuchtet sein, so oft er von Dresden elbaufwärts kommend zur Felsenstirn des königlichen Steins emporschaute, zur Felsenstirne, der noch die Krone eines königlichen Bauwerks fehlte. Er hat dem Stein diese Krone nicht aufsetzen können. Baumwipfel rauschen und legen sich als grüner Kranz statt der geplanten ragenden, steinernen Krone um die Felsenstirn. – Die alten Bauten sind erhalten geblieben. Die königlichen Bauphantasien sind vorüber und schlummern in Mappen und Archiven, um nur hie und da bei einem seltenen Beschauer Architekturträume vom Königstein zu wecken und das nachempfinden zu lassen, was der König genial und groß innerlich schaute und schuf, was ihm ein Kunstwerk und ein Glück war, ohne daß je sein Wollen zum Werden, zur Tat wurde.
Wir wandern durch den Park zurück. Die Kirche mit ihrem schlanken viereckigen Glockenturm, der wie ein italienischer Kampanile neben dem Gotteshause steht, grüßt uns durch das Laub der Bäume. Ihr schlichter, einschiffiger Bau ist in Abmessung und Ausstattung von großer Bescheidenheit und Zurückhaltung, so sachlich und nüchtern auch im Innern, wie es für eine Soldatengemeinde sich geziemt. Kurfürst Johann Georg II. ließ die Kirche 1675/76 erbauen. Nur der Altar ist mit größerer Kunst und Zierde bedacht. Zwei Säulen aus buntem italienischen Marmor schmücken ihn, die Papst Klemens dem Kurfürsten geschenkt hat, und ein schönes Altarbild, welches die Bergpredigt darstellt und als Landschaft den Königstein zeigt. – An der Stelle dieses Gotteshauses mag schon in früher Zeit, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, eine Kirche gestanden haben, deren erhaltene Teile, der gewölbte Chor mit dem Triumphbogen und den altertümlich romanischen Kämpfersteinen allen Zeiten, Stürmen und Umbauten standhielten und sie überdauerten. Herzog Georg der Bärtige errichtete 1515 hier eine Kapelle dem heiligen Georg, seinem Schutzpatron, und gedachte aus dem Königstein eine Art Mönchsburg zu machen. Er stiftete 1516 »aus christlicher Andacht und mit groser Müe, auch, wie es in der Urkunde heißt: ›unser hertzlieben Gemal Fraw Barbara und unser erben nachkommen heil und seligkeit zu erwerben‹, ein Cölestiner Kloster des Lobes der Wunder Marie uff dem Königesteyn«, und besetzte es mit 12 Mönchen aus dem Kloster Oybin bei Zittau. Trotz der nunmehr geistlichen Bestimmung des Königsteins, wurde seine militärische Bedeutung jedoch nicht verkannt und ganz aufgegeben. Die Mönche, welche zugleich Burgmänner und Burgwarte waren, durften keinen neuen Weg nach dem Felsen anlegen und mußten, sowie ein Krieg ausbrach, die Schlüssel zur Festung einem fürstlichen Hauptmann ausliefern. Das Vertrauen zur Kriegstüchtigkeit der Mönche scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. Der Bischof von Meißen, Johann von Salhausen, sah diese Neugründung sehr skeptisch an und meinte, »es werde das Kloster dort von den böhmischen Winden und der starken Luft der böhmischen Ketzer bald umgeworfen werden und zergehen«. Aber ein stärkerer Sturm als die böhmische Hussitenluft ging durch Deutschland, die Reformation, dem das Kloster nicht standhielt. Der Prior selbst ging, unter dem Vorwand einer Reise, gerade nach Wittenberg zu Luther, und »heurathete« schon im Jahre 1525. Die übrigen Mönche liefen, aller Vorstellungen des Herzogs ungeachtet, auch auf und davon, bis auf zwei, welche der Herzog wieder auf den Oybin zurückschickte, wo man sie aber nicht annahm, trotz des Handschreibens, das der Herzog ihnen mitgab. Daß diese Mönche so rasch das Kloster auf dem Königstein wieder aufgaben, beweist, daß sie dort sich nicht besonders wohlgefühlt haben konnten. Kein Wunder, denn Schmalhans war dort oben Küchenmeister und der Durst war der Kellermeister, denn es lag noch kein großes Faß im Keller, kein tiefer, kühler Brunnen war vorhanden, sondern in Zisternen wurde das wenig lockende Wasser gefangen. Wildbret und Fisch war seltene Kost. Der Herzog hatte nicht genügend für Einkünfte gesorgt und milde Gaben aus der Hand treuer Kinder der Kirche wurden immer weniger, magerer und dürftiger. Das Volk fühlte, daß etwas Neues, Großes im Werden war, und das Alte sterben müsse, daß die Gnadengaben, welche für fromme Stiftungen und Gaben vom Kloster und den Heiligen verheißen wurden, in der neuen Zeit, die der kühne Wittenberger Mönch heraufführen sollte, vielleicht doch ihren Zweck verfehlen und verlieren könnten. – Das Kloster mußte geschlossen werden und ingrimmig enttäuscht berichtete Georg diesen höchst ärgerlichen Mißerfolg dem General des Cölestinerordens nach Italien. Aus seinem Briefe ersieht man, wie unangenehm und peinlich dem Fürsten die Sache war, und daß er sich nicht wenig fürchtete, in Rom wohl gar für ein gegen die Klerisei lauer Mann gehalten zu werden. Man sieht, wie die Fäden Roms wie ein festes, starkes Netz Deutschland umspannten mit ungeheurer Macht, so daß sogar solch unbedeutendes Ereignis, wie der mißglückte Klosterversuch auf dem Königstein einem mächtigen deutschen Fürsten Veranlassung bieten mußte, in Rom um gutes Wetter zu bitten. Georg war bekanntlich ein fanatischer Gegner Luthers und hat seine Lehre und Anhänger hart und streng verfolgt, bis an sein Lebensende.
Vielleicht stand die auf dem Königstein erlebte Enttäuschung in innerem, seelischem, ursächlichem Zusammenhange mit der Strenge und rücksichtslosen Härte und dem bitteren Haß, mit denen er sein ganzes Volk, ja seinen Bruder und Schwäger in seine eigene Glaubensrichtung wider Willen zwingen wollte. Erst unter seinem Bruder und Nachfolger Herzog Heinrich dem Frommen konnte sich die neue Lehre freier entfalten.
Herzog Heinrich machte auch den Stein erst wieder zu einer Festung, die dann von seinen Nachfolgern mehr und mehr ausgebaut wurde. –
Wir gehen zum Brunnenhause hinüber mit dem tiefen Brunnen, den Kurfürst August durch Konrad König 152,5 m tief mit einem Durchmesser von 4 m Länge in den Sandstein sprengen und meißeln ließ. 1553 wurde er begonnen und erst nach 40 Jahren fand man reines Quellwasser. 40 Jahre harter Felsenarbeit und einer bewundernswerten Zähigkeit, Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit, 40 Jahre durch die Wüste, wie einst die Kinder Israels, ehe sie zu den kühlen Wasserbächen des gelobten Landes kamen! – Ist dieser Brunnen nicht wie ein Symbol? Ist der Fels auch noch so hart und werden tausend Meißel stumpf und werden tausend Arme müde, es gibt ein Dennoch und ein Hindurch, das tief im Felsengrunde das erquickende, wohlschmeckende, kühle Naß nach zäher Arbeit findet und aufschließt. Dieses Dennoch und dieses Hindurch wird auch das deutsche Volk neue Quellen finden und erschließen lassen, wenn es harte Felsarbeit leisten will und der Stunde geduldig entgegenarbeitet, da die frischen Wasserquellen entgegenspringen und sprudeln.
Zwei Tonnen gehen abwechselnd auf und nieder und ergießen ihren Inhalt in einen Behälter, dessen Zuflußrinnen unmittelbar vom Brunnenrand abführen. Heute ist Kraft und Antrieb für die Wasserförderung elektrisch. Früher diente diesem Zweck im Nebenraum ein ungeheures Tretrad, welches durch Menschenkraft in mühevoller Sklavenfron unseliger Gefangener bewegt, die Seile auf mächtiger Trommel auf- und abwickelte.
Der Brunnenmeister zeigt gern die kleinen Scherze, welche auch anderwärts geübt werden. Er gießt Wasser in mehreren Absätzen in die schwarze, gähnende Tiefe. Atemlos lauscht man gespannt, bis von unten nach fast ½ Minute in gleichen Abständen die Aufschläge klatschend herauftönen. Da merkt man, was für ein ungeheurer Zeitraum eine halbe Minute sein kann! Er läßt Lichter hinab am langen Seil, bis wir im Bodenlosen den blanken Wasserspiegel aufblitzen sehen. Er zeigt, wie er durch geschickte Stellung von Spiegeln den Sonnenstrahl an der Türe draußen einfängt und ihn hinabschickt in den schwarzen, feuchten Schacht, daß er dem Wasser in der dunklen Tiefe Botschaft vom Himmelslichte bringt. Er erzählt, wie der Brunnen zur Reinigung manchmal befahren wird, und daß der Wasserstand 15 m normal ist und auch in heißen Jahren sich in dieser Höhe hält. Er berichtet auch, daß der Brunnen sein untrügliches Barometer sei, daß ihm die kommende Witterung sicher vermelde durch einen Nebelschleier über dem Wasserspiegel bei kommendem guten Wetter, durch blanken Spiegel, wenn draußen das Wetter sich trübt. Er zeigt, wie meisterhaft die alten Brunnenbauer gearbeitet haben, wie glatt die inneren Wände geschrotet sind und in genau lotrechter Führung der Schacht abgeteuft ist, eine bewundernswerte Bergmannsarbeit. Hier ist die Lebensquelle, die Herzader der Festung, für welche Vater August, der große Volkswirt auf dem sächsischen Throne, sorgte, wichtiger als das große Faß, für welches August der Starke, der große Egoist auf dem sächsischen Throne sorgte. – –
Wir treten aus dem kühlen, dunklen Brunnenhaus wieder hinaus in den lichten, prangenden Sommertag. Es wölben sich über uns die hohen, grünen Wipfel des Königsplatzes, und es flüstern ihre Blätter im Winde.
Unsere Gedanken umfassen noch einmal, was wir erlebt, was wir geschaut, was wir empfunden haben. Wo gibt es im Sachsenlande eine Stätte, die soviel zu sagen, soviel zu geben und zu schauen hat, wie dieser königliche Stein?
Ja, um diesen Stein ist es etwas ganz Besonderes! Es ist, als ob er eine Seele hätte, die vieles erlebt und empfunden, gelitten und genossen hat, davon zu schweigen weiß, die aber auch dem, der sie sucht, sich zu offenbaren weiß!
Sei mir gegrüßt du lapis regis!