Zehntes Kapitel

Als Helene nach Rohlbeck kam, war Vater bereits seit zwei Stunden verschieden. Ohne schweren Todeskampf war der alte Rittmeister hinübergegangen zu den ewigen Heerscharen. Martha führte die Schwägerin zu ihm. Er lag wie ein Schlafender auf seinem schmalen Bett. Auf dem Nachttisch standen zwei Lichter. Das Fenster des Sterbezimmers war geöffnet, nach altem märkischem Brauch. Die Kerzenflammen flackerten leicht in der Zugluft, und der wechselnde Reflex gab dem stillen Greisengesicht dann und wann den Schein des Lebens.

Helene warf sich am Bett auf die Knie, griff nach Vaters Hand, schrie auf, drückte den Kopf neben Vaters Haupt in das Kissen, schluchzte und weinte. Sie wollte nicht glauben, daß Vater tot wäre. Sie konnte überhaupt keinen Gedanken fassen. Zum erstenmal in ihrem Leben stand das große ewige Rätsel des Vergehens vor ihr, und ihr war’s, als müßten ihr Schmerz und ihr Flehen den Vater erwecken können, als müßte Gott sich erbarmen und ein Wunder tun.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte sie auch dann, als Martha sie mit sanfter Gewalt emporhob, als der alte Heckstein kam und, selber mit tränenden Augen, tief ergriffen, ihr milden Trost zuzusprechen suchte.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte ihre leidenschaftliche Seele, daß es einen Trost geben sollte für solchen Schmerz. Nicht fassen und nicht begreifen auch, wie ruhig und still die anderen waren. Mutter sogar. Die saß zwar am Fußende des Bettes, weinte dann und wann leise vor sich hin, aber sie fand doch Worte. Worte! Fragte, ob Wilhelm und Fritz benachrichtigt wären, ob das Läuten schon bestellt sei. Und Martha schaltete und waltete, dachte an alles, wollte Helene gar nachher drüben an den Kaffeetisch zwingen. Gott im Himmel! Hatten sie alle denn Vater so wenig lieb gehabt?

Die Jungens standen scheu, verstört, mit roten Augen. Sie riß sie an sich — die mußten doch mit ihr fühlen! Ja, die Tränen saßen ihnen locker. Aber nachher schlichen sie auf den Zehenspitzen zu ihren Kaffeetassen. Und drüben lag Vater, Großvater, der sie so sehr geliebt hatte!

„Martha! Martha, wie ist es denn nur möglich! Wie ist’s denn nur gekommen?“

„Du mußt ruhiger sein, Lene. Ehre Gottes Willen! Er hat unserem lieben Vater doch ein so langes Leben und einen so sanften Tod geschenkt!“

„Vater war so rüstig! Vater hätte noch zehn, zwanzig Jahre leben können. Martha, wie ist es gekommen?“

Da sagte es Martha.

Vater war ganz munter gewesen, hatte noch mit beiden Jungens selber die Posttasche geholt. Dann hatten sie um den runden Tisch gesessen, Vater bei der Zeitung —

Martha stockte ein wenig. Aber es war nur wie ein zögerndes Atemholen. „Vater hat sich vielleicht über etwas in der Zeitung geärgert, hat auch geschimpft. Aber dann ist er aufgestanden und ist auf und ab gegangen — du weißt ja, wie alle Tage. Mutter hatte die Familiennachrichten vor sich. Ich häkelte. Siehst du — und da kommt Vater mit einem Male zu Mamachen, beugt sich ein wenig über sie und sagt: ‚Ich weiß nicht, Elisabeth, ich weiß nicht, mir ist so komisch, das heißt —‘ und da fällt er auch schon vornüber. Grad, daß ich ihn noch auffangen konnte. Wir haben ihn gleich zu Bett gebracht. Der Hans ist zum Pastor gelaufen. Vater hat noch ein paar undeutliche Worte gesprochen, lag dann still. Da schrieb ich schnell an dich und hab an Wilhelm depeschiert und einen reitenden Boten nach Stellberg geschickt zu Fritz und zum Doktor —“

„Ja — ja — du hast an alles gedacht!“

„Das mußte ich doch, Helene. Wer sollte es denn sonst? Und dann ist Papa sanft hinübergeschlafen. Ich war zuletzt allein bei ihm und hab ihm die Lider zugedrückt.“

Helene hatte keine Träne mehr. Heiß brannten ihre Augen, aber der Tränenquell war versiegt. Sie starrte vor sich hin. Ja, sie waren alle so ruhig, waren alle so überlegt, so gefaßt. Als ob nur gerade ein Licht ausgelöscht wäre. Als ob nicht eine Lücke gerissen wäre in ihrer aller Leben, die sich nie, nie wieder füllen konnte. Nie — nie — nie —

In den nächsten Tagen, bis zur Beerdigung, ging sie umher wie eine Träumende. Und nur wie durch einen Schleier sah sie alles, was um sie her geschah.

Die Brüder kamen, standen mit gefalteten Händen an Vaters Bahre, hatten Tränen in den Augen, sprachen leise und gedämpft, saßen beieinander, küßten Mutter, beredeten allerlei mit Martha und Heckstein und Flehr. Martha brachte ein Trauerkleid: „Helene, du mußt verständig sein. Man darf sich auch dem tiefsten Schmerz nicht so leidenschaftlich hingeben.“

Onkel Ernst kam und mit ihm Merivaux. Er drückte ihr die Hände, sprach sanft und lieb, wollte sie küssen. Sie schrak zusammen und entwand sich ihm. Sah ihn an fast wie einen Fremden, neigte dann den Kopf, ließ es sich gefallen, daß er ihre Hände hielt —

Sie sah einen Wagen vorfahren, sah, wie der schwarze, florbespannte Sarg heruntergehoben wurde, und lief hinauf in ihr Zimmerchen, lief in dem hin und her, von einer Wand zur anderen, wohl eine Stunde lang.

So fand sie Wilhelm. Er fragte, ob sie denn Vater nicht noch einmal sehen wollte, ehe der Sarg geschlossen würde.

‚... ehe der Sarg geschlossen wird ...‘, klang es in ihr nach. Schrill und schneidend. Aber sie nickte, und da nahm sie der Bruder unter den Arm, stützte sie, sagte auch wie Martha: „Helene, du mußt verständig sein. Wir trauern doch alle um unseren guten Papa. Aber das Leben fordert seine Rechte. Man muß darüber hinfortzukommen suchen, und wenn es noch so schwer ist.“

Sie nickte wieder, aber verstanden hatte sie kaum, was Wilhelm sagte.

Dann, als sie draußen an der Treppe standen, begann er noch einmal, leise: „Sei gut zu Fritz. Der trägt’s am schwersten.“

Verständnislos sah sie ihn an, bewegte die Lippen. Er mochte es für eine Frage nehmen.

„Nun — er muß doch denken, daß Vater sich so aufgeregt hat, weil er sich bei der Ersatzwahl für den Kreis als fortschrittlicher Kandidat hat aufstellen lassen. Das hat Vater zuletzt in der Zeitung gelesen. Sei gut zu dem armen Fritz —“

Sie hauchte ein Ja, aber recht verstanden hatte sie das auch nicht. Vater! Vater! Sie haben ja alle nichts als Worte.

Und dann stand sie am offenen Sarge. Wie versteint zuerst. Sah auf das stille Greisengesicht, das ganz klein geworden schien, sah auf die weißen Locken, sah auf die wachsweißen Hände, zwischen die Martha ein Kreuzchen und einen kleinen Strauß blauer Vergißmeinnicht gelegt hatte.

Sah dann langsam im Kreise herum, auf die Ihren, die um den Sarg standen. Und sie sah zum ersten Male in all den Gesichtern den heiligen Ernst und den tiefen Schmerz, erkannte zum erstenmal, daß sie alle von der selben Trauer erfüllt waren, wie sie.

Ganz sacht ging sie zur Mutter hinüber, legte den Arm um ihre Schulter, küßte ihre Stirn. Trat an den Sarg — und da endlich kamen die Tränen. Sie lösten sich sanft, und sie konnte leise ein stilles Gebet sprechen.

Auch Heckstein stand am Sarge seines alten Freundes.

Als sie hinausgingen, lag Diana vor der Tür und winselte. Der Pfarrer beugte sich und klopfte dem Tier leise auf den Kopf, fast zärtlich: „Da reden die klugen dummen Menschen von der unverständigen Kreatur“, meinte er wehmütig und streichelte den Hund. „Kusch, Diana. Er hat dich auch lieb gehabt.“

Dann schob er seine Hand unter Helenes Arm: „Komm, Kind, wir wollen einmal durch den Garten gehen.“

Schweigend gingen sie bis zu den großen Kastanien, unter deren Schatten er mit dem alten Rittmeister so oft gewandelt war. Da bog er ein, drückte Helenes Arm: „Kind, sie haben mir erzählt, daß du wie von Sinnen bist. Das ist nicht recht von dir. Sieh mal, ich will dir nicht mit billigen Trostworten kommen und auch nicht mit Vorwürfen. Aber ich hab dich getauft und konfirmiert, da hab ich schon ein Recht, mit dir ein paar ernste Worte zu sprechen. Die Juden stellten Klageweiber an und zerrissen ihr Gewand und streuten Asche auf ihre Häupter. Wir Christen müssen und sollen den Tod anders anschauen. Er darf keinen Schrecken für uns haben. Uns ist er ja nichts als der Übergang aus der Weltlichkeit in die Ewigkeit. Und was könnten wir Schöneres wissen von einem geliebten Toten, denn: ihm ist wohl.“

Sie schritt neben ihm, mit tief gesenktem Kopf.

„Ich kenne dich ja, Helene“, sprach er weiter. „So warst du von klein auf: immer kochte es bei dir über, in der Freude und im Schmerz. Das Leben aber fordert ein Maßhalten. Du mußt dich beherrschen, auch grade jetzt. Denk’ nur daran, Kind, daß dein guter Vater nun nicht mehr ist. Denk’ mehr daran, wie lieb er dich gehabt hat. Ich kann’s dir sagen: du warst sein besonderer Liebling. Noch in den letzten Tagen hat er mit mir so manches über dich gesprochen, in Zärtlichkeit und auch in Sorgen. Aber die Sorgen hab ich ihm ausgeredet, und dann leuchteten seine schönen blauen Augen: ‚Mein Spätling!‘ sagte er.“

Ihre Hand bebte auf seinem Arm. „Onkel Pastor“, sagte sie ganz leise. „Ich hab Vater ja so sehr, so sehr liebgehabt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr. Aber nun quält mich der Vorwurf: ich bin nicht gut genug gegen ihn gewesen, ich bin nicht dankbar genug gewesen, ich — ich hab auch nicht das volle rechte Vertrauen zu ihm gehabt.“

„Kind, so mußt du nicht denken. Denk’ nur daran, daß du ihn liebgehabt hast. Das ist genug und ist alles. Das andere: liebes Kind, es ist wohl aller Eltern Los, daß ihnen ihre Liebe nie ganz vergolten wird. Ein Kind kann vielleicht Elternliebe und Elternsorgen nicht ganz vergelten, denn beide sind zu groß und zu unendlich. Aber danach fragen Elternherzen gar nicht. Die wollen nur wissen und fühlen, daß die Kinder sie liebhaben und gut tun in ihrem Sinn.“

Wieder sagte sie: „Ich hätte doch mehr Vertrauen zu Vater haben sollen.“

„Wenn Kinder groß werden, Helene, so gehen sie ihre eigenen Wege. Das ist nicht anders in der Welt und so vom lieben Gott gefügt. Es ist nicht nötig, daß sie dann jedesmal zu den Eltern kommen und fragen: bin ich auf dem rechten Pfad. Die Hauptsache ist, daß es vor ihrem eigenen Gewissen der rechte Weg ist.“

Schweigend gingen sie ein Stück weiter, wandten sich und schritten langsam zurück. Da begann Heckstein wieder: „Der Rackower war gestern bei mir, Helene. Deinetwegen. Du weißt schon, weshalb?“

„Ja, Onkel Pastor“, gab sie leise zurück.

„Es ist jetzt eigentlich nicht die Stunde, um dir Glück zu wünschen, mein Töchterchen. Aber ich denke, ich kann’s doch. Gerade in Vaters Sinn, denn er hat sich nichts sehnlicher für dich ersehnt, als einen guten braven Mann. Daß er’s erlebt hätte! Du hast ihn gewiß sehr lieb, deinen Neuchateller!“

Da blieb Helene stehen. Sie sah zu Boden. Zwischen ihren Brauen grub sich die kleine schmale Falte ein.

„Onkel Heckstein —“ sagte sie dann zögernd. „Ich weiß es nicht —“

„Aber, liebe Helene!“

In diesen letzten zwei Tagen war die Erinnerung an Merivaux, die Erinnerung an jene flüchtigen Minuten im Rackower Park wohl bisweilen durch ihren Sinn geglitten. Aber sie hatte das abgewehrt, wie sie sich ihm selber entzogen hatte. Nicht einmal abgewehrt vielleicht; es war aufgetaucht und untergegangen in ihrem leidenschaftlichen Schmerz, wie einzelne Regentropfen in einem Seespiegel verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen.

„Aber, Helene!“ wiederholte Heckstein.

Da richtete sie den Kopf hoch und sah ihn an. Ganz tief eingeschnitten stand die Falte zwischen den Brauen in dem gequälten, übernächtigten Gesicht. Aber in ihrer müden Stimme lag doch etwas wie Trotz.

„Ich weiß es wirklich nicht“, sagte sie noch einmal. „Laßt mir Zeit.“ Und sie schluchzte kurz auf. Nur einmal. Dann kämpfte sie es herunter, griff nach den beiden Händen Hecksteins, drückte sie krampfhaft: „Dank, Onkel Pastor. Du hast mir doch wohlgetan! Dank!“

*

Das märkische Kirchlein, der kleine Friedhof hatte eine solche Trauerversammlung noch nicht aufgenommen. Nun erst erwies es sich, wieviel Liebe der alte Rittmeister, der schlichte Mann, im ganzen Kreise und darüber hinaus besessen hatte. Heckstein hatte recht, wenn er in seiner einfachen Rede betonte: er ist heimgegangen zum ewigen Frieden und hinterläßt auf Erden keinen Feind.

Von weit her kam der Landadel. Aber es kamen auch die Bauern und Kossäten aus den nächsten Dörfern mit Weib und Kind. An diesem Tage ließen sie die Arbeit allenthalben ruhen, um dem Herrn auf Rohlbeck die letzte Ehre zu erweisen. Und aus den kleinen Städten kam von den Beamten und den Gewerbetreibenden, wer immer mit den Hackentins in Verbindung gestanden hatte.

In der Mitte der Kirche stand, von dem reichen Segen der sommerlichen Gärten verhüllt, der schwarze Sarg. Obenauf lagen die wenigen Orden. Die kostbarsten obenan: das Eiserne Kreuz und das russische St. Georgskreuz, das Hackentin sich bei Kulm Anno dreizehn erkämpft hatte.

Kurz und kernig sprach der Pfarrer, die eigene Ergriffenheit niederringend, vom Altar aus. Er zeichnete das Charakterbild des Verewigten: ein rechter und echter märkischer Edelmann, getreu seinem König, treu der Scholle, die ihn trug; herzensgut und hilfsbereit, ein guter Gatte, ein guter Vater, ein guter Patron, seinen Leuten allezeit ein guter Herr; tapfer im Kriege, bescheiden im Frieden. Gott vor Augen und im Herzen. „Manche werden vielleicht sagen und sprechen: es war kein reiches Leben. Die Toren! Gewiß, es war kein Leben, erfüllt mit äußeren Ehren. Es war kein Leben, emporgetragen durch großes Streben. Es war kein Leben voll Prunk und Glanz. Klein war der Kreis, in dem er wirkte, er, den ich durch nun fünfunddreißig Jahre meinen liebsten Freund nennen durfte. Aber er füllte diesen engen kleinen Kreis durch die Liebe seines großen, grundgütigen Herzens. Darum trauern wir alle so tief um ihn, darum will uns die Lücke, die Gottes unerforschlicher Ratschluß riß, als nimmer ausfüllbar erscheinen. Ich sage euch: es war ein reiches, gesegnetes Leben, und in reichem Segen bleibt uns sein Gedächtnis. Unser Herr und Gott, der dem lieben Verewigten dies Leben schenkte bis in das Greisenalter hinein, ohne daß des Alters Beschwerden an ihn herantraten, gab ihm auch einen gnädigen schnellen Tod sonder Schmerzen, und er hat ihn in Gnaden aufgenommen in sein himmlisches Reich. Amen.“

Die Orgel setzte ein. Und über den heut hundertstimmigen Chor hinaus sang die Tochter dem Vater das Lied von Ernst Moritz Arndt, das er sich schon vor Jahren von seinem Freunde Heckstein für diesen Tag erbeten hatte:

„Geht nun hin und grabt mein Grab,

Denn ich bin des Wanderns müde.

Von der Erde schied ich ab,

Denn mir ruft des Himmels Friede,

Denn mir ruft die süße Ruh’

Von den Engeln droben zu —“

Dann segnete der Pfarrer den Sarg ein. Sechs alte Soldaten, märkische Bauern, trugen ihn hinaus unter den breitästigen Maulbeerbaum, der einst auf Befehl Friedrichs des Einzigen gepflanzt worden war, hinaus zu der langen Reihe der Gräber, die sich um das kleine uralte Erbbegräbnis scharten.

Nur wenige Worte konnte Heckstein hier sprechen. Dann brach ihm, der sich so tapfer gehalten, die Stimme. Langsam sank der Sarg in die Gruft.

Wie eine schwarze Mauer stand dichtgedrängt die Masse der Leidtragenden. Ein kurzes Schluchzen, ein verhaltenes Weinen und wieder tiefe, tiefe, ehrfurchtsvolle Stille.

Als Erste dann wankte die gebeugte Greisin am Arm des ältesten Sohnes an das offene Grab, warf drei Hände Heimaterde in die Gruft. Und sie folgten alle — alle — zum letzten Abschiedsgruß.

Bis dann die Landwehrmänner, einer noch mit dem Kreuz von Eisen, drei mit dem Düppelkreuz auf den langen schwarzen Bauernröcken, herantraten, die Jagdflinte in der Hand, und dem Kameraden die drei Ehrensalven über das Grab schossen.

Als die letzte Salve verhallt war, sprach Graf Grucker, der neben dem Pfarrer stand und ihm liebevoll die Hand gereicht hatte: „Mir ist’s, als hätten wir mit unserem guten Hackentin die alte Zeit begraben. Nun kommt wohl eine neue herauf. Daß sie nur gut wird — meine Hochachtung — die neue Zeit!“

Heckstein sah zu ihm empor mit schimmernden Augen: „Das walte Gott!“

*

Helene hatte ihre eigene Schwäche gefürchtet und die Leidenschaft ihres Schmerzes. Daß sie zusammenbrechen würde oder aufschreien, mitten im Gotteshause, an der offenen Gruft. Und doch war sie ganz gefaßt, ganz ruhig gewesen unter der Heiligkeit von Ort und Stunde. Der wehe Schmerz war zur sanften Trauer gewandelt, und als sie in das kleine Kirchlein trat, hob sie die Weihe des Augenblicks über alles Irdische empor. Die Orgel klang, und fest setzte ihre Stimme ein, dem geliebten Vater zur letzten Ehre.

Es tat ihr wohl, daß sie alle gekommen waren, unendlich wohl die Liebe und Verehrung, die ihm galt. Eine stille wehmutsvolle Freude war in ihr, daß durch die Kirchenfenster die strahlend helle Sonne leuchtete. Als ob Gott es mit Vater noch heut besonders gut meinte.

Ganz ruhig, ganz gefaßt war sie in all ihrer Ergriffenheit.

Einmal nur wollte ihre Kraft schwinden. Als der Sarg langsam in die Gruft glitt. Vielleicht sah man’s ihr an, vielleicht schwankte sie. In dem Augenblick suchte eine feste Hand die ihre, und sie war wie eine gute Stütze. Nur ganz dunkel empfand sie, daß Merivaux neben ihr stand, mitten unter ihren Nächsten, daß er es war, der ihre Hand ergriffen wie mit wortlosem Zuspruch. Aber sie ließ sie ihm, trat mit ihm an die Gruft, und so gaben sie gemeinschaftlich dem Vater den letzten Erdengruß.

Während sie langsam, inmitten der Trauerversammlung, über den Dorfanger schritten, drückte er noch einmal innig ihre Hand, und dankbar empfand sie, daß er nicht zu ihr sprach. Daß er nicht unter denen blieb, die von weit her gekommen waren und nun nach ländlichem Brauch mit hinübergingen in das Elternhaus.

Weit denen voraus floh sie in ihr kleines Zimmer unter dem Dach — —

Und nun war alles vorüber, das Leben pochte wieder an die Tür mit seinen alltäglichen Forderungen und seinen Rechten.

Es gab vielerlei zu ordnen und zu besprechen, wie immer, wenn der Tod das Haupt einer Familie abberufen hat. Die beiden Brüder saßen zusammen über Büchern und Papieren, rechneten und rechneten mit heißen Köpfen. Dann wurden Martha und Helene hinzugezogen. Das Resultat war bedrückend. Von Jahr zu Jahr waren die Erträge von Rohlbeck geringer geworden; wenn man die Hypothekenschuld abzog, blieb nur ein kleiner Überschuß. Der sollte, dafür hatte vor allem Fritz gesorgt, für Helene gesichert werden. Nicht viel mehr war’s, als einmal eine knappe Ausstattung.

Rohlbeck war kein Lehngut. Deshalb hatte Wilhelm dafür gesprochen, den Besitz zu verkaufen. Aber da war es wieder Fritz, der sich dagegen ereiferte. Merkwürdigerweise.

In all den Tagen seit Vaters Tod war der Kreisrichter sehr still und in sich gekehrt gewesen. Er mochte nicht loskommen können von der schmerzlichen Empfindung, daß sein politisches Auftreten Vater in dessen letzten Stunden zum mindesten sehr stark erregt hatte. Zwar sprach niemand mit ihm, und auch er sprach mit niemand darüber. Aber in seinem Herzen lebte wohl die starke Empfindung, daß er gegen die Geschwister doppelt gut sein müßte.

So verzichtete er sofort auf jedes Erbteil und auch auf die kleine Zulage, die er bisher von Vater erhalten hatte. Als Wilhelm dann die Frage des Verkaufs aufs Tapet brachte, erklärte er sich dagegen: „Ich weiß ja, ihr werdet erstaunt sein. Ich weiß ja, wie ihr über meine politische Richtung denkt, daß ihr mich bisweilen vielleicht als einen Renegaten, als ein verlorenes Glied der Familie Hackentin angesehen habt. Still — Wilhelm, wir wollen daran nicht weiter rühren. Aber das sage ich euch: in mir lebt ein starker Familiensinn, und in mir lebt auch die Treue zur Heimaterde. Mit meiner Zustimmung wird Rohlbeck nicht verkauft, sondern für euren Ältesten erhalten.“

Martha war zu Tränen gerührt. Ganz in ihrem Sinne hatte Fritz gesprochen. Sie streckte dem Schwager die Hand hin: „Dank, Fritz, vielen, vielen Dank!“

Also nicht verkaufen, aber verpachten: das allein blieb schließlich übrig. Und Omama sollte mit Wilhelms nach Berlin ziehen.

Die alte Gnädige saß nun längst wieder auf ihrem Traumplatz am Fenster der großen Stube. Man merkte ihr vielleicht am wenigsten an, welches Leid über dies Haus gekommen war. Manchmal schien sie ganz interesselos, murmelte undeutlich vor sich hin; dann schien es, als ob sie nur Sinn für Äußerliches hätte: „Also Adolf Grucker war da? Und der Landrat? Artenaus auch — so — haben sie denn auch alle ordentlich zu essen bekommen, liebe Martha?“ Oder: „Heckstein wird recht alt. Er hätte wirklich mehr von Papachens Kriegstaten einflechten sollen, Anno dreizehn und so.“ Oder: „Helene steht die Trauer recht gut. Hatte Mariechen eigentlich Crêpe de Chine an?“ Manchmal aber rief sie plötzlich Diana zu sich ans Fenster und sprach mit dem Hunde fast wie mit einem Menschen. „Ja, Diana, das Herrchen! Ich weiß ja, manchmal war er hart zu dir. Zu mir auch. Aber geliebt haben wir ihn beide. Nicht wahr?“ Dann saß Diana dicht am Nähtisch, hatte den klugen Kopf weit vorgestreckt und winselte leise.

Sie hatten sich alle davor gefürchtet, Omama das Resultat ihrer Beratungen mitzuteilen; kam es ihnen doch wie ein Wagnis vor, dies Verpflanzen der Greisin nach Berlin. Merkwürdigerweise nahm sie alles ganz gelassen auf. „Tut nur, was notwendig ist. Auf mich nehmt keine Rücksicht“, sagte sie zuerst. Aber ein paar Stunden später winkte sie Martha zu sich und begann von Berlin zu sprechen. Von dem Berlin vor vierzig Jahren freilich: von König Friedrich Wilhelm dem Dritten und von seiner schönen Schwester Charlotte, der Kaiserin von Rußland. Ob man mit der Post bis zur Königstraße führe? Ob Jagor noch das erste Restaurant sei? Damals hätten sie immer im „Roten Adler“ in der Kurstraße gewohnt. Und ob Spontini noch lebte — das müßte Helene doch wissen. Den hätte sie einmal seinen „Nurmahal“ dirigieren sehen ... Helene mußte wirklich kommen, und Mutter redete von Iffland und von der Stich und dann von der Henriette Sonntag — immer fast, als ob sie gestern die gesehen hätte, und ob Kotzebues „Johanna von Montfaucon“ noch gegeben würde? Fast, als wäre die Gegenwart ausgelöscht in ihrem Gedächtnis, und als lebte sie nur noch der Erinnerung an längst vergangene Tage.

Wilhelm fühlte sich jetzt ein wenig als Haupt der Familie.

Als solcher sprach er auch mit der Schwester über Merivaux.

Zum ersten Male bei der Erörterung über ihr Erbteil. Ganz nebenbei: „Gottlob, daß dein Bräutigam in einer so guten Assiette ist, Helene.“ Da war sie hochgefahren, das Blut schoß ihr in das Gesicht, und sie sagte nur, scharf und knapp: „Das, bitte, laßt jetzt!“

Aber ein paar Stunden darauf kam Wilhelm auf ihr Zimmer. Etwas feierlich, etwas väterlich und ein wenig verlegen: „Ich muß doch mit dir reden, liebe Helene. Möchte dir vor allem, ganz im stillen, herzlich gratulieren. Merivaux ist ein Prachtmensch, ich hab ihn immer sehr gern gehabt. Nun — und ich kann’s ja wohl sagen — früher hatten wir auch so manchmal heimlich gedacht — ja! — die Rackower hatten uns so Andeutungen gemacht. Wir hatten’s dann aufgegeben. Desto besser, daß es nun doch wahr geworden ist. Es ist ja ein trauriges Zusammentreffen mit Papas Tod — zu traurig für euch beide. Aber überlegt muß das doch nun werden, ob eure Verlobung jetzt offiziell werden soll.“

Sie stand am Fenster und sah auf den Wirtschaftshof hinaus und das Winkelchen Garten, das sich rechts anschloß. Wandte dem Bruder das Gesicht nicht zu — wozu sollte er sehen, wie das Blut darin kam und ging! — und antwortete nicht.

Er sprach auch gleich weiter: „Ich weiß selber nicht recht, ob es nicht taktvoller wäre, wenn ihr damit mindestens ein paar Wochen wartet? Ist es dir recht, wenn ich mit Merivaux darüber spreche? Er hat sich zu heut nachmittag bei mir ansagen lassen.“

Da schrak sie zusammen und entgegnete fast heftig: „Bitte — nein! Ich muß selber mit — mit ihm sprechen.“

Wilhelm lachte leise: „Wie aufgeregt du bist! Natürlich sollst du selber mit ihm sprechen. Wer sollte dir denn das wehren?“ Und nach einer Weile: „Du bist doch ein wunderliches Menschenkind, Lene. Läßt mich hier stehen und reden und siehst mich nicht an. Ich könnte fast glauben, du hast etwas gegen mich.“

Nun endlich wandte sie sich langsam um, immer noch wortlos. Und da trat er dicht zu ihr, legte seine Hände auf ihre Schultern: „Aber wie siehst du denn aus, Lene? Sieht so eine glückliche Braut aus!“

„Glücklich —“, sagte sie schwer.

Er verstand es falsch. „Ja, freilich! Armes Kind! Sei nicht böse. Man vergißt manchmal auf Momente ...“

Dann war er gegangen.

Und Helene begann wieder ihre stumme Wanderung durch das kleine Zimmer, von einer Wand zur anderen. Immer tiefer grub sich dabei die Falte zwischen ihre Brauen ein. Immer trüber und schmerzlicher wurde der Ausdruck ihres Gesichts. Aber auch immer entschlossener.

Bis sie hinunter ging, um Merivaux zu empfangen.

Sie bat Martha, es so einzurichten, daß sie ihn gleich allein sprechen könnte. Die Schwägerin sah ihr erschrocken ins Gesicht. „Aber ... Helene ...“ Da sagte sie: „Bitte, liebe Martha, quäle mich nicht. Ich habe schwer genug zu leiden.“ Und der Ton ihrer Worte war wohl so bestimmt, daß Martha nur leise aufseufzte: „Ich meinte es gut. Geh in Vaters Zimmer. Ich werde Merivaux zu dir führen.“

Wohl eine Viertelstunde mußte sie in dem kleinen Raum warten, den Vater als sein eigentliches Heiligtum betrachtet hatte. Die Kinder, die Enkel hatten ihn selten betreten dürfen. In ihrer Stimmung aber empfand Helene doppelt eindringlich das Persönliche in diesem Zimmer. Die fast spartanische Einfachheit seiner Ausstattung, die vom Dorftischler gefertigten birkenen Stühle, das steife Roßhaarsofa, der gewaltige Schreibtisch, den Vater seiner Größe halber immer die „Kossätenscheune“ genannt hatte: das alles erinnerte sie an ihn, stimmte sie wehmütig. An der Wand hingen ein paar Familienbilder. Einmal, als sie noch ein Kind war, hatte er ihr die erklärt: „Das da war mein Herr Vater, Helene — das heißt, wir mußten ja damals zu unseren Eltern Sie sagen und Herr Vater und Frau Mutter. War auch ein gestrenger Herr, gegen uns Kinder, gegen alle Leute. Ich hab’s noch mitansehen müssen, daß er einen Knecht peitschen ließ, bis der ganze Rücken blutig war, und uns hat er auch oft genug mit der Karbatsche gezüchtigt. Ein gestrenger, ein harter Herr — das heißt, mit allem Respekt zu sagen. Aber es ist doch besser, wenn der Mensch ein weiches Herz hat. Man soll seinem Mitmenschen nichts zuleide tun, wenn man es vermeiden kann. Man soll auch mal ein Opfer bringen können deshalb. Merke dir das, mein Kind.“ Und da hing auch die Silhouette der schönen Tante Charlotte, die sie in der Familie das Bild ohne Gnade hießen — Tante Charlotte Hackentin, die um die Wende des Jahrhunderts Hofdame bei der Prinzessin Wilhelm gewesen war und von der die Sage ging, daß sich ihrethalben der Graf Hoym erschossen hätte.

Eine Weile stand Helene vor den Bildern.

Dann wandte sie sich ab und schüttelte den Kopf. Nein — es war töricht, Vergleiche und Folgerungen ziehen zu wollen. Töricht, kindisch war’s. Ihre Nerven spielten ihr einen Streich. Das war es, nichts anderes.

Und da trat auch schon Merivaux ins Zimmer, kam auf sie zu, faßte ihre beiden Hände, sah ihr tief in die Augen: „Liebe ’elene, liebe Helene,“ sagte er, „wie schwer hast du gelitten! Ich hab immerzu — immerzu nur an dich gedacht. Liebe Helene —“

Er küßte ihre Hände. Er wollte sie an sich ziehen.

Da bog sie sich weit zurück.

„Helene“, rief er. Erstaunt, erschrocken. Aber dann kam ein Lächeln auf sein Gesicht, ein kleines, zärtliches, schmerzliches Lächeln. Er küßte ihr noch einmal die Hand. „Arme, liebe ’elene“, sagte er wieder. „Oh, ich weiß, wenn ich meinen alten Papa hätte begraben müssen, ich würde auch nicht zu trösten gewesen sein ...“

Er suchte ihren Blick. Sie wandte das Gesicht zur Seite.

„... aber wenn dein Papa auf uns herabsieht ... ganz gewiß, Helene ... er würde uns segnen.“ Und nach einer Weile: „Sieh mich doch nur einmal an. Ich hab solch eine große Sehnsucht gehabt nach dir ... solch eine Sehnsucht. Ich hab dich ja so lieb!“

Immer noch hielt er ihre beiden Hände.

Zuerst hatte er Deutsch gesprochen. Nun strömten ihm, unbewußt wohl, die Laute seiner Muttersprache über die Lippen. „Manchmal denk ich, wie ich nur hab leben können ohne dich? All die Zeit, diese langen zwei Jahre! Lange, schwere Jahre, Helene! Und dann, endlich, endlich, neulich das Glück. Kaum getraut hab ich mich noch zu hoffen. Aber da war es mit einem Male, ein Geschenk des Himmels, dein Geschenk, Helene. Das Glück, das Glück, — deine Liebe!“

Und mit einem Male sprach er wieder Deutsch. „Sag’ einmal, einmal nur: ich hab dich lieb, Gaston ... Gaston ... hörst du ... Gaston, ich hab dich lieb ...“

Was hatte sie ihm nicht alles sagen wollen?! Wie hatte sie sich das alles überlegt! Ruhig, verständig: ‚Es war ein Rausch, Herr von Merivaux, der Rausch eines Augenblicks. So sehr ich mich schäme, ich muß es Ihnen gestehen. Um Ihretwillen; ich bin es Ihnen schuldig. Ich habe eine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen, aber nicht mehr. Das langt nicht für das Leben. Wenn Sie mir zürnen, muß ich es tragen als die Schuldige. Nur verachten Sie mich nicht.‘ Das alles hatte sie ihm sagen wollen, und noch viel mehr. Ruhig, verständig, gewissenhaft. Ganz scharf hatte sie es sich überlegt und erwogen.

Und nun brachte sie kein Wort über die Lippen.

Seine zartfühlende Art lähmte sie. Die innige Liebe, die aus seinen Worten, aus seinem Wesen sprach, lähmte sie. Ihr Wille schmolz dahin. Und sie dachte nur das eine: ‚Mein Gott, wie soll das werden?‘ Dachte in tiefster Herzensangst: ‚Du kannst ja nicht nein sagen! Du hast ja nicht die Kraft, ihm diesen Schmerz zuzufügen.‘

Dann hörte sie wieder: „Ansehen sollst du mich, liebe Helene. Nur einmal ansehen!“

‚... Du hast nicht die Kraft, du hast wohl auch nicht das Recht! Was kommt es denn auf dich an? Denke nicht an dich, denke an ihn! An seine große Liebe!‘

„Sag’ einmal: Gaston, ich ’ab dich lieb ...“

Es klang so rührend, es klang so gut! Und sie war doch nun einmal die Schuldige, die Schuldige geworden vor fünf Tagen, oben im Rackower Park, im Mondenschein. Damals hätte sie sich wehren müssen, fliehen, flüchten. Nun war es zu spät. Nein sagen, jetzt: es wäre eine Unbarmherzigkeit gewesen und ein Unrecht. Er hätte sie verachten müssen — oder es hätte ihn in die Verzweiflung gestürzt. Aus Mitleid mit ihm schon durfte sie nicht nein sagen ...

„Einmal nur: Gaston, ich ’ab dich lieb ...“

Ganz langsam wandte sie ihm ihr Gesicht zu.

Und stammelnd, wie ein Kind, sprach sie: „Ich, ich hab dich lieb ...“

„Sag’: Gaston!“

„... Gaston ...“

Da nahm er sie in die Arme und küßte ihr die Tränen aus den Augen.

Acht Wochen später gingen die Verlobungsanzeigen ins Land.

Wilhelms waren nun längst wieder in Berlin, Omama und Helene mit ihnen.

Man hatte sich etwas stark einschachteln müssen in der Wohnung. Helene mußte mit der Mutter ein Zimmer teilen; der Flügel war in Wilhelms Arbeitszimmer untergebracht worden. Eng war es, aber Martha wußte für alles Rat. Sie freute sich der Omama wie eines lieben Vermächtnisses, betreute und verhätschelte sie und wurde nur, dann und wann, ein wenig ungnädig, wenn sie die Jungens gar zu sehr verzog, ihnen zur unrechten Stunde eines ihrer unzähligen Hausmittelchen eindoktern wollte, oder wenn Omama sich an ihrer Nähmaschine zu tun machte. Denn diese Nähmaschine, die ihr Wilhelm kürzlich geschenkt hatte, war ihr etwas wie ein Heiligtum. Sie kostete freilich auch fast genau hundert Taler, und alle bekannten Damen kamen, um das neue Wunder anzustaunen, das die Singer-Kompanie gerade erst in Preußen einzuführen begonnen hatte. Omama konnte wohl ein Viertelstündchen dem Spiel des blanken Schiffchens zusehen; dann aber ging sie meist, kopfschüttelnd, zu ihrem Sorgenstuhl an das andere Fenster und schaute auf den Platz vor der Halleschen Brücke hinaus; wenn dort zwei Omnibusse hielten, drei Torwagen ihres Wegs zogen und ein halbes Dutzend Menschlein hasteten, dann sagte sie: „Liebes Kind, welch eine Cohue! Welch eine Cohue!“ Und sie schüttelte dabei die ewig kohlschwarzen, an jedem Morgen mit dem Tolleisen gebrannten Locken, die zu zwei und zwei rechts und links an ihren Schläfen wie Perpendikel hin und her schwangen.

**
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Einige Tage nach der Ankunft in Berlin war der alte Herr von Merivaux gekommen, um die Braut seines Sohnes zu begrüßen. Ein stattlicher, vornehmer Herr, mit einem rosigen Gesicht, langem, weißem Schnurrbart und weißem Henriquatre; im Knopfloch seines schwarzen Gehrocks trug er ostentativ das Bändchen des Roten Adlerordens.

Er war herzlich zu Helene, ein wenig zurückhaltend Wilhelms gegenüber. Helene hatte die Empfindung, als ob er bisweilen seine Augen etwas erstaunt, etwas enttäuscht über die einfache Einrichtung schweifen ließe, und sie straffte sofort den Nacken: sollte ich ihm vielleicht nicht gut genug sein, hat er eine reiche Schwiegertochter erwartet? Aber sie mußte bald erkennen, daß sie sich getäuscht hatte. Der alte Herr entwickelte eine herzgewinnende natürliche Liebenswürdigkeit. Er sagte ihr die reizendsten Artigkeiten, erklärte, daß er sehr erfreut wäre, eine preußische Aristokratin, eine Tochter aus so alter märkischer Familie, zur Schwiegertochter zu erhalten — fügte lächelnd hinzu: „Daß mein neues Töchterchen so schön ist, konnte ich freilich trotz Gastons Enthusiasmus nicht ahnen.“ Und dann kam die Frage, die sie gefürchtet hatte. Wieder mit einem leichten Lächeln: „Junge Leute haben es immer eilig, und sie haben recht. Man kann nicht früh genug ganz glücklich werden. So darf ich gewiß fragen, ob Sie schon den Termin der Hochzeit festgesetzt haben?“

Sie schöpfte tief Atem. „Keinesfalls — vor Ablauf des Trauerjahres“, sprach sie dann rasch und entschieden. Im gleichen Augenblick sah sie, wie Gaston errötete, daß Wilhelm, der der französisch geführten Unterhaltung nur mühsam folgen konnte, wie abwehrend die Hand hob.

Aber da verbeugte der alte Herr sich schon gegen sie: „Pardon ... ich muß wirklich sehr um Verzeihung bitten. Ihr Entschluß ehrt Ihre Gesinnung, liebe Tochter. Eine gute Tochter wird stets auch eine gute Frau. Sie haben durchaus recht. Gaston wird sich bescheiden müssen, so schwer das seiner Liebe gewiß ist.“

Gaston mußte sich bescheiden —

Er mußte sich überhaupt bescheiden: Helene war eine sehr spröde, eine herbe Braut. Sie war zu verständig, seiner Zärtlichkeit zu wehren, aber sie erwiderte sie nicht. Ein Dulden war’s, nie ein Geben. Und dann und wann kamen Stunden, in denen sie sich ihm ganz zu entziehen suchte, wo ihre Herbheit zur Härte wurde, ihre Kühle zur eisigen Kälte.

Einmal sagte ihr Martha: „Nimm mir’s nicht übel, Lene, aber ich muß dir die Leviten lesen. Du bist eine merkwürdige Braut! Hast du denn Fischblut in den Adern? Oder ist es ein kokettes Spiel, das du mit Gaston treibst? Ich an seiner Stelle ... ich ließe mir das einfach nicht gefallen.“

Merivaux hatte den Abend bei Wilhelm zugebracht. Als er aufbrach, geleitete Helene ihn gerade bis an die Zimmertür. Er stand wartend, ihre Hand in der seinen, mit einem bittenden Lächeln: „Nun ... du kommst doch noch einen Moment mit hinaus, ’elene?“ Da hatte sie den Kopf geschüttelt: „Geh nur! Gute Nacht!“

Jetzt saß sie in dem alten Ohrenwangenstuhl, der von Rohlbeck aus mitgewandert war, den Kopf ganz in die eine Ecke gedrückt, und Martha stand vor ihr, im sonst so ruhigen Gesicht den ehrlichen Zorn.

„Nein, ich ließe es mir wahrhaftig nicht gefallen! Ein so lieber Mensch ist Gaston. Immer gleich artig, immer aufmerksam. Und immer aufs neue sieht man, wie er dich liebt. Und du — wenn ich’s nicht besser wüßte, möchte ich sagen: ein Eisblock bist du. Wenn er nur mal ordentlich aufbrausen wollte! Dir deinen Kopf zurechtsetzen! Ich gönnte es dir!“

Ganz fest drückte Helene den Kopf gegen das harte Polster. Die Augen hatte sie geschlossen.

„Manchmal möchte man wahrhaftig glauben, du hättest Gaston nicht lieb!“

Die beiden Hände preßte Helene auf die Armlehne. Die schmale Falte zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.

Und dann stand sie plötzlich auf, legte ihre Hände auf Marthas Schultern: „Quäle mich nicht! Ich bin so müde!“ sagte sie. „Schlaf wohl — wenn du kannst!“ und ging hinaus. Ging in ihr Zimmer, das sie mit Omama teilen mußte. Die lag schon im Bett, konnte aber nie einschlafen, ehe die Tochter kam, und redete dann immer noch allerlei. Halb waren’s Monologe, halb war’s an Helene gerichtet.

„Dein Gaston ... ja ... dein Gaston! Anno dreißig oder einunddreißig war ich in Karlsbad. Da lernte ich einen jungen Grafen Meerwedt kennen. Auch so chevaleresk wie dein lieber Gaston. Da haben wir einmal eine Partie in den Wald gemacht. Der Herr von Auerswald hatte die entrepreniert ...“ Dann kam ein halblautes Lachen ... „und da war eine junge Komteß Adelau, und mit einem Male war der Meerwedt und sie verschwunden, und dann fanden wir sie, gerade als er sie embrassierte ... Ja, die Jugend!“

Nun hatte sie schon Mutter gute Nacht gesagt und das Licht gelöscht. Da fing Omama noch einmal an, kicherte ein wenig und sagte: „Hörst du noch, Lenchen? Ich wollt nur sagen: vor dem guten Papa durft ich ja nie davon reden. Der war ja immer so komisch, wenn ich von Körner erzählte. Ja, wie war das doch nur? Ich find’s wohl nicht mehr recht zusammen. Wie war das doch nur?“

Ein Weilchen schwieg Omama. „Richtig, Lene, jetzt hab ich’s. Hörst du? Es ist so hübsch, was der Theodor sagt: Drum leb’, wer das Küssen und Lieben erdacht ... ja ... wer das Küssen erdacht ... Ich war auch einmal jung ... Küßt du ihn gern, deinen lieben Gaston?“

Ein leises Kichern wieder, ein halblautes: „Ja ... die Jugend ...“ Bald kamen die tiefen, ruhigen Atemzüge. Omama schlief. Gewiß lag auf ihrem guten Antlitz zwischen all den Runzeln und Fältchen ein Lächeln der Erinnerung.

Aber Helene fand und fand keinen Schlaf, bis der Morgen graute. Auf ihr lastete die Gegenwart, und sie fürchtete sich vor der Zukunft.

Wie sie alles jetzt hinausschob, hinauszögerte, als erwartete sie, daß irgendein kommender Tag ihr eine Befreiung bringen könnte, so hatte sie auch die nötigsten Besuche hinausgeschoben. Schließlich sah sie selber ein, es mußte der Pflicht genügt werden.

Es waren der Besuche ja auch nicht viel zu erledigen. Von den Kameraden Merivaux’ waren nur wenige verheiratet.

Aber auch Tante Marianne Oschitz stand auf der kleinen Liste. Es herbstete schon stark, als das Brautpaar vor der einsamen Insel vorfuhr; und als Helene am Arm Merivaux’ durch den Vorgarten schritt, dachte sie unwillkürlich: ‚nun sind es drei Jahre, seit du hier einzogst. Erst drei Jahre — schon drei Jahre! Die dir mehr Erleben gebracht haben, mehr als alle anderen. Und kein Glück ...‘

Sie dachte noch daran, als sie vor Tante Marianne stand. Es mochte wohl nicht so glücküberströmend klingen, wie das gleiche Wort aus anderem Mädchenmunde: „Mein Bräutigam, liebe Tante.“

Die kleine alte Frau machte einen hinfälligen Eindruck. Sie hatte sich bei dem Eintritt der beiden mühsam erhoben, kam ihnen auf dem Stock mit schwerer Elfenbeinkrücke gestützt entgegen, sagte freundlich mit ihrer leisen, sanften Stimme: „Ich freue mich herzlich. Der Segen Gottes möge mit eurem Bunde sein —“, und dann stutzte sie plötzlich.

Es war nur auf einen Moment, sie nötigte gleich zum Sitzen. Immerhin war es so auffallend, daß es Helene nicht entging. Sie sah auf Merivaux, wie eine Erklärung suchend. Aber der stand gerade aufgerichtet, nach seiner Gewohnheit Tante Marianne mit seinen großen, blauen Augen hell ansehend. Immer sah er allen Leuten so ins Gesicht, so offen und zuversichtlich.

Tante Marianne war heut sehr weich und gütig, zeigte ein lebhafteres Interesse, als sonst ihre Art war, erkundigte sich nach Merivaux’ Heimat, nach seinen Plänen für die Zukunft; schien sich zu freuen, als er frisch und fröhlich antwortete: „Ich ’ab nur einen Plan für die Zukunft, meine Frau recht glücklich zu machen.“ Sie lächelte, nickte und hatte gleich eines ihrer alten Sprüchlein: „Wer glücklich ist, kann immer glücklich machen! ... Sie haben so zuversichtlich glückliche Augen, lieber Herr von Merivaux.“

„Ich ... glückliche Augen, gnädige Frau?“

„Jawohl, glückliche Augen. Sorge nur, Helene, daß ihnen jeder trübe Schatten erspart bleibt.“

Sie sprachen noch dies und das. Dann war es Zeit, aufzubrechen. Aber als sie sich schon empfohlen hatten, hielt Tante Marianne Helene noch einmal zurück. Ihre Stimme bebte ein wenig, und in ihrem kleinen, blassen Gesicht lag ein Zug des Ergriffenseins. „Ist dir das auch schon aufgefallen,“ flüsterte sie hastig, „daß dein lieber Gaston die Augen von meinem Harro hat? Ganz Harros Augen.“ Und sie hob sich plötzlich auf den Zehenspitzen und küßte die Nichte zärtlich: „Lang mögen sie dir leuchten ... lang ...“

Draußen, im Vorgarten, fragte Merivaux: „Was hatte deine Frau Tante dir noch anzuvertrauen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nichts Besonderes, Gaston —“ und ging mit gesenktem Kopf neben ihm weiter bis zum Wagen. ‚Ja, Harros Augen‘, dachte sie. ‚Seine Augen, Harros Augen ... die haben es mir damals angetan, im Rackower Park ... —‘

Eine verhaltene Bitterkeit, fast etwas wie ein Vorwurf, lag in dem Gedanken. Sie fühlte es selber, empfand es als ein Unrecht. Fühlte sich ihm gegenüber ja so oft im Unrecht. Als sie im Wagen saßen, war es ihr, als müßte sie etwas gutmachen ihm gegenüber. Sie zwang sich, auf seine lebhafte Unterhaltung einzugehen, mit ihm zu plaudern. Und sie fand plötzlich, daß das gar nicht so schwer war. Er erzählte so anregend, er hatte so viele Interessen.

Einmal sagte sie, ein wenig nachdenklich: „Ich finde eigentlich, Gaston, daß du dich in den letzten Jahren recht verändert hast.“

„Mon Dieu ...“ gab er halb im Scherz, halb wirklich erschrocken zurück ... „Zu meinem Nachteil?“

„Nein, Gaston. Als ich dich kennen lernte, konnte ich in dir nicht mehr sehen als einen flotten, jungen Offizier.“

„Und nun?“

„Jetzt bin ich bisweilen erstaunt, wieviel du weißt. Daß dich Literatur und Kunst so stark interessieren.“

Er scherzte wieder: „Also gewiß ... du hast mich damals unterschätzt.“ Dann wurde er ernst: „Es liegen drei Jahre dazwischen, Helene. Drei Jahre bedeuten viel im Menschenleben. Oder richtiger, sie können viel bedeuten. Mir haben sie jedenfalls manch innere Wandlung gebracht. Aber ich könnte dir zurückgeben, was du mir sagst. Als ich dich kennen lernte, warst du auch nur ein wunderschönes charmantes Mädchen, dem eine gütige Fee die herrliche Stimme geschenkt hatte — eine Zufallsgabe schließlich. In den drei Jahren bist du eine andere geworden —“

Da hielt der Wagen. Sie mußten aussteigen, um bei Frau von Gélieu die Karten abzugeben und zu erfahren, daß die gnädige Frau ausgegangen wäre.

Als sie dann wieder im Wagen saßen, war Helene es, die den abgerissenen Faden der Unterhaltung neu aufnahm.

„Du sagtest, ich wäre eine andere geworden. Ich wünschte dir, ich wäre das junge Mädchen geblieben, das ich damals war.“

„Helene!“ rief er.

„Du würdest glücklicher sein.“

Es war ein Zwang in ihr, ihn anzusehen, als sie das sagte. Aber sie sah in so leuchtende Augen, daß sie den Blick senken mußte.

„Ich kann nur noch glücklicher werden!“ sagte er dann heiß. Schwieg einen Moment, schöpfte tief Atem und fuhr fort, nun sehr ernst. „Es ist wirklich nicht anders, liebe Helene: ich kann nur noch glücklicher werden. Ich weiß, daß wir es beide werden. Da du davon angefangen hast, will ich es dir gestehen: ich leide gewiß oft unter deinem harten Wesen. Wie könnte es anders sein! Aber sieh: mein Vater ist ein sehr kluger Mann. Als wir drei neulich zum letztenmal beisammen waren, ging ich mit ihm den weiten Weg bis zu seinem Hotel. Wir sprachen natürlich von dir — nur von dir. Er ist sehr empfänglich für Frauenschönheit. So war er bezaubert von deiner Erscheinung. Dann schwieg er eine ganze Weile und sagte endlich: ‚Weißt du auch, Gaston, daß du dir deine Braut erst erobern mußt? Ihre Seele ist noch nicht bei dir.‘ Die Hand hab ich ihm gegeben: ‚Ich weiß es, Papa. Aber ich werde um sie werben, nimmer müde, bis sie ganz mein ist. Denn ich habe sie lieb über alles in der Welt.‘“

Sie saß wieder mit gesenktem Kopf, sprach kein Wort.

Mit einem Male hörte sie neben sich sein frisches, fröhliches Lachen, das so seltsam klang nach seinen ernsten Worten und doch in diesem Augenblick so wohltuend und befreiend war.

Er deutete zum Fenster hinaus: „Hier wohnte einst mein Landsmann Merveilleux. Kennst du seine Geschichte mit dem Droschkenkutscher? Also wir Schützen sind doch nun mal lebenslustige Leutchen. Zwei von uns, Merveilleux und Pfuel, waren es ganz besonders. Abend für Abend tollten sie in Berlin herum, und oft graute der Morgen, ehe sie daran dachten, in unser Quartier, hier weit draußen, an der Köpenicker Landstraße, zurückzukehren. So waren sie der Schrecken der biederen Droschkenkutscher geworden. Die fürchteten die Fahrt nach der Kaserne wie das höllische Feuer. Geht eines Abends Pfuel allein aus. Es wird wieder peinlich spät oder früh, ist außerdem ein schreckliches Wetter — gressillement, wie wir’s nennen. Mein Pfuel will also fahren, erwischt auch eine voiture. Kaum aber sieht ihn der Droschkenkutscher — sie kannten ihn alle — so haut er auf sein Pferd ein und ruft nur noch: ‚Adieu, Pfuel, ... grüßen Sie Murmeljahn!‘ Fort war er. Und jetzt sind wir bei unserer Kommandeuse —“

Seine ernsten Worte — sein frohes Lachen tönten in ihr nach. Sie fühlte sich frischer und freier. ‚Man muß ihn gern haben‘, dachte sie. ‚Ich müßte ihn liebhaben.‘ Und sie dachte weiter: ‚Vielleicht — vielleicht werde ich ihn liebhaben.‘

In dieser Stimmung ging sie auch endlich zu Frau Harriers-Wippern. Nicht zuletzt auch auf seinen Wunsch. Er hatte schon so oft gebeten, daß sie den Unterricht wieder aufnehmen sollte.

Die Lehrerin kam ihr mit ausgestreckten Händen entgegen. „Ich hab ja schon gratuliert, aber ich möchte meinen Glückwunsch gern noch einmal mündlich und recht innig wiederholen. Ich habe mich so sehr gefreut, liebes Fräulein Helene! Nicht zuletzt, weil unser Merivaux der Glückliche ist.“

‚Unser Merivaux‘ ... es klang Helene Hackentin ganz eigen.

Sie saßen wieder beieinander in dem kleinen Gartenzimmer der Sängerin, und Helene hörte, doch mit einiger Verwunderung, wie beliebt und geschätzt ihr Bräutigam in den engeren musikalischen Kreisen war. „Es ist merkwürdig, wie viele Offiziere gerade in Berlin wirklich verständnisvolle Musikfreunde sind. Aber unser Merivaux steht da in erster Reihe. Ich meine natürlich nicht als ausübender Künstler — darauf kommt es ja auch gar nicht an. Aber er hat die rechte Liebe, hat Verständnis, hat Urteil ... und hat seine besondere, so unendlich liebenswürdige Gabe, das alles zum Ausdruck zu bringen.“ Frau Harriers hielt immer noch Helenes Hand und drückte sie herzlich: „Mein erster Gedanke, als ich die Anzeige las, war ein Gedanke der Freude: sie beide passen so trefflich zueinander. Eine kleine Spur Selbstsucht war auch dabei, daß ich’s nur gestehe: so geht Helenens Kunst doch nicht verloren!“

Helene war wortkarg, war in tiefem Sinnen. Sie hatte in den letzten drei Monaten so wenig an ihren Gesang gedacht. Manchmal, wenn Merivaux bat, wenn er sie zum Flügel führen wollte, hatte sie abgewehrt — wie sie immer abwehrte. Ein-, zweimal hatte er seine Geige mitgebracht: sie hatte auch ihn nicht gebeten, zu musizieren. Nun fühlte sie auch hier ein Unrecht. Und empfand seinen Zartsinn, der nie ungeduldig wurde, nie drängte, nie einen Vorwurf hatte, als besondere Güte.

„Ich hoffe, Fräulein Helene, Sie bringen mir ihn bald. Vielleicht musizieren wir dann einmal zusammen. Wie aber steht’s mit uns beiden? Sie nehmen doch die Stunden wieder auf?“ Frau Harriers schrak ein wenig zusammen, sie bemerkte wohl erst jetzt, daß die Braut ganz in Schwarz gekleidet war. „Ja so, Sie armes Kind! Aber ich meine, Musik, gute edle Musik eint sich auch mit der tiefsten Trauer. Sie trägt uns ja himmelan, über alles Irdische hinweg.“

„Die ‚Elsa‘ möchte ich jetzt ruhen lassen ...“ sagte Helene gepreßt. „Ich kann nicht ...“

„Das verstehe ich. Lassen Sie mich nur sorgen. Wir halten unsere alte Zeiteinteilung fest — nicht wahr? Und grüßen Sie mir Ihren lieben Gardeschützen, der so gut in Ihr Herz zu treffen wußte.“

Daß er nur besser in das Herz getroffen hätte ...

Daß dies herbe spröde Herz sich gar nicht regen wollte ...

Überall, wo Helene hinkam, hörte sie Merivaux rühmen, hörte sie sein Lob. In den verschiedensten Schattierungen. Wilhelms liebten ihn schon jetzt wie einen Bruder; er hatte Tante Mariannens so schwer zu erringendes Wohlgefallen gewonnen; die Frauen der verheirateten Kameraden hatten sie ein wenig geneckt, daß sie den charmantesten aller Junggesellen im Bataillon in Amors Fesseln geschlagen; der Kommandeur hatte Wilhelm gegenüber Merivaux einen der begabtesten Offiziere genannt und einen unübertrefflichen Kameraden.

Manchmal hatte sie gedacht, sich zum schwachen Troste: ja doch ... er ist ein liebenswürdiger Charmeur! Nun hörte und erkannte sie selber alle Tage mehr, daß das doch nur die Außenseite seines Wesens war. Daß die glänzende Hülle auch einen schönen edlen Kern barg. Daß er gut, vornehm denkend, daran hatte sie nie gezweifelt. Jetzt aber wußte sie, daß er auch ein grundgescheiter, ein vielseitig gebildeter Mann war. Und vor allem sah und fühlte sie immer tiefer, wie innig und heiß er sie liebte.

Immer wieder sagte sie sich: man muß ihn gern haben ... ich müßte ihn liebhaben ...

Nur: ihr Herz wußte nichts von ihm.

Es kamen Augenblicke, Stunden, in denen es in ihr schrie: wenn er dich doch einmal recht schlecht behandeln wollte! Wenn er dich doch einmal fühlen lassen wollte, wie kalt und schlecht du gegen ihn bist! Vielleicht verlangt die Hackentinsche Brut die Peitsche, anstatt des Zuckerbrots!

Aber er blieb immer der Geduldige, Nachsichtige, Rücksichtvolle; dankbar für die geringste Freundlichkeit, für das kleinste Entgegenkommen, für ein gutes Wort, für ein Lächeln.

Dabei fühlte sie hinter all der Geduld und Nachsicht sein heißes Blut, sein starkes Temperament, sein Begehren, fühlte, wie er sich zwang und wie er litt. Sie fühlte es, sie sah es. Es war ihr eine eigene Qual, wenn er manchmal, auf kurze Momente, die Lider sinken ließ, verstummte. Nur um sie gleich wieder mit hellen, guten Augen anzusehen, wie ein Bittender. Wie einer, der da weiß: ich werde um sie werben, nimmer müde, bis sie mein ist.

Und dann empörte sie wieder diese Zuversicht, dies Vertrauen und Selbstvertrauen. Empörte sie gleich einem Zwang: als ob er ihren Willen beugen, sie knechten wollte in alle Zukunft hinein. Scharf wurde sie dann und bitter. Bis sie sich doch wieder sagte, es ist ja nur seine große, große Liebe, die auf Gegenliebe hofft und wartet.

Wenn er litt, ohne zu klagen, so litt sie nicht minder, und auch sie hatte niemand, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Ganz genau wußte sie: es würde sie niemand verstehen.

Es gab Tage, in denen eine wehrlose, wohltuende Müdigkeit über ihr lag. Dann war sie sanft, nachgiebig auch zu ihm; duldete seine Zärtlichkeit, hatte sogar eine leise Freude, einen stillen Genuß manchmal an einem guten Gespräch mit ihm; hörte ihn spielen, ging vielleicht selbst an den Flügel, sang irgendein schwermütiges Lied. Aber gerade der Moment war meist der Gipfelpunkt. Wenn sie ihn dann hinter sich stehend wußte, seinen Atem fühlte, seine Hand sah, wie sie sich nach dem Notenblatt ausstreckte, um es zu wenden, kam der Rückschlag. Sie brach jäh ab, sprang auf — und es kamen Augenblicke, in denen es ihr eine boshafte Freude war, ihm wehe zu tun. Eine Freude, die sie tiefste Qualen und schmerzhafteste Scham kostete.

Das waren die Augenblicke, in denen sie darauf wartete: jetzt muß er doch gehen, um nie wiederzukommen. Und doch erschauerte: wenn er aber nie wiederkäme? Das waren dieselben Augenblicke, in denen sie vom wehsten Mitleid erfüllt war für ihn und in denen sie sich selber ganz als Schuldige fühlte. Frau Harriers war wenig zufrieden mit ihrer Schülerin in diesem Winter.

Wilhelm kümmerte sich fast gar nicht um das Brautpaar; Martha sah schließlich doch nur die Oberfläche, dachte höchstens, sagte es vielleicht: „Du bist eine recht unausstehliche Braut.“ Mutter führte ihr Traumleben weiter, verschmolz sich Gegenwart und Vergangenheit, verwechselte Merivaux gelegentlich mit einem ihrer Söhne und legte neuerdings Rouge auf. Wohl Berlin zu Ehren. Wobei es vorkam, daß nur die eine Wange rosig leuchtete, die andere vergaß sie.

Ganz verlassen und vereinsamt fühlte sich Helene oft. Grenzenlos unnütz dabei. Den Haushalt in der Stadtwohnung hielt Martha allein wie am Schnürchen. So war sie zur Untätigkeit verurteilt, spürte auch so wenig Neigung, sich wirtschaftlich zu betätigen. Und selbst ihre Kunst dünkte sie oft ein Zwang.

Nur mit den Jungens beschäftigte sie sich mehr als früher.

Den äußeren Anlaß gab, daß Hans ein paar Male mit einem französischen exercice hilfesuchend zu ihr kam: „Hilf, Tante Helene. Du hast ja einen Bräutigam, der solch halber Gallier ist.“ Da sie in der Tat fertig Französisch sprach und schrieb, konnte sie helfen. Und sie half so gern — es war ihr eine wahre Wohltat, irgend jemand helfen zu können. Bald kam auch Thede mit dem einen oder dem anderen Anliegen. Richtiger: wenn der Ältere bat, forderte der Jüngere. Aber er tat’s mit einer so drollig unverschämten Miene, daß man ihm nicht böse sein konnte.

Manchmal war es ihr, als lernte sie die beiden Neffen erst jetzt recht kennen. Und auch dann hatte sie wieder ihre stille Freude. Hans war nun fast sechzehn Jahre, ein langaufgeschossener, ein wenig ungelenker Jüngling, der seine junge Sekundanerwürde mit einigem Selbstbewußtsein trug; ein Bücherwurm und Grundtoffel, fleißig und hübsch besinnlich. Thede war viel lebhafter, renommierte gern einmal ein wenig, lernte spielend, was der Ältere sich mühsamer erobern mußte. Bisweilen malte Helene sich im stillen den Lebenslauf der beiden aus, horchte sie wohl auch daraufhin aus. Hans wollte Architekt werden oder Techniker, Eisenbahningenieur, Maschinenkonstrukteur; Thede schwärmte für den bunten Rock, den ja alle Hackentins getragen hatten. Aber er hatte auch seine besonderen Gedanken dabei: die junge preußische Flotte reizte ihn, Kapitän Jachmann von der „Arcona“, der den Dänen bei Jasmund so wacker die Zähne gezeigt, war sein Held und Vorbild.

Das war sicher: die Jungens gingen einmal andere Wege, als die Hackentins bisher, Generation auf Generation, gegangen waren. In ihnen war noch genug von dem feurigen guten Blut des alten Geschlechts, aber das Blut der Mutter hatte sich eingemischt, drang kräftig durch; mehr noch bei dem Älteren, aber doch auch bei Thede. Sie fanden sich gewiß einmal gut mit dem Leben ab und in ihm zurecht. Wurden vielleicht endlich einmal wieder Mehrer, nicht Verzehrer.

Helene dachte oft: die Hackentins können es brauchen! Gerade in diesem Winter kam ihr das recht klar zum Bewußtsein.

Daß es in Rackow kriselte, hatte sie schon im Sommer erkannt. Einmal erzählte Wilhelm, Ernst sei nur mit vieler List an der Schuldhaft vorbeigekommen. Nun erfuhr man, daß die Gläubiger das Sequester eingeleitet hatten. Dann kam Onkel Ernst nach Berlin. Aber wenn Helene gemeint hätte, daß er niedergeschlagen sein müsse, so hatte sie sich getäuscht. „Ja, ja, meine liebe Martha,“ meinte er mit seinem leisen behaglichen Lachen, „wir wären also glücklich pleite. Klingt sehr häßlich, nicht wahr? Ist aber gar nicht so schlimm. Ein paar Jahre, und wir sind wieder obenauf. Außerdem aber — wozu hat man seine hübschen kleinen Konnexionen — außerdem hab ich für die Karenzzeit ein Pöstchen als Kurdirektor in Ems erobert. Man kann auch so leben, meine Lieben.“ Dabei sah er unter seinem Einglas um die Ecke auf Tante Marie hin. Deren kleines Gamingesichtchen war freilich ein wenig spitzer geworden, aber sie trug den Nacken noch steifer als sonst. „Enfin, ich freue mich auf Ems. In der Saison haben wir da die Creme der ganzen europäischen Gesellschaft. Lauer hat gesagt, Majestät müßten im Sommer unbedingt hin. Mignonne, ich lade dich ein, wir wollen ein bissel Staat mit dir machen. Aber dann bist du wohl schon ein glückliches kleines Frauchen, und Merivaux wird sich nicht von dir trennen wollen.“

Als sie gegangen waren, lachte Wilhelm hinter ihnen her: „Ernst ist wie eine Katze, er fällt schließlich immer wieder auf die Füße. Vielleicht haben wir Hackentins alle etwas von der glücklichen Eigenschaft. Manchmal denk ich, unser Leichtsinn ist wie ein Schwimmgürtel, der in der Gefahr die besten Dienste tut ... Martha, ich bitt’ dich, mach’ nicht solch mechantes Gesicht. Und du, Lene ... na, du siehst ja jetzt oft aus wie eine betrübte Lohgerberswitwe, der alle Felle fortgeschwommen sind ... komisches Mädel ... nur daß dir auch das gut steht!“

Ja, es mußte ihr wohl gut stehen, daß ihr Gesicht so viel schmaler, daß sein Ausdruck so viel ernster geworden war.

Sie war nicht eitel, aber sie war doch ein junges Mädchen und ging dem Spiegel nicht aus dem Wege. Und wenn er es ihr nicht gesagt hätte, würden es ihr die Männeraugen verraten haben, die ihr überall folgten, bis zur Peinlichkeit.

Einmal sagte sie zu Merivaux: „Ich hab heute nacht geträumt, daß ich die Pocken bekommen hätte. Furchtbar häßlich war ich geworden, und als du kamst, hast du dich mit Abscheu von mir gewendet.“

„Aber, Helene, wie kann man nur solch törichtes Zeug träumen?“

„Es ist gar nicht so töricht. Im Gegenteil, es beschäftigt mich sehr. Nimm einmal an, der Traum wäre Wahrheit, ich wäre plötzlich sehr häßlich geworden. Dann würde deine Liebe zu mir sehr schnell zerstieben. Das ist mir ganz sicher. Gib’s nur ehrlich zu — ich nehme es dir nicht übel.“

Sie sah ihm scharf in die Augen, wartete ungeduldig. Denn das wußte sie, er sprach immer die Wahrheit.

Da wurde er ernst. „Es tut mir weh, daß du so klein von mir denkst.“

„Ich denke gar nicht klein von dir. Es wäre ja nur natürlich, wenn du mich dann nicht mehr liebtest.“

„Nein: es wäre sehr unnatürlich, Helene. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: vielleicht würde ich mich in Helene Hackentin nicht verliebt haben, wenn sie nicht so wunderschön wäre. Aber verliebt sein und lieben ist doch zweierlei. Jetzt liebe ich dich! Und wahrhaftig: ich liebe doch nicht nur deine Schönheit, ich liebe dich um all deiner Eigenschaften willen. Ich lieb deine Stimme, ich lieb dein Herz und deine Seele, ich lieb dich, wenn du sonnig dreinschaust, und ich lieb dich, wenn die Schatten über deinen schönen Augen liegen. Glaub’ es mir nur: und wenn du heut häßlich würdest wie die Nacht, ich würde dich lieben, lieben — lieben!“

Er hatte seinen Arm um sie gelegt, er zog sie sanft an sich, enger dann, immer fester. Ihren Kopf bog er sacht zu sich, bis ihr Widerstand nachgab: „Ich liebe dich! Deine Seele liebe ich!“ Und er küßte sie auf die geschlossenen Lider, er küßte die geschlossenen Lippen. — —

Das waren wieder Augenblicke, in denen es in ihr Herz einzog, wie träumendes Glücksempfinden: „Ich werde ihn lieben ... ich liebe ihn schon ... vielleicht ... vielleicht lieb ich ihn wirklich ...“

Dann folgten Stunden, Tage, in denen sie ruhiger wurde, glauben lernte, sich zurecht fand, sich zwang und besiegte. Um das Weihnachtsfest spann sich solche Zeit freieren, froheren Aufatmens für sie. Ein wohliges Gefühl des Zusammengehörens überkam sie, eigentlich zum ersten Male. Sie gingen miteinander durch die menschenüberfüllten Straßen, ihre kleinen Einkäufe zu besorgen. Mit den frohlockenden Jungens zogen sie im rieselnden Schnee auf den Weihnachtsmarkt, der rund um das alte Zollernschloß an der Spree aufgebaut war, traktierten sie bei Josty an der Stechbahn, dem großen Süßigkeitsmann, mit Schokolade und Pfannkuchen; Helene erzählte von Onkel Grucker und Tante Hufnagel, und Gaston erzählte, wie er in Berlin erst den Christbaum kennen gelernt und deutsches Weihnachten. Gemeinsam mit Martha schmückten sie die Tanne. Dann kam der heilige Abend selber mit seinem heimeligen Zauber, mit Fichtennadelduft und Kerzenweihrauch. So liebevoll hatte Gaston an sie und an alle gedacht, so herzlich freute er sich über ihre kleinen Gaben. Von einem zum andern ging er, küßte der Omama die Hand, ließ sich von ihr streicheln, wie ein Kind; stand dann mit der Braut unter dem leuchtenden Christbaum, sah sie mit seinen blauen zärtlichen Augen an, fragte leise, bittend: „Hast du mich lieb?“ Da drückte sie ihm die Hand und sagte hochaufatmend: „Ich hab dich lieb, Gaston.“ Sagte es, wie befreit, und war gewiß, daß sie die Wahrheit sprach.

Durch die ganze frohe Festzeit hielt die schöne Stimmung an. Am Silvesterabend hatte Wilhelm nach den polnischen Karpfen einen Punsch gebraut. Rechte Fröhlichkeit wollte freilich nicht aufkommen; eine leise Wehmut lag auf dem kleinen Kreise, die Erinnerung an Vater, der am letzten Abend des Jahres immer seine kleinen Scherze getrieben hatte mit Schiffchenschwimmen und Bleigießen und groß gewesen war im Ausdeuten mit seinem „das heißt“. Unwillkürlich knüpfte sich manch anderer Rückblick auf das schwindende Jahr an. Wilhelm stöhnte ein wenig: es war geschäftlich ein schlechtes Jahr gewesen; der Zwist zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus wollte nicht enden, und haarscharf nur war Preußen am Zerwürfnis mit seinem Bundesgenossen von Schleswig-Holstein her, mit Österreich, vorübergekommen. „Wie Blei lastet die Politik auf jeder Unternehmungslust“, meinte er. „Wer mag denn sein Geld riskieren, wenn vielleicht schon die nächsten Monate Krieg bringen können. Krieg mit Österreich — es ist gar nicht auszudenken. Wenn Vater das erlebt hätte, der immer auf Österreich geschworen hat!“

„Wir Soldaten — wir sehnen natürlich solch frischen fröhlichen Krieg herbei“, warf Gaston dazwischen.

Da schrak Helene zusammen: „Sag’ das nicht!“ bat sie leise. „Sag’ das nicht!“

„Ich wär ein schlechter Soldat, wollt’ ich’s nicht sagen. Als Offizier Seiner Majestät ... nun ja, und es regt sich wohl auch das Landsknechtsblut meiner Ahnen. Damit mußt du dich schon abfinden, Helene.“

„Krieg — es ist etwas Schreckliches um den Krieg.“

Omama saß am anderen Ende des Tisches, hatte ein kleines Nickerchen gemacht, aber die letzten Worte doch verstanden: „Kind,“ sagte sie, „es kann auch etwas Heiliges sein. Anno achtzehnhundertdreizehn ... ja ... und da haben die armen Frauen, die nichts anderes hatten, ihre goldenen Trauringe gegen eiserne vertauscht ...“

„Leicht würde unser allergnädigster Herr gewiß den Mobilmachungsbefehl nicht unterschreiben“, meinte Wilhelm. „Krieg gegen Österreich — und mit Österreich vielleicht ganz Deutschland gegen uns ... es bleibt ein Wagnis. Ich hoffe immer noch, Bismarck findet einen anderen Ausweg, obwohl oft behauptet wird, er triebe uns dem Kriege zu.“

„... ja ... und Fräulein von Schmettau ließ sich ihr schönes Haar abschneiden ... hat’s an den Coiffeur verkauft und das Geld fürs Vaterland hingegeben ...“

„Daß der Herr von Bismarck den Krieg will, glaube ich nicht. Aber er weiß wohl, daß der Krieg oft eine Notwendigkeit ist, um aus verrotteten Zuständen herauszukommen, und er kennt keine Furcht. Solche Politik treibt er sicher nicht, wie die, die uns arme treue Neuchateller elend im Stich ließ.“

„... ja ... und da hielt ich das kleine Bändchen von Körner in der Hand ... ‚Leyer und Schwert‘ stand darauf ...“

Ganz still saß Helene.

Sie dachte eigentlich nicht an Gaston, daß der mit hinausziehen müßte ins Feld. Es war nur eine unklare, unheimliche Angst in ihr. Harro tauchte vor ihr auf, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte: die Primanermütze keck auf dem lockigen Blondhaar. Und Tante Marianne in den schwarzen Trauerkleidern, mit dem blassen Gesicht, das kleiner und immer kleiner zu werden schien. Wie unzählige trauerten gleich ihr, und wie kurz war der Feldzug gegen Dänemark gewesen, wie gewaltig mußte ein Krieg gegen das mächtige Österreich werden. Wie gewaltig, wie blutig.

Plötzlich brausten von der Straße her die lauten Neujahrsrufe. Die Glocken klangen.

„Auf ein glückliches neues Jahr!“ rief Wilhelm. Merivaux stand vor seiner Braut, sah ihr in die Augen. „Ein glückliches neues Jahr, ’elene,“ sagte auch er, und sie wußte, wie er das meinte und verstand. Beide Hände streckte sie ihm hin: „Viel Glück wünsch ich dir, Gaston — all das reiche Glück, das du verdienst!“

Da kamen auch schon die Jungens hereingesprungen, halb angezogen nur, trotz des Verbots. Thede brüllte sein „Prosit Neujahr!“, Hans ging reihherum, seinen Glückwunsch zu sagen. Ganz zuletzt kam er zu Helene und Merivaux, machte ein etwas verlegenes Gesicht und einen etwas linkischen Kratzfuß und begann:

„Das alte Jahr ist nun verschwunden,

In dem ihr beide euch gefunden.

Du kamst aus stolzem Bergesland,

Du stammtest aus dem märkischen Sand:

Es gibt der Berg und Talesgrund

Ganz sicher einen guten Bund!“

„Hallo!“ rief Wilhelm lachend. „Das sind ja Verse — es reimt sich wenigstens.“

Hans wurde rot wie ein Puter, aber er fuhr tapfer fort:

„So lang ihr lebt, wird dieses Jahr

Euch immer scheinen wunderbar.

Und seid ihr alt wie Omama,

Sagt sicher ihr: wie schön war’s da!

Doch wünschen wir, die hier vereint,

Daß euch die Sonn’ noch heller scheint,

Daß ihr seid wieder übers Jahr

Ein glückumstrahltes Ehepaar!“

„Der Junge, der Junge!“ Wilhelm hatte sich in einen Sessel fallen lassen und klatschte in die Hände: „Was sagst du dazu, Martha? Na, Mamachen, das hat er sicher von dir!“

Gaston hatte Hans rechts und links einen festen Kuß auf die roten Wangen gedrückt. Er war gerührt und wiederholte immer aufs neue: „Scharmant — scharmant! Nicht wahr, Helene? Scharmant: ‚Daß ihr seid übers Jahr — ein glückumstrahltes Ehepaar.‘“

„Ja, Gaston“, sagte Helene leise. Und nahm Hansens Kopf zwischen ihre beiden Hände: „Du guter Junge ... ich danke dir ...“

Omama hatte, während Hans sein Poem deklamierte, aufgemerkt, und, die Lippen bewegend, still mitskandiert; einmal den Kopf geschüttelt, dann so lebhaft zustimmend genickt, daß die schwarzen Schläfenlocken weit vornüberfielen. Nun wollte sie aufstehen. Martha sprang hinzu, stützte sie. So ging sie langsam um den Tisch herum, legte dem Enkel ihre Hand auf den Scheitel, machte vor dem Brautpaar einen kleinen graziösen Knix, und es schien, als wollte auch sie irgendein eigenes Verslein sprechen. Aber sie fand wohl die Worte nicht, murmelte ein Weniges, was niemand recht verstehen konnte, und sagte dann endlich: „Ja ... ja ... ihr Kinder ... übers Jahr ... ein glückumstrahltes Ehepaar ...“ — —

Am Neujahrstag war Helene in der Garnisonkirche gewesen, auf Merivaux’ besonderen Wunsch, denn sonst ging sie meist mit Martha zu Büchsel in die Matthäikirche. Aber Gaston wollte, daß sie einmal Strauß predigen hören sollte — und Gaston selber war heut in die Garnisonkirche kommandiert. Sie hatten sich freilich nur flüchtig begrüßen können. Aber er hatte ihr doch nach dem Gottesdienst vor der Tür die Hand geküßt, und sie hatte ihm dann noch nachgeschaut, während er seine Gardeschützen die Alte Friedrichstraße heraufführte, zurück zur Kaserne.

So herrlich hatte Strauß gesprochen. Über die Unruhe der Zeit und den Frieden im eigenen Herzen. Der alte König hatte in der Loge gesessen, mitten unter seinen Kriegern, ehrwürdig und sichtlich ergriffen.

An die Predigt dachte Helene und an den königlichen Greis, während sie langsam über die Spreebrücke schritt, am Museum vorbei, durch den Lustgarten. An die Unruhe der Zeit und den inneren Frieden, den Frieden des Herzens. Auch ihre Zeit war voll Unruhe gewesen, aber nun zog allmählich der Friede in ihr Herz. „Wir müssen um ihn kämpfen, auf daß er uns gegeben werde!“ hatte der Prediger gesagt. Auch sie hatte um ihn gerungen, nach ihren Kräften, und nun fühlte sie ihn in ihrer Brust. Nicht freilich als ein berauschendes Glück. Aber der Friede nach dem Kampf war wohl nimmer solch ein ganzes, volles Glück, denn das Weh der Kämpfe mußte noch lange, lange nachklingen. Und doch ein Glück! Eine wohlige Ruhe, ein friedvoller Ausblick aus der Gegenwart in die Zukunft — das war es!

Über die Schloßbrücke ging Helene, am Kronprinzenpalais und dem Opernhaus vorüber; blieb ein paar Augenblicke am Denkmal des Großen Friedrich stehen, sah zu dem Eckfenster des Palais empor, an dem sich, wie sie gehört hatte, der König häufig zeigte, wenn die Wache aufzog. Aber es war wohl noch zu früh. Langsam ging sie weiter, die Linden entlang.

Gerade wollte sie die Charlottenstraße überschreiten, da erschrak sie heftig. Es war wie ein Schlag. Das Herzblut stand ihr still ...

Drüben, vom Gendarmenmarkt her, kam ein Paar.

Eine elegante, nein — eine aufgeputzte Dame, sehr groß, sehr robust, mit flatternden Hutbändern um das volle Gesicht, das gewiß einst schön gewesen war —

Und neben ihr — neben ihr — Alfred Schwarz —

Fliehen wollte Helene, fliehen. Aber ihr Fuß stand wie gebannt.

Mühsam trat sie endlich ein paar Schritte zurück, trat in einen Hauseingang. Er sollte sie nicht sehen, durfte sie nicht erkennen.

Doch dann fühlte sie: er erkannte sie nimmer.

Alles sah sie, nichts entging ihr, während sie tief in den Hauseingang gedrückt stand und das ungleiche Paar drüben vorüberging, so nah, daß sie die laute Stimme der Frau hören konnte. Nicht die einzelnen Worte, aber den unfreundlichen, schneidenden Ton.

Alles sah sie. Er war noch immer sehr elegant angezogen, aber die Kleider schlotterten um seine Glieder. Die Frau — seine Frau sprach auf ihn ein. Da kam ein spöttisches Lächeln in seine Züge. Dann schlich er weiter. Sein Stock stieß schwer auf die Steine. Jetzt bogen sie in die Linden ein — — —

Helene stand noch immer in der Flurnische und rührte sich nicht. Sie starrte auf die Stelle, wo er soeben drüben Halt gemacht hatte, um Atem zu schöpfen, wo er spöttisch gelächelt hatte, wie jemand lächelt, der da denkt: was verschlägt’s?! Der Vorhang fällt, die Komödie ist aus — —

Das Herz krampfte sich ihr zusammen.

Das also war die Frau, um derentwillen er sie betrogen hatte und gedemütigt! Kaum zweihundert Schritte von hier, damals, als sie in der Winternacht vor seinen Fenstern stand, als hinter den blauen Vorhängen die Lichter aufflammten und die Silhouetten sich scharf abzeichneten: er und sie —

Wie die Erinnerungen kamen! Da hatte man geglaubt, sie seien eingesargt für immer. Und nun stiegen sie empor, lebten ein neues Leben, bohrten sich ins Herz.

Die Erinnerungen kamen und der Zorn und die Scham. Und dann über alles hinweg das große, große Mitleid.

Es war nicht mehr Liebe. Aber es war doch das Mitleid, das aus der Liebe geboren war. Die war tot, war tot — und lebte doch weiter in diesem alles durchdringenden Mitleid. Sie lebte weiter in den Erinnerungen, die längst eingesargt waren, und die doch wieder auferstanden, wühlten und schmerzten. Die immer wieder auferstehen würden, über die nichts hinwegtrug — nichts —

Und alles andere war Betrug und Selbstbetrug. Betrug war und Einbildung der erkämpfte Frieden. Betrug war, daß dies Herz je, jemals einen anderen lieben könnte. Betrug war jeder Kuß, den diese Lippen gaben, Betrug jedes Wort der Zärtlichkeit, Betrug jede Hoffnung auf ein zukünftiges Glück. — —

Zu Hause waren sie im Festtagskleide und in Festtagsstimmung. „Schade nur, schade, daß der gute Gaston heut nicht kommen konnte, daß er Kasernendienst hatte. Gerade heute, armes Bräutchen ...“ meinte Wilhelm. „Bissel elend sieht die Helene aus. Hat wohl ein kleines Silvesterkäterchen.“

Sie scherzten und lachten. Sie konnten scherzen und lachen und das neue Jahr in Gedanken und Wünschen mit Rosengirlanden umwinden — — —

Dann saß Helene in der Enge ihres Zimmers und schrieb, während Omama dicht neben ihr auf dem Kanapee träumte, Bogen auf Bogen an Gaston; zerriß Bogen auf Bogen, kämpfte ihre Tränen und ihr Schluchzen herunter, daß Omama nichts merke, setzte wieder an, fand nicht Anfang und nicht Ende.

Was sollte sie schreiben?!

Bis sie dann endlich, in angstvoller Verzweiflung, ein paar Worte fand:

„Ich flehe Dich an, Gaston, gib mich frei. Wenn Du mich lieb hast, und ich weiß, Du hast mich sehr lieb, so gib mich frei. Ich bin sehr schlecht. Ich habe Dich betrogen und belogen. Ich kann nicht vergessen, und von Dir weiß mein Herz nichts. Sei Du barmherzig zu mir, wie Du immer gütig warst: gib mich frei. Deine unglückliche Helene.“

Sie überlas gar nicht, was sie geschrieben hatte, kuvertierte, schrieb die Adresse, huschte die Treppe hinunter zum nächsten Briefkasten, warf den Brief ein. Und wäre fast zusammengebrochen, als der kleine Deckel mit leisem Rascheln zuschlug — hinter dem Briefe, der ihr Schicksal barg.

In fliegender Hast, wie gepeitscht, war sie auf die Straße geeilt. Schwer und langsam stieg sie die Treppe hinauf. Und suchte sich einen stillen Winkel, um sich auszuweinen. Zu weinen um den einen und um den anderen. — —

In all ihrer Verzweiflung stand ihr eins klar vor der Seele: daß Gaston sie nicht ohne Kampf aufgeben würde. Sie wußte, er kam gewiß. Sie wartete darauf mit angstvollem Herzen, suchte ihre armen schwachen Waffen der Abwehr zu schmieden. Rechnete sich aus: in aller Frühe hat er deinen Brief; der Dienst wird ihn noch ein paar Stunden festhalten, aber dann — dann kommt er — und er wird vor dir stehen und Rechenschaft fordern.

Er kam. Noch früher, als sie erwartet, schon gegen zehn Uhr.

Sie hörte die Flurschelle, hörte seine Stimme. Er sprach mit Martha: „Wo ist Helene?“ — „Guten Morgen, lieber Gaston. Entschuldige meine Toilette. Helene? Drinnen bei Omama —“ Dann kamen seine festen Tritte durch das Wohnzimmer, dann ging die Tür —

Helene saß neben ihrer Mutter am Fenster, zum erstenmal wohl im Leben wie bei Omama Schutz suchend. Saß mit dem Rücken gegen die Tür, wagte nicht aufzustehen, nicht aufzusehen.

Er kam gerade auf beide los, küßte Omama die Hand, sagte: „Ich muß Helene allein sprechen. Du erlaubst wohl.“ Nahm Helene an der Hand, zwang sie mit sanftem Druck. Willenlos folgte sie. In das Nebenzimmer führte er sie, bis zum Sofa. Und als sie dann saß, faßte er wieder ihre Hand und sagte: „Meine liebe arme Helene!“

Sie bebte, und die Tränen kamen ihr, als sie seine warme Stimme hörte, den zärtlichen Druck seiner Hände fühlte.

„Wollen wir deinen Brief nicht als ungeschrieben betrachten?“ fragte er. „Du hast das in der Erregung geschrieben, unter irgendeinem fremden Einfluß. Es ist am besten, Helene, wir vergessen es beide.“

Sie schüttelte nur langsam den Kopf.

„Liebe Helene, du bist sehr sensibel, läßt dich von Stimmungen beeinflussen. So war es sicher auch gestern. Ich glaube nicht, daß du mit Überlegung geschrieben hast. Vielleicht weißt du heut gar nicht mehr, was du schriebst. Sag’ mir, daß es dir leid tut. Ein Wort von dir, und es ist alles wieder gut.“

Er sprach ganz ruhig. Aber sie fühlte aus dem Unterton seiner Stimme, wie traurig er war.

Wieder konnte sie nur den Kopf schütteln. Doch dann machte sie plötzlich ihre Hand frei, hob sie vor die Brust und bat mit einer letzten starken Willensanspannung: „Ich bitte dich ... laß mich frei!“

Es war ein Schweigen zwischen ihnen.

„Wenn ich dich nicht so heiß liebte, Helene,“ sagte er dann, „würde ich nun gehen. Wenn ich dich nicht so sehr liebte, wäre ich gar nicht gekommen. So aber ... Du mußt mich hören. Gerade in der letzten Zeit fühlte ich deutlich, daß alles anders, besser zwischen uns wurde. Ich war so beglückt darüber. Und nun ... nun dein jäher Entschluß.“

Er wartete. Aber sie schwieg, hatte immer noch beide Hände vor die Brust gedrückt, sah starr zu Boden.

„Helene, das weißt du: du hast in mir den treusten Freund.“

Sie nickte ein paar Male, schluchzte leise auf.

„Würde es dein armes wundes Herz nicht erleichtern, wenn du dem treuen Freunde Vertrauen schenktest? Vielleicht kann er dich trösten, vielleicht könnte er dir raten und helfen.“

Da sah sie auf und ihn an. Wie durch einen Flor von Tränen sah sie sein trauriges Gesicht und seine gütigen Augen.

Er nahm wieder ihre eiskalten Hände in die seinen.

„Sprich dich aus, Helene“, bat er. „Du wirst Verständnis bei mir finden. Denn das, was du schreibst: ich mag es gar nicht wiederholen — das ist ja alles nur Traum und Selbstquälerei. Sprich nur, Helene, sag’ mir alles ...“

Da begann sie.

Aber sie stockte gleich wieder. Hub wieder an —, sagte ganz leise: „Ich kann nicht, Gaston ...“

„Versuche es nur. Nicht um meinetwillen ... denk’ nur immer daran: hier sitzt dein bester Freund, der dir gern beistehen möchte in deiner Not.“

So sagte sie ihm alles. Ihr jubelndes Glück und ihr tiefstes Leid und wie sie sich langsam aufgerichtet hätte und gestern, gestern noch froh und glücklich gewesen wäre, bis sie ihm begegnet war. Ihm! Wie da alles wieder in ihr aufgelebt wäre, plötzlich, in tausend Schmerzen —

In kleinen Bruchstücken nur kam es über ihre Lippen. Sie mußte sich oft zwingen. Sie weinte leise. Fand wieder ein paar Worte, mühsam, hastete dann in ihrer Rede wie im Fieber. Ihre Hände zitterten in den seinen, krampften sich zusammen, streckten sich wieder —

Und endlich schloß sie: „Ich bin sehr schlecht gewesen zu dir. Ich hab dich belogen und betrogen, damals im Park ... und immer ... immer. Ich kann ja nicht vergessen ... es ist ja gar nicht aus in mir ... es wird ewig leben ... und nun geh, lieber Gaston, geh ... vergiß du mich ... wenn du kannst, verachte mich nicht ...“

Sie konnte nicht weiter. Tief sank der Kopf auf die Brust. Schluchzen erstickte die letzten Worte und ward zum stillen Weinen.

Aber in diesem Weinen keimte allmählich ein Verwundern in ihr auf: warum hält er immer noch meine Hände? Und warum tut mir das so wohl ...

Dazwischen hörte sie seine Stimme: „Weine dich nur aus, Helene“, und nach einer Weile: „Kannst du mich jetzt hören?“

„Ich danke dir viel, vielmal für dein Vertrauen, Helene“, begann er dann. „Nichts ist, als daß deine Nerven dir einen bösen Streich gespielt haben. Still, Helene, höre nur weiter. Niemand von uns vergißt wohl je ganz eine große Freude, ein großes Leid. Das mag tief untertauchen im Gedächtnis, aber plötzlich ist es wieder auf der Oberfläche. Vergessen können wir alle nicht, wir können nur überwinden. Darauf kommt es an. Du aber hast ja längst überwunden.“

Sie schüttelte wieder schwer den Kopf.

„Du hast es, glaub’ es mir. Die Erschütterung riß nur den Schmerz wieder auf. Laß einige Tage dahingehen, und auch das ist überwunden. Seh ich aus wie einer, der sich betrogen und belogen fühlt. Sieh doch: ich lächele schon wieder.“

Sie sah immer noch wie durch einen Schleier von Tränen. Aber sie sah, daß er wirklich lächelte, ihr wie ermutigend zulächelte aus seinen guten Augen. Und lächelnd fuhr er fort:

„Ja, Helene, sieh mich nur an! Mit deinen lieben, zagen, zweifelnden Augen. Es wird nicht in Trümmer gehen, ich halte es, mein Glück! Ich lasse dich nicht, Helene! Ich halte dich, ich zwinge dich. Man zwingt nicht nur mit Gewalt: Liebe und Geduld, Geduld und Liebe sind meine Waffen. Und ich werde siegen!“