»Rad und Wagenschmiere.«
Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewaltherrschaft der unmittelbar von Hardenberg beeinflußten Zensur bei Behandlung der Theaterkritik. An der Spitze des Berliner Hoftheaters stand noch immer Iffland, gegen dessen ganze Richtung die Romantiker und Patrioten aus ästhetischen und Standesrücksichten Front machten. Kleist war obendrein gegen Iffland persönlich gereizt, da er nicht einmal sein »Käthchen von Heilbronn« aufführte; strenge Objektivität von einem Dichter in solcher Lage zu verlangen, ist eine übermenschliche Forderung. Gegen Iffland führten also die »Abendblätter« einen lustigen Kleinkrieg mit Ernst und Satire. In dem Punkte sind alle Theaterdirektoren empfindlich und ebensowenig objektiv. Zufällig kam es am 26. November 1810 bei der zweiten Aufführung von Weigls »Schweizerfamilie« zu einem solennen Theaterskandal; die Darstellerin der Hauptrolle paßte einer Klique von Offizieren nicht. Auch Kleist hatte sich in diesem Sinne ausgesprochen, was sein gutes Recht war. Die Vorstellung wurde durch laute Mißfallensäußerungen unterbrochen. Iffland beschwerte sich, drohte mit Abdankung; eine Untersuchung des Vorfalls hatte den Erfolg, daß etliche der militärischen Kunstenthusiasten aus der Stadt verwiesen wurden – gewiß ein warnendes Exempel, denn die Herren wohnten in Charlottenburg! Die »Abendblätter« aber waren wieder das »Karnickel«. Ob Iffland, der sich bei seinem früheren persönlichen Konflikt mit Kleist wegen des »Käthchens von Heilbronn« tadellos gegen den Dichter benommen hat, zu der Maßregelung der »Abendblätter« selbst den Anstoß gab, ist nicht erwiesen, liegt aber nahe und wäre menschlich verständlich, hatte er doch schon 1803 das Verbot aller Theaterkritiken gefordert, dem sich der Zensor Renfner mit Recht widersetzte. Nicht verständlich aber ist, daß die Zensurbehörde 1810 seiner Empörung nicht den nötigen Dämpfer aufsetzte, sondern im Gegenteil seine Sache zur ihren machte und unmittelbar darauf, Anfang Dezember, der Zeitung Kleists und – des bessern Aussehens wegen – auch dem ganz ungefährlichen Unterhaltungsblatt »Der Freimüthige« die weitere Führung der Berliner Theaterkritik ein für allemal untersagte! Unter Hardenbergs Regime duldete man es also nicht, daß ein Journalist und Dichter wie Kleist über die Führung des Königlichen Hoftheaters eine andere Meinung hatte als der amtierende Theaterdirektor selbst! Arnim hatte gewiß nicht unrecht, wenn er den Witz machte, Iffland und Hardenberg hingen »wie Rad und Wagenschmiere« zusammen. Drei Jahre später stellte derselbe Iffland wieder den Antrag, alle Kritiken über Neuaufführungen bis nach der dritten Vorstellung zu verbieten. Diesmal aber erhielt er die Antwort, das widerstreite »der Freiheit des Urteilens«. Aber 1810 ließ man sich um diese Freiheit des Urteils noch keine grauen Haare wachsen, sondern hing dem unbequemen Kritiker einfach den Maulkorb um und fragte nicht danach, ob durch solch ein radikales Verbot eine Zeitung wie die »Abendblätter« und mit ihr der Herausgeber zugrunde gingen.