Verwechselte Wörter
Nicht bloß Kindern, auch Erwachsenen, oft sogar recht „gebildeten“ Erwachsenen begegnet es, daß sie ein Wort in falschem Sinne gebrauchen oder zwei Wörter oder Redensarten miteinander verwechseln oder vermengen. Es fehlt ihnen dann an der nötigen Spracherfahrung. Sie haben die Wörter noch nicht oft genug gehört, oder sie haben nicht scharf genug auf den Zusammenhang geachtet, worin ihnen die Wörter vorgekommen sind, und so verbinden sie nun einen falschen Sinn damit. Es gibt Bücher über Shakespeares, Goethes, Schillers Frauengestalten. Darunter hat wohl noch niemand etwas andres verstanden als die Frauen in den Werken der drei Dichter. Vor kurzem ist aber ein Buch erschienen: Lenaus Frauengestalten. Das behandelt „diejenigen (!) Frauen, welche (!) bedeutsam (!) in das Leben und Werden (!) Lenaus eingegriffen haben“. Wenn eine solche Begriffsverwechslung einem Schriftsteller begegnet, dann kann man den Schenkwirten keinen Vorwurf machen, wenn sie neuerdings mit Vorliebe auf die kleinen Preise ihrer Speisekarte aufmerksam machen. Zwischen Preis (praemium) und Preis (pretium) ist ein Unterschied. Große und kleine Preise gibt es bei Preisausschreiben und Preisverteilungen; im Handel aber gibt es nur hohe und niedrige oder billige oder mäßige Preise. Man scheint zu glauben, daß man durch niedrige Preise das Publikum beleidige; Sängerinnen veranstalten schon Konzerte zu volkstümlichen, sogar populären Preisen.[154] In den Zeitungen kann man jeden Tag lesen, daß ein Erkrankter oder ein Verunglückter in das oder jenes Krankenhaus eingeliefert worden sei. Welche Roheit! Ein Verbrecher wird ins Gefängnis eingeliefert, nachdem er verhaftet worden ist, aber doch nicht ein armer Kranker!
Oft verwechselt werden jetzt von Hauptwörtern: Neuheit und Neuigkeit, Wirkung und Wirksamkeit, Folge und Erfolg, von Zeitwörtern: zeigen, zeichnen, bezeichnen und kennzeichnen, verlauten und verlautbaren u. a., von Adverbien: regelmäßig und in der Regel, anscheinend, scheinbar und augenscheinlich, voran und vorwärts, zumal und besonders.
Neuheiten liegen in dem Schaufenster des Modewarenhändlers; in dem des Buchhändlers liegen Neuigkeiten. Bis vor kurzem wenigstens ist dieser Unterschied stets beobachtet und von literarischen Erzeugnissen dasselbe Wort gebraucht worden wie von neuen Nachrichten: Neuigkeit. Es hat einen geistigern Inhalt als Neuheit, und die Schriftsteller sollten es sich verbitten, daß man ihre Erzeugnisse mit demselben Worte bezeichnet wie die des Schneiders.
Von der Wirksamkeit des Saxlehnerschen Bitterwassers zu reden ist ebenso verkehrt, wie zu sagen: diese Maßregel verliert auf die Dauer ihre Wirksamkeit. Der Pfarrer wirkt in seinem Amte, eine Maßregel wirkt vielleicht im Verkehr, und das Bitterwasser wirkt in den Gedärmen; aber nur der Pfarrer hat eine Wirksamkeit, die beiden andern haben eine Wirkung.
Ebenso sinnwidrig ist es von dem Erfolg zu knapper Mittel zu reden, statt von den Folgen, denn ein Erfolg ist etwas positives, erfreuliches, zu knappe Mittel sind etwas negatives, unerfreuliches.
Kennzeichnen ist sehr beliebt geworden, seitdem man es als Ersatz für das Fremdwort charakterisieren gebraucht. Es wird aber oft ganz gedankenlos verwendet. Wenn geschrieben wird: welche Stellung er zur Revolution einnahm, ist schon oben kurz gekennzeichnet worden – durch ihre Aussprüche kennzeichnen sie ihre Zugehörigkeit zur stillen Gemeinde – wir haben das Buch als das gekennzeichnet, was es ist: als eine Tendenzschrift – der ungeheure Verbrauch von Offizieren muß als ein Luxus gekennzeichnet werden – der Hauptraum, der als Halle oder Kapelle gekennzeichnet werden kann – die ganze Kläglichkeit der heutigen Handwerkspolitik hat Stieda trefflich gekennzeichnet – so liegt auf der Hand, daß in den ersten drei Sätzen zeigen (andeuten, verraten, nachweisen), in den zwei nächsten bezeichnen, in dem letzten einfach zeichnen (schildern) gemeint ist.
Verlauten ist ein intransitives Zeitwort und bedeutet: laut werden. Es verlautet etwas – heißt: man erzählt es, man spricht davon. Verlautbaren dagegen (ein entsetzliches Kanzleiwort!) ist transitiv und bedeutet: laut aussprechen, bekanntmachen. Ganz verkehrt ist es also, zu sagen: es verlautbart etwas.[155]
Sehr gern verwechselt werden auch erhalten und empfangen: er empfing die Nachricht, daß sein Freund bankrott sei – wenige Stunden später empfing Delbrück abermals ein Telegramm Bismarcks. Wenn man Besuch erhält, so kann man ihn natürlich auch empfangen, entweder freundlich oder höflich oder feierlich; aber Nachrichten, Briefe, Telegramme, Geld usw. erhält man, wenn es auch üblich ist, hinterher den richtigen Empfang anzuzeigen.
Falsch ist es auch, aber trotzdem sehr beliebt, reflexive Zeitwörter, wie: sich erheben, sich anschließen, ihres rückbezüglichen Fürworts zu berauben, sie als Intransitiva zu behandeln und zu schreiben: ein Festaktus in der Aula mit anschließendem Rundgange durch das Gebäude – die Versammlung bezeugte ihre Teilnahme durch Erheben von den Plätzen. Man erhebt sich, oder einfach: man – steht auf!
Regelmäßig ist dasselbe wie immer; in der Regel aber ist nicht dasselbe wie immer. Wer regelmäßig früh um fünf Uhr aufsteht, leistet mehr, als wer es bloß in der Regel tut. Die Regel leidet eine Ausnahme, die Regelmäßigkeit leidet keine.
Wenn eine Zeitung schreibt: die Herren verlebten einen scheinbar ganz köstlichen Abend – so ist das etwas ganz andres, als was der Zeitungschreiber sagen will. Mit scheinbar wird ein Anschein gleich für falsch erklärt, mit augenscheinlich wird er gleich für richtig erklärt, mit anscheinend wird gar kein Urteil ausgesprochen. Er verzichtet scheinbar auf einen Gewinn – heißt: in Wahrheit ist er ganz gierig darnach; er verzichtet anscheinend – heißt: es kann sein, daß er verzichtet, es kann auch nicht sein; er verzichtet augenscheinlich – heißt: er verzichtet offenbar.
Voran bezeichnet einen Platz, und zwar den ersten Platz, die Spitze, vorwärts dagegen eine Richtung. Es ist also Gedankenlosigkeit oder Ziererei, wenn jemand schreibt: Max Müller hat die Forschung in der Sprachwissenschaft in keinem Punkte voran gebracht. Gemeint ist: vorwärtsgebracht oder gefördert.
Durch zumal erfährt eine Behauptung eine in der Sache selbst liegende, also selbstverständliche Steigerung z. B.: die Urkunden sind schwer lesbar, zumal im siebzehnten Jahrhundert (wo man überhaupt schlecht schrieb – ist der Sinn) – du solltest dich doch sehr in acht nehmen, zumal im Winter. Ganz unangebracht ist es dagegen in folgendem Satze: als ich die Quellen zur Geschichte des Bistums durcharbeitete, stieß ich, zumal in zwei Handschriften des fünfzehnten Jahrhunderts, auf zahlreiche Aktenstücke. Hier kann es nur besonders oder namentlich heißen.
Keine Verwechslung, sondern bloße Ziererei ist es, für erstens zu schreiben einmal: ich muß das aus verschiednen Gründen ablehnen, einmal weil, sodann weil usw. Wer darauf aufmerksam gemacht worden ist, unterläßt das; es ist wirklich eine Abgeschmacktheit.
Nicht verwechselt, aber vermengt werden neuerdings fortwährend die beiden Redensarten einig sein und sich klar sein. Einig sein über etwas können immer nur mehrere; sich klar sein kann auch ein einzelner. Ganz sinnlos aber ist das aus beiden zusammengeknetete sich einig sein, das man jetzt täglich lesen muß: Protestanten und Katholiken sind sich in diesem Punkte einig – darin waren sich zwei Männer von so verschiedner Art wie Freytag und Treitschke einig – die Völker andrer Zonen sind sich darüber einig – die Ärzte sind sich schon lange darüber einig – in dieser Wahlparole sind sich heute alle völlig einig – die Reichsregierung ist sich über die Höhe der Forderungen noch nicht einig – es handelt sich um Maßnahmen, über die wohl die überwiegende Mehrheit sich einig ist – vor kurzem noch war man sich in Kunstgelehrtenkreisen darüber einig – offenbar ist man sich über gewisse Personenfragen noch nicht einig – in der Forderung einer amtlichen, unanfechtbaren Darstellung des Falles wird man sich wohl überall einig sein. Wenige Sprachdummheiten haben sich in den letzten Jahren so seuchenartig verbreitet wie dieses sich einig sein. Fort wieder mit dem törichten sich![156]