Was der Petriturmknopf erzählt.
Eines Tages schaute aus der obersten Turmluke hoch über den Glocken des hohen Petersturmes ein Mann heraus. Das war ein seltener Besuch dort oben in luftiger Höhe, und erregt flatterten und kreischten die Dohlen um den funkelnden goldenen Turmknopf und die knarrende Wetterfahne. Was wollte dieser Eindringling dort oben im Reiche der Dohlen, der Schwalben und Fledermäuse, hoch über den Glocken, wohin nicht Treppe noch Leiter führt, sondern nur gefährliche Kletterkünste über den Bronzeleib der Glocken, durch Streben, Stiele, Sparren und Gebälk?
Im Sturme hatte die Spitze des Turmes geschwankt, und die Wetterfahne mit dem eisernen Gestänge hatte sich geneigt. Heute fand der Zimmerpolier Dietrich, daß das Holzwerk des »Kaiserstils«, welcher die eiserne Spille der Wetterfahne und des Turmknopfes trägt, morsch geworden und ihr Absturz möglich war. Da galt es denn, die Turmspitze über den Glocken zu erneuern, denn auch Streben und Sparren hatten gelitten. In schwindelnder Höhe schoben sich nun Balken und Streben, Stiele und Zangen heraus und fügten sich zu kühner, luftiger Konstruktion, anzuschauen von unten wie ein zierliches, feines Gespinst, das die Konturen der schlanken Spitze umhüllte und in dem die Männer wie kleine Spinnen kaum sichtbar umherstiegen.
O wie weit und wie frei ist von dort oben der Blick! Auf dem Turmknopf hab ich gestanden und über die Wetterfahne weggeschaut in blaue, unendliche Fernen, in schimmernde Sehnsuchtsweiten, wo Erde und Himmel eins sind, und habe jäh hinabgeblickt in die Tiefe unten, in die Straßen und Höfe der Stadt, wie in dunkle Gräben und Schächte, so eng und so klein, in denen geschäftiges Ameisenleben wimmelt, so fern und so fremd uns und so sonderbar und zwecklos uns scheinend, als wären wir in einer anderen Welt, als schauten wir von einem Stern, als ein von Erdendruck und Zwang befreiter Geist.
O ihr Ameisen dort unten im Schatten, was rennt und eilt ihr hin und her, der eine hier sein Ziel, der andere dort seinen Weg suchend, ruhelos hier im Gewühl sich drängend und stoßend, rennend dort den Nachbar überholend, mit den Augen gebannt auf die niedrige Enge, die dumpfen Gassen und selten einer den Blick in die Höhe, zum Lichte, das über jeder Dunkelheit und Enge wartet. O, ihr Ameisen dort unten im Schatten, jede ein Menschenschicksal, jede mit dem Verlangen nach Glück und jede mit der Saat der Schmerzen und des Leides in der Seele, jede mit hundert Banden an die Erde gefesselt, und jede doch mit heimlicher, oft unbewußter stummer Sehnsucht, über dies Dunkel sich zu erheben: Des Himmels blaue Kuppel steht über euch! Er ist das hohe Dach der engen Gassen, er ist das hohe Dach auch für das engste Leben! Hebt nur die Augen empor aus dem Zwang der dumpfen Höfe eures Schicksals, und eure stumme Sehnsucht wird Flügel gewinnen, die euch emportragen. Greift nur zu und packt mit den Armen eurer Seele und drückt an die Brust, was euch, ja jedem von euch, die Heimat und der Himmel der Heimat bietet und geben kann an tiefem Erleben von Schönheit und innerem Glücksbewußtsein: Alles ist dein, was dein Herz sich zu eigen macht, dann fühlst du es: Der Wald rauscht nur für dich allein, die Wiese lacht nur dir mit ihrem leuchtenden Grün und bunten Blumen, dir schmettert der Vogel sein Lied, dir raunt der Bach mit seinem Plaudermund seine trauliche Melodie, für dich segeln am Himmel die Schiffe der Sehnsucht mit schimmernden Segeln, die ziehenden Wolken, für dich wandern die funkelnden Sterne durch die schwarzen Abgründe des Weltalls von Ewigkeiten zu Ewigkeiten, für dich baut sich Berg und Tal und blauende Ferne, das goldene Ährenfeld und die purpurne duftende Kleebreite, die Pracht des Winters mit seinen stillen, reinen Wundern und kristallenem Zauber an Halmen und Zweigen, dein, dein ist die Heimat, dein alle ihre Herrlichkeit, und dich macht sie reich, deine Augen helle, dein Herz froh und stolz und deine Seele rein und edel. Laßt nur durch enge Gassen und dumpfe Mauern die Seele nicht enge und dumpf, nicht dunkel und klein werden. Vergeßt nicht im Ameisengewimmel und Tagesgewühl von den köstlichen Einsamkeiten der Heimat zu schmecken und ihre heilige reinigende Kraft in euch zu trinken. Auch über dunklen Gassen steht der blaue Himmel und er ist dein, wenn du mit deiner Seele dich zu ihm erhebst. –
Es saust der Wind in starken Stößen, als wollte er den einsamen Träumer von seinem Stern, von seinem luftigen Standpunkt, dem höchsten Punkte der alten Bergstadt, herunterwehen, und Schwalben schießen sirrend und schwirrend vorüber, wie stahlblaue und silberne Pfeile. Wollen sie necken und spotten, daß der Träumer doch keine Flügel hat?
Aber unsere Blicke trinken die Ferne. Dort die blauen Linien der Bergzüge duftiger und duftiger in fernen Himmeln versinkend, ertrinkend, dort die dunkleren Wogen des Tharandter Waldes. Dort, wie ein ungeheures, buntes Tuch über die steigenden und fallenden Wellen des Landes gezogen, wie lebend, mit leisem Atem sich hebend und senkend, die Felder und Wiesen, die Äcker und Fluren in allen Tönen von Grün zum Braun, von Blau, Violett und Gelb, Wälder und Bäume, darin Hügel und Halden, Häuser und Höfe und Dörfer wie wunderfeines Spielzeug eingestreut, Teichspiegel blitzend wie Silberfunken, schimmernde Straßen wie leuchtende Bänder mit dem dunklen Perlensaum der Bäume, Wolkenschatten fliegen, bald leuchtend und lächelnd, bald ernst und trübe, bald hell in Freude, bald dunkel in Schwermut. Über alles gespannt so hoch und licht und weit des Himmels blauseidenes Zelt in dem die silbernen Wolken wie selige Gestalten einherziehen. Die blaue Erdenferne, die blaue Himmelsferne hat mich verzaubert. Ich stehe auf dem goldnen Knopf, auf meinem Stern im Mittelpunkt der Welt, außerhalb der armen Erde hoch im Licht, und um mich dreht sich Himmelsferne wie eine leuchtende Glocke von schimmerndem Opal und der schwebende Reigen träumender Wolken hebt über alles Irdische empor, und die blaue Erdenferne grüßt im ungeheuren Rund von aller Erdenschwere befreit in einer leuchtenden Schönheit, die sich in Sehnsucht wandelt und die Flügel der Seele spannt zur Unendlichkeit. Ich schaue nur empor in die blaue Gottesferne und grüße die Wolken, die stillen Gefährten der Höhengedanken, die schwebenden Wandrer des Lichtes. Ihr Wolken dort oben, wie nahe bin ich euch, als schwebte ich mit leise tragender Schwinge in eurer schimmernden Schar, wie seid ihr das Bild menschlicher Sehnsucht, menschlicher Träume! Aufsteigend, schwebend, dahinziehend in ziellose Ferne, zur Sonne sich erhebend und selig zerfließend im Licht, neu sich schließend zu leuchtenden Gestalten, zwischen Himmel und Erde wandernd. In Farben sich wandelnd, zu Purpur und Gold, zu Silber und Schwarz, zu blauem Sammet und rosenfarbener und blaßblauer Seide, vom Lichte strahlend durchwirkt, von Goldfäden zart durchsponnen. Ruhelos und ewig wechselnd, bald dunkel und schwer wie ein lauerndes Schicksal, bald silbern und glänzend wie strahlende Erfüllung, bald zart und schimmernd wie träumende Erwartung, bald jagend und eilend wie trotziges Begehren, bald stille rastend wie wunschloses Glück, bald sich ballend und türmend zu goldenen Gipfeln mit sehnsuchtsblauen Tälern, bald wandernd wie zarter Schaum ziehender Wogen, die aus dem tiefen Blau der Unendlichkeit quellen und wallen, wie weichen Nebels Spitzengeriesel fließend und fallend, immer neu und nimmer Ruhe, immer wechselnd und nimmer bleibend, zwischen Himmel und Erde wandernd, steigend und sinkend, werdend und vergehend, – menschlicher Seelen, menschlicher Sehnsucht Gleichnis und Abbild seid ihr dort oben, ihr Wolken des Himmels, ihr Wolken der Erde, euch fühle ich mich nahe, ihr schwebenden Wandrer des Lichts.
»Kein Herz kann sie verstehen,
Dem nicht auf langer Fahrt
Ein Wissen von allen Wehen
Und Freuden des Wanderns ward.
Ich liebe die Weißen, Losen
Wie Sonne, Meer und Wind,
Weil sie der Heimatlosen
Schwestern und Engel sind.«
Hermann Hesse.
Aus der Stadt dort unten dringt kaum ein Laut herauf zu meinem Stern. Nur ein fernes Summen und Sausen eint sich mit der großen Harmonie der Schöpfungsmelodie, welche aus den tausend Stimmen des Lebens und der Natur emporrauscht und mich umflutet. – – – –
Wie lustig sind die Dächer in der alten Stadt in der Tiefe zu unseren Füßen, welche der grüne Ring der Promenaden auf dem Gelände der alten Gräben und Wälle umgibt. Rot und braun, schwarz verräuchert und violett getönt, bei aller Buntheit eine fröhliche Harmonie in Ziegelfarben auf steilen Dächern. Hie und da ein Treppenturm dazwischen mit geschwungener Haube oder Kegeldach, oder dort ein kecker Giebel. Dort wieder stehen wie schweigende Hirten inmitten wimmelnder Herde die großen Gestalten der ragenden Türme von St. Nikolai, der Donatsturm, der Rathausturm und in breiter Masse gelagert des ehrwürdigen Doms mächtiger Bau und dort die klotzigen Mauern, breiten Dächer und der Rundturm des Schlosses Freudenstein mit spitzem Kegeldach. Blau kräuselt sich der Rauch empor und zerfließt in der klaren flimmernden Luft. Weiße Taubenschwärme flattern über die Dächer dahin. Ein aufgeschlagenes Buch ist uns die Stadt, in dem die Züge der Straßen hier so gerade und rechtwinklig sich schneidend, dort in unregelmäßiger Krümmung scheinbar regellos sich windend die Zeilen sind, aus denen wir Geschichte lesen. Das eine ist die Stadt, welche Otto der Reiche baute, dessen Denkmal wie ein Tafelaufsatz mitten auf blanker Tischplatte dort unten auf dem rechteckigen Obermarkt steht, das andere ist die Sächsstadt, die Stätte des alten Christiansdorf, der alten Siedlung, aus welcher die freie Bergstadt emporwuchs. Was der grüne Promenadenring umschließt, das ist die alte, freie, getreue Bergstadt, von deren Glück und Leid, Geist und Leben, Kraft und Treue in alter Zeit uns Andreas Möllers Chronik von 1653 so stolze, ruhmreiche Dinge zu berichten weiß.
Über den Dächern, Giebeln und Türmen, über den alten Wällen, Gräben und Mauern liegt der Zauber der Geschichte und der Sage, liegt der träumerische, anheimelnde Reiz der alten Stadt, welche Jahrhunderte kennt, welche Geist und Schicksal hat, welche sicher auf heimatlichem Grunde ruht, wie eine steinerne Riesenblume aus Jahrhunderten herangeblüht und in weitere Jahrhunderte hineinwachsend aus Felsengrunde dem Lichte entgegen.
Es ist mir, wie ich auf die alte Stadt herniederschaue, als blickte ich tief hinein in ihre Seele und hinab auf ihre Geschicke und sähe Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden für ihre alte Heimatstadt, die Stadt, die heute noch der Ausdruck ihrer Seele ist und bleiben soll. – – –
Die Turmspitze ist nun erneuert und verspricht wieder 100 Jahre und mehr unter dem Schutze der neuen kupfernen Dachhaut Sturm und Wetter zu trotzen. Der goldene Turmknopf funkelt hell und blitzend im Sonnenschein. Er scheint ein schweigsamer Geselle zu sein und nicht ohne weiteres zur Zwiesprache aufgelegt, wenn die Schwalben um ihn her schwirren oder die Dohlen ihn umschreien. Er will auch nicht mit jedem sprechen, den nur die Neugier juckt. Seine Höhengedanken sind schwer zugänglich für den, der nicht in die Tiefe dringen will, oder nicht Welt, Leben und Seele aus der Höhe beschauen will.
Die Wetterfahne ist schon lebendiger und gesprächiger. Wenn der Wind sie dreht, dann klingt wohl das Sprüchlein, das auf ihr angebracht ist und mit dem Hugo Meeser bei seiner kühnen Turmknopfbesteigung ohne Gerüst zur Fahnenreparatur sich einst verewigte:
»Mußt durch die Zeit du sehr auch leiden
Mit Gott hab ich dich jung gemacht.
Drum drehe dich der Stadt zur Freude
Sei stets auf guten Wind bedacht.«
Hugo Meeser,
Mechaniker, Freiberg.
Gesprächiger sind auch die Glocken tiefer unten, deren hallender Mund über die Stadt täglich eherne Klänge dröhnen läßt. Die Läuteglocke von 1570 ruft zum Kirchgang mit dem Spruch:
»Mein Klang ruft dich zum Kirchgang, merks Wort,
Gott dank, sing Lobgesang.«
Das Bergglöcklein aber ruft zur Arbeit mit vertrautem Klingen:
»Auf auf zur Grube ruf ich euch,
Ich, die ich oben steh,
So oft ihr in die Tiefe fahrt,
So denket in die Höh!«
»In die Höhe denken« tut uns allen heute mehr denn je not, und dem, was die Glocken uns sagen und erzählen können, sollte man wohl gerne lauschen, denn Leben und Dasein des einzelnen Menschen, wie von Stadt und Volk, sind von ihnen durchklungen und sind begleitet von ihren ehernen schwingenden Schritten hin und her.
Der Turmknopf dagegen, so hoch erhaben über den Glocken, besitzt den Stolz und die Verschlossenheit der Einsamen und ist ein schweigsamer Geselle. Er schaut sich still die närrische Welt von oben an, und selten, selten öffnet er den schweigsamen Mund. Doch als ich bei ihm oben war, hat er doch manches mir ins Ohr geraunt. Manches, was ich da erlauschte hoch über dem Brausen der geschäftigen und ach so kleinen Welt da unten, und was er so lange schweigend bei sich bewahrte, gibt einen Höhenblick über Zeit und Menschen, als stünden wir bei ihm auf der Spitze oben an der Wetterfahne und sähen den Geist der alten Stadt an seinem Schicksal weben, als sähen wir die Geschlechter kommen und gehen, schaffen und leiden. Wie manche Menschen scheint zwar der brave Knopf zu sein: »Außen blank und blendend, innen nichts, hohl und leer!« Doch nein, »er hat es in sich!« Wenn er auch nur vielleicht alle hundert Jahre einmal spricht, und man ihm dazu erst recht energisch auf seinen runden Leib rücken muß, um ihn zum Reden zu bringen, so ist doch das, was er dann sagt, um so bemerkenswerter, denn Stimmen und Geister von Männern und Geschlechtern früherer Jahrhunderte werden lebendig und steigen empor aus enger Haft und reden von dem, was Ihnen einst wichtig war. – – –
Eine alte gute Sitte ist es, in Grundsteine, Schlußsteine, Turmknöpfe bemerkenswerter Gebäude, Urkunden einzulegen und mit ihnen Zeugnisse über die Zeitverhältnisse, Proben von Geldmünzen und was etwa besonders bemerkenswert erscheint. Diese Dinge müssen gut verwahrt sein, denn bei dem Wechsel von Frost und Hitze und der Möglichkeit von Zutritt von Feuchtigkeit z. B. als Schweißwasser würden die Urkunden sonst bald zerstört sein. Man verwahrt sie darum in besonderen metallnen Kapseln, die verlötet oder verfalzt und dann dem Turmknopf einverleibt werden. Im Jahre 1580, als die ersten Urkunden in unseren Turmknopf eingelegt wurden, beachtete man dies nicht. Die Urkunden sind daher fast ganz zerstört und nur dadurch z. T. erhalten, daß sie im Jahre 1803 in die Kapsel mit aufgenommen wurden.
Der Turmknopf des hohen Petersturmes ist eine Hohlkugel aus Kupferblech von 70 cm Durchmesser, d. h. von einer Größe, daß zwei Knaben von 10 Jahren darin zusammengekauert Platz fanden, als bei der Erneuerung sein goldenes Kleid neuen Glanz erhalten sollte und er auf die profane Erde dazu herniederstieg. Zwei kupferne Kapseln zylindrischer Gestalt von etwa 35 cm Länge waren sein Inhalt, welche Urkunden auf Pergament, Drucksachen und in besonderen kleinen Behältern Geldmünzen enthielten. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1822, 1803, 1731 und 1580. Der Inhalt der Urkunden ist einander ziemlich ähnlich. Er behandelt zunächst die Gründe der Ausbesserungsarbeiten, dann die Zusammensetzung des Rates und schließlich die Preise von Lebensmitteln und einige Zeitereignisse, die besonders bemerkenswert erschienen. Die älteste Urkunde von 1580 auf Pergament ist stark beschädigt und nur schwer noch leserlich. Diese Urkunde beginnt: »Anno Domini. Tausendfünfhundertundachtzig, als man die Spize auf den runten Thurm zu St. Peter renoviret, den Knopff neu vergoldet, und gewahr wurde, daß die Spize uf den andern und höchsten Thurm auch wandelbar ward, hat man die aus Noth anderthalben Ellen oben herab abschneiden müssen, denn die Spille so hoch uf der einen Seiten gar verfaulet war, so lang hat man Nikol Schmiden einen Bergschmid, uf der Peterstraßen, so allerhand künstlich Schmiedewerk machen können, wiederumb einen eisernen Schuch und Stange machen lassen.« Der wackere Bergschmied bewährte seinen Ruf. Er schmiedete einen Engel mit einer Armbrust und brachte ihn über dem Knopfe an. Leider fing dieses Schmiedewerk zu viel Wind, so daß es 1589 herabgenommen und durch die Fahne mit dem Stadtwappen ersetzt wurde. Es war die Zeit des Kurfürsten August, des »Vater« August und der »Mutter« Anna, aber doch wird in der Urkunde über die Zeit geklagt: »zu dieser Zeit waren diese Lande, sowohl die Bischoffthümer harte betränget, mit dem Wildpret von Hirschen und wilden Schweinen, deren in großer Anzahl in diesen Landen gehegt waren. Man mußte auch von jeden Fasse Freybergischen Biere 22 gr. Tranksteuer und 27½ gr. Ungeld geben, dadurch die Leute gar verarmeten und große Wehklagen unter dem Volke war, denn man muste von jedes Kandel Wein über die Tranksteuer 2 Pf. Ungeld, und von einer Kandel Bier 1 Pf. geben. War hierzu große Theurung, man muste um Pfingsten einen Scheffel umb 5 alte Schock bezahlen usw.«
Dieser Stoßseufzer aus schweren Herzen, der dem verschwiegenen Innern des höchstgestellten Knopfes der Stadt anvertraut wurde, zeigt, daß die Landes»kinder« doch wohl nicht mit ihrem Landes-»Vater« und -»Mutter« ganz einverstanden waren, sondern auch die Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf ballten. Es wirft diese Klage auch ein helles Licht auf die Jagdleidenschaft des Kurfürsten, dem das Wohl des Wildes bei weitem höher stand als das Wohl des Bauern. Die Jagdstrecken der alten weidwerksfrohen Wettiner waren ja so ungeheuerlich groß, daß man ebenso staunen muß über den Wildreichtum des Landes wie über die Zeit und das Geld, welche die Fürsten dieser Leidenschaft opferten. Wo gar einem hohen Gaste eine Jagd geboten wurde, scheute man nicht vor verschwenderischem Aufwand zurück, um durch glanzvolles Schauspiel zu blenden. August I. hielt in Lichtenburg eine Jagd mit dem Könige von Preußen im Jahre 1730 ab: Alle Jäger erhielten dazu neue Uniformen und silberne Hifthörner, auch sogar die Treiber grüne Westen und Schärpen aus »Silberlahn«. Für die höchsten Herrschaften war ein hölzernes Jagdschloß mit vergoldeten Simsen und Fensterrahmen erbaut. Man erlegte an diesem Tage an 600 Hirsche und Rehe und über 400 Keiler, Bachen und Frischlinge. Es fällt uns hierbei die ungeheure Zahl des Schwarzwildes auf, das aus sächsischen Forsten jetzt wohl fast ganz verschwunden ist. Welchen Schaden mögen diese Wühler den Feldern der Bauern zugefügt haben!
Der Jagdgast in Lichtenburg war der strenge, sparsame Vater Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm I. Es war das für Vater und Sohn so furchtbar tragische Jahr, in welchem Friedrich in Küstrin gefangen saß und sein Freund Katte zum Tode geführt wurde, der Riß zwischen Vater und Sohn am tiefsten und schmerzlichsten war, ja unheilbar schien. In dieser düsteren Tragik die silbernen Hifthörner von Lichtenburg und der leichtsinnige Tand und die wilde Genußsucht Augusts des Starken, ein seltsamer Gegensatz, so scharf wie der Unterschied zwischen der Auffassung von Königsberuf und Herrscherpflicht bei diesen beiden Männern. –
Aus dieser Jagdleidenschaft, welche alle alten Wettiner mehr oder weniger beherrschte, und der rücksichtslosen Pflege des Wildes, läßt sich ermessen, wie »harte betränget« namentlich der Bauer und gemeine Mann gewesen sein mußte. Und dazu das Bier und der Wein so hoch besteuert, daß man nicht mal seine stille Wut ertränken konnte! Da war die heimliche Faust in der Tasche oder im stillen Turmknopf der letzte Ausdruck nicht sehr untertäniger Gefühle sogar zur Zeit und im Lande des »Vater« August und der »Mutter« Anna, und nach heutigen Begriffen nicht ganz unberechtigt!
Als bemerkenswertes Ereignis wird in unserer Urkunde weiter noch folgendes erzählt: »Im Junio diss Jahr, stach Hanss Harrer, Churfürstl. Kammermeister zu Dresden im Schlosse, ihme mit des Churfürsten Taffel Messer, selbst die Gurgel dreymahl entzwey, ward vermutet, er hätte helffen das Ungeld aufbringen, hat aber den Pfeffer Handel in diese Lande bracht, und viel Rotte von Augspurg, der ihn darauf geführt, aufgestanden und Pankrott gemacht, hat er Ihme in die 70 bis 80 tausend Gulden mitgenommen.«
Bei der Aufzählung der Ratsmitglieder fällt auf, daß eine Reihe von ihnen nicht aus Freiberg stammte. Da ist der Bürgermeister Kilian Steck, von St. Gallen, der Kamerer Ludewig Budewitz von Erfurt, Hanß Pocksch von Pauzen, Jakob Heindel von Lengefeld, Adam Bellmann, der gelehrte Stadtschreiber, welcher die Urkunden verfaßt hat, stammt von Sayda. Er setzt seinem Namen den Sinnspruch bei: Virtuti fortuna comes, auf deutsch »Das Glück begleitet die Tüchtigkeit« oder »Jeder ist seines Glückes Schmied«. Er war also anscheinend von seiner Tüchtigkeit und seinen Erfolgen sehr überzeugt. Seinem Ratskollegen Christoph Rudolf von Leisnig gibt er auch ein paar lateinische Worte mit: »Dieser war so arm, ut hostiatim quereret eleemosinar«, d. h., daß er um Almosenopfer bat. Soll diese Bemerkung für Christoph Rudolf eine Auszeichnung sein oder einen Makel bedeuten? – Im Bergamt regierte »Herr Wolff von Schönberg, uf Reinsberg« als Berghauptmann. Oberbergmeister war Martin Planer. Martin Planer war ein berühmter Mann, ein hervorragender Techniker, der durch seine Tüchtigkeit dem Bergbau großen Nutzen bis auf den heutigen Tag gebracht hat. Er hat die großen Teiche im Hospitalwalde, den Hüttenteich, Erzengler und Rotbächer Teich angelegt, in welchen er das Wasser für bergbauliche Zwecke als Kraft aufstaute. Die Planersche (Kannegießer) Wasserleitung, die aus dem Hospitalwalde kommt, führt heute noch seinen Namen. Er führte im Bergbau die Wasserhaltung durch Kunstgezeuge ein, während bis zu seiner Zeit das Wasser durch Göpel und Haspel, Pferde und Knechte mit Kübeln bewältigt wurde. 38 Zeuge hat er so eingerichtet, und er rechnet in einer Aufstellung aus, daß er dadurch jährlich 102 400 fl. 8 gr., das sind rund 650 000 Mark an Betriebskosten erspart hat. In Posern bei Weißensee und in Artern hat er Salzwerke angelegt. Der berühmte Brunnen auf der Augustusburg, 170 m tief in den Felsen getrieben, ist von ihm erbaut. Auch am Ausbau des Schlosses Freudenstein in Freiberg, das als prächtiger Renaissanceneubau unter Hans Irmischs Leitung der Fertigstellung entgegenging, mag er nicht unbeteiligt gewesen sein.
Noch andere bekannte Namen aus der Freiberger Geschichte werden in unserer Urkunde genannt. Michael Schönleben der Ältere, Oberhüttenverwalter, und Michael Schönleben der Jüngere, Hüttenreuther. Sie sind die Vorfahren des Bürgermeisters Jonas Schönlebe, der Freiberg gegen die Schweden verteidigte und die Bergmannskanzel im Dom stiftete, und dessen Wappen heute noch an ihrem ehemaligen Hause, Obermarkt, Ecke Erbische Straße von dem alten Geschlecht redet, das dort für Freiberg lebte und arbeitete. – Schließlich erwähnt die alte Urkunde das, was in dieser Zeit gesteigerten religiösen Lebens und religiöser Kämpfe alle Gemüter besonders bewegte, die Einigung auf die sogenannte Konkordienformel: »Diese Zeit war die reine heilsame Lehre, wie der Hr. D. Martin Luther seel. durch den heil Geist ans Tage Licht bracht, sehr gefälschet, dadurch Churfürst Augustus, der Gottes Wort lieb hatte, geursacht, uf Wege zu denken, damit die Verführer ausgerottet, und das Göttl. Wort lauter und klar, rein erhalten würde, ließ die alte Augspurgische Confession ufs neue drucken und ward ein Buch gemacht, welches man die Concordiam nennete, welches viel Chur- und Fürsten im Reiche unterschrieben, und alle Vornehme Theologen im Lande. Gott helf, daß es wohl gerathe, und das Göttliche Wortt bis an der Welt Ende bey uns bleibe.« – – –
Doch wir wollen uns nun der Erneuerung von 1731 und ihrer Urkunde zuwenden. 150 Jahre stand die Peterskirche stolz und sicher. Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Belagerung und Beschießung Freibergs hatte sie ohne Schaden überstanden, da traf sie ein furchtbares Geschick. Unsere Urkunde berichtet: »Anno Christi. Ein Tausend Sieben Hundert und Acht- und Zwanzig den 1. May an einem Sonnabend, ist allhier in der Stadt Freyberg auf der Petersgasse in Johann Jakob Schossens, eines Böttgers Hause (No. 6) vermutlich durch Fahrlässigkeit eine Feuersbrunst entstanden, welche jähling um sich gegriffen, und überhand genommen, daß nebst 16 in die Asche gelegten Bürgerhäusern auch die Kirche zu St. Petri mit dem höhesten Turm und den runden sogenannten Hahnsturme in den Brand geraten und gänzlich verdorben, darbey aber der Glockenthurm noch unverletzet stehen blieben.« Wie an anderer Stelle berichtet wird, löschte man zwar von außen her ein paar mal von den Türmen, aber leider war in der Kirche aller Rat und Hilfe vergebens. Der damalige Superintendent D. Wilisch, welcher vor dem Altar auf den Knien betend lag, mußte samt den übrigen Anwesenden der Gefahr wegen, sich zurückziehen, und diese so schöne Kirche ward »mit allen ihren inwendigen Gemählden und Denkmählern ein Morgenopfer der wüthenden Flammen«. »Um Mittag brach das helle Feuer bey dem hohen Thurme heraus und nach etlichen Stunden zerschmolz die Saigerschelle; der Knopf aber samt seiner Spindel fiel in die Frühpredigerwohnnung durch das Dach, jedoch ohne zu schaden.« Außer den stark zerstörten Umfassungsmauern und dem Glockenturm blieb nicht viel von der Kirche übrig. Sie mußte fast völlig neu aufgebaut werden. Unsere Urkunde sagt dazu: »E. E. Rath hat sobald zu Wiederaufbauung der abgebranden Peterskirche sorgfältige Anstalt gemachet, daß die äuserlichen Mauern um in den Schiffe, in der Höhe mehreren Plaz zu gewinnen, annoch in besagten 1728ten Jahre erhöhet, das Sparrwerk darauf gesezet, Ao. 1729, im Chore das alte Gewölbe, welches nach der zwar anfangs gemachten Hoffnung, nicht zu erhalten gewesen, abgetragen, und ein neues geschlossen, ferner ao. 1730 im Schiffe das alte Gewölbe gleichfals abgetragen, Vier neue steinerne Pfeiler von Grund aus, aufgeführet, und ein neues Gewölbe verferttiget, auch die Fenster allenthalben adaptiret, in diesen 1731 Jahr aber, die Kirche inwendig abgepuzet worden. Hiernechst hat man bey dem eingeäscherten großen Peters Thurme zu Erhaltung des Mauerwerks anno 1728 nur einen Schauer aufgesezet, anno 1730 das Mauerwerk am Gesimsse ausgebessert, mit großen neuen Ankern befestiget, und die hölzerne Haube glücklich gehoben, solche auch ao. 1731 vollends ausgebauet, und mit Kupffer gedecket, worauf heute den 6. July ao. 1731. Der große Knopff aufgestecket, und diese Nachricht vor die liebe Posteritaet mit eingeleget worden.«
In dem Berichte unserer Urkunde folgen nun die Namen von Kaiser, König und Prinzen, von den Ratsmitgliedern, Stadtgeistlichen und den Beamten des Bergamtes mit ihren alten schönen Titeln. Dann wird über das kirchliche Leben berichtet und daran erinnert, daß im Jahre zuvor (1730) das zweihundertjährige Jubiläum der Augsburgischen Konfession gefeiert sei: Hierüber ist von diesem Jahre anzumerken gewesen: »In Ecclesiasticis, daß man Gott sey gepreiset alhier zu Freyberg mit der Protestantischen Kirche das Wort Gottes, rein und lauter prediget, die beyden heil. Sacramente nach ihrer Einsetzung administriret, und von andern Gottes Dienst, oder Religion nichts weiß, vielmehr bey der unveränderten Augspurgischen Confession in völliger Gewissens-Freyheit geblieben, auch in abgewichenen 1730 Jahre, das andere Evangelische Jubileum hochfeyerlich begangen habe.«
Kurz wird über die Bergwerke u. a. berichtet: »Das Bergwerk ist unter Göttl. Seegen aniezo in guten Flor und Aufnehmen.
In was vor Werth die Kuxe stehen, solches besagen die beygefügten Ausbeuth-Zeddul.« Zum Schluß der Urkunde wird über den Holzmangel bei den Bergwerken geklagt: »indem der Preiß desselben bey dem gemeinen Einkauf gegen eine Zeit von 10 bis 12 Jahren noch einmal so hoch gestiegen, daß man deswegen auf Künfftigen Zeiten sich allerhand Besorgniß machet. Jedoch auch hierbey Göttlicher Providenz vertrauet.« –
72 Jahre bis zum Jahre 1803 blieb der Turmknopf unberührt. Da meldete der Türmer auf dem hohen Petersturme, Johann Gottfried Drese, »daß ihm bey Zerstörung eines Dolennestes in der obersten Kuppel dieses Turmes faules Holz in die Hände gefallen sey«. Die nähere Untersuchung ergab zwar keine Einsturzgefahr, jedoch mußten größere Erneuerungsarbeiten vorgenommen werden. Als die Kapseln für die alten Urkunden geöffnet wurden, ergab sich, daß Feuchtigkeit eingedrungen war, obschon sie fest verlötet schienen, und den Inhalt beschädigt hatte. »Auch eine steckende Dunst verbreitete sich, wovon die Schriften und selbst die beygelegten Münz Sorten einen sehr heftigen Gestank angenommen hatten; da hingegen die im Knopfe ohne besondere Verwahrung aufgefundenen Druckschriften fast ganz verfault befunden wurden.« Auch hier wird über Teuerung geklagt. Es wird »bey den immer höher steigenden Preisen aller Lebensmittel, ein zunehmender Verfall der bürgerlichen Nahrung bemerket, so, daß für die Zukunft, wenn nicht dem städtischen Gewerbe durch kräftige Maasregeln aufgeholfen wird, sehr traurige Zeiten zu befürchten sind«.
Freiberg hatte 1802 eine Einwohnerzahl von 8299 Personen.
Nach kurzer Zeit, nach nur 17 Jahren, bereits im Jahre 1820, mußte die Spitze des hohen Petriturmes aufs neue einer Ausbesserung unterzogen werden. Es stellte sich heraus, daß das Gebälk stark verfault war und Einsturz drohte. Es wurde daher »die Thurmspitze über dem Durchsichtigen mit langen hölzernen Schienen belegt, mit eisernen Ketten und starken Seilen zusammengeschnürt, und nun mit größter Behutsamkeit, aber auch mit unaussprechlicher Gefahr die Fahne, der Knopf und die eiserne Spindel abgenommen«. »Der Thurm wurde dazu vom Durchsichtigen aus, äußerlich fünfmal übereinander, in 26 Ellen Höhe berüstet.« In dieser Urkunde werden auch einige historische Notizen gegeben. War doch die Zeit der Fremdherrschaft und der Befreiungskriege noch frisch im Gedächtnis. Nachdem die Jahre 1803–1809 kurz behandelt sind, heißt es weiter: »Nur wenig Jahre genoß Sachsen Ruhe; denn im Jahre 1813 wurde dieses Land aufs neue von Franzosen, Russen, Preußen und Österreichern mit Krieg überzogen und unaussprechlich hart mitgenommen. Freybergs Einwohner insbesondere hatten, was schon bey den im vorhergegangenen Jahre 1812, und in den Jahren 1806, 1807, 1808 und 1809 stattgefundenen Durchmärschen zahlreicher Heerschaaren ausländischer Kriegvölker in fast unerträglicher Masse auch der Fall gewesen, durch kostspielige Verpflegung dieser Soldaten nicht nur, sondern auch durch andere, ihnen von den Heerführern und ausländischen Behörden, welche nach der Völkerschlacht bey Leipzig im Oktober 1813, und nachdem Sachsens ehrwürdiger König in fremde Gewalt gerathen war, unter dem Namen General-Gouvernement dieses Land beherrschten, aufgebürdete Leistungen unendlich viel zu dulden und die ganze hiesige Commun kam noch überdies in Gefolg dieser anhaltenden, bis in Jahr 1815 fortgedauerten Kriegsunruhen in eine Schuldenlast von nahe an 200 000 Thlr. Der 18. September 1813 war insbesondere für Freyberg ein schrecklicher Tag, indem in den frühesten Morgenstunden dieses Tags der österreichische General Scheiter mit Freyjägern und Dragonern hiesige Stadt, in welcher französische und westphälische Truppen sich eingeschlossen hatten, überfiel, wobey im Rathause ein Wachtmeister erschossen ward.«
Die Einwohnerzahl Freibergs betrug 8320 Personen, also fast genau derselbe Stand wie 1803.
Berghauptmann war zu jener Zeit Siegmund August Wolfgang Freiherr von Herder, der letzte große ungekrönte König des Bergbaues, der Sohn des Dichters Herder, der seinen Vornamen Wolfgang von seinem Paten Goethe erhalten hatte. Goethe war mehrmals bei ihm in Freiberg zu Gaste und holte sich hier Anregungen für seine mineralogischen Studien.
Den Kapseln waren auch alte Ausbeutebogen beigefügt, aus welchen die Namen längst verschwundener Schächte mit seltsamem altertümlichem Klange uns grüßen, ferner ein Stadt-, Land- und Bergkalender vom Jahre 1822 und andere Schriften.
Ein gewisser Humor liegt in der Form, in welcher der Bauschreiber des Jahres 1803 seinen Namen dem Gedächtnis zu überliefern suchte. Auf einem Pergamentblatt von Besuchskartengröße schreibt er in schöner Druckschrift: »Bauschreiber E. E. Raths war im Jahr 1803 Hr. Johann Christian Friedrich Herrmann 51 Jahre alt, mittlerer Statur, belebten Temperaments.« Dies Blättchen hat er offenbar heimlich mit eingeschmuggelt und so seine Verewigung im Turmknopf erreicht.
Besonders interessant sind die Beigaben von Münzen. Im Jahre 1803 wurden die aufgefundenen Münzen der Beigaben von 1580 und 1731 und neue Münzen in einer sehr schönen, aus Serpentin gedrehten Dose gesammelt, zusammen 26 Münzen. Sie haben zum Teil noch Stempelglanz.
Die ältesten Silbermünzen sind vom Jahre 1559 und 1580. Sie zeigen in sehr schöner Prägung, mit der sich unsere jetzigen Münzen bei weitem nicht messen können, auf der Vorderseite das Bild des Kurfürsten August mit dem Kurhut auf dem bärtigen Haupte und dem Kurschwert über der hermelingeschmückten Schulter, auf der Rückseite das einfache sächsische Wappen mit den Kurschwertern. Unter den Münzen von 1731 ist besonders bemerkenswert ein Speziesthaler von 46 mm Durchmesser mit dem Bilde des Königs Friedrich August mit lang herabwallendem Lockenhaar mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt das sächsische und das polnische Wappen unter der Königskrone. Die Münzen des Jahres 1822 sind in einer stark verzinnten Blechdose verwahrt. Es sind 13 Stück und sie zeigen fast alle noch Stempelglanz. Auf der Vorderseite das Bild König Friedrich Augusts, auf der Rückseite das sächsische Wappen. Drei dieser Münzen sind für Freiberg besonders bemerkenswert. 1. Ein Ausbeutethaler mit der Umschrift auf der Rückseite »Der Segen des Bergbaus«. 2. Ein Speziesthaler von 46 mm Durchmesser. Auf der Vorderseite das Bild des Königs in starkem Relief, matt gehalten auf poliertem Grund, auf der Rückseite das Bild der Grube Bescheert Glück mit der umgebenden Landschaft und der Umschrift: »Beschert Glück Fdgr. Ohnweit Freiberg« und der Unterschrift: »Kam in Ausbeuth im Quartal Crucis 1786 1/5 Mark Fein Silber.« 3. Eine Denkmünze von 67 mm Durchmesser vom Jahre 1818 mit dem Bilde des Königs Friedrich August matt auf blankem Grund in starkem Relief mit der Umschrift: »Friedrich August König von Sachsen seit 50 Jahren Vater seines Volks und Beschützer des Bergbaus«. Unter dem Kopf des Königs im ovalen Ring einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, das Datum »Am 15. Sept. 1818«. Am erhabenen Rande darunter stehen die Worte: »Gott seegne Sachsen«. Die Rückseite zeigt das Bild der Grube Himmelsfürst, matt gehalten auf blankem Grund, das mit seinen Fichten und Häusern sehr reizvoll wirkt. Die Umschrift lautet: »Himmelsfürst Fundgrube hinter Erbisdorf gab seit 50 Jahren 1 100 458 Thlr. 16 Gr. – Ausbeute.« Unter dem Relief ist Schlägel und Eisen angebracht und auf dem erhabenen Rande darunter die Worte: »Gott erhalte den Bergbau.«
Hundert Jahre sind vorübergezogen, seitdem diese Münzen dort oben im Turmknopf ihren Platz gefunden. Auch unsere Zeit hat in ähnlicher Art der Nachwelt kurzen Bericht überliefert und mit den Urkunden von 1822 und 1803 im Turmknopf geborgen, während die stark beschädigten Urkunden von 1580 und 1731 im Urkundenarchiv des Stadtrates aufbewahrt werden. Jedoch nicht blankes, hartes Geld nahm dieses Mal die Kapsel auf, sondern als echten Ausdruck unserer Notzeit unser Notgeld von Papier, unsere Nahrungsmittelkarten und Bezugsscheine.
Die neue Urkunde schließt mit den Worten: »Mögen, wenn einst diese Kapsel wieder geöffnet und diese Urkunde gelesen wird, glücklichere Zeiten in unserem Vaterlande sein. Möge in einem neuen stolzen Reiche ein kräftiges, tüchtiges, junges, selbstbewußtes deutsches Geschlecht in Frieden den Segen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu eigenem Glück und des deutschen Namens Ehre!
Das walte Gott!«
Nun ist der Mund des einsilbigen Knopfes da oben wieder geschlossen, und ob die Sonne ihn mit heißem Strahl durchglüht, ob der Mondenschein mit silbernem Glanz ihn umhüllt, ob knisternd oder krachend elektrische Ströme und Funken ihn umzucken, oder ob geschwätzige Regentropfen auf seiner blanken Schädelwölbung trommeln, er wird schweigend in die Ferne schauen, einsam der Einsamkeiten tiefste schauend unter seinem Fuß, denn er ist älter als alles Leben um ihn, er sah und hörte mehr als irgend ein Auge und Ohr der vergänglichen Wesen dort unten, er muß allein sein, ein Einsamer bleiben, um von Höhengedanken beseelt seines Daseins Hochziel zu erfüllen. –
Oh, hätten wir recht viele solche Knöpfe, hoch geartet, alles überschauend, viel Inhalt, aber wenig redend!