Die Präpositionen
Eine grauenvolle Liederlichkeit hat in der niedrigen Geschäftssprache in der Behandlung der Präpositionen um sich gegriffen. Vor allem erscheint immer häufiger der Akkusativ hinter Präpositionen, die den Dativ verlangen. Schweinsknochen mit Klöße, Spinat mit Eier, Kotelette mit Steinpilze, Sülze aus Kalbskopf und Füße – anders wird auf Leipziger Speisekarten kaum noch geschrieben. Das ist freilich Kellnerdeutsch, aber wen trifft die Schande für solche Sprachsudelei? Und ist es nicht eine Beleidigung der Gäste, wenn ihnen Wirte solches Schanddeutsch vorsetzen? Aber auch an Schaufenstern kann man lesen: Sohlen mit Absätze – Neuvergoldung von Spiegel – Verkauf von Zauberapparate – Stühle werden mit Roßhaare gepolstert – Regentropfen auf Hüte werden sofort beseitigt – großes Lager in Regenmäntel – Ausstellung in Damenstiefel; Zeitungen schreiben: er wurde zu zwei Monate Gefängnis verurteilt – und sogar Behörden machen bekannt: die Lieferung von hundert Stück gebrauchte Schwellen – das Abladen von dreißig Kubikmeter Bruchsteine – das Befahren dieses Weges mit Lastfuhrwerke usw.[117]
In andern Fällen drängt sich auf ganz lächerliche Weise der Genitiv an die Stelle des Dativs. In Leipzig kann man von Halbgebildeten hören: unter meines Beiseins – nach meines Erachtens; aber auch Gebildete schreiben: dank dieses Umstands – dank des mir von allen Seiten entgegengebrachten ehrenvollen Vertrauens – dank dieser Eindrücke meiner Jugendzeit – dank seines ins einzelste gehenden Verständnisses – dank des reichen und neuartigen Programms – dank der Geschenke der Offiziere und andrer Zuwendungen. Wie in aller Welt ist eine solche Verirrung möglich? Man könnte glauben, den Leuten schwebe bei ihrem dank mit dem Genitiv etwas ähnliches vor wie: kraft meines Amts, laut deines Briefs, statt eines Auftrags; kraft, laut und statt werden mit Recht mit dem Genitiv verbunden, denn ursprünglich hieß es: in Kraft (oder: durch Kraft), nach Laut, an Statt. Aber dank ist doch einfach Dank, es hat nie eine Präposition vor sich gehabt, es verlangt also auch unbedingt den Dativ: dank deinem Fleiße, dank deinen Bemühungen ist es gelungen usw. Die wunderlichen Beispiele: unter meines Beiseins und nach meines Erachtens zeigen, wie der falsche Genitiv zustande kommt: er entsteht durch Verwechslung des Dativs mit dem Genitiv im Femininum. Nach meiner Meinung, unter meiner Mitwirkung, dank deiner Bemühung – das klingt den Leuten wie ein Genitiv, und so sagen sie nun auch fröhlich: dank dieses Umstands. Man kann hier einmal die Entstehung einer Sprachdummheit an ihrer Quelle beobachten. Genau so ist es mit trotz gegangen: da sind wir jetzt glücklich so weit, daß der richtige Dativ für einen Fehler und der falsche Genitiv für das Richtige erklärt wird. Vielleicht kommt es auch noch mit dank dahin, und wenn wir uns rechte Mühe geben, auch mit nach, unter und – gemäß; denn schon schreibt man auch: die Arbeiter sind gemäß ihres Beschlusses heute früh wieder in der Fabrik erschienen.
Die Redensart sich an etwas halten – verlangt sie nach an den Dativ oder den Akkusativ? In äußerlicher, sinnlicher Bedeutung unzweifelhaft den Dativ: man hält sich an einer Stange, an einem Seile (an). In übertragner Bedeutung hat man früher geschwankt (Goethe: wer klug ist, wird sich am Zugänglichen halten). Heute ist – unter dem Einflusse sinnverwandter Wendungen wie: sich wenden an, sich stützen auf, sich verlassen auf – nur noch der Akkusativ üblich: wenn er mich nicht bezahlt, so halte ich mich an dich – ich halte mich lieber ans Gewisse als ans Ungewisse.
Die allerneuesten Präpositionen sind ungerechnet und unerwartet. Sie werden beide mit dem Genitiv verbunden: unerwartet des Beitritts andrer Eisenbahnverwaltungen – es hatten vierhundert Händler feil, ungerechnet derer, die in den Höfen standen. Beide sind natürlich dem eben so schönen ungeachtet nachgebildet, das schon älter ist: ungeachtet seines Widerspruchs. Auch hier sieht man eine Sprachdummheit an der Quelle. Ursprünglich hieß es: ungeachtet seinen Widerspruch; das war aber ein absolutes Partizip im Akkusativ.