Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes?

Großes Vergnügen macht es vielen Leuten, den Genitiv von Personennamen mit einem Apostroph zu versehen: Friedrich’s, Müller’s. Selbst große Gelehrte sind in den Apostroph so verliebt, daß es ihnen ganz undenkbar erscheint, Goethes ohne das hübsche Häkchen oben zu schreiben. Nun ist ja der Apostroph überhaupt eine große Kinderei. Alle unsre Schriftzeichen bedeuten doch Laute, die gesprochen werden. Auch die Interpunktionszeichen gehören dazu. Nicht bloß das Ausrufe- und das Fragezeichen, sondern auch Komma, Kolon, Semikolon und Punkt, Klammern und Gedankenstriche lassen sich beim Vorlesen sehr wohl vernehmlich machen. Nur der Apostroph bedeutet gar nichts; ja er soll geradezu einen Laut bedeuten, der – nicht da ist, der eigentlich da sein sollte, aber ausgefallen ist. Ist nicht das schon kindisch? Nun ist ja aber bei diesen Genitiven gar nichts ausgefallen. Wenn man schreibt: des Müllers Esel, warum soll man nicht auch Otfried Müllers Etrusker schreiben?[6]

Nun aber vollends bei Personennamen auf s, ß, z und x – welche Anstrengungen werden da gemacht, einen Genitiv zu bilden! Die Anzahl solcher Namen ist ja ziemlich groß; man denke an Fuchs, Voß, Krebs, Carstens, Görres, Strauß, Brockhaus, Hinrichs, Brahms, Begas, Dickens, Curtius, Mylius, Cornelius, Berzelius, Rodbertus, Marx, Felix, Max, Franz, Fritz, Moritz, Götz, Uz, Schütz, Schwarz, Leibniz, Opitz, Rochlitz, Lorenz, Pohlenz, nicht zu reden von den griechischen, römischen, spanischen Namen, wie Sophokles, Tacitus, Olivarez usw.; die Veranlassung ist also auf Schritt und Tritt gegeben. Bei den griechischen und römischen Namen pflegt man sich damit zu helfen, daß man den Artikel vorsetzt: die Tragödien des Sophokles, die Germania des Tacitus. Man ist an diese Genitive von seiner Schulzeit her so gewöhnt, daß man gar nichts anstößiges mehr darin findet, obwohl man es sofort als anstößig empfinden würde, wenn jemand schriebe: die Gedichte des Goethe. Der Artikel vor dem Personennamen ist süddeutscher oder österreichischer Provinzialismus (in Stuttgart sagt man: der Uhland, in Wien: der Raimund), aber in die Schriftsprache gehört das nicht; in kunstgeschichtlichen Büchern und Aufsätzen immer von Zeichnungen des Carstens und Entwürfen des Cornelius lesen zu müssen oder gar, wie in der beschreibenden Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler Leipzigs, von einem Bildnis des Gottsched, einem Bildnis des Gellert, ist doch gar zu häßlich. Manche setzen denn nun auch an solche Namen fröhlich das Genitiv-s (natürlich mit dem unvermeidlichen Apostroph davor!), also: Fues’s Verlag, Rus’s Kaffeehandlung, Harras’s Grabstein in der Thomaskirche, Kurfürst Moritz’s Verdienste um Leipzig, Leibniz’s ägyptischer Plan, Gabriel Max’s Illustrationen zu Uhlands (oder vielmehr Uhland’s) Gedichten. Noch andre – und das ist das beliebteste und das, was in Grammatiken gelehrt, in den Druckereien befolgt und jetzt auch für die Schulen vorgeschrieben wird – meinen, einen Genitiv zu bilden, indem sie einen bloßen Apostroph hinter den Namen setzen, z. B. Celtes’ Ausgabe der Roswitha, Junius’ Briefe, Kochs’ Mikroskopierlampe (der Erfinder heißt wirklich Kochs!), Uz’ Gedichte, Voß’ Luise, Heinrich Schütz’ sämtliche Werke, Rochlitz’ Briefwechsel mit Goethe. Und solche Beispiele, in denen der Name vor dem Worte steht, von dem er abhängt, sind noch nicht die schlimmsten. Ganz toll aber ist: die Findung Moses’, der Kanzler Moritz’ (das soll heißen: der Kanzler des Herzogs Moritz), die berühmte Ketzerschrift Servetus’, auf Anregung Gervinus’, der Besuch König Alfons’, der Stil Rabelais’, der Dualismus Descartes’ (in Descartes ist ja das es stumm, und der Genitiv von Descartes wird wirklich gesprochen: karts!). Das neueste ist, daß man sogar Namen, die auf sch endigen, in diesen Unsinn mit hereinzieht und schreibt: in den Tagebuchblättern Moritz Busch’, zum siebzigsten Geburtstage Wilhelm Busch’, das allerneueste, daß man sogar im Dativ(!) schreibt: Dr. Peters’ als Vorsitzendem lag die Pflicht ob!

Sollten wir uns nicht vor den Ausländern schämen ob dieser kläglichen Hilflosigkeit? Ist es nicht kindisch, sich einzubilden und dem Ausländer, der Deutsch lernen möchte, einzureden, daß im Deutschen auch ein Kasus gebildet werden könne, indem man ein Häkchen hinter das zu deklinierende Wort setzt, ein Häkchen, das doch nur auf dem Papiere steht, nur für das Auge da ist? Wie klingt denn der Apostroph hinter dem Worte? Kann man ihn hören? Spreche ihn doch einer! Soll man vielleicht den Mund eine Weile aufsperren, um ihn anzudeuten? oder sich einmal räuspern? Irgend etwas muß doch geschehen, um den Apostroph fürs Ohr vernehmlich zu machen, sonst ist ja zwischen Leibniz und Leibniz’, zwischen dem Nominativ und dem angeblichen Genitiv, gar kein Unterschied. Nachdenklichen Setzern und Buchbindern will denn auch die Sache gewöhnlich gar nicht in den Kopf. Daher kommt es, daß man in den Korrekturabzügen und auf Bücherrücken so oft Titel lesen muß wie: Sophokle’s Tragödien, Carsten’s Werke, Dicken’s Romane, Brahm’s Requiem, Friedrich Perthe’s Leben und Siever’s Phonetik.

Eine gewisse Schwierigkeit ist ja nun freilich da, und es fragt sich, wie man ihr am besten abhilft. Die ältere Sprache schrieb entweder unbedenklich Romanus Haus (ohne den Apostroph), oder sie half sich bei deutschen Namen damit, daß sie (wie bei andern Substantiven, z. B. Herz, und bei den Frauennamen) eine Mischform aus der schwachen und der starken Deklination auf ens bildete, also: Fuchsens, Straußens, Schützens, Hansens, Franzens, Fritzens, Götzens, Leibnizens (vgl. Luisens, Friederikens, Sophiens). Im Volksmunde sind diese Formen auch heute noch durchaus gang und gäbe (ebenso wie die Dative und Akkusative Hansen, Fritzen, Sophien – hast du Fritzen nicht gesehen? gibs Fritzen! –, die jetzt freilich in der Sprachziererei der Vornehmen mehr und mehr durch die unflektierte Form verdrängt werden: hast du Fritz nicht gesehen? gibs Fritz!), und es ist nicht einzusehen, weshalb sie nicht auch heute noch papierfähig sein sollten.[7] Oder wollen wir vielleicht nun auch im Götz von Berlichingen Hansens Küraß in Hans’ Küraß verwandeln? Franzensbad und Franzensfeste in Franz’bad und Franz’feste verschönern? Verständige Schriftsteller, die vom Papierdeutsch zur lebendigen Sprache zurückkehren, gebrauchen denn auch die flektierte Form allmählich wieder und schreiben wieder: Vossens Luise. Wenn sie nur auch die Schule wieder zu Gnaden annehmen wollte!

Unmöglich erscheint dieser Ausweg natürlich bei Namen, die selbst Genitive sind, wie Carstens (eigentlich Carstens Sohn), Hinrichs, Brahms. Brahmsens dritte Geigensonate – das klingt nicht schön. Auch Phidiassens Zeus und Sophoklessens Antigone nicht, obwohl auch solche Formen zu Goethes und Schillers Zeit unbedenklich gewagt worden sind; sprach man doch damals auch, da man den Familiennamen der Frau auf in bildete, von der Möbiussin. Das beste ist wohl, solchen Formen aus dem Wege zu gehen, was sehr leicht möglich ist, ohne daß jemand eine Verlegenheit, einen Zwang merkt. Man kann durch Umgestaltung des Satzes den Namen leicht in einen andern Kasus bringen, statt des Genitivs sein setzen, des Dichters, des Künstlers dafür einsetzen usw. Aber nur nicht immer: die Zeichnungen des Carstens! Und noch weniger Voß’s Luise oder gar das Grab Brahms’, denn das ist gar zu einfältig.

In dieselbe Verlegenheit wie bei den Eigennamen auf us gerät man übrigens auch bei gewissen fremden Appellativen. Man spricht zwar unbedenklich von Omnibussen, aber Not machen uns die Ismusse, und der Deutsche hat sehr viel Ismusse! Die Komödie erlognen Patriotismus’, wie jetzt gedruckt wird, oder: im Lichte berechtigten Lokalpatriotismus’ oder: ein unglaubliches Beispiel preußischen Partikularismus’ oder ein Ausfluß erstarkten Individualismus’ – das sind nun einmal keine Genitive, trotz des schmeichelnden Häkchens. Da hilft es nichts, man muß zu der Präposition von greifen oder den unbestimmten Artikel zu Hilfe nehmen und sagen: eines erlognen Patriotismus, von preußischem Partikularismus.