Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte?
Wenn zu einem Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so ist es selbstverständlich, daß sie in der Deklination gleichmäßig behandelt werden müssen. Da haben nun manche in der starken Deklination, wenn das Eigenschaftswort allein, ohne Artikel oder Fürwort steht, im Dativ der Einzahl einen künstlichen Unterschied schaffen wollen. Sie haben gelehrt, nur dann, wenn zwei Adjektiva gleichwertig nebeneinander stünden, wenn sie dem Sinne nach koordiniert wären, a-a-s, dürften sie gleichmäßig behandelt werden, z. B. Tiere mit rotem, kaltem Blute, nach langem, heißem Kampfe; wenn dagegen das zweite Adjektiv mit dem Substantiv einen einheitlichen Begriff bilde, der durch das erste Adjektiv nur näher bestimmt werde, das erste also dem zweiten übergeordnet sei, a(a-s), so müsse das zweite schwach dekliniert werden, wie wenn es hinter einem Fürwort stünde, z. B. mit echtem Kölnischen Wasser, nach allgemeinem deutschen Sprachgebrauch, zu kühnem dramatischen Pathos, mit eigentümlichem humoristischen Anstrich, von großem praktischen Wert, aus übertriebnem patriotischen Zartgefühl, aus süddeutschem adligen Besitz. Ebenso müsse im Genitiv der Mehrzahl unterschieden werden zwischen: frischer, süßer Kirschen (denn die Kirschen seien frisch und süß) und neuer isländischen Heringe, scharfer indianischen Pfeile, einheimischer geographischen Namen, ehemaliger freien Reichsstädte (denn die Heringe seien nicht neu und isländisch, sondern die isländischen Heringe seien neu).
Diese Unterscheidung ist logisch unzweifelhaft notwendig, und sie muß auch in der Interpunktion zum Ausdruck kommen: koordinierte Adjektiva werden durch ein Komma getrennt, während zwischen zwei Eigenschaftswörtern, von denen eins dem andern übergeordnet ist, kein Komma stehen darf. Grammatisch aber ist die Unterscheidung die reine Willkür. Warum sollte sie auch gerade auf diese beiden Kasus beschränkt werden? auf den Dativ im Singular und den Genitiv im Plural? Nur in diesen beiden Kasus aber soll sie gelten, in den übrigen Kasus fällt es niemand ein, das zweite Adjektiv jemals in die schwache Form zu bringen. Oder sagt jemand: ohne selbständiges geschichtliche Studium? von bewährter christlichen Gesinnung?[24] Dazu kommt, daß sich in manchen Fällen kaum entscheiden läßt, ob zwei Adjektiva einander koordiniert sind oder eins dem andern untergeordnet, z. B. nach ergebnislosem zweijährigem Versuche. Unsre Romanschriftsteller scheinen zu glauben, daß stets eine Unterordnung vorliege, wenn das zweite Adjektiv eine Farbe bedeutet: sie schreiben fast ausnahmlos: bei schönem blauen Himmel, mit langem schwarzen Haar, mit schmalem braunen Rande, mit auffälligem roten Bande. Das ist völlig widersinnig. Freilich gibt es langes schwarzes Haar und kurzes schwarzes Haar. Aber eine solche Sortierung schwebt doch hier nicht vor. Bei dem schönen, blauen Himmel vollends denkt doch niemand an eine andre, weniger schöne Art von blauem Himmel, sondern blau ist eine weitere Ausführung und Begründung von schön: der Himmel ist schön, weil er blau ist. Ebenso ist das Band auffällig, weil es rot ist. In Todesanzeigen kann man täglich lesen, daß jemand nach langem, schweren Leiden oder nach kurzem, schweren Leiden gestorben sei. Man liest es so häufig, daß man fast glauben möchte, die Setzer setzten auch das gewohnheitsmäßig so, selbst wenn in der Druckvorlage richtig gestanden hat: nach langem, schwerem Leiden. Denn daß auch gebildete Menschen das immer falsch schreiben sollten, ist doch kaum anzunehmen.