Krieg und Moral.
Was nicht parierte, wurde beseitigt. Der von August von Kotzebue und Garlieb Merkel 1804 begründete »Freimüthige«, der bis zuletzt seinem Namen Ehre zu machen wagte, stellte unmittelbar vor der Ankunft der Franzosen sein Erscheinen ein. Erst im Januar 1808 wurde er fortgesetzt, aber schon im Februar stand sein jetziger Herausgeber August Kuhn unter Polizeiaufsicht, und im März traf ihn wegen eines Artikels »Nemesis« ein neues Verbot. Von April 1808 ab durfte er wieder erscheinen und bewahrte auch jetzt noch in allem, was den preußischen Staat betraf, eine tapfere patriotische Haltung.
Ein anderes Unterhaltungsblatt, der von Professor Theodor Heinsius herausgegebene »Preußische Hausfreund«, verschwand am 5. Februar 1807 plötzlich von der Bildfläche und durfte sich erst nach dem Abzug der Franzosen wieder hervortrauen. Am 6. Februar 1807 wurde außerdem der Herausgeber Heinsius aus dem Bette heraus verhaftet und vierzehn Tage lang auf die Hausvogtei gesetzt. General Clarke soll in einer Schrift über Moral, die Heinsius herausgeben wollte, »aufregende Tendenzen« entdeckt und dem Verfasser erklärt haben: »Ach was Moral, was soll die im Kriege?« Jedenfalls handelte es sich um einen Aufsatz für den »Hausfreund«, wie auch Gubitz berichtet. Clarke verbot die Fortsetzung, warnte Heinsius vor Aussprüchen, die den französischen Behörden unangenehm seien, und ließ ihn auch nach seiner Freilassung durch die Polizei überwachen.
Eines aber darf man der französischen Gewaltherrschaft nachrühmen: um unpolitische Dinge kümmerte sie sich nicht. Auch waren die Franzosen für Witz und Satire viel leichter zugänglich als die meist grämliche preußische Behörde. Der Kommandant Hulin, der ebenso wie General Clarke auf alle Drucksachen ein scharfes Auge hatte, ließ eine boshafte Karikatur auf den Herausgeber des franzosendienerischen »Telegraphen« unbeanstandet; als sie eine zweite Auflage erlebte, forderte er zwar dem Künstler die Platten ab, gab sie aber nach drei Wochen ohne weitere Vorschriften zurück.
Bezeichnend ist auch, daß unter dem französischen Regiment in Berlin das erste dortige Leseinstitut errichtet wurde, wo 200–300 Zeitungen offenlagen. Da konnte sich auch der mißtrauischste Berliner überzeugen, daß fast die gesamte deutsche Presse sich glücklich schätzte, unter den glorreichen Feldzeichen Napoleons für die Freiheit der Nationen und den Sieg der »Kultur« über die »Barbarei« zu fechten.