Voller Menschen

Das Adjektivum voll verbindet wohl jeder richtig mit dem Genitiv oder, je nachdem, mit der Präposition von, z. B.: die Straßen waren voll geputzter Menschen – er war deines Lobes voll – das ganze Haus war voll von Altertümern und Merkwürdigkeiten. Daneben ist noch üblich, das Substantiv gänzlich unflektiert zu voll zu setzen: voll Blut, voll Rauch, voll Zorn, voll Haß, voll Verlangen usw. Das ist eigentlich ein Fehler, aber einer, der nicht mehr gefühlt wird. Wenn man voll Liebe sagte, so meinte man natürlich ursprünglich auch den Genitiv. Da dieser aber beim Femininum nicht erkennbar war, verdunkelte sich allmählich das Gefühl dafür, und so ging er auch bei männlichen und sächlichen Substantiven verloren. Auf dieselbe Weise sind ja auch Verbindungen entstanden wie: ein Stück Brot, ein Glas Wein.

Nun aber voller – wie stehts damit? Im Volksmund ist es ganz gang und gäbe, auch unsre besten Schriftsteller haben es oft geschrieben, aber heute getraut man sichs doch nicht mehr so recht, weil man so gelehrt geworden ist, daß man immer grübelt, ob man wohl so sagen dürfe oder nicht, aber nicht gelehrt genug, die Zweifel wieder zu bannen. Die Kirche war voller Menschen – der Kerl ist voller Neid – der Garten ist voller Unkraut – der Himmel hängt ihm voller Geigen – der Junge steckt voller Schnurren – darf man so schreiben? Ei, gewiß darf mans; jedermann, Hoch und Niedrig, spricht so, warum soll mans nicht schreiben dürfen?

Voller ist der erstarrte männliche Singular, der im Prädikat auf alle drei Geschlechter und auch auf den Plural übergegriffen hat (ganz ebenso wie selber und ebenso wie selbst, das nichts andres als das erstarrte Neutrum selbs ist). Schon Luther scheint über diese merkwürdige Spracherscheinung nachgedacht zu haben, aber zu der Annahme gekommen zu sein, daß voller aus voll der entstanden sei; er gebraucht es gern, aber immer nur – vor dem Femininum und vor dem Plural. Auf keinen Fall hat die Bildung etwas niedriges an sich, im Gegenteil etwas trauliches, anheimelndes, und der guten Schriftsprache ist sie durchaus nicht unwürdig.[115]