Elftes Kapitel

Martha und Merivaux saßen im Wohnzimmer sich gegenüber.

Es war Ende März, und draußen meldete sich der erste Frühling. Zag noch, wie verschämt, aber ausnahmsweise kalendermäßig. Auch die Truppen hatten bereits Frühling gemacht, zogen fleißig auf den Kreuzberg, früher als sonst; es lag ja außer dem milden Frühlingswehen auch allerlei Unruhe in der Luft. Österreich, hieß es, mobilisierte insgeheim. Man erzählte wieder einmal von scharfen diplomatischen Noten über die Regelung der Verhältnisse in Schleswig-Holstein, über die Erbansprüche des Augustenburgers, denen Bismarck im Interesse Preußens widerstrebte; man erzählte, wie hinter diesen Noten das Verlangen nach einer neuen Ordnung des deutschen Bundes stehe.

Darüber sprachen auch Martha und Gaston.

Er war von einer Truppenübung gekommen, hatte am Halleschen Tor sein Pferd dem Burschen übergeben und war heraufgesprungen, um Helene guten Morgen zu sagen. Aber sie war ausgegangen. Martha meinte, sie müsse bald heimkehren. Da bat er um ein Butterbrot.

Und so saßen sie sich gegenüber; er frühstückte und erzählte allerlei, was die Zeitungen in den letzten Tagen gebracht und was er sonst erfahren hatte. Er sprach sehr lebhaft und war sehr entrüstet über die laue Stimmung in Berlin.

Martha hörte lächelnd zu, bis er plötzlich schwieg und, nun auch lächelnd, meinte: „Ich glaube, beste aller Schwägerinnen, du lachst ganz veritabel über deinen untertänigsten Diener.“

„Das nun gerade nicht, Gaston. Eigentlich freu ich mich nur über dich. Aber, weißt du, merkwürdig kommt’s mir schon vor, wie du dich verändert hast.“

„Ich? Wieso denn?“

„Ja, so leicht ist das nicht zu sagen. Einmal rein äußerlich. Wenn ich so denke, wie du radebrechtest, fast radebrechtest, als ich dich kennen lernte, und wie gut du jetzt unsre swere Sprak’ sprichst — das ist doch schon erstaunlich. Sogar über das H kommst du ganz glatt hinweg.“

„Das macht die Übung, Martha. Gerade des H! Denk’ doch nur, wenn man alle Augenblicke Helene sagen möchte, wenn man sogar Helene laut denkt, alle Tage, alle Stunden, alle Minuten —“

„Sei so gut und laß wenigstens die Sekunden aus. Obwohl ich dir das auch zutrauen würde. Die Sprache ist doch nur ein Äußerliches. Du hast dich aber in den letzten Jahren auch zum Preußen umgedacht.“

„Umgedacht — das ist ein neues Wort, das ich mir merken werde. — Ich bin doch Offizier Seiner Majestät des Königs von Preußen.“

Sie schob ihm den Teller mit den Brötchen näher und schenkte ihm sein Glas wieder voll.

„Das warst du früher auch. Aber du warst es, sozusagen, als Neuchateller. Jetzt aber merke ich, daß du ganz Preuße geworden bist. Fast möchte ich sagen: Märker. Wie du vorhin auf die Demokraten geschimpft hast, mußte ich an meinen guten seligen Schwiegerpapa denken. Viel besser konnte das der alte Rittmeister auch nicht.“

Martha hatte bisweilen im Gesicht einen Ausdruck von Schelmerei, der ihr allerliebst stand. So auch jetzt. Gaston machte ihr eine kleine Verbeugung: „Ich muß dich öfter zum Lächeln bringen,“ meinte er, „du hast dann zwei Grübchen in der Wange, die ganz reizend sind. Pardon für die Abschweifung. Ja ... du hast recht,“ fuhr er fort, „als ich eintrat, war mir Preußen eigentlich völlig Nebensache. Aber es ist wohl so: wenn man mit Leib und Seele Soldat ist, schließt man sich eben an das große Ganze immer enger an. Und dies Preußen hat überhaupt eine merkwürdige Assimilationskraft. Eure Mark noch besonders. Erst hab ich riesengroße Sehnsucht nach meinen Bergen gehabt und euren Sand fast gehaßt. Nun lieb ich ihn.“

„Es blüht freilich ein gewisses schönes Röslein auf diesem Sande — ein schönes Röslein, wenn es auch Dornen hat.“

„Laß nur die Dornen, ma belle-sœur — Die sind gar nicht so bös mehr ... Aber es scheint, da kommt Helene —“

Er war, als die Flurglocke klang, sofort aufgesprungen und ging seiner Braut entgegen. Die Tür blieb offen. Martha konnte von ihrem Platz aus gerade sehen, wie sie sich begrüßten. Sie lächelte wieder, aber diesmal fehlte die Schelmerei in ihrem Gesicht. Sie wunderte sich nur, sie ärgerte sich ein wenig, und sie dachte daran, wie sie einst ihrem Wilhelm bei jedem Wiedersehen, und wenn es nach einer Trennung von wenigen Stunden gewesen, an den Hals geflogen war.

Diese beiden da blieben ewig und immer zeremoniös. Gaston küßte Helene die Hand, sie hielt ihm, wenn es hoch kam, die Wange hin; dann schüttelten sie sich die Hände wie zwei gute Freunde; er nahm ihr den Mantel ab, und sie sprachen miteinander wieder wie gute Kameraden. Sie hörte es: „Du hier, Gaston!“ — „Ja, Helene, auf einen Sprung, gerade vom Kreuzberg. Verzeih den Dienstanzug.“ — „Aber ich bitt dich.“ — „Wo warst du denn, wenn ich fragen darf?“ — „Bei Frau Harriers.“ — „Das freut mich —“

Früher, vor zwei, drei Monaten noch, war zwischen den beiden dort häufig etwas wie ein Kampfzustand gewesen, ein heimliches Ringen, das auch dem Unbeteiligten nicht verborgen bleiben konnte. Jetzt schienen sie sich in einem schönen Gleichmaß gefunden zu haben. Schön? War dies Gleichmaß wirklich schön? Ja ... wenn man nicht beiden doch immer angemerkt hätte, daß es nur auf ein Beherrschen herauskam. Wenn man nicht das starke Temperament gekannt hätte, das in den beiden steckte. Auch in der Lene. Gerade in der Lene! Man brauchte ja nur zurückzudenken —

Sie kamen herein. Helene nickte der Schwägerin zu. „Kann ich von Gastons Frühstück mit profitieren?“

„Du wirst dem hungrigen Kriegsmann doch nicht seine paar kümmerlichen Brötchen fortessen. Wart’, ich hol’ dir was.“

Hinaus war sie. Aber hinter der Tür blieb sie stehen. ‚Die Welt wird nicht umstürzen, wenn ich einmal lausche. Ob sie sich jetzt wenigstens einen ordentlichen Kuß gaben?‘

Sie horchte vergeblich. Die da drinnen sprachen wie zwei gute Freunde. Von Musik natürlich wieder. Musik ist ja eine schöne Sache — ohne Zweifel. Aber ein Brautpaar hat doch eigentlich etwas Besseres zu tun. „Wir haben die Elsa wieder aufgenommen ...“ „Ich hätte mir den Schritt vom belcanto zu Wagner doch nicht so schwer gedacht ...“ „Alles kommt darauf an, den Charakter herauszuarbeiten, der Persönlichkeit gerecht zu werden.“ ‚Du mein Gott, werdet euch doch selber gerecht, ihr beiden lieben Narren. Wenn ihr wüßtet, wie kurz selbst eine lange Brautzeit ist und daß sie so nie wiederkehrt. Ihr Narren — ihr Narren!‘

Ärgerlich gab sie den Lauscherposten auf, ging in die Küche, machte eigenhändig eine Schrippe zurecht, benutzte die Gelegenheit, ihrer Minna nach bewährtem Rohlbecker Rezept gründlich den Kopf zu waschen, weil gestern abend ein baumlanger Grenadier vor der Küchentür gestanden hatte — „anständige Mädchen sind nicht so verliebt wie du dumme Trine!“ — und ging ins Wohnzimmer zurück.

Da saßen die beiden immer noch in ansehnlicher Distanz und sprachen immer noch kluge Worte. Diesmal hatten sie die Literatur beim Wickel. Natürlich — Lene schmökerte ja neuerdings in jeder freien Stunde, anstatt mal in der Küche nach dem Rechten zu sehen, was für eine angehende Hausfrau jedenfalls wichtiger wäre. Und wovon schnackten sie? Von dem neuen Roman, von dem jetzt alle Welt redete, der „Ägyptischen Königstochter“. Hilf, Himmel ... wann spielte die Geschichte? Im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt? Wenn es noch der herrliche Roman gewesen wäre, der jetzt gerade in der „Gartenlaube“ erschien: „Goldelse“ hieß er ja wohl. Aber das alte Ägypten!

Da saßen sie und redeten Bücher, und die Schrippe rührte Helene auch nicht an. Redeten und redeten — und machten sich selber nur was vor. Man brauchte sie ja nur anzusehen: Gaston sprach ganz ruhig, in seinem allerschönsten Deutsch, aber in seinen Augen lohte das verhaltene Feuer. Die Marlitt, oder wie die Verfasserin des Romans in der „Gartenlaube“ hieß, hätte leidenschaftliche Augen nicht besser beschreiben können, als man sie hier sah. Und Lene saß da, sprach ebenso ruhig, sah aber gar nicht auf. Nun, man kannte ja ihre Augen. In denen lag jetzt immer ein eigner feuchter Schimmer. Man kannte sie — aber klug wurde man aus ihnen nicht und aus Helene überhaupt nicht. Nur daß das Gesicht immer blasser und immer schmaler wurde, das sah man, aber dabei wurde das Mädel auch immer hübscher. Zum Verwundern war’s.

Endlich schien sich Gaston an Marthas Anwesenheit zu erinnern.

„Wo ist Wilhelm eigentlich, liebe Martha?“

„In Warschau. Es schwebt da ein Projekt wegen der Verlängerung der Bahn über die russische Grenze hinaus.“

„Der gute Wilhelm muß viel auf der Eisenbahn liegen.“

„Ja — leider —“

Dann sprachen die beiden schon wieder miteinander. „Wir müssen nächstens in die Ausstellung am Kantianplatz, Helene. Es ist ein wunderschöner Richter dort.“

‚Wofür die sich auch alles interessierten? Musik — Literatur — Malerei — und waren Braut und Bräutigam und saßen da wie die Ölgötzen.

Mochten sie! Was hatte Gaston gesagt? Der gute Wilhelm! Ja ... leicht hatte er’s ja nicht. Aber man hatte es auch nicht leicht, so viel allein mit den großen Jungens, die Vaters Hand noch so sehr bedurften. So viel allein! Beinahe so viel allein, wie früher in Rohlbeck. Aber es ging wohl nicht anders. Zuerst war der Verdienst an der Bahnkonzession wie unerschöpflich erschienen. Du mein Gott! Nachher war er zum größten Teil vorgegessenes Brot gewesen. Als Tante Marianne bezahlt war und die vielen Wechsel eingelöst waren, da blieb nicht arg viel. Sparen konnte Wilhelm ja nicht — leider —‘

‚Leider —‘

Und da ging die Tür, und Omama kam herein, auf ihren Stock gestützt. Die schwarzen Locken pendelten rechts und links von den Schläfen, und sie hatte wieder nur auf einer Wange Rouge aufgelegt. Aber sie lachte vergnügt: „Ich muß doch einmal nach unserem lieben Brautpärchen sehen ... Was das Lenchen heut wieder für verliebte Augen macht ...“ — —

Gaston hätte wohl vor Glück gejauchzt, wenn aus Helenes Augen ihm einmal die Liebe entgegengeleuchtet haben würde. Aber sie blieb gemessen und kühl. Sie wehrte sich nicht mehr, sie trotzte nicht mehr, sie weinte nicht mehr. Sie schien ganz ruhig geworden nach dem einen letzten großen Sturm um die Jahreswende.

Er wartete.

Es gab wohl Stunden, in denen er verzweifeln wollte, in denen er meinte: es geht so nicht weiter, du trägst es nicht mehr! Du pochst gegen einen Stein, der nie Funken sprühen wird.

Aber er zwang sich immer wieder.

Sie waren wirklich gute Freunde geworden. Martha sah ganz recht.

Manchmal dachte Helene: es ist ja nicht anders als früher, wir waren ja immer gute Kameraden. Manchmal dachte sie: wir werden immer gute Freunde bleiben, ohne Streit und Zwist; was könnte ich mir Besseres wünschen; wie viele Ehen mögen selbst dieser Freundschaft entbehren. Aber oft, oft, in einsamen Stunden schrie es auch in ihr: soll es nun immer, immer so weitergehen! Und wenn du’s erträgst, kann er es denn ertragen, soll er darben ein ganzes langes Leben hindurch! Denn sie fühlte, daß hinter seinem beherrschten Wesen die Leidenschaft wachte, daß er wartete von Tag zu Tag. Und je vertrauter sie miteinander wurden, desto mehr litt sie um ihn, und konnte ihm doch nicht helfen.

‚Gib mich frei!‘ hatte sie ihn noch einmal gebeten. Er hatte nur den Kopf geschüttelt. In seinem Gesicht aber stand dabei ein fast fanatischer Ausdruck, wie sie ihn einst auf alten Märtyrerbildern gesehen hatte: ein Ausdruck des Leidens und des Glücks im Leiden. Dann war das Gesicht weich geworden. ‚Niemals!‘ hatte er gesagt. ‚Du kannst mir verbieten, dich zu sehen. Dich zu lieben kannst du mir nicht verbieten.‘

Oft dachte sie an seine Worte: ‚Wir alle können nicht vergessen, aber wir können überwinden. Und du hast längst überwunden.‘

Sie hatte nicht daran geglaubt, damals, als die Begegnung mit Schwarz ihr das Herz zerrissen. Nun wußte sie, daß er doch recht gehabt.

Wenige Tage später sprach Frau Harriers-Wippern plötzlich von Schwarz. Achselzuckend, mitleidig: „Sie kannten ihn ja. Er war immer ein Bruder Leichtsinn, der seine Gaben verschleuderte wie sein Geld. Jetzt war er hier, ohne Engagement. Zu mir ist er nicht gekommen, er schämte sich wohl. Aber ich hörte, daß es ihm schlecht geht, und daß er sehr unglücklich mit seiner Frau lebt. Röder hat ihnen beiden schließlich ein Engagement nach Odessa besorgt, aber mit einer Gage, die wohl gerade nur das Leben fristet.“ Sie seufzte leise. „Einer von vielen. Wer in unserem Beruf nicht Charakter hat und starken Willen, der leidet leicht Schiffbruch.“

Sie hatte es geahnt, und das Mitleid preßte ihre Seele, als sie es nun hörte. Die heiße Erregung jedoch, welche die Begegnung in ihr jäh wachgerufen, zitterte nicht mehr in ihr. Es war so, wie Gaston gesagt: überwunden hatte sie. Nur das Mitleid blieb. Und vielleicht nur ein dumpfes Weh: Die Leidenschaft für ihn hat all deine Kraft zur Liebe so ausgeschöpft, daß dein Herz arm geworden ist und arm bleiben wird für immer.

Gaston sprach zu ihr nie von dem Termin der Hochzeit.

Aber sie hörte, daß er mit den Geschwistern davon gesprochen, daß er den Frühherbst in Aussicht genommen hatte. Dann und wann kam auch die praktische Martha mit einer Anfrage wegen der Aussteuer. Sie hatte schon Leinen eingekauft und die Näherin im Hause, als könnte es gar nicht anders sein. Als ganz selbstverständlich, als Pflicht nahm sie es an, daß sie für Mutter eintrat.

Zuerst war Helene zusammengezuckt, als Martha von all dem sprach. Aber dann hatte sie lächeln können. „Du ordnest das gewiß am besten — ich danke dir.“ Und sie wunderte sich selber: ihr graute nicht vor der Entscheidung, ganz ruhig nahm sie sie hin. Wieder mit dem Empfinden: wie wenigen Mädchen mag die Erfüllung der höchsten Wünsche vergönnt sein, wie unendlich viele müssen sich bescheiden. Du hast es immer noch gut: Du hast Gaston sehr gern, du schätzt ihn, ihr seid eins in so vielem, so vielem. Unglücklich mit ihm kannst du nie werden. Nur ob du ihn glücklich machen wirst ...?

Sie war ruhig und gefaßt.

„Meine liebe Hackentin“, sagte einmal Frau Harriers etwas unzufrieden. „Sie sind ein wunderliches Menschenkind. Ich habe bei meinen Schülerinnen doch schon so manches erlebt, aber solche Wandlungen noch nie wie bei Ihnen.“

Helene wurde rot. Sie hatte immer noch diesen jähen Farbenwechsel, ja er war wohl noch auffallender, seit ihr Gesicht blaß und durchsichtig geworden war. „Was hab ich denn verbrochen?“ fragte sie etwas kleinlaut.

„Gar nichts. Sie schreiten in der Technik unaufhaltsam fort, ich werde Ihnen bald nichts mehr zu geben wissen. Aber die Technik ist doch nicht alles. Du lieber Gott! Das Organ gab Ihnen die gütige Natur, und wer die Stimme hat, kann schließlich bei dem nötigen Fleiß all das dazu lernen, was die Kunst zu lehren vermag. An Fleiß fehlt’s bei Ihnen auch nicht. Aber ich habe mit Ihnen Zeiten von so schwankender Stimmung durchgemacht, daß ich manchmal vor Rätseln stehe. Wie oft hab ich zügeln müssen, wenn das Temperament mit Ihnen durchgehen wollte —“

Sie standen vor dem Flügel. Die Stunde war beendet, im Vorzimmer wartete wohl schon eine andere Schülerin, oder der Herr Baumeister, der Gatte der Sängerin, wartete gar mit dem Mittagessen. Frau Harriers war ein wenig ungeduldig. Sie schloß den Flügel.

„Ja ... und soll ich Ihnen sagen, wie jetzt Ihre Stimme klingt? Apathisch klingt sie. Nach Resignation klingt sie! Alles schön, rund, tadellos, ein wahrer Genuß, diese Atemökonomie! Aber manchmal singen Sie ... wie drück’ ich’s nur aus? ... nun, wie aus Pflichtgefühl, aus einem müden Pflichtgefühl heraus. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie ein glückliches Bräutchen sind und einen der besten Männer bekommen, würde ich mir allerlei Gedanken machen. So — nun ist’s heraus, und nun machen Sie, daß Sie fort kommen. Merivaux steht doch schon drüben und wartet auf Sie.“

... aus Pflichtgefühl ...

So also sang sie? Handelte sie auch so? Nur aus Pflichtgefühl? Und würde sie, nur aus Pflichtgefühl, Gaston eine gute Gattin werden? Alles nur aus armseligem Pflichtgefühl! Als ob sie sich treiben ließ auf einem der großen Bettelsuppenströme des Lebens!

Der Gedanke empörte sie. Denn sie hatte Gaston doch gern! Sehr gern sogar!

Ihr war es, als müßte sie sich selber aufrütteln. Sich herausreißen aus dem Sich-gehen-lassen, aus dem stumpfen Gleichmaß. Kämpfen gegen sich selber.

Unten, drüben auf dem Trottoir, ging wirklich Gaston auf und ab.

Ein paar Augenblicke blieb sie im Hausflur stehen, sah zu ihm hinüber. Die schmale Falte zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.

Dann schritt sie schnell über die Straße, nickte, lächelte, hing sich in seinen Arm.

„Guten Morgen, lieber Gaston. Ich freue mich, daß du kommen konntest. Hast du Zeit? Können wir einen kleinen Bummel durch den Tiergarten machen?“

Er bejahte eifrig, sichtlich erfreut. Und sie gingen die Querallee hinauf, bogen zum Goldfischteich ein.

In den ersten Maitagen war es. Der Tiergarten stand im duftigen jungen Grün. Die Lenzsonne lag warm auf Weg und Steg. In den dichten Büschen zwitscherten die Amseln. Die Welt war schön geworden, fast über Nacht, denn plötzlich war der Frühling in die Mark gekommen.

Um diese Stunde war der Tiergarten wenig belebt. Am Rande der Wege ein paar Kinderwagen, aus denen rosige Babygesichter zur Sonne lachten; einige Spreewälderinnen in ihren bunten Röcken, dann und wann eine Matrone, die einsam Luft schöpfen ging, ein pensionierter alter Herr, der seinen Gesundheitsmarsch machte. Es verlor sich in der Weite.

Sie plauderten dies und das, wie gute Freunde plaudern, bunt durcheinander: von Marthas Wirtschaftlichkeit, von Wilhelms nie rastenden Plänen, von der Omama; von der Charlotte Wolter, der großen jungen Tragödin, von der Erhardt, der schönen Künstlerin des Schauspielhauses, und von der Lucca, die jüngst als Julia unerhört gefeiert worden war; und daß der Krollsche Garten nächstens wieder eröffnet werden würde, in noch feenhafterer Beleuchtung als je zuvor.

Es war wie immer zwischen ihnen. Und doch anders. Er empfand es, wie lebhafter heute Helene war, angeregter, daß ihr Ton wärmer war. Manchmal fühlte er den leichten Druck ihrer Hand auf seinem Arm. Federnden Schrittes ging sie an seiner Seite, und einmal sagte sie: „Ist das schön heut! Ich möchte stundenlang so gehen. Womöglich ganz allein mit dir durch einen weiten, weiten Wald.“

Er sah sie an, und auf ihrem Gesicht war ein Lächeln.

Sie nickte ihm zu, ganz leise nur. „Der Frühling —“

Da sagte er schnell: „Und bald kommt der Sommer, und dann — dann reisen wir beide nach meiner Heimat.“

Nebeneinander standen sie am Teich. Lustig huschten die goldschuppigen Fische, die grünen Wipfel spiegelten sich im Wasser. Weit und breit war kein Mensch außer ihnen.

Immer noch sah er ihr in das liebe schöne Gesicht, in dem langsam ein feines Rot emporstieg. Seine Hand hatte er um ihren Gürtel gelegt. „Ich freue mich ja so darauf, dir meine Heimat zu zeigen, unseren herrlichen See, unsere Berge. Anfang August, denk ich, reisen wir — gleich nach unserer Hochzeit.“

Ein leichtes Beben ging durch ihre Glieder. Aber sie nickte wieder.

„Es ist dir recht so?“

„Ja, Gaston.“

Dann gingen sie langsam weiter und um das Wasser herum. Mit dem leichten Plaudern war’s freilich vorbei. Er hatte ihre Hand wieder in seinen Arm gezogen, sprach von seinem alten Vater, sprach dann davon, daß er nun eine Wohnung mieten wollte. „Ich hab immer noch gezögert, denn man hat mir angedeutet, daß ich Adjutant bei der Inspektion werden soll. Dann brauchten wir nicht so weit hinaus zu ziehen, in die häßlichste Gegend Berlins. Ich möchte dich so gern in ein recht, recht hübsches Heim führen, Helene.“

Plötzlich blieb sie wieder stehen, sah zu Boden, sah dann auf: „Du bist ein rechter Wagehals?“

„Wieso denn?“

„Daß du es mit mir wirklich versuchen willst. So unliebenswürdig wie ich bin, so apathisch oft ...“

Er lachte. „Ach geh doch! Was sind denn das für Dummheiten. Laß nur den Sommer kommen. Laß uns nur erst auf meiner lieben kleinen Terrasse am See sitzen, wir beide ganz allein. Oder im Boot auf der blauen Flut. Oder in die Berge fahren, höher, immer höher! Wenn ich dich nur erst ganz für mich habe! Ich will dir schon die Falte da aus der Stirn küssen — die da!“

Und mit einem Male hatte er sie umfaßt, die Hutkrempe weit zurückgebogen und küßte sie wirklich gerade zwischen die Brauen. Ganz wenig nur wehrte sie sich, gar nicht fast. Da küßte er sie auch auf die Lippen, und heut hielt sie still. „Der Frühling —“, sagte er und lachte ihr in die Augen.

Wieder gingen sie weiter, den schmalen Fußweg zur Rousseauinsel.

„Also Anfang August!“ meinte er froh. „Dann müssen wir in den ersten Septembertagen zurück sein. Das Manöver schenkt der König von Preußen auch den glücklichsten Leuten nicht. Alles freilich nur, wenn es nicht Krieg gibt.“

„Krieg ... was ihr alle immer von Krieg redet. Wilhelm hat auch weiter nichts im Sinn.“

„Bedenklich genug sieht’s aus, Helene. Gestern hieß es bei uns schon, die Reserven sollten eingezogen werden. Nachher war’s nur ein Gerücht.“

„Krieg mit Österreich —“

„Vielleicht nicht nur das. In der „Kreuzzeitung“ stand, daß Sachsen und Hannover auch schon rüsten.“

„Sind wir Preußen denn so böse, daß man uns durchaus an den Kragen will?“

„Du Kind! Aber ich bin nicht viel besser als du, höchstens daß ich weiß: die Preußinnen können reizend sein! Ist mir auch wichtiger als die ganze Politik. Und nun laß gut sein. Ich bin so froh heut, so froh — —“

Als Helene daheim die Treppe hinaufstieg, tönte es in ihr, wie ferner, ferner Glockenklang: Du hast heut einen lieben Menschen sehr, sehr glücklich gemacht! Und sie war froh darüber.

Sie war so froh, daß sie oben Martha umarmte, dann zur alten Mutter lief, die am geöffneten Fenster in den Frühling hinausträumte, sie leise umfaßte: „Ich muß es dir doch sagen, Mama, Anfang August ist unsere Hochzeit.“

Omama sah auf, schüttelte verwundert den Kopf, nickte dann: „So ... so! Ja! Ja! Anfang August. Wir haben auch im August geheiratet. Ja ... warte einmal, Lenchen ... und Grucker auch. Damals ... also den lieben Gaston ... ich weiß ja ... ich weiß alles. Aber so blaß darfst du zur Hochzeit nicht aussehen, Lenchen ... und wir trugen damals den Brautschleier hinten fest in die Coiffüre gesteckt und par devant ein ganz schmales Myrtenkränzchen ...“ Sie kicherte leise und sang mit ihrer matten Stimme vor sich hin: „Wir winden dir den Jungfernkranz — mit veilchenblauer Seide! Ja, ja, mein Lenchen ... wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide ...“

Da kamen die Jungens hereingestürmt, erregt, mit roten Gesichtern. Sie schrien durcheinander, wollten sich nicht zu Worte kommen lassen. „Wißt ihr’s schon? Wie wir aus der Schule kamen, wurden die Extrablätter ausgerufen. Auf Bismarck ist geschossen worden! Unter den Linden. Er soll tot sein. Nein, schwer verwundet. Den Mörder haben sie gleich aufgeknüpft. Nein, Bismarck hat ihm selber noch die Pistole aus der Hand geschlagen —“

Es ging wirr durcheinander. Und dann war plötzlich Wilhelm da, auch er mit rotem Kopf. Er wußte alles ganz genau, hatte gerade bei Hiller gefrühstückt, nicht weit vom Schauplatz des Attentats. Nein, gottlob, Bismarck war nicht einmal verwundet, trotzdem der Mörder — Blind sollte er heißen und ein fanatischer Demokrat sein — aus nächster Nähe fünf Schüsse auf ihn abgefeuert hatte. Auf dem Wege zum König war Bismarck gewesen, zum Vortrag bei Seiner Majestät.

Wilhelm lief kreuz und quer durch die Stube, fast wie Vater es getan hatte, wenn er sehr erregt war. „Was für Zeiten, Martha, was für Zeiten! Heut morgen erst die Nachrichten aus Österreich und Italien. Überall Rüstungen, Mobilmachung. Dann die Börse — reine Kriegspanik. Was für Zeiten! Man mag es gar nicht ausdenken: wir dicht vor einem Kriege mit Österreich. Stellt euch das nur vor: mit Österreich, unserem Bundesgenossen seit achtzehnhundertdreizehn! Womöglich noch Krieg mit Sachsen, Hannover, Bayern, mit all den anderen deutschen Staaten! Wir allein! Dabei den Hader im Innern. Die Demokraten auf Bismarck spinnefeind — weg mit Bismarck, heißt’s hier, diesem Ministerium keinen Groschen! heißt’s da. Und unsere guten Konservativen — nun, weiß Gott, zum Verwundern ist’s nicht, daß sie den Bruch mit der österreichischen Freundschaft bitter beklagen. Wenn wir wirklich Krieg bekommen, ist’s ein schrecklicher Bruderkrieg. Wenn das Vater erlebt hätte! Unser armes Preußen!“

Nun stand er in der Mitte des Zimmers: „Jungens, glotzt mich nicht so dumm an. Wenn ihr älter seid, werdet ihr’s begreifen, was das heißt, Deutsche gegen Deutsche! Das Herz könnte sich einem im Leibe umdrehen. Und dabei geht’s um die Existenz, einfach um Sein oder Nichtsein. Wenn wir geschlagen werden — und wer kann im voraus wissen, wie die Würfel fallen — wenn wir geschlagen werden, hat Preußen aufgehört, eine Großmacht zu sein. Sie wollen uns ja längst den Großmachtkitzel austreiben. Lieber Gott, wie mag unserem König zumute sein vor der Entscheidung!“

Helene war noch immer bei der Mutter am geöffneten Fenster, durch das die milde Frühlingsluft hereinströmte.

Sie verstand das alles nur halb, was der Bruder in seiner Erregung heraussprudelte. Verstand es so wenig, wie sie früher Vaters politische Erörterungen verstanden hatte. Nur das eine verstand sie: Krieg — Deutsche gegen Deutsche! Und sie schauerte leise zusammen. Krieg — da zog dann auch Gaston hinaus —

„Aber Wilhelm, du sprichst ja, als ob das schon so gewiß wäre — das mit dem Krieg“, sagte Martha zag dazwischen.

„Sicher? Wer weiß das. Man hofft ja immer noch auf Frieden. Hofft? Heut war der Prinz Hohenlohe bei Hiller. Der hat Verwandte in der österreichischen Armee — die brennen alle auf unsere Demütigung. Freunde haben wir nirgendwo. Was heißt da hoffen? Zu Kreuze kriechen wir Preußen nicht. Wenn’s nicht anders sein kann, muß eben das Schwert entscheiden!“

Mit einem Male hob Omama wieder an: „Ja ... ja. Das Schwert ...“ Und sie sang leise vor sich hin: „Nun laßt das Liebchen singen — daß helle Funken springen — Der Hochzeitsmorgen graut —“

Da fielen die Jungens ein, wie auf Kommando: „Der Hochzeitsmorgen graut — Hurra, du Eisenbraut!“

Wenn in den nächsten Tagen Wilhelm nach Haus kam, war’s jedesmal mit umwölkter Stirn. Immer wieder stöhnte er: „Die Zeiten! Die Zeiten!“ Immer neue Nachrichten brachte er mit: Der König hatte nach langem Zögern die Mobilmachung von vier Armeekorps befohlen; Napoleon mischte sich in den Streit ein, bot seine Vermittlung an — natürlich um im Trüben zu fischen. Dann wußte er von Friedenspetitionen zu erzählen, die aus einzelnen Provinzen an Seine Majestät abgegangen wären, von schmachvollen Äußerungen einzelner demokratischer Führer: ‚Lieber die Kroaten in Berlin, als Bismarck noch länger am Staatsruder!‘ Dann wieder von patriotischen Regungen, wie wacker sich die zunächst bedrohten Schlesier hielten: ‚Wir wollen keinen schlechten Frieden!‘ hieß es gerade in ihrer Adresse. Aber immer waren seine letzten Worte: „Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten!“

Merivaux konnte nicht so viel kommen wie bisher. Der Dienst nahm ihn stark in Anspruch. Aber jedesmal, wenn er kam, war’s, als ob ein paar Sonnenstrahlen ins Haus glitten. Die Jungens, in denen eine gewaltige romantische Kriegslust erwacht war, jubelten ihm entgegen, Omama wachte, sobald er ins Zimmer trat, aus ihrem Traumleben auf, mit Martha und Wilhelm tauschte er Neuigkeiten. Und immer war er selber froh, heiter, zuversichtlich. Es lag etwas eigen Beruhigendes in seiner männlichen Frische, das auch auf Helene wirkte. Solange er bei ihr war, blieb sie ruhig. Sobald er gegangen, klang immer wieder in ihr auf: der Krieg — der Krieg! Einst hatte sie nur an Harros Tod gedacht, wenn vom Kriege die Rede war: nun bebte sie in Sorge um den lieben Freund, dessen Ring sie am Finger trug.

„Unruhige Zeiten! Schlechte Zeiten!“ Heut der Schimmer einer Friedenshoffnung. Morgen die sichere Erwartung: der Krieg ist unvermeidlich. Auf den Straßen die eingezogenen Rekruten und Landwehrleute in langen Zügen. An jedem Morgen endlose Kolonnen, die mit schmetternder Musik die Bellealliancestraße hinaufzogen zum Kreuzberg. Dann regelmäßig der König, der hinausfuhr, seine Garden noch einmal zu besichtigen.

Es war doch merkwürdig, es fiel auch Helene auf, wenn sie vom Eckfenster aus den schlichten Wagen des greisen Kriegsherrn schon von weitem sah: von Tag zu Tag fast steigerte sich der Jubel, der ihn umrauschte. Manchmal ging ihr durch den Sinn, wie sie ihn zuerst gesehen hatte, am Brandenburger Tor, vor nun drei Jahren, daß ihn damals nur wenige grüßten. Und heut standen die Bürgersteige voll wartender Menschen, vom Belleallianceplatz her hob es an und pflanzte sich fort, das dröhnende Hurra! Es war, als ob die Preußenherzen erwachten. Wenn das Vater erlebt hätte!

Dann war eines Tages Fritz da, der rote Kreisrichter. Ganz plötzlich und unerwartet, in aller Morgenfrühe, als unten gerade die Alexandriner mit klingendem Spiel vorüberzogen.

„Wilhelm, ich trag’s nicht länger. Ich habe aus lauterer Überzeugung gehandelt. Ich kann auch jetzt noch nicht mit Bismarck gehen, ich verurteile seine Stellung gegen den Augustenburger. Aber ich fühl’s, daß nun der innere Zwist schweigen muß. Wenn Preußen in Gefahr ist, müssen wir alle einig sein. Daß du’s nur weißt: ich bin gestern auf dem Generalkommando gewesen und hab mich zum Diensteintritt gemeldet.“

Wenn das Vater erlebt hätte! Wenn das Vater erlebt hätte!

Unruhige Zeiten! Das Abgeordnetenhaus, das jede Kriegsanleihe verweigert hätte, aufgelöst; Darlehnskassenscheine mußten ausgegeben werden, um die nötigsten Millionen zu schaffen, und konnten oft nur schwer untergebracht werden. Heut hieß es: die Österreicher rücken unter Benedeck in Schlesien ein. Morgen verlautete, Preußen hätte mit Italien einen Bündnisvertrag geschlossen, und in Venetien seien schon die ersten Kanonenschüsse gefallen. Noch nie seit fünfzig Jahren war der Kurs der preußischen Staatspapiere so tief gesunken wie in diesen Tagen.

Nun hatte auch Wilhelm die Uniform wieder angezogen, führte eine Ersatzkompagnie beim Franz-Regiment und war nicht wenig stolz im Schmuck der Waffen, war wieder ganz Soldat. Jetzt sprach er plötzlich nicht mehr von den „Schlechten Zeiten!“ Er sprach nur noch von seiner Kompagnie, von seinen Offizieren, von seinem Feldwebel. Und wenn er in den Dienst ging, bürstete Martha an ihm herum und sah ihm verliebt nach.

Eines Morgens hatte Helene eine kleine Besorgung am Belleallianceplatz gemacht. Als sie zurückkam, stand auf der Halleschen Brücke ein baumlanger Bauer, zog seine graue Kappe und greinte über das ganze braune Gesicht.

„Metschke! Metschke, wie kommen Sie denn hierher?“

„Jo, gnä’ Frölen, mei Willem steht doch bei de Franzer. Un ik wollt ihm doch noch mal sehn tun, e’ er ’n Krieg muß. Von wegen, deß ich ihm sag: tu du deine Schuldigkeit, mein Sohn, daß werr keene Schande an der ha’n. Na, gnä’ Frölen, er hätt’s jo och so getan, der Willem.“

„Das glaub ich, Metschke. Wollen Sie nicht mit heraufkommen? Da drüben an der Ecke wohnen wir.“

„Nee, gnä’ Frölen, ich wart hier, bis der oll König ’rückkommt. ’s isch man jutt, daß der oll klug König die Suldaten nich abgeschafft hätt. Un denn muß ick widder zur Kaserne. Morjen rücken se aus, die Franzer. Aberscht scheen Gruß soll ick vertellen vom Herrn Kantohr und von Herrn Pastohr. Min Jott, sein dis Zeiten! Aberscht passen Se uff, gnä’ Frölen, wie wer se vertobacken wer’n, wir Preußen! Wenn dat der gnä’je Herr Rittmeister erlebt hätt!“

Die blauen Märkeraugen glänzten, wie der Metschke das sagte.

Oben saß Gaston schon am Fenster und wartete.

Sie sah’s ihm gleich an, heut war auch er erregt.

„Helene, morgen rücken wir aus. Erschrick nicht: zunächst nur in Kantonnements bei Kottbus.“

Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen. „Morgen —“ sagte sie tonlos. Aber er nahm ihre beiden Hände: „Ich habe mit dir zu sprechen. Eine große, große Bitte hab ich.“ Sie sah ihn an, sah ihm in die Augen, und wußte nur ein: ‚um was er auch bitten mag, ich werde nicht nein sagen‘.

„Immer wieder ist mir in diesen unruhigen Tagen durch die Seele gegangen, wie du nun allein zurückbleibst. Ich denke nicht an den Tod. Gott bewahr’ mich. Aber niemand kann wissen, was der Krieg bringt. Helene, der Gedanke quält mich, daß ich nicht für dich sorgen kann — auf alle Fälle. Ich würde keinen Moment Ruhe haben — draußen. Und dann ... ich habe Sehnsucht, dich mein zu wissen. Ich bitte dich: laß übermorgen unseren Hochzeitstag sein.“

Sie bebte. Immer größer waren ihre Augen geworden. Das Herzblut stockte, dann pulste es aufwärts, daß ihr die Sinne schwinden wollten.

Sie fühlte den Druck seiner Hände, und sie sah die fiebrige Erregung in seinem Gesicht, die heiße, sehnsuchtsvolle Erwartung.

So sagte sie: „Ja ... Gaston ... ja!“

Dann kam ihr jäh, irgendwoher aus dem Untergrund der Seele, der Gedanke eines Ausweichens noch in letzter Minute. „Gaston, der Konsens ... so schnell kannst du den Konsens des Königs doch nicht erhalten.“ Indem sie es aussprach, überflutete sie die Scham: ‚Wünscht du denn wirklich eine Verzögerung? Kannst du ihm das antun?‘

Er aber fand den Einwand nur begreiflich: „Für solche Zeiten gelten Ausnahmebestimmungen. Laß das nur meine Sorge sein.“ Sein Gesicht strahlte vor Freude und Dankbarkeit. „In drei Tagen, Helene! In drei Tagen! Ich kann’s noch gar nicht fassen. In drei Tagen bist du mein!“ Etwas wie toller Übermut packte ihn. Er legte den Arm um Helene, er wirbelte mit ihr, eh sie sich’s versah, im Walzertakt durch das Zimmer: „In drei Tagen, Helene, in drei Tagen —“

Es war wohl gut, daß die drängenden Vorbereitungen Helene so wenig Zeit zur Besinnung ließen. Daß in die Unruhe der Zeit sich die Unruhe im Hause mischte. Martha schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Wie soll denn das gemacht werden? Wo willst du denn ein Brautkleid herbekommen? Wie denkt sich Merivaux das alles!“ Und dann war sie es doch, die für alles Rat schaffte, zu allem Rat wußte. Die freilich auch Helene in einen großen Trubel des Überlegens, der Besorgungen mit hineinriß.

Es war gut so. Die Stunden gingen im Fluge. Helene kam kaum zu klarem Überlegen. Am späten Abend, abgehetzt, todmüde, dachte sie nur: es muß wohl eine Fügung sein. Und es war dann wie erlösender Friede in ihr.

In der Nacht zum Mittwoch, ihrem Hochzeitstage, aber fuhr sie aus dem Schlafe auf. Der Junimorgen dämmerte schon durch die Fenster. Sie konnte sich in den ersten Augenblicken gar nicht zurechtfinden. Das Herz pochte jäh, sie richtete sich empor, eine rätselhafte Angst schüttelte sie. Ja so ... da schlief Mutter und atmete ruhig ... und das dort war die Tür zum Nebenzimmer ... und da lag ausgebreitet ihr Brautstaat. Geträumt mußte sie haben, irgend etwas Furchtbares, Unfaßbares. Was war es nur gewesen? Gaston hatte vor ihr gestanden, mit einem Gesicht wie von Stein, und hatte sie an den Schultern gepackt: „Du liebst mich ja nicht! Du liebst mich ja nicht!“

Jetzt sah sie das Traumbild wieder deutlich vor sich, sah sein schmerzverzerrtes Gesicht, hörte seinen gellenden Ruf. Wußte, es war nur ein Traum gewesen, und durchlebte ihn noch einmal wie Wirklichkeit. Frostschauer überrann sie und dann glühende Hitze, eine beklemmende Angst, als ob sie aufspringen müßte, drüben an Mutters Bett hinknien, flehen: ‚Hilf mir doch! Hilf mir doch! Ich kann nicht mit einer Lüge vor den Altar treten!‘

Aber ihr konnte ja niemand helfen. Mutter nicht. Und wenn sie sich vor Wilhelm und Martha hinwerfen wollte, sie würden nur den Kopf schütteln und sie nicht verstehen.

Gaston — —

Wenn sie jetzt noch seine Füße umklammerte: ‚Ich kann nicht! Erbarme dich meiner!‘

Aber Gaston war bei seiner Truppe, kam erst morgen, eine Stunde vor der Trauung, aus dem Kantonnement zurück. Kam glückstrahlend, mit seiner hoffenden Liebe, mit jubelnder Seele, in seiner glaubensstarken festen Zuversicht — kam, um sie zum Altar zu führen, und dann hinauszugehen in den Krieg — — —

Nein! Nein! Und wenn sie es heute beschloß und stünde morgen vor ihm ... sie würde es nicht über die Lippen bringen.

Fröstelnd hüllte sie sich in ihre Decke und starrte durch das Fenster auf den grauen Morgen.

Noch einmal zogen in dieser schweren Stunde die inneren Erlebnisse der letzten Jahre durch ihre Seele. Wie ein Phantom tauchte Alfred auf, tauchte empor und verschwand. Harro kam mit seinen jungen leuchtenden Augen. Sie sah sich noch einmal im Park von Rackow beim Mondenlicht, fühlte noch einmal den ersten Kuß von Gastons heißen Lippen: Da hatte die Lüge angefangen! Die Lüge! Lieber Gott im Himmel ... war es denn eine Lüge gewesen, eine Lüge, die so harte Strafe verdiente! Und wie hatte sie gekämpft und war doch nicht freigekommen! Aus Schwäche .... ja, aus feiger Schwäche. Und aus Mitleid ... ja, aus Mitleid. Aus dem Empfinden heraus, ihm nicht den einen großen Schmerz antun zu wollen. Und dann, weil sie ihn gern hatte ... weil ein unnennbares Gefühl sie immer wieder zu ihm zog ...

Aber aus all dem Schwankenden, Unklaren ließ sich doch keine Brücke bauen.

Und nun gab es keine Flucht mehr und kein Entrinnen —

... als den Tod ...

Ihr Tod — was hätte er ihm genützt! Ihr Tod hätte ihm den größten Schmerz des Lebens zugefügt, und nie würde er ihn überwinden können.

Aufrecht saß Helene, mit pochenden Pulsen, die Augen starr auf das Fenster gerichtet. Langsam aus der Dämmerung erhob sich der Tag. Ihr Hochzeitstag.

Der Tod! Nein — dagegen schrie doch auch ihre blühende Jugend, ihr gesundes Blut empörte sich. Wenn du eine Schuld auf dich geladen hast, so trage sie bis zum Ende!

Und sie sah ihn wieder im Geiste vor sich, wie sie ihn morgen sehen würde. Mit den glücklichen Augen, aus denen die Liebe lachte. Sie hörte seine Stimme, die so männlich und so zärtlich klang: ‚Meine Helene! Meine Helene!‘

Es war eine Fügung. Alles ist Fügung, muß als Fügung genommen werden.

Das Herz wurde ruhiger. Eine stille Ergebung kam über sie. Leise sprach sie vor sich hin: ‚Ich hab ihn gern ... ich möchte ihn recht liebhaben. Ich will immer gut zu ihm sein. Immer gut und dankbar für seine große Liebe ...‘

Sie sah geradeaus zum Fenster, hinter dem es nun hell geworden war. Ein einzelner Sonnenstrahl kam. Schmal nur, aber goldig leuchtend glitt er ins Zimmer, bis zu ihr hin, wie der erste Gruß des jungen Tages. Ihres Hochzeitstages.

Nur ein kleiner Kreis war bei der Feier zugegen. Gastons Vater war durch die Sperrung der süddeutschen Bahnen am Kommen verhindert. Er war nur bis Basel gelangt und konnte nur von dort aus telegraphisch seine Glück- und Segenswünsche senden. Aber daß ein anderer sich unter den wenigen Gästen befand, rührte Helene tief. Der alte Heckstein war von Frankfurt aus mit der Extrapost gekommen. Sie sah ihn erst, als sie am Arm ihres Mannes aus der Kirche schritt. Unter Tränen lächelte er ihr zu: „Leneken, ich mußte dir doch für unser ganzes Rohlbeck die Glückwünsche bringen. Gottes Segen sei mit dir und mit deinem Mann.“

Eine stille blasse Braut war sie. Doch laut und fest hatte ihr Ja durch das Gotteshaus geklungen.

Als sie aus der Kirche traten, sah Gaston sie glücklich an: „Meine Helene! Wie danke ich dir.“

Und als der kleine Kreis dann bei dem einfachen Festmahl saß, das Martha gerüstet hatte, sagte Tante Oschitz leise zu Wilhelm: „Daß Helene schön ist, hab ich immer gewußt. Daß sie so schön aussehen könnte wie heut mit dem Myrtenkranz — das hätt’ ich doch nicht geglaubt. Wenn mein armer lieber Harro sie so gesehen hätte.“

Ruhig und rührend sanft erschien Helene.

Nur als Gaston ihr ein leises Zeichen gab, zuckte sie ein wenig zusammen. Aber sie erhob sich sofort.

Gaston hatte das mit Wilhelms besprochen: „Ich muß heut abend in das Kantonnement zurück. Laßt sie mir ein paar kurze Stunden und macht kein Aufhebens, wenn wir aufbrechen.“

So nahmen sich alle zusammen. Selbst die Jungens. Die lauschten freilich gerade auf den lebhaften Disput, der sich zwischen Tante Marianne und dem Onkel Pastor angeknüpft hatte über die Gottlosigkeit des Krieges. Onkel Pastor war doch ein streitbarer Mann.

Martha ging mit dem jungen Paar hinaus, half Helene beim Umkleiden. Und dann kam Omama noch auf einen Augenblick auf den Flur, küßte die Tochter, tätschelte mit ihrer welken Hand Gastons Wange: „Seid gut miteinander ... und kommt recht gesund von der Hochzeitsreise zurück, ihr Kinder.“ Sie hatte längst vergessen, daß Merivaux in den Krieg ging, hatte es wohl nie recht begriffen. —

Es war spät am Abend, als Helene heimkam.

Bis vor die Tür hatte sie Gaston gebracht. Im Hausflur umarmte er sie noch einmal, küßte sie leidenschaftlich. „Meine geliebte Frau!“ Ein paar Augenblicke ruhte sie weinend an seiner Brust. „Gott schütze dich, Gaston!“

Dann riß er sich los.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf; schloß die Tür auf.

Martha, die an alles dachte, alles überlegte, hatte auch das so gewollt: es sollte niemand auf die junge Frau warten. Sie hatte es auch eingerichtet, daß Helene nun ihr Zimmer für sich bewohnte.

Auf dem Flur brannte die Lampe. Sie nahm sie, ging in ihr Zimmer, stellte sie beiseite.

Da lag noch ihr Brautkleid und all der bräutliche Schmuck.

Lange stand sie davor, in tiefem Sinnen, mit gefalteten Händen. Es war ihr alles wie ein Traum.

Sie nahm den Myrtenkranz, ließ ihn langsam, zärtlich durch die Finger gleiten. Leise sprach sie ihren Hochzeitsspruch vor sich hin: „... und hättet der Liebe nicht.“ — „Gott schütze dich, Gaston.“

Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!

Der Conte war in Berlin, Graf Grucker. Kam auch zu Wilhelms oder eigentlich zu der jungen Frau, die immer sein Liebling gewesen war. In Johanniteruniform, gestiefelt und gespornt, feldzugsgemäß, aber mit einem Riesenstrauß in der Rechten und einer massigen silbernen Bowle unter dem linken Arm. „Meine Hochachtung, Leneken. Da, nimm mal erst. Und nu’n Schmatz. Hast du brav gemacht. Na, wer war nur der Prophete? Wer hat dir gesagt: Leneken, der Neuchateller! Besinn dich man: zwischen der Schnapstheke und Madame Hufnagel. Da ... die Blumen vor’s Herz un den Kübel für’n Hausstand. Der Artenau, der Stickereimajor, die Dusche, kann euch die Rezepte dazu geben.“

Schwer ließ er sich in den nächsten Stuhl fallen. „Sind das Zeiten! Was, Wilhelm? Da ist der Manteuffel in Holstein eingerückt, und der Gablentz hat mit seinen Österreichern das Feld geräumt. Na, schön ... aber weißt du’s Neueste? Österreich hat gestern die Bundesexekution gegen Preußen beantragt. Scheußliche Geschichte! Wenn man so denkt, der janze deutsche Bund gegen Preußen! Bruderkrieg! Bruderkrieg!“

Weit streckte er die Riesenstiefel von sich: „Und, Wilhelm, unsre Alliance mit den italienischen Revolutionären von Mazzinis Gnaden ... brrr ... ’s geht einem doch höllisch contre cœur. Da hat man nu fünfzig Jahre und so die Fahne hochgehalten gegen den Umsturz ... ja ... und nu soll man sich mit ’n Male umkrempeln. Immer hat man’s mit Österreich gehalten, auch wenn se uns mal schlecht behandelt haben — das haben se manchmal — und nu heißt’s: linksum kehrt! Wenn das der alte Rittmeister erlebt hätte!“

Mit einem Male stand er wieder auf den Beinen, straff, zog den Uniformrock herunter. „Der König hat’s befohlen. Wird wohl nicht anders gegangen sein. Und gut ist’s schon, daß die Schwadronneure ’mal ’s Maul halten müssen. Ich sage euch, draußen in der Mark gilt wieder der alte Preußenruf: Mit Gott, für König und Vaterland! Na, Leneken, Mädel ... pardon! ... junge Frau, was machst du denn für’n ernstes Gesicht?“

„Ach — Onkel Grucker —“

„Paperlapapp! Warst doch immer ’n tapferes Frauenzimmerchen. Jede Kugel, die trifft ja nicht. Un was so’n richtiges märkisches Mädel ist, das beißt die Zähne zusammen, wenn der Herzallerliebste in’n Krieg muß. Pflicht — einfach Pflicht! Ich muß ja auch auf’n Kriegsschauplatz. Na wart ’mal, wenn ich deinem Mann begegne, werd’ ich ’n grüßen. Weißt du, was ich ’m sage: Monsieur de Merivaux. Sie sein ein janz verfluchtigter Schwerenöter. Aber Sie haben einen janz exzellenten Geschmack! Hol mich dieser und jener — meine Hochachtung!“ — —

Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!

‚Was geht mich die Politik an? Was geht mich die Zeitung an?‘ hatte Helene sonst gedacht. Nun harrte und wartete sie, mit den Jungens, die ganz rabiat geworden waren, um die Wette auf die alte verhuzelte Zeitungsfrau, kämpfte mit Hans und Thede jedesmal einen kleinen Kampf um das erste Blatt.

Die Preußen in Hannover. Die Preußen in Dresden. Der alte deutsche Bund nach Preußens Erklärung aufgelöst. Und dann der herrliche Aufruf des Königs „An mein Volk“ — ganz wie Vater so oft von Anno dreizehn erzählt hatte — mit den verheißungsvollen Schlußworten: „Verleiht uns Gott den Sieg, dann werden wir auch stark genug sein, das lose Band, welches die deutschen Lande mehr dem Namen als der Tat nach zusammenhielt, in anderer Gestalt fester und heilvoller zu erneuern!“

Spärlich kamen die Nachrichten von Gaston. Er hatte es vorausgesagt: „Ich werde so oft schreiben, wie ich kann. Aber sorge dich nicht, wenn einmal die Briefe ausbleiben.“

Spärlich kamen die Briefe, und sie waren kurz. Aber immer wieder stand es in ihnen: „Meine geliebte Frau!“

Als sie das zum ersten Male las, war ihr das Blut jäh in die Wangen gestiegen. Und jedesmal, wenn wieder ein Brief kam, flüchtete sie in irgendeine stille Ecke der Wohnung, daß niemand sie beobachten konnte. Und jedesmal sann und sann sie, lange, über dem Brief — und über sich selber.

Zum Altar war sie geschritten mit mühsam errungener Selbstbeherrschung; aufrecht gehalten durch den Gedanken an seine große, geduldige, nachsichtige Liebe, und doch mit quälendem Vorwurf im Herzen.

Nun war das alles ganz anders —

Der Sturmesrausch, den sie einst erträumt, der freilich war nicht gekommen. Nicht das Gefühl höchster Seligkeit, nicht die Wonne und Glut der Leidenschaft. Aber eine sanfte dankbare Zärtlichkeit füllte ihr Herz.

Hans und Thede hatten eine große Karte des Kriegsschauplatzes mitgebracht. Da verfolgten sie zu dritt nach den Zeitungsnachrichten und auch nach Gastons Briefen die Stellung der Truppen, so gut es eben ging, und nicht zuletzt suchten die Jungens nach jedem Quartier der Gardeschützen.

Sein letzter Brief kam aus Haindorf, dicht an der böhmischen Grenze: „Heut ritt der Kronprinz an uns vorüber. Die Schützen jubelten ihm zu. Übermorgen geht’s, hoffen wir, nach Österreich hinein. Sorge Dich nicht, meine geliebte Frau. Gott wird mich schützen. Vive le roi!“

Mit der Morgenpost war der Brief gekommen. Gegen Mittag stürzte Wilhelm die Treppe hinauf. Er hatte die Wache aufziehen lassen, war in Paradeuniform. Kaum im Zimmer, riß er die Schärpe herunter: „Martha, wir haben eine große Schlacht verloren!“ Die hellen Tränen liefen ihm über die Wangen. „Man weiß noch nichts Näheres. Aber es ist Tatsache. Eine große Schlacht! Die arme Armee! Der arme König!“

Er war in völliger Verzweiflung, aufgelöst, fast besinnungslos. Rannte im Zimmer auf und ab. „Eine große Schlacht verloren! Wie wird das nun werden! Wenn das Vater erlebt hätte.“ Vergeblich suchte Martha ihn zu beruhigen. „Gut, daß die Jungens noch nicht größer sind. Daß sie noch nicht ganz verstehen können, was wir verspielt haben.“

Auf Helene achteten sie nicht.

Sie stand an der Wand, mußte sich fest anlehnen, hatte die Hände vor die Brust gepreßt, und alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.

Sie dachte nicht an die verlorene Schlacht, sie hörte nicht mehr, was der Bruder in seiner maßlosen Erregung sagte. Nur an Gaston dachte sie. Und plötzlich kam aus Angst und Sorge die Sehnsucht über sie.

Sie sah ihn vor sich in Not und Gefahr. Sie meinte ihn stürzen zu sehen, von Blut überströmt — die Feinde brachen über ihn herein, er lag unter Rossehufen —

Da schrie sie jäh auf: „Gaston!“ — —

Es war ein böser Abend, der Abend des 28. Juni. Wilhelm ging noch einmal in die Stadt, um Nachrichten einzuholen. Aber niemand wußte etwas Bestimmtes. Nur unklare Gerüchte schwirrten. Vergeblich umlagerte die Masse die Zeitungsredaktionen. Im Kriegsministerium zuckte man die Achseln. Ein höherer Offizier, den Wilhelm traf, lachte ihn aus: „Unsinn! Wir haben die besten Nachrichten. Der Kronprinz hat die böhmischen Pässe schon überschritten.“ Ein anderer sprach von einem unentschiedenen Gefecht gegen die hannöversche Armee, die sich nach dem Süden durchschlagen wollte.

Als er endlich heimkam, war Helene ruhiger geworden. Aber ihre Augen schienen von seinen Lippen ablesen zu wollen, was er für Nachricht brächte. Er hatte sich nun schon selber bezwungen, ärgerte sich über sein hitziges Temperament, das ihn immer alles pechschwarz oder rosenrot sehen ließ, versuchte zu scherzen. Aber da bat sie, mit erhobenen Händen: „Bitte — bitte — nein!“

**
*

Am nächsten Vormittag lachte die Siegessonne über Berlin. Die Glocken läuteten. Die Jungens kamen glückstrahlend heim: die Schule war geschlossen worden auf die Siegeskunde von allen Seiten: von Nachod und Soor und Alt-Rognitz und Königinhof. Genug des Triumphes, um die übertriebenen Gerüchte von gestern, die die Schläge von Trautenau und Langensalza zu schweren Niederlagen gestempelt, vergessen zu machen.

Die Siegessonne lachte über Berlin.

Helene stand am Fenster und sah, wie auf allen Häusern die schwarzweißen Fahnen aufstiegen. Drüben am Rotherschen Stift vor der Anschlagsäule drängte sich das Volk um die Depeschen. An der Brücke stand ein langer Tisch, ein paar Bürger dahinter, mit großen schwarzweißen Kokarden an den Zylinderhüten und Sammelbüchsen in den Händen: „Für unsere tapferen Krieger.“

Die Siegessonne leuchtete über Berlin. Wie Jauchzen und Jubeln klang es von fern her. Und dann und wann, wenn wieder ein Packen Extrablätter unter die Masse vor der Litfaßsäule flog, brach dort ein brausendes Hurrarufen aus.

Die Siegessonne lachte über ganz Preußen. Auch über die Hunderttausende, die sich um Vater, Mann oder Kind härmten.

An Vater dachte Helene, an den alten Rittmeister, und was der ihr wohl gesagt hätte: ‚... das heißt, mein Lenchen, in solchen Stunden kann die Frau erst zeigen, was sie wert ist. Fünf Brüder gingen wir Anno dreizehn ins Feld, zwei kamen wir nur zurück. Aber meine Mutter hat nicht gejammert und geflennt. Wenn sie von den Brüdern sprach, hat sie immer nur gesagt: Sie starben für König und Vaterland den Heldentod.‘ — —

Unruhige Zeiten! Glückliche Zeiten!

Wieder klangen die Glocken. Die hannöversche Armee war zur Kapitulation gezwungen, und während der König auf den Kriegsschauplatz eilte, brach Prinz Friedrich Karl den heldenmütigen Widerstand der Österreicher und Sachsen bei Gitschin.

Wieder jubelte Berlin. Und wieder harrten und härmten sich Hunderttausende um Väter, Gatten, Brüder, Söhne.

Eine kurze Zeile nur hatte Helene erhalten, mit Bleistift beim Biwakfeuer geschrieben: „Bin gesund und denke Dein in Liebe und Sehnsucht. Gaston.“ In unaussprechlichem Dankgefühl schlossen sich ihre Hände um das kleine Blatt. — — —

„Der Gouverneur soll Viktoria schießen.“

Die Schlacht bei Königgrätz war geschlagen. Das tapfere österreichische Heer im vollen Rückzug.

Und fast zugleich trafen die ersten Verlustlisten ein. Vereinzelte Zeitungsnachrichten zuerst, vereinzelte Anzeigen der Regimenter, und dann, dann die große Liste, Truppenteil an Truppenteil, Name an Name gereiht. Lang, endlos lang war sie und trug die Trauer über das jubelnde Land.

Auf den Bahnhöfen kamen die ersten Verwundeten an. In die hellen Sommerkleider auf den Straßen mischte sich das Schwarz. Neben die siegesfrohen Gesichter traten die tränendurchfurchten.

Wieder wie achtzehnhundertvierundsechzig ging Martha an den Leinenschrank, saß und zupfte Scharpie, Fädchen auf Fädchen. Und Helene saß dabei, die Linnenstreifen in der untätigen Hand, zwang sich, geduldig zu scheinen und ruhig, und bebte doch in harrender Erregung. Dann brachten die Jungens Zeitungsblätter, und sie durchflog Spalte um Spalte mit fiebrigen Augen. Wilhelm kam von vergeblichen Erkundigungsgängen heim, war selber beunruhigt; auch um Fritz, der bei den Fünfunddreißigern mitgekämpft hatte. Schlecht und ungeschickt verbarg er die eigene Sorge.

Es konnte ja nur ein gutes Anzeichen sein, daß keine Nachricht da war. Ja, doch! Ja, doch! Es konnte —

Man muß Geduld haben. Es geht Zehntausenden nicht anders als uns. Ja, doch! Ja, doch! Aber sie härmen sich auch wie wir —

„Du mußt bedenken, liebe Helene, wie schlecht die Verbindungen in solchen Tagen sind.“ — „Ja, doch — ja, doch —“

Dann schellte es draußen im Flur. Der Briefträger —

Und wieder, wieder brachte er keine Nachricht. Drucksachen, Umschläge mit gleichgültigen Geschäftsadressen — keinen Feldpostbrief!

Der dritte, der vierte Tag, nachdem die Geschütze mit donnerndem Salut den großen Sieg gekündet — und keine Nachricht!

‚Ich will eine tapfere Soldatenfrau sein!‘ rief Helene sich immer wieder zu. Aber dann versagte plötzlich die Kraft, der Kopf sank vornüber, sie schluchzte auf.

Martha legte den Leinwandstreifen zur Seite, beugte sich zärtlich über sie, strich sanft über das rostbraune Haar: „Mein Schwesterchen! Morgen! Morgen gewiß! Nur Gottvertrauen und Mut! ... Siehst du, wie lieb du deinen Gaston hast!“

Mit todtraurigen Augen schaute Helene auf: „Vielleicht liegt er hilflos irgendwo ... in einer elenden Hütte ... und ich kann nicht bei ihm sein ... kann ihm nichts sein! Die erbarmungslose Untätigkeit! Martha, ich ertrag’s nicht!“

Und Martha nahm ihre Hände, sprach ihr gut zu, fühlte, wie vergeblich Worte waren, und dachte doch immer: ‚wie lieb sie ihn nun hat ... wie lieb sie ihn nun hat ...‘

Am Abend saß Omama an ihrem Traumfenster, sah auf den mondüberströmten Rotherschen Garten hinaus und sprach sich mit ihrer zittrigen Stimme ein Lied von Anno dreizehn vor, wie sie nun eins nach dem andern in diesen Tagen in ihr aufstiegen: „... wie glühen dann die Herzen — so froh und stark und weich! Wer fällt, der kann’s verschmerzen — Der hat das Himmelreich!“

Plötzlich kniete Helene neben ihr, umklammerte ihre Knie, bat: „Hör auf, Mutter, hör’ auf!“

Die Greisin schüttelte verwundert den Kopf. „Aber Kind ... es ist doch ein sehr schönes, gutes Gedicht ... ‚Der hat das Himmelreich!‘“

„Ach, Mutter —“ und Helene warf den Kopf in Omamas Schoß. „Ich kann’s nicht hören!“

Endlos die bangen Nächte.

Helene lag und rang die Hände: „Erbarme dich, lieber Gott, laß ihn mir!“ Übersann, wieder und wieder, jede Stunde des Zusammenseins mit ihm: wie gut, wie geduldig er immer gewesen, wie er nimmer ermüdend um ihre Liebe geworben. Sie sah seine traurigen Augen, sah seine Augen im Glück, fühlte seine Lippen auf ihrem Munde.

„Erbarme dich, lieber Gott, laß ihn mir!“

An jene Nacht vor der Hochzeit dachte sie zurück, an ihre Kämpfe, an ihre Verzweiflung. Und nun stand das alles vor ihr, als ob sie schlecht gewesen wäre. Undankbar gegen ihn und ungerecht! Gefallsüchtig heut — kalt und herzlos morgen! Gespielt hatte sie mit ihm! Nicht Vertrauen mit Vertrauen vergolten!

„Allmächtiger Gott, erbarm dich, laß ihn mir! Daß ich gut machen kann!“ — — —

Wieder kam der Tag.

Da stürmte plötzlich Hans herauf, jubelte, schwenkte einen Brief in der Hand: „Tante Helene! Tante Helene!“

Das Herz wollte ihr stillstehen. Ein einziger Laut rang sich von ihren Lippen.

Und sie riß den Brief an sich, barg ihn zwischen den Händen, küßte ihn unter heißen Glückstränen.

Der große Junge stand daneben, wischte sich die Augen, wartete eine lange Weile, wehrte sich gegen die eigene Rührung, ließ dann die Tränen kullern, wie sie wollten, räusperte sich. Bis er endlich doch bat: „So lies doch, Tante Helene.“

Da sah sie ihn an mit feuchten Augen, schlang den Arm um ihn, küßte ihn zärtlich —

... und dann las sie.

Wie ein Kind fast, zusammengekauert, saß sie auf dem Sessel, hielt den einen Briefbogen zwischen den Händen, die noch immer bebten, hatte den zweiten auf dem Schoß. Las mit fliegender Hast und überlas dann jede Seite gleich noch einmal. Das Blut kam und ging in dem schönen Gesicht.

Einmal gleich im Anfang sagte sie, hochaufatmend, aber ohne aufzusehen, sehr eilig: „Gesund, Hans —“ Las wieder ein paar der eng mit Bleistift beschriebenen Seiten weiter, blätterte zurück: „Am 3. abends — Herr Gott, wie langsam der Brief ging!“ Sah auf einen kurzen Moment auf, nickte Hans mit glückstrahlenden Augen zu, nahm den zweiten Bogen auf.

„Das muß ich dir aber doch vorlesen, Hans —“

„... wir wollten — so gegen vier Uhr — die jenseits Leipa eroberte Batterie verlassen, da kam der König mit seiner Suite angeritten, Bismarck und Moltke waren auch dabei. Alles brach in lauten Jubel aus, unsere Schützen waren gar nicht mehr zu halten. Wir stürzten auf den König los, wer zunächst war, faßte seine Hand und küßte sie. Stell Dir das vor, ma chérie, noch mitten im Kanonendonner, unter Hurrarufen, das gar nicht enden wollte. Seine Majestät sahen sehr ernst aus, aber so mild, so gütig. Und denk’ Dir, plötzlich erkannte er mich. Er winkte mir zu und grüßte: „Bonjour, Merivaux.“ Da hab ich in den Kanonendonner hinein, recht aus voller Brust, gejubelt: „Vive le roi! Vive le roi!“ Wie ich’s als Kind von meinem Vater gelernt hatte. Da lächelte der König ...“

Weiter las sie, blätterte zurück, las wieder.

Las dann noch einmal halblaut: „Jetzt liegen wir im bivouac. Ich schreib dies schon in der Dämmerung. Gerade klang die Retraite über das Schlachtfeld und der Choral ‚Nun danket alle Gott‘. Wir alle haben mitgesungen.“

Und dann verstummte sie. Das brauchte der Junge doch nicht zu hören, all die Zärtlichkeit, die Liebesworte der letzten Zeilen, all die Sehnsucht, die ihr entgegenklang — — —

Aber sie sprang auf, lief durch die ganze Wohnung. Nun sollten es alle wissen. Von einem lief sie zum andern, küßte Omama, umhalste Martha. Immer wie ein jubelndes Kind und immer mit Glückstränen in den Wimpern.

Am Nachmittag ließ sich Frau Harriers-Wippern melden.

Mit ausgebreiteten Armen kam sie auf Helene zu: „Ich brauch’ ja nicht zu fragen! Das Glück steht Ihnen auf dem Gesicht geschrieben, Frau von Merivaux. Aber gratulieren will ich — recht von Herzen! Sie haben sicher die besten Nachrichten.“ Und sie küßte Helene auf beide Wangen.

Dann wurde sie rot: „Übrigens muß ich gestehen, ich komme eigentlich nicht nur, um zu gratulieren. Ich komme mit einer Bitte ... Was Sie immer für sonderbare Augen machen können, Frau von Merivaux! Ganz andere Augen als andere Menschen. Ja, also, um mit der Tür ins Haus zu fallen: Sie sollen mit mir in einem Konzert singen.“

Helene erschrak. Aber Frau Harriers ließ sie gar nicht zu Worte kommen: „In einem Konzert zum Besten unserer Tapfern, unserer Verwundeten! Da können Sie doch gar nicht nein sagen! ... Aber da stehen in Ihren Augen schon wieder alle möglichen Fragen — immer kann man’s in Ihren Augen lesen, was Sie denken. Warum ich gerade zu Ihnen komme? Erstens weil ich so ziemlich die einzige Sängerin von einigem Renommee bin, die in Berlin geblieben ist, die sogenannten ersten Kräfte also mangeln. Hauptsächlich aber — werden Sie nur ganz nach Belieben rot! — weil ich Sie wenigstens einmal herausbringen möchte. Also aus reiner elender Lehrerinneneitelkeit.“ Sie lachte fröhlich. „Nun?“

„Es ist ... es kommt so plötzlich ...“

„Das Gute kommt meist plötzlich. Übrigens hab ich alles vorbedacht. Wir haben acht Tage Zeit. Ihre Hand, liebe Helene, was zögern Sie? Nicht wahr, Sie wollen?“

Da sagte Helene rasch: „Ja, ich will!“

Nachher gereute es sie ein wenig. Hatte sie nicht zu schnell zugesagt? Ob es Gaston auch recht sein würde? Es war ja für die Verwundeten! Ob sie’s auch gut machen würde?

Aber all die Bedenken gingen unter in dem großen Glücksempfinden, das sie heut erfüllte.

Das Konzert — nun dachte sie kaum noch an das Konzert und an ihre Zusage. Sie saß und schrieb einen langen Brief an Gaston. Ganz anders, als sie bisher an ihn geschrieben. Ohne die Worte zu überlegen, ohne zu wägen. Nur wissen sollte er, wie selig sie war, wissen, wie sie sich nach ihm sehnte, wissen — wissen, daß sie ihn liebte!

Selbst trug sie den Brief zur Post. ‚Nein! Ich trag ihn lieber zum Anhalter Bahnhof — dann kommt er schneller in Gastons Hände.‘ Und sie ging zum ersten Male seit Tagen durch die Straßen, die noch im Siegesschmuck lagen. Immer hatte sie ja zu Haus gesessen — gewartet — gewartet —

Alles sah sie erst jetzt. Die Fahnen und die Girlanden. An der altersgrauen Stadtmauer ging sie entlang und mußte lachen. Da hatten die Berliner Rangen winzig kleine Löcher durch die zermürbten Steine gestoßen, und darum stand: „Hier zieht Benedeck in Berlin ein!!!“ Stand in Kreideschrift im Halbkreis herum mit drei Ausrufungszeichen dahinter.

Plötzlich fiel ihr ein: ‚Tante Oschitz! Jetzt gehst du noch zu Tante Marianne. Die muß doch Nachricht haben.‘ Aller Welt hätte sie zujubeln mögen, wie glücklich sie war.

Und sie ging weiter, über den Potsdamer Platz, durch die Bellevuestraße, am Tiergartensaum entlang. Dachte: da drüben am Goldfischteich hat Gaston zum erstenmal von unserem Hochzeitstag gesprochen. Lachte in sich hinein, wie hilflos sie damals gewesen. Lief wie ein Kind durch den Vorgarten der Stillen Insel, fiel Tante Marianne um den Hals: „Ich hab einen Brief. Mein Gaston ist gesund!“ War glücklich, daß die Greisin sich mit ihr freute. Weinte wie Kinder weinen, als Tante Marianne sie vor das große Bild Harros führte, das sie von Professor Richter hatte malen lassen. „Ach, Harro — unser guter lieber Harro!“ Und hatte, als sie die Stille Insel verlassen, doch nur wieder das eine Glücksgefühl im Herzen und nur den einen Gedanken an Gaston.

**
*

Das Konzert fand in der Singakademie statt. Frau Harriers-Wippern hatte nachträglich noch zwei, trotz der Ferien zufällig in Berlin anwesende Mitglieder des Königlichen Opernhauses gewonnen, den Bassisten Salomon und Fräulein Horina. Für Helene waren drei Nummern reserviert.

Ein wenig befangen war Helene doch.

Als am Morgen die Jungens jubelten: „Tante Helene steht an den Litfaßsäulen! Tante Helene steht in der ‚Kreuzzeitung‘!“ war sie rot wie ein Schulmädchen geworden. Und als sie mit Martha zur Singakademie fuhr, hatte sie eine unheimliche Empfindung im Kehlkopf: ‚Du wirst ja keinen Ton herausbringen können.‘ Auch der Zuspruch von Frau Harriers half nicht viel. Einmal lugte sie in den überfüllten Zuschauerraum: sie sah nur eine Masse Menschen die wie ins Dunkle getaucht schien.

Schon klang die Ouvertüre zu „Struensee“ auf.

Im Konversationszimmer stand der Baumeister Harriers neben Helene, hatte eine halbe Flasche Champagner in der Hand und sagte gutmütig lächelnd: „Ich kenn’ das von meiner Frau. Die hat heut noch manchmal Lampenfieber. Dann hilft nur ein Glas Champagner.“ Sie wehrte wortlos ab — und dann stürzte sie doch ein Glas herunter.

Draußen sang gerade Fräulein Horina ...

Dann hieß es: „Die vierte Nummer! Frau von Merivaux — bitte!“

Helene stand auf dem Podium. Im hellen Licht.

Sie mußte überraschend schön wirken in ihrem Brautkleid, zu dem sie ein paar mattblaue Schleifen genommen hatte und einen Kranz von weißen Rosen in das rostbraune Haar. Vielleicht hatte es sich herumgesprochen, daß die neue Erscheinung, die Schülerin der gefeierten Frau Harriers, die jungvermählte Gattin eines Offiziers sei, der im Felde stand. Vielleicht war’s auch nur Neugier. Es ging ein leises Rauschen durch den Zuschauerraum.

Einen Moment stand sie noch in Verwirrung. Verneigte sich tief.

Nun klangen die ersten Akkorde —

Da war ihre Befangenheit plötzlich verschwunden, mit einem Male. Sie setzte ein.

Das Uhlandsche Lied sang sie, nach der Komposition von Franz Schubert:

„Die linden Lüfte sind erwacht,

Sie säuseln und weben Tag und Nacht —“

Es war merkwürdig, sie staunte selbst. Noch nie vielleicht war sie so gut disponiert gewesen wie im diesen Augenblicken. Sie fühlte, wie sie ihr Organ meisterte, wie es sich ihrem Willen fügte gleich einem gehorsamen Instrument. Fühlte, wie sie von Atemzug zu Atemzug freier wurde, wie ihre Stimme sich immer weiter entfaltete —

„Es blüht das tiefste, tiefste Tal,

Nun armes Herz vergiß der Qual,

Nun muß sich alles, alles wenden.“

Rauschender Beifall tönte herauf, als sie geendet. Und plötzlich, während sie sich verneigte, kam wieder die große Verwirrung über sie. Keine Angst, aber etwas Beschämung.

Noch immer wollte der Beifall nicht aufhören. Noch einmal mußte sie sich verneigen.

Aber als sie sich nun wieder aufrichtete und sich zurückziehen wollte, unterschied sie zum ersten Male in der vordersten Reihe ein paar bekannte Gesichter. Omama neben Wilhelm — Martha —

Aber wer war denn das? Zwischen Mutter und der Schwägerin?

Kantor Flehr saß da mit den gefalteten Händen im Schoß, die blauen Augen leuchteten aus dem lederfarbenen Gesicht wie in Entzückung zu ihr hinüber —

Das war sicher Marthas Werk! Keine größere Freude hätte sie ihr an diesem Abend bereiten können! Und sie neigte sich zum drittenmal und nickte ihm zu, nur ihm unter all den Hunderten.

„Das haben Sie brav gemacht, Helene“, meinte dann Frau Harriers. „Brav ist eigentlich zu wenig. Es soll auch nur den Zoll für Ihre Tapferkeit ausdrücken. Wenn ich so an mein erstes Debüt zurückdenke — wie eine Heldin haben Sie sich benommen! Aber sagen Sie, wer ist denn der alte wunderliche Mann neben Ihrer Frau Schwägerin, der Sie angestaunt hat wie ein Wunder —“

„Mein erster Lehrer —“

„Der alte Kantor, von dem Sie mir so oft erzählt haben? Den muß ich kennen lernen. Den bringen Sie mir morgen, und ich will ihm ganz allein alles aus seinem geliebten Mozart vorsingen, was er nur hören mag.“

Es war eine seltsam frohe Stimmung über Helene gekommen, seit sie den Alten gesehen und erkannt hatte. Wie ein lieber Grußbringer aus der märkischen Heimat erschien er ihr. Sie dachte zurück an ihre ersten Versuche bei ihm, dachte dankbar zurück an die entscheidende Stunde, in der er, der Schüchterne, so tapfer vor Vater um ihre Kunst gestritten hatte.

Und dann flogen ihre Gedanken wieder weit weg, nach dem Kriegsschauplatz, zu Gaston. Daß der heut hier fehlte! Wenn er unten gesessen hätte, sie gehört und den Beifall! Sie gehört und gesehen in dem weißen Kleide, das sie nun zum zweiten Male trug, mit so ganz, ganz anderen Empfindungen im Herzen, als damals — als damals —

„Frau von Merivaux!“

Sie sang das Lied der Prascovia aus Meyerbeers „Feldlager“. Wieder tönte der Beifall. Und ein großes Blumenarrangement stand plötzlich vor ihr auf dem Podium, ein mächtiger Korb mit Rosen, den die Kameraden von der Ersatzkompagnie der Gardeschützen geschickt hatten. Nun sah sie auch die wohlbekannten Uniformen unter den Zuschauern, und wieder dachte sie an den fernen Geliebten.

Noch einmal mußte sie auf das Podium.

Frau Harriers hatte darauf bestanden, daß sie das Mignonlied singen sollte. Sie hatte sich ein wenig gesträubt.

Jetzt, während sie das Lied sang, kam ihr die beseligende Empfindung: ‚Du singst es ja für Gaston‘ —

„Dahin! Dahin!

Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehen.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg ...“

Ihr war’s, als zöge sie mit ihm in sein Heimatland. Und ihre Stimme gewann, ihr ganz unbewußt, noch einen besonderen Klang, einen schwermutsvollen süßen Zauber.

Sie mußte das Lied wiederholen —

„Kennst du des Land, wo die Zitronen blühn,

Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?

Kennst du es wohl!

Dahin! Dahin!

Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehen!“

Dann stand draußen, während im Saal die Eroica-Sinfonie aufklang, die kleine Künstlerschar und umringte Helene. Frau Harriers schloß sie in die Arme: „Ich habe eben Taubert gesprochen. Er ist ganz hingerissen. Liebe Helene — vergessen Sie die Kunst nicht in Ihrem Glück.“

Fast dasselbe aber sagte nachher in seiner schüchternen, schlichten und doch ein wenig überschwenglichen Art der alte Kantor. Er faßte beide Hände Helenens, hielt sie andächtig in den seinen: „Daß ich das erlebe! Liebe, liebe gnädige Frau ... Wenn Sie so recht glücklich sind, dann denken Sie immer daran, daß Ihre Kunst das schönste Glück erhöhen und krönen kann ...“

**
*

Eine Woche noch, und es tauchten Gerüchte auf, daß im Hauptquartier des Königs, in Nikolsburg, über den Frieden verhandelt würde.

Gerade an dem Tage, an dem Helene die erste Zeitungsnotiz darüber las, schrieb Gaston aus Holleschin: „Auf dem Marsch gegen Wien.“ Es war die Antwort auf Helenes Brief. Er rechnete noch fest auf die Fortsetzung des Feldzuges, aber er schrieb kaum von Gefahren und Strapazen: immer wieder nur schrieb er von der Seligkeit, die Helenes Brief in ihm erweckt: „Das ist mein schönster Siegespreis!“

Friede!

Helene hatte bis zur letzten Minute nicht fest an ihn zu glauben gewagt. Sie hatte ihn erhofft, jede Nachricht mit zitternder Spannung verfolgt und doch immer wieder gezagt. Nun jauchzte ihr Herz.

Manchmal in diesen Tagen kam sie sich als recht schlechte Patriotin vor —

Bruder Fritz war bei Königgrätz leicht verwundet und als Rekonvaleszent zurückgekehrt, mußte noch liegen, hatte sich bei Wilhelms einquartiert, um seine völlige Herstellung abzuwarten. Denn dem groben Doktor Tiburtius in Stellberg traute er keine besonderen chirurgischen Künste zu.

Die Brüder saßen viel zusammen. Wilhelm war ein wenig stolz auf den verwundeten Bruder, klagte, daß er selbst beim Ersatz geblieben war, tat sich etwas darauf zugute, Fritz bei sich zu pflegen und zu hegen; ihm das Beste vorzusetzen, was der Keller hergab, und für seine Unterhaltung zu sorgen. Bis zur Stunde, wo Wilhelm aus dem Dienst kam, las Fritz sämtliche Berliner Zeitungen und war dann vollgesogen wie ein Schwamm. Sein sonnengebräuntes Gesicht lachte, wenn er Wilhelm und möglichst die ganze Familie an seinem Schmerzenslager versammelt sah.

Da hörte denn auch Helene, was Großes geschehen, welch Größeres in Aussicht stand für Preußen, für das deutsche Vaterland.

Fritz war noch immer der Mann der Politik. Aber der ‚rote Kreisrichter‘ war er nicht mehr. „Wir haben uns geirrt. Die besten von uns gestehen es offen ein. Wir haben vor allem Bismarck unrecht getan — und dem König. Wir haben uns geirrt — im ehrlichen Glauben. Aber nun heißt’s für uns, auch ehrlich die dargebotene Hand zu ergreifen. Der Konflikt muß begraben sein. Gottlob!“

Und er sprach weiter vom neuen Norddeutschen Bunde, und wie der nur die Vorstufe sei zu einem einigen Deutschland. Er sprach wehmütig vom Ausscheiden Österreichs aus dem Kreise der deutschen Staaten und von Bismarcks politischer Weisheit, die dem Donaustaat allzu schwere Opfer erspare; wohl in der Hoffnung, daß es dereinst auch mit ihm zu einer Versöhnung kommen möge. „Denn wir sind und bleiben deutsche Brüder!“ Und er sprach stolz von Preußens Machtzuwachs, daß nun die beiden Hälften der Monarchie verbunden seien, das Preußen mit Schleswig-Holstein den besten deutschen Kriegshafen gewonnen habe.

Helene hörte das alles: Sie freute sich auch darüber. Zumal, wenn es immer wieder hieß: „Wenn doch unser guter Vater das erlebt hätte!“

Aber sie schämte sich auch. Nein, eine gute Patriotin war sie nicht! Ihr Herz war so voll von dem einen, daß sich für alles andere nur wenig Raum fand. Beim besten Willen: der Norddeutsche Bund und die deutsche Einheit, die ließen sie im letzten Grunde gleichgültig. Sie hörte das alles, und sie dachte doch nur an Gaston.

Dann legte wohl Martha den Arm um den Nacken der jungen Frau und küßte sie wortlos auf die Stirn. Oder die alte Omama kam auf ihren Krückstock gestützt vom Fensterplatz herüber, schüttelte den Kopf, daß die schwarzen Schläfenlocken pendelten, und meinte: „Unsre Lene war eben immer ein kurioses Menschenkind ... ja ... aber ihr müßt wissen ... C’est l’amour! C’est l’amour! Ja, der Flehr ... übrigens etwas deplaciert kam ich mir doch neben ihm vor, neulich im Konzert ... ja, der Kantor hat auch gesagt: gelernt hätt’ die Lene wohl unglaublich viel, aber das allein tät’s doch nicht.“ Ganz leise kicherte sie noch einmal vor sich hin: „C’est l’amour! C’est l’amour.“ Und Helene wurde rot wie ein junges Mädchen. — — —

Wilhelm schmiedete schon neue Geschäftspläne. Er wollte mit einem Konsortium die Waffen der früheren hannöverschen und hessischen Truppen kaufen. „Ich stehe in Unterhandlung mit chilenischen und argentinischen Emissären — für Südamerika sind die alten Flinten noch wunderbar schön.“ Dabei rechnete er auf Heller und Pfennig heraus, daß er den Seinen ein riesiges Vermögen bei dem Geschäft gewinnen müsse. „Sobald ich entlassen bin, geh ich nach London, um abzuschließen!“

‚Arme Martha! Er ist und bleibt der unverbesserliche Phantast und Optimist.‘ Aber wenn Helene ihm in sein schönes, immer heiteres Gesicht sah, sein liebenswürdiges Lachen hörte, sagte sie sich wieder: ‚Bös kann man ihm doch nicht sein. Auch Martha nicht, wenn sie auch manchmal nicht leicht trägt. Im Grunde: die beiden passen trefflich zueinander.‘

Dann träumte sie weiter: ‚Wie werden wir beide wohl miteinander sein?‘ Und sie preßte die Hände aneinander, als ob sie etwas recht, recht fest halten wollte.

Oft dachte sie zurück an ihr innerstes Erleben. Nichts hätte sie missen mögen. Sie wußte nun: Durch Schmerz und Leid führte mein Weg zum Glück! Und sie wußte auch: ein Schößling, der schnell aufschießt, hält der Zeit selten stand; der langsam wachsende Baum aber wird stark und kräftig. So war ihre Liebe — — —

Berlin rüstete sich zum Empfang der Sieger.

Die Einzugsstraße Unter den Linden schmückten als schönste Zier die zweihundertneun eroberten Geschütze, von Viktorien unterbrochen, die auf goldenen Schildern die Namen der Schlachten und Gefechte trugen. Viktorien leiteten zur Schloßbrücke. Auf dem Lustgarten erhob sich der Altar mit der riesenhaften Borussia dahinter, umgeben von den Statuen der Hohenzollernherrscher. Flatternde Fahnen, Girlanden, Blumenschmuck allerorten —

Wilhelm hatte einige Fensterplätze im Zeughaus erhalten.

Hier stand Helene und sah über die wogenden Massen hinüber, auf die breite freie Straße, die die Sieger vom Brandenburger Tor her kommen mußten.

Von fernher klang der Jubel der Hunderttausende, kam näher, schwoll, wie Sturmesbrausen.

Der Zug nahte. Vorn die Generale, Bismarck und Moltke.

Der König dann, mit ihm der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, die Heerführer.

Drüben am Palais nahm der König Aufstellung, um seine Tapferen an sich vorüberziehen zu lassen.

Hochaufgerichtet saß der Kriegsherr im Sattel.

Und wie Helene ihn so sah, umbraust von Jubel, der sich immer und immer erneute, der nicht enden wollte und nicht enden konnte, da tauchte noch einmal ein seltsames Erinnerungsbild vor ihrer Seele auf.

Vor vier Jahren hatte sie ihn zum ersten Male gesehen, den greisen König, im Wagen, am Brandenburger Tor. Fast die einzige war sie damals gewesen, die sich vor ihm zum Gruß beugte. Als ob er die Liebe seines Volkes verloren hätte. Ernst hatte sein gütiges Auge über alle hinweggesehen, ernst und milde. Ja, auch er hatte sich die Liebe erobern müssen, in schwerem Ringen! Aber nun hielt er dort drüben, bei seinem großen Ahn, Friedrich dem Einzigen, und ein dankbares Volk jubelte ihm zu. Nun hatte er dieses Volkes Liebe für alle Zeiten —

Das Herz pochte, und in ihr war der große Jubel: Heil, König dir!

Mit einem Male, plötzlich, war sie wieder ganz die Tochter des alten Rittmeisters, die echte Märkerin, die leidenschaftliche Patriotin: ‚Heil, König dir!‘

Unten zogen die eroberten Fahnen durch die Ruhmesstraße.

Dann folgten, im endlos langen Zuge, die siegreichen Truppen. Die Musikchöre spielten. Immer aufs neue setzte der Jubel ein. Im Feldanzug kamen die Regimenter, mit Blumen bekränzt die Gewehre, die zerschossenen Helme. Im festen Tritt marschierten sie an dem Kriegsherrn vorüber —

Und nun spähte Helene mit Falkenblick. Schon von weitem sah sie die schwarzen Käppis der Schützen. Sah dann vor seinem Zuge ihn, Gaston. Sah ihn vor dem Könige salutierend den Degen senken, sah, wie sein Blick sich wandte, suchend, forschend, bis er sie fand. Und da erst dachte sie daran, daß neben ihr ein alter Herr stand, mit dem Roten Adlerorden im Aufschlag des schwarzen Rockes, ein alter Herr, der von weither gekommen war, den Sohn an diesem Tage zu grüßen und dem König sein „Vive le roi!“ zuzujubeln. Sie faßte seine Hand und sagte: „Vater — sieh — Gaston —“

Unten zogen die Truppen weiter. Regiment auf Regiment, Schwadron auf Schwadron, Batterie auf Batterie. Zogen über die Schloßbrücke zum Altar, der zu Füßen der Borussia errichtet war.

„Ein anderer wird morgen die Kompagnie zur Kaserne führen“, hatte Gaston gestern geschrieben. Aus dem letzten Quartier.

So wußte Helene, daß er kommen und sie finden würde.

Sie trat zurück vom Fenster, aus der Enge der Zuschauer, in den Saal. Niemand achtete auf sie. Unten zogen noch immer die Regimenter vorüber. Triumphmusik klang herauf und der brausende Jubel der Menge.

Sie wartete —

Und ihr Herz wurde weit. In ihr tönte der Text ihres Brautspruches wieder, und es war wie ein glückseliger Sphärenklang ... „Und hättet der Liebe nicht ...“

Am Eingang des Saales stand er, seine Augen suchten sie.

Da ging sie ihm entgegen — — —