Spruchweisheit in alter und neuer Zeit.
Unser Volk, das Volk der Denker und Dichter, hat immer seiner Seele tiefstes Fühlen in feste Formen gebannt. Nicht nur in Heldenlied und Sage, sondern auch im wuchtigen Hünengrabe, im stolzen steinernen Male, um das die Vergangenheit märchenhaft rauscht und raunt, im rheinischen Dome mit der anmutigen Zier der Zwerggalerien und Säulchen, im gotischen Münster mit himmelstürmenden Türmen und zur Andacht geheimnisvoll zwingenden Hallen, schaut uns die Seele unserer Vorfahren, die ja auch unsere Seele ist, aus tiefen, mächtigen Augen an.
Manche Sitte, manches Wort aus uralter, nebelgrauer Zeit klingt noch heute in unser Kulturleben hinein, und in Volksbrauch, Festen, Aberglauben, Namen und Zeichen sehen wir die Spuren des Geistes germanischer Urahnen und mittelalterlicher Gedankenwelt.
Das gefundene Hufeisen, welches das Schulkind als glückbringend heimträgt, verbindet es wie mit einer eisernen Brücke über den Strom der Zeit und vieler Jahrhunderte hinweg mit dem blonden Germanenkinde im deutschen Urwalde, das im Sausen des Sturmes in den Wipfeln der Eichen den Götterkönig von Walhall, Wodan, auf seinem schwarzen Rosse daherbrausen sah. – Das uralte heilige germanische Zeichen des Hakenkreuzes und das Symbol des Sonnenrades kehrt in den Kunstäußerungen der ganzen deutschen Vergangenheit bis auf die neueste Zeit immer wieder.
Wie der alte Germane mit Runen und heiligem glückbringenden Zeichen das Gebälk oder die Tür seines Hauses schmückte und jedes Gerät, jede Waffe vor allem, mit seiner Hausmarke versah, wie er in seinen Schnitzereien in wundersamen Rankenzügen und Verschlingungen geheimnisvolle Dinge rätselhafter Symbolik erzählte, so ist auch in den Steinbauten des Mittelalters das Steinmetzzeichen Rune und Hausmarke zugleich, so spricht aus den alten Fachwerkbauten mit ihren eigenartigen Balkenstellungen und Holzverteilungen eine tiefe Symbolik, die allerlei menschliche und übersinnliche Beziehungen auszudrücken vermochte.
Die bunten Schnitzereien der Holzhäuser in unseren mittelalterlichen Städten sind nicht nur lustiger, sinnloser Zierrat. Nein, sie sollen auch etwas sagen und erzählen und dadurch dem Hause einen besonderen Charakter und geistiges Antlitz geben. Das geistige Leben und das, was die Erbauer besonders erfüllte und beschäftigte, wird darin offenbar und lebendig.
Sinnvolle Beziehungen zwischen dem Hause und seinen Bewohnern, zwischen Gerät und dem Besitzer fanden ihren Ausdruck und drängten sich zusammen in einem Bildwerk oder einer Tafel oder einem Hausspruch oder einem Schmuckstück eigenwilliger Art.
Persönliche Erlebnisse und Anschauungen und die großen Zeitereignisse spiegeln sich oft darin wieder, und es ist darum die Sammlung und Erforschung solcher Haussprüche und Gerätesprüche, wie sie z. B. die Vereine für Volkskunde betreiben, ein wichtiger Beitrag zum Lebens-, Kultur- und Geistesbilde unseres Volkes.
Während in früheren Zeiten der Städte wohl jedes Haus seinen besonderen Namen trug, ist dies auch in kleinen Städten heute fast nur noch bei den Wirtshäusern, Gasthöfen und Apotheken erhalten geblieben.
Wie anheimelnd klingen Namen von Bürgerhäusern wie z. B. »Das Haus zur weißen Tür«, der Löwe, der grüne Sittich, das goldene Schiffchen, zum Läubchen, der Lindwurm, usw. Ein Haus in Würzburg hieß »Zum großen Schmied Wieland«. Das Haus hatte einst wohl einem Schmied gehört, der sein Haus nach dem alten deutschen Patron der Grobschmiede nannte. Der Lindwurm und der Schmied Wieland führen uns so aus lebendiger Gegenwart zur deutschen Sagenwelt, zu den frischen Quellen der Jugend unseres Volkstums zurück, das Haus »Silberschmied zum gekrönten Hecht« an den Märchenborn sonniger Kinderträume. Manche solcher kleinen Namenskleinodien sind noch hier und da zu finden und zu erlauschen.
Die Erhaltung solcher Namen und charakteristischer Hauszeichen, wo man sie nur finden mag, ihr Schutz vor Entstellungen oder ihre künstlerische Ausgestaltung in wirksamster Weise sollte eine besondere Sorge ihrer Besitzer und aller Heimatfreunde sein.
Eine Sammlung aller Hauszeichen, Hausmarken, Spruchbilder, Innungszeichen u. dgl. würde uns manche ungeahnten Schätze deutscher Kunstübung und deutschen Wesens vor Augen führen und zeigen, woran wir lernen können, wie in früheren Jahrhunderten Reklame mit Kunst und kerniger Volksweisheit, tiefes Empfinden mit praktischem Wollen und Können Hand in Hand gingen.
Schauen wir uns nur um in den alten Städten und forschen wir in dem Erbe, welches unsere Väter in den Straßen und Plätzen, in Kirchen und Häusern, in Akten und Archiven hinterlassen haben, reicher und reicher werden die Quellen fließen. Für uns selbst und für unsere Zeit und Zukunft werden wir gewinnen! Paul Graf von Hoensbroech sagt in seiner Schrift »Wenn die Toten erwachen«:
»Nehmet die Wünschelrute deutschen Findergeistes in die Hand, durchwandert mit ihr die deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit in Überfülle hervorsprudeln als segenspendende Ströme für unser Volk und für die Welt.« –
Der alten Berghauptstadt Freiberg hat in älterer Zeit nicht nur der Silberbergbau, der seine kulturfördernde Kraft für das ganze Land segensreich erwies, sondern auch die sich herausbildende Eigenart des echt deutschen Volkslebens und blühender bergmännischer Sitten und Gebräuche ein besonderes Gepräge gegeben.
Der Bergbau ist freilich zur Rüste gegangen, und die alten charaktervollen Bergmannsgestalten sind verschwunden. 1913 wurde die letzte Schicht verfahren. Aber in tausend Erinnerungen lebt sein Wesen und der Ausdruck seiner besonderen Art in Freibergs Mauern noch weiter. Versetzen wir uns einmal in die noch nicht gar lange entschwundene Zeit zurück, um manches Gewordene und Erhaltene zu verstehen, nehmen wir die Wünschelrute deutschen Findergeistes, mit welcher gerade der Bergmann so häufig nach verborgenem Erze forschte, zur Hand, und wir werden wertvolle Aufschlüsse finden.
Der Bergmann, welcher in der stummen, geheimnisvollen Tiefe seiner dunklen Schächte sein Berufsleben abgeschlossen verbringt, erhält eine ganz besondere Ausprägung des Charakters. Sein geistiges und seelisches Leben wird dort unten wunderbar berührt und angeregt. Bei den gefahrdrohenden Mächten der Tiefe, die nur spärlich sein Grubenlicht erhellt, streckt sich und sehnt sich sein Inneres zum Licht: In der Weltentrücktheit baut er sich in seinem Inneren eine neue Welt auf, in der auch bunte Kristalle der Phantasie und Silberadern geistiger, höherer Werte schimmern.
Fromm und gottesfürchtig, arbeitsam, zufrieden und genügsam, dabei auch oft voll kecken Übermutes und Freude an Scherz und Neckerei, steckt er voller Spruchweisheit. Er drückt gern sein Empfinden in Reimen und Verszeilen aus. Die Bergsänger mit ihren »Bergreyhen« erinnern an die Barden, die einst das Heldenlied pflegten, oder an die Bänkelsänger, welche von Ort zu Ort zogen. Die Bergmusikanten mit ihren Liedern und eigenartigen Instrumenten waren überall im ganzen Lande gern gesehene frohe Gäste. So ist es denn nicht wunderbar, daß gerade in Freiberg eine Fülle von Reimen und Zeilen alter Spruchweisheit erhalten und durch die Überlieferung bewahrt geblieben ist, daß auch heute noch in Freiberg so mancher ehrwürdige Hausspruch und bergmännischer Zierrat uns grüßt, und daß diese echt deutsche, uralte Sitte, durch Sinnbild und Sinnspruch zum Denken und sinniger Betrachtung anzuregen, oder durch Sprichwort oder Neckwort zu mahnen, zu reizen oder zu spotten, auch in weiteren Kreisen heimisch wurde und sich auf allerlei Geräte und Stellen ausdehnte, an denen sonst ein Spruch nicht gesucht wird.
Ein besonders reimfreudiges, verslustiges Völkchen scheinen auch die Ziegelstreichergesellen gewesen zu sein, die oft mit großem Geschick ihre Einfälle den Dachziegeln anvertrauten. Von der Rechnung des Wirtes im schwarzen Walfisch zu Askalon, die für den seßhaften Gast in Keilschrift auf sechs Ziegelsteinen eingegraben stand, war ihnen sicher nichts bekannt, denn viele Jahre später erst sang Scheffel sein feuchtfröhliches Lied. Auch die beschriebenen Tontafeln von Babylon und Ninive waren ihnen fremd, denn sie harrten noch tief unter Schutt und Lehm der Ausgrabung, Auferstehung und Deutung. Aus sich selbst heraus fanden die Ziegelstreicher den naheliegenden Zeitvertreib, sich ihre einförmige Arbeit durch eingeritzte Inschriften auf den Dachziegeln zu verkürzen. In den bildsamen, lufttrockenen, weichen Dachziegel ist mit einem spitzen Werkzeug oder eisernem Griffel die Schrift und Verzierung ziemlich tief eingegraben. Dann sind die Ziegel kräftig gebrannt und beliebig auf diesem oder jenem steilen Dache, manchmal sogar mehrere zugleich, mit den anderen weniger ausgezeichneten Ziegelgenossen verlegt worden. Der älteste dieser Ziegel trägt die Inschrift »Anno 1692. J. W.«, der jüngste stammt aus dem Jahre 1839.
Es mag für die Ziegelstreicher ein lustiger, lockender Gedanke und vielleicht manchmal nicht ohne gewisse Anzüglichkeit gewesen sein, daß ihre Einfälle und Inschriften hoch über der Straße den Augen der Menge entzogen waren, aber doch ein heimliches Dasein und Leben hatten, und zwar nur vielleicht einmal einem Essenkehrer oder Ziegeldecker, den Wolken und Vögeln sichtbar wurden, aber doch einem späteren Geschlechte von ihnen künden konnten, wenn vielleicht längst ihr Leib in Staub zerfallen war. Denn nur durch Zufall beim Umdecken alter Dächer kommen auch heute noch ab und zu solche Ziegel zum Vorschein. Auf manchen alten Dächern in Freiberg mögen noch hie und da solche bemerkenswerte Ziegel ruhen, aber die meisten mögen verwittert, zerbrochen, mit Kalk verschmiert, verrußt, unleserlich und unkenntlich geworden oder verlorengegangen sein. Einzelne dieser seltsamen Ziegel sind in Privatbesitz gelangt. Eine größere Anzahl befindet sich im Museum des Freiberger Altertumsvereins, dem König-Albert-Museum. Die Schrift ist klar und leserlich in schönem Schwunge und Verteilung meist in lateinischen Druckbuchstaben scharf in den Ziegel geritzt und am Rande des Ziegels durch Zierlinien in Bogenzügen schmückend eingerahmt und abgegrenzt. Bei manchen dieser Ziegel fühlt man es, mit welcher Freude und Stolz der Schriftkünstler sein kleines bescheidenes Meisterwerk so schön wie nur möglich gestaltete und seine Geschicklichkeit zeigte.
Was schrieben nun jene einfachen Menschen auf die Dachziegel? – Das, wovon ihr Herz gerade voll war!
Da standen z. B. ein paar Gesellen im Ziegelschuppen, hatten Frühstückspause, neckten sich, und sprachen von ihren Mädchen oder Frauen: der brummige Alte dort hatte wohl öfter über sein Hauskreuz geklagt. Ihm schreibt der Schriftkundige das steinerne Stammbuchblatt, das er selbst dann rasch in den Brennofen schafft:
Ein altes Weib, ein Tudelsack,
das sumpt und brummt den gantzen Tag.
1822.
Wenn nur nicht seine Alte etwas davon erfährt! Jener Schwarze dort mit den funkelnden Augen hat viel Glück bei den Mädchen. Sie laufen ihm nach, er küßt sie und lacht und sagt zu seinen Gesellen:
»Alle Mätchen auf der Erden
wollen gern geweibet werden.«
Er denkt natürlich von ihm selbst geweibet und meint wohl: »Da habe ich noch lange Zeit und große Auswahl für die »Heurath«, sonst gehts mir wie unserem Alten dort mit seinem Stammbuchblatt.« Flugs schreibt man dem Schwarzen sein Verschen von den »Mätchen« auf den Dachziegel und setzt den Tag, »den 9. Juni 1822« darunter.
Ob er sein Glück gefunden hat?
Es klingt nicht gar so glücksgewiß von einem Ziegel von 1834:
»Es ist kalt, es ist kalt,
Und ist doch kein Winter.
Liebt mich mein Schatzgen nicht
Hol sie der Schinder.
den 28. Juni 1834.«
Ein anderer Ziegel, mit dem Datum »d. 9. Juli 1835« und einem Monogramm gezeichnet, sagt schmachtend:
»Wenn ein hübsch Weibchen
kommt zu mir
Da mein ich es recht gut
mit ihr.«
Vielleicht ist der Schwarze doch noch sitzengeblieben und vertraut seine Sehnsucht, Anschluß zu finden, dem nicht gar so redseligen Ziegel an. Der steinerne Liebesruf oder Liebesbrief hoch auf dem Dache wird kaum ein weibliches Herz erweichen.
Ein anderer Ziegelstreicher, namens Oehlschlegel, hat eine höhere Auffassung von seiner Zukünftigen und vertraut seine Wünsche im Jahre 1832 in folgenden Zeilen dem Ziegel an.
»O Liebe willst du mich erfreun,
so laß mein Weib einst also sein,
recht schön damit sie mir gefällt,
klug, daß sie mich beständig hält,
und endlich wünsch ich sie auch reich
Doch ist sie nicht getreu zugleich
so sey sie englisch von Gesicht
und klug und reich, ich mag sie
nicht.«
Oehlschlegel
1832.
Er mag sein Ideal gefunden haben.
Wir wollen ihm wenigstens die Inschrift des Ziegels gönnen, aus welcher das ersehnte und erfüllte Glück strahlt:
»Dich besten Engel, schönes Weib,
Dich lieben ist mein Zeitvertreib.
den 16 July 1836.«
Das Verhältnis zu dem anderen Geschlecht behandeln die Inschriften öfter, denn offen wird eingestanden:
»Auf den Walltersdorffer
Ritterguth sind die
Mädgen den Bürschgen gut
den 8 Sept. 1810.«
Das steht auf einem Firstziegel und scheint in Waltersdorf gute Tradition zu sein, denn 1838 heißt es:
»Der Ziegeldecker dreht sich
wie ein Rädchen,
Er liebet auch die hübschen Mädchen.
Waltersd. Zieg.
den 22 Mai
1838«
Es wird auch der Weg zur Gunst der Schönen gewiesen:
»Wer bey Jungfern will gut stehn,
muß wissen mit ihn umzugehn.
Freybergische Hochedle
Rats Ziegelscheune
d. 22 Juni
1810.«
Sie mögen es wohl öfter ausprobiert haben in lustigen Stunden:
»Alte Thaler und junge Weiber
sind die besten Zeitvertreiber.«
F. C. Z. 1835.
Oder aus dem Jahre 1813 kurz und bündig:
Vivat es lebe Wein und Liebe
1813
F. H. R. Z.
Doch die leichte Ware dieser Gattung scheint doch nicht so ganz nach ihrem Geschmack zu sein:
»Jungfern, die des Nachts auslaufen
sind um leichtes Geld zu kaufen.«
und mit Spott singt er dann, wenn die Folgen sich herausstellen, das Verschen:
»Ey Mutter, kocht Ludeln, thut Gundeman nan,
mein Freyer wird kommen, wird Stiefeln anham,
ach wenn er nur käm, und das er mich nähm
und das der Spektakel von Leuten wegkäm.«
E. z. F.
Ja, es tauchen in dieser Beziehung Verse auf so derber Art, daß man nicht bedauern kann, daß sie oben auf dem Dache so wenige, seltene Leser fanden. Vielleicht ist mancher dieser Ziegel mit heimlicher Anspielung auf einen Bewohner oder Bewohnerin auf diesem oder jenem Dache verlegt worden.
Andere Verse reden von dem, was gut schmeckt:
»Fische, Vögel und Forellen
essen gern die Ziegelmachergesellen.
Waltersdorffer Ziegelscheine
den 28 May 1805.«
Von den Vögeln wird der Martinsvogel am wenigsten verachtet:
»Im Sommer mögen sich die Gänse baden,
Um desto schöner schmeckt uns dann ihr Braten.
den 7 July 1810 J. J. W.«
Dieser J. J. W. ist ein Arbeiter, namens Wolf, der in der »hochedlen Ratsziegelscheune« tätig war und in manchem Verslein sich verewigt, so manchen raschen Einfall nicht zu Papier, sondern zu Ziegel, Brand und Dach gebracht hat:
»Man gebe auf die Trescher acht,
damit das Stroh wird rein gemacht.
den 11 Sept. 1819
J. J. W.«
oder:
»Nun kömmt die kalte Winterszeit, man sorge
für ein warmes Kleid.
Freybergische Hochedl. Raths Ziegelscheine, den 15
Okt. 1812. J. J. Wolf. Ein sehr kalter Wind.«
oder:
»Wenn Schnee und kalte Winde blasen,
verfolgt der Reuter und sein Hund die Haasen.
Freybergische Ziegelscheine. 1811.«
Eine Hasenjagd im Schneetreiben zu Pferde scheint nach heutigem weidmännischem Brauch etwas eigenartig zu sein. Oder wurde der arme Meister Lampe vor hundert Jahren gehetzt, wie man heute noch hie und da, namentlich in England, den Fuchs hetzt?
In einem inneren Zusammenhang stehen drei Ziegel, die von der Liebe und Freude des schlichten Ziegelstreichers an der Natur erzählen:
»Der Landmann streut mit allem Fleiß
den Saamen in die Erde aus.
d. 2 May 1839.«
In jenem Jahre muß die Saat recht spät in den Boden gekommen sein! Aber 14 Tage später macht er einen schönen Waldspaziergang und denkt dann beim eintönigen Ziegelstreichen seiner grünen Freude:
»Geh ich in den grünen Wald,
sing die Vöglein jung und alt.
Waltersdorffer Ziegelscheune
den 15 Mai 1839.«
Fünf Wochen später freut er sich des wogenden Ährenfeldes:
»Begrüßt das schöne Saatenfeld,
wo schlank der Halm die Aehre hält.
W. Z.
den 21 Juni 1839.«
W. Z. bedeutet »Waltersdorffer Ziegelscheune«.
Ziegelinschriften politischer Art oder mit Anspielungen auf Zeitereignisse kommen kaum vor. Der Gesichtskreis der Leute war eng, und was außer diesem engen Kreise lag, berührte ihr Herz wenig. Nur in einer Inschrift eines Ziegels aus der Burgstraße klingt es wie ein Nachhall der napoleonischen Zeit:
»Trompet und Trommelschall ruft oft zum
Krieg und Tod. Nie freue uns der Krieg,
um Frieden bitte Gott!
Freybergische Hochedl. Raths-Ziegelscheune
Wolf. 1817«
Seit den fröhlichen Verslein von 1810, 1812 und 1813 waren die Befreiungskriege an unserem wackeren Wolf vorübergebraust, und da findet sein Griffel ernstere Worte. Doch eine bittere, ernste Inschrift dürfen wir unserem Ratsziegeldichter Wolf noch zuschreiben, welche auch in der heutigen Zeit von vielen Dächern als Klageschrei in unsre Ohren schallen könnte. Der Ziegel stammt bezeichnender- und sinniger Weise von einem alten, abgetragenen Grufthause des Donatsfriedhofes, als ob dort die letzte Ruhestätte für Glaube, Liebe, Treu und Recht zu finden wäre. Die Inschrift lautet:
»Glaube, Liebe, Treu und Recht haben sich alle vier
schlafen gelegt und wenn sie werden wieder
auferstehn, wirds besser in der Welt aussehn.
F. H. R. Z. d. 21 Juni 1811.«
Die Buchstaben bedeuten: Freybergische Hochedle Raths-Ziegelscheune.
Wir schauen in unsere Zeit und fühlen die Bitterkeit, den Schmerz und doch wieder Glaube und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wie Wolf es in seiner Inschrift ausgesprochen. Notzeit ist heute, da uns dieser Ziegel vor Augen liegt. Notzeit war, als er geschrieben wurde. Eine eigenartige Fügung will es, daß ein Ziegel mit ähnlicher Inschrift aus ähnlicher Notzeit in diesen Tagen in Mecklenburg zufällig beim Umdecken der Kirche in Lübz gefunden wurde:
»Globen, Leiw, Tru und Recht
Hebben sick all 4 slopenlegt.
Un wenn sei weder uperstahn,
Ward beter in dei Welt hergahn! Lübz 1628.«
Die Zeit des dreißigjährigen Krieges, in der diese Zeilen in den Ziegel gebrannt wurden, hat mit der Zeit von 1811 und mit der Gegenwart, an die der Spruch nun seine Weisheit richtet, vieles gemeinsam. Sorge jeder, daß Glaube, Liebe, Treu und Recht auferstehen mögen!
Ganz andrer Art als die Ziegelstreichersprüche, welche nicht für die breite, sondern nur für die »höchste« Öffentlichkeit bestimmt waren, sind freilich die Sprüche, welche uns von den Portalen grüßen. Verdanken die Sprüche auf den Dächern wohl meist nur einer scherzhaften oder verliebten Laune oder einem Zeitvertreib ihr Dasein, so sind die Sprüche an den Portalen Haussprüche, welche uns tief in die Seele derer schauen lassen, die sie einst anbringen ließen, Sprüche, die jedem Vorübergehenden etwas sagen sollten.
Die ältesten stammen aus einer Zeit, da das Innere der Menschen und Völker aufgewühlt war durch die Fragen der Religion, durch Glaubenskämpfe und Gewissensnot, da eine neue Weltanschauung sich Bahn brach.
In der Petersstraße, dicht am ehemaligen Peterstor, steht ein schlichtes Bürgerhaus mit gotischem, reichem Portal, einfachen Fensterwänden aus Sandstein mit Stabwerk. Im Erdgeschoß befinden sich reichgewölbte Räume mit Sterngewölben von besonderer Pracht und Wucht. Der Bürgermeister Nikolaus Monhaupt erhielt 1469 vom Papste die Erlaubnis zum Bau einer Hauskapelle. Hier baute er sich diese Kapelle in seinem Hause und überspannte sie mit diesen kunstvollen Gewölbebildungen, deren Rippen zu reichgegliederten Mustern sich zusammenschließen. 60 Jahre später, im Jahre 1529, wurde hier, der Überlieferung nach von Martin Luther persönlich, zum ersten Male das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht, an welchem auch die Herzogin Katharina, Herzog Heinrich des Frommen Frau Käthe, heimlich teilgenommen haben mag. Die Schauseite des Hauses ziert eine alte Schrifttafel aus Sandstein, welche auf diesen Vorgang hinweist. Die Inschrift besteht aus lauter anscheinend zusammenhanglosen einzelnen Buchstaben. Es sind die Anfangsbuchstaben der Einsetzungsworte des heiligen Abendmahles. Die Überschrift bilden die Buchstaben: V · D · M · I · Æ ·, d. h. verbum domini manet in aeternum, oder zu deutsch: Gottes Wort bleibet ewig. In der untersten Zeile findet sich die Jahreszahl 1529, aus welchem Jahre auch offenbar die Tafel stammt.
Dieser Reformationsspruch, ein Kampfruf und Wort des mutigen Bekenntnisses, findet sich und war auch noch an anderen Freiberger Häusern angebracht, sei es auch nur in Anfangsbuchstaben, sei es in der deutschen Form, wie am Hause Pfarrgasse 18: »Gottes Wort Bleibet Ewik.« mit der Jahreszahl 1528. Sechs Jahre also nach Luthers Übersetzung des neuen Testamentes wurde einer seiner Kernsprüche an einem schlichten kleinen Bürgerhause zu Freiberg in Stein gehauen.
Luthers Lehre war damals verboten, ihre Anhänger wurden verfolgt. Die Häuser mit diesem Spruch waren die Stätten, an denen sich die Bekenner der neuen Lehre trotz Not und Verfolgung zusammenfanden, um in der Gemeinschaft Kraft und neue Erkenntnis zu suchen. Ein tapferer Mut gehörte dazu und ein festes Herz, sein Haus unter dieses Zeichen zu stellen. Bald freilich schwand unter Herzog Heinrichs milder Hand die Gefahr, und er selbst ließ u. a. an besonders eigenartiger Stelle diesen Spruch anbringen: Verbum domini manet in aeternum findet sich nämlich mit der Jahreszahl 1538 und dem Sächsischen und Freiberger Wappen sogar auf einer Bronzekanone, die der Gießer Hilger in Freiberg für den Herzog goß. Die Kanone sollte als Glaubenskünderin so ihre Stimme nach seiner Meinung besonders wirksam und überzeugend zur Geltung bringen. Das ganze Denken war damals von diesen Fragen bewegt und suchte überall Ausdruck zu finden.
Auf zahlreichen Glocken des Erzgebirges aus der Gießhütte der Hilliger ist dieses Wort in Erz geprägt und ruft sein Bekenntnis mit eherner Stimme in die Enge der Herzen und Häuser und in die Weite der Welt. Auch in der Johanniskirche zu Leipzig trug die größte Glocke, welche Wolf Hilliger 1553 goß, die Bekennerinschrift: Verbum domini manet in aeternum.
Auch auf einem der »Kleinodien« der Freiberger Bergknappenschaft, auf dem silbernen Sinnbilde des Bergbaues »Schlägel und Eisen«, findet sich dieser Reformationswahlspruch in lateinischer Sprache mit der Jahreszahl 1534. Es ist dies ein Beweis, wie gerade auch die Bergleute sich mit Feuereifer der neuen Lehre annahmen und in den Mittelpunkt ihres Daseins stellten. Wird doch auch überliefert, daß die Bergleute 1517 den Ablaßmönch Tetzel vertrieben, verprügelt und um seine Gelder erleichtert hätten.
Auf einem Spruchband dieses Kleinodes von 1534 findet sich noch der Spruch: »Die Heier, die sind hochgenant, sie ritzen uf manche feste band mit ihren klugen Sinnen, darmid sie es gebinen.«
Tiefer religiöser Sinn spricht noch aus vielen anderen dieser alten Sprüche: Donatsgasse Nr. 23 schmückt das Haus eine Tafel mit dem Bilde eines Bergmannes, der einen Barren Erz trägt, und mit dem Spruche:
Ich · Weis · das · Mein · Erlöser · lebt · 1 · 5 · 6 · 1 ·
Das Gedächtnis der Reformation wird gefeiert im Jahre 1617 durch einen lateinischen Spruch, der an der alten Löwenapotheke angebracht ist:
Sunt iubilo D. Mart. Luth.
magna huius pars est extructa
habitaculi in anno quo vox in
caetu est iubila laeta canens.
D. h.: »Ein großer Teil dieser Häuser ist an dem Jubelfeste Dr. Martin Luthers errichtet worden, in dem Jahre, in welchem die Gemeinde frohe Jubellieder anstimmte.«
Zur Zeit dieser Jubellieder ahnte man nicht, daß das deutsche Land vor dem unermeßlichen Elend des dreißigjährigen Krieges stand, so wenig wie man 1913 bei der hundertjährigen Jubelfeier der Schlacht bei Leipzig ahnte, daß der Weltkrieg mit all seinem Elend und furchtbarem Ausgang vor der Türe stand.
Luthers Geist und kernige Art spricht auch aus dem kurzen Hausspruch von Burgstraße Nr. 10, der auf das stärkste Fundament für inneren und äußeren Aufbau weist:
»Ich bau auf Gott« 1736.
Inniger Glaube, Gottvertrauen und Frömmigkeit klingt aus der Inschrift eines Hauses der Erbischen Straße:
»1669. Der Hüter israel kann durch der Engelscharen
Diß Hauses Thür und Pfost für immer uns bewahren,
Hilf, daß ein jeder Christ, o Jesu, Lebensthür,
Der diese Schwell betrit Dich tieff in Hertze führ.«
Ein Haussegen ähnlicher Art ist der Spruch des Hauses Erbische Straße 9:
»Die Engel des Herrn behüten, bewahren dieses Haus,
Alle, so bei Tag und Nacht hier gehen ein und aus.«
Dieser Gedanke, das Haus unter den Schutz der Engel Gottes zu stellen, findet auch in symbolischer Form seinen Ausdruck. Das schöne Portal am Obermarkt, welches mit seinen reichen Formen dem Meister des Georgentores in Dresden, Schickentanz zugeschrieben wird, eines der frühesten Werke der Renaissance in Sachsen, schmücken im innersten Türbogen drei Engelsköpfe. Nach dem mittelsten Kopf züngeln zwei delphinartige Ungeheuer. In künstlerischer Form sagt hier der Erbauer, daß die Engel Hüter vor den züngelnden Mächten des Bösen und des Unheils an »des Hauses Tür und Pfost« sein sollen.
Gottvertrauen und Lebensmut spricht auch aus einer Haustafel aus neuerer Zeit mit folgenden Worten:
»Im Jahre 1846 d. 23 Juli Nachts ¼ auf 12 Uhr
Wurde dieses Haus durch den Blitz ein Raub.
Der Jahre 1846–47 wurde es neu erbaut.
Wird Gottes heiliger Schild uns decken,
Wird auf uns ruhen Seine Hand,
Dann kann der Donner uns nicht schrecken
Und nicht des Blitzes schneller Brand:
Denn Treu wird Tag und Nacht
Dann unser Haus bewacht.
Johann Gottfriedt Kunadt.«
Dasselbe treuherzige Gottvertrauen, wie aus diesen Versen klingt auch aus einem alten Wirtshausschild, das der ehrwürdige Gasthof zum Goldenen Löwen zugleich als Sinnbild und Haussegen an seiner Schauseite zeigt:
»Diß gast Hof Stehet in Gottes Handt
Zum Gülden Löwen wird es genant.«
An einem anderen Hause Alt-Freibergs ist sogar der seltene Fall zu verzeichnen, daß sich der Bauherr und der Baumeister verewigt haben. Es ist dies das kleine freundliche Stadttheater, welches 1790 aus einem alten, stattlichen Bürgerhause, gegenüber der Nikolaikirche, und benachbarten Gebäuden zum Theater umgebaut wurde und allmählich sich zu seiner jetzigen Gestalt entwickelt hat. 1880 fand der letzte größere Umbau statt, bei dem noch schöne Schmuckteile gefunden wurden. – Dieses Bürgerhaus erbaute sich einst der ehrwürdige Magister Caspar Neander, Prediger an St. Nikolai, der dort im Anfange des 17. Jahrhunderts seines Amtes waltete. Er schmückte sein Haus mit einem reichen Renaissanceportal mit ornamentierten Tragsteinen für die profilierten Balken, mit reich gemalten Holzdecken, die er mit schönen Profilen und vergoldeten Holzknöpfen besonders verzieren ließ. – Es ist bemerkenswert, daß dieser wackere Prediger auch die Schätze dieser Welt durchaus nicht verschmähte, sondern glücklich mit Bergwerkswerten spekulierte und gute Kuxe hatte, so daß er sich davon dieses stattliche Haus bauen konnte, wie er in seiner Inschrift mit dankbarem Gemüt mitteilt:
»Dis Haus Und all mein Fähr und Haab
Der Reiche Gott Aus milder Gab
Mir Bscheret hat durch Ausbeuth guth
Der halts auch stets in seiner Huth.
M. C. N. C. 1623.«
1623, als der große Krieg schon fünf Jahre im Lande war, blühte also der Bergbau noch ruhig fort, brachte Geld und Gut, »Fähr und Haab« und ließ dieses stattliche Haus erstehen. – Vielleicht hat aber der würdige Amtsprediger Neander doch zuviel nach unwürdigem Irdischen getrachtet, denn wie überliefert wird, ist er schon 1626 seines Amtes entsetzt worden. Bei der Belagerung Freibergs durch die Schweden unter Torstensson 1643 war er aber wieder Garnisonfeldprediger und stand seinen Mann in schwerer Zeit.
Sein Baumeister, der »Mewrer« Michael Kästner ist nicht bei der Errichtung des Hauses mit der Welt so zufrieden wie Neander, denn ihm hat man beim Bau und nachher offenbar das Leben schwer gemacht, die Besserwisser und Alleskönner, die Pflastertreter und Bierbankweisen müssen ihn recht gekränkt haben, denn er läßt in den Sandstein hauen und ruft uns über 300 Jahre zu und in das bunte Marktgewühl hinein:
»Man sagt wer baun Thut an die Gassen
Muß manchem Eine Feder lassen
Wenn ich es dann also wil han
Lieber was geht es dich doch an.
Michael Kästner Mewrer m 1623.«
Michael Kästner war offenbar ein Mann mit selbstsicherem Wesen, der sich nicht das Reden und den Spott übler Zeitgenossen viel anfechten ließ.
Hier über diesen Platz am Stadttheater, den Buttermarkt, raunt noch ein anderer Spruch, freilich nicht in Stein gehauen, aber im Volksmund lebendig: »Himmel, Hölle, Teufelskapelle.« Es liegt dort nämlich dem Theater gegenüber die Nikolaikirche, und zwischen beiden am Platz die alte Gastwirtschaft »Zur Hölle!« »Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium.« Ein Reim oder Verslein ist auch heute noch in Freiberg sehr bald gefunden und lebendig wie in früheren Jahrhunderten.
Die ehrwürdige Freiberger Schützengilde, welche die tüchtigen Bürger zu kriegerischem, unabhängigem Geiste erzog, der sich nachmals in der Schwedenbelagerung unter Torstensson so glänzend bewährte, hatte sehr reimfrohe Mitglieder, denn ihre sogenannte Königstafel ist eine ganze Sammlung von volkstümlicher Spruchweisheit. Sie ist ein flaches bemaltes Schränkchen für Kleinodien und Urkunden der Schützengilde und enthält die Namen sämtlicher Schützenkönige vom Anfange des 16. Jahrhunderts an nebst vielen Sprüchen und Reimen. Ein Spruch aus dem Jahre 1626, d. h. also als der Dreißigjährige Krieg schon acht Jahre tobte und Wallenstein, Tilly und Mansfeld mit ihren Heerscharen durch die deutschen Lande zogen und Verwüstung und Verderben mit sich trugen, hat folgenden Wortlaut:
»Wer ein Sohn hat, der gerne spihlt,
Eine Tochter die ihm heimlich stihlt,
Ein Knecht so schwatzet aus dem Haus’,
Ein Katz so nimmer fengt ein Mauß,
Ein Henn, die ihm kein Eyer legt,
Ein Schwein das nimmer Junge tregt,
Ein Weib so gantz geneigt zum Wein
Und stettig Herr im Hauß will sein,
Ein Dienstmaagd so geht mit ein Kindt,
Der man hat ein böß Haußgesind.«
Das Gegenstück zu diesem bedauernswerten »man« wird in folgenden Reimen ebenda geschildert:
»Welcher hat ein Muht als ein Held,
Ein beuttel gut nimmer ohn geldt,
Einen hundt der deß nachts wol hutt,
Ein frommes Weib die allezeit gutt,
Ein kleineß Hauß und fröhlichen Mutt,
Rein gewissen und messig Gut,
Ein schönes Weib und wenig borg,
Kann allzeit lebenn ohne sorg,
Ein gesunden Leib der allzeit steht,
Der man hatt ein gutt Hausgereht.«
Der wackere Dichter dieser echt volkstümlichen Reime ist völlig im Rechte, wenn er weiter singt und sagt:
»Eine Kunst die man verborgen held
Und nicht gebraucht zu nutz der Weld
Die gildt so viel, allß wer sie nit,
Drum wer was kan; dien andern mit.«
Er diente mit seiner Verskunst den anderen und ergötzte damit nicht nur seine Zeitgenossen, sondern auch die wackeren Schützenbrüder späterer Jahrhunderte.
Die Freude am Sinnspruch steckt den alten Freibergern, die ja alle mehr oder weniger mit dem Bergbau verbunden und bergmännischen Geistes voll waren, im Blute. Der Bergmann schmückt seine Geräte, insbesondere seine Barte, die aus der Streitaxt entwickelte eigenartige Ehrenwaffe, mit Bildern seiner Tätigkeit und Sprüchen von allerlei Prägung. Nur einige Proben mögen dafür zeugen:
»Gib Zubus, arbeit, wart dein Zeit
Es folgt Ausbeuth, die dich erfreut.«
(Abbildung vor Ort arbeitender Bergleute.)
»Ich geh’ und fahre meine Schicht,
Ohn’ Arbeit ist nichts ausgericht.«
(Abbildung einfahrender Bergleute.)
»Halt Jesum, laß ihn nicht herauß,
Hilf ziehen, so schont Gott dein Hauß,«
(Abbildung stellt Jesus in der Grube dar, die Hand auf die Fahrt legend. Ein Bergknappe will ihn zurückhalten. Ferner sind haspelnde Bergleute und ein Haus mit brennenden Kerzen dargestellt.)
»Rechnung recht halt, Treu’s Ampt verwalt.«
(Abbildung von Bergbeamten und Bergleuten an der Tafel.)
»Bergwerk will haben Verstand
und eine getreue Hand.«
steht im Eingangsflur des Revierhauses.
Auch die Kleinodien der Freiberger Bergknappschaft sind mit bergmännischen Darstellungen und Sprüchen geschmückt.
Der prächtige, kunstvoll gearbeitete Weinhumpen aus dem Jahre 1679 trägt reichen bergmännischen Bildschmuck und die Inschrift:
»Such, schärffe, fahre ein,
Zerstuffe fest Gestein
So nimmstu Ausbeuth ein.«
Nicht nur bei der täglichen Arbeit und bei fröhlichem Fest sind so die Denksprüche ein gedankenreicher Schmuck des Daseins. Auch in die Kirche begleitete den alten Freiberger die aus Beruf und innerem Erleben geschöpfte Spruchweisheit.
So hängen z. B. im Dom, den die Bergmannskanzel und noch andere Darstellungen bergmännischer Art schmücken, zwei messingene Kronleuchter aus dem 16. Jahrhundert mit der Inschrift:
»Wer will Bergwerk bauen, der muß Gott vertrauen«
und
»An Gottes Segen ist Alles gelegen.«
In der Petrikirche war auch, wie der alte Chronist Möller überliefert, in einem Fenster eine Bergmannsfigur dargestellt mit dem Spruche:
»Bawst tu Viel Ertz, gib Gott die ehr
Brauchs recht, bis fromm, so beschert Gott mehr.«
In einem anderen Fenster daselbst findet sich heute noch das alte Innungswappen der Leineweberinnung, das Weberschiffchen mit Spulen von zwei schwarzen Löwen gehalten und mit der Inschrift:
»Das allertheuerste Pfandt in der Erden
Muste in Reine Leinwandt gewickelt werden.«
Hoch oben aber auf dem Turme der Petrikirche hängt das alte Bergglöckchen, das früher viermal am Tage zur Schicht rief und heute noch mittags um 12 Uhr und abends um 7 Uhr je eine Viertelstunde geläutet wird. Wenn seine traute Stimme über die hohen Giebel und steilen Dächer der alten Häuser und Gassen dahinklingt, dann wird eine ganz besondere Stimmung lebendig und für die alten Kinder der Stadt ist es die redende und mahnende, lockende und rufende Stimme der Heimat und Jugend, die da laut wird und anders noch ins Herz ruft als andere Glocken auf fremden Türmen:
»Auf, auf! Zur Grube ruf ich euch,
Ich, die ich oben steh,
So oft ihr in die Tiefe fahrt,
So denket in die Höh!«
ist der sinnige Spruch, den sie mit ihrem ehernen Klang über die Häuser der Menschen bis zu dem Kranz der Gruben und Schächte draußen hinausruft.
Die Läuteglocke von 1570 neben ihr im niedrigeren »faulen« Turme hängend, ruft nicht zur Arbeit wie sie, sondern zum Kirchgang mit dem Spruch:
»Mein Klang dich ruft zum Kirchengang,
merks Wort, Gott dank, sing Lobgesang.«
Wie schön ist hier bei beiden Glocken in kurzem deutschen Wort ihre Bestimmung gesagt. Es ist nicht nötig, immer zur lateinischen Sprache zu greifen. Deutscher Geist und deutsche Kraft kann und muß auch für solche Zwecke in deutsche Kernsprüche gebannt werden. Freilich werden auf die Glockensprüche wohl meist die gelehrten Herrn Geistlichen Einfluß genommen haben und neben lateinischem Bibelspruch gern einen lateinischen Vers geformt haben, der ihnen dann vielleicht monumentaler klang als das ungefüge Deutsch. Kirchliches Herkommen, Handwerksbrauch und Bequemlichkeit stellte oft das gelenke Latein über das ungelenke Deutsch der alten Zeit.
Die Glocken auf den Petritürmen entstammen der Werkstätte des berühmten Gießergeschlechtes der »Hilger« zu Freiberg, welches während des 15. bis 17. Jahrhunderts in Freiberg blühte, und nicht nur für ganz Sachsen, sondern weiter hinaus im Reiche bedeutsame Werke schuf. Kaum ein größeres Dorf oder Stadt ist im Erzgebirge, wo nicht im Turm eine Hilgerglocke hängt und ihre Stimme tönen läßt. Lauschen wir einmal den Klängen ihres ehernen Mundes und den Worten, die sie zu uns sprechen:
Auf der Jakobikirche zu Freiberg ruft uns die größte der Glocken, welche 1684 Gabriel Hilliger goß und mit schönem Fries und dem Hilligerschen Wappen schmückte, in lateinischen Reimen und Worten zu, was ihre Lebensaufgabe ist:
»Laudo deum verum, plebem voco, congrego clerum, mortales ploro defunctos festa decoro.«
Ich lobe den wahren Gott, ich rufe das Volk, ich sammle die Geistlichkeit, die Toten beweine ich, festliche Tage schmücke ich.
Dieser lateinische Reimspruch aus dem Jahre 1684 ist ein alter Glockenspruch, den wir auch auf der großen Glocke der Kreuzkirche in Dresden von 1503 namens Scholastica finden. Sie hatte einen Durchmesser von 1,82 m und war von Heinrich Kannengießer gegossen. Diese Glocke in Dresden von 1503 versprach aber noch etwas mehr als die von 1684 in Freiberg: »pestem fugo« stand noch im Glockenspruch: »Ich verjage die Pest!« – Es steckt im Kern darin der uralte mittelalterliche Glaube, daß vor dem Glockenklang die Schlangen fliehn. 1684 hatte man in Freiberg entweder diesen Glauben nicht mehr, oder man kannte die Furchtbarkeit der Pest nicht mehr, die im Mittelalter und im Kriege als Würgengel die Städte und Dörfer durchschritt, während unaufhörlich wimmernde Glockenklänge die Toten beklagten und die furchtbare Seuche durch ihren heiligen Klang wie eine böse Teufelsmacht verjagen wollten und jammernd zum erbarmungslosen Himmel ihre Hilfe- und Gebetsrufe sandten. 1503 ist dieses »pestem fugo« noch ein Glockenklang aus tiefstem Grunde der Zeit und des Volkes.
Die kleine Glocke in Hilbersdorf von Zacharias Hilliger gegossen und mit seinem Wappen geschmückt ist auch solch ein Denkmal aus schwerer Zeit, das mit eherner Zunge sein Schicksal kündet aus den Jahren des Dreißigjährigen Krieges, als Freiberg und seine Umgebung bald von den Kaiserlichen, bald von den Schweden, bald von Freund, bald von Feind mißhandelt, geschunden und gemartert wurde. Die Umschrift der Glocke lautet:
»Feuer durch Krieg nam Weck mein Hall Anno 1639
Gott gab mir wieder nawen Schall Anno 1641. Z. H.«
Gar manche Glocken in Sachsen sind durch Krieg und Brand zerstört und umgegossen worden und erzählen in kurzem Wort so ihr Schicksal. Die Glocke der Liebfrauenkirche (Gottesackerkirche) in Zschopau wurde 1748 durch Brand vernichtet und meldet nun, was ihr geschah und was ihre Aufgabe ist, mit folgenden Worten:
Für dem Brande dient ich Leichen,
Itzo da die andern schweigen
Ruf ich euch zu Gottes Wort
Laßt es seyn der Seelen Hort.
Anno 1751 goß mich Johann Christoph Hose.
Von den Glocken aus dem Reformationsjahrhundert, welche der Gießhütte unsers Hilger entstammen, seien besonders zwei große Glocken der Thomaskirche in Leipzig genannt. Wie oft mag ihr voller Klang das Ohr des großen Thomaskantors Johann Sebastian Bach berührt und ihre tönende Seele seinen Geist über die Niederungen des Lebens zu seinen ewigen, gewaltigen Harmonien emporgetragen haben. Die Schlagglocke, 1,55 m breit, wurde 1539 auf Kosten des Rats von »Martin Hillger, Kannen- und Glockengießer von Freyberg«, an Stelle einer zerbrochenen alten für 123 Schock 17 Gr. 3 Pf. gegossen. Zur Beschaffung der Glockenspeise kaufte man eine alte Glocke von »eynem pfaffen«. Sie trägt außer der Jahreszahl den Spruch aus dem 127. Psalm:
»Nisi dominus custodierit civitatem frustra vigilat qui custodet eam.«
»Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, wachen ihre Wächter umsonst«. Der gleiche Spruch findet sich auf der Stundenglocke des Freiberger Domes von 1540, die Martin Hillger nahezu gleichzeitig mit er Leipziger Thomasglocke gegossen hat.
Die andere Thomasglocke von 1,72 m Durchmesser hat 1574 Wolff Hilliger gegossen und mit seinem Wappen geschmückt. Die Rüstung für die Glocke machte Hieronymus Freiberger und 21 Männer mußten die Glocke zu ihrem luftigen Stuhle emporziehen, damit sie ihre Stimme erheben konnte, wie ihre Inschrift sagt:
In laudem aeterni dei, cui soli sempiterna gloria.
»Zum Lobe des ewigen Gottes, dem allein ewiger Ruhm gebührt.«
203 fl. erhielt Wolff Hilliger für sein Werk.
Auch auf dem Turme der Stadtkirche zu Pirna, der so malerisch im Stadtbilde steht, hängt eine Glocke von Wolff Hilliger aus dem Jahre 1561 mit lateinischem Spruche:
»Ordine bis senas lux quaelibet exit in horas
hora sed in curas crescere quaeque solet.
Wolf Hilger czu Freibergk gos mich.«
»Der Regel nach schwindet das Tageslicht binnen 12 Stunden.
In Sorgen pflegt aber jede Stunde zu wachsen!«
Es ist kein sonderlich froher Spruch, der hier auf der Stundenglocke von Pirna seine Sorgenweisheit kundgibt: Jeder Schlag dieser Sorgenglocke Ende einer Sorgenstunde? Anfang einer Sorgenstunde? – Nein, die Sorgenglocke will vor unnützen Sorgen warnen, weil auch die Sorgenstunden vergehen und auch die Sonne eines Sorgentages sich nach 12 Stunden neigen muß, so lang seine Stunden auch scheinen.
Nicht weit von Pirna, im Schlosse von Groß-Sedlitz ist eine Glocke von Michael Weinhold in Dresden erhalten mit der Inschrift: »Scias, qui audis me admetiri partes vitae.« Wisse, der du hörst, daß ich die Teile des Lebens zumesse. Ein ähnlicher Gedanke ist es wie in Pirna, zum Ernste mahnend, auf die Vergänglichkeit weisend, wie so manche alte Sprüche an Sonnenuhren, z. B. »Una ex hisce morieris«. In einer von diesen (Stunden) wirst du sterben, oder noch kürzer in zwei Worten gesagt: »Una ultima«. Eine ist die Letzte.
Das Jahrhundert der Sorgen war in Deutschland vor allem das des unheilvollen Dreißigjährigen Krieges. Im Jahre 1617, ein Jahr vor Beginn des Krieges, wurde in Hennersdorf eine Glocke von Andreas Herold auf den Turm gezogen, welche den Spruch verkündete:
»Ich melde Beten an, Sturm, Feuer, Leuchen, Pracht
Andreas Herold mich hat gemacht. 1617.«
Ist es nicht wie ein Sturmsignal, wie eine düstere Prophezeiung der kommenden Not und Drangsale? Wenige Jahre nach Beginn des Krieges, 1621, klingt ergreifend der Glockenton von Röhrsdorf bei Pirna über die Dächer ins Land hinaus als Gebetsruf zum Himmel sich schwingend:
Da pacem domine in diebus nostris
Jo. Hilliger F. anno MDCXXI.
»Herr gib Frieden in unseren Tagen!«
Die Glocke von Lauter aus jenen schweren Zeiten, von Gabriel und Zacharias Hilliger gegossen, weist aus dem Elend der Zeit auf die künftige Herrlichkeit, im sinnigen Wortspiele den Namen des Ortes in den Spruch aufnehmend:
»Lauter Freud und Herrlichkeit
Ist den Frommen dort bereit.«
Das Jenseits als Ort der Zuflucht aus der Not des täglichen Lebens.
Das Glockengießen mag bald in jener Leidenszeit aufgehört haben und die Stückgießerei mehr Anklang gefunden haben, ganz wie in unseren schweren Weltkriegstagen. Mit Tausenden von Dörfern und Kirchen, die in Asche sanken, schmolzen Glocken dahin, um nie wieder zum klingenden Leben zu erwachen. Viele mögen auch zu Geschützen geworden sein! Und wo noch Glocken in Dörfern auf den Türmen hingen, da schwiegen sie, um nicht den Feind, der wie Wolfsrudel durch das Land strich, herbeizurufen, und wenn eine Glockenstimme klang, dann kündete sie Sturm, Mord, Brand, Elend und Tod. Neue Glocken aus dieser Zeit sind kaum vorhanden. Sie hätten ja nur eine Stimme für Klagerufe, eine Stimme mit Tränen haben können. In Lichtenberg bei Freiberg hängt auf dem Turme eine Glocke von Gabriel Hilliger aus dem Jahre 1648, dem Endjahre des großen Krieges, als seine stürmischen Wogen sich schon sänftigten. Sie trägt Hilligers Wappen und die Umschrift: »Si deus pro nobis quis contra. anno 1648.« Ist Gott für uns, wer wider uns! Man spürt aus diesem Wort, wie neue Hoffnung und neues Leben mit starkem Gottvertrauen sich regt, und doch ein gewisser kriegerischer Unterton noch mitklingt, voller Luthertrotz. Die Kriegszeit stand noch zu frisch vor Augen und Erinnerung und schwingt noch mit im Glockenklang.
Fünf Jahre später, 1653, wird in Niederpretzschendorf eine Glocke desselben Gabriel Hilliger aufgehängt. Die weiß nichts mehr von den Kriegsnöten zu berichten.
Libe Gott sag ich Lob, Preis und Dank
Mein Klang dich rufft zum Kirchengang.
Gabriel Hilliger zu Freibergk goß mich.
1653.
Wie das Läuten zum Sommertag einer behaglichen, friedlichen, ländlichen Gemeinde scheint dieser Spruch dahinzuwallen über satte, saubere Höfe, über wogende Felder, über rauschenden Wald. Dieser Spruch wäre zehn oder zwanzig Jahre früher wohl kaum auf einer neuen Glocke denkbar gewesen.
Das Leben nach dem großen Kriege mag freilich oft noch übergesprudelt sein, und die leere Kirche mag manchem Pfarrherrn Gewissensnöte gebracht haben, wenn die räudigen Schäflein seitab getrabt waren. Ist es zu verwundern, wenn der Pfarrer von Markersbach sich 1660 bei Gabriel Hilliger eine Glocke bestellt mit dem lateinischen Hexameter: »Campana vult populum sonans ad sacra venire«. Die klingende Glocke will, daß das Volk zur Kirche komme. Es ist freilich nicht überliefert, ob die Markersbacher diesem Notruf ihres Pfarrers und ihrer Glocke besser gefolgt sind als zuvor. Auch heute noch klingt ihre mahnende und rufende Stimme über Dach und Dorf.
Noch zwei Glocken aus dem Jahrhundert des großen Krieges sollen uns ihre Weisheit künden: Die große Glocke von Kreischa aus dem Jahre 1672, von Herold gegossen, ruft uns ein musikalisch Gleichnis und Mahnung zu, aus welcher auch ein gewisser Stolz des Gießers auf sein Werk mitklingt: »Gleichwie die Glocken fein zusammenstimmen, also soll auch unser Leben mit Gottes Wort übereinstimmen und ein feine Harmoniam mit demselben machen.« Nichts von Krieg und Sorgen und Nöten, alles Stimmung und Harmonie, als ob man in ein freundliches altes Pfarrhaus schaut, wo Friede wohnt und gespendet wird und alle bitteren Gegensätze sich aufzulösen scheinen, wo ein milder, musikliebender Pfarrer in stiller Studierstube sich dieses zarte Mahnwort für seine neue Glocke erdenkt – und doch sieht das Leben so ganz anders aus; nicht die Harmonien, sondern die Dissonanzen sind darin so oft bestimmend und wirksam und machen die Menschen so oft elend! –
Die andere Glocke in Gersdorf bei Döbeln von 1696 kennt das Leben besser. Im Westen verheerten schon wieder französische Mordbrennerbanden das Land und im Süden bebten die Völker vor der neuen Türkengefahr. Ihr Spruch lautet:
1696 Goß mich Johann Jakob Hoffmann von Halle.
»Zum Gottesdienst ich rufe zur Freud und auch zum Leid.
Ach Gott behüt für Feind und Feuers Noth Allzeit.«
Das ist schon wieder der Notschrei, wie er so oft durch unser deutsches Land erklang und von den Türmen ins Land hinausrief, und der wie ein bitteres Wehe durch unser deutsches Schicksal klagt!
Der Notschrei klingt auch aus der Stimme der kleinen Glocke von Oberwiesa aus dem folgenden Jahrhundert:
»O Got las dir befohlen sein die Glocke und auch die Kirche dein.
Soli Deo gloria anno 1708«
Der nordische Krieg mit dem kühnen Schwedenkönig Karl XII. hatte seine blutigen Schatten bis ins Sachsenland geworfen. Vielleicht war die Glocke der schwererrungene Ersatz für eine im Dreißigjährigen Kriege verlorene. Ein volles Jahr lang, bis kurz ehe sie gegossen wurde, hatte ein großes Schwedenheer im unglücklichen Sachsenlande gelegen und nicht weniger als 23 Millionen Taler, ungerechnet die Naturallieferungen herausgepreßt, sodaß unter diesem Drucke und unter der ungeheuren Steuerlast, welche die teuere Hofhaltung August des Starken und seine Leidenschaften erforderten, die Bauern kaum den notdürftigsten Lebensunterhalt hatten. Die Zeiten des großen Krieges schienen wiedergekehrt zu sein. Da wurde jedes Glockenläuten schon von selbst ein Angstruf um Schutz für die Glocke und Kirche und damit für die ganze Gemeinde, und wurde ihr Spruch so recht ein Ausdruck seiner Zeit und ihrer Not und ganz besonderen Seelenstimmung.
Wenige Jahre später, im Jahre 1712, ließ in Crandorf eine Glocke von Michael Weinhold zum ersten Male ihren ehernen Klang über die Dächer dahinschallen mit lateinischen Worten: »ignes festa. deum, stata tempora, funera, plebem, nuncio, honoro, cano, denoto, ploro, voco.« »Feuer, Feste, Gott, bestimmte Zeiten, Begräbnisse, das Volk, melde ich, ehre ich, lobsinge ich, bezeichne ich, beklage ich, rufe ich.« Man hört es aus diesem Spruche schon, daß die Zeiten ruhiger geworden sind, daß ein lateinsicherer Pfarrer sich heiß um diesen etwas holperigen lateinischen Vers bemüht hat und gewiß sehr stolz auf ihn war. Wie viele aber seiner Schäflein verstanden haben, was er in gut Deutsch hätte sagen können, das mag ihn nicht sonderlich berührt haben. Er kannte wohl seine Leute! Der feierliche Klang der fremden Worte macht ja unverstanden oft tieferen Eindruck von geheimnisvoller Kraft auf schlichte Gemüter als einfaches Deutsch. Man denke an Zauberformeln u. dgl., deren Wunderkräfte meist nur in ihrer Unverstandenheit und dem daraus entstehenden blinden Glauben an ihre Gewalt beruhen. Immerhin ist es bei diesem Glockenspruche bezeichnend, daß ignes, die Feuersbrunst, und ihre Meldung als erste Aufgabe der Glocke an der Spitze steht. Es mag doch nicht so ganz selten der Feuerruf nötig gewesen sein.
Wem klingen dabei nicht Schillers wundervolle Verse durch Herz und Ohr, in denen er die Feuersbrunst schildert und die Glocke als ihre Künderin: »Hört ihrs wimmern hoch vom Turm? Das ist Sturm!« Wer denkt nicht an den Spruch dieser unsterblichsten, ja ewigen Glocke: »Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango«? »Die Lebendigen rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich«?
Dieser weltbekannte Glockenspruch Schillers findet sich fast wörtlich auf einer Glocke in Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert: »vivos voco, fulgura frango, defunctos plango«. Ob der Dichter diesen Spruch gekannt und von dieser Glocke die Worte entnommen hat, welche er seinem unsterblichen Gedichte vorangestellt? –
Daß die Metallmassen der Glocken einen Einfluß auf elektrische Spannungen, d. h. die Blitzgefahr, haben und ihr Unheil abzuwenden vermögen, ist eine Beobachtung und Erkenntnis, welche man im 15. Jahrhundert nicht vermutet. Erst in Schillers Tagen ist ja durch Benjamin Franklin durch die Erfindung des Blitzableiters diese Wirkung des Metalls technisch ausgenutzt worden, und unsere Zeit erst faßt wieder alle Metallmassen an Dach und Haus zum gesammelten, geschlossenen Blitzschutz zusammen, ein Gedanke, der im Kerne schon im Glockenspruche von Reinhardtsgrimma aus dem 15. Jahrhundert liegt.
Doch kehren wir nun zur Gießhütte der Hilliger in Freiberg zurück. Nicht bloß zahlreiche vielgerühmte Glocken mit trefflichem Klang und Spruch und von schöner Form gingen daraus hervor, sondern auch die köstlichen messingenen und bronzenen Grabplatten in der kurfürstlichen Grabkapelle am Dome zu Freiberg, diesem herrlichen Mausoleum sächsischer Kunst und Geschichte, und so manche Platte hie und da im weiten deutschen Reich, die Stolz und Zierde ihrer Stätte ist. Aus ihrer Hütte stammen auch zahlreiche figurengeschmückte, künstlerisch durchgebildete Kanonen in reichen Renaissanceformen. Auch bei diesen Geschützrohren zeigt sich die Lust am Sinnbild und Sinnspruch, am derben Witz und kräftigen, treffenden Reimspiel. Wie während des Krieges die 42 cm-Mörser den Namen »Dicke Bertha« führten, so trug in jenen Zeiten jedes Geschütz seinen Namen, der durch den künstlerischen Schmuck und Denkspruch erklärt wird.
Aus der großen Reihe dieser Werke des Freiberger Gießergeschlechtes seien nur einige ihrer Sprüche wegen hervorgehoben. Diese Sprüche sind ausnahmslos deutsch und manchmal in recht grober, ungefüger Sprache verfaßt, wie sie vielleicht zum rauhen Handwerk und den groben Stücken am besten stimmte.
Der »Rautenkranz« vom Jahre 1557 war verziert mit Wappen und einem Rautengewinde, das sich spiralförmig um das Rohr legte. Sein Sinnspruch lautete:
»Ich bin genant der Rawtenkrantz,
mein Feind ich bin ein bitter Tranc.«
Der »Wilde Mann« trug als Schmuck zwei kniende, sich packende wilde Männer mit den sich kreuzenden Kurschwertern und den Spruch:
»Halt fest, wilder Man
Was dw hast, las nicht gan.«
Die »Sachsenländerin« mit dem Spruche:
»Ich heis die Sachsenlenderin.
Wenn du meinst ich sei weit von dan,
so bin ich bei dir dinne«
Das »Krokodil« von 1574 verschoß Kugeln von 42 Pfund Eisen und brüllte ins Feld seinen Spruch:
»Churfürst Augustus lies uns nennen
Die Crocodyl. Man wird uns kennen
In gantz Europa. Wo wir krachen
Muß man uns Thür und Thor aufmachen.«
Namen von Tieren waren besonders beliebt.
Das »Rhinozeros« trägt den schönen sinnigen Spruch:
»Renocerus thv mich nennen,
thvren vnd mavren ich thv trennen.«
Der »Wolf« oder »Isegrimm« mit einem Schaf im Rachen dargestellt, ruft drohend den Spruch:
»Her Eisegrei bin ich genant
ich werf nider Maver und Wandt.«
Die »Sirene« vom Jahre 1635 trägt den in den ersten beiden Zeilen ganz neuzeitlich klingenden Spruch:
»Dem Vaterland zv Schvtz
Dessen Feinden zvm Trvtz
Seind wir Sirenen Nvtz.«
Eine metallene Feldschlange von 1538, die auf dem Donatsturm stand, wurde, wie die Beschreibung sagt, geschmückt »mit einem ›Cupido‹, der mit seinem Pfeil auf einen vor sich auf dem Bauch liegenden geflügelten Knaben nach dem Hintern zielet«, ferner mit einer »nackenden Weibes-Person, spielt auf einer Violine ›ich bi de fitlerines‹«. Die Melodie, welche diese fitlerine vom Donatsturme hören ließ, mag oft nicht angenehm geklungen haben.
Der »Drache« vom Jahre 1637 droht mit folgendem Spruch:
»Ich bin auch als der Trachn
Spei Feier und Hagel aus mein Rachn
All mein Feinde toth zu machn.«
Und der »Drache« von 1573:
»Der Drach ists Teufels Bursgesel,
Bringt manchen blutig fur die Hell.«
Der »Bär« von 1607 warnt seine Feinde:
»Christian der Ander hat befohln
Uns Behrn zu gissen das wir soln
Sein Feind verfolgen mit Gewalt.
Hut dich. Mit Sachsen Fride halt.«
Der »Staar« vom Jahre 1572 läßt seine Stimme wie folgt vernehmen:
»Ich heis der Sprenclige Schwarze Staar
Mit dem Ich Red: Der Wirts Gewahr«
und der »Kauz« vom Jahre 1572 ruft mit derbem Humor:
»Ich bin genant der kleine Kauz
Hau manchem sehr hart vor die Schnauz.«
Solche kräftige Sprache gehört wirklich zum groben Geschütz! Ein artiger Zufall ist es, daß 1914 eine im Gebrauch befindliche französische Bronzekanone aus dem 17. Jahrhundert erbeutet und im Lichthofe des Berliner Zeughauses ausgestellt war, in welche nachträglich die Züge eingearbeitet sind. Sie ist mit schöner Renaissanceform und Zierrat geschmückt und führt den Namen: »L’Hirondelle«, »Die Schwalbe«! Ihr Spruch lautet:
»Ultima ratio regis.«
Es zeigt sich im Gegensatz zu den vorigen Kanonen darin der Unterschied des deutschen und französischen Geistes: Der Deutsche bringt Spruch, Namen und Sinnbild und den Zweck des Geschützes in einen inneren geistigen Zusammenhang und zu kräftigem Ausdruck, er sucht in jedem Ding den tiefen inneren Sinn. Der welsche Geist ist mit dem schönen Namen und der Form zufrieden, der sinnige Zusammenhang ist ihm gleichgültig. Daß »Die Schwalbe« des alten französischen Königs der Bote für die Grüße der uns feindlichen Republik war und als ultima ratio regis von den Feldgrauen des deutschen Kaisers eingefangen wurde, das war ein besonders sinniges Spiel des Schicksals.
Diesen echt deutschen Zusammenhang zwischen Namen, Spruch, Bild und innerer Bedeutung kann man auch an den deutschen Wappensprüchen kennenlernen. Auch hier hatten die alten Freiberger Bürgergeschlechter ihre eigenartige Prägung gefunden.
So zeigt das Wappen des alten Bürgermeisters Lorenz Fleischer, † 1584, einen Mann mit Fleischerbeil und mit gewissem Bürgerstolz den Spruch:
»Es sind nicht alle Fleischhacker,
Die das Fleischbeil tragen so wacker.
Es steckt offt was darhinter mehr
Jedoch haben Handwerge auch ihr Ehr.«
Seine Gattin war eine Tochter des alten Geschlechtes der Alnpeck, das einen Adlerkopf auf schwarzem Grund im Wappen führte mit dem Spruch:
»Hoho, du werther Geyers-halß
Frisch dran und thu ja fressen allß
Was falsch und übermutigk ist,
Bestreidt meine Feind zu aller Frist.«
Das Wappen des wackeren Bürgers Lorentz Beyer führt einen Turm im roten Feld und den Spruch:
»Wer Gott dem Herrn vertrauet fest,
Thut besser, alß der sich verleßt
Auf Thurm, oder ander gewaldt
So oftmals betreugt mannigfalt.«
Darunter: »Nomen domini turris fortissima.«
»Der Name des Herrn ist der stärkste Turm.«
Klingt dieser Wappenspruch nicht wie Luthers machtvolles »Eine feste Burg ist unser Gott!«, das im Felde und daheim so oft seine alte, eherne und Erz in Blut und Herzen strömende Kraft bewiesen hat?!
Wie die wahren überwindenden Kräfte nicht in äußeren, materiellen Dingen liegen, sondern im tiefsten Urgrund der Seele wurzeln und von dort wirken und wachsen und Werte schaffen, das sagen uns noch andere Sprüche.
An der alten Ochsenbastion in Görlitz, welche unmittelbar an der Neiße liegt, als ein wuchtiger, malerischer Rest der alten Befestigung, steht ein lateinisches Wort aus dem Jahre 1530: »Civitatem melius tutatur amor civium quae alta propugnacula«. »Eine Stadt schützt besser die Liebe der Bürger als hohe Bollwerke.«
Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne wird das Stadtbild unter einen ähnlichen Gedanken gestellt: »Urbis salus est civium concordia«. »Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger«. Es wird damit hingewiesen auf die ruhmvolle Verteidigung gegen die Schweden, wo sich die Wahrheit dieses Satzes so herrlich erwies. Und doch wieder klingt mit ernstem Glockenton dazwischen die Warnung vor zu stolzem Selbstvertrauen: An der Stundenglocke im Dachreiter des Domes zu Freiberg steht im Erz der Spruch von 1540: »Nisi dominus custodierit civitatem, frustra vigilat qui custodierit eam.« »Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wachen ihre Wächter umsonst.« Vaterlandsliebe und Gottvertrauen werden in diesen Sprüchen als starke Wehr und Waffen gepriesen. Sie sagen uns das, was Fichte in schwerer Zeit seiner deutschen Nation zugerufen und was auch heute noch gilt: »Nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemüts ist es, welche Siege erkämpft.« Wir sind zwar waffenlos, aber nicht wehrlos, nicht ehrlos, nicht sieglos, wenn diese Gemütskräfte unser Volk zusammenschließen zur Einheit und Tat.
Auch unseren Tagen, unserem Volksleben, unserer Kunst täte es not, nach dem Beispiel unserer Väter in kraftvollem Wort, Sinnbild oder Spruch an Haus und Gerät die Erinnerung an Männer und Taten und große Ereignisse zu pflegen und den Geist und das Herz zu stählen, wie es einst die Männer des Reformationszeitalters taten, denen die Buchstaben V. D. M. I. AE. am Tore des Hauses ein Bekenntnis und ein Schwur, ein Halt und eine Tat war und bedeutete. In kernigem, gehaltreichem Sinnspruch oder tiefdeutigem Segenswunsch, mitten im flutenden, wirbelnden Strom des Lebens und der Arbeit, je nach Ort und Art und Zweck in künstlerischer Form soll diese alte schöne deutsche Sitte mehr und mehr lebendig werden und wirken.
Das alte ehrwürdige Rathaus, das so viel Freud und Leid gesehen, so viel Sturm und Drang erlebt hat, in dem so viel starke, tapfere, treue Herzen geschlagen haben, trägt mancherlei Sprüche, die auf seine Bestimmung hinweisen und den, der eines Amtes dort zu walten hat, mahnen und lehren und die besten Kräfte des Gemütes wecken wollen. Von dem neuen Eingang an der Burgstraße klingt jedem Vorübergehenden, jedem Eintretenden das Wort entgegen:
»Du bist ein Nichts im Ganzen,
wenn du ihm nicht dienst!«
Ein Führer im Wirtschaftsleben hat dieses Wort für falsch erklärt, weil der Zeitgeist jetzt umgekehrt sage: »Das Ganze ist mir ein Nichts, Wenn es mir nicht dient!« Ehe dieser Geist nicht überwunden ist und der echte Spruch nicht wahre Geltung gewinnt, kann nichts Ganzes sich bei uns gestalten. Hat der Mann Recht? –
Diese ernste Mahnung, die unsrer Zeit so besonders not tut, tönt auch vom neuen Torbogen am alten Donatsturm ins Straßenleben hinein mit den Worten:
»Gemeinwohl geht über dein Wohl!«
und mit dem anderen Spruche:
»Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!«
Im Rathause selbst ist im Ratszimmer eine alte quadratische Tafel von 30 cm Seitenlänge mit vergoldetem Barockrahmen und Stadtwappen geziert erhalten, welche aus der alten Gerichtsstube stammt und in schöner Reliefschrift in lateinischen Großbuchstaben sich mahnend an die Ratsherrn, die ja zugleich Richter waren, wendet:
Quiquis senator officii causa curiam ingrederis, ante hoc ostium privatos affectus omnes abiicito: Iram, vim, odium, amicitiam, adulationem, reipublicae personam et curam subiicito. Nam ut aliis aequus aut iniquus fueris, itaquoque iudicium dei expectabis et sustinebis.
Der Chronist Andreas Möller nennt diese Tafel bereits in seinem Theatrum Freibergense von 1653 und übersetzt die auch im Rathaus zu Regensburg befindliche Inschrift:
»Ein jeder, der als ein Raths Herr Amptwegen auffs Rath Hauß gehet, lege für dieser Thür ab alte Privat Affecten, als da sind der Zorn, Gewalt, Haß, Freundschafft, Schmeuchlerey etc. und unterwerffe seine Person und Sorge dem Gemeinen besten. Denn wie er gegen andere der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit sich befleissigen wird, also hat er auch das Gericht Gottes zu gewarten und außzustehen.«
Dieselbe Mahnung zur Gerechtigkeit finden wir auch auf einer anderen Tafel, welche über dem Eingang zum Ratszimmer hängt und mit goldener Schrift auf schwarzem Grunde die schönen Renaissanceformen ihrer Ursprungszeit 1582 zeigt:
Gleich und Recht theil mit menniglich
Und nicht nach Gunst das Urtheil bieg.
Den Armen hör, sein notturft betracht
So wirst du von Gott und der Welt geacht.
Denn wo du helst unrecht Gericht
Wirds dir Gott widerumb schenken nicht.
1582 Peter Zorn.
Die älteste Inschrift im Rathause jedoch ist der Spruch über der gotischen Spitzbogentür, welche in den jetzigen Stadtverordnetensaal, die frühere Rats- und Gerichtsstube, führt. In diesem Raum wurde dem mächtigen Kunz von Kaufungen das Todesurteil im Juli 1445 gesprochen. Die Inschrift mag aus dem Jahre 1416 stammen, als die Ratssitzungen in diesem neuentstandenen Raume aufgenommen wurden, und lautet:
»Auch sol eyn ytzlicher zcüchtigen seynn wort, der hyrinne zcu schicken hat.« Es fehlt der erste Teil des Spruches, den Möller überliefert mit dem bekannten Satze:
Halb ist eynes manes Rede
Darumb soll man hören beede.
Das sind goldene Worte für alle Stätten und Stellen, wo man zu rechten, zu raten und zu taten hat: Sein Wort züchtigen, d. h. in Zucht zu halten, ist eine passende Mahnung auch für die jetzige Bestimmung des Saales, für die Stadtverordnetensitzungen.
An Sprüchen und Schildereien hatten die alten Freiberger viel Freude, und manches Sprüchlein auch im Rathause ist längst dahingeschwunden. So stand mit feinem Humor über einem Schreiberstüblein, in dem auch »etliche besondere Acta ordentlichen verwahret« wurden, der Satz: »Nunquam recte regetur Respublica nisi ordine regatur.« Niemals wird ein Staat richtig regiert werden, wenn er nicht durch Ordnung regiert wird. Wie mögen die in der Kopistenstube regierenden Schreiberlein da Ordnung in ihrem Aktenstaate gehalten haben! –
Der obere Rathaussaal war im Mittelalter zugleich die Rüstkammer, in der die Armbrüste, lederne Schilde und andere Waffen hingen.
Es waren dies die Waffen gegen äußere Feinde, welche stets zur Hand und gebrauchsfertig sein mußten.
Im unteren Rathausflur hingen die Waffen gegen einen anderen grimmigen Feind, der öfter die Stadt zerstörte und vielen einzelnen Bürgern schweren Schaden zufügte, das Feuer. Zu Hunderten hingen Feuereimer aus Leder an der schweren Balkendecke, viele mit Zeichen und Malereien oder Verschen geschmückt. Aus dem Spittel wird uns solch Feuereimerverslein überliefert:
»Im Fall der Noth, da Gott vor sei,
muß jeder haben ihrer zwei
oder einen rechten großen.«
Daß auch in neuerer Zeit die Freude an Spruch und Reim nicht ganz erstorben ist und hie und da auch heute noch am Haus oder Tür ihren Ausdruck findet, ist nur zu begrüßen. Wer mag sich nicht freuen über die sinnigen, fein empfundenen Verse, die über einer Gartenpforte stehen, die man als Inschrift über jede Kleingartenanlage setzen könnte:
»Mein Garten dünkt mich kindisch klein,
Schau ich nur von ohngefähr hinein;
Doch fang ich an, ihn umzugraben,
Mein’ ich ein Königreich zu haben.«
Von der Türe zum stillen Reiche derer, die müde geworden von der Arbeit des Lebens, Feierabend machen durften, vom Haupteingange des Johannishospitals grüßt das Wort der Jünger von Emmaus:
»Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden.«
und von der Tür des Siechenhauses, vom Bartholomäushospital tröstet den matten Erdenpilger, der hier seine letzte Zuflucht und Pflege sucht, der Spruch:
»Ich will euch tragen bis ins Alter, bis daß ihr grau werdet.«
Das Gedächtnis des Weltkrieges aus einer Zeit, da die deutsche Kraft innen und außen, die deutschen Waffen noch unüberwindlich schienen, bewahrt der Neubau der alten Kreuzmühle.
Nicht lange vor dem Kriege ging der alte malerische, von wildem Wein dicht umsponnene Bau mit dem mächtigen Mansardendach in Flammen auf und wurde 1914 bis 1915 in verwandter Form dem neuen Wohnzwecke angepaßt, nach meinen Plänen wieder aufgebaut. Eine Schrifttafel über der Haustür und ein wuchtiges Schwert mit Lorbeer und den Jahreszahlen 1914–1915 als Sinnbild neben der Haustür geben der Stimmung der Zeit Ausdruck und sind damit ein Hauszeichen und Zeitdenkmal von besonderem Werte und Eigenart geworden, das sicher unseren Enkeln und Urenkeln viel zu sagen hat und besonders ehrwürdig sein wird. Der Hausspruch, in schönen deutschen Buchstaben in Marmor gehauen, lautet:
»Das alte Haus in Flammen stand
Kurz vor dem großen Weltenbrand,
Da deutsche Art und deutsches Schwert
In Not und Tod sich neu bewährt.
Das neue ward im Krieg geschaffen,
Gott segne Dach und Volk und Waffen!«
Sinnend schauen wir zur grünumrankten Tafel hinauf und auf das lorbeergeschmückte Schwert und denken daran, wie es war, wie es wurde und was noch werden mag. Auch unser alter Reichsbau ging in Flammen auf. Das neue Dach, das neue Haus ward im Krieg geschaffen und wird von Stürmen umtobt, von Feinden bedroht: »Gott segne Dach und Volk und Waffen!« Ja, auch die Waffen! – –
Worin soll die Spruchweisheit unsrer Tage bestehen? Nicht in lockerem Scherz und leichten Reimen! Ausdruck der Zeit ist not. Heute liegt uns vor allem die Not des Vaterlandes, die Not der Heimat, das deutsche Leid am Herzen, das auch unser eigen Leid und Not ist. Wir spüren den inneren Zwang, in unserer eigenen Seele und in der Seele unseres Volkes und aller einzelnen Volksgenossen neue lautere Ströme der Kraft zu gewinnen, um rein und stark, fest und unüberwindlich zu werden im schweren Druck, in aller Kampfesnot des täglichen Lebens, in aller Sorge und Friedlosigkeit innen und außen. »Not brach Eisen, Eisen breche Not« steht auf dem Gefallenengedächtnismal des Jäger-Bataillons 12 und Infanterie-Regiments 182 in Freiberg. Eisen, nicht Gold braucht unser Volk, um seine Not zu überwinden. Gold macht schwach, Eisen macht stark, macht stark die Seele und den Willen, Gold bringt Not, Eisen bricht Not! Gold macht gemein, Eisen macht rein!
Der alte deutsche Trotz, wie er durch unsere alten und neuen Heldenlieder klingt, der auf sich selber steht auch gegen die ganze feindliche Welt, und doch ein Kind ist, wo ihm Treue und Gerechtigkeit begegnen, muß vor allem sich wiederfinden und wiederklingen. Solche Spruchweisheit sollte keimen und wachsen wie Samenkörner, die der Wind ausstreut, daß das öde, verwüstete Land wieder grün wird, die zertretenen Fluren der deutschen Seele wieder hoffnungsvoll aufblühen.
Manches köstliche Wort ist in der Dichtkunst früherer Zeiten und unserer Tage aus der Tiefe der Heimatliebe wie schimmerndes Edelmetall zum Lichte gebracht worden. Diese Schätze müssen dem täglichen Leben nahegebracht werden und hineinstrahlen in den Alltag, der heute so dunkel und schwer geworden ist, damit sie wirken können zur neuen inneren Erhebung als Ausdruck deutschen Wollens und Sollens, Wissens und Müssens.
Jedes stolze, trotzige deutsche Manneswort aus tiefer heißer Seele, das wie Schwertschlag durch die Seele geht, wie mit eiserner Pflugschar tiefe Gründe aufreißt und den Geist seiner Zeit offenbart, mag es auch vor Jahrhunderten einem starken deutschen Herzen entsprungen sein, ist geeignet zur Wiedergeburt im deutschen Sinne zu wirken und uns zu Kraft und deutschem Stolz zu wecken und zu erziehen und heute wie in späteren Tagen Zeuge und Mahner zu sein zu deutscher Art und deutschem Geist und Wesen und deutscher Tat. Wie unsere Väter ihr Wesen und ihr Wollen in Haussprüchen und Denkversen zeigten, so gilt es für uns in und nach dem Kampfe für die Heimat Heimatkultur und planmäßige Erziehung zum Deutschtum zu treiben mit allen Mitteln und Formen, um unseres Volkes beste Art zu stärken und zu stählen, sein tiefstes Wesen in Treue zu klären, zu erklären und in Schönheit zu verklären.
Wo deutsch die Steine reden und deutsche Art uns künden, muß deutsches Wesen und deutscher Geist wie Felsen fest im Heimatgrunde stehen und stark allen Stürmen und Wettern trotzen! Aus heiliger Saat steigt die kommende, die stahlblanke Zeit:
Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!