Im Freiberger Dom.
Bist du schon einmal im Freiberger Dom gewesen und hat deine Seele Zwiesprache gehalten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein gebannt sind? Hat einmal dein Herz es erlauscht, und ist es dir tief in dein Inneres gedrungen, daß hier nicht ein totes, steinernes Gefüge seine Blöcke zu Säulen und Wänden türmt und seine Gewölbe in kunstvollen Rippen und Kappen schließt, sondern daß das Ganze ein beseeltes Wesen ist, welches gewachsen ist, sich entwickelt zu einem höheren Dasein und lebt? In welchem Gedanken wirken und weben, schwingen und klingen, die aus dem tiefsten Innern des Volkes geboren, sich emporgerungen haben als Ausdruck der Sehnsucht und des Sinnens, wägender Weisheit, wähnenden Wollens und Waltens, ahnenden Schauens der Volksseele selbst? Komm mit mir und lausche, was die alten Wände raunen: Heimat, Heimat wird dich segnen und reich machen, erheben über die Zerrissenheit, Leere und Armut dieser Zeit, wird dich lohnen mit dem heiligen Gefühl des Heimatstolzes, daß was aus echt deutscher Seele geboren ist, unsterblich, unzerstörbar, ewig ist, weil es Keime immer neuen Werdens trägt, Keime der Auferstehung und des Emporringens aus der Tiefe zum Licht, zu heiliger Frucht, die wieder Samen streut auf Hoffnung und auf Erfüllung verheißende Zukunft!
Wir wollen heute nicht vor der goldenen Pforte, diesem Wunderwerke der Kunst aus der ersten Blütezeit der Stadt verweilen, sondern uns still an die Stufen des Altars setzen und schauen und hören, was an Stimmen und Stimmungen in uns und um uns laut und leise klingend wird, was aus fernen Tagen und Taten lebendig wird und Gestalt gewinnt. –
Leise singt die Orgel, sanft mit weichen Stimmen als streichele dir liebe Kinderhand die Sorgenstirne und nähme dir alles, was dich niederzieht, von der Seele und trüge dich weg von allem, was da draußen so grau und zwieträchtig dein Herz bedrängte. Dann braust sie gewaltiger empor mit mächtigem Klange jubelnd und jauchzend. Der ganze Raum wird ein himmelstürmender Jubel von eherner Wucht und unendlicher Reinheit und Schönheit, in dem deine Seele ergriffen und emporgerissen wird über Zeit und Ort als hätte sie Flügel, im Sturme zu eilen, zu schweben über Welten und Zeiten in strahlender Klarheit sieghaften Lichtes, Klarblick zu gewinnen über Weltweiten und Wesen der Dinge. Die schlanken Säulen scheinen zu beben als wollten sie sich lösen und emporwachsen und aufblühen zu höherer Schönheit. Die Kappen der reichen Gewölbe mit ihren Rippen, die wie die Maschen eines kunstvollen Netzes sich verschlingen, erzittern, als wollten sie zum Leben erwachen wie ein singender, klingender Vogel, der seine Fittiche spannt der Sonne entgegen.
Und auf den Wogen der Töne, die dahin quellen und schwellen, in wallender Flut sich drängen, überstürzen, eilen, sich suchen und fliehen und dann voll und breit dahinströmen, da kommen herbei die Gestalten, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Not und ihr Leid, ihre Freude und Hoffnung, ihre Sorgen und Pläne, ihre Schmerzen und ihr Lieben an diesen heiligen Ort getragen. Unendlich unübersehbar ist die Schar. Ihrer aller Seele Sehnen suchte einst an dieser Stätte Frieden und Erfüllung und hat ihr eine unsichtbare Weihe gegeben, die Weihe, welche nur das höchste Denken und tiefste Fühlen inniger Gemeinschaft vor tiefsten Rätselfragen suchender Seelen zahlloser Geschlechter geben kann.
Was kommt dort für eine Büßerschar? Mit nackten Füßen paarweise mit zerrissenen Gewändern, die den nackten Körper nur wenig verhüllen, einen offenen roten spanischen Mantel mit Kreuzen an Hüten und Kleidern vorn und hinten tragend? Geißler sind es, auf der Wallfahrt zur schönen Marie von Freiberg, jenem wundertätigen, lebensgroßen Marienbilde von Wachs, um hier ihrer Sünden und ihrer Schmerzen ledig zu werden. Schaurig klingen ihre Bußgesänge, die sie singen, um die Pest zu bannen, und klatschend fallen auf den nackten Körper die Geißelhiebe, unter denen aus blutigen Striemen die roten Tropfen spritzen. Doch wende ab den Blick vom traurigen Zuge. Dort schreiten gar würdige Gestalten einher. Die Männer der Freiberger Treue, an ihrer Spitze der Bürgermeister Nikolaus Weller von Molsdorf und neben ihm Nikolaus Monhaupt und die Ratsherren, welche anno 1446 im sächsischen Bruderkrieg einst auf offenem Markte im Sterbehemd lieber ihr Haupt dem Richtschwerte boten als den Schwur der Treue ihrem Herrn brachen: »Wir sind dessen entschlossen, daß wir lieber, wenn es je anders nicht sein könnte, den Tod erwählen und sterben, denn unsere Treu und Seelen also hintan setzen wollen.« »Ehe ich soll meinen gnädigen Fürsten und Herrn, deme ich gehuldet und geschworen, verraten, lieber soll und will ich mir jetzund alsbald meinen alten grauen Kopf abhauen lassen«, so klangen fest ihre Worte dem grimmigen Feinde ins trotzige Gesicht und überwanden ihn durch die adlige Kraft unbeugsamer Treue. »Nicht Kopf weg, Alter, nicht Kopf weg, wir bedürfen solcher ehrlichen Leute ferner, die ihr Eid und Pflicht also beherzigen«, war die Antwort des feindlichen, ritterlich denkenden Fürsten und dazu die Versicherung, nichts gegen Eid und Gewissen zu verlangen. So wahrten sie durch todesmutige Treue ihre Ehre und die Wohlfahrt der Stadt. Weller von Molsdorf, ihr Führer und Sprecher, war der Erbauer des Rathausturmes, den er der Stadt zum Geschenk machte, und sein Wappen, zwei Schwanenhälse, die einen Ring im Schnabel tragen, ziert in Stein gehauen noch heute die wundervolle gotische Lorenzkapelle im Turme mit ihrem schönen, reichen Portale. Wer hatte wohl mehr Recht als er in seinem Wappen das Symbol der Treue, den Ring, zu führen und das Wappen an heiliger Stelle anzubringen?
Nikolaus Monhaupt dort neben ihm war ein treuer und eifriger Sohn der Kirche. In seinem Hause auf der Petersstraße ließ er sich eine Kapelle bauen und vom Papste besonders begnaden. Herrliche gotische Sterngewölbe auf Rundpfeilern überdecken den Raum, in welchem er seine Gottesdienste hielt, diesen Raum, der später der kleinen Schar der Anhänger des Wittenberger Bruder Martinus als Zuflucht und Ort der Gemeinschaft in schwerer Zeit diente. Hier ward von ihnen das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt nach Luthers Lehre zum ersten Male begangen und die Herzogin Katharina, die Gemahlin Herzog Heinrichs des Frommen, die treue Bekennerin, mag heimlich zu dieser Feier in der Gemeinschaft ihrer Glaubensfreunde geschlüpft sein und neue Kraft und Erhebung gesucht haben. Noch heute erinnert die steinerne Tafel am Hause an diesen Tag. Schon vor dem Bau dieser Kapelle hatte Monhaupt seine Frömmigkeit bewiesen durch die Stiftung einer steinernen, farbig bemalten Figur der Gottesmutter mit dem Kinde, die heute noch in der Annenkapelle am Dom mit ihrer milden Schönheit herniederschaut. Ein Englein trägt die mit seinem Wappen geschmückte Konsole, auf der so ruhevoll die Gestalt der Maria steht. Vierzig Tage Ablaß waren dem verheißen, der vor ihr ein Vaterunser und einige Ave Maria gebetet. Wieviele Tausende mögen vor ihr gekniet haben! In welche trüben Fluten von Leid und Not, von Sorge und Sünde, von Schmerzen, Tränen, Wünschen und Hoffnungen mögen ihre milden Augen geschaut haben. Wie Wallfahrtslieder klingt es uns, wie Weinen und Schluchzen zerbrochener Seelen, dann wie Jubeln und Jauchzen erfüllten Sehnens, befreiter Herzen.
Vorüber ihr Gestalten, die ihr dort drängt, ihr Fürsten und Reichen, ihr Stolzen und Frohen! Das Leid heiligt eine Stätte mehr als die Freude. Der Strom der Leidgeprüften ist breiter, ist tiefer als der Zug der Freude. Ein Weinen ging durch diese Kirche als Nikolaus Hausmann, der in ruhiger Würde dort schreitet und zur Tulpenkanzel hinüberschaut, während der Predigt vom Schlage getroffen auf dieser seiner Kanzel niedersank. Dieser Schlag traf auch das Herz der jungen Luthergemeinde mit schmerzlicher Gewalt. Die Gemeinde war durch den Eigenwillen und Übereifer des früheren Pfarrers Schenk in Angst, Not und Zwietracht versetzt worden, so daß das reine evangelische Feuer, welches hell aufgelodert war, zu erlöschen drohte. Da sandte Luther selbst seinen lieben Freund, den Superintendenten Nikolaus Hausmann, um Abhilfe zu schaffen und selbst das Amt zu übernehmen, und nun? wo waren alle Hoffnungen?
Luther schloß sich in sein Zimmer ein bei der Todesnachricht und weinte bitterlich um ihn: »Quod nos docemus, ille vivit« hatte er rühmend einst von ihm gesagt: »Was wir lehren, lebt er.« Ist dieses Lutherwort nicht die herrlichste Grabpredigt, die einem treuen Seelsorger nachgerufen werden kann? Seit Hausmanns raschem Tode, am 1. September 1538 ist die Kanzel, auf der er hinsank, nicht wieder zur Predigt betreten worden. Die »Teufelskanzel« wurde sie vom Volke genannt.
Dort steht sie in ihrer bizarren Schönheit mit der sprühenden Lebendigkeit und sprudelnden Phantasie ihrer Formen und dem krausen Spiele aller Linien. Als wäre ein gewaltiger Blumenkelch emporgeblüht aus weißem, steinernen, felsigen Grunde. Aus der Wurzelrosette schießt der mittlere, palmenartige Schaft empor, der die seltsame Wunderblume auf einem Blätterkelche und Kranze von Weintrauben trägt. Lange Blütenstengel wachsen aus dem Blätterkranze am Grunde empor und sind mit Seilen zweimal an den Pflanzenschaft gebunden. Ihre Spitzen tragen große Knospen, deren Kelchblätter sich untereinander verschlingen. Schau, wie zwischen den Blütenstengeln auf Nebenblättern rings um den Schaft vier Englein sich tummeln und die Flüglein heben, als wollten sie sich haschen, im frohen Spiel rundherum springend im Kreise mit kindlichem Jubel. Der Blumenkelch oben ist von freibewegten, distelblattartigen Ranken umsponnen, wie von blühendem Steinfiligran in reichstem, zierlichen Linienspiel. Hier hat der Meister den starren Stein bezwungen mit seinem Meißel, die Ranken frei vom Untergrunde gelöst, als wären sie biegsames Edelmetall, das unter dem Hammer sich schmiegt und windet, wie der Goldschmied es will, und zu höchster Feinheit und Zierlichkeit in wundersamen Formen und Linien sich bildet. Die vier Kirchenväter schauen ernst aus dem Geranke hervor, Bischof Augustinus, Papst Gregorius, Erzbischof Ambrosius und der als Kardinal dargestellte Hieronymus. Es sind die Helden des Glaubens, der Verkündigung des Wortes und des Bekenntnisses aus den Sturm- und Kampfzeiten der jungen christlichen Kirche. Edle charaktervolle Männerköpfe sind es, voll individuellen Lebens und persönlichen Ausdrucks. Sind es hier die Bildnisse edler Männer Alt-Freibergs aus jener Zeit? Fast will es uns scheinen! Geist und Wille und persönliche Bedeutung lebt in ihren Zügen und jeder einzelne ist ein selbständiges Werk ausgereifter frei schaffender Bildhauerkunst, fern von den Gebundenheiten und Starrheiten der späten gotischen Kunst, voller Eigenart und selbständigen Schöpferdranges einer aus deutschem Urgrunde heraufblühenden neuen Kunst.
Wer war der Meister? Zwei rätselhafte Buchstaben H. W. an seinem Werke verbergen seinen Namen. Es sprechen für ihn seine Werke in ihrer herben Kunst und gehaltvollen Schönheit. Dort sitzt der große namenlose Meister H. W. selbst in Stein gehauen, im schlichten Arbeitskittel bescheiden am Fuße der Kanzel neben der untersten Treppenstufe. Andächtig lauscht er empor zu den Worten der Schrift von der Kanzel. Ganz deutsch ist sein ehrliches Gesicht mit dem kurzen Vollbart, sprechend die Bewegung des Mundes, der Hände und des ganzen Körpers, so daß man es spürt, wie ihn so ganz das Wort mit Andacht erfüllt und in ihm lebendig ist. Neben ihm spielen die Engel zu seiner Rechten, sie sind das frohe, jauchzende Leben und zu seiner Linken schreiten grimmige Löwen mit offenem Rachen um den Fuß der Kanzel. Sind sie die Versuchung, dunkle Leidenschaften oder die Sünde, »der Teufel«, der umhergeht wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlinge? Stellt der Meister gar sich selbst nur als ein Sinnbild der andächtig lauschenden Gemeinde dar, welche unter der Kanzel alles, was aus der Andacht reißt und vom Gotteswort abzieht, draußen lassen und Gott allein dienend vergessen soll? – Die alten deutschen Künstler haben in ihren Werken die Sprache tiefer Symbolik ohne abgebrauchte symbolistische Zeichen besonders geliebt und ihre Zeit verstand die innigen Zusammenhänge dieser geheimnisvollen Sprache mit dem Leben und Wollen ihrer Tage. Das ganze Rechtsleben und kirchliche Leben war ja von Symbolen und sinnbildlichen Handlungen erfüllt, die jedem geläufig waren. Was uns zunächst vielleicht als ein willkürliches Spiel bizarrer Phantasie ohne inneren Zusammenhang erscheint, als Künstlerlaune oder Einfall ohne tiefere Bedeutung, das gewinnt in diesem Lichte vielleicht wunderbare Geschlossenheit und ist Ausdruck tiefster Gedanken, welche in jener Zeit lebten und von jedem verstanden wurden. – Das Hündchen des Meisters sitzt auf der als Baumstamm gebildeten Säule, um welche die Kanzeltreppe sich windet. Es war sicher der Liebling des Meisters, sein ständiger Begleiter und sollte auch hier bei ihm sein, und ist in köstlicher Naturwahrheit dargestellt. Bei der Arbeit ist es vielleicht einmal auf die Spille gesprungen. Der Meister hielt dies Bild fest und nun sitzt das Hündchen als das Sinnbild der Treue, als Wächter erhöht und schaut keck in die Welt. Nichts entgeht seiner Wachsamkeit und er wird eifrig melden jeden, der naht. Will er nicht auch der Gemeinde etwas sagen? »Seid wachsam, denn dunkle Gewalten und Leidenschaften bedrohen ständig den Aufstieg zur Höhe?« Dieser Aufstieg ist hier durch die Kanzeltreppe dargestellt, deren Stufen auf starken Baumstämmen und Ästen ruhn. Ächzend unter der Last trägt sie eine Jünglingsgestalt auf ihrem Rücken, die rittlings auf einem Baumstumpf hockt. Er trägt schwer unter dem Joch der selbst auferlegten Last. Ist er ein Sinnbild der Menschenseele, die oft unter selbstgeschaffener Last oder schwerem Schicksal seufzt, während dies Schicksal doch nur einen Weg, Stufen zur Höhe bedeutet? Man glaubt das Stöhnen aus des Jünglings tiefster Brust zu hören, so schmerzlich verzogen ist sein Mund. Die ganze Gestalt ist so naturwahr und lebendig in Ausdruck und Bewegung geschaffen, ist so aus dem Leben unmittelbar gegriffen und dem Leben mit starker Kraft und Sicherheit nachgebildet, daß man nicht glaubt, ein Werk der sterbenden Spätgotik vor sich zu haben, sondern es fühlt, daß hier eine neue Kunst geboren ist, die Kunst einer deutschen Ur- oder Vorrenaissance aus deutschem Grunde, deutschem Fühlen voll eigenwüchsiger Selbständigkeit ohne südländisch italienische Muster. Ganz deutsch ist ja das ganze Werk, Wesen und innerer Gehalt der Kanzel mit ihrem Beiwerk, in dem der Künstler soviel erzählt und von seinem Denken und Fühlen, von der Traumwelt seiner Seele hineinlegt. Nur eines Deutschen, eines großen Künstlers suchende schöpferische Seele kann soviel geben und über die formale Schönheit hinaus die tiefe innige Welt seiner Seelengedanken in seinem Werke offenbaren, den eigentlichen geistigen Inhalt über Stoff und Form hinauszuheben. Nur ein Deutscher kann das Leben dieser Seele im Werke recht verstehen und würdigen. Die deutsche Phantasie hat diesen »hohen steinernen Predigtstuhl« daher auch mit ihren Sagenranken umsponnen, wie dort die steinernen Ranken den Blumenkelch der Kanzel. Die Sage raunt, der sinnende Meister dort habe seinen jungen Gesellen erstochen, weil dieser einen besseren Entwurf zur Kanzel gefertigt und das Wunderwerk ausgeführt habe, dessen er nicht fähig gewesen wäre. So sei der Geselle als Träger des Werkes dargestellt, während der Meister klagend daneben sitzt und dem Werke des Nebenbuhlers den Rücken kehrt. –
Auf dem schwebenden Kanzeldeckel über dem Predigtstuhl sind die Zeichen der vier Evangelisten angebracht und über ihnen erhebt sich aus einem Blattkelch die rührende Gestalt der gekrönten Maria mit dem Jesuskinde. Das Kind hat eine Weintraube in der Rechten und eine saftige Beere in der Linken. Es scheint vor Freude darüber zu zappeln, so daß Maria, die sorgliche Mutter, mit der Hand fest das Füßchen faßt, damit das Knäblein in seiner jauchzenden Daseins- und Lebensfreude nicht vom Arme hüpfe. Das Ganze eine rein menschliche, liebliche Szene vom holden Mutterglück, die auf jedes Gemüt wirken muß, und doch auch hier tiefe symbolische Bedeutung, die das Werk über das rein Menschliche weit emporhebt: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben« und »Dieser Kelch, den ihr trinket, ist mein Blut, für euch vergossen«. Auf diese Worte deutet die Traube und die Beere in der Kinderhand hin. Das fröhliche Kind hält in seinen spielenden Händen sein schweres, gewaltiges Schicksal, seine heilige Aufgabe, das Schicksal der Welt und jeder einzelnen Seele. Über der Kanzel erhebt und schwebt das liebliche Werk als Symbol dafür, daß über jeder Predigt als Kern und Leitgedanke das Evangelium und das Wort von der Erlösungstat stehen soll. »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium« steht in lateinischer Sprache auf der Unterseite des Kanzeldeckels über dem Haupte des Predigers schwebend und mahnend.
Wie bei der goldenen Pforte ein tiefer Reichtum von symbolischen Gedanken die Fülle der Gestalten miteinander verbindet und der geistige und künstlerische Gehalt sich in wunderbarem Rhythmus zu ebenbürtiger Hoheit erhebt, zu einem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, so ist die Tulpenkanzel eine steinerne Predigt, deren tiefer Inhalt in Verbindung mit der vollendeten Kunst die Herzen ergreifen und erheben muß. Sie steht mitten im Gotteshause, das als Predigtkirche, als freiräumige Halle mit steinernen Emporen errichtet ist, und verkörpert in sich lange vor der Reformation rein evangelische Gedanken, ein Predigtstuhl des Evangeliums inmitten der lauschenden Gemeinde, wie es seinesgleichen wohl kaum in deutschen oder fremden Landen gibt oder geschaffen ward.
Sinnend lassen wir die Kanzel auf uns wirken, suchen zu enträtseln und zu begreifen, und im Rauschen der Rhythmen der Orgel ist es uns, als bekäme sie selbst Zunge zu reden und zu hohen und weiten Gedanken zu erheben. Sie sah Fürsten und Gewaltige in ihrer Pracht und Herrlichkeit vorüberziehen, sie sah ihre sterbliche Hülle, ein Nichts, vorübertragen, Staub zu Staube werden. Die Hoffnung und der Stolz der evangelischen Christenheit, Kurfürst Moritz, der Löwe der evangelischen Sache, in der Blüte seiner Jahre von meuchlerischer Kugel hingerafft, wurde hier vorbei getragen, und düstere Pracht ehrte den toten Helden, mehr noch ehrten ihn die Tränen seines Volkes.
Es drängt die Fülle der Gesichte und Gestalten einer vergangenen Zeit und Welt, ohne deren Sein, Wesen und Wirken wir selbst ein Nichts wohl wären. Keine Gegenwart ohne Vergangenheit, und doch denkt die Gegenwart so wenig der Vergangenheit, aus der sie selber stammt, zu der sie selber wird. Welche Vergangenheit war wohl furchtbarer für die Stadt, wie für Land und Reich, als die Jahre des Dreißigjährigen Krieges, als blutiger Tod, Hunger und Pest ihre grausigen Geißeln über unser unglückliches Vaterland schwangen. Wie kniet in zitternder Angst und Sorge um das armselige Leben und tägliche Brot hier das Volk auf den steinernen Platten des Fußbodens, unter denen schon viele Geschlechter schlummern, sucht Trost und Stärke im heißen Notschrei der Seele. Wie oft tobte Plünderung, Brand und Mord durch die Gassen, und Rat und Bürgermeister waren machtlos. Für Freund und Feind war die Stadt nur ein Ziel der Beutegier. Jonas Schönlebe, dessen Wappen heute noch sein Stammhaus an der Ecke des Obermarktes und der Erbischen Straße ziert, war in den schwersten Tagen Bürgermeister der Stadt. Schweres Schicksal hat er für seine Stadt auf sich genommen und erduldet: Am 29. November 1632 wurden er, der Superintendent Gensreff und der Ratskämmerer Lindener als Geiseln über das winterliche, fast weglose Gebirge durch Eis und Schnee nach Böhmen geschleppt und kehrten erst am 31. Dezember nach schwerer Drangsal glücklich wieder heim. In jenen furchtbaren Tagen der Not mag er, vielleicht angeregt durch seinen geistlichen Leidensgefährten Gensreff, gelobt haben, wenn er glücklich errettet würde, an Stelle des alten unscheinbaren hölzernen Predigtstuhles eine neue Kanzel zu stiften, eine Kanzel für Luthers reine Lehre, nachdem er unter der grausamen Faust der papistischen Soldateska des Kaisers geseufzt und in Luthers Lehre seinen Trost und seine Hoffnung gefunden.
Entsetzliche Jahre der Not und Angst folgten. Unsägliches hat die Stadt und ihre Umgebung gelitten unter den Besetzungen, Belagerungen, Durchzügen, Kontributionen und Peinigungen von Freund und Feind. Der friedliche Bürger wurde heute von Schweden, morgen von Kaiserlichen oder den Soldaten des eigenen Landesherrn mißhandelt und ausgepreßt. Handel und Wandel war durch die Unsicherheit unmöglich gemacht. Wer sich vor die Tore der Stadt wagte, lief Gefahr, ausgeraubt oder gar ermordet zu werden. Wurden doch bei einem Begräbnis auf dem Donatsfriedhof dicht vor dem Tor das ganze Trauergefolge ausgeplündert. Die Zufuhren blieben aus, und weder Getreide noch andere Nahrungsmittel kamen zu Markte.
Häuser und Scheunen vor der Mauer wurden geplündert und verbrannt, und was nicht brennen wollte, ward niedergerissen oder sonst durchlöchert und verwüstet. Auch innerhalb der Mauer war die Unsicherheit groß und der ruhige Bürger gar oft der wilden Willkür, Habsucht und Wut fremden Volkes preisgegeben. Ständig waren Mauern und Türme von den Bürgern besetzt, und jeder rüstige Mann mußte Waffendienst bei Tage oder Nacht für seine Stadt leisten. Bald waren die »Blauröcke« Herren in der Stadt, bald bedrohte Oberst Ulefeld, bald Generalfeldmarschall Holk, bald »Krabatenoberst« Beygott, bald Oberst Taube, bald General Arnim die Stadt mit Plünderung und Brandschatzung. Im September 1634 bedrohten die Schweden unter Banner die Stadt mit Mord und Brand, im Oktober die Kaiserlichen unter Oberstleutnant Schütze und Schönickel und verbrannten alle Vorstädte, Freibergsdorf und Johannishospital und das vor dem Peterstor liegende große Glockengießhaus, »davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken in und über die Stadt haufenweiße geflohen und die Stadt in höchste Feuersgefahr geraten«. Viele Jahre kein Tag ohne Angst, Mord und Brand! Seuchen und Pest wüteten in der Stadt. Im Jahre 1633 z. B. sind 1632 Personen öffentlich bestattet worden außer denen, die heimlich begraben wurden. Diese furchtbare Zahl wird recht deutlich, wenn man vergleicht, daß heute bei etwa der doppelten Bevölkerungsziffer jährlich rund 500 Todesfälle zu verzeichnen sind. Die Zahl der Todesfälle in jener Zeit beträgt also das Sechsfache bis Achtfache der normalen Sterblichkeit.
Welche Bergeslasten von Sorge, Not und Angst für sich, die Seinen und vor allem für die ihm anvertraute Stadt mögen auf dem Herzen des tapferen Bürgermeisters Schönlebe gelegen haben! Und doch, das Werk seiner Kanzel fördert und treibt er »aus besonderer Andacht und zu Beförderung des Gottesdienstes und Zierde der Kirchen« trotz aller Nöte und Unruhen, so daß es im Jahre 1638 im Dome am mittelsten Pfeiler aufgestellt werden konnte. Hans Fritzsche, »der lange Bildenhauer«, scheint der Meister dieser Kanzel gewesen zu sein. Wie mag in der Werkstatt des Künstlers in seltener, ruhiger Stunde der tapfere Bürgermeister dem Werden des Werkes zugeschaut, Anregungen, Vorschläge und Wünsche gebracht haben, während draußen schon die Sorgen lauerten und mit knöchernem Finger an die Türe pochten. Ein Friedensdenkmal aus Freibergs schwerster, furchtbarster Zeit, aus grimmiger Kriegsnot, wo das Sterbeglöcklein nicht stille stand und täglich der rote Hahn seine feurigen Flügel schlug, wo blutiger Mord durch die Gassen schlich oder des Todes eiserne Würfel vor den Mauern rollten, ein Denkmal innigen Glaubens aus einer Zeit, wo Leidenschaften und Laster regierten, alles Heilige nur ein Spott war, und das wilde Leben der Begierden die kurze Spanne der zugemessenen Zeit genießen wollte in Saus und Braus, wo zwischen Blut und Pest das üppige Leben leidenschaftlichen Genusses in um so wilderen Strudeln schäumte. Ein stilles Denkmal der Kunst aus einer Zeit, wo alle Musen schwiegen und in glücklichere Lande entflohen schienen, wo Zerstörung und Vernichtung alles Schönen, der Untergang aller Kunst und edleren Kultur unter den eisernen Schritten des unersättlichen Krieges gewiß schien, wo tausend Kirchen und Altäre, Schlösser und stolze Häuser mit ihren Kunstschätzen in Staub und Asche sanken, geplündert und vernichtet wurden, und alle Keime und Blüten der Kunst und höheren Schaffens und Denkens zertreten und zermalmt schienen, ein heiliges Werk, emporgeblüht wie eine stille, edle Blume aus blutgetränktem Boden, eine Blume, an derem Werden und Wachsen sich in jener wilden Zeit vielleicht alle edlen und feinen Geister, alle sehnsüchtigen Herzen der Stadt erfreuten und aufrichteten wie an einem Symbol, daß einmal doch noch Friede und bessere Tage kommen müssen, ein Werk, das vielleicht heimlich an verborgener Stätte, von der kein Feind oder Verräter wußte, Gestalt gewann, und gerade dadurch den Treuen und Starken, den Trägern einer besseren Zukunft, um so teurer und heiliger, um so bedeutungsvoller und erhebender war.
Betrachten wir uns das Werk jener wilden blutigen Zeit, so fühlen wir es heute noch, wie hier die Stürme schwiegen und die Innigkeit des Glaubens, der Sehnsucht nach einem höheren Frieden seinen Ausdruck suchte. Vielleicht könnte im Leidenswege des Heilandes, der in den Feldern der Brüstung der Kanzeltreppe dargestellt ist, etwa ein Gleichnis, ein heiliger Widerklang der eigenen Leidenszeit, des schweren Kreuzes, das die treue Gemeinde selbst zu tragen hatte, angedeutet sein und gefunden werden. An der Kanzelbrüstung selbst ist der Gekreuzigte in Alabaster angebracht. Links und rechts davor knien anbetend die Freifiguren des Stifters Jonas Schönlebe und seiner Gattin Anna geb. Horn aus edlem Marmor gefertigt. Sie wollten selbst an heiliger Stätte mit betend emporgehobenen Händen verewigt sein. Sie, die so viel gesorgt, geschaffen und gelitten, wollen ihre Demut bezeugen, daß mit eigener Kraft nichts getan ist und nur der Glaube in schwerer Zeit aufrecht erhalten kann und die Kraft zum Durchhalten bei aller Not gibt. Wie oft mag so dieses Ehepaar gekniet haben in der Angst und unter der Verantwortungslast für die ihnen anvertrauten Leben und Güter der alten Stadt während der furchtbaren Tage der Belagerungen und blutigen Kämpfe, unter feindlicher Faust und giftigen Seuchen.
Den Kanzeldeckel ziert der aus dem Grabe auferstehende Erlöser. Ein Bergmann mit Fahrkappe, Kniebügeln und Barte ist einer der Wächter am Grabe. Dieser oberste Abschluß des Kanzelbaues war dem Stifter und Künstler wohl ein Sinnbild der Hoffnung und heiligen Glaubens auch daran, daß es aus der Grabluft, dem Blut und Tod der furchtbaren Zeit doch eine Auferstehung und Erlösung geben müsse.
Die Kanzeltreppe wird getragen von einem kauernden Bergknappen mit starkem Nacken und muskulösen Armen. Er ist ein Sinnbild der breiten Masse des Volkes der Arbeit, auf dessen Hingabe zur Sache, auf dessen fester Treue das Wort ruhen und sich stützen soll, in dem es fest wurzeln muß, wenn es Frucht bringen soll.
Den Rumpf der Kanzel selbst trägt auch ein Bergmann, ein Steiger, auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen in geschlossener ruhiger Haltung. Sein Kopf mit langem, lockigem Barte ist fein geschnitten, geadelt durch geistige Arbeit und mit gedankenreicher Stirn. Ist es der Künstler selbst, der sich hier dargestellt hat? – ein Künstlerkopf könnte es wohl sein – oder ist diese Gestalt das Sinnbild der geistigen Macht, des geistigen Erlebens, des Forschens und Denkens, des geistigen Ringens, aus welchem die Verkündigung des Wortes hervorwachsen muß, soll sie nicht verflachen, inhaltlos, leer und kalt werden? Das Bergmannskleid mag sagen, daß du wie ein Bergmann in die Tiefe schürfen und in die Höhe denken mußt, in unablässiger Arbeit, in Arbeitssüßigkeit und Arbeitsqual, du und jeder, der edle Erze fördern und die Tiefe des göttlichen Wortes ausschöpfen, erleben und dem Herzen nahebringen will. –
Welch eine lange Reihe von geistesgewaltigen Predigern und Seelsorgern hat auf dieser Kanzel gestanden und ist durch die reizvolle, künstlerisch geschnitzte Renaissancetür geschritten, welche die Kanzeltreppe abschließt. Der Schwung und die Anmut des Linienspiels dieser Tür ist wie eine künstlich verschlungene liebliche Melodie, welche vor der Predigt in hellen Akkorden sich aufwärts schwingt.
Die Bilder der alten Pfarrherrn und Superintendenten hängen oben auf der Orgelempore im Vorsaal zum Orgelraum am großen Wendelstein und schauen aus ihren dunklen Rahmen so ehrwürdig und ernst hernieder.
Sie, die Redner der Bergmannskanzel, ruhen zum Teil draußen auf dem »grünen« Friedhof, dessen Baumwipfel durch die Fenster des Domes schauen und mit Zweigspitzen wie mit zarten Fingern an die runden bleigefaßten Scheiben pochen. Sind die Wurzeln der Bäume tief im Grunde durch ihre Herzen gegangen und steigen nun ihre Herzensgedanken sehnend empor zum Licht und begehren Einlaß in das Heiligtum, welchem sie ihr Leben geweiht? – Andere schlummern hier unter den Fliesen im Dom, im Bereiche ihrer alten Kanzel, der Auferstehung entgegen als Ausklang und Ziel ihrer Predigt und ihres Lebens, wo die Kanzel selbst mit steinernem Munde predigt: Aus dunklem Grunde aufwärts auf Leidenswegen durch Not und bitteren Tod zur Auferstehung, zu einem schöneren Licht.
Ihre Worte sind verklungen, ihre Gedanken sind verschwunden, die einst geistesmächtig den Raum füllten und die Gemeinde stille machten. Die Gedanken und die Stimme eines anderen sind aber geblieben. Wir hören die Stimme in zarten weihevollen Tönen, in flutender Harmonie und im Brausen der mächtigen Akkorde, es ist die Orgel, die Stimme Gottfried Silbermanns, die Jahrhunderte nun schon zu den Herzen spricht, sie erbaut und ergreift und auch heute uns in geheimnisvolle Zauber spinnt, uns Vergangenheit und Gegenwart lebendig macht, verbindet und verschmilzt zu einer wunderbaren Einheit. Dort im alten Hause am Schloßplatz, das die Tafel mit seinem Namen trägt, hat er vor 200 Jahren seine Meisterwerke geschaffen. 54 Orgeln gingen aus seiner Werkstatt hervor, eine immer die andere übertreffend, so daß auch neidische Gegner ihre Bewunderung nicht verhehlen konnten. Er selbst stellte die höchsten Anforderungen an sich und sein Werk und war ein so eigensinniger Künstler, daß er im künstlerischen Jähzorn gleich ganze Instrumente zertrümmerte, wenn sie ihm nicht Genüge leisteten und seinen Erwartungen nicht entsprachen. Sein größtes und letztes Werk, mit 2896 klingenden Stimmen, ist die Orgel in der katholischen Hofkirche in Dresden, die er in besonderem Auftrage August III. schuf. »So wie diese Orgel gebaut ist, wird keine mehr gebaut«, sagte voller Begeisterung der Dresdner Orgelkönig Johann Schneider von ihr.
Unsere Freiberger Domorgel gibt ihr nichts nach mit ihren 2674 klingenden Stimmen, welche allen Jubel und alles Leid des Menschenherzens singen und tönen können. Im Vertrage erklärt er, es solle »das Hauptmanual einen gravitätischen Klang bekommen, das Oberwerk scharf und etwas spitzig, die Brust recht delikat und lieblich intoniert werden, in Summa das ganze Werk soll also beschaffen sein, daß es, wenngleich die ganze Gemeinde beisammen ist, dennoch seinen rechten Effekt zeugen kann und kapabel ist durchzudringen.« Zwei Jahre arbeitete er mit seinen zehn Gesellen daran, so daß das Werk 1714 vollendet ist. Mit dem bescheidenen Preis von 1500 Talern ist der schlichte, redliche »Orgelmacher«, wie er sich nannte, zufrieden. Ihm war der größte Lohn, daß sein Werk der Gemeinde und der Kunst dient, wie noch keine Orgel zuvor. Ein Kantor aus Leipzig und ein Hoforganist aus Altenburg übernehmen die Prüfung der neuen Orgel und kommen zu dem Schlusse, daß zu solchem Werke nur von Herzen Glückwünsche auszusprechen seien.
Ist auch der Klang das Wichtigste, gleichsam die Seele und das Leben der Orgel, so ist doch auch ihre äußere Form für den Kirchenraum von größter Bedeutung. Bewundernswert ist es, wie der Meister Silbermann die Orgel in den Raum hineinpaßt, so daß sie eine künstlerische Steigerung der Raumwirkung von großer Schönheit bedeutet. Wie sind die Scharen der mattschimmernden Zinnpfeifen zu gewaltigem Eindruck und mächtig schwungvollem Abschluß des Kirchenschiffes zusammengefaßt, von reich bewegter Schnitzerei umschlossen und seitwärts von musizierenden Engelsgestalten begleitet. Die Wirkung des Kirchenraumes erfährt hier eine Steigerung, in welcher Musik, Architektur und Plastik zu einem rauschenden Psalm zusammenklingen, ein Psalm, der erhebt und erbaut und aus dem Zusammenwirken der Künste einen heiligschönen Gottesdienst macht. Was für ein herrliches Bild mag die stolze Halle des Domes gegeben haben, als die Orgel zum ersten Male vor der versammelten festlichen Gemeinde erbrauste und wie in Engelchören alle ihre Stimmen und Register jubelten und sangen und wiederum im dröhnenden Fortissimo die Pfeiler und Wände zu erbeben schienen. Niemals vorher war ein Orgelwerk von gleicher Tonfülle, Macht und Harmonie geschaffen worden. Dort saßen alle die stolzen Bürger und Ratsherren, der Oberberghauptmann mit seinen Beamten in ihren bunten Uniformen und kleidsamen Trachten der Barockzeit. Das Haupt deckte die gewaltige Lockenperrücke, welche den Köpfen jener Zeit eine so besondere Würde und Bedeutung verleiht. Dazu die Reihen der Bergleute in ihren dunklen Bergkitteln mit blitzenden Barten über die Schulter, die den ernsten Hintergrund für das buntfarbige Bild abgeben. Noch lebte überall an Wänden und Pfeilern die Fülle der künstlerischen Bildwerke, mit denen Jahrhunderte das Innere des Domes geschmückt hatten, durch welche ein natürliches Kunstempfinden und tiefes religiöses Gefühl den Dom zu einer Weihestätte vieler Geschlechter, zu einem Heiligtum und Denkmal Alt-Freiberger Kunst und Pietät gemacht hatte. Einer späteren Zeit blieb es vorbehalten, viele dieser Kunstdenkmäler in Museen zu schaffen und dort einzusargen, oder zu zerstören und den Dom in engherzig beschränkter, nüchterner Auffassung zu stilreiner Gotik zu »reinigen«. Da stand noch über dem Altar das gewaltige romanische Kunstwerk aus Freibergs Frühzeit, die in Eichenholz geschnitzte Kreuzigungsgruppe, der Heiland am Kreuz mit Maria und Johannes zur Seite. Der Heiland breitet sterbend die Arme aus mit ergreifendem Ausdruck der Milde und Hingabe an die Menschheit: »Es ist vollbracht.« Maria ist wie eine edle römische Matrone gestaltet, mit antikem Faltenwurf des Gewandes, aber mit echt deutschem Gesicht, in dem Schmerz und Hoheit wunderbaren innigen Ausdruck finden. Es ist eine Frau unseres Blutes und Stammes, der dort sieben Schwerter des Schmerzes das Herz durchbohren. Sie preßt die Hand in bitterem Weh mit tiefbeseelter Bewegung an das zuckende Herz. Johannes steht wie ein römischer Senator, der mit der Linken die reichen Falten seines Gewandes rafft, die Rechte aber wie beschwörend oder gelobend erhebt. Das verklärende Licht der Antike scheint noch aus diesen Werken zu leuchten in unbesieglicher Schönheit, jedoch inniger christlicher Beseelung. Das ganze Werk gehört zum Höchsten, was die deutsche romanische Kunst des Mittelalters geschaffen hat.
An den Pfeilern der Emporen leuchten die zwölf Apostel in Gold und bunter Farbenpracht, und an den freien Pfeilern des Schiffes sind die Gestalten der fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen angebracht. Sie sind in der reichen Tracht der Zeit um 1500 wie deutsche Edelfrauen dargestellt, deutsche Mädchengestalten im deutschen Dom, um die Lehren und tiefen Gedanken des Evangeliums der Gemeinde nahezubringen. Köstlich ist der frohe Gesichtsausdruck der klugen, mit Kronen geschmückten und der verdrossene, träge der törichten Jungfrauen getroffen.
Weiter glänzen überall an Pfeilern, Wänden und Gewölben die bunten Wappen der alten edlen Freiberger Geschlechter, reich geschnitzte Epitaphien in Gold und Weiß und bunten Farben, und die kapellenartigen Nischen zwischen den Pfeilern unter den Emporen sind durch Holzeinbauten mit üppigen Schnitzereien von Rankenzügen und Blattwerk in schwungvollen Windungen und Verschlingungen abgeschlossen.
Fürwahr, die Gemeinde, über welche die Wohllautströme der neuen großen Orgel des großen Meisters Silbermann sich ergossen, der herrliche Raum des Domes, in welchem echt deutsche Kunst von Jahrhunderten sich zusammendrängte wie in einem geschliffenen Kristall, alles schloß sich zusammen in ehrfürchtigem Erschauern mit der gewaltigen musica sacra zu einer Einheit, in der nichts Fremdes, Unharmonisches war, zu einem Gesamtkunstwerk, wie es nur in besonders leuchtenden Stunden sich für sehnende und schauende Seelen gestalten kann. – Nicht einer kann es gestalten, nicht Geschlechter könnens schaffen, nicht der Künstler allein kann es aus den Tiefen seiner Seele emporheben, nein, du selbst mußt mit der Schöpfer des Gesamtkunstwerkes sein; denn die Kunst ist nur da, wo sie erlebt, erfühlt und mit dem Herzen ergriffen wird. Ohne dieses Erleben und Ergriffenwerden, ohne dich ist keine Kunst für dich vorhanden, und mag sie noch so herrlich leuchten und anderen Offenbarung und tiefes Glückserlebnis bedeuten. –
Die spätgotische Halle des Domes mit ihren Kunstwerken ist eine Schöpfung des Bürgertumes der alten getreuen Bergstadt. Sie diente der Gemeinde und ihrem Leben als heiliger Raum, in dem ihre innere Gemeinschaft und ganze Innigkeit zum Ausdruck kam und ihre Anschauungen und Gefühle Form und Gestalt gewannen. Dort hinter dem Altar aber, wo eiserne Gitter den langen Chor mit der Vierung vom Kirchenschiff abschließen, dient der Raum nicht den Lebenden, sondern den Toten. Nicht das freischaffende Bürgertum, sondern fürstlicher Wille, Reichtum, Prachtliebe und Kunstfreude und nicht zuletzt der Stolz auf die Ahnen und edles altes Geschlecht hat dort einen Raum geschaffen, wie es nur wenige seinesgleichen gibt in weiten Landen, die Fürstengruft der evangelischen Wettiner.
Wie eine rauschende, strahlende Melodie steigen von den Wänden in leuchtendem, edlem, farbigem Marmor die Säulen und Pilasterstellungen zu tabernakelartigen Aufbauten empor, mit Kapitälen und Gesimsen, mit Nischen und reichgegliedertem Gebälk in zwei Geschossen übereinander, mit reichem Schmuck von Ornamenten, von Maskenwerk, Frucht- und Laubgewinden, farbigen Wappen und anderen Verzierungen in Marmor, Alabaster, Gold und Bronze in kunstvollen, feinempfundenen Renaissanceformen. In der unteren Reihe der Nischen die knieenden Bronzegestalten der Fürsten und Fürstinnen zwischen korinthischen Säulenpaaren, zwischen den Pilasterstellungen der oberen Ordnung acht Propheten und oben auf den Gesimsen eine lustige Schar musizierender Engel, 34 an der Zahl, mit allen möglichen echten Instrumenten, die heute noch benutzt werden könnten, wie z. B. Mandoline, Geige, Harfe mit echten Saiten, Flöte, Posaune, Cymbal, Triangel usw., und über den ganzen Raum eine Decke gespannt, in der im blauen Himmel mit hängenden Wolken das Nahen des Jüngsten Gerichts durch die Posaunen der Engel, durch den Erzengel Michael mit Schwert und Wage und den Weltheiland mit der Erlöserfahne, umgeben von wimmelnder Engelschar in malerisch-plastischer Buntheit dargestellt ist, – ein Drängen von Gestalten, Formen und Farben, daß das Auge nur schauen und schauen kann und von der Fülle der Eindrücke überwältigt wird.
Zu den Füßen im marmorbelegten Fußboden liegen die großen Grabplatten aus Messing mit den Bildnissen der Fürstlichkeiten, welche hier ihre letzte Ruhe fanden. Die Bildnisse sind nach der Art des Kupferstiches mit Meißeln in das Metall eingegraben. 28 solche kostbare Platten mit wundervoller Zeichnung und Ornamentik, zumeist aus der Werkstatt der Hilliger stammend und von sächsischen Hofkünstlern entworfen, bilden so ein gewaltiges, ehernes Bilderbuch, wie es seinesgleichen kaum sonst zu schauen ist. Da ist die herrliche Grabplatte Herzog Heinrichs des Frommen, welche diesen mannhaften, waffenfrohen Fürsten in ähnlicher Darstellung wie auf dem Bilde im Rathause zeigt, im Panzer mit Arm- und Beinschienen, mit langem zweihändigen Schwert in den Händen, mit Schwert an der Linken und Dolch an der Rechten. Ein reich ornamentierter Rahmen mit Wappen auf üppigen Akanthusranken, in denen Genien herumklettern, umschließt das plastisch wirkende charaktervolle Bild des Fürsten. Er war es ja, der die kurfürstliche Begräbniskapelle gestiftet hat und 1537 testamentarisch bestimmte:
»Und wann wir dann nach dem wyllen des Herrn verstorben und entschloffenn sein, und uns der Allmechtige Gott aus diesem Jammerthal gefordert hatt, So wollenn wir das unnser Corper in unnser Stiefftkirchenn zu Freybergs soll bestattiget und begrabenn werdenn, und kain erhohet grab, Sondern ain schlechter (schlichter) Leichstein mit einem messingenn Pleche, darauf ein biltnuß mit umbschrieft unnsers titels gemacht werden soll.«
Da sind die Bilder fürstlicher Damen in kostbarer Kleidung mit reichem Spitzenschmuck angetan. So fein und zart ist die Zeichnung der Spitzen durchgeführt, daß kunstgeübte Hände nach diesen herrlichen Mustern diese zarten Wunderwerke neu schaffen könnten. Da sind die Bilder fürstlicher Kinder, welche, früh verstorben, nur durch diese künstlerischen Darstellungen der ewigen Vergessenheit entrissen sind. Eine solche Platte zeugt besonders von tiefem, echtem, unter Tränen lächelndem Humor: Das kleine frühverstorbene Söhnlein des Kurfürsten Johann Georgs I. in steifem Röckchen und mit dicken Pausbäckchen trägt eine Blume in der Hand und hört recht mißvergnügt, verdrießlich und mißtrauisch auf die überredenden Worte eines köstlichen Engelbuben, der ihn mit listiger Miene mit einem Apfel in das Paradies locken will. »Paradies, Paradies, wie ist deine Frucht so süß«, dieser Sehnsuchtsvers aus einem Kirchenliede ist dem kleinen Kerl oder vielmehr Prinzlein anscheinend nicht recht geheuer. Er wäre offenbar lieber bei der lieben Mutter geblieben und hätte mit den Geschwistern getollt, als daß er mit fremden Engeln Äpfel äße! – Ein echtes, tiefes, kindliches Künstlerherz kann nur so Leben und Tod, Leid und Hoffnung verbinden und versöhnen durch die überwindende künstlerische Empfindung und Kraft der Seele. Wie der wehmütige Klang eines alten Volksliedes, in dem von Jugend, von Liebe, von Rosen, Lilien und Tod gesungen wird, rührt dieses Bild auf der Grabplatte an das Herz. Wir denken an jene Grabplatte an der Nikolaikirche von Dippoldiswalde vom Jahre 1628, auf der ein Mägdelein dargestellt ist, das einen Blumenstrauß an sich drückt. Sie trägt den wehmütigen Vers:
»Begrabn Ligt ein Roselein hie,
Welchs abgebrochen etwas früh
Durch Todes Hand, der nicht ansiht
Obs Reiff sey oder hab verblüht.«
Der Tod in blühender Jugend, brechende Knospen, der Reif in der Frühlingsnacht wirken besonders tief auf das menschliche Gemüt und haben in der Dichtung ergreifenden Ausdruck gefunden:
»Es ist ein Schnitter, heißt der Tod,
Hat Gwalt vom großen Gott.
Heut wetzt er das Messer, es schneidt schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden, wir müssens nur leiden:
Hüt dich, schöns Blümelein!«
In der Begräbniskapelle jedoch, wo alles von des Todes Gewalt predigt, von dem grausamen Schnitter, der kein Blümlein, Narzissen nicht noch Kaiserkronen verschont, ist dennoch bei allem Ernst und aller Feierlichkeit nichts Düsteres, Schweres, was das Herz niederdrücken oder traurig stimmen könnte. Nicht Trauer, nicht Grab und Verwesung und Hoffnungslosigkeit sind die Raumgedanken, sondern Überwindung und Erlösung, ja ein gewisses Rauschen festlicher Pracht, und darüber hinaus ein Aufsteigen zu himmlischer Klarheit nach einem Leben voll Kampf und Arbeit.
Doch immer wieder gehen unsere Blicke zu den knieenden Bronzegestalten dort in den Nischen, die Carlo de Cesare’s Meisterhand schuf, zu der prachtvollen Mannesgestalt Herzog Heinrichs des Frommen mit breitem Vollbart, der die Linke auf die gepanzerte Brust legt und die Rechte beteuernd erhebt, als wollte er sein tapferes, glaubensmutiges Wort wiederholen, daß er lieber am Stabe bettelnd sein Land verlassen, als das Evangelium verleugnen wolle, dort Kurfürst August mit dem Zweihänder über die rechte Schulter gelegt, und ihnen gegenüber die edlen Frauen, die Herzogin Katharina und die Kurfürstin Anna in fürstlichem Gewande, anbetend knieend mit andächtig edlem, mütterlichem Gesichtsausdruck. Neben diesen vier Gestalten vermag die Gestalt Christians I. von Cesare und Johann Georg I. von dem Venetianer Pietro Boselli nicht in gleichem Maße zu fesseln.
Carlo de Cesare war ein Schüler des Giovanni da Bologna (1524–1608) und stammte aus Florenz. Um den rechten Künstler für die Bronzegestalten seines Werkes zu gewinnen, reiste Nosseni zu Pferde nach Italien und durch Vermittlung Giovanni’s holte er sich als Mitarbeiter den begabten Cesare vom glänzenden Hofe der Mediceer nach dem rauhen Freiberg. Im Oktober 1590 kam Cesare mit einigen Gehilfen hier an und hat 2 Jahre 8 Monate hier gewirkt, »Epitaphia von metallischen und andere Bilder von Sculpturn possirt, formirt und gegossen«. Von seiner Hand stammen an Gußwerken außer den Gestalten der fünf Fürstlichkeiten, die Figuren Johannes des Täufers und des Apostels Petrus, sowie das Kruzifix auf dem Altar, die Bildnisse der Gerechtigkeit und Liebe, der Hoffnung und des Glaubens am Chorschlusse und acht als Schildhalter verwendete Engel, ferner eine Reihe von in Stuck gebildeten Figuren.
Während des Baues der Kapelle mag Freiberg an eine der großen italienischen Kunststätten der Renaissance erinnert haben. Da wurde kostbarer Marmor in mächtigen Blöcken herbeigefahren, und in den Werkstätten der Steinmetzen arbeiteten kunstfertige Hände. Hieronymus Eckhart, Michael und Jonas Grünberger, Peter Beseler, Tobias Lindner, die Meister aus Freiberg, beschäftigten eine Fülle von Gesellen aus allen deutschen Gauen. Aus Straßburg, Metz, Heidelberg, Bamberg, Budweis, Dresden, Leipzig, aus Westfalen und anderen Gegenden des Reiches kamen sie herbei, um bei dem für Deutschland unerhörten Werke Lohn und Arbeit zu finden und vielleicht auch von der Kunst der Italiener zu lernen. Italienische Sprache und Laute klangen auf den Straßen der Stadt und die stolzen Südländer gingen keck einher und ihre Dolche saßen locker in den Scheiden. Ohne Eifersucht und Reibereien ging es unter den italienischen und deutschen Bildhauern nicht ab, denn Künstlerstolz und Künstlerblut ist rasch und heiß. Am 27. Dezember 1590 z. B. schrieb der Stadtschreiber in das Protokoll der Ratssitzung: »Die Steinmetzen, die welschen, richten allerhand Unlust an, haben ihre Dölche und Wehren.« Auch manche Freiberger Mädchen, denen schon damals ein schwarzhaariger, fremder Geselle oft besser gefiel, als ein ehrlicher deutscher Bursche, mögen an manchem Griff nach dem Dolche nicht schuldlos gewesen sein.
Fürsten, Edelleute, Bildhauer, Maler, Baumeister, Kunstgießer, Goldschmiede, vornehme Kunstfreunde, Reisende aller Art aus Deutschland und Italien kamen herbei, um diese neue glänzende Kunststätte zu sehen und ließen sich vom Baumeister Nosseni selbst oder vom Meister Hieronymus Eckhart, dem Steinmetzen und Pfleger der Fürstengruft führen, um dann den Ruhm des neuen großen Werkes weiterzutragen, denn wo gab es sonst in deutschen Landen ein ähnliches Zusammenwirken der Künste und Künstler zu großem, fürstlichem Werk und künstlerischer Tat wie hier?
Nosseni war auf sein Werk sehr stolz und eifersüchtig auf seine Rechte bedacht. Gleichwohl aber war er nicht zu stolz, bei fröhlichen Taufen und Hochzeiten in der Bürgerschaft mitzufeiern, Pate zu stehen und Trauzeuge zu sein. Als Bürgermeister Löser am 19. September 1594 Hochzeit hielt, waren Johann Maria Nosseni und der Baumeister Hans Irmisch unter den fröhlichen Gästen. Hans Irmisch war vielbeschäftigter kurfürstlicher Baumeister und hatte den Bau des Schlosses Freudenstein geleitet, auf dem Königstein, in Frauenstein, Torgau, Dresden und an anderen Orten größere Bauten ausgeführt und nun am Chor des Freiberger Doms die Vorbereitungen und Arbeiten zur Umwandlung zur kurfürstlichen Begräbniskapelle geführt. Die Buchstaben H(ans) I(rmisch) B(aumeister) und der Spruch: »Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut« an der nördlichen, äußeren Chorseite sind die bescheidenen Zeichen, durch welche er an sich und seine Tätigkeit beim Umbau erinnert.
Wie sehr unterscheidet sich diese echt deutsche schlichte Sachlichkeit, die die Person hinter das Werk zurückstellt, von der Ruhmredigkeit des eitlen Italieners Nosseni, der hinter dem Altar der Kapelle auf weißem Marmor in lateinischer Sprache sich und sein Werk mit folgenden anmaßenden Worten preist:
Fremder, steh und lies! Was ich sage, ist nur wenig. Dies köstliche Begräbnis, das du siehst, ist in fünf Jahren mit wunderbarer Kunst, vieler Arbeit und wirklich sehr großem Aufwand errichtet worden. Bei seinem Bau war ich nicht nur zugegen, sondern ich habe ihn auch immer geleitet, ich, Johannes Maria Nosseni aus Lugano, ein Italiener. Doch nicht nur die Form allein dieses prächtigen Werkes ist von mir, als Architekten, geschaffen, sondern ich habe selbst das Material in diesem Lande in eigener Person ausgeforscht, gefunden und künstlerisch nutzbar gemacht. Dies habe ich geglaubt mitteilen zu müssen, damit du Leser nicht unwissend bleibst, zum ehrenvollen Gedächtnis nicht so sehr von mir als dieses Landes, in welchem jederlei Art von Marmor gebrochen wird, dann vor allem der tapferen Fürsten Sachsens, welche über dieses reiche Land glücklich und ruhmvoll herrschen. Ich habe gesprochen, gehe weiter, lebe wohl und verkünde den Ruhm des Künstlers, wenn du überhaupt Kunstgefühl genug hast, um dieses herrliche Kunstwerk zu würdigen.
1603.
Mit keinem Worte erwähnt in dieser geschmacklosen Prahlerei Nosseni seine Mitarbeiter, einen Carlo de Cesare oder gar die wackeren deutschen Meister, welche so hohen Anteil am Gelingen des Werkes hatten. Im Gegenteil rühmt er sich gar fremder Verdienste, denn die Marmorbrüche, welche er benutzte, waren meist schon vorher gefunden und bei seinen Untersuchungen waren ihm sachkundige Meister zur Hand. Gleichwohl ist die künstlerische Verwendung der edlen Materialien, womit ihn Kurfürst August beauftragte, seine besondere Stärke. Der Kurfürst drängte ihn immer wieder, kostbares Gestein ausfindig zu machen, teils aus Prachtliebe, teils der wirtschaftlichen Bedeutung wegen, und daraus Kunstgegenstände zu schaffen. Alabaster aus Weißensee, rotweißen Dolomit von Schwarzenberg, Serpentin aus Zöblitz, bunten Marmor von Lengefeld, Rauenstein, Kalkgrüna, Wildenfels und Crottendorf, Kristalle, Amethysten, Topase, Achat, Jaspis und andere Halbedelsteine verarbeitete er. Ja, er erhielt sogar das Privilegium, einige dieser wertvollen Brüche für sich abzubauen, zu brechen und zu verkaufen und errichtete vor dem Wilsdruffer Tore zu Dresden eine Marmorschneidemühle an der Weißeritz, die auch für das Schleifen und Polieren von Halbedelsteinen eingerichtet war.
Heute noch können wir im Dresdner historischen Museum einige dieser kostbaren Marmormosaikwerke bewundern und uns an dem Glanz und der Fülle der Farben und Äderungen des heimatlichen Marmors erfreuen. Steinerne Tische »von Bildwerk und andern Ornamenten«, zwölf Stühle »mit mancherlei Steinwerk aufs höchste« geziert und andere kostbaren Werke sind vorhanden. Handbecken, Kannen, Leuchter, Schüsseln, Teller, Schalen, Löffel, Messerhefte, Büsten römischer Kaiser, Marmorfußböden für fürstliche Gemächer gingen aus seiner Hand hervor. Nicht immer ist der Kurfürst mit ihm zufrieden, sondern er erteilt ihm gelegentlich einen kräftigen Wischer: »Wir spüren aber daraus, das du nicht fast große lust zur arbeit hast und dein Besoldung lieber mit müßig gehen verdienen wollest.« –
Alle diese mehr kunstgewerbliche Verwendung des sächsischen Marmors war mehr vorbereitende und begleitende Arbeit zu dem Hauptwerke Nossenis, der Begräbniskapelle, wo in unübertrefflicher künstlerischer Weise das edle Material verwendet und in seiner Farbenpracht im matten Glanz der Polituren sich gegenseitig steigernd zu vollendeter Wirkung gebracht ist.
Durch dieses großartige Werk und Nossenis kunstgewerbliche Leistungen wurde der sächsische Marmor weithin berühmt und Proben dieser Kunst gingen auch ins Ausland und kündeten den Ruhm des sächsischen edlen Gesteins und der Kunstfertigkeit sächsischer Marmorbildhauer und Dreher. – – Wenn wir heute diese Werke schauen, so fragen wir uns, warum diese Edelindustrie untergegangen ist? Sind die Brüche erschöpft? Sind die Stätten verlorengegangen, wo »so herrliche, schöne Steine gefunden werden«, wie Nosseni 1580 dem Kurfürsten August mitteilt; sind sie vergessen, verschüttet? – Nur die Serpentinsteinindustrie von Zöblitz hat ihre bescheidene Blüte und erweckt größere Hoffnungen, nachdem der Geist modernen Kunstempfindens mehr und mehr die Erzeugnisse formt und adelt. Aber wo sind die anderen Stätten und Fundorte edlen Materials? Wie Kurfürst August sein Land durchforschen ließ, um fremdes Material zu vermeiden und im eigenen Heimatboden diese Schätze an kostbarem Gestein sich zu erschließen, so sollte man auch heutzutage »die Rute deutschen Findergeistes« zur Hand nehmen und forschen, bis man findet, was vergessen oder unentdeckt und unerschlossen im heimatlichen Boden ruht und zum Aufbau und neuer Blüte der Heimat beitragen und helfen mag. –
Doch wenden wir uns nun zu dem Werke, dem nach dem Plane und der Absicht des Kurfürsten August in erster Linie der Umbau des Domchores gelten sollte, dem Grabdenkmale des Bruders des Kurfürsten, dem Moritz-Monumente in der Vierung des Chores. Wie das gewaltige Modell einer Gralsburg aus Marmorgestein türmt es sich auf, auf deren höchster Zinne die Marmorgestalt des Kurfürsten in Panzer mit dem geschulterten Schwerte barhäuptig anbetend vor dem Gekreuzigten kniet. Helm, Streithammer und Pistole und das farbige Kurwappen sind vor dem Kreuzesstamme niedergelegt. Panzer und Waffen sind den Stücken nachgebildet, die der Kurfürst in der Schlacht bei Sievershausen trug. In feiner, sinniger Weise sagt so dieses Grabdenkmal, daß der Fürst seine Waffen und sein Leben seinem Glauben geweiht, und sich und sein Land im Leben und im Tode unter das Kreuz gestellt haben wollte. Dreigeschossig erhebt sich diese Marmorburg auf drei schwarzen Marmorstufen, auf denen zwölf weibliche Figuren aus Alabaster sitzen, die Musen der Geschichte, Künste und Wissenschaften. Bunte rote, gekuppelte Marmorsäulchen tragen das reiche rotbraune, vielverkröpfte Marmorgebälk des unteren Geschosses und auf ihm die Gruppen der vor dem oberen Geschosse Wache haltenden Krieger mit den farbigen Wappen der Länder des Kurfürsten. Das oberste Geschoß ist ein sarkophagartiger Aufbau, der von zehn in Messing gegossenen Greifen getragen wird. Engelsfiguren mit Sanduhr, Helm, Wappen und ähnlichen Sinnbildern sitzen am Rande der Deckplatte, auf welcher der Kurfürst kniet.
Reicher Schmuck an Reliefplatten aus Alabaster, symbolische Darstellungen aus Krieg und Frieden, Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe und andere köstliche Ornamente und Figuren beleben die Flächen des gewaltigen Unterbaues in künstlerischer Vollendung und reden im Sinnbilde von dem, was der Kurfürst geleistet und gewollt hat.
Auf 20 Inschrifttafeln aus schwarzem Marmor am Denkmal sind sein Leben und seine Taten im Frieden und Kriege in goldenen Buchstaben in lateinischer Sprache rühmend geschildert. Diese Inschriften sollte ursprünglich Melanchthon verfassen, der aber darüber hinstarb. Nach anderen Versuchen übernahm es schließlich der Kanzler Dr. Ulrich Mordeisen, die Aufgabe mit anderen gelehrten Männern zu lösen. Auf seinem Gute Kleinwaltersdorf bei Freiberg, das er sich erworben und umgebaut hatte und dessen Eingangstür heute noch sein Wappen mit der Jahreszahl 1560 schmückt, versammelte er vier Leuchten der Wissenschaft zu diesem Zwecke. Fünf der gelehrtesten Männer ihrer Zeit spitzten dort ihre Federn und schärften ihre Gedanken, um das Lebenswerk eines Zweiunddreißigjährigen in würdiger Form zu feiern – und wahrlich das Leben des Kurfürsten Moritz war kurz, aber voll von sprühender Tatkraft, von Taten, Gedanken und großen Plänen: Vielleicht war das, was an Hoffnungen mit seinem Tode ins Grab sank, viel größer und bedeutungsvoller als das, was er getan und erreicht hatte. – Ulrich Mordeisen, der drei Kurfürsten treu gedient, starb am 5. Juni 1572 und liegt unter dem Altar in der Kirche von Kleinwaltersdorf begraben. Das Altarwerk dort ist zugleich das Epitaphium für den Kanzler und zeigt ihn mit seiner Familie vor dem Gekreuzigten knieend dargestellt. In lateinischen Worten dort wird seine Treue und sein kluger Rat gerühmt. Auch hier bei dem Moritz-Monument hat sich sein kluger Rat bewährt, denn er war offenbar der Vertrauensmann des Kurfürsten, der mancherlei Aufträge zu erledigen und Verhandlungen wohl zu führen wußte. Das Moritzdenkmal ist das erste monumentale Freigrab Sachsens, das in Renaissanceformen ausgeführt ist. Es könnte auch in irgendeiner italienischen Stadt, einer Kirche von Florenz z. B. stehen, so italienisch ist seine Art. Nicht deutsche Hände haben dem deutschen Fürsten das Kunstwerk geschaffen.
Gabriel und Benedikt v. Thola aus Brescia »die welschen maler« am Hofe zu Dresden – es war Mode, italienische Künstler sich zu halten –, hatten die Entwürfe gemacht, nach denen erst ein Modell des Denkmals hergestellt wurde. »Vater« August war nun aber ein sparsamer Landesvater, der den Daumen auf seinen Beutel hielt und oft lieber seine lieben Landeskinder huldvollst für seine Passionen zahlen ließ, statt in die eigene Tasche zu greifen. So befahl er hier einfach dem Rate zu Freiberg, seine Domsakristei aufzugeben und ihm zur Verfügung zu stellen und die Allerheiligenkapelle am Chore, wo Freiberger Bürger der ersten Geschlechter begraben lagen, und heilige Ehrfurcht ihnen ewige Ruhe gelobt hatte, rücksichtslos zu räumen, die Grabmäler herauszubrechen und unter peinlichster Schonung der Gruft seines Bruders Moritz für seine Zwecke umzubauen, zu erweitern, den Domaltar in das Schiff hineinzurücken und Weiteres zu verändern. Er zwang sie sogar gnädigst noch die Fundamente zum Denkmal auf Stadtkosten zu errichten und die Abschlußgitter herzustellen. So ehrte er pietätvoll das Andenken seines tapferen Bruders aus der Tasche der Stadt Freiberg in landesväterlicher Huld. Wo die Gebeine der alten Freiberger blieben, kümmerte ihn wenig. Diese huldreiche, väterliche Sparsamkeit und Fürsorge bewies er auch weiter bei der Ausführung des Denkmals. Zwei Dresdner Bildhauer, Melchior Barthel und Christoph Walther forderten für die Ausführung des gewaltigen Marmorwerkes 6000 Taler. Bei dieser Summe versanken alle schönen Grundsätze von der Kunst, Arbeit, Verdienst im eigenen Lande, von landesväterlicher Fürsorge zur Hebung von Gewerbe, Handwerk und Steuerkraft, denn das ging schmerzhaft an den eigenen Beutel! August übertrug die Arbeit an Hans Wessel in Lübeck und dieser verdingte sie weiter für 2800 Taler an Meister Antonius von Zerun zu Antwerpen. Dieser ist später erst durch Klagedrohung zu der Restsumme von 613 Talern gekommen, welche weder der Kurfürst noch Hans Wessel bezahlen wollte! Aus belgischem Marmor von Dinant ist das Moritzdenkmal gefertigt. Dinant ist die Stadt, um welche zu Beginn des Weltkrieges das Blut der Freiberger Jäger besonders geflossen ist bei der Eroberung und durch Verrat und Hinterhalt im Straßenkampf. Diese belgische Stadt hat einen blutigen Namen für Freiberg voller Tränen und wehen Stolzes.
Von Antwerpen wurde das Marmorwerk in einzelnen Teilen zu Schiff über Hamburg elbaufwärts nach Torgau, wo der Kurfürst Hof hielt, und von dort nach Dresden und mit Wagen nach Freiberg geschafft und von Zerun und seinen Gesellen aufgestellt. So kam es, daß deutsches Geld, aber nicht deutsche Kunst und deutsche Hände dieses italienische Werk mitten im Herzen Deutschlands für den deutschen Fürsten geschaffen haben. Fremd ist es auch unserem Empfinden und fern von der innigen Gemütstiefe z. B. der Tulpenkanzel.
Der Kurfürst war sehr stolz auf das Werk und besorgt um den kostbaren Marmor und Alabaster, daß er zur rechten Wirkung käme und nicht durch Farbe übermalt würde. Er schreibt: »das man an den bildern nur die augenn und meuler mit ihren natürlichen farben anstreichen und sonst gar nichts mit farben daran schmieren solle außerhalb was vorguldet werden mus«, weil sonst »das gantze werck vorstellt und verunadelt würde«.
In diesen wenigen Worten kennzeichnet sich ein grundsätzlicher Unterschied fremdländischer gegenüber der deutschen mittelalterlichen Kunstauffassung, wie sie sich bis in die Renaissancezeit hinein erhalten hatte, die in der kräftigen Farbengebung und in der Steigerung des Materiales und der Formen durch Malerei große, feierliche und charaktervolle Wirkungen erzielt hatte.
Tilman Riemenschneider (1460–1531), der berühmte süddeutsche Meister, hat z. B. seine köstlichen Marmorwerke im Dome zu Würzburg farbig bemalt, ohne daß »das gantze Werck vorstellt und verunadelt« worden wäre, sondern nur an lebendiger künstlerischer Wirkung erhöht und gesteigert worden ist. Wir denken ferner an die goldene Pforte unseres Domes mit ihrer wunderbaren, uns kaum mehr faßbaren und erreichbaren Farbenpracht. Unsere ganze mittelalterliche, so echt deutsche, tiefe Kunst lebt und ist stark durch die Farbe. Das wundersame Leben in den köstlichen Altarwerken auch in den kleinsten Dorfkirchen ist auf die Farbe abgestellt. Diese Werke sind aus dem Seelenleben und tiefstem Empfinden und oft unbewußtem, künstlerischem Wollen unseres Volkes geboren und auf diesem Grunde hat sich echt deutsche Kunst zu eigenartiger, schöner Blüte entfaltet.
Die Farbe in der Baukunst und plastischen Kunst unserem Volke wiederzugewinnen und damit wieder zu den Quellen und Urgründen deutscher, starker, stolzer, nackensteifer Eigenart und Kunstauffassung zurückzukehren nach jahrhundertelanger undeutsch und falsch empfindender Fremdtümelei »mit dem Hute in der Hand«, wäre auch eine Arbeit an unserem Volk und unserer Heimat auf dem steinigen Wege zur Selbstbesinnung, Selbstbehauptung, zur Höhe. –
Im nördlichen Teile des Querschiffes, das durch ein köstliches Gitter reicher, alter Freiberger Schmiedearbeit abgetrennt ist, steht auf einer Konsole die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz, welche er in der Schlacht bei Sievershausen 1553 getragen hat. Seinen Sieg in jener Schlacht hat er mit dem Tode bezahlt. Die breite Öffnung links unten am Brustharnisch zeigt den Weg, den die tückische Bleikugel gesucht hatte. Schwarze Straußenfedern nicken vom Helm herab und die gepanzerte Rechte hält den Rennspieß des Kurfürsten. Sein Schwert und der Dolch mit dreischneidiger Klinge sind vortreffliche Arbeiten mit zum Teil kunstvoll in Eisen geschnittenen Gefäßen mit silbernen Auflagen.
Acht Reiter- und vierzehn Fußfahnen, die in der Schlacht bei Sievershausen erbeutet sind, an denen kaum ein Rest von altem Fahnentuch mehr ist, sind als eindrucksvolle Ruhmeszeichen und Zeugen jener Schlacht an den Seitenwänden angebracht.
Diese schlichte, schwarze Rüstung und diese erbeuteten Fahnen sind nicht laut und ruhmredig wie dort die Marmorburg, auf der der Kurfürst kniet, aber sie reden eindringlicher und wirken tiefer, denn sie erzählen als echte, treue Zeugen von großen Dingen, von Sieg und Tod, von Mannesmut und Opfer. Sie sind Leben und Geschichte, während jenes Denkmal von Kleinlichkeit erzählt, klein ist, weil es prahlt, arm an innerem Gehalt, trotzdem es viel redet und rühmt, fremd uns bleibt, weil unser Herz nicht dabei warm wird, wenn wir auch seine Kunst bewundern.
Zu Füßen dieser Rüstung stehen die Zinnsärge der Fürsten und Fürstinnen der evangelischen Wettiner, die älteren Särge in einfacher Truhenform, mit ebenem, glatten Deckel, die jüngeren mit hochgewölbtem Deckel, reich profiliert und zum Teil vergoldet. Auf den Särgen der Frauen ein Kruzifix, auf den Särgen der Männer ein Schwert. Wir blicken über diese Reihe von Särgen dahin und lesen die Täfelchen mit ihren Namen. Welche Fülle einst von Glanz und Macht, von Stolz und Kraft im Leben, über Tausende gebietend und heute nur noch ein Name, ein Nichts, im Dunkel der Vergangenheit versunken. Wie wenig sagen uns ihre Namen und hohen Titel, wenn nicht ihre Taten für Volk und Land für sie zeugen. Nur das, was sie zum Segen ihres Landes geschaffen, geleistet und gewollt, hielt ihren Namen lebendig. Durch Opfer haben sie sich das Leben gewonnen.
Diese Särge standen bis vor kurzem in der unterirdischen Gruft, wo ihr Zerfall durch die Zinnpest und andere Zerstörungen im feuchten, dunklen Raum immer stärkere Fortschritte machte. So wurden sie denn hier zu würdiger, vor Zerstörung, Feuchtigkeit und Moder gesicherter Aufstellung gebracht. Sarg auf Sarg wurde die enge, steile Grufttreppe mühevoll mit Flaschenzügen heraufgezogen und, wenn die Mittagsglocke oder Feierabend schlug, blieb auch wohl ruhig der Sarg in den Seilen hängen, bis wieder die Arbeit begann: Einst ein mächtiger Fürst, jetzt nur ein schweres Laststück, von dem rasch und gleichgültig die Hand des Arbeiters sinkt, wenn die Mittagsglocke schlägt oder gar mehrtägige Arbeitsunterbrechung ihn fortruft. Für die Vergänglichkeit irdischer Größe, äußeren Glanzes und Ruhmes ist dieses Hängen des verlassenen Fürstensarges im Flaschenzug ein bitteres, mahnendes Zeichen und Gleichnis:
Erde gleißt auf Erden
In Gold und in Pracht;
Erde wird Erde
Bevor es gedacht;
Erde türmt auf Erden
Schloß, Burg, Stein;
Erde spricht zur Erde:
Alles wird mein.
(Fontane.)
In tiefen Gedanken schreiten wir dem Ausgange der kurfürstlichen Begräbniskapelle zu. Wo die Großen, die Fürsten und Gewaltigen dieser Erde ruhen, prägt sich der Eindruck des Allbezwingers Tod besonders tief in die Seele:
»Siehst du nicht, wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis!«
So singt der blinde Sänger Homer seine Jahrtausende alte Klage!
Am Ausgange, in der ehemaligen Allerheiligenkapelle mit ihrem schönen, wappengeschmückten, sternartigen Rippengewölbe, fesselt uns noch das Grabdenkmal zweier edler, fürstlicher Frauen, der Kurfürstin Anna Sophie, der Gemahlin Johann Georgs III. und ihrer Schwester, der Kurfürstin Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, die hier im Tode vereint ihren letzten Schlummer tun. Hundert Jahre ungefähr hat dieses Denkmal mit den Särgen der edlen Frauen im Schlosse Lichtenburg nördlich von Torgau bei Prettin gestanden.
Lichtenburg hatte die Kurfürstin Anna, Mutter Anna, als Schloß sich ausbauen lassen. Nosseni hatte die Ausstattung mit Alabaster- und Serpentinarbeiten übernommen und durch »etliche erfahrene und wohlgeübte welsche Gesellen« ausführen lassen. Auch bei Deckenmalereien und Friesen mit Wappen und Sprüchen hat Nosseni dort seine Kunst walten lassen. Doch war das Schloß später ein stiller Witwensitz geworden. Kurfürstin Hedwig, die Gemahlin Christian II., hatte 28 Jahre, von 1613–1642, dort gewohnt und viel Wohltätigkeit geübt. Als sie hier in Freiberg beigesetzt wurde, folgten 22 Prediger und vier Superintendenten aus freiem Antriebe dankbar ihrem Sarge, weil sie namentlich für Kirchen und Schulen reiche Stiftungen hinterlassen hatte.
Anna Sophie und Wilhelmine Ernestine wirkten in ihrem Geiste in ihren Landen und auf dem stillen Schloß bis an ihren Tod. Ihr Grabdenkmal erzählt in stiller Symbolik von ihren edlen Frauenherzen, wie einst in Lichtenburg, so seit 1811 hier im Freiberger Dom. Als 1811 das Zuchthaus von Torgau nach Lichtenburg verlegt wurde, ließ König Friedrich August das Grabmal mit den Särgen an die Stätte, wo die Ahnen ruhen, bringen und hier neu erstehen.
In den Jahren 1703–1704 hatte im Auftrage des Königs August I. der Bildhauer Balthasar Permoser (1650–1732) dieses Denkmal geschaffen. Das Denkmal stellt ein schlichtes ernstes Grufthaus in strengen Barockformen aus schwarzem, weißgeflecktem Marmor dar, das in seinem dunklen Raum die schwarzen Marmorsärge der Fürstinnen birgt. Rechts und links von der dunklen Pforte, die in den Raum der Ruhe und des Todes führt, stehen zwei wundervolle weibliche Gestalten aus weißem, graugemasertem herrlichem Marmor von des Künstlers Meisterhand als der innige Ausdruck der mütterlichen Liebe und fürstlicher Güte und Wohltätigkeit. Die eine Frauengestalt, welche ein sich zärtlich anschmiegendes Kind auf dem Arm trägt, ein anderes liebevoll an der Hand führt, trägt die Züge von Anna Sophia, die andere mit dem reichen Füllhorn, aus dem sie spenden will, das Antlitz der wohltätigen Wilhelmine Ernestine von der Pfalz, welche kinderlos war.
Über der dunklen Tür ist als Bekrönung und Sinnbild der ernsten Bestimmung des Raumes ein Sarkophag mit Urne angebracht, an den sich die Gestalten des Glaubens und der Buße lehnen. Hoch hält der Glaube das Kreuz über den Sarg als Zeichen, daß der Glaube den Tod überwindet. Im Giebeldreieck des Grufthauses dient das in einer Kartusche vereinigte Doppelwappen der beiden Fürstinnen unter einer Krone als bedeutsamer Schmuck und Sinnbild der innigen Verbundenheit der Schwestern im Leben und im Tode. Der Totenkopf unter den Wappen weist auf die äußerliche leibliche Trennung im Tode, der Engelskopf darüber aber auf die Erlösung und das Wiedersehen in himmlischer Klarheit. Kindergestalten umgeben die Wappen, welche Himmel und Hölle, Tod und Gericht versinnbildlichen.
Schlicht und edel, von tiefem Ernst und strenger Wucht und Auffassung ist dieses Denkmal der beiden im Tode vereinten edlen Schwestern, so ganz anders als drüben Nossenis reiches buntes Werk oder dort das Denkmal des Kurfürsten Moritz. Es spricht nicht von Ruhm und Glanz, nicht von Macht und hohem Rang, nicht von Prachtlust und Reichtum, es spricht als echtes Grabdenkmal von der Vergänglichkeit und von dem, was über die Vergänglichkeit siegt und den wahren, echten Ruhm des Menschen ausmacht, von den inneren Werten, von der wahren, höheren Menschlichkeit edler Herzen und Geister. Durch diese zeitlose Sprache, welche uns berührt wie ein schöner echter Klang, der auch Jahrhunderte durchtönt, wird dieses Denkmal unserem heutigen Denken und Fühlen besonders nahe gerückt, als wäre es ein Werk unserer Zeit und nicht schon über 200 Jahre alt.
Wir sind am Ausgange, und hart klirrt die eiserne Tür ins Schloß, welche dieses Mausoleum sächsischer Kunst und Geschichte hinter uns wieder verschließt. Welche ungeheure Fülle hoher und schwungvoller Gedanken und tiefer reicher Empfindungen, von starkem Wollen und Können, von edler reifer Künstlerschaft, von Schuld und Schicksal, von buntem, vielgestaltigem Leben der Vergangenheit, von Wagen und Wirken und auch von bitterem Leid und dunklem Tod hält dieser hohe lichte Raum umschlossen. Ein Denkmalsraum ist es von eindringlichster Kraft und Wirkung, doch wer kennt ihn wirklich in Sachsen oder gar im Reiche? Wer hat diesen Raum, den alten Dom, die goldene Pforte wirklich erlebt? –
Wenn man die Räume im Geiste werden und wachsen sieht und in die Jahrhunderte blickt, welche ihnen den Wert und die Weihe gaben, wenn wir mit inneren Augen schauen, wie die Väter ihre Werke hier wollten und mit sinniger Seele schufen, wenn ihres Geistes Wehen und Wirken unser Herz berührt, daß seine Saiten miterklingen in verwandter Harmonie, wenn ihr künstlerisches Wesen und Wollen uns gefangen nimmt, wie etwas, das uns wesensgleich im höchsten Sinne ist, dann erst erleben wir recht solchen Denkmalsraum, den Kunst und Geschichte geweiht haben. Die Heimat und ihre Kunst, so vielen unbekannt und fremd, von so vielen vergessen, verachtet, wird dir ein Erlebnis sein, reiner und reicher als viele gepriesene Wunder der Fremde und Ferne! – – –
Geh einmal in den Freiberger Dom und lasse deine Seele Zwiesprache halten mit den Gedanken der Ewigkeit, die dort in Stein und Erz gebannt sind, mit den Gedanken und Träumen, mit dem Wollen und Wirken, dem Schaffen und Leiden der alten Geschlechter, die einst Erhebung hier gesucht, dann wirst du Antwort erhalten, die in deinem Herzen klingen wird, dann wird wie leiser Orgelton in deiner Seele das Erlebnis der Heimat sein. Und wenn du hinausschreitest nach stiller Weihestunde auf den grünen Friedhof und über dir dröhnen die alten Bronzeglocken der Hilliger, die große Susanna summt ihre wundertiefen weichen Akkorde, und das Silberglöckchen singt ihre helle Melodie dazu, – weit über die Dächer und Giebel schwingen und dringen, wogen und wandern sie in die blaue Ferne wie die Stimmen der Heimat und rufen wie die Sehnsucht stilleuchtender Stunden ganzer Geschlechter – dann rauscht es dir im Blute, denn du fühlst die Seele der Heimat, und du bist eins mit ihr.