Von festen Mauern und festen Herzen.

Drei trotzige Türme mit Zinnen und flachen Kegeldächern, und ein zinnengekröntes Mauertor, in dem ein Herzschild mit wehrhaftem Löwen den Zugang sperrt, das ist das Wappen des alten Vriberch, »Sigillum Burgensium in Vriberch«, »das Siegel der Bürger in Vriberch«. An einer der ältesten erhaltenen Freiberger Urkunden von 1227 hängt es bedeutungsvoll, und man darf annehmen, daß seit der Stadtgründung, etwa 50 Jahre zuvor, dieses Wappen geführt wurde und den Stolz und trutzigen Sinn der Stadt auf dem freien Berge, der deutschen Bergmannsstadt in slavischer Wildnis, zum Ausdruck brachte. Dieses Siegel sagte Freund und Feind, daß die junge Stadt eine ummauerte, wohlbefestigte sei, an deren Toren der Freiberger Löwe Wache hält und seine Klauen zum mächtigen Schlage dem Freunde zum Schutz, dem Feinde zum Trutz erhebt. Ein »redendes« Wappen, dessen Rede im Lauf der Geschichte zu Taten wurde.

Durch alle Jahrhunderte hat die Stadt dies Wappen mit den silbernen Türmen geführt, festgegründet auf silberdurchwachsenem freiem Felsengrunde.

Märchen gingen durch alle Lande von dem wunderbaren Reichtum der Stadt, wo die Ziegel auf den Dächern von Silber wären, und Bürger und Bergmann von Gold und Silber speisten. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht klingt es z. B., was uns der Chronist über das große Turnier berichtet, welches im Jahre 1263 der Markgraf Heinrich der Erlauchte von dem Freiberger Silber in Nordhausen ausrichtete: »Da er in der Mitte der Bahn einen gantzen silbernen Baum aufrichten lassen von halb gülden und halb silbern Blettern, auch einem jeden, welcher im rennen seinen Speer gebrochen, und auf dem Rosse sitzen blieben, ein silbern Blat, welcher aber den andern gar herabgestochen, ein gülden Blat verehret; dabey denn eine solche kostbare Zubereitung in allen Sachen gewesen, und gegenwärtige Fürsten, Graffen, Herren, Ritter und Adels Personen 8 Tage nacheinander dermassen stadlich tractiret worden, daß es, wie die alten historici berichten, einem Keyser schwer würde gefallen seyn, solches nachzuthun.« Von diesem Markgraf sagte man, daß er durch seinen »fürtrefflichen Reichthum gantz Böhmen mit baaren Gelde hette bezahlen, auch sonst andere Länder an sich und seine Nachkommen bringen können«. Auch die Chronik der Stadt Schneeberg, welche 1470 gegründet war, berichtet aus dem Jahre 1477: »Auch war in St. Georgen die große Silber-Stuffe wie ein Tisch verstrosset, darauff Herzog Albrecht Tafel gehalten und daraus hernachmals 400 Zentner Silber geschmelzet worden.«

Solche reiche Silberausbeute mußte wohl märchenhaft erscheinen und die Phantasie des Volkes mächtig anregen.

Hat man doch sogar in neuerer Zeit noch erstaunliche Funde gediegenen Silbers gemacht, wie z. B. im Jahre 1847 auf der Grube Himmelfahrt 17 Zentner auf einem Gangkreuz, im Jahre 1857 auf der Grube Himmelfürst sogar 91 Zentner plattenförmig auf einem Punkte beisammen. Da war es kein Wunder, daß in der Zeit, als das Silber fast zu Tage lag und das Erz mühelos gebrochen wurde, Markgraf Otto, der Gründer der Stadt, der »Reiche« genannt wurde, daß er dieses Schatzkästlein mit festen Mauern und Türmen umgab, und daß er die Wehrhaftigkeit durch Siegel und Wappen besonders betonte. Reste dieser ersten Mauer darf man wohl heute noch in den unteren Teilen der erhaltenen alten Stadtmauer am Donatsring vermuten. Ein stolzes Bild hat durch die Jahrhunderte die mauerumgürtete, turmgekrönte, zinnenumwehrte Stadt geboten, namentlich nachdem im Laufe des Mittelalters alle Erfahrungen und Künste der Befestigung und des Wehrbaues an ihre Wehrhaftmachung gesetzt waren. Sie war mit doppelten Mauern, 44 Türmen, fünf starken Torbauten, mit Gräben und breiten Teichen gesichert.

Der Chronist Möller schreibt im Jahre 1653:

»Die Ringmawern sind dick und stark, umb und umb zwiefächtig mit einem Zwinger. Die eine ist sehr hoch, und mit vielen Außwerken und Thürmen befestiget. Die andere, welche sonst die Zwinger Mawer genennet wird, ist etwas niedriger, und hat auch etliche besondere Thürmlein und Außwerke. Für den Ringmawern gehet umb die Stadt ein tieffer gefütterter Graben, welcher zum theil voll Wasser, zum theil leer ist. Man hat für diesen zur Lust etliche Stücke Wild drinnen gehalten und vermehret, wie auch noch bei Mannes gedenken etliche weisse Hirsche, sampt anderen Stücken, von der hohen Obrigkeit deßwegen dahin gesendet, und der Stadt verehret worden.

In den Ringmawern seynd fünff Haupt Thore, welche alle mit festen Thürmen, Brustwehren, Rondelen, hangenden Zugbrücken, und drey unterschiedlichen grossen Pforten, theils auch mit starken Schutzgattern, und anderen zur Defension und wider feindlichen Anlauff gehörenden Stücken wol verwahret seynd.«

Möller erwähnt hier nicht die Befestigung durch die Teiche, obschon sie bereits auf dem Stadtplan von 1554 vorhanden sind. Vom Peterstor bis dicht zum Meißner Tor, zehn an der Zahl, waren sie mit ihren senkrechten gemauerten Ufern oder Böschungen ein starkes Hindernis noch vor der Stadtmauer. Auch heute noch bietet sich, namentlich im Winter, dem Blicke, z. B. über den Schlüsselteich, auf die hohen Mauern und Türme ein trotziges stolzes Bild der alten Wehrhaftigkeit.

Von den fünf starken Torbauten ist nichts erhalten geblieben als der gewaltige Donatsturm im Osten der Stadt. Immer noch steht er, als kraftvolles Wahrzeichen der Stadt, wie ein treuer Wächter und ragt weit über Dächer und Giebel in die blaue Luft. Wie zu unzerstörbaren Felsenmauern gefügt türmen sich seine braunen und schwarzen Gneisquadern zu mächtigem Rundbau empor. 5 m stark sind seine Wände, so daß er auch für die schwersten Geschütze der älteren Zeit als unzerstörbar gelten mußte. Sein Umfang ist 44 m, sein Durchmesser 14 m und seine Höhe 29 m. So ragt er gen Himmel, über die Stadt und die Jahrhunderte, wie ein trotziger Fels, an dem die Wogen der Zeit und die Stürme des Schicksals sich brechen und zerstieben.

Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen Abständen sein einziger Schmuck. Schießscharten mit Rundöffnung für die Rohre der kleinen Feldschlangen, Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit Schlitzen für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen im oberen Teil des Turmes 18 m über der Erde in drei Reihen übereinander von je neun Stück das Mauerwerk und sind von innen durch gewölbte, tunnelartige, ringförmige Umgänge im Mauerkerne zugänglich. Oben öffnen sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier brüllten sie dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten Kanonen sollen erst 1796 herabgestürzt und von Hammerschmieden als altes Eisen gekauft worden sein.

Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor mit dem weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit klaffte die große Lücke zwischen dem mächtigen Turm und dem Reste der Stadtmauer. Erst im Jahre 1922 wurde von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet. Durch weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden und zu einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, welche das Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich in Sandstein die Sprüche meißeln: »Gemeinwohl geht über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung durch seine Entstehung und seine Geschichte.

Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter der Stadt geschaffen haben, indem jeder Bergmann für das Gemeinwohl sich von seinem Schichtlohn einen Betrag kürzen ließ, und indem er selbst mit Hand anlegte. So wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert und unzerstörbar, wuchtig und stolz seinen Platz in der Mauer, im Stadtbilde und vor dem Feinde ausgefüllt, denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!

Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben und Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische Heerscharen, auf die Füsiliere des Friderikus Rex, auf Napoleons Truppen und die Sieger von 70. Wie brandete um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der Stadt und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere Kunde von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung des evangelischen Deutschlands, fiel, von Lützen, da Gustav Adolf starb, die Siegeskunde von Leuthen und Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand und von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg und Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf ihn nieder, und schwarze Wolken deckten blühende Fluren.

An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf vorbei, und lustige Wagen mit Maien und lachenden Mädchen, und auch der dunkle Wagen mit seinen schwarzen Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem grünen Frieden. So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie sie als Kinder zu seinen Füßen spielten.

Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel an die Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, denn er predigte, daß alle Schächte verfallen würden, wenn man nicht reichliche Spenden in seinen Ablaßkasten werfen würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn aus Wittenberg sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der festen Burg im Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit sich fort und riß die Geister zu höherem Fluge mit sich empor.

Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten Turmrecken mit prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon sechs Jahre im Heldenkampfe siegreich einer Welt von Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um seine kriegs- und siegesmüde Stirn geflochten.

Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos in seinen Werken erstehen ließ, Goethe, der eine Welt in seinem Herzen trug, und neue Geisteswelten schuf und deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen hob, sie schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses am Wege steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen Dingen.

Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- und Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte Seele von hier wie einen lodernden Opferbrand ins Morgenrot der Freiheit.

An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen der Stadt sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo ihm das Leben und die Zukunft lachte.

Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in schwarzer Tiefe, zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen traulich herüberklang.

Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen strömten dahin. Das Tor und die Mauern fielen zum Teil. Der alte, graue, riesige Wächter aber blieb und sah sinnend, wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben hinausquoll über Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend hinausdrängte in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu Sport und Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, wenn sie Gott oder ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht fühlten im Wehen der Halme, im Rauschen der Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern der Weite, als sie die Heimat fanden und immer wieder suchten in Sehnsucht und in der Heimat die Seele und die Kraft, welche sie gesund und reich macht.

Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem Zauberbrunnen der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen von Schubert und Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann Löns und erzgebirgischer Heimatsang von Anton Günther ranken sich mit Lautenklang um die mondscheinumflimmerten Mauern des Turmes und der alten Stadt.

Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen breiten Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der Stadt schaut hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, über das Lieben und Leiden, das Eilen und Weilen, das Hasten und Rasten, das Jagen und Plagen der Ameisen zu seinen Füßen.

Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, abstreichen und heranschweben, so eilen und ändern sich Geschichte, Geschlechter und Geschicke; Seelen und Gedanken flattern und schweben. Warum? Wohin?

Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften Schollen, die Jahrhundert für Jahrhundert immer aufs neue umgestürzt werden, ist so nah, in dem von Ewigkeit so viel gesprochen wird, und die Vergänglichkeit so grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen der Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander wachsen, welken und immer wieder sprießen, in dem die Fragen und die Rätsel keimen, und die bangende Seele Antwort und Lösung pflücken will und sucht, bis ihr hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen.

Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam durch die Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte Turm wie ein Felsen unerschüttert steht? Über ihn spannt sich des Himmels unendliches dunkles Gewölbe mit seinen Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern schießt seine leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden. Warum? Wohin?

Weltall und Ewigkeit – unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender Gewalt! Menschenseele! nicht faßbares Wunder von unerklärlicher Größe! Leben und Vergänglichkeit, Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles Seins, schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. Nie gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken wandern in den dunklen Abgrund des Weltalls, in die schweigenden dunkelblauen Fluren der Unendlichkeit.

Selig sind, die da Heimweh haben,

Denn sie sollen nach Hause kommen.

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Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit gebaut zu sein. Doch was durch Jahrhunderte feindlichen Stürmen Trotz geboten und der Stadt und ihren Bürgern als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte unter der Spitzhacke dieser Bürger fallen.

So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem andern, ein malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach dem andern dahin. Wenn man die alten Darstellungen der Tore betrachtet, so könnte man glauben, jene Zeit der Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und gefühllos gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen den Zauber der Geschichte, welcher die alten Türme und Mauern mit ihren Ranken umsponnen hielt. 1846 fiel z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig Richter zu einer entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf Rothenburg ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs verlorener alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben rauschen die Baumwipfel empor, aber höher steigen die trotzigen Türme und Mauern, über welche Giebel und Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des Erbischen Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau achteckig aufragend. Acht große ovale Schießluken für die schweren Geschütze und darüber, getrennt durch ein glattes Gesimsband, acht schmale horizontale Schießschlitze sind der wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen Bauwerkes. So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut das Tor darein.

Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst grimmig von hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft und der Erlös wurde zur Stärkung der Laternenkasse verwendet, die zur Einrichtung einer öffentlichen Beleuchtung gegründet war. – Liegt nicht darin die ganze Behaglichkeit des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei nicht stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der Krieg dahinten weit in der Türkei so fern, so fern, und doch stand Mars schon drohend am Himmel und die apokalyptischen Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum Ritte durch Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen in der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von Ludwig Richter, sind diese schweren Tage vorübergebraust und das friedlich behagliche Leben macht sich wieder breit und vergißt so gern die dunklen Tage. Zum Turme staffeln sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des »Rondells«, des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen wie ragende Wächter daneben und breite Baumkronen lehnen sich an das alte Mauerwerk. Im Vordergrunde aber bewegen sich die lieben Gestalten, mit welchen Ludwig Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder Fülle seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit hohem Hut, der seine zwei Damen im Reifrock auf dem Walle spazieren führt, zwei Bergleute in ihrer altertümlichen, charakteristischen Tracht, die Bauersfrau, welche ihren schweren Korb zu Markte trägt, das dralle Mädchen mit einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und fernes Gewimmel. –

So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so bittere Not, Wunden und Tod haben doch diese Mauern gesehen, wenn der Feind vor ihnen lag, die Häuser der Vorstädte brannten und die Pest und der Hunger durch die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die Pforten pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der Stadt, wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und Türme umtobten und manch wackeres Stücklein von trotzigem Bürgermut und unverzagter Treue aus harter Faust und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor allem, dem immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten Angriffe galten. Seine stärkste Probe mußte dieses Bollwerk mit seinem gedrungenen vierkantigen Turme und mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege aushalten. Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt von höherem Werte als ein Blatt von jenem silbernen Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen, welches sich hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten errang.

Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen und Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, Seuchen und Brandschatzungen.

Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren churfürstliche Truppen, bald Wallensteins Regimenter, bald die berüchtigten Horden des Holck, bald kaiserliche »Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker in der Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche General Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins Befehl Ende September mit großer Übermacht und bombardierte die unglückliche Stadt. Granaten bis zu 90 Pfund hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« fielen auf der Petersgasse und Fischergasse auf die Dächer der Häuser immer und immer wieder und bedrohten mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen Verteidigern, welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der Feind legte die Sturmleitern an und hat »dannenhero hoher Beträwungen verlauten lassen, alles ohne unterscheid nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher zu verderben, wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben würde, ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern und Eingefleheten desto grösser worden, und ist dieses eine recht ängstliche Nacht, und die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« Die Stadt mußte sich ergeben und den übermütigen Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche Garnison mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von den Bürgern wurden aber 50 000 Reichstaler verlangt als Ablösung für die Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. Auf inständiges Bitten wurde durch Vermittlung des Feldmarschall-Leutnants Holck diese Summe auf 30 000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon zuvor für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb 6 Wochen 45 143 Taler, 5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen müssen, so war sie »dermassen erschöpffet und verarmet, daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen mehr nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen Einbringung dieser hohen Rantzion große difficulteten, und mußte alles, was noch etwan an güldenen Ketten, silbernen Bechern, Gürteln, Messerscheiden, und dergleichen Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden, herausgegeben werden.«

So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, aber tief und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, den die unglückliche Bürgerschaft leeren mußte. Die Bürger mußten ihre Waffen und Harnische abliefern und wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige Einquartierung geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also ausgezehret, daß der Vorrath an victualien und fourage aller gantz dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey den Becken, oder ein trunck Biers, viel weniger etwas von Saltze, Gewürtze, und anderer Nothdurfft zu bekommen, deßwegen auch etliche Personen auff den offnen Gassen niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« »Dessen aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger 10, 12, 15, 20 auch wohl mehr Soldaten einquartiret, welche ihre volle verpflegung haben wollten.« »Die arme Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel mit Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles im Stiche liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes fünffhundert Häuser in der Ringmauer befunden, welche gantz leer und wüste gelegen).« Über dieses alles war kein Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die Soldaten »grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des Nachts, da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller gebrochen, und alles auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen war. Darzu fiel wegen mangelung nothdürfftiger victualien viel und mancherley Krankheiten, und endlichen eine geschwinde infection und Pest ein, welche inkurtzen etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse, und fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die meisten wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man dreytausend Personen gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestattet worden.«

Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und Jammer sich auf zwei Monate, Oktober und November, zusammendrängte, daß die Stadt klein und wahrscheinlich nicht mehr als 10 000 Einwohner zählte, so gewinnt diese Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die Zahl der jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35 000 Einwohnern!

Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und klopfte fast an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus und viele wurden heimlich verscharrt, weil die Not dazu zwang. Die lateinische Schule war zehn Wochen lang geschlossen, und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich noch nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere Hälfte dieser blühenden Jugend war verloren, verdorben, verstorben.

Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, Angst, Elendes und Jammers, so sich diese zeit über bey der guten Stadt Freybergk befunden!« Die Schlacht bei Lützen war geschlagen, der Schwede rückte heran und trieb die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der Commendant anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen Forwercken fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine Seite fürm Petersthore, sambt der Viehgassen anzünden, und in die Asche legen. Was nicht brennen wollte, ward niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet, und geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen und niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen Vorstädte, und schönen Forwercken, Scheunen, Mühlen und anderen sowol gemeinen als Privat-Gebäuden solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem »auch die schönen Bogen und Mawren eingerissen, und alles schändlichen verwüstet« wurde. Doch alle diese furchtbaren Leiden hatten den Mut und die Treue der Bürger und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des Schicksals hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet ein Wort aus jenen dunklen Tagen wie ein silberner Turm herüber in unsre dunkle Zeit, dessen strahlende Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut gehärtete Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden war, rückte heran, der Feind in der Stadt richtete sich auf eine Belagerung ein und wollte ihm trotzen.

Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde die Bürgermeister der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu sich, ob sie zu ihm halten und die Stadt mit ihm verteidigen wollten: Er habe Befehl, sich, solange er könnte, zu halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen und die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere Antwort war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, und ihm geleistete Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet weren, nicht thun könnten noch wollten, hetten deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit dergleichen Anmutungen nicht könnten verschonet werden, lieber die Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich betteln gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch wider die löblichen exempla ihrer in Trewe hochberühmten Vorfahren zu handeln. Bäten den Herrn Commendanten, ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen, daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, und sich nach Dresden begeben.« Es klingt der Trotz des Lutherliedes aus diesen Worten. Es waren nicht leere Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu tief durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man kannte den Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe verspürt, was die Wut und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. Nicht leere Worte, sondern opferbereite, tatenmutige Entschlossenheit war das Wort:

Nehmen sie den Leib

Gut, Ehr, Kind und Weib,

Laß fahren dahin

Sie habens kein Gewinn

Das Reich muß uns doch bleiben.

Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam plötzlich Befehl vom kaiserlichen Hauptquartier in Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war die Rettung vor dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt hatte und man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution erpreßt hatte, rückte der Feind über das winterliche Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit gestohlenem Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im tiefen Schnee, auf steiler vereister Straße blieb manch Wagen mit reicher Beute stecken und manches kostbare Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim Rückzug hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch Bäuerlein oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück heimlich auf einsamem Hofe geborgen haben.

Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit von zwei Monaten. Tore, Mauern und Türme waren hart mitgenommen, aber die silbernen Türme des Mutes und der Treue waren ungebrochen.

Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter des unseligen Krieges um diese Türme und Zinnen der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder Soldat an sich schon Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder papistisch, ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter an Schulter kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten war aber der Bürger und Bauer, den zu schinden ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war.

Die schweren Einquartierungen einer durch die langen Kriegszüge ganz verwilderten rohen Soldateska, welche meist sich selbst versorgen mußte, drückten als harte Last gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt war der Schwede der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche Heer. Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini, der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt wurde. Und zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald schwedische Truppen abgewiesen und erhielten keinen Einlaß in die feste alte Stadt, sondern eine tapfre Antwort voll männlicher Energie.

Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken Truppen vor der Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, antwortete man, daß man ihm, »so er die Stadt attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth begegnen wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu öffnen«.

Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der aus Chemnitz stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort und nichts als Kraut und Loth gewilliget worden«. Der Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte mit ihm vor dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß man nechst Gott, sonst keiner Beschützung von nöthen hette« und warf ihm vor, daß er ein Landeskind sein wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der Stadt zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, und man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital für der Stadt liechter Lohe brennete«. Das war dem Schönnickel zu viel! Nach vielen Wortwechseln ist er im Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat die ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand gesetzt, so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große Glockengießhaus ergrieffen, davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden, daß die Funken in und über die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon allbereit ein Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«. Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten Gießergeschlechts der Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher die herrlichen Grabplatten aus Messing und die Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, heute noch ein Stolz der Gemeinden, und weiter über seine Grenzen hinaus und nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem Reichtum und Geschmack verzierten Bronzegeschütze in großer Zahl hervorgegangen waren. Das Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht weit vom Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem Zirkel oder Taster in den Vorderpranken, ziert noch heute das alte Portal. Welcher Grimm und Zorn mag Hilliger durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem Hause die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und seiner Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen vom Westwinde über die Stadt getragen wurde, als in Asche sank, woran sein Herz und seine Kunst hing, und er ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern heimzahlen zu können. – Schönnickel zog ab, ohne sein eigentliches Ziel zu erreichen.

Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der Jahre noch über die starken Tore, Mauern und Türme, wie über die trotzigen Häupter der Bürger dahin. Kein Sturm aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer als das der Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, rund 50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der die Bürgerschaft mit den Bergleuten und der kleinen Garnison einen Heldenmut gegen gewaltige Übermacht und Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte stellt, ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend jener Tage, ein leuchtendes Beispiel und Fackel auch im Dunkel unserer Zeit!

Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der Spruch: »Salus urbis est concordia civium!« Das Heil der Stadt ist die Eintracht der Bürger. Dies Wort stand nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt, sondern stand auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange gemeinsame Not.

Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen durch den schwedischen General Banner ertragen und siegreich überstanden. Vom 2. März bis 20. März und dann zum zweiten Male vom 10. April bis 17. April hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen schweren Tagen überliefert.

Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt gerückt und stand plötzlich vor den Toren, denn ein dicker, finsterer Nebel war eingefallen und hatte sich über die Stadt und das Land gewälzt, so daß man sich nicht hatte in der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey Stunden gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser Nebel von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner nahm im Freibergsdorfer Rittergut Quartier und begann alsbald mit der Beschießung, Schanzen und Laufgräben zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen. Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das Peters und Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten über hundert Schösse anbracht, dadurch die Brustwehren durchlöchert«. Er drohte, falls die Stadt nicht übergeben würde, »wollte er keines Menschen schonen, sondern allen die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab die unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, vermöge seiner Pflicht und geleisteten Eids mainteniren müste, solches auch biß auff den letzten Blutstropffen trewlich thun wolte.« Es erinnert dieses Wort an das berühmte Telegramm des unverzagten Verteidigers von Tsingtau, des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den ersten großen Tagen des Weltkrieges: »Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch Ausfälle und tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt. Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden und alle feindliche Macht richtete sich gegen das Bollwerk. Nach starker Beschießung stand der Feind mit Sturmzeug und Leitern bereit und versuchte von dem vor dem Tore stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden, runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. Sie sind aber tapfer empfangen und mit Verlust zurückgetrieben und es ist auch »durch außgeworffenes Geströde, Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in brand gerathen, daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind mit schimpff reterieren müssen. Die Schösse, so beyderseits geschehen, sind unzehlich gewesen«. Während hier am Peterstor so der wilde Kampf tobte, machte der Hauptmann Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall, fand keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs Petersthor gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der Stadt gewartet, hat er nicht allein des Feindes angefangene Baterien niedergerissen, sondern auch so lange sichere Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh, so wegen der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker Mut die Verteidigung beseelte.

Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen Unterhändler, dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden des Kommandanten, der jetzt im anderen Lager focht und nun die frühere Kameradschaft geltend machen wollte. »Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für der Stadt were.« »Dem der Commendant zur Antwort gegeben, die weile zu vertreiben, wolte er ihm ein baar Spiel Charten liefern, inmassen er auch dieselben hinauswerffen lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus dieser Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert werden von einem entschlossenen und geschlossenen Willen geführt!

Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und Kinder aus der Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig Blut vergossen würde, ferner die Stadt in Güte auffzugeben, sonst sollten die Bergwerke eingefüllt und alles verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und hette man in der Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht einen Hund naußgeben wolte; die gantze Stadt were unschuldig, und hette wider die Kron Schweden nichts verbühret, wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste er geschehen lassen, was der General nicht unterlassen könte.«

Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine Anstrengungen, den Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine trommelfeuerartige Beschießung wurde eine Bresche in die Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten Pestturmes, wo der Pestprediger, der pestilentialis, während der Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen mußte, um seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber ohne Gefahr für die Allgemeinheit dienen zu können. Der Turm und die Mauer stehen heute noch im städtischen Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt bis übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf der Feldseite zieht sich am Fuße der starken Mauern der alte Stadtgraben entlang, und über lauschige Promenadenwege rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern erzählten könnten, welch ein Heldenlied würde erstehen, wachsen und klingen von wuchtiger Größe, von Tapferkeit im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not und Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und Ausharren gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel des Krieges die Seelen und Körper des armen, mißhandelten, aus tausend Wunden blutenden, hinsiechenden Volkes schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es vergessen und verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe Treue und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht über Pest und Tod und widriges Schicksal erzwingen können? – –

Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, haben die Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß eine gute anzahl, und wie man vermercket bey vierhundert im Graben, theils auch im Zwinger und auff den Leitern gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so im Zwinger hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt, und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, welcher diese Völcker angeführet, und sich hoch vermessen, er wollte und müste diesen Tag in der Stadt seyn, nachdem er auff der Leiter kaum zur Bresche hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopff bekommen und abgestürtzet worden, welches, als es die andern, so hernach getrungen, und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, wie es noch außwendig der Stadt so scharff hergangen und leicht erachten können, daß sie inwendig der Mawren ein viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie weiter nicht fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern haben ihre Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger und Stadtgraben geworffen, und sich reteriret, denen die in der Stadt eilends nachgesetzet, mit kurtzen Wehren, Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen ihrer noch viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. Was und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat man nicht eigentlich wissen können, denn sie unterschiedene Personen der Beschädigten und Toden weggeschleppet, auch unter andern einen Obersten Leutenant, laut der Gefangenen Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, darunter sich ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, und etliche andere Officirer mehr befunden, dabey zweene gequetzschte, die also fest und gefroren gewesen, daß man ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der Oberste, der so gern in der Stadt seyn wolte, und der Hauptman beygesetzt, die andern begraben worden. In der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben kommen, aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner in Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.«

Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, doch ein sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch das Gesichte fast außgewiesen) und laut der Gefangenen Bericht des Banners Schwester Sohn gewesen seyn, deßwegen er von selben sehr lieb gehalten und hoch betawert worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie von der Trauer des Achill um seinen gefallenen Freund Patroklos’ klingt es aus dieser Schilderung des Zeitgenossen, der selbst diese schweren und großen Tage in den Mauern Freibergs mit durchlebt hat.

Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. Nach drei Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen und kurfürstlich sächsischen Truppen. Banner zog sich zurück in der Richtung auf Chemnitz.

Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und daß ihm das Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, daß er für diesem Rattenneste etliche hohe liebe Officirer und über tausend Mann hatte einbüssen müssen«.

Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand er wieder mit mächtigem Heere vor der Stadt. 20 000 Mann und etliche 70 große und kleine Stücke sollten die Stadt in seine Hand bringen und er dachte mit Durst die trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer, deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und den Münzbach, welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen und in einen Schacht leiten, so daß dadurch auch die Gruben überschwemmt, der Bergbau zerstört und gefährdet und der heimliche unterirdische Verkehr der eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und Stollen tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ er mit glühenden Brandkugeln die Stadt beschießen. So glaubte er endlich den harten Mut der Freiberger erschüttern zu können. Mit der Drohung, »daß keines Menschen solte geschonet werden, so man sich ferner opponiren würde«, schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, daß nicht viel zu leben und gantz kein Wasser in der Stadt sei« Die tapfere Antwort des Kommandanten dagegen lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich wehren müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends solche extrema, daß man nichts solte zu leben haben. Was an Wasser abgienge, were an Wein und Biere vorhanden, und dürffte ihm der General hier keine andere Willfährigkeit als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er noch einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen Schuß in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß nicht so leichten Kaufes das »Rattennest« auszuheben sei. Nach einer Belagerungszeit von etwa 7 Tagen brach er auf und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme und der trotzige Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die Stadt vor den Freunden? Starke Einquartierungen, Kontributionen, Steuern, Lieferungen drückten die Bürger. Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten überall umher und Marodebrüder folgten wie die Aasgeier den Spuren der Truppen, sei es Freund oder Feind. Die Bestellung der Felder konnte nur mangelhaft erfolgen und »über die grossen herumbstreifenden vielfältigen Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge kleiner Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, welche nicht allein das Getreide in Scheunen, sondern auch die Wintersaat im Felde durchfahren und platzweise gefressen«. Wo noch etwas geblieben war, wurde es gestohlen, obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen konnte.

Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr und drückenden Ängsten und Leiden dahin, eine Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn, die stärksten Herzen zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein neues Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. Das war das Wetter, aus welchem die schwersten Blitze zuckten und das so recht eigentlich die Feuerprobe für die Türme, Mauern und Bollwerke der Stadt, wie für die silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft werden sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer Macht heran. Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober 1642 geschlagen und seine fliehenden Truppen eilten raubend und sengend vor den Schweden her, an Freiberg vorbei nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen und in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts mehr widerstehen konnte, der »das gantze Land in grosse zerrüttung und verderbnüs versetzet«. Wehe dir, kleines Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring nur 2700 m lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten ist, dessen Längsachse nur 1000 m, dessen Querachse nur 700 m mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch Pest und Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt und mehr und mehr vermindert und verarmt war, du willst mit deinen Mauern und Türmen und deinen wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren, erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt widerstanden, der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht auf dem blutigen Plane von Breitenfeld 46 Stücke Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit deiner Besatzung von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du der ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee trotzen, 8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen Stücken Geschütze, 5 Feuermörsern, 700–800 Reitern und noch 3 Reiterregimentern? Wie von einer furchtbaren Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von einer Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert und nur Trümmer hinterläßt! – –

Und dennoch hat sie es gewagt! Sie sprachen trotzig ihr »Dennoch!« und glaubten an das Wort: »Eine feste Burg ist unser Gott!« Täglich wurden in jeder Kirche drei bis vier Betstunden abgehalten und als der Feind Bresche geschossen hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und zunächst bey den geschossenen brechen, in mit anhörung der Feinde, die Betstunden gehalten und verrichtet«. Das Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war ihre Mauer, die sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als strömten immer wieder neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten die Zahl, die Kraft und den Mut der Verteidiger. Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen, waren die silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche Übermacht erstürmen oder in Trümmer legen konnte. Wenn unser deutsches Volk im tiefsten Innern seiner Seele sich solche silbernen Türme erst wieder baut, dann hat noch heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. –

Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere Kommandant von Schweinitz und der Bürgermeister Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz zur Übergabe aufgefordert und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle angesichts der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall solle nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« Er hat dieses Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme des Feindes getrotzt. Als schwedische Hauptstellung, die stark mit Geschützen besetzt war, war die Johanniskirche und das alte Johannishospital mit seinem Garten ausgebaut. Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und stampften die Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln ihrer Vaterstadt entgegen und donnerten an die Mauer des starken Petersturmes. Der Friedhof um das alte Spittelkirchlein herum war von Schanzen und Laufgräben durchwühlt. Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort Tod und Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der grüne Wipfel der mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, der Torstenssonlinde, unter der Torstensson sein Zelt hatte, von wo er, durch die Gicht oft an den Stuhl gefesselt, die Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor leitete, ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein Natur- und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung.

50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, während harter Winterkälte. Immer wieder richtete sich der Sturm mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor. Das Rondell, das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert und bildete nur noch einen Trümmerhaufen. Der Turm selbst war fast ganz zerschossen. Von Stockwerk zu Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt, weil Mauern und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der aus nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte des Turmes wurde schließlich ganz in Trümmer gelegt, so daß nur noch die Rückwand als zerschossene Ruine in die Lüfte ragte.

Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß eine Bresche von 20 Ellen Breite offenen Eingang in die Stadt verhieß. Offenen Eingang – wenn nicht der Wall tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die Bresche geschlossen hätte, so daß kein Feind eindringen konnte!

»Als zerbrochen war der Stein,

Stellten Bürger sich zu Mauern.

– – – – – – – – –

Und aus allen offenen Lücken

Tritt hervor manch Angesicht,

Brust an Brust zusammenrücken,

Und die Mauer selber ficht.«

In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder mehr Tage und Nächte auf seinem Posten mit der Waffe in der Hand, das Gesicht zum Feind.

Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und Minen und Gegenminen wurde gekämpft. Wie ein Bericht aus dem Schützengrabenkriege im Weltkrieg klingt es zuweilen in der Chronik, wenn man liest, wie die Bergleute den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen oder mit Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. Der Feind suchte den Mut der Verteidiger, der tapferen Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu brechen, sie von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft zu zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer wieder in Brand zu schießen unternahm. Wenn ihre Häuser brennen und von ihren Dächern die Brunst zum Himmel lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das Seine zu retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei der Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in die Stadt geworfen. Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, mit Schwefel untermischt und dergleichen Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen und Dächer tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst, fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte war der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der Feind mit Drohung und mit Verheißung: Wenn die Stadt sich nicht ergeben wolle, ließ er dem Woledlen, Vest- und Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie »sich dieses gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt und Bürgerschaft mit Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, sondern auch Weib und Kind nicht verschonet, und also verfahren werden, daß andere obstinate Örter ein Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde selbsten, »weil er einig und allein ursache an dem unschuldigen Blut, so vergossen werden möchte, und keine gütliche Offerten annehmen will, nicht als ein cavallier tractiret werden.«

Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches Herz, für friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer Arbeit, ihrem stillen Berufe leben und verdienen wollten, jetzt nachzugeben, schwach zu werden, die Tore zu öffnen und den so freundlichen Feind, der so viel versprach, einzulassen! Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine Märtyrerkrone winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, denn der »Ehre« war schon genug getan, mehr als in andren deutschen Städten mit stärkeren Mauern und Türmen! – Doch nein, in Freiberg schlugen Heldenherzen unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des Soldaten. Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. Die Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als lebendiger Wall todesmutig den Angriffen wehrten, die Stadt hielt stand, denn ihr Spruch lautete »urbis salus est civium concordia«, das Heil, die Rettung der Stadt ist die Eintracht der Bürger! concordia bedeutete hier mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein der Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod zur Einheit für Leben und Sterben. Nur solche concordia konnte die Rettung sein.

Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des Feindes war, daß man dem Kurfürsten die Treue halten müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß, was Gottes Allmacht schicken wolle«.

Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch auf die furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, auch des Kindes im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt man kein Schwanken in der mannhaften Sprache, keine Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so viele redliche ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd und Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, daß diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische Joch gelangen solten«.

Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. Er unternahm den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, indem er zunächst durch eine furchtbare Beschießung sie sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage lang hat er sie bombardiert und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern geschleudert. Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor und Meißner Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, »da zugleich mit und unter den stürmen die Feuerwerker, theils aus Mörseln, große schreckliche Hauffen Steine, Ballen und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus groben Stücken auf die breche gespielet, und sonsten Creutzweiß und also hefftig durch die Häuser flanquiret, daß alles erbebet, und ein solcher lerm in der Stadt worden, als wenn Himmel und Erden ineinander gingen«.

Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das nicht Waffen führte, in den Kirchen betend auf den Knien und alle Glocken läuteten und trugen mit ihrem Dröhnen den Notschrei der Stadt zum Himmel empor, um schließlich mit dem Sange des Te Deum laudamus den Dank der Erretteten emporzujubeln.

Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, so daß die Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen mußten »in großer confusion«, wobei »aus Stücken mit Hagel und Kardetzschen, wie auch aus Doppelhacken, gezogenen Röhren und Musqueten, noch großen schaden unter ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen wider die brechen und Thürme geschehen, dadurch sie selbst von zurück schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet, theils auch mit Steinen verfallen, und übel beschädigt worden«. Bei diesem Kampfe hat jeder, der kämpfen konnte, die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann von Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat »sich tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein in allen gute anstellung gemacht, und stets bey der höchsten Gefahr sich funden, sondern auch selbst aus einem Schießloch am Thurme, zeit wehrenden Sturms, Fewer gegeben, und Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom Pulver im Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel blaissiret worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit folgten die Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, Bürgerschaft und Bergleute. »Ist auch jedermann darby unerschrocken, mutig und frewdig gewesen, also daß etliche Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so grimmigen Schiessens, auff die brechen gesprungen, mit Morgenstern und Schlachtschwerdten agiret und Fewer auff den Feind im Graben gegeben. Die eine Seite des Zwingers, da die breche am niedrigsten und gefährlichsten gewesen, haben die Bürger, welche unter die Defension Fahne gehören, innen gehabt, und männlichen beschützt, dabey sich der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere Gegenwehre gethan.«

An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute noch der letzte Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, der uns an jener Stadtseite erhalten geblieben ist aus der Heldenzeit der Stadt. Es ist der letzte Stumpf des alten Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte. Wenig beachtet und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen aus jenen Tagen des Sturmes, als die weiße und die blaue schwedische Brigade heranrückte mit fliegenden Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und Sturmgerät, und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte Mauerrest verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage aller Zeiten sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes Zeichen, das sich im Altertumsmuseum befindet, erinnert an den tapferen Peter Schmohl. Es ist der Ehering, den er einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar 1635 in der Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen und gelitten haben, da sie ihren Helden kannte, der sich nicht schonte, den sie stets an dem gefährlichsten Posten wußte. Sie mag durch Seelenstärke ihm eine starke Stütze gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter war sie, und ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es entstammten ihr 7 Söhne und 7 Töchter. – Beim Bau der 3. Bürgerschule auf dem Gelände der alten Nonnen- oder Jakobikirche stieß man im Jahre 1902 auf die Schmohlsche Gruft und fand außer den Resten eines braunen Sammetkleides den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, wohl eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein zierlich gestaltetes Sternenmuster, innerlich die Inschrift: »Peter Schmol den 3. Febru. 1635« auf schwarzer Emaille. Nicht ohne Rührung schaut man diesen Ring, der für das Leben des alten Freiberger Helden von so großer Bedeutung war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der Stadt in schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. Seine Sterne haben nicht getrogen. – Auch das Wappen Peter Schmohls erzählt von seiner Art und entsprach seinem Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei Straußenfedern. Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt, ein Kriegsmann, der schon in der Schlacht bei Lützen und bei Nördlingen unter den Schweden gekämpft hatte, ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten Zinnpokal der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der Jahreszahl 1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner in Eisenrüstung trägt, ist dieses Wappen im Lorbeerkranz an bevorzugter Stelle angebracht mit der Inschrift:

PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.

Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich den Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar nach seiner Ernennung zum Defensionerleutenant gestiftet. Die schöne Form des Pokals mit dem Schmuck der angehängten Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht ein roher, ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes Schönheitsempfinden in ihm lebendig war.

Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die viel sagen und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, der Pokal, der mannhaft erfüllte Beruf, die glückliche Ehe und die Geselligkeit mit wackeren Männern, welche wie Sinnbilder die Summe seines Lebens, die Sinnesart und die Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die Heimat erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar gedenkt. Er stand auf schwerstem Posten bei der Belagerung und mit wenigausgebildeten Leuten, die sonst nur gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen nachzugehen, denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte durch Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner Person. Seinem Namen begegnen wir in den Berichten auf Schritt und Tritt und können ihn noch zwischen den Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der besten Söhne Alt-Freibergs in schwerster Zeit!

50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen jeder mit neuer Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen und Ängsten blutigrot am Morgenhimmel emporstieg und blutig in der Nacht versank. Der Mut der Verteidiger blieb unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und tapferster Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, und das kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, länger und länger auf sich warten ließen.

Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll schaute man von den Türmen in die Ferne nach Frauenstein, wo die Straße zu den Höhen des Gebirges sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen nahten. Jede ungewöhnliche Bewegung bei den schwedischen Belagerern wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet und brachte doch immer wieder Enttäuschung. Am 23. Januar hatte ein wackerer Bergmann, der sich bis zum Feldmarschall Octavio Piccolomini nach Böhmen durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor der Stadt aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in die Stadt zurückgelangt war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, daß er in wenig Tagen die Stadt entsetzen werde und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem unsterblichen Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz erweisen, und zu keinem accord sich einlassen« solle. Dieses Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber 25 Tage lang wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, denn das kaiserliche Heer kam nicht. Immer wieder sandte man Botschaft an den Kurfürsten nach Dresden und nach Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des Himmels suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald war es ein schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und sich zum Feinde hin bewegte, bald war es brausender Sturm mit Donner gleich einem Erdbeben, ein Ungewitter, das mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt aber verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen Himmel, welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald hat es beim Feinde Blut und Feuer geregnet, ohne daß die Stadt etwas davon verspürte, bald sind Kinder und Bürger der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, bald sind Minen und Schüsse, welche der Stadt galten, den Feinden selbst verderblich geworden. Alle diese tröstlich ausgelegten und empfundenen Zeichen änderten aber nichts daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer wurde und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit allen Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und Feuer von Tag zu Tag furchtbarer wurden. Am 9. Februar geriet das Peterstor in die Gewalt der Schweden, und ihre Schüsse fegten von dort in die Petersgasse und ihre Häuser, auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig wehrte sich der Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, die Straße, den Weg gab er nicht frei. Eine starke Batterie wurde in der Petersstraße gebaut, welche das jetzt feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. Alle Häuser der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß sie wie ein Wehrgang untereinander verbunden und mit Musketieren stark besetzt zu feuer- und verderbenspeienden Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter vordringen wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser Weg in die Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine eiserne Wehr von Männern verriegelte, ein Todesweg für ihn sein würde und wagte sich nicht weiter vor zwischen die grimmigen Tatzen des Löwen.

Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien heranzunahen. Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe bemerkbar, da sie wohl Kunde hatten vom Heranrücken des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar langten Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft durch ein oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg und durch Kanonenschüsse von der Höhe melden würde. Diese Frist war noch eine harte Probe für die Verteidiger, denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu gewinnen. Tag und Nacht dauerte das Schießen und das Granatenwerfen. Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen in die Straßen und auf den Obermarkt, töteten Bürger und richteten manchen schweren Schaden an. Mit Minen wurde ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des Feinds Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden so nahe zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind hören reden.« Auch durch Verhandlungen und Versprechungen suchte nochmals der Schwede die Stadt zu gewinnen. Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der todesmutigen, stahlharten Treue wirkungslos ab.

Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige Erlösung, und als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar die verabredeten Zeichen die Nähe des kaiserlichen Heeres kündeten, konnten weder Drohungen noch glatte Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut mehr erschüttern.

Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung aus der furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die Stadt war frei. Staunend sahen die kaiserlichen Offiziere, an ihrer Spitze Oktavius Piccolomini, was die Stadt geleistet, und man hat sich verwundert, »wie man gegen einen dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, Fleiß und tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und trewen Bürgerschafft hoch gerühmet«.

Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet und verfluchet, und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen blieben«. Man hätte Nachricht, »daß über dreytausend Mann für der Stadt sich verlohren: Man hette ingemein die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür gehalten, es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General Torstensohn were darüber so erzürnet gewesen und hette ihm gäntzlich fürgesetzet, außzutawren, und die Stadt sambt aller Zubehör ohne Schonung einiges Menschen in grund zu schleiffen«.

4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe aus Mörsern, 14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, trotzdem er »schon den Stadtgraben, Zwinger, und das eine Thor, sambt den beygelegenen Thurm in seiner Macht gehabet, und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen also niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen können, sich doch derselben nicht vollends bemächtigen mögen«. Wohl nie zuvor war das Te Deum laudamus so »mit hertzlicher Freude und Andacht« gesungen und im jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten zum Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh »mit allerley instrumenten lieblich musiciret« worden, um den Dank emporzutragen, als bei dem Dankfeste am 26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel draußen gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht, Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und zerstört. Häuser waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, Balken ausgeschnitten, Tür und Tore ausgerissen, die Obstbäume nah und fern abgehauen. In den Bergwerken waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an Ertzen verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in Hütten weggenommen, die Räder und Wellen zerhawen, die Öfen eingerissen, die Künste und Zeuge verbrennet und solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan geschätzet noch beschrieben werden.«

Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben nicht dem Ansturm des Feindes standgehalten, die festen Herzen blieben unerschüttert, sie blieben stärker als das Schicksal! – – – –

Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke eine schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem Bande geflochtene Kette. Kaiser Ferdinand III. hat sie als Lohn und Dank für die tapfere Verteidigung nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. Für die Stadt hatte Schönlebe seine ganze Kraft und Leben, seine ganze Persönlichkeit eingesetzt und mit ihm seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er diesen goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in ihm die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung für ihren Mut, ihre Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares Sinnbild und redendes Zeichen von der Treue wie Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es seit Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von der Ehre der Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, von der Stadt mit den silbernen Türmen, den Türmen der Treue, von festen Mauern und festen Herzen.