Eine Fabel.

Vor etwa achtzig, neunzig Jahren,

Vielleicht sind's hundert oder mehr,

Als alle Thiere hin und her

Noch hochgelahrt und aufgekläret waren,

Wie jetzt die Menschen ohngefähr;

– Sie schrieben und lectür-ten sehr,

Die Widder waren die Scribenten,

Die andern: Leser und Studenten,

Und Censor war: der Brummelbär –

Da kam man supplicando ein:

»Es sei unschicklich und sei klein,

Um seine Worte und Gedanken

Erst mit dem Brummelbär zu zanken,

Gedanken müßten zollfrei sein!«

Der Löwe sperrt den Bären ein,

Und that den Spruch: »Die edle Schreiberei

Sei künftig völlig frank und frei!«

Der schöne Spruch war kaum gesprochen,

So war auch Deich und Damm gebrochen.

Die klügern Widder schwiegen still,

Laut aber wurden Frosch und Crocodil,

Seekälber, Scorpionen, Füchse,

Kreuzspinnen, Paviane, Lüchse,

Kauz, Natter, Fledermaus und Staar,

Und Esel mit dem langen Ohr etc. etc.

Die schrieben alle nun und lieferten Tractate;

Vom Zipperlein und von dem Staate,

Vom Luftballon und vom Altar,

Und wußten's alles auf ein Haar,

Bewiesen's alles sonnenklar,

Und rührten durcheinander gar,

Daß es ein Brei und Gräuel war.

Der Löwe gieng mit sich zu Rathe

Und schüttelte den Kopf und sprach:

»Die besseren Gedanken kommen nach:

Ich rechnete, aus angestammtem Triebe,

Auf Edelsinn und Wahrheitliebe –

Sie waren es nicht werth, die Sudler, klein und groß,

Macht doch den Bären wieder los

Matthias Claudius.