Fremdwörter

Auch unsre Fremdwörter sind zum großen Teil Modewörter. Bei dem Kampfe gegen die Fremdwörter, der seit einiger Zeit wieder in Deutschland entbrannt ist, handelt sichs natürlich nicht um die große Zahl zum Teil internationaler technischer Ausdrücke, sondern vor allem um die verhältnismäßig kleine Zahl ganz entbehrlicher Fremdwörter, die namentlich unsre Umgangssprache und die Sprache der Gelehrten, der Beamten, der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber entstellen.

Zwar haben sich die Bemühungen der Sprachreiniger auch auf die technischen Ausdrücke einzelner Berufe und Tätigkeitsgebiete erstreckt, wie des Militärs, des Post- und Eisenbahnwesens, des Handels, der Küche, des Spiels, auch einzelner Wissenschaften und Künste, wie der Grammatik, der Mathematik, der Baukunst, der Musik, des Tanzes. Was aber vorgeschlagen worden ist, hat selten Beifall gefunden. Schlimm und verdächtig ist es immer schon, wenn einfache Fremdwörter durch Wortzusammensetzungen verdeutscht werden sollen: einige Beispiele solcher Art sind schon früher angeführt worden ([S. 363]). Gewöhnlich sind das gar keine Übersetzungen, sondern Umschreibungen oder Begriffserklärungen. So hat man Redakteur und Redaktion durch Schriftleiter und Schriftleitung „übersetzt“, und einzelne Zeitungen und Zeitschriften haben das angenommen (dann auch Geschäftsstelle für Expedition). Diese Verdeutschungen geben nicht entfernt den Begriff des Fremdworts wieder. Unter Schrift kann dreierlei verstanden werden: die Handschrift, ein Schriftstück und die Lettern der Druckerei. An die erste und die dritte Bedeutung ist hier natürlich nicht zu denken, nur die zweite kann gemeint sein. Aufgabe eines Redakteurs ist es, die eingegangnen Schriftstücke auf ihren Inhalt zu prüfen, sie in anständiges Deutsch zu bringen, eine sorgfältige Druckkorrektur zu lesen und den Inhalt der einzelnen Zeitungsnummern zu bestimmen und anzuordnen. Das alles stellen wir uns wohl bei dem Worte Redakteur vor, aber nicht bei dem mühselig ausgeklügelten Worte Schriftleiter. Die Zeitung selbst wird geleitet, aber nicht ihre Schriftstücke. Wenn es damals, als es im Deutschen noch keine Fremdwörter gab, schon Zeitungen gegeben hätte, ich weiß, wie man den Redakteur genannt hätte: Zeitungmeister! Im Eisenbahnverkehr hat man uns die Fahrkarte und das fürchterliche Abteil aufgenötigt (statt Billett und Coupé). Das kurze, leichte Billett war – man spreche es nur deutsch aus! – fast schon zum Lehnwort geworden. In Leipzig hieß schon im sechzehnten Jahrhundert die Kupfermarke, die sich der Brauerbe auf dem Rathause holen mußte, wenn er Bier brauen wollte, Bollet. Was für ein langstieliger Ersatz dafür sind unsre Fahrkarten, Eintrittskarten, Teilnehmerkarten usw.! Und ist etwa Karte ein deutsches Wort? Eine wirkliche Übersetzung von Coupé wäre Fach gewesen, das in dem ältern Deutsch jede Abteilung eines Raums bedeutete, nicht bloß in einem Schrank oder Kasten, sondern auch im Hause (vgl. Dach und Fach). Sogar eine Straße, die in einen Fahrweg, einen Fußweg und einen Reitweg geteilt war, hieß im achtzehnten Jahrhundert eine Straße in drei Fachen. Das Abteil und die Fahrkarte werden sich schwerlich einbürgern. Die Schaffner sind ja dazu verurteilt, die Wörter zu gebrauchen, aber das Publikum gebraucht lachend die Fremdwörter weiter. Etwas ganz komisches – wenigstens nach meinem Gefühl – ist bei der Übersetzung der militärischen Fachausdrücke mit untergelaufen: die Wiedergabe von Terrain durch Gelände. Gelände war früher ein poetisches Wort, und zwar ein Wort der höchsten Poesie. Man denke nur an Schillers Berglied: da tut sich ein lachend Gelände hervor – und vor allem an Goethes herrlichen Spruch: Gottes ist der Orient, Gottes ist der Occident, Nord- und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände. Einem solchen Wort jetzt in den Manöverberichten der Zeitungen zu begegnen ist doch gar zu komisch. In der Musik möchte man jetzt die Wörter komponieren und Komposition abschaffen, und durch vertonen und Vertonung ersetzen. Gräßliche Geschmacklosigkeit! Von einem vertonten (ver!) Liede kann man doch nur mit Bedauern sprechen, denn das könnte doch nur eins sein, das ungeschickt, falsch, fehlerhaft komponiert, durch die musikalische Zutat verdorben worden wäre (vgl. [S. 357]). Die Architekten vermeiden jetzt erfreulicherweise das überflüssige Fremdwort Dimension, nur sollten sie es nicht immer durch Abmessung übersetzen, was meist gar keinen Sinn gibt (denn Abmessung bedeutet eine Handlung, keine Eigenschaft!), sondern einfach durch Maß oder – es ganz weglassen. Denn ist ein Gebäude von riesigen Abmessungen etwas andres als ein riesiges Gebäude? Und welcher Schwulst, zu schreiben: der Baumeister ist verpflichtet, Irrtümer im Voranschlag in bescheidnen Abmessungen auftreten zu lassen! Wenn vollends allgemein angenommene und geläufige alte Kunstausdrücke einzelner Wissenschaften „übersetzt“ werden, wie man es den Kindern der Volksschule zuliebe in der Grammatik, auch in der Arithmetik versucht hat, so ist das Ergebnis meist ganz unerfreulich. Wenn man ein Buch oder einen Aufsatz mit solchen Verdeutschungen liest, so hat man immer das unbehagliche Gefühl, als ginge man auf einem Wege, wo aller zwanzig Schritt ein Loch gegraben und ein paar wacklige Bretter darüber gelegt wären.

Am ehesten darf man vielleicht hoffen, daß die Fremdwörter aus der Umgangssprache verschwinden werden, denn hier wirkt fast nur die Mode. Die Fremdwörter unsrer Umgangssprache stammen zum Teil noch aus dem siebzehnten Jahrhundert, andre sind im achtzehnten, noch andre erst in der Franzosenzeit zu Anfange des neunzehnten Jahrhunderts eingedrungen. Aber sie kommen eins nach dem andern wieder aus der Mode. Viele, die vor fünfzig Jahren noch für fein galten, fristen heute nur noch in den untersten Volksschichten ein kümmerliches Dasein! man denke an Madame, Logis, vis-à-vis, peu-à-peu (in Leipzig beeabeeh gesprochen), retour, charmant, mechant, inkommodieren, sich revanchieren und viele andre. In den Befreiungskriegen gab es nur Blessierte; wer hat 1870 noch von Blessierten gesprochen? Wer amüsiert sich noch? anständige Leute nicht mehr; die haben längst wieder angefangen, sich zu vergnügen. Auch existieren, passieren (für geschehen oder begegnen: es ist ein Unglück passiert, mir ist etwas Unangenehmes passiert), sich genieren sind so heruntergekommen, daß man sie anständigerweise kaum noch gebrauchen kann. Vor dreißig Jahren gab es noch vereinzelt Schneidermamsellen; jetzt wird jedes Dienstmädchen in der Markthalle mit Fräulein angeredet, wofür die Bürgerstochter freilich zum gnädigen Fräulein aufgerückt ist. Und wo ist das Parapluie geblieben, das doch auch einmal fein war, und wie fein!

Leider tauchen nur an Stelle veraltender Fremdwörter immer auch wieder neue auf. Wer hat vor dreißig Jahren etwas von Milieu gewußt? Als es aufkam, mußten auch gebildete Leute das Wörterbuch aufschlagen, um sich zu belehren, was eigentlich damit gemeint sei. Und was war es schließlich? Weiter nichts, als was man bis dahin als Hintergrund (einer Handlung, einer Erzählung) bezeichnet hatte. Neue Schiffe werden jetzt nicht mehr nach einem Muster gebaut, sondern nur noch nach einem Typ, ebenso auch schon Automobile und Orgeln. Unsre Frauen und Mädchen tragen keine Kleider oder Anzüge mehr, sondern nur noch Kostüme, die es früher nur auf dem Theater oder auf Maskenbällen gab. Wagen wurden bisher in eine Remise gestellt; die Automobile müssen natürlich etwas besondres haben, sie werden in die Garage gebracht; aber auch das ist nichts weiter als ein Schuppen. Ein neues Eigenschaftswort, das man seit kurzem täglich hört und liest, ist markant: eine markante Erscheinung, ein markanter Unterschied, eine markante Persönlichkeit, die markanteste Linie des Gesichts. Eine feine, leicht auf der Zunge zergehende Schokolade heißt im Französischen chocolat fondant; fondre heißt schmelzen. Was haben die deutschen Fabrikanten daraus gemacht? Fondantschokolade! Warum denn nicht Schmelzschokolade? Wer hat vor dreißig Jahren etwas von chic gewußt? Es ist nichts andres als unser geschickt, das nach Frankreich gegangen und in der Form chic zurückgekehrt ist und nun für fein, hübsch, nett gebraucht wird. Der Plural davon wird von unsern Geschäftsleuten chice geschrieben: chice Hüte, chice Kleider, chice Schuhe, was man wohl schicke aussprechen soll, aber doch nur schitze aussprechen kann (vgl. Vice). Zum Glück ist es neuerdings schon wieder aus der Mode gekommen. Zu einem greulichen Modewort dagegen ist eventuell geworden. Es bedeutet ja: vorkommendenfalls, ferner nötigenfalls oder möglichenfalls, je nachdem, dann immer mehr verblassend: möglicherweise, vielleicht, etwa, wohl und endlich: gar nichts. Es gibt aber eine Menge Leute, die heute kaum noch einen Satz sagen können, worin nicht eventuell vorkäme: wir könnens ja eventuell auch so machen – ich kann eventuell schon um sieben kommen. Wenn man auf der Straße aus der Unterhaltung Vorübergehender zehn Worte aufschnappt, das Wort eventuell ist sicher darunter. Aber auch der Musikschreiber sagt: etwas mehr Fülle des Tons hätte eventuell den Vortrag noch mehr unterstützt; ein Buchhändler schreibt: umstehenden Bestellzettel bitten wir eventuell direkt an die Verlagsbuchhandlung gelangen zu lassen, und Zeitungen schreiben: ein Mensch, der eine Volksschule und eventuell eine höhere Schule besucht hat – der Kreuzer X erhielt Befehl, sich eventuell zur Ausreise (!) bereit zu halten – die Regierung hat alle Maßregeln getroffen, um für einen eventuellen (!) Streik gerüstet zu sein – es war Schutzmannschaft aufgestellt, um einen eventuellen Tumult zu verhüten – der Platz soll zur eventuellen (!) Bebauung liegen bleiben. Fast überall kann man eventuell streichen, und der Sinn bleibt genau derselbe. Eine ganz neue Aufgabe erfüllt das Zeitwort interpretieren. Aus der Sprache der Philologie, wo es immer mehr zurückgegangen ist, ist es in die der Musik- und Theaterschreiber eingedrungen. Eine Rolle auf der Bühne wird nicht mehr gespielt, ein Musikstück nicht vorgetragen, ein Lied nicht gesungen – es wird alles interpretiert: Strauß wird die Lieder selbst dirigieren, Frau B. wird Interpretin sein – der Künstler hat durch die Interpretation dieses Liedes einen Beweis seines hervorragenden Könnens (!) erbracht(!) usw. An Stelle der Sensationen sind neuerdings die Attraktionen getreten, das Konzertprogramm hat man zwar in Vortragsordnung „übersetzt“, aber in dieser „Vortragsordnung“ erscheint nun statt des ehemaligen Potpourris die Selektion, und dafür hat man den guten Theaterzettel in Theaterprogramm verwandelt, wenigstens in Leipzig, wo die Jungen jetzt abends am Theater ausrufen: Deeaderbroogramm gefällig? Kunst- und Kunstgewerbemuseen veranstalten jetzt mit Vorliebe retrospektive Ausstellungen. Wieviele Leute, die in solche Ausstellungen laufen, mögen wissen, was retrospektiv heißt? Ein Friedhof hat in Sachsen seit einiger Zeit keine Leichenhalle mehr, sondern eine Parentationshalle! Wieviel Leute, auch gelehrte Leute, mögen wissen, was parentare und parentatio heißt, wissen, daß das heidnische Begriffe sind, die auf unsre Friedhöfe gar nicht passen?

Ganz widerwärtig ist es, wie unsre Sprache neuerdings mit englischen Sprachbrocken überschüttet wird. Da wird das kleine Kind Baby genannt, und die Bedürfnisse für kleine Kinder kauft man im Babybasar, ja im zoologischen Garten ist sogar ein Elefantenbaby zu sehen! Ein Frauenkleid, das der Schneider gemacht hat, wird als tailor-made bezeichnet, eine Schauspielerin oder Sängerin, die Aufsehen erregt, wird als Star gefeiert, Buchhändler reden von Standard-Werken, unsre Schuhe werden aus Boxcalf gemacht (wenn nicht noch lieber aus Chevreau), an allen Mauern, Wänden und Schaufenstern schreit uns das Wort Sunlight-Seife entgegen, das die Fabrikanten den deutschen Dienstmädchen zuliebe neuerdings sogar in Sunlicht-Seife (!) geändert haben, ein andrer Fabrikant preist seine Safety-Füllfedern an, und an den Anschlagsäulen heißt es, daß in dem oder jenem Tingeltangel fife sisters oder fife brothers auftreten werden. Und dabei rühmt eine bekannte Fabrik von Teegebäck in Hannover, daß ihr Fabrikat der (!) beste Buttercakes sei! Eine deutsche Mutter sollte sich schämen, ihr Kind Baby zu nennen. Was würden unsre guten Freunde, die Engländer, sagen, wenn ein englischer Fabrikant wagen wollte, Sonnenlicht Soap anzupreisen!

Unsre Kanzleisprache hat sich im Laufe eines Jahrhunderts gewaltig gereinigt. Noch 1810 konnte ein deutsches Stadtgericht an das andre schreiben: „Ew. Wohlgeboren werden in subsidium juris et sub oblatione ad reciproca ergebenst ersucht, die anliegende Edictalcitation in Sachen des Kaufmanns R. daselbst loco consueto affigiren zu lassen und selbige effluxo termino cum documentis aff- et refixionis gegen die Gebühr zu remittiren.“ Heute hat sich, wenigstens unter den höhergebildeten Beamten, doch fast allgemein die Einsicht Bahn gebrochen, daß das beste und vornehmste Amtsdeutsch das sei, das die wenigsten Fremdwörter enthält. Nur der kleine Unterbeamte, der Folium und Volumen, Repositorium und Repertorium nicht unterscheiden kann, der eine Empfangsbescheinigung eine Rezepisse nennt und vom Makulatieren der Akten redet, weil er einmal von Makulatur gehört hat, tut sich noch etwas zugute auf ein sub oder ad (das gehört unter sub A, sagt er), auf ein a. c. (anni currentis), ein eodem die, ein s. p. r. (sub petito remissonis), ein cf. pg. (confer paginam) u. dgl.; er fühlt sich gehoben, wenn er solche geheimnisvolle Zeichen in die Akten hineinmalen kann.

Wundern muß man sich, daß die Männer der Wissenschaft, bei denen man doch die größte Einsicht voraussetzen sollte, fast alle noch in dem Wahne befangen sind, daß sie durch Fremdwörter ihrer Sache Glanz und Bedeutung geben könnten. Auf den Universitätskathedern und in der fachwissenschaftlichen Literatur, da steht die Fremdwörterei noch in voller Blüte. Der deutsche Professor glaubt immer noch, daß er sich mit editio princeps, terra incognita, eo ipso, bona fide, Publikation, Argumentation, Modifikation, Akquisition, Kontroverse, Resultat, Analogie, intellektuell, individuell, identisch, irrelevant, adäquat, edieren, dokumentieren, polemisieren, modifizieren, identifizieren, verifizieren vornehmer ausdrücke als mit den entsprechenden deutschen Wörtern. Er fühlt sich wunderlicherweise auch gehoben (wie der kleine Rats- und Gerichtsbeamte), wenn er lexikalisches Material sagt statt Wortschatz, wenn er von heterogenen Elementen, intensiven Impulsen, prägnanten Kontrasten, approximativen Fixierungen oder einer aggressiven Tendenz, einem intellektuellen oder moralischen Defekt, einem Produkt destruktiver Tendenzen redet, wenn er eine Idee ventiliert, statt einen Gedanken zu erörtern, wenn er von einem Produkt der Textilkunst die Provenienz konstatiert, statt von einem Erzeugnis der Weberei die Herkunft nachzuweisen, wenn er schreibt: es kommt fast nie vor, daß gutartige Polypen recidivieren (statt: wiederkehren) – die Autopsie konstatierte die Existenz eines sanguinolent tingierten Serums im Perikardium (statt: bei der Öffnung der Leiche zeigte sich, daß der Herzbeutel blutig gefärbte Flüssigkeit enthielt).[179] Und der Student macht es ihm leider meist gedankenlos nach; die wenigsten haben die geistige Überlegenheit, sich darüber zu erheben. In der Sprache aller Wissenschaften gibt es ja gewisse Freimaurerhändedrücke, an denen sich die Leute von der Zunft erkennen. Wie stolz ist der Student der Kunstgeschichte, wenn er zum erstenmale Cinquecento sagen kann! Zwei Semester lang tut er, als ob er sechzehntes Jahrhundert gar nicht mehr verstünde. Wie stolz ist er, wenn er das Wort konventionell begriffen hat! Mit der größten Verachtung blickt er auf die gesamte Kunst aller Zeiten und Völker herab, denn mit Ausnahme der Kunst der letzten drei Jahre ist ja alles – konventionell. Und wenn er dann sein Dissertatiönchen baut, wie freut es ihn, wenn er alle die schönen vom Katheder aufgeschnappten Wörter und Redensarten darin anbringen kann! Man kennt den Rummel, man ist ja selber einmal so kindisch gewesen. Dabei begegnet es aber auch sehr gelehrten Herren, daß sie die Verneinung von normal frischweg anormal bilden, also das sogenannte Alpha privativum des Griechischen vor ein lateinisches Wort leimen, statt anomal (griechisch!) oder abnorm (lateinisch!) zu sagen. Was ist in der letzten Zeit von anormalem Denken, anormalem Empfinden, anormalen Trieben geschwafelt worden! Es begegnet auch sehr gelehrten Herren, daß sie von Prozent ein Eigenschaftswort prozentuell bilden (als ob centum „nach der vierten“ ginge, einen u-Stamm hätte wie accentus!), statt prozentisch zu sagen, daß sie indifferent schreiben, wo sie undifferenziert meinen u. dgl.

Besonders stolz auf ihre Fremdwörterkenntnis sind gewöhnlich die Herren „Pädagogen“, d. h. die Volksschullehrer, die sich nicht mit dem Seminar begnügt, sondern nachträglich noch ein paar Semester an den Brüsten der Alma mater gesogen haben. Schon daß sie sich immer Pädagogen nennen, ist bezeichnend. Lehrer klingt ihnen nicht wichtig genug. Daß ein Pädagog etwas ganz andres ist als ein Lehrer, daran denken sie gar nicht. Wenn so ein Pädagog einen Vortrag hält oder einen Aufsatz schreibt über die Aufgaben oder vielmehr die Probleme (!) des Unterrichts in der Klippschule, dann regnet es nur so von exakt, theoretisch, empirisch, empiristisch, didaktisch, psychisch, psychologisch, ethisch, Lustrum, Dezennium, Koedukation usw. Aus diesen Kreisen ist dann auch in andre Kreise der Unsinn verpflanzt worden, von Klavier- und Gesangpädagogen zu reden. Wieck, der Vater der Klara Schumann, der bekanntlich in Leipzig Klavierstunden gab, wird stets „der hervorragende Klavierpädagog“ genannt. Vielleicht erleben wir auch noch Geigen-, Posaunen- und Fagottpädagogen.

Weniger zu verwundern ist der Massenverbrauch von Fremdwörtern bei den Geschäftsleuten. Sie stecken infolge ihrer Halbbildung am tiefsten in dem Wahne, daß ein Fremdwort stets vornehmer sei als das entsprechende deutsche Wort. Weil auf sie selbst ein Fremdwort einen so gewaltigen Eindruck macht, so meinen sie, es müsse diesen Eindruck auf alle Menschen machen. Ein Kapitel, das von Jahr zu Jahr beschämender für unser Volk wird, bilden die Warennamen, die, wohl meist von den Fabrikanten der Waren oder von ebenso unfähigen Helfern ersonnen, uns täglich in Zeitungen und Wochenblättern anschreien. Namentlich auf dem Gebiete der Arznei- und Toilettenmittel, aber auch auf andern Gebieten, wie dem der Beleuchtungsmittel, der Kraftfahrzeuge, der Musikmaschinen, der photographischen Artikel, der „alkoholfreien“ Getränke usw., wimmelt es davon. Von vernünftigen Sprachgesetzen, nach denen sich doch auch solche Namen bilden ließen, ist gar keine Rede mehr. Die Zeiten, wo ein Chemiker oder ein Techniker, der einen neuen Namen brauchte, einen Philologen zu Rate zog, sind längst vorüber. Jeder Fabrikant hält sich heute für berechtigt und befähigt, solche Namen zu bilden; er nimmt ein paar – Stämme oder Wurzeln, kann man gar nicht sagen, sondern Stammsplitter oder Wurzelfetzen – von irgendwelchen griechischen oder lateinischen Wörtern und leimt sie aneinander, klebt auch vielleicht noch eine der aus der Chemie bekannten oder sonst beliebten Endungen daran (ol, il, it, in usw.), und der Name ist fertig. Man denke nur an Wörter wie Odol, Pektol, Javol, Virisanol, Antirheumol, Pomeril, Frutil, Fortisin, Antinervin, Bioferrin, Hämoglobin, Sanatogen, Kantophon, Solvolith, Photonox, Humidophor, Pianola, nicht zu reden von solchen Albernheiten wie Velotrab, Biomalz, Abrador, Waschifix u. a.[180] Die Verrücktheit geht so weit, daß man sogar die Namen der Orte zu Hilfe nimmt, wo die Waren fabriziert werden, und Namen bildet wie Thürpil (Thüringer Pillen!), ja daß man die Anfangsbuchstaben des in der Regel ja sehr breitspurigen Namens der Anstalt oder Fabrik, aus der die Ware hervorgeht, oder anderer beliebiger Wörter zu einem scheinbaren Wort aufreiht, das in Wahrheit nichts als ein bloßer Lauthaufe ist, ja daß man sogar aus ganz beliebigen Lauten solche Lauthaufen bildet! Tet roia aga simi dalli perco aok degea ohno pilo agfi wuk afpi tita maggi oxo ciba pebeco densos – klingt das nicht wie Sprache der Herero oder der Wahehe? Das alles sind deutsche Warennamen! Ein Glück, daß die meisten nur ein kurzes Dasein fristen. Sie flackern zu irgendeiner Zeit plötzlich auf, verlöschen aber bald wieder wie Lämpchen, denen das nötige Öl fehlt. Leider drängen sich aber an die Stelle jedes verschwindenden sofort wieder zwei oder drei neue. Man kann nur hoffen, daß der ganze Blödsinn schließlich einmal an sich selber zugrunde gehen werde.

Eine Menge Fremdwörter schleppen sich in der Zeitungssprache fort. In der Zeit der Befreiungskriege redete man viel von Monarchen; bei Leipzig erinnert noch der Monarchenhügel daran. Heute dient der Monarch nur noch dem Zeitungschreiber zur Abwechselung und als Ersatz für das persönliche Fürwort er, das er sich von einem gekrönten Haupte nicht zu gebrauchen getraut: heute vormittag empfing der Kaiser den Prinzen X; bald darauf stattete der Monarch dem Prinzen einen Gegenbesuch ab – der Katarrh des Kaisers ist noch im Zunehmen begriffen, doch ist das Befinden des Monarchen befriedigend – es steht jetzt fest, daß die angedeutete Besprechung des Königs nicht stattgefunden hat, der Monarch also gar nicht in der Lage gewesen ist, sich zu äußern – der König nahm heute an der Familientafel teil, nach der Tafel besuchte der Monarch die Gartenbauausstellung – der König wurde aufs Rathaus geleitet, wo der Bürgermeister den Monarchen erwartete – Frl. R. überreichte dem König ein Bukett, wofür der Monarch freundlich dankte. Lieblingswörter der Zeitungssprache sind: Individuum, Panik, Affäre, Katastrophe. Wenn ein Kerl einen Mordversuch gemacht hat, heißt er stets ein Individuum. Ein großer Schrecken in einer Volksmasse oder im Theater wird stets als Panik bezeichnet; ob der Zeitungschreiber wohl eine Ahnung davon hat, woher das Wort stammt? Einen großen Unglücksfall nennt er stets eine Katastrophe: da gibt es Eisenbahn-, Schiffs- und Bootskatastrophen, Erdbeben- oder Vulkankatastrophen, Brandkatastrophen, Überschwemmungskatastrophen, Grubenkatastrophen, sogar Unglückskatastrophen! Er redet auch stets von einer Duellaffäre, einer Säbelaffäre, einer Messeraffäre, einer Giftmordaffäre. Einen gemeinen Betrüger bezeichnet er vornehm als Defraudanten. Wenn sich einer in einem Hotel erschießt, so gibt das stets eine Detonation, dann findet man das Projektil, das Motiv der Tat ist aber gewöhnlich unbekannt. Gerade gegenwärtig schwelgen die Zeitungschreiber wieder – im Leitartikel wie im Feuilleton – ärger denn je in Fremdwörtern. Es ist, als ob es ihnen förmlich Spaß machte, die Puristen zu ärgern und ihnen zu zeigen: wir scheren uns den Kuckuck um eure Bestrebungen! Der Kohlenkonsum figuriert bei der Rentabilität als Bagatelle – von solchen Sätzen sind die Zeitungen wieder voll. Es war schon einmal besser geworden.

Könnte man doch nur den Aberglauben loswerden, daß das Fremdwort vornehmer sei als das deutsche Wort, das momentan vornehmer klinge als augenblicklich, transpirieren vornehmer als schwitzen (der Hufschmied bei seiner Arbeit schwitzt bekanntlich, aber der Herr im Ballsaal transpiriert!), professioneller Vagabund vornehmer als gewerbsmäßiger Landstreicher, ein elegant möbliertes Garçonlogis vornehmer als ein fein ausgestattetes Herrenzimmer, konsequent ignorieren vornehmer als beharrlich unbeachtet lassen, daß ein Eleve etwas vornehmeres sei als ein Lehrling (Apotheker, Banken usw. suchen stets Eleven!), ein Collier etwas vornehmeres als ein Halsband oder eine Halskette![181] Schon der Umstand, daß wir für niedrige, gemeine Dinge so oft zum Fremdwort greifen, sollte uns von diesem Aberglauben befreien. Oder wäre perfid, frivol, anonymer Denunziant nicht zehnmal gemeiner als treulos, leichtfertig, ungenannter Ankläger? Und stehen noble Passionen nicht tief unter edeln Leidenschaften? Um etwas niedriges zu bezeichnen, dazu sollte uns das Fremdwort gerade gut genug sein.[182]

Aber auch unklar, verschwommen, vieldeutig sind oft die Fremdwörter. Was wird nicht alles durch konstatieren ausgedrückt! Feststellen, behaupten, erklären, wahrnehmen, beobachten, nachweisen – alles legt man in dieses alberne Wort! Da ist wieder etwas überraschendes zu konstatieren – was heißt das anders als: da macht man wieder eine überraschende Wahrnehmung oder Beobachtung?[183] Was soll intensiv nicht alles bedeuten: groß, stark, lebhaft, heftig, eifrig, kräftig, genau, scharf, straff! Man nutzt die Zeit intensiv aus, lernt ein Volk intensiv kennen, bespricht eine Rechenaufgabe intensiv usw. Was soll direkt nicht alles bedeuten! Bald unmittelbar (die direkte Umgebung von Leipzig, eine Ware wird direkt bezogen, einer ist der direkte Schüler des andern, ein Aufsatz wird unter direkter Beteiligung des Kanzlers geschrieben), bald gleich (sie gingen direkt von der Arbeit ins Wirtshaus), bald dicht oder nahe (der Gasthof liegt direkt am Bahnhof), bald gerade (die Straße führt direkt nach der Ausstellung), bald geradezu (die Verschiedenheit der Darstellung wird als direkt störend empfunden – die Stelle wirkt in dieser Fassung direkt erschütternd – die Dichtung ist in ihrer Art direkt klassisch – die evangelische Kirche ist hier in direkt falschem Licht dargestellt), bald genau (soll ich denn direkt um sieben kommen?), bald wirklich (bist du in Berlin gewesen, direkt in Berlin?), bald nur (Ihre Bibliothek hat also direkt wissenschaftliche Werke?). Eine Berlinerin ist imstande, zu ihrem ungezognen Bengel zu sagen: was hast du da gemacht? das ist direkt ein Fettfleck! oder: wirst du direkt folgen? wirst dus direkt wieder aufheben? Was für ein unklares Wort ist Konsequenz! Bald soll es Folge heißen (die Konsequenzen tragen), bald Folgerung (die Konsequenzen ziehen). Was für ein unklares Wort ist Tendenz! Bald soll es Bestrebung bedeuten, bald Absicht, bald Richtung, bald Neigung. Was für ein unklares Wort ist System! Man spricht von einem philosophischen System und meint eine Lehre oder ein Lehrgebäude, von einem Röhrensystem und meint ein Röhrennetz, von einem Festungssystem und meint einen Festungsgürtel, von einem Achsensystem und meint ein Achsenkreuz, von einem Sternsystem und meint eine Sterngruppe, von einem Verwaltungssystem und meint die Grundsätze der Verwaltung, von einem Sprengwagen System Eckert und meint die Bauweise, ja man kann nicht ein Hemd auf den Leib ziehen, ohne mit einem System in Berührung zu kommen, entweder dem System Prof. Dr. Jäger (!) oder dem System Lahmann oder dem System Kneipp – was mag sich die Verkäuferin im Wolladen unter all diesen Systemen denken? Man sagt: hier fehlt es an System, und meint Ordnung oder Plan, man spricht von systematischem Vorgehen und meint planmäßiges. Dazu wird System fort und fort verwechselt mit Prinzip und mit Methode (auf derselben Seite spricht derselbe Schriftsteller bald von Germanisierungssystem, bald von Germanisierungsmethode). Wie kann man den Reichtum des Deutschen so gegen die Armut des Fremden vertauschen! Das Erstaunlichste von Vieldeutigkeit und infolgedessen völliger Inhaltlosigkeit sind wohl die Wörter Interesse, interessant und interessieren. Vor kurzem hat jemand in einer großen Tabelle alle möglichen Übersetzungen dieser Wörter zusammengestellt. Da zeigte sich, daß es kaum ein deutsches Adjektiv gibt, das nicht durch interessant übersetzt werden könnte! Ein so nichtssagendes „Bummelwort“ sollte doch anständigerweise in keinem Buche und keinem Aufsatze mehr vorkommen.

Aus der Unklarheit, die durch die Fremdwörter großgezogen wird, entspringen dann auch so alberne Verbindungen wie: vorübergehende Passanten, dekorativer Schmuck, neu renovierter Saal, Grundprinzip, Einzelindividuum, Attentatsversuch, defensive Abwehr, numerische Anzahl, gemeinsame Solidarität, charakteristisches Gepräge (in der Kunst und Literaturschreiberei äußerst beliebt!), ausschlaggebendes Moment u. ähnl. Nicht einmal richtig geschrieben werden manche Fremdwörter. Wir Deutschen lassen uns keine Gelegenheit entgehen, über den Fremden zu spotten, der ein deutsches Wort falsch schreibt. Aber machen wir es denn besser? Nicht bloß der kleine Handwerker setzt uns eine Vetterage oder eine Lamperie auf die Rechnung statt einer Vitrage oder eines Lambris, sondern auch der Zeitungschreiber schreibt beharrlich Plebiscit, Diaspora, Atmosphäre (sogar Athmosphäre), Proſelyten statt Plebiſcit, Diaſpora, Atmoſphäre, Proselyten. Wer Griechisch versteht, dem kommt doch Diaspora und Proſelyten so vor, wie wenn einer Schnürstiefel und Halſtuch schriebe! Auf Leipziger Ladenschildern liest man in zehn Fällen kaum einmal richtig Email, überall steht Emaille, ein Wort, das es gar nicht gibt! Drogue und Droguerie werden sogar amtlich in der „neuen Orthographie“ Droge und Drogerie geschrieben, als ob sie wie Loge und Eloge ausgesprochen werden sollten; man ließe sich noch Drogerei gefallen, aber -erie ist doch eine französische Endung! Wie lange wird man noch posthum mit dem törichten h schreiben! Man kann darauf wetten, daß die meisten dabei nicht an postumus, sondern an humus denken. Ganz glücklich sind die Leute, wenn sie in einem Fremdwort ein y anbringen können; gewöhnlich tun sies aber gerade an der falschen Stelle, wie in Sphynx, Syphon, Logogryph usw.

Manche Fremdwörter berauschen die Menschen offenbar durch ihren Klang, wie glorreich (in Leipziger Festreden chlorreich gesprochen), historisch, Material, Element, Moment, Faktor, Charakter, Epoche und die zahlreichen Wörter auf ion. Material wird in ganz abscheulicher Weise gebraucht: man redet nicht bloß von Pferdematerial, sondern auch von Menschenmaterial, Kolonistenmaterial, sogar Referendarmaterial! Streicht man das Material, so bleibt der Sinn derselbe und der Ausdruck verliert zwar seine klangvolle Breite, aber auch seinen ganz unnötig geringschätzigen Nebensinn. Zu den nichtsnutzigsten Klingklangwörtern gehören Element, Moment (das Moment!) und Faktor, sie werden ganz sinnlos mißbraucht. Es sind ja eigentlich lateinische Wörter (elementum, momentum, factor); wenn man aber einen Satz, worin eins von ihnen vorkommt, in wirkliches Latein übersetzen wollte, könnte man meist gar nichts besseres tun, als die Wörter einfach – weglassen. Liberale Elemente, bedenkliche, unzuverlässige, gefährliche Elemente – das ist doch nichts andres als Männer, Menschen, Leute. Glücklicherweise bildeten die anständigen Elemente die Majorität – das heißt doch nichts weiter als: die anständigen Leute bildeten die Mehrheit. Moment wie Faktor aber bedeutet in den meisten Fällen weiter nichts als res, aliquid, und auch mit Element ist es oft nicht anders. Da will einer sagen: trotz aller Erfahrungen im Seekrieg ist der Torpedo noch immer etwas neues. Das drückt er so aus: trotz aller Erfahrungen im Seekrieg ist der Torpedo noch immer ein neues Element oder ein neues Moment oder ein neuer Faktor – nun klingt es! Hier sind drei Momente zu berücksichtigen, oder hier wirken drei Faktoren zusammen – bei Lichte besehen ist es weiter nichts als: dreierlei (tria). Das wichtigste Moment – es ist schlechterdings nichts andres als das Wichtigste. Der Stock hat von jeher Freud und Leid mit den Menschen geteilt: dies Moment findet in der Glocke einen ergreifenden Ausdruck – wenn diejenigen Momente in den Vordergrund gestellt werden, die für die Technik von Wert und Interesse sind – die Feinhörigkeit ist von osteologischen Momenten abhängig – die Studentenauffahrt mit ihren bunten, malerischen Momenten entrollte ein interessantes akademisches (!) Bild – die gestrige Stadtverordnetensitzung bot verschiedne interessante Momente – bei jedem entstehenden Reichtum ist die Arbeit ein mitwirkender Faktor – sind nicht Moment und Faktor hier ganz taube, inhaltleere Wörter? Bisweilen kann man wohl Moment durch Umstand, Tatsache, Zug, Seite wiedergeben, ebenso Faktor bisweilen durch Macht, Kraft, Mittel, aber in den meisten Fällen ist es nichts als: etwas; ein beunruhigendes Moment, ein differenzierendes Moment – es sind doch nur gespreizte wichtigtuerische Umschreibungen von Beunruhigung und Unterschied.[184] Nicht viel anders ist es mit Charakter. Diese Festlichkeiten haben deshalb einen wertvollen und interessanten Charakter – was bedeutet das anders als: sie sind deshalb wertvoll? Die Raumbildung ist der wesentlichste Faktor, der dem Architekten zur Verfügung steht. Daneben ist ein zweiter, sehr wichtiger Faktor, um (!) einem Raum individuellen Charakter zu geben, die Art seiner Beleuchtung. Das dritte Charakterisierungsmoment, das dem Architekten zur Verfügung steht, ist die Farbengebung. In solch albernem Schwulst wird jetzt der einfache Gedanke ausgedrückt: der Architekt wirkt durch drei Mittel: Raum, Licht und Farbe! Historisch (d. h. geschichtlich oder geschichtswissenschaftlich) wird jetzt unsinnigerweise für alt oder altertümlich gebraucht. Man gibt Konzerte mit historischen Blasinstrumenten (zu dumm!), schießt auf der Schützenwiese mit historischen Armbrüsten, bildet Fanfarenbläser in historischer Tracht ab, schwärmt von der alten, historischen Markgrafenstadt Meißen und preist die althistorischen Sehenswürdigkeiten von Augsburg an. Ganz arg ist auch der Mißbrauch, der mit Epoche getrieben wird, namentlich in den Schriften neuerer Geschichtschreiber. Epoche (ἐποχή) bedeutet Haltepunkt, in der Geschichte ein Ereignis, das einen wichtigen Wendepunkt gebildet hat. So brauchen noch unsre Klassiker bisweilen das Wort. Schiller nennt noch ganz richtig die Geburt Christi eine Epoche, das Ereignis selbst, nicht etwa die Zeit des Ereignisses! Die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit – sagte Goethe zu Eckermann. Daher stammt ja auch die Verbindung epochemachend, d. h. einen Wendepunkt bezeichnend. Das Wort ist dann auf die Zeit selbst übertragen worden – worin allerdings schon der alte Goethe erkleckliches geleistet hat –, und heute bezeichnet man jeden beliebigen Zeitabschnitt, klein oder groß, wichtig oder unwichtig, als Epoche. Für Zeit kennen unsre Geschichtschreiber gar kein andres Wort mehr, sie verwechseln es auch fortwährend mit Periode,[185] reden sogar von Zeitepoche, unaufhörlich pochpochpocht es durch ihre Darstellungen! Aber auch die Jahre, in denen ein tüchtiger Rektor eine Schule geleitet hat, werden schon eine der inhaltreichsten Epochen der Schule genannt! Auch Generation hats den Leuten angetan, obwohl es zu den zahlreichen unklaren Fremdwörtern gehört, denn es bedeutet ja Geschlecht und auch Menschenalter; man kann zuweilen geradezu lesen von der Generation, die vor drei Generationen gelebt hat! Aber es klingt, und das ist die Hauptsache. Wenn sich bei einer großen Festtafel nach dem zweiten Gange, wo der Wein schon zu wirken anfängt, einer erhebt, und nachdem er einigemal mit glorreiche Epoche, Moment, Faktor, zielbewußt, unentwegt um sich geworfen hat, schließlich, ehe er „in diesem Sinne“ sein Glas leert, noch einmal donnert: von Generatiooon zu Generatiooon! so muß ja alles auf dem Kopfe stehen vor Entzücken. Von Geschlecht zu Geschlecht – damit tut man keine Wirkung.

Im Grunde ist die Fremdwörterfrage eine Frage der Bildung und des guten Geschmacks. Man könnte mit Rücksicht auf den Gebrauch unnötiger Fremdwörter die Deutschen in drei Bildungsklassen einteilen: die unterste Klasse gebraucht die Fremdwörter falsch, die mittlere gebraucht sie richtig, die oberste gebraucht sie – gar nicht. Daneben gibts natürlich Misch- und Zwischenklassen, aber die Hauptklassen sind doch diese drei.

Der gewöhnliche Mann aus dem Volke weiß in den meisten Fällen gar nicht, daß er Fremdwörter gebraucht. Woher sollte ers auch wissen? In eine fremde Sprache hat er nie hineingeblickt, über seinen Wortschatz macht er sich keine Gedanken, entweder versteht er ein Wort, oder er versteht es nicht – die Fremdwörter versteht er meist nicht; ob die Wörter, die er gebraucht, deutsch sind oder einer fremden Sprache angehören, vermag er nicht zu beurteilen. In Leipzig ist z. B. dem kleinen Handwerker und Krämer, dem untern Beamten, dem Kutscher, dem Packträger, dem Kellner das Wort zurück fast unbekannt. Wenns ers gedruckt liest, versteht ers wohl, aber seinem Wortschatze gehört es nicht an, er kennt nur das Wort reduhr (retour), das ist für ihn deutsch! Er sagt: ich kriege zehn Fennche reduhr – schiebe mal de Karre reduhr – um zehne fahrmer reduhr – Müller is in seinem Jeschäfte redurjekommen (denn auch in Leipzig wird jetzt vielfach jesehen, jekommen gesagt). So gibt es noch eine Menge von Fremdwörtern aus dem täglichen Leben, die er ganz richtig gebraucht, die aber eben für ihn so gut wie deutsche Wörter sind, wie Gongerrenz (Konkurrenz), degerieren (dekorieren), mummendahn, orchinell u. a. Die meisten aber gebraucht er falsch oder halbfalsch: entweder er verdirbt oder verstümmelt ihre Form, oder er wendet sie in falscher Bedeutung an, oder er verwechselt zwei miteinander: er sagt absorbieren, wo er absolvieren meint (meine Tochter hat die höhere Töchterschule absorbiert), er fordert Reduzierung der Arbeitslöhne (statt Regulierung) und erbietet sich, wenn er eine Stelle sucht, Primadifferenzen vorzulegen, spricht von rabiater Geschwindigkeit (statt von rapider) und von der Gefahr, die es hat, wenn ein Schlaganfall repartiert (statt repetiert), verwechselt luxuriös und lukrativ (wir können nicht so lukrativ bauen wie die reichen Leute), versteht intakt als in Takt, gebraucht irritieren in dem Sinne von irre machen, stören, leitet affektiert von Affe ab, bringt überall ein bißchen „französische“ Aussprache an: Orschester, Sanktimeter, Parangthese, Deelephong, Biweh (Büfett!), Serwih (Service), Dabbeldooh und prophezeit von einem neuen Konzertsaal: wenn er ene gute Renässangs (Resonanz) kriegt, kriegt er ooch ene gute Augustik (Akustik).

Nun die mittlere Klasse. Das sind die, die sich so viel Kenntnis fremder Sprachen angeeignet haben, daß sie von einer großen Anzahl von Fremdwörtern die Ableitung, die eigentliche Bedeutung kennen, auf diese Wissenschaft (wenn sie sich mit den unter ihnen stehenden vergleichen, die Gratifikation und Gravitation verwechseln) sehr stolz sind und ihre hohe Bildung nun durch möglichst häufigen Gebrauch von Fremdwörtern an den Tag zu legen suchen. Das ist die gefährliche Klasse. Sie werfen sich in die Brust und meinen, sie hätten wunder was gesagt, wenn sie von lokalem Konsum reden, statt von örtlichem Verbrauch.

Über dieser aber gibt es noch eine dritte Klasse. Es ist ein Zeichen höchster und vornehmster Bildung, wenn man durch die Erlernung fremder Sprachen zugleich seine Muttersprache so hat beherrschen lernen, daß man die fremden Flicken und Lappen entbehren, daß man wirklich deutsch reden kann.