Den 29. Januar 1919.

Immer, wenn ich jetzt das kleine Giebelfenster erblicke, steigt Widerwille in mir an und ein beklommenes Erschauern vor diesem fremden Fühlen, das mich erschreckt. Immer neu wächst das erhellte Bild über den dunkeln Massen der Gärten in mein Erinnern, so wie ich es vor zwei Tagen sah: Ludwig, die Hände um einen Mädchenkopf gekrampft, den Rücken gegen das graue Kreuz des Fensters gedrückt, und den enteilenden Schatten des Mädchens, das unerkennbar bleibt.

Und dann das Wissen um ihren Namen: Ellinor, die zarte Ellinor, das schöne Kleinod meiner Freundin aus Jugendfernen. Wie ich die Haustür auftat, lief sie mir durch die Eingangshalle entgegen. Im kleinen verbleichten Gesicht brannten die Mundränder röter als lodernder Mohn. Darunter, in zwei tiefen Eindrücken, die die Form zwei vorstehender Vorderzähne Ludwigs purpurn abmalten, hing je ein Tropfen Blut.

Die beiden Tropfen verdunkelten mir den Tag und fielen als schwarze Tränen in meinen nächtigen Traum, daß ich aufschreckte mit dem Ahnen eines verhängten Wehs und plötzlich wieder wußte: Mein Sohn Ludwig, dessen junges Blut sich alle Nächte an zügellosen Festen und Frauen entbrannte, hatte den Kindermund eines Gastes entheiligt. Hatte die Sinne einer werdenden Frau vorzeitig bedrängt, eines halbwüchsigen Mädchens, die aus frühesten Tagen wie eine kleine Schwester neben ihm gegangen war, deren Mutter der seinen durch Jahrzehnte Freundin gewesen. Wie hatte solches geschehen dürfen? Mein Gehirn zerdachte die gelebten Jahre, Monate, Tage und kam zu den süßen, wehmütigen Abenden vom letzten Dezember. Da sah ich Ellinors beflorte Augen wieder und ihren verstummten Mund, fühlte, wie sie ihren schmalen Körper an meine Knie legte, und wollte eine entschuldigende Ursache für Ludwigs Tun finden.

Doch nicht lange glückte es mir. Gab die wunderbare Neigung eines kleinen, unerweckten Mädchens ihm das Recht zu tändelndem Mißbrauch? Durfte er dieses Gefühl zu einem Zwischenspiel seiner nächtlichen Abenteuer niederziehen? Im Hause seiner Mutter das Gastrecht entwürdigen?

Ich rief den Morgen herbei und zerlegte Frage und Anklage, mit denen ich ihn richten wollte. Aber der junge Tag begann bereits zu altern und Ludwig war immer noch nicht heimgekehrt. Die Blicke Ellinors wehklagten mir aus allen Stuben, allen Winkeln des Hauses entgegen. Nirgends ließen sie mich allein, meine Unrast wuchs riesenhaft auf.

Ich dachte an einen Besuch bei Sabine, mochte Ludwig jedoch nicht verfehlen. Ich harrte seiner in Haus und Garten und an den schneeigen Gittern zur Straße. Es schob, es riß mich hierhin, dorther. Dann kam mir der nahe Gedanke zu telephonieren. »Es ginge der gnädigen Frau und Fräulein Ellinor gut. Sie seien in der Stadt und wollten später zu Frau Bergmann hinaus,« berichtete das Mädchen am Hörrohr.

Meiner großen Angst ein wenig entbürdet, wanderte ich die weißen Vorortstraßen hinab. Durch frostklirrende Luft, über winterstarre Wege, an blänkernden Eisflächen vorüber. Und stand an einer Wegwinkelung vor Ludwig, Henno, Lilli und Leonhard Kauffmann, die mit luftgeröteten Wangen und lachenden Augen dem glitzernden Nordlandstag huldigten.

Das Haus füllte sich bald mit ihrer jungen Daseinsfreude. Zimmer und Gänge schimmerten ihr Frohsein wider und hallten von den tanzenden Melodien der letzten Ballnacht.

Ich zog mich nach gemeinsam genommenem Tee in mein Zimmer zurück und ruhte gedankenmatt von den schlaflosen Nachtstunden und dem Hin und Her meiner entschwirrenden und zurückkehrenden Bangigkeiten aus ... Wie lange? ...

Der helle Schneetag fiel sterbend in die dunkle Abendgruft, als mir von irgendwo schmerzvolles Wachsein und die wunden Male unter Ellinors Kindermund nahten. Ich besann mich und horchte. Das Haus lag schweigsam in seiner Dämmergrauheit. War Ludwig noch einmal gegangen, mir entwichen, ohne mein Suchen zu ahnen?

Ich ging durch die verstummten Räume zu seiner Stube hin. Ich klinkte die Tür auf. Vor mir, tief in seinen Lehnstuhl gesunken, saß Ludwig, Lilli von Groddeck auf den Knien. Sie küßten sich, als wollten ihre vereinten Münder das Siegel irdischer Glückseligkeit brechen. Sie küßten sich, als stünde der Tod hinter ihnen und ließe ihnen nur diese eine Frist, um alle Meere der Wollust auszutrinken. Und fühlten nicht den Luftzug der geöffneten Tür. Und spürten nicht meine großen Blicke. Und hörten nicht das Treten neuer sachter Schritte. Und sahen nicht das kleine, weiße Mädchen, das die Augen mit schneller Gebärde zudeckte, deren Gestalt sich zusammenbog ...

Und wußten vielleicht nicht einmal den Hilferuf in Ellinors Stimme, welche sagte:

»Tante Henny, Mama wartet in deinem ...«