Zahlwörter. Erste Künstler
In dem Wesen und der Bedeutung des Superlativs liegt es begründet, daß er eigentlich nur den bestimmten Artikel haben kann: unter hundert Männern von verschiedner Größe ist einer der größte. Sind drei von dieser Größe darunter, so sind diese drei die größten. Dann ist aber einer von diesen dreien nicht ein größter – das ist undeutsch! –, sondern einer der größten. Darum ist es eine Abgeschmacktheit, zu schreiben: Lessings Andenken wird gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause – ein 45jähriger, der einer reifsten Zukunft entgegenschreitet. Nur in der Mehrzahl kann man allenfalls, wie der Kaufmann, von billigsten Preisen oder, wie der Philosoph, von kleinsten Teilen reden.
Ebenso abgeschmackt ist es, zu sagen: dieses Denkmal wird stets einen ersten Rang behaupten – die Politik spielte in seinem ganzen Leben eine erste Rolle – und von ersten Künstlern, ersten Opernsängern zu reden oder von ersten Firmen, ersten Häusern, wie es jetzt in den Anpreisungen der Geschäftsleute täglich geschieht. Gemeint ist weiter nichts als bedeutend, hervorragend, ausgezeichnet – warum sagt man das nicht?[116] So ist es auch unlogisch, zu sagen: ein letzter Wunsch des Verstorbnen, eine Hauptursache des Erfolgs; sorgfältig ausgedrückt muß es heißen: einer der letzten Wünsche, eine der Hauptursachen des Erfolgs, denn auch die Hauptursache ist ein superlativischer Begriff von derselben Bedeutung wie: die höchste, die wichtigste Ursache.
Statt vom fünfzigsten oder sechzigsten Geburtstag redet man jetzt öfter vom fünfzigjährigen: das Buch ist als Festschrift zum fünfzigjährigen Geburtstage Max Klingers erschienen. Das ist völliger Unsinn. Von einem fünfzigjährigen oder hundertjährigen Jubiläum kann man reden, denn da feiert man den ganzen Zeitraum, mit dem Geburtstag aber nur den einzelnen Tag.
Recht unfein klingt es, wie es in militärischen Kreisen üblich ist, hinter Personennamen die Kardinalzahl zu gebrauchen und von Fischer eins, Meyer sieben zu reden. Vielleicht – soll es unfein klingen. Oder wollen wir in Zukunft auch von Otto drei und Heinrich acht reden? Wie mag Wilhelm zwei darüber denken?