Anderen, andren oder andern?

Ein garstiger Mißbrauch herrscht in der Deklination bei den Adjektiven, deren Stamm auf el und er endigt, wie dunkel, edel, eitel, übel, lauter, wacker; auch die Komparativstämme, wie besser, größer, unser, euer, inner, äußer, ander, gehören dazu. Bei diesen Adjektiven kommen in der Deklination zwei Silben mit kurzem e zusammen, also des eitelen Menschen, dem übelen Rufe, dem dunkelen Grunde, unseres Wissens, mit besserem Erfolge, aus härterem Holze. Diese Formen sind unerträglich: man schreibt sie wohl bisweilen, aber niemand spricht sie, eins der beiden e muß weichen. Aber welches von beiden? Die richtige Antwort darauf gibt der Infinitiv der Zeitwörter, die von Stämmen auf el und er gebildet werden. Auch da treffen zwei e zusammen, von denen eins beseitigt werden muß. Nun ist es zwar hie und da in Deutschland, z. B. in Hannover, beliebt, zu sagen: tadlen, handlen, wandlen, veredlen, vermittlen, verdunklen, verwechslen, ausbeutlen, mildren, verwundren, erschüttren, veräußren, versilbren, versichren, erläutren, im allgemeinen aber spricht, schreibt und druckt man doch tadeln, veredeln, erinnern, erläutern, d. h. man opfert das e der Endung und bewahrt das e des Stammes. Ebenso geschieht es auch in der Flexion des Verbums: er vereitelt, er verändert, nicht er vereitlet, er verändret. Und so ist es gut und vernünftig. Denn nicht nur daß das Stamm-e wichtiger ist als das der Endung, die Formen auf eln und ern klingen auch voller und schöner.[22] Genau so verhält sichs bei den genannten Adjektiven. Aber fast in allen Büchern und Zeitungen druckt man die häßlich weichlichen Formen: unsres Jahrhunderts, des üblen Rufes, die ältren Ausgaben, meiner teuren Gemeinde, in der ungeheuren Menschenmenge, und doch spricht fast jedermann: unsers Jahrhunderts, des übeln Rufes, die ältern Ausgaben, meiner teuern Gemeinde, in der ungeheuern Menschenmenge. Man druckt ja nicht: die Eltren, überall wird richtig Eltern gedruckt, warum also nicht auch die ältern? beides ist doch dasselbe.[23] Bei dem Dativ-m kann man zugeben, daß, wenn das Stamm-e erhalten und das e der Endung ausgeworfen wird, zuweilen etwas harte Formen entstehen; im allgemeinen ist aber auch hier auf dunkelm Grunde, mit besserm Erfolg gewiß vorzuziehen.