Das Tännichttal im Tharandter Wald.
Lange hatte mein treues Rad gerastet! Was bindet oft die Pflicht so fest und umschnürt die Seele und das Wollen mit bitteren Fesseln und nimmt sie in enge Haft, daß sie sich kaum mehr hervorwagen, Fesseln abzuschütteln, frei zu sein, vogelfrei in ziellosem Fluge der Sehnsucht hinaus! – Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl des taufrischen Sommermorgens und lockt hinaus und es treibt und drängt ein inneres Müssen, daß ich nicht widerstehen kann. Hinaus aus den alten Mauern und drückender Enge, hineinfliegen auf flüchtigem Rade in die blaue Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit jungen Schwingen, der sein Lied jubelnd zur strahlenden Höhe trägt.
Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren Türmen und der Graben mit seinen grünen Bäumen, das alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes gleiten an mir vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan, mit deinem spitzen Kegeldach, heute treibts in die Ferne mich mächtig hinaus. Und ihr Dohlen dort oben in euren schwarzblauen Röcken so vornehm angetan, die ihr dort flattert und schwebt und mit hellem Rufe freudig im Schwarme in den blauen Äther euch schwingt, heute neide ich euch nicht, heute bin ich mein eigen, heute bin ich mein selbst, ein freier, wilder Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der über allen Tiefen schwebt, dessen Flügel in alle Weiten strebt, der tief das Glück und die Sehnsucht eines freien Sonnentages spürt. –
Die Straße ins Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus der Brust wie ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli und Hallo! Die Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir vorüberstürmt, die grünen Hänge, die saftigen Wiesen und dort der rauschende Fluß im tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf dunklem, sprudelndem Wasser. Die Heimat ist mein, denn meine Seele ist ihr offen, sie ist mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber und ihrer Wesensinnigkeit sich meine Seele gibt. Jenseits geht es steil bergauf. Steinig und heiß ist der Pfad, das Geröll rutscht unter dem Fuß, und die glimmerblinkenden Gneisplatten flimmern wie Silber. Auf dieser jähen Straße zogen schon die wilden Haufen der Schweden und Kaiserlichen einher, die Grenadiere des Alten Fritz und das Heer Napoleons. Kanonen und Packwagen sind unter Fluchen der Soldaten und Keuchen und Schnauben der Rosse mit vielfachem Vorspann, mit Seilen und Hebeln den steilen Hang mit seinen glatten Felsplatten hinaufgezogen. Manch wilde Verwünschung und grimmiges Wort, manch sauren Schweiß hat dieser Weg gekostet. – Wie stille ist es heute hier! Es knistert leise das Rad. Geröll löst sich unter dem Fuß. Rötlich blüht schon das Heidekraut in dichten Polstern am Wege.
Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann wandern die Augen hinab ins tiefe grüne Tal, wo die Mulde schäumt, und dort nach den Höhen, wo die Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und Hünenmale des Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne, wo die duftigen Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am Horizonte dehnen. Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in dessen grünem Meere ich untertauchen will. Über breiten Höhenrücken geht die Fahrt. Die Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch, dann klingt die Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. – Hast du Frucht gebracht? – –
Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie Blutstropfen am Straßenrande. – Blutstropfen! – Wieviel Blut mag auf dieser Heeresstraße sächsischen Schicksals geflossen, am Wegrande versickert, vom Regen verwaschen sein? Tropfen am Wege, verronnen, vergessen, vom Baume des Lebens blutrot geschüttelt, zertreten, verloren im Staube – Menschenschicksal, wie dunkel ist dein Lauf, aus Dunkel kommend, im Dunkel vergehend, rote Beeren nur hie und da im Staube deiner Straße! – –
Drüben am Höhenrande des Horizontes steigen die Häuser von Konradsdorf bergaufwärts, und der Kirchturm ragt spitz über die gelagerten niedrigen Dächer, weithin als Landmarke die Gegend beherrschend. Wie friedlich und still das Bild, der Blick über die fruchtbaren Breiten, und doch, wieviel Stürme sind darüber hingebraust. Alte Kunde erzählt von Konradsdorf aus dem Jahre 1632: »Den 16. April eben dieses Jahrs, morgens um 5 Uhr, da Kaiserliche Völker eingefallen, ist Nikol Kirbach von zwei Kroaten niedergesäbelt worden. Um eben diese Zeit haben auch die Kaiserlichen Kroaten die Kirche allhier erbrochen, was darein geflüchtet ermordet, den silbern Kelch und 100 Fl. mitgenommen, wobey Pfarr und Schulmeister beynahe das Leben eingebüßt, davon man die Spuren in der Kirchthüre noch findet.«
Die Kirche zu Hilbersdorf dort drüben, dessen Flur an unsere Straße grenzt, wurde 1639 von den Schweden unter Banner eingeäschert und Mord und Blut war in seiner stillen Dorfstraße.
Menschenschicksal, Völkerschicksal, wie geht ihre Straße über lichte Höhe und dunkle Täler, durch Sonne und tiefe Schatten! Rote Beeren am Straßenrand, deuten sie Freude, deuten sie Leid? –
Herbstmahnung, Schicksalsmahnung, Sommerwende leuchten uns die roten Beeren am Wege, am Baume im Laube, das hie und da leise vergilbt, im Staube, der ihr brennendes Leben mit Asche bestreut. Wie lange noch, dann klirrt der Frost, dann schnaubt der Schnee in mächtigen Wehen und Wirbeln gleich wilden weißen Rossen über die starren Felder und kahlen Höhen und hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. –
Wohl dem, der eine Heimat hat! –
Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig herüber. Ein blühendes Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit in Duft und Farbe in die blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche dem Liede des glühenden, blühenden Klees. Millionen von Bienen und anderen Insekten singen und summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr Lebenslied und taumeln von Kelch zu Kelch. Als klänge ein seliger Harfenton dem Sommer und der Sonne entgegen, voll gesättigt vom süßen Drange des Lebens und Blühens. Schwer und wonnig steigt der Duft des Feldes empor, und ich trinke ihn mit tiefen Zügen, als wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner Teppich aus Duft und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die Sonnenstrahlen mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein Teppich, wie ein dunkler purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise dahinträgt, daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der Mutter Erde unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch die Millionen Blütenköpfe, ein Beben, ein Atmen auf und nieder – o du Heimatflur! –
Und dort das Ährenfeld neigt schon die Halme. Der Wind geht drüber hin in flüsternden Wellen. Die Lerchen steigen empor in die flimmernde Luft und taumeln selig der Sonne entgegen als gäbe es keine Erdenschwere und hätte ihre singende Seele dort oben den Weg zur Heimat gefunden. –
Dort drüben grüßt in breiten Wogen das grüne Meer des Tharandter Waldes. Mein Rad fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter sind die Hänge hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen klimmen auf und ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die Talwinkel. Naundorf ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte über seine Herde wacht. Die Straße führt talaufwärts am Bach entlang. Die Wellen hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und flinke Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der Straße geliefert wurde. Heute mag wohl kaum ein Fuhrmann mehr Forellen dort essen wie in der alten, stillen, einfältigen Zeit, als es noch zufriedene Menschen gab.
Ein Seitenweg führt von der Dorfstraße am Hange aufwärts zur Kirche, die seit Jahrhunderten inmitten des Gottesackers von hier über die Dächer und Höfe der Gemeinde herniederschaut. Eine Mauer umschließt den Friedhof, und hohe Bäume überschatten den Eingang. Vogellied aus den dichten grünen, lichtdurchfunkelten Zweigen, Choralgesang und Orgelklang aus der Kirche vereinen sich zu einer stimmungsvollen Sonntagsharmonie, als ginge leise mit uns über die stillen, grünen Gräber mit schwebendem Schritte der Frieden suchender, findender, erlöster Seelen und segnete uns. Ein Gottesdienst in Einsamkeit still neben der Kirche kann feierlicher, kann tiefer und gehaltvoller wirken als in der Gemeinschaft einer gefüllten, aber doch »leeren« Kirche. Die einsam grüne Stätte mit ihrem Lobgesang aus der Höhe und aus der Nähe war uns ein Gotteswinkel stiller, tiefer Andachts- und Feiergedanken von weltfreier Entrücktheit. – – –
An der Friedhofsmauer stehen ein paar alte verwitterte Grabsteine in barocken Formen mit verwischten, fast unleserlichen Schriftzügen, grünlich angeflogen und von grauen Flechten hie und da betupft. Die Urenkel derer, die sie nennen, sind längst zu Staub geworden. Wie stumme Prediger der Vergänglichkeit lehnen die alten Steine dort an der Mauer und fragen dich: Wer bist denn du?! – Der Staub zu deinen Füßen, auf dem du stehst, atmete einst, liebte einst, lachte einst wie du! Wer bist denn du?! – Sinnend betrachten wir den schlichten, etwas nüchternen Kirchenbau aus dem Jahre 1783 mit seinem holzbeschlagenen Turmaufbau, gekrönt von spitzer achteckiger Haube. Wievielen werden die Glocken dort oben noch zum letzten Gange läuten? –
An der Südseite der Kirche ist ein alter Grabstein eingemauert, der ein Denkmal ganz eigener Art ist, und ein schönes Zeugnis dafür, daß die Gedanken des Heimatschutzes und der Denkmalpflege nicht etwa etwas künstlich Gezüchtetes, Literarisches, sentimental ins Volk Hineingetragenes sind, sondern aus dem Verlangen und der Seele unseres Volkes mit ursprünglicher Gewalt hervorgegangen sind und seinem tiefsten Empfinden entsprechen.
Der Stein ist über 200 Jahre älter als die jetzige Kirche und wurde beim Neubau der Kirche 1783 in die Mauer an geschützter Stelle eingelassen, um ihn vor Vernichtung zu bewahren. Dem wackeren Fuhrmann Melchior Heber, der im Jahre 1580 starb, ist er gewidmet. Seine Ururenkel haben den Stein erneuert, ein späterer Enkel hat ihn in die Wand der neuen Kirche gesetzt, und heute liegen die Urenkel jenes Nachfahren in Gräbern unter jenem Stein des alten Melchior Heber, und ein junges Geschlecht des alten Namens und Blutes wirkt im Heimatdorfe seiner bäuerlichen Ahnen heute noch, festgewurzelt im heimischen Boden seit Jahrhunderten.
Der Stein stellt in seinem oberen Teil den alten Melchior dar in der Tracht seiner Zeit betend vor dem Bilde des Gekreuzigten knieend. Als unterer Abschluß der Platte ist der starke Fuhrmannsfrachtwagen im Relief abgebildet, mit hochgespanntem, rundem Plane überdeckt und sechs starken Pferden als Bespannung. Die Inschrift lautet:
»Im Leben hatte ich an fahren mein Vergnügen
Und fuhr an diesen bald und bald an jenen Ort,
Im Tode spannt ich aus und ließ alles fahren liegen
Und fuhr andern Seelen nach in sichren Himmelsport.
Anno 1580. Den 11. Tagk Aprillis um 6 Uhr Nachmitt, den Montag Quasi modo geniti ist der Ehrsame Melchior Heber in Gott selig entschlafen. D. G. G. Seines Alters 60 Jahr.« Auf dem Stein finden sich noch folgende Nachrichten eingemeißelt: »Diesen Stein hat Georg Heber seinem Groß-Groß-Väter zum Andenken renoviren lassen den 10. Juli 1743.« Und weiter: »Dies Denkmahl lüß bei dem neuen Kirchenbau seinem Ur-Ur-Großvater zu Ehren abermals erneuern Karl Gottlob Heber 1783.« Treuer Familiensinn hat so ein Denkmal von kulturgeschichtlichem Werte bewahrt in seiner treuherzigen Schlichtheit und biederen Berufsfreude, wie es wohl einzigartig ist, namentlich wenn man bedenkt, daß heute noch nach rd. 350 Jahren die bäuerlichen Enkel seine Denkmalpfleger auf dem kleinen Dorffriedhofe sind.
Wir nehmen Abschied und lenken wieder der Dorfstraße zu. Die zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf der Straße sind dem Rade nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und Geschrei entrüsten sie sich oder suchen durch ängstliches Hin- und Herlaufen dem allzuraschen, gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns, daß wir ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« – überfahrene Hühner sind immer »Rassehühner« – am Ausgange des Dorfes anlangen. Dort macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel. Ein stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige, alte Bäume beschatten den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser hinabschauen kannst, die goldbraunen und grünen Steine siehst, an denen die Forellen stehen oder blitzschnell vorbeihuschen, wo du die ganze Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit seinem Wasserrauschen und Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden kannst. Wie Sonntag, durch den leise der Glockenton der Andacht klingt, liegt es immer hier unter sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. –
Auf schmalem Wege über dem breiten Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht es aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen die Hänge eingespannt. Doch bald verwahren uns hohe, dichte Hecken den Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns, die Gippenhäuser. Das Gebell des wackeren Spitz an der Hütte und sein wildes Umherrasen an rasselnder Kette zeigt, unter wie guter Hut die stillen, einsamen Häuser stehen. Eine bleiche Dame sitzt dort drüben am Wiesenrande, ein Kind spielt in der Nähe und trägt ihr duftende Blumen herzu. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und wie Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so echt deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen:
»Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,
Hier magst du gesunden,
Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden
Ausheilen in friedsamer Stille.«
Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese, in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien, abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer Stille! –
Friedsame Stille? – Ich denke eines kalten stürmischen Herbstes im Jahre 1697. Der Schnee hatte schon kalt und naß über die Stoppeln gefegt. Es war ein Wetter, wo man näher an den Ofen rückt, in dem die Scheite knacken und knistern. Ein Wetter, bei dem im Felde nicht viel zu tun ist, und Großmutter vielleicht die Bibel vom Bortbrett nimmt, die große Hornbrille aufsetzt und langsam liest die Geschichte vom barmherzigen Samariter: Wie der Mensch unter die Mörder fiel, und sie schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber. Da der Samariter ihn sah, »jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.«
Sie las just diesen Vers, da kam der Sohn herein, schüttelte den nassen Schnee ab, stampfte mit den schmutzigen Schuhen und rief: »Draußen auf dem Acker oben am Walde steht ein fremder, mit Stroh belegter Leiterschlitten und drinnen liegt verlassen ein armer, todkranker Mann! Er kann kaum mehr sprechen. Ich habe es gleich dem Gutsherrn und dem Pfarrer gemeldet. Sie werden schon sorgen, mich gehts nichts weiter an. Gib mir meine warme Suppe, es ist ein Wetter, um keinen Hund hinauszujagen.« – »Ach der arme Mann! Nur gut, daß du so gescheit warst, das gleich zu melden, sonst hätten wir am Ende noch allerlei Umstände bei dem schlimmen Wetter. Man weiß doch nie, was das für Leute sind! Es ist schon besser, das macht der Pfarrer!« –
Der Gutsherr und Pfarrer waren nicht sehr erbaut gewesen von der Nachricht. Und dazu das schlechte Wetter! Was tun? – Sie riefen den Ortsdiener und schickten ihn zum Kranken auf dem Acker oben am Walde, um zu eruieren und zu konstatieren, wer er sei, wie er dorthin komme, wer ihn dorthin gebracht, und ob sie vielleicht gar nicht etwa zuständig seien, in dieser Sache etwas zu befinden. – Der Kranke konnte nicht mehr sprechen, so die Nachricht des Ortsdieners! Das war ein schwieriger Fall! Verlegen saßen das geistliche und weltliche Haupt des Dorfes und kratzten sich bei dieser Nachricht hinter den Ohren: »Vielleicht würde dieser fremde, ganz unbekannte, nicht ortsansässige Mensch gar auf der Gemeindeflur sterben wollen! Das wäre ein höchst unangenehmes Vorhaben und gegen die Gemeinde wenig rücksichtvoll, denn sie hätte davon Kosten und Scherereien! Ihn ins Dorf holen? Nein! Wer soll ihn aufnehmen?« Sie grübelten über diesen Fall, bis die frühe Finsternis kam, und hatten dann einen bauernschlauen Einfall. Sie schickten zwei Wächter zum verlassenen Sterbenden hinauf, »daß ihm kein Unheil zustieße«, die ihre eigentliche Aufgabe aber verständnisinnig wohl erfaßt hatten und bei Sturm und Regen den Schlitten mit dem Todkranken von der Gemeindeflur fort in den Tharandter Wald, auf kurfürstl. Grund und Boden, brachten. Um Mitternacht starb der arme Mensch 12 Ellen von der Grenze entfernt auf kurfürstlichem Gebiete. Am nächsten Tage, den 22. September, wurde Bericht an das Amt in Grillenburg erstattet, daß auf kurfürstlichem Gebiete ein Mensch verstorben sei, und um Bescheid gebeten. Dieser fiel zunächst dahin aus, daß ihnen bedeutet wurde, »wie ihnen aus christlicher Liebe wohl zugestanden hätte, den todtkranken Mann, welcher ihrem Anführen nach wenig oder gar nichts am Leibe habe, in eine warme Stube zu bringen und sein zu pflegen, nicht aber ihn in der Kälte liegen zu lassen und auf seinen Tod zu warten. Die Leiche sei einstweilen zu bewahren.« Bei den weiteren Nachforschungen des Amtes wollte zunächst niemand davon wissen, wie der Kranke auf das Feld gekommen. Durch Peter Henker zu Fördergersdorf stellte sich indes heraus, wie ihm Jakob Kirsten zu Herzogswalde berichtet, daß am 19. September die Colmnitzer einen halbtoten Mann auf einem Schlitten vor ihre Kirche gebracht und daselbst stehengelassen haben; die Herzogswalder hätten ihn darauf wieder nach Colmnitz gebracht. Der Colmnitzer Richter gestand nun zu, daß die Niederbobritzscher den Mann mittelst Fuhre zu ihm, dem Richter gebracht; da er aber abwesend gewesen, so habe, ohne sein Geheiß, Andreas Bormann daselbst ihn nach Herzogswalde weggeführt.
Es war ein armer Schuster aus Naumburg, der kurz vorher in Tharandt in Arbeit gestanden hatte. – Regierung zu Dresden und Amt zu Grillenburg ordneten nun unter Ermahnungen zu mehr christlicher Liebe an, daß der Körper des Verstorbenen auf Colmnitzer Flur gebracht, ein Sarg von den Colmnitzern angefertigt werde und die Beerdigung in Colmnitz erfolgen solle. So hatte endlich ein armer, müder Erdenpilger, dem in drei Dörfern keine Stätte zum Sterben in friedsamer Stille gegönnt wurde, seine letzte Ruhe gefunden. – –
Wie heißt es doch im Gleichnis? »und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Und da der Priester ihn sah, ging er vorüber, desgleichen auch ein Levit, sah ihn und ging vorüber!« Jawohl, die harten Herzen aus dem Gleichnis waren hier in der Wirklichkeit alle da, wo aber war der barmherzige Samariter? Drei Dörfer am Tharandter Walde und kein barmherziger Samariter darin! – Über 200 Jahre ist diese Geschichte her. Ob es heute mehr Barmherzigkeit an der Straße gibt? Ach, unserem Volke ist Liebe so bitter not! – »Friedsame Stille!« Wo findet man sie, wenn man nicht Raum dafür im eigenen Herzen hat? Wir schauen noch einmal zurück in das weite, weiche, von Sommer gesegnete Land, wo soviel Unfriede und Unbarmherzigkeit wohnt, und tauchen dann ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen Freiberg und Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster Freude danke ich dir, du deutscher Wald und deinen stillen Wundern, wenn draußen das Leben trübe und schwer und drinnen das Herz trübe und schwer ward.
»Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,
Der schöpft aus keinem andern!
Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
Daß er kein Siechtum leidet,
Und alles, was gebrestenhaft,
Aus Leib und Seele scheidet.
Daß ich wieder singen und jauchzen kann,
Daß alle Lieder geraten,
Verdank ich nur dem Streifen im Tann,
Den stillen Hochwaldpfaden.«
(Scheffel, Aventiure.)
Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen, führt mich in die harzduftige grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen, und leise ist mein Gang. Es ist mir, als ob meine Seele in dem Vogel wäre dort oben auf der höchsten Spitze jener stolzen Fichte. Sein Lied steigt jubelnd empor, da leuchtet der Himmel noch blauer, der grüne Tann wird hundertmal grüner als sonst, die Luft wird luftiger, klarer, der Duft des Waldes wird stärker, herbsüßer und, was von Schleiern und Düsternis in mir war, sinkt hernieder, als wären alle Rätsel und Fragen in Licht und Klarheit gelöst und überwunden. Es schweigen meine Lippen und leise ist mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter den Reifen des Rades, welches ich führe.
»Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an,« das gilt auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsere Seele sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen Augen und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht sein Mund im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen leisen Wipfelrauschen, wie des Waldes Seele mit uns spricht und ihre Wunder uns offenbart. Und wenn der Sturm in den Zweigen und Ästen wühlt und sein urgewaltiges brausendes Lied durch die bebenden Wipfel wie Meereswogen sich stürzt und schäumt, dann fühlen wir unser tiefstes Inneres mit gepackt, geschüttelt, erschüttert, und alles Kleine schwindet, alles Welke wird abgerissen, alles Dürre wird geknickt. Willst du des Waldes Wunder lernen, dann darfst du nur lauschen, schauen und vergessen, was draußen ist, mußt du deiner selbst vergessen. Was er dir zeigt und sagt, was er dann deiner Seele gibt, das wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil er dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte kund wurdest. –
Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger, warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden, und in tiefen Zügen atmen wir den starken Duft wie einen köstlichen Trank. Die Grillen zirpen ihr heißes Sonnenlied, und über den Halmen und Spitzen der Schonung zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, wie in Wellen flirrende unendliche Grillenlied zum Schwingen gebracht. – Ein Blick in die Weite auf blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler, grüner, kurzer Waldpfad, und plötzlich gibt es mir einen Riß durch die Seele. Wie eine ungeheure rote, offene Wunde in der Felsenflanke des Berghanges liegt es vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand geschlagen, dort eine Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein, daß aus dem Abhange herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein Steinbrecher mit gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich Schienen eines Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe voll malerischer Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat.
Bitterkeit steigt dir auf, daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig sind, sondern wehrlos – das Zarte und Edle, das Tiefe und Heilige ist ja immer wehrlos – der Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit unterliegen müssen! Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:
»Auch das Schöne muß sterben.
Siehe, da weinen die Götter,
Es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht,
Daß das Vollkommene stirbt.«
Der Blick senkt sich rechts durch die Stämme und über schwankende Wipfel und wiegende Fichtenspitzen hinab in einen Talgrund wie in einen Trostgrund, der noch als ein stilles Märchenland des Friedens und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es ist das Tännichttal. Wir blicken mit frohem, innerem Glücksgefühl hinab, denn durch die Arbeit des Heimatschutzes wird es uns in seiner unberührten taufrischen Lieblichkeit erhalten bleiben und noch viele stille Wanderer entzücken. Die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben, des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternder Schlag, und alle die anderen tausend Stimmen des Waldes werden nicht verstummen vor lärmender Industriearbeit, Kreischen von Maschinen und Knirschen und Rasseln der Steinbrecher. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme und Mauern aus den grünen Wipfeln und Wogen des Waldes emporsteigen, sollen noch länger ihre trotzigen Stirnen dem Wind und der Sonne stolz entgegenheben.
Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus dem Smaragdgrün des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen her, aus der waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines Daseins schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die anderen Bäche der Freiberger Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben und windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft. Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle 500 Meter, an der Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im freien Lande haben sich im Colmnitzbachtale in der langgestreckten, dem Wasserlaufe folgenden Siedlungsweise des Kolonistendorfes die Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der Schönheit, nicht aber besonders dem Nutzen dient. Nur hie und da krönt irgendeine ferne Kuppe ein einzelner Baum mit mächtigem Wipfel und verstärkt das Gefühl der Weite und Freiheit, der Ruhe und Größe der Landschaft. Fünf Sechstel seines Laufes hat so der Colmnitzbach kahles Gelände durchströmt, bis er hier im waldigen, engen, malerischen Tännichttal sich heimfindet zu Bergeshang mit dunklen Fichten, zu Wiesengründen mit leuchtendem Grün. Der schluchtartige Charakter dieses Tales mit seinen steilen, bewaldeten Abhängen im Gegensatz zu den sanfteren Hügelwogen des freien Landes, ist überraschend und gibt malerische Bilder, gleichviel, ob man von oben hineinschaut in die saftigen Gründe einer stillen smaragdenen Märchenwelt, oder ob man von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit ihren Wänden einzelne Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung neue Bilder friedsamer Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis sechzig Meter Breite. Die anschließenden steilen Hänge steigen rund 100 Meter auf, zum Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden roten Porphyrklippen, die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen. Dieser schluchtartige Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten Landschaft draußen, ist das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der Werdezeit unserer Erde und des Wirkens von Jahrmillionen der Arbeit des Wassers und des Wetters, und ist insofern ein Naturdenkmal von besonderer Bedeutung für die Freiberger Gegend.
Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist hier mit ungeheurer vulkanischer Gewalt vom Porphyr durchbrochen. Durch die Gneisüberlagerungen und das harte Porphyrmassiv hat sich der Bach hindurchgenagt und die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, mitten in dieser malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen die zackigen Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen in den blauen Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. Diese Felsgruppe ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das urgewaltige, zu Stein erstarrte Denkmal gigantischer, aus der Tiefe emporglutender Naturkräfte. Wir stellen das Rad in das Dickicht und klettern näher heran durch Fichtengezweig und Ginstergestrüpp, die trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen wir und erleben es fast an der eigenartigen Faltung und Schichtung des Gesteins, wie einst in ungeheuren Wehen und Ringen lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen, sich zusammenpreßten und neigten, sich kristallisierten und zu besonderer Lagerung und Schichtung versteinten.
Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirnes läßt die roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von innerem Feuer durchglüht und wollten zu neuem vulkanischem Leben erwachen. Ein Naturdenkmal ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, das im geologischen Anschauungsunterricht für jedermann von der Natur selbst unübertrefflich dargeboten ist und zu uns redet vom Werden unserer Erde, Heimat und Landschaft mit deutlicherer Zunge als Bücher, die das Volk nicht liest, als Gelehrte, die das Volk nicht hört, als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den Spezialisten bleibt. Es tut einen Dienst an der deutschen Seele, wer für diese Werte der deutschen Natur und Heimat kämpft, ein Kampf für die deutsche Seele und ihre Rechte an der Heimat, ein Kampf für die Seele der Heimat gegen kalte, harte Seelenlosigkeit der Ausbeutung. Unser Volk hat ein Recht darauf, daß diese Naturdenkmäler, die Eigenart und besondere Schönheit der Heimat geschützt und ihm und der Nachwelt ungeschmälert erhalten bleiben und nicht der Ausbeutung einiger Nurgeldmänner überlassen werden. Das was der Allgemeinheit und der Heimat dienen kann und im höchsten Sinne zur geistigen und seelischen Förderung dient, darf niemals käuflich sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen um materiellen Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß unbedingt als Besitz der Allgemeinheit, als ein Denkmal gehütet und gepflegt werden.
Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges Naturdenkmal wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden das Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat, und das Verständnis und die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und Werden.
Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo Wissenschaft und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen, um den Ort reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage hinzukommt, um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung den Ort geheimnisvoll zu schmücken.
Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben im Tale ist in unmittelbarer Nähe, der Felsen, wo der große verruchte Räuber einst hauste. Auch die Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen Zwecken gedient haben. Die echte Räuberromantik spinnt ihre bunten Fäden um die zackigen Zinnen dieser aus grünen Fichten ragenden Räuberburg, die bald wie Blut, bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips Tullian, den jeder im Freiberger Bezirk kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, schmachtete, mußte er 1715 sein Todesurteil erwarten. Seine in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und Handschellen werden heute noch gezeigt.
Lips Tullian war weit und breit gefürchtet, und wenn auch die Sage manches angedichtet hat, so mag seine »Schreibfeder«, die schwere Brechstange, manche blutige Seite in seinem Lebensbuch geschrieben haben.
Es war zur Fastnacht 1710, da klopfte es um die Mitternachtsstunde beim Branntweinbrenner Jakob Hähnel in Tuttendorf an die Türe. Eine fremde Männerstimme bat um etwas Branntwein, um einer unwohl gewordenen Frau beispringen zu können. Der gutmütige, vertrauensselige Mann öffnete die Tür. Aber sofort fielen über ihn und sein Weib drei Raubgesellen her, banden und knebelten sie und mißhandelten sie so hart, daß die Frau ein Auge einbüßte. Außer anderen Dingen, die ihnen gefielen, raubten sie 42 Taler bar Geld, die der Mann im Keller verwahrt hatte. –
Lips Tullian war zu Besuch gewesen. – –
Die unter Georg dem Bärtigen im Jahre 1532 gegründete Schützengilde in Glashütte besaß, ähnlich wie die Freiberger Schützengilde heute noch, ehemals einen reichen Kleinodienschatz, den sie in einer großen schöngeschnitzten Truhe mit kunstreich gearbeitetem Schlosse in der Sakristei der Stadtkirche aufbewahrte. Das Hauptstück bildete ein silberner, auf einem Aste ruhender Adler mit Rubinenaugen, der Stolz der Gilde und Königsschmuck. Eines Tages im Jahre 1710 fand man die Sakristei und die Truhe erbrochen. Das Kleinod war gestohlen. –
Lips Tullian war zu Besuch gewesen. – –
Ein Anschlag auf den Freiberger Silberwagen, der mit den Schätzen der Münze zwischen Freiberg und Dresden verkehrte, sollte wohl ein Hauptschlag seines tatenreichen Lebens sein. Im Dickicht des Tharandter Waldes, vielleicht nicht weit von seinem Schlupfwinkel hier im Tännicht, wollte er mit seinen Raubgesellen in der Nacht dem Wagen auflauern. Er hatte eine Schmiede erbrochen und als geeignetes Werkzeug sich große Hämmer und Bohreisen gestohlen und beim Hinterhalte vergraben. Vorspringen, den Widerstand niederschlagen, den Wagen erbrechen und mit dem geraubten Gelde auf den vier schönen Pferden des Wagens auf und davon, vielleicht ins nahe Böhmerland, das war der verwegene Plan der Spießgesellen. Doch einer war unter ihnen, dem sie nicht trauten, den sie fernhalten wollten und der dann aus Rache durch einen noch erhaltenen Brief ohne Unterschrift den Anschlag verriet. Auf der Münze hatte er den Brief eingeworfen mit folgendem Wortlaut: »Lüeber Herr mintzmester ich gebe nachricht das man erfahren hat das sich reber gesamlet haben in dem walt bey der Hutte bey der nacht den sielber wagen wolten angreiffen so er mit dem gelte hin wartz füere die angebung ist von einen Knecht der zuvor bei den silber wagen gewest ist welcher sich in Freiberg auffhelt die reber halten sich auch in Freiberg auff sie können in den wertzheusern nachforschen lassen waß vor fremde sich da aufhalten diese Nachricht ist gewißlich war sie mugen wol den wagen ohne koeinfoie bey der nacht nicht lassen durch den walt gen sonst moechten sie alles köbbut machen ich wolte mir wol selber melten ich kan es nicht recht er weilen ich habe es hinder wartlich gehoirt und moechte mich auch gefar trohen,
den 5 Nofemmer 1704.«
Der Verräter hatte vielleicht selbst den ersten Gedanken dazu gegeben und den Plan geschmiedet, denn er war, wie er schreibt, als Knecht »zuvor bei den silber wagen gewest« und kannte daher jede Gewohnheit und Gelegenheit am besten.
Man handelte nach dem Ratschlag des Briefes. Durch Stollenarbeiter, welche dem Wagen weit entgegengeschickt wurden, durch den Förster und schließlich durch einige Mann Kavallerie wurde der Weg des kostbaren Silberwagens so stark gesichert, daß der verwegene Lips Tullian seinen Plan aufgeben mußte.
Doch auch eines Lips Tullian Verwegenheit und Raubsucht fand ihr Ende und wohlverdiente Strafe. Er, der starke Räuberhauptmann und Führer tollkühner wilder Verbrecher, wurde von einem Schneidergesellen überwunden. Zu Freiberg wars, am 19. September 1710, als Lips Tullian im Jägerkleide das Erbische Tor durchschritt. Der Torschreiber, Stadtkorporal Wilde, hielt den fremden, finsteren Gesellen an und fragte ihn nach seinem Passe. Lips ging frech vorbei und trat in das große Eckhaus mit den Worten: »Warum die Frage? Alle Wochen bringe ich Wildbret in die Stadt. Ich bin der Förster des Herrn von Hartenstein und brauche keinen Paß!« Der Torschreiber eilte ihm in den dunklen Hausflur nach, doch der Räuber packte ihn und stieß ihm den Hirschfänger in die Brust, ehe jener noch viel Lärm schlagen konnte. Doch ein Weber hatte die Untat gesehen und schrie Mord, ein Schneidergeselle sprang den riesenstarken Mann von hinten an und riß ihn zu Boden. Nach kurzem, wildem Kampfe war er gebunden und gefangen. »Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!« brüllte er wie ein Tier in ohnmächtiger, schäumender Wut. Mehr als ein Jahr saß er dann gefangen in der unterirdischen Zelle des Rathauses, aus der es kein Entrinnen gab, den stärksten Graden der Folter trotzte er hier, bis er am 14. November 1711 nach Dresden geschafft und im Gefängnisse »die Mohrenkammer« angeschmiedet wurde. Drei Fluchtversuche mißlangen ihm, ehe sein Mut gebrochen war und er seine Schandtaten alle eingestand. Zwei Tage und eine Nacht dauerten diese Geständnisse voller Blut und Grauen. Am 8. März 1715 wurde Lips Tullian dann mit seinen inzwischen auch ergriffenen Spießgesellen Sawberg, Eckold, Schöneck, Lehmann und Hentzschel in Dresden enthauptet. Ihre Körper wurden aufs Rad geflochten. –
Die Räuberromantik im grünen Walde, die wilden Raubfahrten durch Nacht und Gebirge, der Schrecken der Dörfer hatten ihr grausiges Ende gefunden, aber noch immer sind die Stätten seines unheimlichen Wirkens von einem unbestimmten Grauen umwittert, ein Grauen, daß ein furchtbares, unheimliches Geschehen ahnt und der geschäftigen Phantasie so weiten Spielraum gibt.
Was das Wandern im Thüringer Land so unvergleichlich genußreich und poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und Geschichte, von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir schauen, beleben und verklären. Sachsen ist nicht reich an solchen Stätten, aus denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes oder durch irgendeine halbverschollene Sage sein besonderes Gepräge, seine besondere Weihe erhielt. Jedes alte Sühne- oder Mordkreuz, um welches irgendeine dunkle Kunde wie ein Ton aus einem alten, verlorenen, vergessenen Liede klingt, hat so die Denkmalsweihe erhalten. Das Gedenken des Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hier, dem lieblichen Tännichttal, das durch seine landschaftliche Schönheit und seine geologische Eigenart schon seine Weihe als Naturdenkmal in sich trägt, hat das Volk im gesunden, tiefen Empfinden noch diese besondere geistige Denkmalsweihe der Phantasie gegeben, den Schimmer der Räuberromantik. – Eine andere Romantik, die Jugendromantik, vermag auch das dürftigste Stückchen Erde zu verklären. Von einem ehrwürdigen Freunde des Heimatschutzes, der hier vor siebzig Jahren jung war, liegt ein Brief vor, aus dem diese Romantik herausklingt über das Tal wie das Rauschen von Bach und Bäumen, und die leisen wehmütigen Töne des Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar.« Er schreibt:
»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die über der ›Diebskammer‹ sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen sich für mich die angenehmsten Erinnerungen aus meiner Jugend. Als Naundorfer Pfarrerssohn habe ich dort von meiner Tertianerzeit an bis in meine ersten akademischen Semester (1855–1861), in welch letzterem Jahre nach des Vaters Tode unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den Ferienzeiten zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines mir befreundeten, jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für längeren Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch, einen anderen moosbedeckten als Sessel, und in diese durch keine Straße gestörte Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich so oft wie möglich mit meinen Freunden aus dem altklassischen Altertume, Homer, Sophokles, Horaz usw. oder mit unseren deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich mich mit ersten poetischen (richtiger wohl›gereimten‹) Versuchen, übersetzte ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, und ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter von statten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem Rauschen der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen Vogelwelt, unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen durch den Grund fließenden, kristallhellen, von Forellen und Krebsen dicht bevölkerten Colmnitzbaches. Der Felsen senkte sich winkelförmig in die Erde und schien in eine Höhle zu führen, die von Steinen verschüttet war, in deren Geheimnis ich aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715 in Dresden hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der Diebskammer nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von diesem Tale nur mit einer gewissen Scheu von den Dorfbewohnern gesprochen. Ich habe seinerzeit bei den Freiberger Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über Niederbobritzsch nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde an diesen meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu aufgesucht.«
O Klang der Jugendromantik und echter deutscher Träumerei aus dieser lieblichen Taleinsamkeit heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch durch das Greisenalter tönt! Es klingt wie ein Vers von Mörike:
»Dämonischer Stille unergründlicher Ruh’
lauschte mein innerer Sinn.
Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen
Zaubergürtel, o Einsamkeit, fühlt ich
und dachte nur dich!«
Und dieser Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch klingen mögen, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit einige geschickte Geschäftemacher gute »Geschäfte tätigen«, sollten die Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich Meißel, Bohrer und Brechstange sich hineinfressen in die Talwände, bis alles weggefressen ist, was an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur Freude, Erquickung und inneren Bereicherung diente.
Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese drohende Gefahr gebannt ist und schauen mit besonderer Liebe der stillen Stätte des Friedens in die tiefen Augen und versenken uns ganz in die »Stille unergründlicher Ruh« der Einsamkeit, des Alleinseins, Geborgenseins vor dem Tosen und Staub der Welt da draußen.
»Selig wer im stillen Lauschen
Einsam hier die Waldrast hält,
Wer beim flüsternd stillen Rauschen
Das Getös vergißt der Welt.«
(Scheffel.)
Langsam steigen wir nun die Straße in den grünen Talgrund hinab. Hier ist es zu schön, um auf flüchtigem Rade vorbeizufliegen, hier möchte man weilen und träumen und warten, ob nicht irgendein liebliches Wunder geschehen möchte, daß drüben aus dem Waldesdunkel die Elfen auf die leuchtende Wiese schweben oder daß die Elfenkönigin auf schlankem weißen Reh aus dem Dickicht kommt, an dir vorüberstreift und aus wundersamen Märchenaugen dir tief in die Seele schaut, daß du es nimmer vergessen kannst.
Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am Bach, wo die Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, daß kein Unberufener, kein Feind hier eindringe? Ist er der Riegel, der die Welt und den Lärm abschließt vom stillen Lande der Poesie?
Den Wipfel hoch die Tanne hebt,
Im Winde schwankt die Birke,
Und Gottes goldne Sonne schwebt
Still über dem Bezirke.
Ein harziges Gedüfte
Durchwogt die warmen Lüfte.
(Scheffel.)
Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der Wiese und flüstern ihm zu, und im weichen blauen Dufte dämmern die fernen Abhänge des Tales.
Dann fliegt unser Blick noch einmal hinauf zu den Felsschroffen, die dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd emporsteigen. Wir schreiten dann weiter am Wiesenrand im smaragdenen Grund. Weiß glänzen die Stämme der Birken, jung und frisch, am Wege. Die Felsen dort oben entwickeln sich beim Rückschauen zu einer langen, gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und Kanten, nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet, aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, die je nach Beleuchtung wechseln, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes weiches, buntgesticktes Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man sich hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach unermüdlich an unserer Seite mit melodischer Stimme. Birken und Erlen streuen ihren Schatten mit den zarten Sonnenringeln auf Weg und Wiese und flüstern im weichen Sommerwinde leise von den alten Geschichten, die hier geschehen, denn dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen, der noch viel mehr davon weiß und erzählen könnte, daß – –! Der ist aber ein rauher, schweigsamer Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und das junge Volk der Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In seine Felsenstirne zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen Runen. Was ist ihm da noch kurzlebiges Werden und Wachsen, Menschenleid und Menschentat, was sind da die Geschlechter der Menschen, die hier vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras, das zu seinen Füßen wächst, Bäume die an ihm wurzeln und abgehauen werden, wieder kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er schweigt und läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und Höhlen und Löchern hervorkriechen, welche mit geraubtem Golde funkeln und rotes Blut am Wege zeigen, wie Spukgestalten ihres Weges ziehen, schweben und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen des Waldes, daß niemand sie fassen mag, sondern die Angst scheu umschaut und nur ein unnennbares, unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen mit dem Namen des Verruchten schleicht.
Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen, alten Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne, wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume spiegeln.
»Ich steh im Waldesschatten,
Wie an des Lebens Rand,
Die Länder wie dämmernde Matten,
Der Strom wie ein silbern Band.«
Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht:
»Du bist Orplid, mein Land,
Das ferne leuchtet!«
Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick. Die Sonne brütet heiß, und die Grillen zirpen am Feldrain, wo die Grasnelken nicken. Dann fliegt das Rad hinab durch steilen, krummen Hohlweg, zwischen Wiese und Feld in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe sich rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken, oft in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie im Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus und jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart oder neckischer Laune, auf Vogel und Blume und die blitzenden Wellen im Bach. Wir sind im geschäftigen Leben draußen, aber unsere Seele weilt noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt; sie wandert noch auf dem silbernen Steg in den smaragdenen Elfenwiesen, an derem Rand die dunklen Fichten Märchen träumen, und wo um die Felsen geheimnisvoll die Sage raunt.
Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt der Wald in langgestreckten, feierlichen Wogen im blauen Dufte, dort drüben das Tal, dort drüben – dort drüben –
»Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus!«