Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus.

Aus dem Stadtplan von Freiberg kann man auch die Entwicklungsgeschichte der alten Stadt lesen, die in großen unverwischbaren Zügen ihr aufgeprägt ist. Der Stadtplan ist gebaute Geschichte. Da ist die erste dörfliche Siedlung des alten Christiansdorf in den unregelmäßig und scheinbar willkürlich sich zusammenschließenden Gassen der Sächsstadt erkennbar, da zeigt sich die Unterstadt mit dem Untermarkt und Dom als weitere Stufe der Entwicklung zur Stadt und endlich schließt das Gründungswerk Ottos des Reichen und seiner Nachfolger die Stadtbildung ab. Die westliche Hälfte der Stadt mit dem Rechtecksschema des Straßennetzes, das sich an die von Norden nach Süden durchlaufende Hauptachse des Straßenzuges der Erbischen Straße und Burgstraße anschließt, verrät deutlich und klar die ordnende Hand des Städtebauers, der nach bestimmtem Plane Straßen und Plätze anlegt und die Bauflächen absteckt und schließlich das Ganze mit starker, wehrhafter Mauer umgibt. Im Herzen der ganzen Anlage, dort wo der Hauptverkehr vom Peterstor und Erbischen Tor und von den anderen Himmelsrichtungen her zusammenströmt, liegt der große, rechteckige Obermarkt mit dem Rathause. Dort erhebt sich in unmittelbarer Nähe am höchsten Punkte der Stadt mit dem höchsten Turme der Stadt die Peterskirche als Hauptpfarrkirche der neuen Gründung und bereichert durch ihre wirkungsvolle Baugruppe das Stadtbild. Der Obermarkt selbst ist ein Meisterwerk geschlossener Raumbildung und wirkt mit seinen harmonisch gebildeten Häuserwänden und hohen, altertümlichen Dächern wie ein gewaltiger Saal unter freiem Himmel. Die Türen, welche in diesen stolzen Saal hineinführen, die Straßenöffnungen, sind so geschickt angelegt, daß nirgends die Geschlossenheit der Wände unangenehm unterbrochen wird. Es sind keine Prachtgebäude mit üppigem Beiwerk, mit sprudelndem Reichtum der Formen und Ornamentik, von denen eins das andere wohl überbieten möchte, nein es sind einfache schlichte Glieder einer großen Familie, die zusammengehören und zusammenhalten, die ihr bescheidenes Gewand mit Würde tragen. Es sind anständige, ehrenfeste Bürger, die dort um den Markt sich sammelten und nun Schulter an Schulter stehen. Nur hie und da ein reicheres Portal, ein Giebel, ein Erkerchen, ein Bildwerk, eine schöne Haustür unterbricht die Schlichtheit und Ruhe der Fassaden ohne viel Gesimse, Fensterumrahmungen und Ausladungen.

Und alle diese wackeren, wortkargen Bürger schauen hinüber zum Rathause, dem Hause, in dem sie seit alters Rat geben, Rat nehmen, Rat suchen und Rat finden, wo das Herz der Stadt liegt, das durch seine Arbeit den Lebensorganismus der Stadt im Gange hält, das den Lebenssaft des Blutes durch alle Adern, Nerven und Muskeln des Körpers treibt und ihn lebendig und regsam erhält.

Das Rathaus paßt so recht in seiner behäbigen Ruhe und Schlichtheit zu den Bürgerbauten des Obermarktes. Breit gelagert mit ragendem Turm und zierlichem Erker aus alter Zeit, mit Giebeln und Dachaufbauten aus neuer Zeit, ist es ein Ausdruck geschlossener Kraft und stolzen Bürgertums, anspruchslos aber in ruhiger Sicherheit seinen Platz behauptend. Seine Geschichte zu erzählen, hieße die Geschichte der alten Bergstadt selber erzählen, denn auf dem Obermarkt und in den Räumen des Rathauses pochte am lebendigsten das Wollen und Wirken, das Leben und Weben aller geistigen und wirtschaftlichen Kräfte der Stadt, und so wurde es zum Ort und Ausdruck allen Geschehens, zum Sinnbild des Geistes und der Geschichte der Stadt.

Viele Jahrhunderte hat es den Stürmen schon Trotz geboten, hat es im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, bei Seuchen, Pestzeiten und Stadtbränden, aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate, den Zünften, und ja, auch Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut und Tod, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüstern und raunen die mächtigen Quadern der Wände und alten Gewölbe, singt und stöhnt der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel saust und die Fledermäuse im krachenden Gebälk über der Stundenglocke aufscheucht. Und tief drunten in den unterirdischen Gewölben werden um Mitternacht unheimliche Schatten lebendig, Schatten, vor denen dein Herz vor Grauen bebt wegen der furchtbaren Taten, die sie getan, Schatten, vor denen dein Herz vor Erbarmen zittert, wegen der furchtbaren Strafen, die sie erlitten, erlitten wohl manchmal ohne Schuld.

Dieses unterirdische Rathaus mit seinen wuchtigen Tonnengewölben stammt aus den ältesten Zeiten der Stadt und hat in seiner urtümlichen Gestalt alle Stadtbrände und Zerstörungen, Umbauten und Neubauten unversehrt überstanden.

Die etwa 1170 neugegründete Stadt war rasch emporgeblüht. Aus allen Stämmen Deutschlands war die Bevölkerung gemischt. Abenteurer und Glücksjäger, die rasch reich werden wollten und Gott und Teufel nicht fürchteten, verwegene Gesellen aller Art mögen nicht selten gewesen sein. Eine eiserne Rechtspflege und rasche schwere Sühne jedes Verbrechens konnte da nur Rechtssicherheit schaffen und erhalten. Der Obermarkt war das »forum«, die Dingstätte, wo unter freiem Himmel Recht gesprochen, wo auch die Strafen an Leib und Leben vollzogen wurden. Am Obermarkt wurde dann in der Mitte der Ostseite das »Dinghaus«, vermutlich nur eine offene Halle, eine »Gerichtslaube«, errichtet, zunächst nur, um eine geschützte Stätte für Recht und Gericht, verbunden mit Gefängnis, zu haben, dann in weiterer Entwicklung für Beratung und Verwaltung gemeinsamer Angelegenheiten. Dieses uralte Dinghaus ist nach meinen Untersuchungen in seinen Grundmauern oder besser Kellergeschoß noch wohl erkennbar und erhalten. Es ist z. T. umschlossen von den Grundmauern und Kellerräumen der späteren Erweiterungsbauten des Mittelalters und mag etwa 11 m Tiefe bei 9 m Frontlänge am Markte gehabt haben. Vielleicht ist auch das Erdgeschoß wenigstens z. T. in den Wänden noch erhalten in dem Raume, der jetzt die Feuerwehrgeräte birgt und in früheren Jahrhunderten die alte Wage, »die Ratswage für Kaufmannsgüter«, enthielt. Es ist ein hallenartiger, rundgewölbter, nach dem Obermarkt offener Raum, der sehr wohl als offene Halle zum Gerichthalten vor allem in frühester Zeit gedient haben mochte, von wo aus der Verurteilte unmittelbar hinaus zum Markte, zur Richtstätte, zum Tode geführt werden konnte. Der schwarze Stein, der die Stätte der Enthauptung Kunzens von Kauffungen bezeichnet, liegt grade gegenüber. Kunz mag nicht der erste gewesen sein, der an jener Stelle gerichtet wurde. Offene Hallen, die »Gerichtslauben« am Markte, sind noch in manchen mittelalterlichen Städten in Verbindung mit dem Rathause erhalten.

Unter dieser Halle, ursprünglich nur durch einen Schacht mit Leiter zugänglich, liegt der im Volksmunde mit »Marterkeller« bezeichnete Raum, das wuchtige schwere Kellergewölbe des Dinghauses der ältesten Zeit, Gerichtslaube, Marterkeller und Gefangenenzelle in engster furchtbarer Verbindung. Nur sehr wenig Freiberger sind in diesem schwerzugänglichen Raum gewesen, dessen Dasein nur noch wie eine dunkle Kunde in der Öffentlichkeit hie und da bekannt oder halb vergessen ist. Es ist ein Raum von etwa 4 m Breite und 8 m Länge mit einer tiefen seitlichen Nische von 1,50 m Tiefe und 2,70 m Breite. Er ist von schwerem Tonnengewölbe aus Bruchsteinen überdeckt und seine Wände sind z. T. in Felsen gehauen. Kein Lichtstrahl fällt hier herab, kein Schrei eines zermarterten und gefolterten armen Sünders oder auch nur Verdächtigten drang aus dieser schwarzen grauenvollen Tiefe durch die Felsenmauern und Gewölbe zur barmherzigen Oberwelt.

Eine winzige Zelle, z. T. aus dem Felsen gehauen, öffnet wie ein schwarzes Grabgewölbe seine schmale, enge, niedrige Tür zum Marterkeller. Nur zwei Schritt lang in der Länge und Breite ist dieses furchtbare Verließ, so daß der, der hier sitzen mußte in Finsternis und Dunkel, in Zwang und Eisen, gefesselt in Ketten, mit Gewichten belastet, nicht einmal auf dem feuchten, harten Felsboden sich ausstrecken konnte. Bei jeder Bewegung in dieser schwarzen Nacht der Verzweiflung konnte er sich am harten Stein den Schädel einrennen. Der Unglückliche, welcher hier der hochnotpeinlichen Frage entgegenbebte, mochte glauben, in einen wahren Höllenabgrund gestürzt zu sein, aus dem ihn wahre Teufel zu weiteren Höllenqualen führen sollten. Wie Furchtbares mögen diese Wände und Gewölbe gehört und gesehen haben an Qualen, Blut und Not an Leib und Seele, an Roheit, Grausamkeit und unmenschlicher Verworfenheit, wovon ein Kind unserer Zeit sich schwer einen Begriff zu machen vermag. Die jetzt im Freiberger Altertumsmuseum befindlichen Marterwerkzeuge, die ehemals an diese Mauern geschmiedeten Halseisen und Ketten, die Daumenschrauben, der »gespickte Hase«, das Streckbett und wie diese Henkerswerkzeuge alle heißen mögen, die Haken in der Decke, an denen die Opfer der Tortur zur Peinigung in die Höhe gezogen wurden, sie legen Zeugnis ab von den blutigen Schrecken und Entsetzen der »scharfen Frage«, die hier in verschiedenen Graden gestellt wurde.

Der Chronist Möller berichtet einmal von den furchtbaren Strafen, die hier vollzogen wurden. Ein Tagelöhner, Simon Kastner, hatte einen Bürger und Kramer, Andreas Köhler, mit seinem Weibe, dem Sohne und der Tochter in seinem Hause auf der Futtergasse mit der Holzaxt erschlagen und das Haus, nachdem er es beraubt, in Brand gesteckt. Er wurde aber ergriffen und man hat »weil er nicht allein diese, sondern mehr andere grewliche Thaten bey der tortur bekennet, ihm seinen verdienten Lohn, nach ergangenen Urtheil und Recht, wiederfahren lassen, also daß er erstlich sechsmal mit glüenden Zangen zerfleischet, als einmal für dem Rathhause, zweymal für der Erschlagenen Hause, zweymal auff dem Markte, und einmal auff der Petersgasse, für dem Kramladen in Michael Pragers Hause, daraus er den Sohn selbst abgeholet und heimkommen heissen, ehe er ihn erschlagen. Hernach ist er auff dem Rabensteine, damit es jederman sehen könne, von unten auff gerädert (da er denn, als er schon sieben und zwantzig starke Stösse mit dem Rade auff die Schenkel, Arme und Leib außgestanden, noch den Kopff auffgerichtet, und zu trincken begehret) letzlichen auff ein hohes Rad geflochten, die Mordaxt über ihn auffgestecket, und zu dessen Gedächtnis eine Schrifft auff ein Täfflein an die Seule, darauff das Rad gestanden, angeheftet worden.« Für die mittelalterliche Justiz ist bezeichnend, daß die Rechtsprechung und Strafe in vollster Öffentlichkeit geschah und bei den Strafen vor allem durch Abschreckung »zum Abschew und Exempel« gewirkt werden sollte. Der Verbrecher wird durch die ganze Stadt geschleppt und dann erst auf dem Rabenstein, »damit es jedermann sehen könne« langsam zu Tode gemartert. Wir gehen jetzt mildere, vielleicht allzumilde Wege in den Strafurteilen und der Strafdurchführung. Die Strafe soll zur Besserung dienen. In jenen Zeiten mag durch solch blutiges, widerliches Schauspiel zum Abscheu und Exempel wohl mehr die Roheit des gemeinen Pöbels gesteigert als eine Steigerung der sittlichen Kräfte erreicht worden sein.

Wieviele, auch unschuldige Menschen und adlige Seelen mögen hier im Marterkeller unter blutigen Folterqualen zu furchtbaren, unmöglichen Geständnissen gepreßt worden und zu einem qualvollen Verbrechertode geschleppt worden sein! – Gespenstisch zucken die Schatten im Raum, den unsere Leuchte nur schwach erhellt. Hören wir nicht ächzen und stöhnen hinter uns oder dort vor uns? Kam nicht ein schwerer, todesbanger Seufzer, ein grauses Röcheln aus jenem dunklen Winkel? Ist dort nicht Blut, Menschenblut an jenen Steinen der Wand? – Es schnürt uns die Kehle zu, als griffe jemand mit kalter, klammernder Faust uns an die Gurgel, ein Schauer geht über den Rücken, als hauchte uns der kalte, keuchende, gespenstische Atem Gefolterter an. Es ist uns, als senkte sich das schwere Gewölbe mit seiner Last von Blut und Schuld über uns hernieder, als rückten die Wände in ihrer schreckhaften Finsternis näher und näher zusammen, um uns zu erdrücken, als kämen wir nimmermehr aus dieser grauenhaften Nacht zum barmherzigen Lichte empor – – – – hinaus! hinaus! Wir wenden unsere Schritte zum schmalen Ausgang zur steilen Treppe, die in die Tiefe führt, die uns wieder zum Lichte führen soll.

Draußen aber atmen wir tief und voll die köstliche Luft der goldenen Freiheit. – –

Wenn für die älteste Zeit und bei der raschen Rechtspflege, die nicht viel Umstände machte, der Marterkeller mit der einen Einzelzelle genügte, so brachte das Anwachsen der Bevölkerung, die erweiterte Gerichtshoheit der Stadt und auch vielleicht der Stadtbrand von 1375 den Zwang und die Gelegenheit, Erweiterungswünschen und Neubauabsichten nachzugehen. Ein regelrechtes unterirdisches Gefängnis wurde im neuen Rathausbau angelegt mit drei nebeneinanderliegenden Zellen, die z. T. in den Felsen gehauen sind und Mauern von 1½ m Stärke haben. Im Erdgeschoß des Rathausturmes wird uns eine Falltür geöffnet und wir steigen durch die viereckige Schachtöffnung auf einer Leiter in die schwarze Tiefe hinab. Dumpfe Luft, wie aus einem Grabgewölbe, schlägt uns entgegen. Am Ende eines 7 m langen, mit schwerem Tonnengewölbe überdeckten, 2 m breiten Ganges befindet sich eine kleine, schmale Türöffnung in der Seitenwand, welche wir nur tief gebückt durchschreiten können, um zu den engen Vorplätzen der Einzelzellen zu gelangen. Drei Vorplätze und drei Zellen reihen sich aneinander, derart, daß jede Zelle besonders verschließbar ist und einen besonders verschließbaren, engen Vorraum hat. Wie eine enge Spalte im Felsen wirken die drei Vorräumchen, zu denen sich die winzigen Öffnungen der dunklen Zellengräber wie schwarze Stollen unheimlich öffnen. Die Türöffnungen oder besser Türschlitze in den meterdicken Mauern sind nur 50 cm breit und so niedrig, daß nur ein Kind ohne tiefes Bücken hindurchzuschlüpfen vermag. Kein Lichtstrahl fällt in diese Räume, keine Lüftung ist vorhanden. Durch die Spalten im Felsen sickert das Grundwasser und feuchtet den Boden und die Wände.

In der letzten dieser unheimlichen Zellen hat Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber, seinem Spruche entgegengeharrt. Sechs Türen mußten geschlossen werden ehe man bis zu diesem Gefangenen vordringen konnte. Hier in diesem finsteren, unterirdischen Felsengrabe und dort oben an der Stelle des schwarzen Steines auf dem Markte fand ein Schicksal seinen Abschluß, das für ein Drama wirkungsvollen Stoff bieten könnte.

Wer war dieser Kunz von Kaufungen? Ein Michael Kohlhaas, der um sein Recht bis zur Selbstvernichtung kämpft, oder ein gewöhnlicher Raubritter, Verbrecher und gemeiner Verräter? Nein, nicht mit einem Namen, Wort oder Etikett ist ein Charakter, ein Menschenschicksal erschöpft und beurteilt. Verstehen ist mehr als richten! Kunz war ein ganzer Mann, ein tapferer Ritter, der sich in vielen Schlachten bewährt und den Herren, für welche er das Schwert gezogen, treue Dienste geleistet hatte. Im sächsischen Bruderkriege, der fünf Jahre dauerte, hatte er für den Kurfürsten Friedrich den Sanftmütigen tapfer gekämpft, denselben Kurfürsten, gegen den er sich später erhob und der sein Schicksal wurde. Seine Bildung scheint eine für einen Edelmann des 15. Jahrhunderts nicht gewöhnliche gewesen zu sein; er war nicht nur des Lesens und Schreibens kundig, sondern die unter seinem Namen ausgegangenen Schriften zeugen auch von einer gewissen Kraft und Gewandtheit des Ausdrucks. So wurde er Hauptmann und Voigt auf dem Schlosse zu Altenburg und der Kurfürst sagte von ihm nach dem Prinzenraube: »Kunz sei ihm nie, kein Tag und keine Stunde, unsicher gewesen und habe von ihm und den Seinen viel Gutes empfangen, alles auf guten Glauben und Vertrauen, die er zu ihm vor Andern gehabt habe.« Sollte dieses Urteil unverdient gewesen sein? Später finden wir Kunz im Dienste der alten Reichsstadt Nürnberg im Kampfe gegen den Markgrafen Albrecht Achilles. Er war der Hauptmann der Armbrustschützen und hat mit großer Tapferkeit und Treue für die Stadt gefochten und auch sein Blut vergossen. Die Nürnberger Chronik sagt von einem Ausfall: »… auch ward Kuntz von Kauffungen auf den Tag mit einem Pfeil durch den leib geschossen, doch ward er geheilt und gesunt (der war der stat diener, ein Edelmann).« In einem anderen Schlachtbericht heißt es: »Ein ander Hauf ward gemacht, der waren bei 50 gereisigen und des was ein Hauptmann der edel und menlich Conrat von Kauffungen; be ihm waren die erbern (Patrizier) Gabriel Tezel, Wilhelm Loffelholz und mere erbern auß der edeln stat Nürnberg.« Wenn man bedenkt, wie selten in diesen Kriegsberichten die Anführer genannt und die Taten Einzelner hervorgehoben werden und daß in seiner Schar die stolzen Patrizier sich befanden, so kann man auf die hohe Achtung schließen, welche Kunz sich erworben hatte. Das zeigt auch der Bericht von der Schlacht am Pillenreuter See, durch welche der Krieg gegen Albrecht siegreich für Nürnberg entschieden wurde: »Also ließ der edel Herr von Blawen aufdrumeten und legt’ ein sein sper und rait frischlich gegen den feinten. indem ward sich auch mengen der edel und fest Conrat von Kauffungen mit seinen gesellen unter die feint. Indem sich die mennlichen der spitzen von Nürnberg so hart hielten und so keck und menlich gegen den feinten ritten gar in still und mit keinem geschrei, da hub sich zu fliehen der Fürst« (Markgraf Albrecht). Ja, auch im Liede wurde Kunz von Kauffungens Anteil an diesem stolzen Siege gefeiert und der Rat zu Nürnberg erneuerte den Soldvertrag mit ihm auf weitere drei Jahre unter Erhöhung seines Soldes und es heißt von ihm: »er hielt sich gar redlich also, daz in meniglich liep hat.« Und dieser tapfere, redliche Kriegsmann, den man in Nürnberg im Jahre 1452 »meniglich liep hat«, soll im Jahre 1455 nur ein Räuber sein? Nein, nimmermehr! Ein Mann war er, der herrisch für das, was er für sein Recht hielt, eintrat bis zum äußersten, und im trotzigen Vertrauen auf seine Kraft, wenn ihm sein Recht nicht wurde, sein Recht sich selber holte. Die mittelalterliche Auffassung vom Rechte und der Freiheit eines Ritters, der nur dem gehorcht, dem er gerade seine Dienste geweiht, und der auf eigne Hand Fehde führen darf, stieß hart zusammen mit der stärker und stärker sich ausprägenden Macht des Landesfürsten und dem Untertanenverhältnis und mit neueren Rechtsauffassungen und Auslegungen, die ihm zuwider waren. Es ist das Drama des ausgehenden Rittertums. Der Grund zu den Zwistigkeiten zwischen dem Kurfürsten und Kunz war der Streit um das leidige Mein und Dein! Kunz fühlte sich ungerecht behandelt; ein Gut, das ihm zustand, sei ihm trotz treuer Dienste vorenthalten worden. Der Kurfürst beschuldigte ihn verschiedener Raubrittertaten, feindseliger Gesinnung und des Verrates mit Böhmen, das ihm feindlich gesinnt war. Eine Einigung kam nicht zustande. Einen anscheinend stark vom Kurfürsten beeinflußten Schiedsspruch eines Schiedsgerichtes erkannte er nicht an, und so griff er denn trotzig zur Selbsthilfe. Vielleicht auch standen wirklich weitergehende politische Absichten im Hintergrunde und dadurch, daß er sich mit dem Raub der Prinzen vom Schlosse zu Altenburg Geiseln und sichere Unterpfänder schaffte, diente er nicht nur seiner Rache, indem er das Herz des Vaters traf, und seine Forderungen durchsetzen zu können glaubte, sondern er hatte vielleicht einen Mächtigeren im Auge, Georg Podiebrad von Böhmen! Dieser konnte die Geiseln wohl brauchen, um seine ehrgeizigen Pläne auf sächsische Gebiete besser durchzusetzen, und Kunz war verdächtig oft in Böhmen gewesen, wo er das Schloß Eisenberg bei Brüx besaß.

So geschah in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 der Prinzenraub vom Schlosse zu Altenburg, die Tat, welche weithin größtes Aufsehen erregte. Kunz wurde bald ergriffen und samt einem Teil der Steigleiter als handgreiflichem Merkmal der Tat – corpus delicti – nach Freiberg gebracht, um dort sein Urteil zu empfangen. Warum nach Freiberg? Freiberg war damals die größte Stadt Sachsens, die freie stolze Stadt auf dem Berge! Das Freiberger Stadtrecht, dieses berühmte, alte deutsche Rechtsbuch, hatte hier seine Stätte und Anwendung. Der Rat zu Freiberg, die zwölf Geschworenen, hatte die Gerichtsbarkeit und führte ein strenges und gerechtes Gericht. Er hatte vom Landesherrn das alte Privilegium vom Jahre 1294 als Lohn für die vielfach bewiesene Treue erhalten: wenn sich jemand gegen den Landesherrn vergehen sollte, so solle die Entscheidung dieses Falles den Geschworenen zu Freiberg überlassen werden. »Vorwirket sich eymand gen uns das wollen wir rugen unde teidingen nach irme rate.« Der Kurfürst mag auch durch kluge Rücksichten auf die öffentliche Meinung bestimmt worden sein, über Kauffungens Tat durch einen Gerichtshof, der aus unabhängigen Bürgern bestand und als völlig unparteilich gelten mußte, anstatt von einem seiner eigenen Beamten oder durch einen von ihm eingesetzten Sondergerichtshof entscheiden zu lassen.

Der Spruch lautete nach mündlicher Verhandlung, wie nicht anders zu erwarten war, auf den Tod durch das Schwert. Am 14. Juli 1455 wurde Kaufungen auf dem Markte hingerichtet. Vielleicht hat das uralte Freiberger Richtschwert im Albert-Museum sein Blut getrunken. Das Urteil mußte so fallen, wie geschehen, denn er war auf handhafter Tat ergriffen, der Tat überführt und auch wohl geständig. Durch weitverzweigte Verschwörung hatte er den Landfrieden gebrochen, er war als »vridebrecher« »mit unrechter Gewalt und gewappneter Hand und geruckter Wehre« in das Haus eingebrochen, und darauf stand das Schwert! So wurde z. B. auch im Jahre 1493 zu Freiberg ein Herr v. Carlowitz, welcher mit gespannter Armbrust durch die Stadt geritten war und den Bürgermeister mit Erschießen bedroht hatte, gefangengesetzt und enthauptet. Vielleicht hat Carlowitz auch in jener unterirdischen Zelle seinen Spruch erwartet und hat droben auf dem Markt an gleicher Stelle mit seinem Blute den Sand genetzt, wie Kaufungen 38 Jahre zuvor. Das Freiberger Stadtrecht sagt: »Ist ir vire, sechse oder cehene derselben vridebrecher oder wi vil ir ist da gewest an handhafter tat, man slet in abe die Helse mit rechte.« Sie waren dem Freiberger Stadtrecht verfallen! Das Schwert in jener Zeit war rasch und das Hälseabschlagen eine glatte Sache, denn ein toter Hund kann nicht mehr beißen. Recht und Vorteil mag öfter Hand in Hand gegangen sein und manchmal mag der Richter auch unbewußt Partei zwischen Gerechtigkeit und Staatsklugheit gewesen sein.

Wir blicken in das feuchte, enge Verließ, das viele Jahrhunderte als Gefängnis gedient hat. Wenn diese Mauern erzählen könnten, welche grauenhafte Reihe schauerlicher Taten, Reden, Gedanken, Flüche und Seufzer, welcher Jammer, Elend, Schuld und Sünde, aber auch unschuldige Leiden und Qualen, zertretene Hoffnungen, zerschmettertes Glück würde uns da offenbar werden, so daß wir nimmermehr froh werden könnten unter der Last der Geschichten und Gesichte aus der dunkelsten Nacht des Lebens.

Dort sitzt der gefürchtete Kunz von Kaufungen, ein starker Mann mit schwarzem Vollbarte und Haupthaare auf dem rohen Steinsitz seiner Zelle, und hofft auf die Stunde der Freiheit, die doch nicht schlagen sollte. Er grübelt und knirscht in verzweifelter Wut. Mächtige Freunde hat er, die nicht dulden werden, daß einer ihres Standes dem Schwerte verfallen soll, weil er sich selbst sein Recht gesucht. Den jungen Prinzen ist kein Leid geschehen, das etwa mit Leib und Leben zu büßen wäre. Das Fehderecht in seiner gerechten Sache gegen den Kurfürsten ist gutes ritterliches Recht. Was gilt ihm das Freiberger Stadtrecht! Die Tat geschah nicht im Banne des Freiberger Stadtrechtes! Kann der Kurfürst als Kläger sich Recht und Richter selber wählen? Wird der Kurfürst, welcher der Sanftmütige genannt wird, das Schwert gebrauchen, obschon er einst sein treuer Diener war, will er die Tat sühnen oder will er einen Feind vernichten? – – Er grübelt und grübelt und dazu diese rabenschwarze Finsternis, diese Totenstille, in welcher er lebendig begraben sich glaubt. Ist es Nacht, ist es Tag, ist es Zeit oder ist es schon schaurige Ewigkeit? Er stöhnt in verzweifeltem Grimm und schlägt die Faust sich blutig an den eichenen Bohlen der schmalen Tür, doch nur die unbarmherzigen Ketten klirren. Er brüllt wie ein verwundeter Bär, doch niemand hört ihn, niemand kommt, ihn in die Freiheit zu führen. Vier Tage und Nächte vergehen so in Nacht und Grauen, und als man ihn zum Lichte führt mit der Last seiner Ketten, da führt man ihn zum Tode, da blitzt über seinem Nacken das Schwert, sein Haupt rollt in den Sand. Die Tat hat ihre Strafe, die Schuld ihre Sühne gefunden. Gerechtigkeit und Staatsklugheit reichen sich die Hand und die Bänkelsänger ziehen durch die Märkte des Landes und singen das Lied von Kaufungens Glück und Not und Ende, und später, im Kasperletheater, erregt das Spiel vom Prinzenraub das Grauen und Entzücken der Kinder. Ein altes Lied singt von ihm:

»Was blast dich, Kunz für unlust an,

daß du ins Schloß neinsteigest

und stiehlst die zarten Herren raus,

als der Kurfürst eben war net zu Haus,

die zarten Förstenzweige?

So geht’s, wer wider die öberkeit

sich unbesonnen empöret.

Wer es nicht meint, der schau an Kunzen

sin Kop tut zu Freiberg noch herußen schmunzen

und jedermann davon lernt.«

Ein schwarzer Stein mit verwischtem Kreuz liegt an der Stelle, wo sein Haupt fiel, und ist seit Jahrhunderten eines der Wahrzeichen der alten Bergstadt, die jeder wandernde Handwerksbursche und Zunftgenosse als Ausweis seiner Ortskenntnis kennen und nennen mußte. Heute noch speit auf den Stein jeder Schulbube, der vorübergeht: Er meint nach alter Sage, es ginge ihm besonders in der Schule gut, wenn er zuvor als braver Knabe dem Andenken des bösen schwarzen Raubritters und Prinzenräubers seine Nichtachtung bezeigt hätte. 123 Jahre später, im Jahre 1578, wurde das Rathaus von Andreas Lorentz »des Rats Steinmetz«, mit einem Erker geziert. Aus dem Giebel schaut weit herausgereckt das Haupt eines Geharnischten mit Eisenhaube mit trotzigen Mienen hernieder auf den schwarzen Stein. Es soll Kunz von Kaufungen sein, der nach seiner Richtstätte schaut und keine Ruhe findet, bis ihm Gerechtigkeit nach seinem Sinne geworden.

Noch ein anderes Erinnerungsstück hält das Gedächtnis an Kunz von Kaufungen den wechselnden Geschlechtern lebendig. Es ist die Steigeleiter, welche er zur Tat benutzt hatte und welche seit jenen Tagen im Rathause zu Freiberg aufbewahrt wird. Der untere kürzere Teil befindet sich im Schlosse zu Altenburg. Die Beschaffenheit der Leiter zeigt, daß es sich nicht um eine rasche Tat handelte, sondern mit welcher kalten Überlegung und Sorgfalt lange vorher die Tat vorbereitet und geplant war. In diesem Sinne mag sie in den Augen der Richter besonders belastend und für das Urteil mit entscheidend gewesen sein. Sie ist aus doppelt genähten, starken Ledergurten mit Holzsprossen hergestellt und hat eine Länge von 7,50 m mit 30 Sprossen. Jede Sprosse ist mit hölzerner Mutter sorgfältig von außen an den seitlichen Gurten befestigt und gesichert. Mit jeder achten Sprosse sind fest zwei Stützhölzer von etwa 20 cm Länge verbunden, durch welche die an der Mauer hängende Leiter eine ziemliche Steifigkeit erhielt, so daß sie, sich fest gegen die Wand stützend, genügend Abstand halten und auch ein Hin- und Herschwanken und Pendeln vermeiden konnte. Drei Paare solcher festen Sprossenstützen sind vorhanden.

Das obere Ende der Leiter ist durch ein Dreieck von Rundeisen an einem eisernen Bügel oder Überwurf befestigt, der ähnlich einer festen Klammer über die Fenstersohlbank des zu ersteigenden Fensters geworfen wurde und sich dort fest einbiß. Dieser Klammerbügel ist jedoch lang genug, daß das obere Leiterende entsprechend den Sprossenstützen im Abstand von der Mauer gehalten wurde, um ein bequemes Steigen mit Hand und Fuß zu ermöglichen. Es ist eine Arbeit raffinierter Überlegung und Erfahrung, an welcher lange gearbeitet ist, um nur nicht etwa an einem technischen Mangel den kühnen Plan scheitern zu lassen. – –

An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden sich noch zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. Es sind zwei große, schwärzliche Steine von halbkugeliger Form mit einem scharfkantigen Eisenringe. Auf dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu erkennen, die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in steifer Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in ihrer Renaissancetracht, – roter, langer Rock, weißem Mieder und schwarzer Jacke mit Puffärmeln – und rollen mit den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich ein ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und daher »Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. Sie trägt die Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich schlagen, müssen diese Flasche tragen.« Dieser Widmungsspruch erklärt auch unsere Steine dort oben. Mit ihnen, den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den Pranger gestellt. Der eiserne Ring von 29 cm Durchmesser konnte bequem über den Kopf gestreift werden. Der Stein ist aus Granit zurechtgehauen und glatt bearbeitet. Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen der Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt 25 Pfund. In der rückwärtigen Höhlung des einen Steines ist, von grünen Zweigen eingerahmt, folgende Inschrift angebracht: Renoviret im Jahre Christi 1769 auf Anordnung Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers durch Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister.

Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren durch fleißigen Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht 200 Jahren, daß er im Anstrich und Malerei neu aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister hat sich mit großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift beweist, dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit verewigt. Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das zugleich eine derbe Volksbelustigung von Rechtswegen war, noch lange sich seiner Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen von der demütigenden Wirkung und moralischen Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine Qual, denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und auf den Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht des Spottsteines, mehrere Stunden hindurch die Roheit und Gehässigkeit und niederen Leidenschaften des Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein. Es mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche unholde Unglückliche entweder allein oder paarweise sich gegenüberstehend, mit ihrem schweren Halsschmuck geziert, mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern und anderen übelriechenden Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und gegen ihre Angreifer rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf der Bosheit und giftiger Leidenschaften, der wohl schwerlich zur Hebung und Läuterung des sittlichen Empfindens beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen Empfinden vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen würde. Der erzieherische Wert der Strafe für die Gestraften und das Volk mag nur gering gewesen sein. Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im Freiberger Rathause wichtige und interessante Zeugen alter Rechtspflege und Strafauffassung. Was könnten diese Zeugen wohl berichten von menschlicher Schuld, Tücke und innerer und äußerer Qual! – –

Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige große Halle, an deren Westende das Archiv und die alte Gerichtsstube, jetzt Stadtverordnetensaal, am Ostende die frühere Kommissionsstube, jetzt Ratssitzungszimmer sich befanden. Alle anderen Räume und Flure, vierzehn an der Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet worden. Diese einstige große Ratshalle hatte eine Breite von 16½ m und war von der Marktseite und Burgstraßenseite her durch stattliche Fenster gut beleuchtet. Die hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch sechs gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige Halle in zwei gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das Schiff an der Marktseite zwischen Kommissionsstube und Gerichtsstube hatte 28½ m Länge, während das nördliche Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des Rathauses mit 50 m Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, in dessen Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern wie im wuchtigen Gange einherschritten und den aufstrebenden elastischen Schwung ihrer Linien zur Decke emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und dem Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, Harnischen, Fahnen u. dgl. muß eine starke Raumwirkung gehabt haben, die anderen berühmten Rathaussälen wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf.

Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen Silberstadt und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren malerische Wirkung und derbe Fröhlichkeit wir uns nur schwer vorzustellen vermögen.

Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den Hochzeitstanz ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer Stoffe und herrlicher Schmuckstücke mag da entfaltet worden sein. Hier gab der Rat den Fürsten, die in Freiberg residierten oder zu Gaste waren, üppige Prunkmähler, hier feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre Feste, weswegen der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die Bergknappschaftsfeste statt, welche alle Männer vom Leder, den Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, den reichen Silberherren und den armen Bergjungen zu gemeinsamer Feier bei reichem Mahle, gutem Trunke und schließlich fröhlichem Tanze vereinten. Hier fanden auch Theateraufführungen fahrender Künstler und die Festspiele des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, die Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze verdorrt. Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich, kalt und sorgenschwer, in denen die Fröhlichkeit andere Stätten suchte, der Sinn der Zusammengehörigkeit auch in der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte und sich nach hie und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die Waffen und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den herrlichen Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei Bogenöffnungen zu, so daß aus dem fröhlichen Tanzhaus, aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu Schutz und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude wurde. Nur die Feder und das Wort sind die Waffen, die hier noch geführt werden. An die Stelle von Tanz und lauter Fröhlichkeit ist stille Emsigkeit, treue Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im Dienste der Allgemeinheit getreten.

Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch übrig geblieben. Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit tiefen Nischen der starken Mauern, in denen Banksitze Platz gefunden haben. Eine schwere, spätgotische Sandsteinbrüstung grenzt die Öffnung der von unten aufsteigenden Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder.

Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, mit Hermelinmantel, mit Schwert oder Feldherrnstab in der Rechten, sind diese stolzen Herren und Herrscher charakteristische Vertreter ihrer Zeit mit allen ihren Vorzügen und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte Meisterschaft fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die Jahrhunderte seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis 1544) zusammengetragen und sorgfältig bewahrt, gehegt und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder hängen auf der Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist ein gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener Männer und Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und seine Gattin, die Kurfürstin Sibylla Magdalena, haben die furchtbare Prüfung des dreißigjährigen Krieges über ihr Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel ist sein Haar und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des großen Krieges hat ihn und auch seine Gattin, eine blonde anmutige Frau mit schönem weißem Spitzenkragen, gleichfalls mit einem grünen, prachtvoll geschmückten Seidengewand angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt.

Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des Türkensiegers mit rötlichblondem, lockigem Haar und Schnurrbart, der an der Befreiung Wiens durch die Schlacht am Kahlenberge am 12. September 1683 so ruhmreichen Anteil hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht gehörten bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, die Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener Zeit, und auch die besonderen engen Beziehungen des Sachsen zum Kaffee mögen in jenem Siege ihres Kurfürsten ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt und weist mit dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine Kanone mit dunklem, drohendem Rohr spricht von seinen Schlachten.

Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit blauem Samtmantel und dem Bande des Weißen Adlerordens. Welche Fülle von Bildern, Vorstellungen und Geschichten tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir seinen Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen sein, ein Genießer von besonderem Ausmaß, so ist doch seine Prachtliebe, sein Sammlungseifer, seine Kunstfreude, seine Baulust für die Entwicklung und Befruchtung der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden zum Elbflorenz. –

Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine Farbenpracht in die Augen, das Bild des Königs Anton, der 1827–1836 regierte, ein König der Biedermeierzeit. Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem aber doch ernsthaftem Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen und gehöriger Würde und Herablassung ist. Er trägt einen scharlachroten Frack mit schwefelgelber Weste und breitem, grünem Ordensband und dazu hübsche, enge, mattblaue Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König im Bilderbuch, und, hätte er den schönen Federhut auf, würde er einem der schönsten Papageien mit großem Schopfe im Zoo gleichen. – Ist es erst wirklich hundert Jahre her, daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es nicht doch etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? Das fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck in die ernste Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel Sorgen und schwere Gedanken hin- und hergetragen werden, daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht, ihm zunickt und denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der hatte einen …?« –

Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs des Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten August und seiner Gemahlin Anna.

Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner Freiberger Art und Bürgertums, der Gründer Marienbergs, zeigt sich in seiner waffenfrohen, ja waffenklirrenden Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog Heinz, der da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch. Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien sind vergoldet. Im rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, bloßes, zweihändiges Schwert, mit großem, goldenem Griff hoch an der Brust, das fast so groß wie der Herzog selbst ist. Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an der linken Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite trägt er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren seine Leidenschaft, und im Zeughaus des Schlosses Freudenstein unter seinen schönen blanken Bronzekanonen mit ihren Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein liebster Aufenthalt. Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten Bürgern in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, eine weidgerechte Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte er jedoch nicht. Sein Mohr und sein großer englischer Windhund durften jedoch nicht fern sein. Dafür hatte jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn zum Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in beiden Händen, als einen Gänsekiel zwischen den Fingern einer Hand! – Heinrich hatte jedoch mehr noch als kriegerischen Mut, er hatte Bekennermut und seelische Kraft. Trotz des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in Freiberg und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in seiner Treue und Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg mit Zorn und Gewaltdrohungen nichts bei ihm erreichte, versuchte er’s mit schlauer Überredung und Bestechung: Er schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum als Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten wiesen auf die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen Vorrates an Silberkuchen, baren Gelde, Golde, Kleinodien und vielen köstlichen Zierrathe hin ohne ihn bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete:

»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da der Satan dem Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten der Welt zeigete und zu ihm sagete, dieses alles will ich dir geben, so du niederfällest und mich anbetest, welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch gleich mit seiner Gemahlin an einem Stäblein betteln aus dem Lande gehen sollte!«

Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre Hof gehalten und ließ in sein Testament als letzten Willen schreiben, »er hette die Freyberger in aller Trew und Gehorsam gegen Gott und ihm befunden, drumb wolte er auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine glücklichste Zeit erlebt.

Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines Sohnes, des Kurfürsten Moritz, dem Sachsen viel zu enge war, der mit hochfliegenden Plänen sich trug, und dem Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen Ehrgeizes war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des Reiches gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt, dahingerafft. Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen Schuß die Weltgeschichte genommen? Vielleicht wäre Deutschland der dreißigjährige Krieg erspart geblieben.

Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im Schmucke seines rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher Kopf mit klugem, festem Blicke an. Man fühlt, daß hier ein Besonderer steht und den Feldherrnstab in der Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler Farbe und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe schwarze Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen trug, als ihn am 9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von hinten traf, der Panzer, der nun schon Jahrhunderte im Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei Sievershausen erbeuteten Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig sind, wissen zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem Schlachtentod, durch den Deutschland seiner besten Hoffnung mit beraubt wurde. Der uralte deutsche Mythos vom blinden Hödur, der den lichten Baldur durch heimtückischen Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands Schicksal und Leid. –

Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin Anna stammen von Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind in schwarzer, spanischer Tracht mit vollendeter Kunst gemalt. August trägt ein reiches, mit Gold gesticktes Wams mit schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber und enganliegende hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links am Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, sondern mehr von einem eleganten Hofmann. Sein rötlichblonder Vollbart ist kurz geschnitten und gepflegt. Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige Kopfbedeckung, die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht.

Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze untere Drittel des Kleides, die Puffärmel und der Latz, sind reich in Gold gestickt. Ihr helles, rötlichblondes Haar legt sich glatt gescheitelt über Haupt und Schläfen und ein kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den Scheitel. Mit rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem Blick auf den Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf ihren Pfarrer lauscht.

Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt sind, ist ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch welchen der helle Himmel hineinschaut, vor dem die schwarzen Gestalten stehen.

Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der kluge Volkswirt und Haushalter seines Volkes und die treue Landesmutter neben ihm! Wie so ganz anders stellt man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, geistig unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht geistig so unentwickelt und schüchtern und leer, wie sie sich stellt, nein, als tatkräftige, geistig bedeutende Persönlichkeiten, denen der geistige Adel und das tüchtige Wollen und Können von der Stirne und aus den Augen leuchtet. Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in der Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender und vielleicht auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer als hier, wo mehr der körperliche als der geistige Mensch gegeben ist. –

Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke von zwei gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher Profilierung getragen wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. Durch einen gotischen Türbogen mit tiefen Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige eiserne Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch Drehung des prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der Mitte gelöst werden kann, ein Meisterwerk der Schmiedekunst, und dann durch eine zweite, mit Eisenplatten beschlagene Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten wir in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten Klause das Leben draußen schweigt und die Jahrhunderte zu uns zu reden und lebendig zu werden scheinen. Eine andere Luft und anderer Duft ist in diesem Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist mit roten Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme Farbstimmung geben.

Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem feuer- und diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und die Geldvorräte der Stadt in schweren eisernen Truhen mit kunstreichen Schlössern und Riegeln einst aufbewahrt wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte man hier die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter. Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, das uns anschaut wie die Wand einer altertümlichen Apotheke, wurde 1635 von dem Tischler Georg Köhler hergestellt und nahm in seinen sogenannten »Kammerkästchen« wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf bis auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem Werte und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem hübschen, hängenden Handgriff herausgezogen werden und ist mit fröhlichem Blattornament in bunten Farben bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von Bücherschätzen ebenso wie als Sitze dienen können.

In der Mitte des ehrwürdigen Raumes steht ein uralter Tisch in der Form des Tisches der Lutherstube auf der Wartburg und wohl aus derselben Zeit stammend. Der Wurm hat eifrig schon sein Werk an ihm getan. Verborgene Schubkästen sind unter seiner Platte. Ein Archivar soll einst mit besonderer Begeisterung gerade an diesem Tische in den alten Stadtbüchern geforscht haben. Ein feiner Duft stieg nämlich von dem Tisch in seine Nase, denn hier im geheimen Schubfach hatte er seinen besten Tabak heimlich geborgen, der ihn begeisterte wie einen schwärmenden Jüngling das Veilchen, das im Verborgenen blüht. Freudig schnuppernd graste er so auf den Feldern des Mittelalters und der Stadtgeschichte.

Das Regal der zweiten Wand ist dicht mit Bänden aus allen Jahrhunderten besetzt. Da sind vor allem die mächtigen Stadtbücher und Ratsprotokolle in Schweinsleder gebunden, Bände von einer Größe und einem Gewicht, daß sie nur schwer zu heben sind. Andere alte Bände sind in Pergamentblätter mit gotischer Schrift gebunden, die aus alten Klosterbüchern stammen. Kostbare Bände liegen auf dem alten Tisch. Wir schlagen einen uralten Band auf mit schwerem Deckel aus Holz mit Spuren eines roten abgeschabten Überzuges und mitgenommenen Messingbeschlägen und fünf sehr starken, großen Messingnägeln auf beiden Deckeln. Es ist das alte berühmte rote Freiberger Stadtrecht vom Jahre 1294, ein kostbares, unersetzliches Werk, in prachtvoller gotischer Schrift auf starkem Pergament geschrieben, mit vielen schönen Initialen. Das erste herrliche Initial in Blau, Grün und Gold gehalten, über die ganze Seite reichend, klingt noch in der Ornamentik an romanische Formen an und umschließt in dem Buchstaben »G« das Wort »Got«. Die Einleitung dieses ehrwürdigen, durch Jahrhunderte und weit über Sachsens Grenzen anerkannten Gesetzbuches lautet:

»Got der Himel und erde geschuf,

der helfe uns volbrengen diz buch,

des helfe uns got amen. Ich hebe an

in gotis namen. Unde schribe

vribersch recht. wer mir helfe

der si gotis knecht.

Diz ist von deme erbe«

womit dann bezeichnenderweise der erste Abschnitt beginnt.

Daneben liegt die berühmte Handschrift des Freiberger Bergrechts von 1324, ein Band von ähnlicher Art und Schrift. Markgraf Heinrich hatte im Jahre 1255 den Bergschöppenstuhl errichtet mit der Befugnis, in allen Bergsachen Recht zu sprechen. Bis 1856, also 600 Jahre bestand dieser Berggerichtshof. Er hat das Bergrecht entwickelt, welches hier auf diesen schönen Pergamentblättern seine erste Niederschrift fand und für ganz Sachsen maßgebend war. Bereits im dreizehnten Jahrhundert fand es im Ordensland Preußen, in Schlesien und Mähren, ferner in Siebenbürgen und Serbien Eingang und übte einen bedeutenden Einfluß auf die gesamte deutsche Berggesetzgebung aus. Im Jahre 1332 betrieben schon sächsische Freiberger Bergleute in Serbien fünf Gold- und Silbergruben und wendeten ihr heimisches Bergrecht an. –

Ein anderer schmaler, langer aber starker Band in Schweinsleder gebunden und in mittelalterlicher Handschrift und Sprache geschrieben erregt besonders unsere Aufmerksamkeit. »Catalogus Truffatorum oder Schwarze Register« steht auf seinem Rücken. Wir blättern darin und fühlen uns versetzt in das alte Dinghaus am Markte vor die Schranken des Gerichtes, um die sich Volk drängt. Der Angeklagte fehlt, aber ein Ankläger schildert mit zorniger Stimme die Verbrechen des Entwichenen und fordert seine Strafe, Verbannung bei Todesstrafe od. dgl. Es ist das Verzellbuch oder Verzählbuch, das wir aufgeschlagen haben, die schwarze Liste, in welcher seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis 1518 über 2100 Übeltäter verzeichnet sind. Der Verzählung, einer Art Verbannung und Ächtung, fiel anheim, wer wegen eines Verbrechens flüchtig geworden war und auf Anklage nicht vor den Schranken des Gerichtes erschien, um sein Urteil zu empfangen. Wurde ein so Verzellter später ergriffen, so wurde ohne weitere Verteidigung und Gerichtsverfahren das Urteil an ihm vollstreckt. Von wieviel menschlichen Leidenschaften, Schuld und Sühne aus früheren Jahrhunderten weiß dieser Schweinslederband zu berichten, und zu erzählen von der straffen Strenge der Rechtspflege und der Sitten und den harten Strafen alter Zeit. »Uff den Hals« verzählen, d. h. Todesstrafe wird nicht selten verhängt, und mancher mag seinen flüchtigen Feind, der sich nicht verteidigen konnte oder wollte, auf diese Weise vernichtet haben. Da lesen wir z. B.: »Reinfried Große hat lassin vortzeln Frantzen Hekeler uff sinen Hals darumb das er ym gedreuwet hat er wolle im schaden am lybe und am gute.« Also auf eine Drohung wurde Todesstrafe gesetzt!

»Die Burger lassen vertzeln uff synen hals Hans Ysenhut darumb daz er in dem frauwenhuße gewest ist und dorinne geunfugit hat.« Unfug im Frauenhause oder im Weinhause mit leichten Frauenzimmern fällt öfter der Verzählung anheim. – Als Kuntze Braun »eyner frauwe by nacht in yr huß gelaufen und sie obil behandelt« hatte, wurde er »uff sinen hals« verzählt und sie »lysen ym darumb seinen kopp abehawen«. – Einem anderen Übeltäter, der einen Beutel, worin das Erz gewaschen wurde, »abegesnyden« hatte, hat man »laßin die oren absnyden« und verbannte ihn »uff seynen hals« auf ewige Zeiten aus Stadt und Land. Ja sogar darauf, daß fremdes Bier ausgeschenkt wurde, stand Verbannung: Meister Nikols des Zimmermanns swester wurde bei Todesstrafe auf Jahr und Tag verbannt »darumb das sy Kemnitzer bier geschenkt hat wider der Burgergebot uff iren hals«.

Anfangs wendete man die Verzählung nur bei schweren Verbrechen an, später, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, wurden aber sogar geringe Vergehen und Übertretungen damit gestraft. Es konnte jedoch zuweilen die Strafe losgekauft werden. Thomas Strellers »Wyb« wurde verzählt, weil sie gesagt hatte: »Nein – die Burger allhie eßen nicht die großen heringe sondern wenn dy von Zeydaw (Sayda) die großen guten heringe eßen so müssen sie hie den dregk essen.« Zwei Burschen wurden verzählt, weil sie »uff der Paucke geslagin habin«, ein anderer, weil er Spottverse gedichtet und gesungen hat, Kaspar Kirchberger »darumb das er an dem Tore gehüt hat und hat geslaven«. – Herzog Heinrich der Fromme verbot 1525 die Verzählungen, weil offenbar viel Mißbrauch damit getrieben wurde und z. T. auch mündliches Verfahren üblich geworden war.

Wir schließen das ehrwürdige Buch, in dem sich uns wie in einem Spiegel Alt-Freiberger Leben zeigte, ein Leben so tüchtig und ehrenfest in festen Sitten und Gesetzen gehalten, daß wir nicht ohne Beschämung darauf zurückschauen müssen.

Dort weiter lockt uns das alte mächtige Bürgerbuch, in ihm zu blättern. Das älteste Bürgerbuch, welches 1404 begonnen ist und über längst dahingesunkene Geschlechter Auskunft gibt, trägt auf seiner ersten freien Seite spätere Einträge zum Lobe Freibergs z. T. in lateinischer Sprache, etwa aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Aussprüche Herzog Georgs:

»Leipzig die beste, Freybergk die größte,

Chemnitz die feste, Annabergk die liebste,«

ferner »Lipsia ter in anno, Friberga vero quater fructum refundit.« Leipzig schüttet dreimal im Jahre, Freiberg aber viermal Frucht! –

Dieser Stolz auf die Stadt war wohl begründet, denn 1474 belief sich die Zahl der Hausgrundstücke auf 579 in Freiberg, in Leipzig 519, in Dresden 427. Bereits 1400 hatte Freiberg eine Wasserleitung und dafür einen Röhrmeister angestellt. Eine unterirdische Beschleusung hatte ihre Anfänge den Bergleuten zu verdanken. 1484 war bereits eine Bauordnung erlassen, welche steinerne Häuser, harte Dachung und massive Brandgiebel vorschrieb. 1490 hatten die Tuchmacher schon eine Kranken- und Sterbekasse. Freibergs Handel und Privilegien reichten über das ganze Erzgebirge. Manche der alten Bürgergeschlechter hatten Besitzungen und Reichtümer wie kleine Könige und blühten durch Jahrhunderte. Das Bürgerbuch war so ein Buch des Stolzes für sie. Die Namen der Prager und Alnpeck, der Schönlebe und Schönberg, der Lingke, Monhaupt und Molsdorf usw. waren weit berühmt im Lande. – Wir schauen auch in die bunten Kammerkästchen und nehmen von den kostbaren, ehrwürdigen Urkunden einige zur Hand mit ihren mächtigen Siegeln in Holzkapseln. Die älteste ist ein kleines Schreiben auf Pergament, etwa 50 Jahre nach der Gründung Freibergs geschrieben, eine Bulle des Papst Honorius III. vom Jahre 1224, in welcher er versichert, daß er das zu Freiberg neu gestiftete Hospital St. Johannis in seinen Schutz genommen habe. Ein bleiernes Siegel hängt daran in vorzüglicher Prägung mit den Köpfen zweier Heiligen und einem Kreuz dazwischen. Ehrfürchtig betrachten wir dies 700 Jahre alte Schreiben, welches das heute noch blühende Hospital in seinem Geburtsjahr grüßt und bestätigt. Honorius III., der Stifter des Dominikaner- und Franziskanerordens, der den glänzenden Hohenstaufen Friedrich II. zum Kaiser krönte, sandte es aus der Weltstadt Rom in das rauhe, unwirtliche Gebirge hoch im Norden, wo eine junge Siedlung als neuer Kulturmittelpunkt in Urwäldern unter heidnischen Sorben sich ausbreitete und aufblühte. Welch ein Gegensatz echt deutscher Art und Schicksals wird uns bei dieser Urkunde lebendig: Dort der deutsche Kaiser im sonnigen Sizilien, im schimmernden Palermo seinen halb sarazenischen Hof haltend, der in sich alle Pracht des Morgenlandes und des Abendlandes vereinigte, dem deutschen Lande und deutscher Not fremd geworden und seine ganz große, staatsmännische Begabung auf Kunst und Wissenschaft und die wirtschaftliche Entwicklung, auf Handel, Rechtspflege und Heer in Italien und Sizilien verwendend, seine deutsche Heimat vergessend und der Gesetzlosigkeit und Raublust innerer und äußerer Feinde überlassend, hier dagegen gleichzeitig im Norden ein hartes, eisernes, einfaches Geschlecht von deutschen Bürgern, Bergleuten, Bauern in dunkler Waldwildnis und rauhem Gebirge in unermüdlicher Arbeit die Heimat sich erobernd, dem heimatlichen Boden Schätze abringend und aus eigener Kraft und tiefster Seelenstärke eine Kulturblüte hervortreibend, die durch die Jahrtausende leuchtet. Die goldene Pforte und die Kreuzigungsgruppe des Domes, Werke erhabenster Kunst und deutschester Art, Gesetzbücher und soziale Einrichtungen des Erzbergbau- und Hüttenwesens mit ihrer glänzenden Entwicklung sind heute noch redende Zeugen dieser alten schwer errungenen Kultur.

Eine andere Urkunde fällt uns besonders durch ihre zwei köstlichen, großen Wachssiegel in Holzkapseln auf, wahre Meisterwerke der Kleinkunst. Sie haben 11 cm Durchmesser und stellen in feiner gotischer Zeichnung einen Ritter auf anreitendem, gepanzertem Turnierroß dar mit Fahne im Arm und einzelnen wunderbar zart durchgeführten Wappen in der freien Fläche. Es ist die Urkunde, in welcher Bischof Johannes zu Meißen am 25. August des Jahres 1480 die Kirche unsrer lieben Frau zu Freiberg zu einer Stiftskirche erhob und das Domkapitel daselbst einrichtete. Vor unserem Auge steigt die Zeit der ausgehenden Spätgotik auf, als im deutschen Boden tausend neue Keime sich regten und Altes fallen und sterben sollte, als ein Suchen und Fragen durch die Lande ging und neue Welten aus dem Dunkel emporstiegen. Wir sehen Freiberg in Flammen stehen, den alten Dom stürzen und wieder aufsteigen aus den Trümmern mit schlanken Schäften und kunstvollen Netzgewölben, während eine neue Kunst mit belebendem Hauche neue frische Blüten sprießen läßt. – Dort der Ablaßbrief mit seinen bunten Heiligenbildern aus jener Zeit erinnert uns an Johann Tetzel, der auch in Freiberg seinen einträglichen Handel trieb. Freilich erkannte der gerade ehrliche Sinn gar bald, wie hohl und unwürdig dies Treiben war. Luthers Hammerschläge am Tor der Schloßkirche von Wittenberg hatten auch in Freiberg kräftigen Widerhall gefunden. Als Tetzel kurz nach dem weltgeschichtlichen 31. Oktober 1517 nach Freiberg mit seinem Ablaßhandel kam, »hat es ihm so wol als zuvor nicht glücken wollen, also gar, daß mehr allein wenig Personen seiner geachtet, sondern auch die Bergleute ihn zu beschimpffen sich unterstanden und verlauten lassen, das gesamlete Ablaßgeld ihm gar abzunehmen, deßwegen er bald fortgewandert …«

Aus den Kammerkästchen im alten ehrwürdigen Archiv, aus den Urkunden und pergamentenen Handschriften, aus den mächtigen Foliobänden längst vergangener Tage steigt so altes deutsches Leben, großes Geschehen, das Gedenken großer Taten und Männer auf. Luther und Melanchthon, Johann Sebastian Bach und Bismarck wandeln an uns vorüber, werden lebendig, wenn wir ihre Handschriften sehen und in der Hand halten. Wir sind nicht mehr im Urkundenarchiv zwischen engen Mauern abgeschlossen vom Leben, von dem kaum ein Laut hereindringt, nein, wir stehen wie auf einer hohen Warte und schauen hinein in das flutende Leben, wie es durch die Jahrhunderte strömt und seine Wellen aufwirft, und in seinem Vorwärtsdrängen die Geschlechter durcheinanderwirbelt und treibt, aneinanderreibt, emporträgt und niederreißt, aus dem Ursprung ferner Vergangenheit her aus dem Zeitenwandel Geschichte schaffend; das Schauen wird uns Erlebnis, Erlebnis der Heimat, Erlebnis ihrer ringenden, kämpfenden Seele; das Leben der Heimat rauscht uns, und die Liebe zur Heimat ist die aus dem inneren Erlebnis emporwachsende Frucht.

Aus dem Urkundenarchiv, wo vergangene Zeiten eindringlich zu uns sprechen, gehen wir hinüber zum Ratssitzungszimmer, wo mit den Forderungen, Leiden und Nöten der Gegenwart gerungen wird und ernste Männer raten und taten, sich mühen und sorgen um das Wohl der Stadt. Wir schreiten durch eine altertümliche doppelflüglige Eisentür, die aus geschmiedeten Platten zusammengenietet und mit durchbrochenen Auflagen und Bändern reich verziert ist, ähnlich der schönen Eisentür am Archiv. Ein mächtiges Kunstschloß dient zur besonderen Zierde und Sicherung. Eine zweite Tür aus starkem Holze in eingelegter Arbeit mit reicher Profilierung liegt hinter der Eisentür und wird umrahmt von einem reichen Renaissanceportal im Ratszimmer. Der Raum ist 7,50 × 9 m groß und ist mit einem flach gespannten Netzgewölbe mit aufgeputzten Rippen überspannt, in das die Stichkappen über den Fenstern tief hineinschneiden. Die Stimmung des Raumes, ein sattes Grün der Wände mit leuchtendem Goldgelb der Wölbung, mit dem großen länglichrunden Ratstisch und den hochlehnigen, geschnitzten Stühlen ist ungemein behaglich. Dazu trägt nicht zum mindesten bei die den ganzen Raum beherrschende kostbare Vertäfelung der Ostseite mit ihren Gesimsen, Pilastern, Füllungen aus edlen Hölzern in eingelegter Arbeit und reichen Profilierungen. Beim näheren Zuschauen finden wir, daß diese hoch bis an den Gewölbekämpfer hinaufgehende Vertäfelung ein wunderbares Schranksystem ist, das in tiefen Wandnischen mit vielen Fächern eingebaut ist. Die Türen dieser Wandschränke haben zierliche durchbrochene Beschläge, welche von demselben geschickten Schlosser stammen, der die Türen zum Archiv und zum Ratszimmer schuf, dem Ratsschlosser Paul Winkler, der 1630 acht Gulden für seine Arbeit erhielt. Die Kunst der Schlosser und Schmiede stand in Freiberg in hoher Blüte, und gar manches prächtige Werk zeugt heute noch von ihrer geschickten Hand. Da sind vor allem die köstlichen geschmiedeten Tore und Einfriedigungen am grünen Friedhof am Dom aus der Hand Gabriel Mehners (1653–1705) mit ihrer reichen, materialgerechten Ornamentik, Spiralen, üppigen Blumen und Rankenzügen, zu nennen, ferner die schönen Gitter in der Begräbniskapelle und in der Annenkapelle am Dom, geschmiedete Grabkreuze, Vorhangträger, Schlosserzeichen, Türbänder, Fenstergitter usw. im Altertumsmuseum. Der Rat der Stadt wußte den Wert solcher kunstvollen Handwerksarbeit wohl zu schätzen nicht nur dadurch, daß er die tüchtigsten Meister zur Arbeit heranzog, sondern auch dadurch, daß er schön gearbeitete Meisterstücke ankaufte und gelegentlich verwendete. Durch diese Art praktischer Kunstpflege wurde das Handwerk gestärkt, der Wetteifer geweckt und die Leistungsfähigkeit erhöht, so daß der Ruf der Freiberger Arbeit sich weit verbreitete.

Der Wandschmuck des Ratszimmers ist sonst schlichter Art. Zwei mächtige Geweihe, Zwölfender aus den Rehefelder Waldrevieren stammend, mit blank gefegten, weißen Enden bringen einen Hauch von Harzduft, frischer Bergluft und der grünen Freiheit der Berge in den gestrengen Raum städtischer Verwaltung und Sorgen. Ein Ölbild des früh verstorbenen trefflichen Malers Mißbach an der anderen Wand führt in die heimische Landschaft, in ein grünes Wiesental, über dem blauduftiger Waldhang sich erhebt. Im Wiesengrün leuchten blaue Blumen als hätte der blaue Frühlingshimmel seine Pracht mit vollen Händen darin ausgestreut, und ein Busch glänzt mitten im Grün im funkelnden Sonnenglanz als sollten Wiese und Wald, Himmel und Sonne nur seiner Schönheit dienen.

Gar manchmal, wenn in schwerer Beratung die Geister sich erhitzen, oder im Redefluß die Stunden zähe sich dehnen, mag ein Auge in diesen grünen Frühling sich flüchten, sich erfrischen und den Geist zurücklenken von trocknem Aktenstaub und grauer Theorie, zum grünenden frischen Leben freier Entschlüsse.

Noch ein anderes Bild erregt unsere Aufmerksamkeit, der alte Kupferstich von F. B. Werner »Freyberg in Meißen«, etwa aus der Zeit um 1710, aus welchem man so recht die stolze Wehrhaftigkeit der alten Stadt erkennen kann. Mit peinlicher Genauigkeit und Schärfe und großem malerischen Reize sind die Türme und Mauern, die Wälle, Gräben und Teiche der Befestigung dargestellt und über sie hinausragend das bunte Gewirr der Dächer und Häuser und hoch in die Lüfte steigend die Türme der Kirchen und des Rathauses. Ja, wenn einst ein Stadtkind von außen sich dieser seiner Heimatstadt näherte, oder von einer der hochgetürmten Halden hinabsah auf dieses stolze wehrhafte Stadtbild, so mochte ihm mit Recht sein Herz höher schlagen, denn kaum eine andere in weiten Gauen mochte ihm gleichen an Schönheit, Eigenart und trotziger, auf sich selbst gestellter und bewährter Kraft. Die Stadt ist die Krone der Landschaft und damit der künstlerisch vollendete Ausdruck, die echte Ausprägung ihrer Geschichte und ihrer inneren Bedeutung und Kraft. –

Hier im Ratszimmer, wo die Geschicke der Stadt seit Jahrhunderten sich flechten und lösen und die Gedanken und Sorgen um ihr Wohl und Wehe seit Jahrhunderten sich kreuzten, aufwuchsen und wieder zur Ruhe gingen, hier spricht eine Stimmung voller Eigenart zu dir, wenn du es hören und fühlen willst, als wäre dort das Herzpochen eines lebendigen Wesens, das groß und heilig ist, viel erfuhr und viel erfühlte, viel erlitt, doch nie erlahmte, als wären wir in einer der Herzkammern der Heimat, durchpulst von warmem, lebendigen Blute und Geiste, voll des Großen und Schönen, voll von Erinnerungen und Geschichte, voll von Drang, Arbeit, Hoffnung, Zukunft. –

Noch einen Raum müssen wir betreten, ehe wir das alte Rathaus verlassen, den Raum, in dem Einzelgeschicke sich flechten, in dem Gedanken sich kreuzen und binden, in dem Herzen pochen ganz anders, als wie sonst im Leben, Herzen voll von Entschlüssen, Plänen, Drang, Hoffnung, Zukunft – es ist das Eheschließungszimmer, die alte Lorenzkapelle im Rathausturme.

Der Turm, die beherrschende Zierde des Rathauses und Marktes, ist von dem Bürgermeister Nikol Weller von Molsdorf auf seine eigenen Kosten erbaut worden, »der Stadt Freyberg zu Ehren, weil ihn Gott der Herr durch das Bergwerck und geführte Handlungen reichlichen gesegnet«. Schon von außen sieht man, daß das Geschoß der Lorenzkapelle seine besondere Bedeutung hat, denn an den Außenkanten des Turmes sind zwei Nischen ausgespart mit schlichtem, kleinen Baldachin, in welchen einst die Gestalten der Mutter Gottes und des heiligen Lorenz, als der Schutzheiligen des Rathauses, sich befanden.

Von der großen Ratsdiele her betreten wir durch einen halbdunklen Vorraum die alte gotische Lorenzkapelle. Es ist ein neckischer Zufall, daß gerade der heilige Lorenz der Schutzheilige des jetzigen Raumes für die bürgerlichen Eheschließungen mit den beiden feierlichen Stühlen vor dem grünen Tisch ist, denn dieser Märtyrer wurde auf dem Rost gebraten. Hoffentlich bleiben derartige Märtyrergefühle allen erspart, die zum Lebensbunde sich auf die entscheidenden Stühle niederlassen.

Zwei andere Schmuckstücke aus der Zeit der Erbauung passen sich in sinnig symbolischer Weise dem jetzigen späten Zweck der alten Kapelle an, die in Stein gehauenen Wappen ihrer Erbauer, der Bürgermeister Weller von Molsdorf und Jobst Krohe. Das Molsdorfsche Wappenzeichen stellt zwei Schwanenhälse dar, die in den Schnäbeln einen goldenen Ring halten, das Symbol der Treue, welche zwei Seelen bindet, das Krohesche Wappen, eine Krähe, welche sich die Brust aufreißt, das Symbol der Aufopferung, welche das eigene Herzblut hingibt.

Diese redenden Wappen alter Freiberger Geschlechter, die heute noch so ganz besonders zur Zweckbestimmung des Raumes sprechen, sind über dem herrlichen Eingangsportale zur Kapelle angebracht. Dieses reiche gotische Portal ist das prächtigste Stück gotischer Kunst, – wenn man die unvergleichliche Tulpenkanzel im Dome ausnimmt, – welches in Freiberg erhalten ist. Reiches Stabwerk von Rundstäben, tiefen Hohlkehlen und scharfen gratartigen Profilen mit kräftiger Schattenwirkung schließt sich in schräger Laibung von 1 m Tiefe in kühnem Schwung zum edlen Spitzbogen zusammen. Die schlanken Rundstäbe haben schöne senkrecht oder schraubenförmig geriefte Sockel. Der äußerste Stab rechts und links blüht zu einer schlanken Säule auf mit schönem, spätgotischem Blattkapitell, das auf einem glatten Kämpferblock je eine schlanke Fiale trägt mit zierlichen Kantenblättern und Kreuzblume als Abschluß. Zwischen den Fialen ist ein schwungvoller Kielbogen, wie ihn die spätere Gotik liebte, eingespannt, aus dem reich und stark modellierte Blätter hervorwachsen und der schließlich zu einer stolzen Kreuzblume mit doppeltem Blätterkranz bis fast an das Gewölbe oben aufschießt. Überrascht stehen wir vor diesem Meisterwerke der Steinmetzkunst, das etwa um 1440 von Freiberger Handwerkern geschaffen, ein Beweis für den großzügigen, künstlerischen Sinn der Erbauer und das Können jener Zeit ist. Ein schönes, hochgeschwungenes Sterngewölbe mit edel profilierten Rippen überdeckt den etwa 12 qm großen, quadratischen Raum. 3 große, farbig verglaste Fenster mit tiefen Nischen in den starken Turmwänden, die als Rosenlauben zart bemalt sind, spenden eine Fülle von Licht und geben dem Raume eine festlich feierliche Wirkung.

Zierliche symbolische Malerei an den Türen der eingebauten Schränke ist wie eine liebliche Begleitmelodie zu dem Rhythmus und der klangvollen Harmonie des ganzen Raumes. Die alte Lorenzkapelle, das Eheschließungszimmer, ist als ganzer Raum und in ihren Teilen wie ein Symbol ihrer Bestimmung, ein Symbol des tiefen Sinnes und Zweckes des Ehebundes, daß Treue und Hingebung, Klarheit und Harmonie erst die rechte Vollendung geben, daß das Einzelne dem Ganzen dienen muß, um seine Bestimmung zu erfüllen, und daß das Ganze erst durch die Harmonie der einzelnen Teile lebt und gewinnt. – – – –

Sollen wir noch weiter durch das Rathaus wandern und uns erzählen von Räumen und neuen Dingen, die noch keine Geschichte haben? Gar manches wäre noch der Beachtung wert. Da hängt in der großen Diele ein mächtiger Kronleuchter aus Holz von der bunten Balkendecke herab, der in eigenartiger Zusammenfügung und Gestaltung schlichter erzgebirgischer Volkskunst dem Raume einen volkstümlichen Heimatklang verleiht. Da steht in der kleinen Stadthausdiele auf der Treppensäule frei im Raume die Gestalt eines Bergmanns mit dem Wappen der Stadt und einem großen Hammer über der Schulter, der Sohn der alten Bergstadt, der über ihr Wohl und Wehe, über Recht und Ehre Wacht hält. Da hängt an der Wand das eiserne Kreuz, welches 1915 opferbereite Hände nagelten.

»Dies Denkmal eisenharter Zeit,

gehüllt in schlichtes Eisenkleid

künde der Heimat Dankbarkeit«

ist sein Widmungsspruch.

Welche Gedanken und Erinnerungen werden da lebendig. Dinge, die keine Geschichte haben? Ach, wir haben Geschichte erlebt, daß uns das Herz stolz und groß und doch wieder weh und wund wie von sieben Schwertern wird. –

Ein großes Schlachtenbild von 1870 hängt dort an der Wand, wo stolz der Kommandeur mit seinen Offizieren hoch zu Roß auf der Höhe hält; die besiegten und gefangenen Franzosen ziehen ab, und Sieg klingt es wie mit jubelnden Fanfaren aus dem Bilde. Wir haben Geschichte erlebt!

Einst hing dieses Bild im Kasino der Offiziere des Freiberger Jägerbataillons Nr. 12, das ruhmbedeckt aus dem Weltkriege heimkehrte. Das Offizierkasino ist nicht mehr. Das Rathaus nahm das Bild als Zeugen ruhmreicher Tage des der Stadt so eng verbundenen Bataillons in treue Verwahrung. Unser Herz ist stolz und wund!

Unten im Rathausflur ist die große Ehrentafel mit den Namen derer, die treu im Dienste der Stadt gestanden, ihr Leben dem Vaterland geopfert haben. Lang sind die Reihen, zahlreich die Namen, welche uns die Treue bis in den Tod für Vaterland und Heimat predigen. Eine trauernde Mutter mit ihrem Säugling im Arm als Sinnbild der verlassenen Familie, ein bärtiger Krieger mit Stahlhelm in der Hand, das Sinnbild des treuen Kameraden, stehen links und rechts von den Namen der dreiteiligen Tafel. Unser Herz ist wund, wenn wir ihrer gedenken, und an das deutsche Leid, die dunkle Zeit seit jenen Tagen, doch wenn wir zurückschauen in unsere Geschichte, die Geschichte der Heimat, deren stummer Prediger auch das alte Freiberger Rathaus ist, dann spüren wir die Gewißheit, daß aus dem Heimatboden und der Heimatliebe neue Kraft emporwachsen wird.

Die Freiheit und das Glück der Heimaterde kann nur aus dem Heimatgeist geboren werden. O Heimat, Heimat, wann wirst du erwachen, wann wird dein Tag kommen und neuer Heimatstolz deinem Morgen lachen?

Wir stehen wieder auf dem Obermarkt und um uns hastet, lärmt und eilt das tägliche Leben. Da hebt das Häuerglöckchen vom Petriturm, der hoch in den Markt hereinschaut, zu rufen und zu klingen an, so wie seit Jahrhunderten seine helle Stimme mahnend über die Straßen, die Dächer und Giebel ging. Mitten im lärmenden Leben drängender Gegenwart faßt uns der Zauber der Vergangenheit, der Zauber der alten Stadt, welcher Geschichte und Kunst, Bergmannsleben und Bürgerkraft einen besonderen, eigenartigen Charakter gegeben hat.

Glück auf! Glück auf! Du alte getreue Bergstadt! Hüte deine Vergangenheit, dann blüht dir der Segen der Zukunft!