Vor der Goldenen Pforte.
Die Westfassade des Domes türmt sich in wuchtiger Einfachheit empor wie ein breitschultriger steinerner Riese, der den Himmel stürmen will. Doch dort, wo die Vollendung den Bau in der Höhe krönen soll, bricht er plötzlich unvermittelt ab, als wäre dem Riesen das Haupt abgeschlagen, und starr und tot ragen die eckigen Schultern über die Dächer. Schaust du zu diesen Baumassen empor und lässest deine Blicke über dieses Gefüge von starken Blöcken aus dem Gneisgefels des heimischen Bodens schweifen, das ohne jeden Schmuck in schlichter Größe und zwingender Gewalt kantig vor dir aufsteigt, so mußt du vor der Baugesinnung und dem monumentalen Bauwillen seiner Erbauer staunen.
Nach ihrem Willen sollte der Westbau als riesenhafter monumentaler Abschluß den ganzen Dombau krönen und als selbständiger, gewaltiger Bauteil neben dem Hallenbau den Ruhm, den Stolz und die Macht des jungen Domkapitels zur höheren Ehre der heiligen Jungfrau verkündigen. Die Breite des Schiffes genügte nicht für diesen stolzen Gedanken. Weit springt über die Schiffsmauern der Westbau nach Süden vor und setzt seinen Fuß tief in den grünen Friedhof hinein, äußerlich scheinbar ein breiter Riesenbau für sich, aber doch innerlich innig mit dem Schiffsbau verbunden und verwachsen. – Wir wissen es nicht, wie der Meister des Baues sich den oberen Abschluß dachte, aber wir können aus der ganzen Anlage des Westbaus schließen, daß er als gewaltiger Schlußakkord in geschlossener Wucht in die Höhe strahlen sollte, so daß vor ihm in seiner monumentalen Größe und Ruhe im Verein mit den mächtigen Flächen des Domdaches alle anderen Bauten sich beugten. – Neue Zeiten stiegen herauf, ehe die Westfront vollendet war. Die Stürme der Reformation umbrausten die langsam wachsenden Mauern, bis schließlich der letzte Maurer herabstieg und Notdächer dem unvollendeten Werke einen Abschluß gaben, Abschluß, aber nicht Vollendung! – Wann wird die Vollendung kommen? – –
Jahrhunderte gingen hin. Da griff ein Meister unserer Zeit zum Griffel, ein Meister, der Massen zu türmen verstand, der in der Wucht der Gedanken und Massen, in der kraftvollen Einfachheit die Schönheit suchte und aus der monumentalen Baugesinnung der alten Zeit heraus die Vollendung im Geiste neuer Zeit suchte, Bruno Schmitz.
Doch als das, was er im Geiste überragender Künstlerschaft geschaut und gebaut, zu Stein gewordener Geistestat emporwachsen sollte, da brachen die Stürme des Weltkrieges hervor. Wie vor 400 Jahren – o rätselhafter Doppelfall des Schicksals! – mußten die Künste schweigen, und der Meister legte sich selbst zum letzten Schlaf. – Wann wird die Vollendung kommen?
Sinnend stehen wir in der grünen Stille des Domfriedhofes, schauen die alten mächtigen, grauen Mauern und türmen in der Phantasie die Baumassen empor nach den Plänen des Meisters zur Vollendung in ruhiger monumentaler Wucht. Eine Amsel flötet im grünen Wipfel ihr Lied. Um uns schweigen die alten stillen Gräber, aber ihre schlichten, schönen Denkmäler reden eindringlich von einer verlorenen Kultur. Eine neue Zeit ist heraufgestiegen, wird eine neue Kultur heraufsteigen? Sind es Frühlingsstürme, welche uns umbrausen, oder sind es Herbststürme, die noch das Letzte rauben vor der Ruhe des Todes und winterlicher Unfruchtbarkeit? Tausend Hoffnungen sind geknickt, tausend Pläne sind zerflattert in diesen Stürmen! Werden diese Stürme auch Knospen wecken, daß sie aufbrechen und einmal Frucht tragen für eine neue Kultur echt deutscher Art? – Die Amsel singt ihr fröhliches Lied so jauchzend in die Frühlingssonne hinein und schwingt sich auf den First des Kreuzganges. Frühling und Wachstum, Knospen und Vogelsang über Gräbern! Die Hoffnung bleibt lebendig, und das Leben ist stärker als der Tod! Sei stille, das Leben wird neue Knospen ansetzen und Blüten und Frucht bringen, und es wird gesegnet sein aus den tiefen Quellen, welche die Jahrhunderte durchströmen und unversieglich sind, den Quellen deutscher Tiefe und inniger seelischer Kraft, die manchmal freilich verschüttet scheinen, aber in der Tiefe weiterströmen und dann plötzlich hervorbrechen mit neuer Frische, Kraft und Reinheit.
Wir schreiten zur Goldenen Pforte herüber und hören vor ihrer göttlichen Ruhe das Rauschen dieser Quellen deutscher Tiefe und inniger, seelischer Kraft. Mit schlichtem Worte preist sie der Chronist von 1653:
»Die Pforten dieser Kirchen seynd auch wohl außgearbeitet, sonderlich ist an der einen, welche seitwärts gegen Morgen nicht weit von Altar lieget, großer Fleiß und Kunst bewiesen worden, welche auch daher, und weil sie gantz übergüldet gewesen, die güldene Pforte genennet wird.«
Vor der Goldenen Pforte mußt du allein sein, oder ganz stille mit einer engverbundenen, hochgestimmten Seele. »Auf leisen Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum«, sagt Wilhelm Raabe. Sei stille drum, wenn du hier nahe trittst. Aus dem Dome muß dazu die Orgel klingen in feierlichen Akkorden, oder droben müssen die Glocken ihr ehernes Lied summen, weit über die Dächer empor zu den Wolken, und dein Herz muß offen sein, offen für Klänge aus einer reinen, hohen, heiligen Welt, für Klänge aus der Höhe. Ganz stille dann und schauen und schauen. Dann wird es in dir anfangen zu schwingen und zu klingen, und auf leisen Sohlen kommt die Schönheit und das Glück, und du hörst ferne Stimmen, die mit dir reden, und Gedanken gehen wie strahlende Wolken über den weiter und weiter sich spannenden Himmel deiner Seele.
Der Dichter des Nibelungenliedes, der Dichter des Gudrunliedes, der größten Lieder deutschen Heldenmutes und deutscher Treue, sind uns unbekannt geblieben, aber in ihrem Heldensang zittert und bebt und lebt unser Blut, unser Geist, unser Herz und Seele. Sie schufen ihr Werk fast zu gleicher Zeit als unsere Goldene Pforte aus gleicher Seelentiefe, Herzensreinheit und Geistesfülle erstand. Vor 700 Jahren hat ein tiefer deutscher Künstlergeist dieses Wunderwerk geschaffen. Niemand kennt seinen Namen, aber sein Genius ist heute noch lebendig und schlägt dich in seinen Bann und nimmt dich im Fluge empor zu den neun Himmeln der Verheißung und Erfüllung, die er in tiefer Symbolik hier gestaltete. Sein Werk ist heute noch frisch und jung, als habe der Künstler eben erst den Meißel weggelegt, so klar, daß es jedem Kinde etwas sagt, so rätselhaft, daß seine restlose Deutung tiefster seelischer Zusammenhänge und Erklärung vielfach verschlungener Symbolik und kunstwissenschaftlicher Rätsel noch keinem Denker gelang. Wenn man einem tiefen Eindruck nachsinnt, bleibt immer etwas Unergründliches, Unerklärliches, was unter der Schwelle des Erkennens ruhend den tiefen göttlichen Urgrund ahnen läßt. Soll man sagen, warum etwas von Beethoven z. B. ergreift, so muß man zuletzt verstummen. Vor der Goldenen Pforte kann man das letzte nicht sagen, man muß stille sein und in der Seele die Unergründlichkeit spüren.
So jung ist das Werk, als wolle der Meister den weggelegten Meißel wieder aufnehmen, um die letzten unvollendeten Teile, die er vor 700 Jahren verließ, fertigzustellen, dort den Flügel des Engels im Tympanon, dort die Konsolen in den gewaltigen Rundbögen. Das Fehlen dieser letzten Meißelhiebe gibt den sinnenden Gedanken neue Rätsel auf und webt einen feinen Schimmer der Romantik und spürenden Phantasie um Künstlerhände, die zu frühe müde wurden, um Künstlerschicksal, das sich zu früh erfüllte, um Künstlernamen, der im Dunkel versank, während er unter den hellsten Sternen der deutschen Kunst leuchten müßte. Doch was soll uns der Name, wenn das lebendige Werk laut seinen Meister durch die Jahrhunderte preist?
Durch Feuersnöte und Einsturzgefahren, durch Kriegsstürme und Belagerungen, durch Abbrüche und Umbauten, durch Glaubenskämpfe, Fanatismus und Bildersturm, durch Empörung, Aufruhr, Bubenspott und wilden Übermut, durch Regen, Frost, Blitz und Wetter, durch Roheiten und Zerstörungslust, durch Aberglauben, Gleichgültigkeit und tausend andere Gefahren von sieben Jahrhunderten steht die Goldene Pforte in wunderbarer Erhaltung bis auf unsere Zeit.
Das Gotteshaus, zu dem sie gehört, hat öfter seine Gestalt gewandelt, sie ist in ihrer Herrlichkeit geblieben und zeugt in ihrer strahlenden Schönheit von dem Geist und der Kunst der alten Zeit, uns so nahe verwandt und verbunden und doch so fern, so still erhaben in seiner stillen Hoheit und Geschlossenheit über der lärmvollen Zerrissenheit unsrer Tage.
Es ist, als ob ihre Schönheit, wie einst die Klänge des Arion wilde Tiere besänftigten, so alle Zerstörungslust und wilden Übermut gebändigt habe, daß sie stille wurden und vor ihr in scheue Bewunderung und heilige Ehrfurcht sich wandelten. Die Macht der Schönheit hat sich selbst behütet und bewahrt.
Und doch ist es nicht nur die Schönheit, die hier zu uns spricht, es ist das tiefste Fühlen und Denken eines ganzen Zeitalters hier in Stein gebannt und wie ein gewaltiges Glaubenslied, wie der Schrei der verlangenden Seele eines ganzen Volkes nach dem, was göttlich ist und über die Nichtigkeit zur Ewigkeit erhebt, klingt es empor.
Du fühlst es, denn du bist Blut von ihrem Blut, und das wird dir unaussprechlich klar, daß die Kunst arm ist, wenn sie nur diesseitig ist. Du spürst in dir das Erkennen, daß die Kunst die Sprache der Seele zu der Gottheit ist, daß in ihr das Göttliche in uns seinen sehnsuchtsvollen Ausdruck sucht. –
Das Volk jener fernen Tage konnte nicht lesen, aber es konnte deuten und die Sprache der Symbole, sinnbildlicher Bewegungen, Stellungen und Gestalten verstehen, wie es unsrer Zeit ganz verlorengegangen ist. So war ihm ein reiches Bildwerk symbolischer Art wie ein Buch, das mit ihm redete in stummer, lebendiger Sprache und sich einprägte wie eine gewaltige Predigt oder wie wuchtige Glaubenssätze. Es erkannte in ihm das, was es im Innersten erfüllte und wonach ihre Herzen verlangten. Es war ihm ein Ausdruck des eigenen besten Seins, Fühlens, Verlangens und Glaubens. Es war ihm eine gewaltige Predigt, welche ihre Seelen von der Geburt des Weltheilands, den die Könige anbeten, bis zu den Donnern des Jüngsten Gerichts, da die Gräber springen, von den Verheißungen des alten Testaments zu der Erfüllung des neuen Bundes trug.
Solch ein Werk wie die Goldene Pforte konnte nur geboren werden aus einer Zeit höchster religiöser Empfindung und gesteigerten kirchlichen Lebens, als die Macht der Kirche und ihrer Lehren und Auslegungen besondere Gewalt über die Seelen und Gedanken hatte. Es war die Zeit der Kreuzzüge, in welchen so viel religiöse Inbrunst verloderte und deutsche Kraft verblutete für weltenferne Träume und wirklichkeitsentrückte Gedanken. Es war die Zeit der Gründung des Franziskaner- und Dominikanerordens, die mehr als andere im Volke ihre Wurzeln schlugen und ausbreiteten, dadurch, daß sie in den breiten Massen wirkten und nicht sich abschlossen wie die anderen Orden, die bald auch in Freiberg ihre Klöster gründeten und bauten.
Die geistigen Strömungen wirkten sich in kirchlichen Gedanken aus. Da blühte dieser Gedanke in der jungen Bergmannsgemeinde auf, ihren Reichtum und ihren kirchlichen Sinn zu zeigen. Statt der schlichten, alten romanischen Pforte aus der ersten Bauzeit in der Gründungszeit der Stadt, deren Reste noch auf uns gekommen sind, sollte ein großes, stolzes Marienportal das Gotteshaus schmücken, schöner und reicher als irgendein anderes in deutschen Landen! Nach einem tüchtigen Meister hielt man Umschau. Man mag im Kloster Altzella bei den feingebildeten, kunstverständigen Benediktinermönchen, ferner in Wechselburg und auch in anderen Städten herumgehorcht haben. Die Ordensbeziehungen der Klosterleute und die Handelsbeziehungen der Bürger reichten ja weit und machten nicht vor den Landesgrenzen halt. Die bunt aus allen Stämmen gemischte, zum Teil auch weitgewanderte, geistig regsame Bevölkerung hatte manchen klugen und gebildeten Kopf, und der den Verkehr anziehende Segen des Bergbaues und die uralten Handelswege mögen auch manchen Welt-, Menschen- und Kunstkenner herbeigeführt und sein Wort und Ratschlag zur Geltung gebracht haben.
Den rechten Meister zum Werke zu finden, das war jedoch ein Glücksgriff besonderer Art, und wie ein Meteor taucht der Künstler aus dem Dunkel auf, helleuchtend mit seiner Schöpfung, und verschwindet wieder im Dunkel. Wir können nur vermuten und ahnen, auf welchem Wege er gefunden wurde und aus welchen Einflüssen heraus der Meister dieses herrliche Werk schuf. Keine Urkunde und keine Chronik meldet seinen Namen, aber aus dem Werke seiner Hand können wir fühlen, wie seine Künstlerschaft zu dieser Vollendung reifte und Anregungen aus Jugend, Heimat und Fremde verarbeitete und mit schöpferischer Kraft gestaltete. Er stammte vielleicht aus Magdeburg, wo in der alten Bischofsstadt ein neuer Dom entstehen sollte. Dort in der Dombauhütte war er wohl als junger Künstler tätig, der sich schon ausgezeichnet hatte, weit durch Deutschland gewandert war und vielleicht in Regensburg, wahrscheinlich aber auch in Halberstadt gearbeitet hatte und dort den Dom und die Liebfrauenkirche genau kannte, ihre Formen, Bildwerke und Malereien mit ihrem Gedankenreichtum in sich aufgenommen, gezeichnet und verarbeitet hatte, dessen Künstlerschaft an diesen Werken gewachsen war. Sein Meister in der Dombauwerkstatt von Magdeburg war aber auch in Frankreich gewesen. Ihn hatte der Erzbischof Kardinal Albrecht II. dorthin geschickt, um Anregungen für den neuen Bau zu schöpfen, aus den gewaltigen Kathedralen von Paris, Chartres und Laon, die der Kardinal in seiner Jugend gesehen hatte.
Dieser Meister hatte den Kopf und das Herz voll sprudelnder neuer Gedanken und Bilder mitgebracht und ein Skizzenbuch voll Zeichnungen von Portalen und Figuren und allerlei Einzelheiten, Notizen und Motiven, um, befruchtet durch fremdes, neuartiges, künstlerisches Schaffen und Gestalten sein eigenes Können und seine künstlerische Phantasie zur höchsten Blüte zu entwickeln. In diesem Skizzenbuche seines Meisters mag nun mit feuriger Seele unser Künstler studiert haben, um das, was an alter deutscher Kunst ihm herrlich schien, nach Form und Inhalt mit diesen neuen Gedanken zu verbinden und zur Vollendung zu führen.
Die junge Kunst der aufblühenden Gotik, wie sie in Frankreich emporwuchs, mit ihren neuen Konstruktionsgedanken lag ihm fern. Er fühlte mehr als Bildhauer und wendete seine Neigung dem bildnerischen Schmucke zu. Er zeichnete eifrig und entwickelte sich seine Gedanken und ließ sich von seinem Meister erzählen, wie an den französischen großen Kathedralen die Portale geschmückt waren: Ein Marienportal mit der Darstellung der Erhebung Marias zum Himmel und Krönung, ein Christusportal mit dem Heiland in der Glorie, mit den Evangelistensymbolen und der Königsreihe seiner Vorfahren, und schließlich ein Portal mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes. Wie mag der Künstler mit der Fülle der neuen Gesichte und Vorstellungen und Anregungen und Formen gerungen haben, mit denen die junge Gotik seine Feuerseele bedrängte. Das Neue, das ihm entgegenblühte, zu verstehen und aufzunehmen, und neue Gedanken mit der klaren, einfachen, alten, lieben Sprache der Heimat auszudrücken, das wurde das Ziel seines Ringens. Im benachbarten Halberstadt zeichnete und studierte er viel an den neuen Werken der kirchlichen Baukunst und Bildnerei. Auch manches Werk der Antike in edler Einfalt und stiller Größe mochte ihm bekannt geworden und von ihm in seiner Schönheit im heißen Glück empfunden und gezeichnet worden sein und ihn emporgehoben haben zu reifer, abgeklärter Kunst.
Es erging vielleicht durch Vermittlung seines Meisters in Magdeburg an ihn der Ruf von Freiberg, ein Prachtportal zu bilden zur Ehre der Jungfrau Maria und zum Schmucke der jungen, stolzen Silberstadt, deren Ruhm weithin durch das alte Sachsenland erklang. –
In welcher bewundernswerten Weise er diese Aufgabe anpackte und löste und eines der größten Meisterwerke deutscher romanischer Kunst schuf, wie er unter meisterhafter Beherrschung aller romanischen Schmuckmittel und künstlerischen Möglichkeiten und Formenreichtums alle Tiefen inniger Glaubensgewißheit und kirchlicher Lehre durchmaß und in seinem Werke ihnen Sprache und Leben gab, wie er mit der Glut seiner deutschen Seele die Klänge ferner, fremder Kunst in die göttliche Harmonie und Reinheit seiner heimischen Kunst voll ursprünglicher, selbständiger künstlerischer Eigenart einordnete, das ist Zeugnis für den Himmelsflug seines Geistes, die Tiefe seiner Seele und seine schöpferische Kraft. Und sehen wir vom geistigen Inhalt des gewaltigen Werkes ab, so ist schon die rein bildnerische, künstlerische Schönheit des Ganzen und aller einzelnen Teile so vollendet und ergreifend, daß es weit über alle Werke jener Zeit emporragt.
Die Goldene Pforte ist noch ganz romanisch, ein stufenförmig gestaffeltes Portal mit Säulen in den Winkeln der Stufen von reinromanischer Kapitälbildung. In der Ornamentik der mächtigen Rundbögen finden wir die kräftigen Zickzacklinien, wie sie besonders gern und häufig irische Mönche verwendeten, welche als Missionare Deutschland und Frankreich durchzogen und ihre einheimischen Formen zur Geltung brachten. Diese »Schottenmönche« hatten z. B. in Regensburg zwei Kirchen nach ihrer Art gebaut und geschmückt, und es ist wohl möglich, daß auch bei der Goldenen Pforte mit ihren Zickzackornamenten, die sich bis in die Schäfte der Ecksäulen zart fortsetzen, solche irische Einflüsse, sei es über Regensburg, sei es über andere Studien und Skizzen des Meisters wirksam gewesen sind. Alle Gebundenheit und Steifheit der Ornamentik und namentlich des Figürlichen, in der die mittelalterliche Kunst noch gefesselt lag und die mittelalterliche Figuren neuzeitlichem Empfinden oft so schwer verständlich macht, ist aufgehoben. Die Gestalten leben und sprechen und sind erfüllt von innerer geistiger Spannung je nach ihrer Bedeutung und Bestimmung. Sie sind mit einer plastischen Sicherheit und Kenntnis des menschlichen Körpers und seiner Bewegung hingestellt, als wären sie vom Frühlingshauche der jungen Renaissance, die doch erst 300 Jahre später nach Freiberg kam, berührt und erweckt, von formaler Schönheit erfüllt und über ihre Zeit hinausgehoben worden.
So ist die Goldene Pforte zu dem strahlenden Juwel geworden, das durch die Jahrhunderte leuchtet und auch heute noch jeden Beschauer zur Andacht zwingt, daß er empfindet: Hier stehst du an heiliger Stätte, an einer Stätte der Offenbarung deutscher Seele, deutscher Kunst und deutscher Gedankentiefe. Die Kunst erhebt sich hier in der Tat zu einer so ergreifenden Großartigkeit, sagt Richard Freiherr von Mansberg, ihr geistvoller Erklärer, dem wir hier folgen wollen, daß in dem ganzen Gebiete der Erzeugnisse dichtender und bildender Kunst außer dem gigantischen Werk eines Dante wohl keines zu nennen ist, welches an tiefer Durchdringung des geistigen schwer zu bewältigenden Stoffes bei gleicher Formvollendung dem unsrigen ebenbürtig zur Seite gestellt werden könnte. »Noch einmal,« sagt er, »verschmelzen hier antiker Schönheitssinn und deutsche Empfindung, getragen von einem Naturgefühl, das bis ins kleinste der Gesichtszüge, der Hände und Füße, voll Adel und Lebenswahrheit ist«.
Neun Bogen schließen sich so zusammen zu einem gewaltigen Halbrund, das als Symbol des Weltalls gilt mit den neun Himmeln, in welchen die beim Jüngsten Gericht aus ihren Gräbern auferstehenden Märtyrer, die Apostel und die Scharen der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen Gott in seiner Dreieinigkeit in den Scheiteln der Bögen thronend schauen und in feierlicher Würde verehren. Die Figuren sind wie die Juwelen eines Diadems in köstlicher Vollendung dem reichen Rahmenwerk eingefügt.
Dieses gewaltige Diadem umspannt das Bogenfeld (Tympanon) als Herz der ganzen Komposition. Die Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben ist hier thronend dargestellt, wie die drei Weisen aus dem Morgenlande, als Vertreter der Völker der Erde, ihre Gaben bringen und huldigen. Sie ist der Mittelpunkt des Weltalls, als die reine Jungfrau, die Gottesmutter, die Himmelskönigin, die Mutter der Gnaden in nahezu vollkommener Weise dargestellt. Hoheit und Demut und eine überirdische Verklärung spricht sich in den ernsten und doch weichen Zügen aus, die immer stärker fesseln, je länger man sie aus der Nähe betrachtet.
»Die Gottesmutter, die Himmelsfrouwe und der Engel Kuniginne«, wie der alte Dichter sagt, ist selten wieder in gleicher Tiefe, Innigkeit und Vollendung dargestellt worden.
Über ihrem Haupt runden sich die Himmelsbögen, in denen Engel, Apostel und Auferstehende die Erfüllung und Vollendung des göttlichen Erlösungswerkes symbolisieren. Zu ihren Füßen aber stehen Gestalten des alten Bundes, als Verkünder, Vorläufer und Ahnen des Heilandskindes, das sie in den Armen hält. Zugleich aber sind diese Gestalten als Sinnbilder zu deuten, die Maria feiern als eine Jungfrau, Gottesmutter, Himmelskönigin und Mutter der Gnaden. Zwischen den herrlichen Säulen mit ihren köstlichen Kapitälen, welche die Himmelsbögen tragen, stehen so auf kleineren Zwergsäulen sich gegenüber die Gestalten des Propheten Daniel und des Aron, der Königin von Saba und der Bathseba, des Königs Salomo und des Königs David, Johannes des Täufers und des Propheten Nahum.
Doch noch tiefer und weiter greift die Symbolik: Die neue Pforte zum Gotteshause sollte für die Freiberger Bergmannsgemeinde eine Bergmannspforte sein! Nicht ohne Absicht steht darum Aron auf der ersten steinernen Säule des Gewändes. Im Orient haben Namen ihre besondere Bedeutung. Der Name steht für das, was der Mensch selbst ist. Aron, das arabische Harun, von dem Märchenkalifen Harun als Raschid bekannt, bedeutet »Bergmann«! Aron, der Bergmann, steht als erster an der stolzen Pforte der Pfarrkirche der jungen Berggemeinde und weist so auf die Bergstadt hin.
Über der zweiten Säule ist die Stadt Freiberg, das alte »Vriberch« selbst dargestellt durch einen weiblichen Kopf mit Mauerkrone. Das Symbol der Mauerkrone kennzeichnete ja bereits in der Antike die Stadtgöttinnen.
Den ersten der neun Bogen tragen Löwen als Wächter des Heiligtumes, den dritten trägt die Stadt Freiberg als der Ort, der das Heiligtum baut, erhält und trägt, den fünften Bogen trägt links ein Bergmann in der alten Fahrhaube und rechts ein Mönch mit Fischen, der Bergmannsstand, der die Gemeinde bildet, und der Mönch, der die Gemeinde sammelt und pflegt nach dem Wort des Herrn: »Ich will euch zu Menschenfischern machen«.
Über 80 figürliche Darstellungen schmücken die Pforte in unerhörtem Reichtum aber ohne Überladung in köstlichem Rhythmus der künstlerischen Formen und der tiefen Gedanken. Die stets wechselnde Fülle der Ornamentik und aller Schmuckbildungen an Kapitälen, Gesimsen, Säulen und Bögen, in welchen Menschen- und Tiergestalten in echt deutscher Phantasie mit verflochten sind, ist staunenswert.
Hier zum ersten Male werden in Deutschland sitzende Figuren in den Nischen der Bögen verwendet, das einzige Mal im romanischen Stil, was später der gotische Stil häufiger zeigt.
Hier zum ersten Male in Deutschland wird eine Krönung Mariä dargestellt im untersten Bogen über dem Tympanon, die zwei bis drei Jahrhunderte später ein so beliebtes Motiv der Plastik und namentlich der Malerei wurde.
Hier zum ersten Male wird in der deutschen Kunstsymbolik das Jesuskind mit dem Apfel als Sinnbild der Welt dargestellt.
Eine Fülle von neuen Gedanken sind hier zum ersten Male ausgedrückt, die für Jahrhunderte die Kunst befruchteten und anregten. Hier ist die Kunst nicht nur ein Können voll Schönheit und nur der äußeren Form, welche die Augen beglückt, nein, sie ist eine Stein gewordene Weltanschauung von unendlicher, echt deutscher Seelentiefe, innerem Gehalt und unwiderstehlicher Gemütskraft. Sie ergreift das Innerste, weil hier eine gottbegnadete Künstlerseele ihr künstlerisches und seelisches Bekenntnis ausströmte und in wundervoller tiefer Einheit formte zu einem Werke voll leuchtender Klarheit, Schönheit und heiliger Innigkeit, einem Werke, in welchem das edelste Wollen und Fühlen seines ganzen Volkes und seines Zeitalters erhabenen Ausdruck fand.
Um die Wirkung seines gewaltigen Werkes auf das höchste zu steigern, hatte der Künstler dann das Ganze vergoldet und in reine leuchtende Farben, in strahlendes Rot, tiefes Blau und sattes Grün gehüllt. Das Gold und die Farben sind im Laufe der Jahrhunderte geschwunden, doch noch heute lassen sich Farbenspuren hie und da an versteckter Stelle finden und aus älteren Berichten kann die Farbengebung der einzelnen Teile mit einiger Sicherheit festgestellt werden. Die unverbildete Farbenfreude des Mittelalters, welche sich ja auch in der Tracht ausspricht, liebte es, architektonisch ausgezeichnete Bauteile, wie Portale, Erker, Giebel u. dgl. als besondere Schmuckstücke farbig zu bemalen und auch breite Wandflächen innen und außen mit Gemälden zu schmücken. Kaum ein mittelalterliches Bauwerk höheren Ranges wird auf die kräftige, belebende Wirkung reiner leuchtender Farben verzichtet haben. Das Erbe dieser Farbenfreude hat ja nur unsere Volkskunst in schlichtester Weise festgehalten, vermehrt und zu mancher neuen Blüte gefördert. Diese Farbenfreude, welche durch die mißverstandene Antike und Klassizismus verlorengegangen zu sein scheint, ist ein inneres Bedürfnis unseres Volkes und müßte wieder ihren Platz sich erobern im Leben des Volkes und im Straßenbilde.
Die alten Beispiele und die alte Volkskunst könnte da anregend und befruchtend wirken im Sinne einer farbigen, malerischen Bereicherung unserer so nüchternen, modernen, Grau in Grau gehaltenen und Grau in Grau die Seelen stimmenden Straßen und Plätze.
Wie ein Märchen voll Schönheit, Glanz und Farbe muß dagegen die »Goldene Pforte« einst gewirkt haben, und so manchen schlichten, rauhen Besucher aus harter, unwirtlicher Wald- oder Bergeinsamkeit überwältigt haben, als stünde er vor der Pforte des Himmels, wo alle Schönheit und aller Glanz vereinigt ist, so daß er geblendet die Augen schließen muß, nein, tief in die Seele die Herrlichkeit hineintrinken möchte und an dem Trunk genesen muß von dem, was schwer und trüb und dunkel seine Seele bedrückt und bedrängt, daß er alles vergißt, was dahinten ist und seine Sehnsucht nach dem ewigen Lichte strebt, und die Arme hebt dem leuchtenden Glanze entgegen. – – – –
Doch wir müssen scheiden. Die Glocken droben sind längst verklungen, aber im Herzen klingen lauter und lauter die Glocken, welche das Lied von deutscher Seele und deutscher Kunst, von deutscher Kraft und Schönheit singen, welche nach 700 Jahren noch jung ist und jung bleiben wird, solange noch eine deutsche Seele dem Lichte entgegenringt und goldene Pforten sich baut, leuchtend im Grau der Tage, hoch über dem Schmutz der Straße, hoch über den dunklen Tiefen des eigenen Herzens, die ihre goldenen Bögen öffnen der Erfüllung und Vollendung entgegen.