Haldenwanderung.
Ja freilich ist es über die Maßen herrlich, unterzutauchen in die Tiefen des grünen Meeres der Wälder, wo die Wipfel wie Wogen rauschen und wallen, und dort in kraftspendender Einsamkeit aus der Unruhe und den Irrungen und Wirrungen zurechtzufinden.
»Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!«
Einsamkeitsgänge sind oft Genesungsgänge, Gänge der Erhebung, des Aufrichtens und Abschüttelns von allerlei Last und Leid. Meister Eckhart (1260–1327) sagt: »Ein auferhobenes Gemüt sollst du haben, nicht ein niederhangendes, ein brennendes Gemüt – in dem doch eine ungetrübte schweigende Stille herrscht.« Stunden der Stille sind Stunden der Kraft, wenn du der Stille die Tiefen deiner Seele öffnest, damit sie stille wird.
»Da draußen, stets betrogen, saust die geschäft’ge Welt!«
Doch da drinnen kann auch das Herz betrogen werden und leer bleiben trotz der Stille, wenn es nicht den Stimmen der Stille recht lauscht und aufnimmt, was sie sagen und geben wollen.
Wer diesen Stimmen recht zu lauschen vermag, der findet Reichtümer und Schätze, wo den andern alles arm und öde ist, dem blüht Leben und Freude, wo dem andern alles tot und leer ist, der gewinnt Kraft und neuen Schwung, wo der andere müde und stumpf wird. »Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm Raabe.
In der Stille wachsen große Gedanken,
Aus der Stille reifen wahrhafte Taten,
Aus der Stille blüht die Stärke der Seelen!
Sagt doch schon der Prophet Jesajas: »Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen«.
Was vermag aber am meisten die Seelen zu erheben und still zu machen? Großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, die Ewigkeit und die Vergänglichkeit!
Aus der Stille heraus erst vermagst du oft die Heimat zu verstehen und ihre Wunder zu erkennen, ihre Werte zu finden und dir zu gewinnen, die sie dem Lärm verborgen und verschlossen hält, in der Stille erst vermagst du für dich in der Heimat das große Gotteswerk und das große Menschenwerk, die Ewigkeit und die Vergänglichkeit mit deiner Seele zu suchen und zu erkennen. In der Stille erst vermagst du dich selber zu finden und dein Bestes zu verstehen.
»Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.« – – –
Wir wollen einmal wandern, dort, wo es stille ist, dort, wo großes Menschenwerk, wo die Vergänglichkeit in stummer Größe uns anschauen und uns erzählen von vieler Geschlechter Mühe und Arbeit und von ringenden Kräften ferner Tage. Eine Wanderung über die alten Bergwerkshalden in der Umgebung der alten Bergstadt vermag uns gar stille und nachdenklich zu machen. Gar oft ist die Romantik der alten Burgen und Schlösser und ihrer trotzigen Ruinen besungen worden. Sagen und Geschichten umranken die Trümmer mit stimmungsvollem Zauber und beflügeln die Phantasie sogar auch manches nüchternen Spötters zu höherem, reinerem Flug.
Wir sind stolz auf diese Herrlichkeiten der Heimat, die uns vom Glanz, von urwüchsiger Kraft und kriegerischem Tatenmut unsrer Vergangenheit erzählen, und empfinden sie froh und tief. Doch hier unsere Halden und schlichten Bergwerkshäuser sind von gleichem Werte und gleicher oder tieferer Wirkung auf die sinnende Seele, wenn sie nur in ihr stilles, schicksaldurchfurchtes Antlitz schaut. Wir wollen sie suchen und lieben, wir wollen stolz auf sie sein und von ihrem stimmungsvollen Zauber in der Stille uns umfangen lassen und von ihnen reden und sagen, nicht wie von etwas, das der Menge und dem Geschrei gefallen muß oder etwas geben könnte, sondern wie von etwas, das den feinen Seelen, den stillen Herzen unendlichen Stimmungszauber gibt. Auch die alten Halden erzählen, wie jene stolzen Burgen, von untergegangener Herrlichkeit, und der silberne, mit bunten Blumen durchwirkte Mantel der Romantik liegt über ihnen. Es ist nicht die Romantik klirrender Waffen von Blut und Streit, sondern die Romantik klirrenden Werkzeugs, ringender Arbeit und sauren Schweißes von tausend Geschlechtern, welche in unermüdlicher Treue mit den Geistern der Tiefe den täglichen Kampf der Arbeit und Pflicht durchkämpften und in den dunklen Schächten die blutenden Silberadern der Felsen durchforschten. Es ist die Romantik, welche nicht Wunden schlug, sondern aus den Felsen die edlen Erze schlug und sie zum Zauberstabe machte, daß aus dem Lande ein Garten wurde, in welchem die Kultur und edelste Kunst erblühte.
Diese Arbeit von Jahrhunderten hat die Landschaft gestaltet und ihr so charaktervolle Formen gegeben, daß die Landschaft selbst dadurch ein Riesendenkmal des untergegangenen Bergbaues geworden ist. Die Kräfte, welche sie zu ihrer Eigenart herausgestaltet haben und in ihr wirksam waren, werden deutlich sichtbar, und jede Halde, jeder Hügel, jede Binge erzählt uns von dem Ringen, den Siegen und dem Segen zäher Arbeit zahlloser namenloser Geschlechter. Die Halden sind die Riesendenkmäler der Namenlosen der Arbeit! So trägt die Landschaft die tiefe geistige Schönheit eines durchgearbeiteten Charaktergesichts, und dies ist schöner und packt mehr die Seele und forschende Gedanken, als die leere Schönheit der äußeren Form, in der kein geistiges oder seelisches Erleben, kein Schicksal und kein Kampf sich ausprägt und uns mitleiden und mitfühlen läßt. Wie gewaltige Hünenmale des alten Bergbaues türmen sich rings die Halden mit ihren mächtigen Steinmassen. Blaue und violette Schatten auf dem schwarzen, braunen, gelben und roten Gestein und wieder der rote Glast der Sonne verleihen ihnen ein eigenartiges Leben und wundersame Stimmung. Bald im Sturze in natürlicher Böschung übereinandergerollt und durcheinander gekollert, bald wieder mit steiler Steinpackung wie in Felsenmauern gefügt, schwarz vom Wetter und finster-gewaltig in den mächtigen starren Linien des Umrisses gegen den blauen Himmel mit den schwebenden weißen Wolken stehend, liegen die Steinmassen nackt und ohne Grün da, gekrönt von den hellschimmernden, zusammengedrängten Häusern der Grube mit ihren grauen Dächern, die in feiner Massenabstufung dem Bilde den harmonischen Abschluß geben. Finster-dämonisch wirkt das Bild zu manchen Zeiten und Stimmungen. Ja, im Grauen des Gewitters, wenn Sturm und Wetter auf ihren blauschwarzen Wolkenrossen durch die bebenden Lüfte sausen, dann steigert sich die Wirkung ins Heroische. Die Wucht und Schönheit der einfachen Linie, der kantigen Form und Masse hält uns in ihrem Bann.
Ja, wie mächtige Festungsmauern, steil und unersteiglich, finster und wuchtig wirken manche dieser Riesenmale, welche der Bergbau sich gesetzt. Wie Titanenwerke ragen sie auf und beherrschen die Landschaft. Bedeckt doch z. B. die Halde des Davidsschachtes bei 27 m Höhe eine Fläche von fast 40 000 qm, und ihre Steinmassen betragen etwa 1 Million cbm.
In der Nähe aber wird das Einzelne lebendig. Farben leuchten auf in allen Schattierungen, von Schwarz und Grau und Weiß, vom Braun bis zum leuchtenden Gelb und Rot und Zinnober, Grün, Rosa und Violett, und suchst du mit dem scharfen Blicke des Sammlers und wendest oder zerschlägst du gar die Steine hier und dort, so blitzt bald hier ein Kristall, Quarz oder Feldspat, bald schimmert dort eine Ader von Bleiglanz oder Schwefelkies oder es fesselt dich das feine Geäder baumartiger Zeichnung auf einer bunten Fläche. Und richtest du dich auf, so schweift dein Blick über die malerische Umrißlinie der Stadt im grünen Grunde unter dir mit ihren Türmen und Mauern, mit ihren sich drängenden steilen, roten, grauen und schwarzen Dächern. Dicht vor dir der mächtige Donatsturm mit seinem spitzen Kegeldach, um welches die Dohlen flattern und schreien. Die altersgraue Stadtmauer schaut durch grüne Wipfel. Dort die beiden stumpfen Türme von St. Nikolai, die mit ihrer schlichten Wucht so recht in die alte Bergstadt passen, dort der hohe schlanke Petriturm, der über alle Dächer, Giebel und Türme weit hinausschaut ins grüne Land, der Rathausturm dicht dabei mit seiner barock geschwungenen Haube und endlich das mächtige Dach des altehrwürdigen Domes, das wie eine Henne weit seine Flügel breitet über die Schar der anvertrauten Küchlein, und dazwischen hinein das lustige Gewimmel von Giebeln und Dächern und Schornsteinen wie die Heerschar, welche sich um die hohen stolzen Führer freudig drängt und zu ihnen vertrauend aufschaut. Blauer Rauch wirbelt aus den Essen empor und ein Glockenklingen grüßt uns von den Türmen wie Stimmen aus den Seelentiefen der Stadt. Und wendest du dich um und schaust du weit ins Land hinaus, da sind die blauen Wogen des Waldes in der Ferne und vor dir in der Nähe und in der Weite im gewaltigen Ringe umher, die Halden, die schweigenden Beherrscher der weiten, stillen Landschaft. Bald träumen sie einsam im Felde wie ein gewaltiges Grab der Vergessenheit, der Vergänglichkeit entgegen, bald wandern sie in langen Zügen wie sagenhafte urweltliche Ungeheuer mit ihren Rücken und Kuppen durch das Zwielicht in geheimnisvolle Dämmerung hinein, bald türmen sie sich zu riesenhaften Kegeln empor, als sollten Pyramiden auf eines Pharao Geheiß zum Himmel emporgeschichtet werden, bald strecken sie sich lang und flach mit kurzem Steilhang wie vom Winde geformte, vom Sturm zerrissene Dünen, bald bäumen sie sich kurz, steil und trotzig empor wie eine vom Riesenpflug emporgeworfene Scholle. Bald weißschimmernd wie märkischer Sand, bald rot leuchtend, als bluteten alte, schmerzhafte Wunden, bald grünumwuchert, bald laubüberdacht, bald tot und nackt und kahl, stets wechselnd und doch immer dieselben schweigsamen und doch so vielsagenden Gestalten, sind diese Halden gewaltige und klingende Akkorde in der Landschaft Freibergs, welche die jahrhundertelange Arbeit des Bergbaues schufen und fügten zu einer heroischen Symphonie der Arbeit.
Die Bauten, welche die Halden hie und da krönen, klingen in dieser Symphonie mit und stimmen zur Ruhe und Macht der stillen Massen, als könnte es gar nicht anders sein. Wie träumend in weltenweiter Vergessenheit schaut uns so manche alte Kaue, so manches alte Grubengebäude an wie aus Märchenaugen aus der Zeit »Es war einmal«! Des Fäustels munterer Schlag ist längst verklungen, die fleißigen Häuer, die frischen Bergjungen, der bedächtige Hutmann sind davongezogen, und es ist still, ganz still geworden, wo einst des Bergmannes herzhaftes Glückauf erklang. –
Kein Haus, kein Dach in der Nähe, kein menschlicher Laut! Verlassen, vergessen steht die alte Kaue auf der Halde, ohne Fenster, ein Dach auf vier verwitterten Wänden, von denen der Putz herunterrieselt. Die Bruchsteine schauen braun und grau hervor, und die gelblichen Fugen sind ausgewittert vom Sturm und Regen, von Frost und Hitze, die hier auf einsamer Halde um das einsame Haus ihr Wesen treiben. Gestrüpp, langes, graues raschelndes Gras und Binsenbüschel haben sich angesiedelt. Nacktes Geröll und Sand in bunten Farben, gelb, grau, braun und rot und weißlich tritt überall in unfruchtbaren, toten Flächen zutage. Eidechsen huschen umher, ein bunter Schmetterling gaukelt müde und träge vorüber, hängt sich dort an die langgestielte Blüte der Skapiose, als wäre er verzaubert, der Schrei einer ziehenden Krähe, ein Rascheln in den spröden, langen Halmen und darüber des Himmels unendliche blaue Glocke, in der es summt wie geheimnisvolle Stimme, wie die Stimme der Einsamkeit.
»Auf den Halden schläft der Wind.
Leise Schmetterlinge fliegen.
Wege weiß ich, still verschwiegen,
Nur die kleine Grille singt.
Duft von Heu schwimmt überm Grunde,
Und wo froh die Sichel klingt,
Geht des Tages müde Stunde.«
So breitet sich schwermütiger Zauber über viele der alten Halden, der dich gefangennimmt, wenn du dich stille zur rechten Stunde ihnen nahst.
Doch in manche der alten Berggebäude ist neues Leben eingezogen, arbeitet und kämpft mit vorwärts gerichtetem Blick und greift auf jahrhundertealtem Arbeitsgrunde kühn in die Zukunft und in die Welt, das Alte mit neuem Geiste erfüllend. Auf der riesigen Halde des David-Richtschachtes wachsen mächtige Bauten empor, in welchen zur Flachsbereitung zahlreiche fleißige Hände sich regen. Wie eine stolze Burg der Industrie auf riesenhaftem Sockel reckt sie sich auf. Auf dem Abraham- und auf dem Turmhofschachte regen Maschinen die stählernen Gelenke. Und dort auf der Reichen Zeche, die hoch und beherrschend die Landschaft krönt, regt sich in den alten Gebäuden das frische Leben der Wissenschaft, wächst und schafft sich neue Bauten und Stätten der Arbeit. Die Bergakademie hat hier für Arbeit und Forschung, Lehre und Übung fest ihren Fuß auf alten bergmännischen Boden gesetzt, aus dessen Berührung ihr immer neue Kräfte zuwachsen. Das modernste Wissen von der Braunkohle und der Maschine, der Glaube an die Zukunft und das Hoffen haben ihre Fundamente gelegt auf den festen Grund bergmännischer Vergangenheit, Treue und Tüchtigkeit.
Und auf dem Dreibrüderschacht und auf dem Konstantinschacht sind aus den alten Grubengebäuden Kraftwerke geworden. Unten in der Tiefe des Schachtes im mächtigen, gewölbten, unterirdischen Felsensaal von 20 m Länge und 12,5 m Breite sausen die Turbinen 230 m unter Tage, getrieben von den auf diese Tiefe verfällten Aufschlagwässern, welche früher dem Bergbau dienten. Wie eherne Sehnen und Nerven ziehen sich die Drähte vom Schachte als Kraftmittelpunkt durch das Land und spenden Kraft und Leben tausend surrenden Rädern und Maschinen, tausend fleißigen Händen, Licht in tausend Dunkelheiten.
Braust hier auf diesen Halden das Leben modernster Arbeit und schmückt sie mit neuem Reiz und einer Wirkung von besonders eigenartiger Kraft, so liegt über anderen Stätten des Bergbaues, wo neues Leben eingezogen ist, ein inniger poetischer Hauch wie aus Märchenzeiten.
Durch den Hochwald, den duftenden, grünen Freiwald wanderst du dahin. Ein eigener Gedanke ist es, daß hier tief unter den Wurzeln der ragende Fichten einst das Silber wuchs, daß hier, wo jetzt der Wald seine grünen Geheimnisse rauscht, vor fernen Tagen der Knappe sein Glück suchte, in dunklen Schächten und Gängen das Silber grub, Halden türmte und seine Mauern und Giebel schichtete und richtete.
Die Meisen flattern zirpend von Zweig zu Zweig. Von ferne klingt die Holzaxt durch die grüne Einsamkeit und harzduftige Stille. Da leuchtet es hell durch die schlanken, goldbraunen Stämme, eine weiße Wand, braune Holzverschläge, grüne Fensterladen und ein graues Schindeldach, »das Schindelhaus« auf grüner Lichtung wie in einen Saal mit weichem, grünem Teppich gestellt, einst für bergmännische Zwecke erbaut. Wir tauchen weiter in die grünen Tiefen des Waldes und folgen dem schmalen Pfad, der uns hineinlockt, das Flüstern und Rauschen der Wipfel zu hören und ihren köstlichen Duft zu trinken. Da tritt heimlich aus tiefer Einsamkeit ein graues Dach hervor. Auf einer Halde, das taube Gestein ganz überwuchert von Grün, liegt dort ein altes Scheidehaus, jetzt das Heim anspruchsloser Waldarbeiter, »das Silberschnurer Scheidehaus«. Mächtige Fichten im grünen Kreise schauen hernieder wie hütende Wächter. Die Könige dieser grünen Riesen sind zwei Hängefichten, deren Äste mit langen hängenden Zweigen wuchten, als wären sie von den Feen der Waldeinsamkeit und deutscher Waldherrlichkeit mit Prachtgehängen geschmückt.
Wie zwei Türme wachsen sie empor in den blauen Himmel, zwei Türme, die die grüne Gotik des Waldes mit zartestem Astfiligran geziert, zwei Türme, die leben und duften, die eine Seele und eine Stimme haben zu singen und zu sagen. Leise, leise wiegen und rauschen ihre Zweige, als webten darin die Klänge von deutscher Sehnsucht und deutschem Leid, von alter Heldenzeit und jungem Trotz. Vorn im Gärtchen leuchtet es von Blumen im bunten Flor. Da stehen steif gravitätisch die hohen Malven mit ihren zarten Farben, die Kresse mit feurigen Blüten schlingt sich am niedrigen Gitter, Rittersporn und Eisenhut, Rosen und Nelken duften. Die Bienen des nahen Bienenstandes summen durch den Wohlgeruch und die Farbenpracht und sammeln ihre süßen Schätze ein. Kinderlachen klingt um das Haus, Windeln und bunte Lappen flattern am Seile. Im wärmenden Sonnenstrahl sitzt Großmutter am Klöppelstock. Auf Stufen führt gewunden ein schmaler Pfad hinauf auf die Halde, deren altes verlassenes Scheidehaus nun frisches, junges Leben birgt, Leben, Zukunft, Behagen und Zufriedenheit, eine Heimat tief im grünen Walde, eine Heimat aus Waldmärchenland auf uraltem, bergmännischem Grunde. –
Doch auch die letzte Heimat hat ein Großer des Bergbaues einst in einer Halde gesucht und dort seine Ruhe gefunden. Dicht bei Freiberg auf der Höhe liegt die Halde der alten Grube zu den heiligen drei Königen. Inmitten eines kleinen Haines von im Winde rauschenden Laubbäumen, grün umwuchert und laubüberdacht ist diese Halde ein Grab und ein Grabmal, wie es sinniger und stimmungsvoller kein Bergmannsherz finden kann. Hier auf freier Höhe angesichts der alten Bergstadt, die unten gleich einer malerischen dunklen Silhouette auf goldenem Grunde erscheint, inmitten der Freiberger Gruben, Halden und Hüttenwerke verfuhr der Oberberghauptmann Freiherr von Herder, ein Sohn des Dichters und Patenkind von Goethe und Matthias Claudius nach seinem eigenen letzten Wunsche seine letzte Schicht.
»Und sink ich einst in jenes dunkle Reich der Nacht,
aus dem auf seine Berge keiner wiederkehrt,
erhebt dann hoch, ihr treuen Knappen, mir das Grab;
nur aufgehäufte Erd und graue Stein,
ein Zeichen eurer Liebe, Knappen! –
Sitzt dann ermüdet an dem grünen Hügel einst der Wandrer
und gedenkt der Tag entflohener Zeit:
›Hier‹, sagt er ›ruht der Knappen treuster Freund! –
ihr Erster einst – ihr Erster auch in Wort und That,
galt es der Berge und der Knappen Ruhm und Wohl.‹
Erhebet hoch, ihr Knappen, mir mein Grab,
und denkt des treuen Freundes liebend nach,
wenn längst das enge Haus ihn deckt.«
Das sind seine Worte!
Ein kalter Wintertag war zur Rüste gegangen, Ende Januar 1838, tief lag die Stadt und draußen das Feld verschneit, da wurde er auf den Schultern seiner treuen Knappen den letzten Weg zu seiner Lieblingsstätte, die nun seine Grabstätte werden sollte, nachts bei Fackelschein emporgetragen. Durch den tiefen unwegsamen Schnee hatte man tags zuvor erst den Weg ausgeschaufelt und gebahnt und dann durch Hin- und Herreiten von Reitern der Garnison feststampfen lassen. Nun dröhnte das feierliche Trauergeläute von allen Türmen der Stadt herüber. Die letzte Bergparade zur letzten Schicht des toten ungekrönten Königs der Bergwerke entwickelte sich in düsterer Trauerpracht. Die schwere Seide der altehrwürdigen Knappschaftsfahnen knisterte, und schwer wallte der schwarze Trauerflor hernieder. Blank und rot blitzten im Lichte der Fackeln die Barten und das Gezähe der Knappen auf, so kriegerisch als zöge die dunkle Schar auf geheimnisvolle Heerfahrt. Ihre brennenden Froschlampen trugen sie in der Hand und leuchteten so ihrem Herrn zur letzten Fahrt zum dunklen Schacht des Grabes, aus dem noch kein »Glückauf« den Bergmann wiedergrüßte. Die altertümlichen russischen Hörner dröhnten mit mächtigem Klange ihre wuchtigen ernsten Weisen und steigerten die Wirkung zu einem gewaltigen, erschütternden Erlebnis. Wie die Beisetzung eines alten germanischen Heerkönigs im gewaltigen Hünengrabe auf windumbrauster beherrschender Höhe mutet dieses nächtliche Bild an.
Diese Stimmung klingt heraus aus zeitgenössischen Berichten und Gedichten:
»Beim Fackelschein sie trugen
den Sarg durchs Tor bei Nacht,
Ein Hüttenmann hält zur Linken,
ein Bergmann zur Rechten Wacht.«
Ja, wie Kaiser Karl im Untersberg und Barbarossa im Kyffhäuser schläft er nur und wird einst wiederkehren:
»Doch schwieg rings auf den Bergen
das Grubenglöckelein
und fuhr kein Knapp am Morgen
zur Tagesschicht mehr ein,
dann wirst du aus dem Schlaf dich
wie Barbarossa ringen
und deinem Freiberg wieder
die alten Tage bringen!«
Sinnend stehen wir und schauen auf die große Bronzetafel, welche den Namen und das Wappen des letzten großen Berghauptmanns alter, versunkener Bergherrlichkeit trägt, schauen auf die in Stein gehauene Grabschrift: »Hier ruht der Knappen treuster Freund« neben der rechts und links ein Bergmann und Hüttenmann das Berg- und Hüttenwappen hält. 75 Jahre nachdem Herder hier seine letzte Schicht verfuhr, verfuhr der Freiberger Bergbau selbst seine letzte Schicht, das Grubenglöcklein schwieg rings auf den Bergen, und wie eine Sage klingt nur noch das Wort von der Berge und der Knappen Ruhm. Über uns rauschen die Wipfel der hohen Bäume, rauschen und flüstern von alter Zeit. In Barbarossas Tagen, als Ströme teuren deutschen Blutes im heiligen Lande und im falschen schönen Welschland so nutzlos für die Heimat vergossen wurden, blühte der junge Bergbau auf als eine der schönsten Blüten deutscher Kultur und Tatkraft von größerem Werte für Volk und Heimat, als alle Kreuzzüge und Römerzüge, und nun, nach siebenhundertjährigem Glück und Glanz, wo der Bergbau zur Rüste gegangen, soll der stille Schläfer dort in der Halde der Barbarossa sein, welcher die alte Herrlichkeit wiederbringt! – O ihr Träume, ihr Gedanken und geheimnisvollen Triebe, ihr silbernen starken Flügel der deutschen Seele! Ihr habt unser Volk über vieles hinweggetragen, was andere vielleicht zerbrochen hätte. Ihr habt unser Volk in Begeisterung stark gemacht und schwach und elend in manchem leeren Wahn. Ihr habt unserem Volke, unsrer Heimat manches Schicksal bereitet, dem andre vielleicht entgangen wären. Ihr habt hier, wo die Halden jetzt ragen, in dunklen Schächten Schätze geschürft und das Land reich gemacht an Kunst und Kultur und edlen Gütern aller Art, ihr habt aus der eigenen Seele Schätze gespendet an alle Welt und Haß und Dornen sind eure Ernte. Auch Träume können Tat und Schicksal werden. Träume blühen in der Stille. Die Stille ist ein Spiegel, in dem Welt, Zeit und Ewigkeit sich dir spiegeln, wenn du nur zu schauen verstehst.
In der Stille wachsen große Gedanken, aus der Stille reifen wahrhafte Taten, aus der Stille steigt die Stärke der Seelen.
Wir wollen der Stille lauschen und in ihren klaren Spiegel schauen. Die stillen Halden um Freiberg mögen dir da vieles sagen und geben, da mag großes Gotteswerk und großes Menschenwerk, Ewigkeit und Vergänglichkeit zur fruchtbaren Stille führen.
Hünenmäler der Arbeit vergangener Tage, tot und doch lebendig, stumm und doch mit gewaltiger Sprache künden sie weit über das Land, daß Arbeit Schicksal, daß Träume Schicksal sind, daß aus Arbeit und Träumen die deutsche Seele sich ihre Zukunft formt, wenn sie nur erst starke, silberne Flügel zur Höhe emporhebt.
Vergiß nicht, Seele, daß du Flügel hast!