Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit
Von manchen wird ein lebhafter Kampf gegen die Wörter auf ung geführt. Sie klängen häßlich, heißt es, ja sie seien geradezu eine Verunstaltung unsrer Sprache. Im Unterricht wird gelehrt, man solle sie möglichst vermeiden. Irgend jemand hat sogar die witzige Bemerkung gemacht, unsre Sprache mit ihren vielen ung-ung-ung klinge wie lauter Unkenrufe.
Das ist zunächst eine Übertreibung. Die Endung ung ist tonlos und fällt nicht so ins Gehör, daß sie, in kurzen Zwischenräumen wiederholt, stören könnte. Wenn in dem heutigen Deutsch das Ohr durch nicht schlimmeres verletzt würde als durch die Endung ung, so wäre es gut. Ein Satz wie folgender: über die Voraussetzungen zu einer Schließung des Reichstags enthält die Verfassung keine ausdrückliche Bestimmung – hat gar nichts anstößiges. In lebendiger Rede hört man es kaum, daß hier kurz hintereinander vier Wörter auf ung stehen. Hebt man freilich die Endung auffällig hervor, so kann es wohl lächerlich klingen; aber auf diese Weise könnte man auch hundert andre Spracherscheinungen lächerlich machen.
Nicht die Wörter auf ung muß man bekämpfen, sondern eine immer mehr um sich greifende garstige Gewohnheit, die dazu verleitet, eine Menge wirklich häßlicher Wörter auf ung zu bilden, darunter Ungetüme wie: Inbetriebsetzung, Außerachtlassung, Inwegfallbringung, Zurdispositionstellung, Außerdienststellung u. a., die Gewohnheit, eine Handlung oder einen Vorgang nicht durch ein Zeitwort auszudrücken, sondern durch ein Substantiv in Verbindung mit irgendeinem farblosen Zeitwort des Geschehens (mit Vorliebe stattfinden oder erfolgen). Da ist es aber nicht die Endung ung, die stört, sondern das schleppende Wortungetüm, das damit gebildet ist, und der ganze unlebendige Gedankenausdruck (vgl. [S. 328]). Wir haben vielmehr allen Anlaß, die Endung ung zu schützen, ja zu verteidigen gegen törichte Neubildungen, die sich ihr an die Seite drängen wollen.
Die Wörter auf ung bezeichnen zunächst eine Handlung, einen Vorgang; Bildung, Erziehung, Aufklärung, Einrichtung bedeuten zunächst die Handlung, die Tätigkeit des Bildens, des Erziehens, des Aufklärens, des Einrichtens. Aus dieser Bedeutung entwickelt sich aber eine weitere, nämlich die des Ergebnisses, das die Handlung hat, des Zustandes, der durch sie herbeigeführt worden ist; Bildung, Erziehung, Aufklärung bedeuten auch den Zustand des Gebildetseins, des Erzogenseins, des Aufgeklärtseins, Einrichtung auch das Eingerichtete selbst. Vielfach hat nun die Sprache, um den Unterschied zwischen der Handlung und ihrem Ergebnis zu bezeichnen, neben dem Wort auf ung noch ein kürzeres, meist mit Ablaut, unmittelbar aus dem Stamme geschaffen, also eine starke Bildung neben der schwachen. So haben wir Anlage neben Anlegung, Vorlage neben Vorlegung und können geradezu reden von der Anlegung von Gas- und Wasseranlagen, der Vorlegung von Zeichenvorlagen. Da besteht nun schon seit alter Zeit die Neigung, die Bildung auf ung ganz zu beseitigen und ihre Aufgabe der kürzern Form mit zu übertragen. So sind die Wörter Kaufung und Verkaufung ganz verschwunden; heute bedeutet Kauf und Verkauf auch die Handlung des Kaufens und Verkaufens. Noch um 1800 sprach man von Einführung und Ausführung von Waren, und wenn man mit etwas nicht einverstanden war, machte man eine Einwendung; heute heißt es: Einfuhr, Ausfuhr, Einwand. Und diese Neigung ist gegenwärtig sehr stark verbreitet: obwohl die Sprache eine Unterscheidung an die Hand gibt, es ermöglicht, einen Unterschied zu machen (wieder ein Beispiel: Unterscheidung und Unterschied!), verschmäht man ihn und redet von Hingabe, Freigabe, Erwerb (in jedem Bande stand auf dem Titelblatte das Datum des Erwerbs!), Gewinn, Bezug, Vollzug, Entscheid, Entsatz, Ersatz, Vergleich, Ausgleich, Aufgebot, Freispruch (des Angeklagten), Zusammenschluß, wo Hingebung, Freigebung (der Sonntagsarbeit), Erwerbung (eines Grundstücks oder der Staatsangehörigkeit), Gewinnung (Schlesiens), Beziehung, Vollziehung, Entscheidung, Entsetzung (Emin Paschas), Ersetzung, Vergleichung, Aufbietung (aller Kräfte), Zusammenschließung das Richtige wäre, weil eine Handlung gemeint ist. Vor dem letzten Einzug des Königs in Leipzig schilderte ein Zeitungschreiber, wieviel fleißige Hände mit dem Ausschmuck der Straßen beschäftigt wären. In den nächsten Tagen plapperten das dumme Wort alle Leipziger Zeitungen nach![157] Andrerseits: da, wo die Sprache wirklich beides, Handlung und Zustand, mit demselben Worte, und zwar auf ung, ausgedrückt hat, schafft man künstlich einen Unterschied durch häßliche Neubildungen auf heit (sie schießen wie Pilze aus der Erde!) und läßt die Menschen aus Geneigtheit oder Abgeneigtheit, in der Zerstreutheit, in der Verzücktheit, in der Verstimmtheit, in der Aufgeregtheit, in der ersten Überraschtheit, mit Gefaßtheit, unter Merkmalen von Geistesgestörtheit oder gar geistiger Gestörtheit tun, was sie früher aus Neigung oder Abneigung, in der Zerstreuung, in der Verzückung, in der Verstimmung, in der Aufregung, in der ersten Überraschung, mit Fassung, in einem Anfalle von Geistesstörung taten. Ja man redet sogar von künstlerischer Abgeklärtheit, von religiöser Aufgeklärtheit, von der Isoliertheit eines Gebäudes, von der Vertiertheit des Proletariats und sieht mit Gespanntheit den kommenden Ereignissen entgegen. Hier überall gilt es, die Bildung auf ung vor der häßlichen Nebenbildung auf heit zu schützen und das einschlummernde Sprachgefühl wieder zu wecken. Der Strafvollzug, von dem die Juristen immer reden, ist ein Greuel, der doch aus unsrer Sprache wieder hinauszubringen sein müßte; ebenso die innige Hingabe.[158] Wird jemand Anziehung und Anzug oder Abtretung und Abtritt oder Eingebung und Eingabe verwechseln und sagen: er tat das aus göttlicher Eingabe? Das fürchterlichste ist wohl der Bezug. Früher kannte man Bezüge nur an Bettkissen, Stuhlpolstern und Regenschirmen. Jetzt steht Bezug überall für Beziehung, und da nun die, die das Wort so gebrauchen, die Bedeutung der Handlung dabei doch nicht recht fühlen, was haben sie gemacht? Sie haben das herrliche Wort Bezugnahme erfunden. Das kann man doch bequemer haben: was mühselig durch das zusammengesetzte Wort Bezugnahme ausgedrückt werden soll, das liegt ja in dem einfachen Worte Beziehung!