Das s der Mehrzahl

Von zwei verschiednen Seiten her ist eine Pluralbildung auf s in unsre Sprache eingedrungen. Wenn wir von Genies, Pendants, Etuis, Portemonnaies, Korsetts, Beefsteaks und Meetings reden, so ist das s natürlich das französische und englische Plural-s, das diesen Wörtern zukommt. Aber man redet auch von Jungens und Mädels, Herrens und Fräuleins, Kerls und Schlingels, Hochs und Krachs, Bestecks, Fracks, Schmucks, Parks und Blocks (Baublocks), Echos und Villas (statt Villen), Vergißmeinnichts und Stelldicheins, Polkas, Galopps, Tingeltangels und Trupps (Studententrupps), Uhus und Känguruhs, Wenns und Abers, U’s und T’s, Holbeins und Lenbachs (zwei neue Lenbachs, ein paar echte Holbeins), von den Fuggers und den Schlegels, und einzelne Universitätslehrer kündigen gar schon am schwarzen Brett ihre Kollegs an! Alle diese Formen sind unfein. In Süddeutschland bezeichnet man sie als pluralis Borussicus. Ihr Plural-s stammt aus der niederdeutschen Mundart[19]; nur dieser gehören ursprünglich die Jungens und die Mädels an. Aus Verlegenheit ist dieses s dann auch im Hochdeutschen an Fremdwörter, an unechte Substantiva und schließlich auch an echte deutsche Substantiva gehängt worden.

Beschämend für uns Deutsche, die wir uns so gern etwas auf unsre Kenntnisse zugute tun, sind Formen wie Solis, Mottis, Kollis und Portis, denn da ist das falsche deutsche Plural-s an die richtige italienische Pluralendung gehängt! Die Einzahl heißt ja Solo, Motto, Kollo und Porto. Freilich wird auch schon in der Einzahl das Kolli gesagt, und nicht bloß von Markthelfern und Laufburschen!