Hallenser und Weimaraner

Daß wir Deutschen bei unsrer großen Gelehrsamkeit und Gewissenhaftigkeit die Bewohner fremder Länder und Städte mit einer wahren Musterkarte von Namenbildungen versehen, ist zwar sehr komisch, aber doch immerhin erträglich. Sprechen wir also auch in Zukunft getrost von Amerikanern, Mexikanern, Neapolitanern, Parmesanern und Venezolanern, Byzantinern, Florentinern und Tarentinern, Chinesen und Japanesen, Piemontesen und Albanesen, Genuesern, Bolognesern und Veronesern, Bethlehemiten und Sybariten (denen sich als neue Errungenschaft die Sansibariten angereiht haben), Samaritern und Moskowitern, Asiaten und Ravennaten, Candioten und Hydrioten, Franzosen, Portugiesen, Provenzalen, Savoyarden usw. Daß wir aber an deutsche(!) Städtenamen noch immer lateinische Endungen hängen, ist doch ein Zopf, der endlich einmal abgeschnitten werden sollte. Die Athenienser und die Carthaginienser sind wir aus den Geschichtsbüchern glücklich los, aber die Hallenser, die Jenenser und die Badenser, die Hannoveraner und die Weimaraner wollen nicht weichen, auch die Anhaltiner spuken noch gelegentlich. Und doch ist nicht einzusehen, weshalb man nicht ebensogut soll Jenaer sagen können wie Gothaer, Geraer und Altonaer,[57] ebenso gut Badner wie Münchner, Posner und Dresdner, ebenso gut Haller wie Celler, Stader und Klever, ebenso gut Hannoverer und Weimarer wie Trierer, Speierer und Colmarer.

Freilich erstreckt sich die häßliche Sprachmengerei in unsrer Wortbildung nicht bloß auf geographische Namen, sie ist überhaupt in unsrer Sprache weit verbreitet; man denke nur an Bildungen wie buchstabieren, halbieren, hausieren, grundieren, schattieren, glasieren (im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von geglästen Ziegeln und Kacheln), amtieren, Hornist, Lagerist, Probist, Kursist, Wagnerianer, Börsianer, Goethiana, Beethoveniana, Lieferant, Stellage, Futteral, Stiefeletten, Glasur, schauderös, blumistisch, superklug, hypergeistreich, antideutsch usw. Manches davon stammt aus sehr früher Zeit und wird wohl nie wieder zu beseitigen sein; vieles aber ließe sich doch vermeiden, und vor allem sollte es nicht vermehrt werden.