Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer?

Eine rechte Dummheit ist in der Bildung der Adjektiva auf isch eingerissen bei Orts- und Personennamen, die auf e endigen; man liest nur noch von der Halle’schen Universität, von Goethe’schen und Heine’schen Gedichten und von der Ranke’schen Weltgeschichte. Man übersehe ja den Apostroph nicht; ohne den Apostroph würde die Sache den Leuten gar keinen Spaß machen. In dieses Häkchen sind Schulmeister und Professoren ebenso verliebt wie Setzer und Korrektoren (vgl. [S. 8]).

Die Adjektivendung isch muß stets unmittelbar an den Wortstamm treten. Von Laune heißt das Adjektiv launisch, von Hölle höllisch, von Satire satirisch, von Schwede schwedisch; niemand spricht von laune’schen Menschen, hölle’schen Qualen, satire’schen Bemerkungen oder schwede’schen Streichhölzchen. Und sagt oder schreibt wohl ein vernünftiger Mensch: dieses Gedicht klingt echt Goethe’sch? oder: mancher versucht zwar Ranke nachzuahmen, aber seine Darstellung klingt gar nicht Ranke’sch? Jeder sagt doch: es klingt Goethisch, es klingt Rankisch. Wenn man aber in der undeklinierten, prädikativen Form das Adjektiv richtig bildet, warum denn nicht in der attributiven, deklinierten? Es könnte wohl am Ende einer denken, der Dichter hieße Goeth oder Goethi, wenn man von Goethischen Gedichten spricht? Denkt vielleicht bei der hansischen Geschichte irgend jemand an einen Hans oder Hansi? August Hermann Francke, der Stifter des Hallischen Waisenhauses (noch bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein sagte man sogar mit richtigem Umlaut hällisch),[53] würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß seine Stiftung jetzt das Halle’sche Waisenhaus genannt wird. Genau so lächerlich aber sind die Laube’schen Dramen, die Raabe’schen Erzählungen, das Fichte’sche System, die Heyse’schen Novellen, die Stolze’sche Stenographie, der Grote’sche Verlag, die Moltke’sche Strategie und der Lippe’sche Erbfolgestreit. Unbegreiflicherweise stammelt man jetzt sogar in Germanistenkreisen von der Manesse’schen Handschrift, die doch seit Menschengedenken die Manessische geheißen hat.[54]

Man spricht aber neuerdings auch von dem Meiningen’schen Theater (statt vom Meiningischen), von rügen’schen Bauernsöhnen (statt von rügischen), vom schonen’schen Hering (statt vom schonischen) und von hohenzollern’schem Hausbesitz (statt von hohenzollerischem). Dann wollen wir nur auch in Zukunft von thüringen’schen Landgrafen reden, von der franken’schen Schweiz, vom sachsen’schen und vom preußen’schen König! Nein, auch hier ist die Bildung unmittelbar aus dem Wortstamm das einzig richtige. Die Ortsnamen auf en sind meist alte Dative im Plural. Wenn ein Adjektiv auf isch davon gebildet werden soll, so muß die Endung en erst weichen. Es kann also nur heißen: hohenzollerisch, meiningisch.

Derselbe Unsinn wie in meiningen’sch liegt übrigens auch in Bildungen wie Emdener, Zweibrückener, Eislebener, St. Gallener vor; da ist die Endung er an die Endung en gefügt, statt an den Stamm. In den genannten Orten selbst, wo man wohl am besten Bescheid wissen wird, wie es heißen muß, kennt man nur Emder, Zweibrücker, Eisleber, (das Eisleber Seminar), St. Galler, wie anderwärts Bremer, Kempter, Gießer (meine Gießer Studentenjahre), Barmer. Bei Bingen ist das Binger Loch, und in Emden wird einer sofort als Fremder erkannt, wenn er von der Emdener Zeitung redet. Ein wahres Glück, daß der Nordhäuser und der Steinhäger schon ihre Namen haben! Heute würden sie sicherlich Nordhausener und Steinhagener genannt werden: Geben Sie mir einen Nordhausener![55]

All dieser Unsinn hat freilich eine tiefer sitzende Ursache, er hängt zusammen mit der traurigen Namenerstarrung, zu der wir erst im neunzehnten Jahrhundert gekommen sind, und die, wie so manche andre Erscheinung in unserm heutigen Sprachleben, eine Folge des alles beherrschenden juristischen Geistes unsrer Zeit ist. Im fünfzehnten, ja noch im sechzehnten Jahrhundert bedeutete ein Name etwas. Um 1480 heißt derselbe Mann in Leipziger Urkunden bald Graue Hänsel, bald Graue Henschel, bald Hänsichen Grau, um 1500 derselbe Mann bald Schönwetter, bald Hellwetter, derselbe Mann bald Sporzel, bald Sperle (Sperling), derselbe Mann bald Sachtleben, bald Sanftleben, derselbe Mann bald Meusel, bald Meusichen, Albrecht Dürer nennt 1521 in dem Tagebuch seiner niederländischen Reise seinen Schüler Hans Baldung, der den Spitznamen der grüne (mundartlich der griene) Hans führte, nur den Grünhans,[56] und selbst als sich längst bestimmte Familiennamen festgesetzt hatten, behandelte man sie doch immer noch wie alle andern Nomina, man scherte sich den Kuckuck um ihre Orthographie, man deklinierte sie, man bildete frischweg Feminina und Adjektiva davon wie von jedem Appellativum. Noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts berichtete der Leipziger Rat an die Landesregierung, daß er Gottfried Langen, Hartmann Wincklern, Friedrich Treitschken, Tobias Richtern und Jakob Bertramen zu Ratsherren gewählt habe. Frau Karsch hieß bei den besten Schriftstellern die Karschin (das heute von „gebildeten“ Leuten wie Berlin betont wird!), und so war es noch zu Anfange des neunzehnten Jahrhunderts. Heute ist ein Name vor allen Dingen eine unantastbare Reihe von Buchstaben. Wehe dem, der sich daran vergreift! Wehe dem, der es wagen wollte, den großen Winckelmann jetzt etwa Winkelmann zu schreiben, weil man auch den Winkel nicht mehr mit ck schreibt, oder Joachimsthal mit T, weil man auch das Tal jetzt nicht mehr mit Th schreibt, oder gar Goethe mit ö! Er wäre sofort von der Wissenschaft in Acht und Bann getan. Das alles haben wir dem grenzenlosen juristischen Genauigkeitsbedürfnis unsrer Zeit zu danken, das keinen gesunden Menschenverstand kennt und anerkennt, das alles äußerlich in Buchstaben „festlegen“ muß, und dessen höchster Stolz es ist, selbst eine Straße mit einem Vornamen, eine Stiftung mit einem Doktortitel und ein Denkmal mit einem Doktortitel und einem Vornamen zu schmücken: Gustav Freytag-Straße, Dr. Wünsche-Stiftung, Dr. Karl Heine-Denkmal.