Convulsionen, Krämpfe, Gicht (Convulsions — Spasms — Fits)

sind ein Leiden, das wahrscheinlich Mütter und Ammen mehr erschreckt, als irgend Jemand anders, wegen des schrecklichen Anblickes, den das leidende Kind bietet, und wegen der unerwarteten Anfälle von Krämpfen. Unter dem Wort Convulsion verstehen wir ein unfreiwilliges Zusammenziehen der Muskeln des ganzen oder eines Theiles des Körpers, und wird durch ein Leiden der Rückenmarks-Nerven verursacht. Nicht alle Krämpfe sind gefährlich, obgleich einige sehr gefährlich sind und eine schlimme Wendung nehmen können. Diejenigen, welche am meisten zu fürchten sind, sind jene, welche in Folge eingetretener Gehirnwassersucht stattfinden, nach starken Fällen oder Quetschungen oder nach irgend einem heftigen Anfalle von Gehirn- oder Gedärm-Krankheiten eintreten. Sie zeigen sich wahrscheinlicher vor dem siebenten, besonders während der ersten drei Lebensjahre. Das Gehirn von kleinen Kindern ist sehr empfindlich und in Folge dessen plötzlichem Blutandrang unterworfen, dem es nicht so gut widerstehen kann, wie das eines Erwachsenen.

Ursachen. Kinder eines empfänglichen, reizbaren Temperaments oder Gemüthes sind denselben mehr als andere ausgesetzt. Die gewöhnlichsten Ursachen sind: Reiz der Eingeweide in Folge unverdaulicher Nahrung, schwieriges Zahnen, Würmer, übermäßiges Schreien und Schmerzen, Aerger und Freude. Eine gefährliche Form bildet sich in Folge von Ueberladung des Magens mit unverdaulichen Speisen, wie Nüsse, Aepfel u. s. w. Ausschlagsfieber, wie [Scharlach], [Pocken] und [Masern] werden häufig von Krämpfen angemeldet, welche aber schnell bei Erscheinen des Ausschlages verschwinden und nicht für gefährlich gehalten werden. Wenn sie aber während des Verlaufs der Krankheit eintreten, so sind sie sehr zu fürchten. Krämpfe werden auch dadurch hervorgerufen, daß die Milch der Mutter durch große geistige Erregung, wie Zorn, vergiftet wurde, ebenso durch das Stillen des Kindes, wenn übermäßig erhitzt.

Symptome. Der Anfall zeigt sich in der Regel beim Anfange in den Augen, welche starr auf einen Punkt gerichtet sind, sich aber bei weiterem Vorschreiten des Falles bewegen und unter das obere Augenlid drehen und nur das Weiße sichtbar lassen; die Augenlider sind zuweilen offen und hin und wieder geschlossen, die Augen selbst kreuzen sich häufig und die Pupille mag sich erweitern oder zusammenziehen. Die Muskeln des Gesichts werden zunächst angegriffen und die Zusammenziehungen verursachen zu Zeiten schreckhafte Verzerrungen; der Mund wird in verschiedenen Arten verdreht. Bei heftigen Anfällen, wenn sich die Krämpfe über den ganzen Körper erstrecken, geräth derselbe in Verzuckungen; der Kopf wird nach rückwärts oder nach einer oder der andern Seite gezogen; der Körper kann steif oder verschiedenartig verzerrt werden; die Finger sind eingekniffen, die Arme rück- oder vorwärts gezogen oder gestoßen und in alle nur denkbare Stellungen gekrümmt. Die unteren Glieder werden ebenfalls angegriffen, aber in der Regel weniger heftig. Ein Anfall kann nur einige Minuten dauern oder auch mehrere Stunden anhalten. Ein Kind mag zuweilen mehrere Anfälle während des Tages haben, aber es wird immer zwischen jedem Krampf ein Zwischenraum sein.

Behandlung.

Allgemeine. Das erste, was geschehen muß, ist, ein warmes Bad zuzubereiten, in das das Kind sobald als möglich zu legen ist. Wo nur eine leichte Verzuckung stattfindet, wird ein Fußbad mit ein wenig Senf im Wasser hinreichen, in anderen Fällen aber muß der ganze Körper gebadet werden. Während sich das Kind im Bade befindet, gieße beständig kaltes Wasser auf den Kopf und halte damit an, so lange der Kopf noch ganz heiß oder so lange bis die Anfälle vergehen. Wenn aus dem Bad genommen, hülle man es in einen warmen Flanell oder in eine wollene Decke und halte sich nicht einmal mit Abtrocknen auf. Es muß 10 bis 20 Minuten, oder bis die Convulsion aufhört, im Wasser gehalten werden. Wenn sich der Patient in Folge dessen nicht bessert, gebe man eine Einspritzung von lauwarmem Wasser, das mit einem Eßlöffel voll süßen Oels und ein wenig spanischen Seifen- (Castile soap) Wassers vermischt werden mag, und wiederhole es so oft als erforderlich, um eine Entleerung der Eingeweide hervorzurufen.

Eclectische und Kräuterkur. Bringe den Patienten in ein warmes Bad. Man gebe die zusammengesetzte Tinktur der Lobelia und des spanischen Pfeffers (Compound tincture of lobelia and capsicum) in Dosen von 15 bis 20 Tropfen. Nachdem die Verzuckung aufgehört hat, gebe man als ein Abführmittel Enterozoa-Pulver (Enterozoic powder), besonders wenn Würmer vorhanden sind. Ist das Zahnfleisch die Ursache, so schneide man es auf. Nach dem Anfall wird das folgende als ein gutes stärkendes Mittel gefunden werden. Man nehme Enzian (Gentian), Gelbwurz (Golden seal), Balsam (Balmony), je 1½ Drachme in Pulvern; Kardamon- (Cardamon) Samen, Sassafrasrinde, stachliche Eschbeeren (Prickly ash bark), je eine Drachme, gemahlen; guten Branntwein, ein halbes Pint. Mische und lasse es einige Tage stehen. Dosis: Dreimal des Tages einen halben oder ganzen Theelöffel voll in versüßtem Wasser. Wenn die Convulsionen Folge von Würmern sind, gebe man Salz mit Wasser und folgende Einspritzung: Balsam (Balmony) eine Unze, Alraun (Mandrake) drei Drachmen, Wasser ein halbes Pint; koche und seihe es durch und füge dann hinzu: Stinkasant-Tinktur (Tincture of asafetida) 5 Drachmen, Molasses 4 Unzen, Salz 3 Drachmen. Rührt die Convulsion von überladenem Magen her, so gebe man die zusammengesetzte Tinktur der Lobelia und des spanischen Pfeffers (Compound tincture of lobelia and capsicum) mit folgender Einspritzung:

Wasserdost (Boneset) und Sennesblätter (Senna) zu gleichen Theilen und hinreichend Wasser, um davon eine starke Abkochung zu machen; zu jedem Pint der Abkochung füge man drei Drachmen Salz und je eine Drachme Gagelrinde (Bay berry bark) und Lobelia hinzu. Gib alle 10 oder 15 Minuten eine Einspritzung.

Allöopathisch. Bringe das Kind in ein warmes Bad. Wenn die Convulsionen Folge von Ueberladung des Magens oder der Eingeweide sind, gebe man ein schwaches Brechmittel, entweder Brechwurz-Syrup (Syrup of ipecac) oder Antimonwein (Antimonial wine). Lege Senfpflaster auf die Arme und Beine und gieb eine milde Einspritzung, wie warmes Wasser. Stuhlgang verschaffe man vermittelst kleiner Dosen von Rhabarber (Rhubarb) oder Magnesia. Jasmin-Tinktur (Tincture of gelseminum) wird, wenn gleich beim Erscheinen der Symptome in Dosen von 8 oder 10 Tropfen alle halbe oder ganze Stunde gegeben, das Eintreten zuweilen verhindern.

Homöopathisch. Bringe das Kind in ein warmes Bad. Wenn die Convulsion Folge überladenen Magens ist, gebe man sogleich ein Brechmittel von lauwarmem Wasser, dessen Wirkung durch das Kitzeln des Halses mit der Fahne eines Federkiels beschleunigt werden mag. Die Heilmittel, welche zu geben sind, sind folgende:

Nux Vomica. — Wenn Verstopfung vorhanden war, die Krämpfe heftig sind und von Schreien, Rückwärtswerfen des Kopfes verbunden und die Augen verdreht sind. Pulsatilla mag abwechselnd gegeben werden.

Veratrum. — Wenn das Kind blaß und kalt ist und der Schweiß auf der Stirne steht.

Ipecacuanha. — Wenn Anstrengungen zum Erbrechen gemacht werden.

Wenn die Krämpfe durch Zahnen verursacht werden und das Zahnfleisch roth und geschwollen ist, so schneide es mit einem scharfen Federmesser auf. Belladonna und Coffea mögen alle 10 oder 15 Minuten abwechselnd gegeben werden. Bei starkem Fieber gebe man Aconitum, besonders wenn große Unruhe, Schreien und Auffahren damit verbunden sind. Zucken die Muskeln der Augen und des Gesichts convulsivisch, bei Drehen des Kopfes von einer Seite zur anderen, eine Wange roth und die andere blaß, gebe man Chamomilla und, wenn dies allein nicht wirkt, abwechselnd damit Belladonna.

Cina — Wenn die Convulsionen von Würmern verursacht werden, die Krämpfe sich auf die Brust erstrecken und der ganze Körper steif wird. Man möge Mercurius folgen lassen oder es abwechselnd damit geben.

Ignatia. — Wenn der Patient plötzlich mit einem heftigen Schrei aus dem Schlafe auffährt.

Hyosciamus. — Bei plötzlichen Anfällen nach dem Essen, das Kind schreit auf und wird unempfindlich, Zucken der Gesichtsmuskeln, Schaum vor dem Munde und große Wildheit.

Wenn die Convulsionen beim Beginne von Ausschlagfiebern, wie [Masern], [Scharlachfieber] oder [Pocken] erscheinen, gebe man Coffea und Aconitum. Darauf Bryonia und Belladonna, die in der Regel den Ausschlag zum Durchbruch bringen.

Erscheint die Convulsion im Verlauf eines Fiebers, so gebe man bei Scharlachfieber Belladonna und bei Masern Bryonia. Gewähren diese keine Linderung, so gebe man Cuprum abwechselnd mit Belladonna. Tritt innerhalb zwei Stunden keine Besserung ein, so gebe man Stramonium und Cuprum. Convulsionen in Folge von Schreck erfordern Opium, besonders wenn ein Zittern des ganzen Körpers stattfindet, das Kind daliegt, als ob es betäubt wäre, schwer und schnarchend athmet und das Gesicht fast blau ist. Hilft Opium nicht, so gebe man Stramonium oder Ignatia. Hyosciamus bei Schaum vor dem Munde, Zucken der Gesichtsmuskeln. Treten Convulsionen in Folge von Schlägen oder Fallen aus den Kopf ein, so gebe man Arnica.

Zuweilen treten Convulsionen ein, wenn eine Erkältung sich von den Lungen nach dem Kopfe zieht. In solch einem Falle bringe das Kind in ein warmes Bad, mache Kaltwasser-Umschläge auf den Kopf und beharre in dessen Anwendung, bis die Ursache nach den Lungen zurückkehrt, was an dem schwierigen Athmen, Rasseln &c. erkannt werden kann. Innerlich gebe man Belladonna und Cuprum abwechselnd; später Opium und Camphor.

Verordnung der Heilmittel. Von dem gewählten Heilmittel löse man 12 Kügelchen in 12 Theelöffel voll Wasser und gebe alle 10, 15 oder 20 Minuten der Strenge der Symptome angemessen, einen Theelöffel voll. Verlängere die Zwischenräume mit dem Besserwerden des Kindes.