Den 20. Januar 1919.

Die Eindrücke der Silvesternacht vergitterten mir lange die Außenwelt. Ich verstrickte mich in die Wundergärten der Vergangenheit. Ich tauchte unter in die vereisten Wasser meiner Erinnerungen und griff nach gefrorenen Blüten, die unter meinen warmen Händen auftauten und Offenbarungen dufteten. Ich überflog die Höhen der Vergessenheit und nahm in Beglückung neuen Besitz von den Wundern und Mären der Fremde.

Es war schwer, die Treppen so verzauberter Gänge wieder hinanzufinden. Aber die Gegenwart pochte immer lauter und aufrüttelnder an diese Stollen der Entrücktheit. Als ich endlich in harten Mühen den Ausgang fand und den Januar dieses Jahres wieder erreicht hatte, erstickte ich fast in dem Gefängnis, darin der Krieg uns nun fast ein halbes Jahrzehnt lang eingesperrt hielt.

Tausend Schiffe waren seither zu Inseln gezogen, wo Freude glänzt. Tausend Züge waren hingeleitet in Städte, die nichts kannten von dem Leid, das auf uns gefallen. Tausende Menschen waren besonnte Pfade gegangen, und wir durch schwarzes, entwirrloses Gestrüpp. Tausende Menschen hatten schimmernde Früchte gebrochen, und wir die Hände nach einem Stück trockenen Brotes durch Kerkerstäbe gereckt. Tausende Menschen hatten die süßen Abenteuer des Lebens an sich gepreßt, und wir die unerhörten Nöte des Todes ...!

Durfte ich der Jugend zürnen, ihr, der kein »Einst« verschüttet, kein Vergleichen gegeben war, daß sie selbst solcher Zeit Lust abzwang? Daß sie nicht länger vor der verhangenen Schaubude des Lebens harren wollte? Den Eintritt sich ertrotzte? Die Hüter der Pforte überrannte?

Die Zeitungen schrien die »Not des Tages« in jeden Morgen, jeden Abend. Sie malten die Schauer der Todespein im Osten und warben flehend zu freiwilligem Grenzdienst. Von Finanzwissenden verbreitete Artikel besprachen das Für und Wider des Staatsbankerotts und schufen Panik. Blutrote Geschichten von Vergehen und Bolschewistengreueln färbten lange Spalten der Tagesblätter. Die Seuche der Streiks – meldeten sie – breitete sich wie eine bösartige Flechte über das ganze große Land. Bilder malten so weiter: Gehärtete Proletarierfäuste streckten sich drohend hoch. Das Rund eines Riesenmunds brüllte den Landsleuten: »Arbeiten und nicht verzweifeln!« zu. Parteien verlangten – eine andere höhnend – mehr Mitglieder. Die antworteten mit Lästerungen ...

Dazwischen aber tanzen und lächeln zierlich gezeichnete Pierretten und Harlekins. In allen Stadtteilen aufwachsende Maskengeschäfte rufen ihre Wohnungen aus. Daneben ergeht auf langen Reihen der immer wiederholte Schrei nach Maskenkleidern, bei Sonderwünschen mit der Versicherung, daß der Preis Nebensache bliebe. Diese Zeitungsspalten wachsen vom Morgen zum Abend, dehnen sich vom Abend zum Morgen länger aus, bis die seltensten Lebensmittel zum Tausche für jeden Maskengegenstand geboten werden. Die hungernde, frierende Stadt fiebert der Nacht und ihren Karnevalsfreuden entgegen.

Ihre nüchternen Nordlandsstraßen, tagsüber von Menschen mit grauen, verzehrten Gesichtern begangen, tragen in kalter Frühe südlichen Putz: papierne Schlangen, zitronengelb und gewunden über naßschwarzen Steinen, pfaublaue Kringel, in die lehmigen Wasser der Gasse gekrümmt, in allen Pfützen flammrot kreiselnde Wunden, grasgrüne Bänder um Telegraphendrähte geklammert. Und von den Simsen hebt der Wind weiße Vögel flatternd zur Höhe.

Sie alle schimmern ein eintägiges Leben lang. Die Straße aber erwacht in nächster Morgenfrühe mit dem Schmuck ähnlicher Formen in immer wechselndem Farbenrausch.

War es der Ruf nach den verlorenen Fernen der Freuden und der Frühlinge, der mich führte? Der bleiche Gedanke, meine Söhne mir enger zu verbinden, wenn ihre Feste die meinen würden? Eines Spätabends schritt auch ich neben Ludwig und Henno über die feuchten Straßen der entlegenen Vorstadt zu einem jener großen Bälle, die Maske und Gesellschaftsanzug gestatteten.

Die vielen Räume des Hauses dienten dem Tage mit sachlicher Nüchternheit. Die Abende aber schufen aus ihnen verwunschene Säle, in denen die Menschen aus ihrer Zerstreuung in die Welt sich heimfanden zu träumerischem Wahn des Vereintseins: braunfarbene Bajaderen mit schmächtigen Armen und langgezopfte Chinesen in schilfgrünem Atlasgewand, neapolitanische Bettelknaben und derbknochige Kriegsgewinnlerfrauen in überputztem Ballkleid und allzu kühnem Halsausschnitt, langbeinige Matrosen neben steilen, hohen Mädchen von unsagbarer Herkunft, behäutete Lappländer und weißumwallte Beduinen, Schauspielerinnen in köstlichen Schleierwindungen, wandelnde Blumen und Kammerzofen in sehr geschmackarmer Verkleidung, rätseläugige Pierretten, mondblasse Hanswürste und irrende Ritter durch diese Welt ...

Geigenbögen sprangen jauchzend über die Saiten. Flöten griffen ein paar trunkene Takte auf und schütteten sie wild über die Massen aus. Regenbogene Papierschlangen zuckten über die Köpfe hin und bebänderten feierliche Fracks und ernste Mönchskutten, und ein grün-gelb-rot-blauer Schneefall verhängte dies bizarre Bild zuweilen bis zur Unsichtbarkeit.

Es war nicht mühelos, sich hier zu finden. Doch hatte sich bald ein kleiner Kreis um uns geschlossen. Aus braundunkel verhängter Nische blieben wir nunmehr wechselnd Zuschauer und Mitwirkende des draußen vorübertosenden Spiels.

Ringsum, an allen Wänden, erhielten die Tische, einzeln und in Gruppen, die bunte Zier tanzmüder Gäste, und aus dem Mischmasch der Völker und der Erscheinungen hoben sich die Gestalten und die Begierden der Einzelwesen. Das Profil eines vertrauten Gesichts flog vorüber ... ging unter, Blicke brannten auf, verschwelten ...

In blutrote Seiden gewickelt, kurzgeschürzt, Hals und Nacken bis zur letzten Möglichkeit der Umhüllung befreit, wiegte sich, schob, raste Lilli von Groddeck, bald dahinschmachtend, bald bacchantisch durch die Räume. Der rote Mohn in ihren Haaren flammte der Schar derer den Weg, die sie zu neuem Tanze werben wollten. Wie junge und alte Männer sie mit den Blicken besaßen, wie ihre Tanzgenossen sie hielten und faßten, wie Ludwig, den Kopf zu ihrem Busen gebeugt, mit ihr flüsterte und zynisch lächelte, kam mir ganz ungefähr ihre Stimme der Novembertage ins Ohr, jene freche Stimme, die sie der »süßen Yvette« gegeben hatte. Und sehr kleinbürgerlich beruhigt, gewahrte ich eine ihrer braven Tanten, die ihr die Eltern auf dem Balle ersetzen sollte.

Zu vorgerückter Stunde saß auf einmal, irgendwo hergeweht, Gert Driesen zwischen uns mit seinem frühalten Gesicht und dem Fremdsein aller jungen Lust. Ich sah eine seltsame Beziehung zwischen seiner Art und der Annemarie Grünhagens, die auch seit Stunden an unserem Tisch war mit ihrem abgedämpften Jungsein. Aber aus den feuchten Tiefen ihrer Augen schoß in Zwischenräumen ein Glitzern auf und sagte von verschwiegenen Strömungen. Und wie ich der Richtung ihrer wandernden Pupillen nachfolgte, schatteten die Gesichter Kurt-Georgs und ihrer Mutter vorüber.

Jähe Angst bäumte sich in mir auf, vor der Abweisung, die Annemaries Gesicht zerstörte. Ich schob mich langsam durch die Tanzenden und bat Tante und Neffe, uns ihre Gesellschaft zu schenken. Allzulange schon wäre sie uns Verlust gewesen.

Aber Annemaries Blicke hingen voll unaussprechlichen Glanzes über dem wilden Gebrause der Ballsäle und schienen dessen nicht zu achten, daß die Augen Kurt-Georgs ihrer Mutter von Dingen sprachen, die seltsam fremd und traurig gegen das Tanzbild in seinem Rücken standen. Es kam ein Chinese, mit schmerzlich verzogenen Brauen unter spitzem Hut, und küßte, sich neigend, Frau Grünhagens Fußspitze. Sie lehnte es ab, ihm einen Tanz zu gewähren. Ein Ritter trat vor und setzte spielerisch seinen Degen auf Kurt-Georgs Brust. Fahrende Sänger hockten in unserer Nische nieder, mit Mandolinengeklimper und Sehnsuchtssang. Derbe Worte fielen wie erregende Wurfgeschosse vor uns hin. Laute voll schwerer Süße rauschten auf und davon. Und alle lobpriesen die Schönheit der Frau und hatten des jungen Mädchens nicht acht. Da mahnte Frau Grünhagen mit peinlich zugekniffenen Lippen zum Gehen, aber Annemarie, immer dies absonderliche Glitzern im Auge, bestimmte zu bleiben.

Gert Driesen hatte sich bislang manches Wort erdacht, das eine Antwort Annemaries wollte. Nun endlich kehrte sie sich ihm nach langem Schweigen zu und sagte und fragte schnelle Dinge. Ein Verhaltenes, Unerklärbares war über ihren Zügen. Ihre dürftige Gestalt neigte sich bisweilen vor und zurück. Da stand plötzlich, rot und lockend, alle überblühend, Lilli von Groddeck bei uns und nahm Annemarie das letzte Wort von den Lippen. Sie drehte sich, streckte die schimmernden Arme irgendeiner zu erwartenden Lust hin. Und ihre Augen zogen langsam saugend die Augen der anderen an sich, mit unbeirrbarer Gewalt. Dann fiel unsagbares Geglänz aus ihren Blicken, haftete bei dem aufwärts schauenden Gert und hob ihn wie an hellblauen Seilen von seinem Sitze hoch.

Sie tanzten, als seien ihre Leiber willenlos verkrampft. Sie tanzten und ruhten anderswo, weit von uns, aus, bis sie von neuem durch den Saal taumelten.

Annemaries Gesicht sah klein und verfroren über uns hinweg, und plötzlich stand sie steil bei ihrer Mutter und sagte: »Komm bitte jetzt!« Und zu Kurt-Georg: »Du nicht!«

Die wehe Melodie ihrer Stimme blieb mir lange im Ohre hängen und überschrie die Lautheit der Festfanfaren. Ich nahm Kurt-Georgs Arm und wir schweiften ziellos durch die Räume. Da sah ich, wie die vorschreitende Stunde die Gesellschaft gewandelt hatte. Viele, die Stillen, blieben unauffindbar, andere, mit grotesken Pappmasken und dicken Tierköpfen – wie auf einer elenden Jahrmarktsschau – mit frechem Gelach und Gejohle, waren von irgendwoher in die Gesellschaft geraten. An vielen Tischen flogen Karten, Kugeln, Spielmarken und Tausendmarkscheine. Frauen mit geschminkten Gesichtern, in unziemlicher Haltung, griffen mit flinken Gierfingern nach den abgegriffenen Papieren. Weintrunkene Männer ließen sie ihnen, vermerkten Forderungen oder faßten mit lüsternen Händen den Gegenstand ihres Kaufes.

In einem Nebenraum war eine Schönheitskonkurrenz ausgerufen. Die Eigentümerin der betörendsten Schultern wurde soeben durch zwei Männer von ihrem erhöhten Postament herabgetragen. Zotige Vorschläge für eine neue Preisbewerbung züchtigten unser Ohr. Sie wurden verlacht und durch ungebührlichere überboten. Wir flohen.

In den Tanz- und Spielräumen rasten immer weiter die Begierden des Blutes und der Habgier. Tänze, Blicke und Gebärden hatten sich jeder Scheu entfesselt.

Ludwig stand neben uns und berichtete, daß Henno lange gegangen sei. Er hätte nur meiner gewartet. Seine Augen starrten voll Verwunderung, als ich ihn mit Kurt-Georg zu bleiben bat.

Dann saß ich an einer Tischecke, hatte das vereiste Gesicht Annemaries, hatte Zeit, Müdheit und Ekel vergessen und war nur noch Auge und zitterndes, eilendes Hirn, während mein Zeichenstift Papier um Papier mit raschen Strichen und Figuren bedeckte.