Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte?
Die meisten reden von Fremdwörtern, manche aber auch von Fremdworten. Was ist richtig? Die Pluralendung er, die namentlich bei Wörtern sächlichen Geschlechts vorkommt (Gräber, Kälber, Kräuter, Lämmer, Rinder, Täler), aber auch bei Maskulinen (Männer, Leiber, Geister, Wälder, Würmer, Reichtümer), im Althochdeutschen ir (daher der Umlaut), ist im Laufe der Zeit auf eine große Masse von Wörtern namentlich sächlichen Geschlechts ausgedehnt worden, die sie früher nicht hatten. Um 1500 hieß es noch: die Amt, die Kleid, die Pfand, die Land, die Dach, die Fach, die Gemach, die Rad, die Schloß, die Schwert, die Faß, die Bret, daneben: die Amte, die Rade, die Schwerte, die Fasse, und endlich kam auf: die Ämter, die Räder usw. Bei manchen Wörtern hat sich nun neben der jüngern Pluralform auf er auch noch die ältere erhalten. Dann erscheint aber die ältere Form jetzt als die edlere, vornehmere und ist auf die Ausdrucksweise des Dichters oder des Redners beschränkt.[14] Man denke an Denkmale und Denkmäler, Gewande und Gewänder, Lande und Länder, Tale und Täler (Es geht durch alle Lande ein Engel still umher – Die Tale dampfen, die Höhen glühn u. ähnl.). Bei andern Wörtern hat sich zwischen der ältern und der jüngern Form ein Bedeutungsunterschied gebildet. So unterscheidet man Bande (des Bluts, der Verwandtschaft, der Freundschaft) und Bänder, Bande sind gleichsam ein ganzes Netz von Fesseln, Bänder sind einzelne Stücke. Auch Gesichte und Gesichter, Lichte und Lichter sind dem Sinne nach zu unterscheiden. Gesichte sind Erscheinungen (im Faust: die Fülle der Gesichte). Lichte sind Kerzen (Wachslichte, Stearinlichte), Lichter sind Flammen (durch das Fenster strahlen unzählige Lichter, Sonne, Mond und Sterne sind die Himmelslichter). Auf dem Altar stehen immer große Kirchenlichte, auf der Kanzel aber nicht immer große Kirchenlichter. Bisweilen kommt auch noch ein Geschlechtsunterschied dazu: Schilde (der Schild) gehören zur Rüstung; Schilder (das Schild) sind an den Kaufmannsläden. Neben den Banden und den Bändern stehen noch die Bände (der Roman hat drei Bände). So kam auch neben der Mehrzahl die Wort oder die Worte im sechzehnten Jahrhundert die Form auf er auf: die Wörter. In der Bedeutung wurde anfangs kein Unterschied gemacht. Im achtzehnten Jahrhundert aber begann man unter Wörtern bloße Teile der Sprache (vocabula), unter Worten Teile der zusammenhängenden Rede zu verstehen. Man sprach also nun von Hauptwörtern, Zeitwörtern, Fürwörtern, Wörterbüchern, dagegen von Dichterworten, Textworten, Vorworten (Vorreden), schöne Worte machen usw. Und an diesem Unterschied wird auch seitdem fast allgemein festgehalten. Worte haben Sinn und Zusammenhang, Wörter sind zusammenhanglos aufgereiht. Wenn es also auch nicht gerade falsch ist, von Fremdworten oder Schlagworten zu reden, so ist doch die Mehrzahl Fremdwörter vorzuziehen. Dagegen wird niemand sagen: der Wörter sind genug gewechselt.
In der Sprache des niedrigen Volkes ist nun eine starke Neigung vorhanden, die Pluralendung auf er immer weiter auszudehnen. Es ist das aber ein durchaus plebejischer Sprachzug. Nur das niedrige Volk redet in Leipzig von Gewölbern und Geschäftern, der Gebildete von Gewölben und Geschäften. Nur das niedrige Volk bildet Plurale wie Zelter, Gewinner, Mäßer, Sträußer, Butterbröter, Kartoffelklößer. Nur die „Ausschnitter“ preisen ihre Rester an, nur die Telephonarbeiter kommen, um „die Elementer nachzusehen“.[15] Und wie gemein erscheinen die Dinger, mit denen sich das Volk überall da hilft, wo es zu unwissend oder zu faul ist, einen Gegenstand mit seinem Namen zu nennen![16] So kommt es, daß die Endung er in der guten Schriftsprache bisweilen selbst da wieder aufgegeben worden ist, wo sie früher eine Zeit lang ausschließlich im Gebrauch war, wie bei Scheit; die Mehrzahl heißt jetzt Scheite, früher hieß sie Scheiter (vgl. Scheiterhaufe und scheitern). Auch bei Ort ist eine rückläufige Bewegung zu beobachten: während früher die Mehrzahl Örter ganz gebräuchlich war, ist sie in neuerer Zeit fast ganz verschwunden; man spricht fast nur noch von Orten. Dagegen hat leider der plebejische Plural Gehälter (Lehrergehälter, Beamtengehälter) gleichzeitig mit dem häßlichen Neutrum das Gehalt von Norddeutschland aus selbst in den Kreisen der Gebildeten große Fortschritte gemacht. Auch in Leipzig, wo Freytag noch 1854 in seinen Journalisten richtig der Gehalt und die Gehalte geschrieben hat, halten es schon viele für fein, das Gehalt und die Gehälter zu sagen. Nun verteilen sich ja die Hauptwörter, die aus Zeitwortstämmen mit dem Präfix Ge- gebildet sind, auf alle drei Geschlechter. Männlich sind: Geruch, Geschmack, Gedanke; weiblich: Geburt, Geduld; sächlich: Gehör, Gesicht, Gewehr, Gewicht. Man mag auch die Unterscheidung von: der Gehalt (Gedankengehalt, Silbergehalt des Erzes) und das Gehalt (Besoldung) in Norddeutschland als willkommne Bereicherung der Sprache empfinden (vgl. der Verdienst und das Verdienst, wo freilich der Bedeutungsunterschied gerade umgekehrt ist).[17] In Mitteldeutschland klingt aber vorläufig vielen Gebildeten das Gehalt noch gemein, und die Gehälter stehen für unser Ohr und unser Gefühl durchaus auf einer Stufe mit den Gewölbern, den Geschäftern und den Geschmäckern.[18] Weshalb sollen wir uns also so etwas aufnötigen lassen?