Neuntes Kapitel
Die alten Herrschaften saßen allein auf Rohlbeck.
Wilhelm hatte gleich erklärt: jetzt müßte es ein Ende haben mit der ewigen Trennung. Er sehne sich, Weib und Kind bei sich zu haben. Die Jungens sollten auch aufs Gymnasium. Das letztere war vielleicht für Martha das Ausschlaggebende. Denn sie schied schmerzenden Herzens von der Scholle, die ihr so lieb geworden war, als hätte ihre eigene Wiege darauf gestanden. Und sie fürchtete sich vor Berlin.
Helene war mit Wilhelms im Herbst übergesiedelt. Zuerst nur, um bei dem Umzug und bei der Neueinrichtung zu helfen. Dann blieb sie, auf Vaters ausdrücklichen Wunsch. Sie war so still und ohne rechte Frische gewesen in all der letzten Zeit; seit der Nachricht von Harros Tode, hätte man beinahe sagen können. Ein wunderliches Mädel, fand der alte Rittmeister. Ja, ja doch, es war ja sehr traurig. Aber, du mein Gott, der Junge hatte doch einen so herrlichen Tod gehabt, für König und Vaterland. Und ohne Schmerzen, gleich dahin. Daß Lene das so naheging! Das heißt, sie hatte wirklich immer an dem Harro gehangen, fast wie eine Schwester. Aber nun das schmale, blasse Gesichtchen. Nun, sie mußte mal ordentlich heraus. Sollte auch wieder Unterricht nehmen, daß sie auf andere Gedanken käme. Nicht einen Ton hatte sie gesungen seit dem letzten Male in der Kirche, wo Heckstein der toten Sieger gedachte.
Sie wollte nicht nach Berlin. Wollte nicht — wollte auch die alten Eltern nicht allein lassen. Da sprach der Rittmeister ein Machtwort. „Und überhaupt, das heißt, so alt sind wir denn doch noch nicht! Das bißchen Wirtschaften hier! Für immer und ewig brauchst du ja nicht fortzubleiben, und wenn erst die Eisenbahn fertig ist, dann ist das ja nur ein Katzensprung.“
Wilhelm hatte vor dem Halleschen Tor gemietet. In einem ganz neuen Hause, das die spottsüchtigen Berliner „Neu-Amerika“ getauft hatten, weil es so weit draußen lag und weil es so sehr groß war. Ein Riesenkasten, aber schön gelegen. Von der Vorderfront sah man über die Kanalbrücke auf den Belleallianceplatz mit der Rauchschen Viktoria; die andere Front der Wohnung ging nach der breiten Bellealliancestraße hinaus, und jenseits lag das große Rothersche Stift inmitten eines gewaltigen Gartens. So hatte man doch den Blick auf grüne Bäume. Und die Jungens jubelten: fast an jedem Morgen wurden sie durch lustige Militärmusik mit Piefkes Düppelmarsch geweckt, und wenn sie dann ans Fenster stürzten, dann sahen sie unten die langen, bunten Kolonnen, die durch die Bellealliancestraße dem Kreuzberg zuzogen.
Martha lebte sich anfangs sehr schwer ein. Die Wohnung war gewiß für Berliner Verhältnisse recht geräumig, aber sie empfand überall ihre Enge gegenüber dem Rohlbecker Hause; litt überhaupt unter der Enge der großen Stadt nach den langen Jahren des Landlebens, fand sich auch nicht leicht in die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, hatte für ihre emsigen Hände zu wenig zu tun. Aber sie war doch glücklich, mit ihrem Manne vereint zu sein. Und allmählich gewöhnte sie sich mehr und mehr, hatte ihr kleines Vergnügen an einem Bummel durch die Leipziger Straße, suchte überall nach den billigsten Quellen und kam jedesmal stolz vom Wochenmarkt auf dem Belleallianceplatz zurück; besonders stolz, wenn sie in einem kleinen Preisdisput mit einem der groben Marktweiber glorreich obgesiegt hatte. Allmählich gewann sie Berlin fast lieb.
Auf Helene wirkte dies Berlin ganz anders als vor zwei Jahren. Sie war gleichgültig geworden gegen die große Stadt. Es interessierte sie nichts mehr, es reizte sie nichts mehr: nichts zum Staunen, nichts zur Bewunderung, nichts zum Widerspruch. Und auch die Erinnerungen glitten nun, wenn sie kamen, an ihr ab wie etwas Fremdgewordenes. Mit Ausnahme der einen, um die der Tod frischen Lorbeer gewunden hatte.
Ihr erster Gang hatte der einsamen Insel gegolten. Sie fand die Tante merkwürdig gefaßt. Ganz schmal und durchsichtig zart war das kleine Gesicht unter der Trauerhaube, aber aufrecht und ruhig: „Der Herr hatte ihn mir gegeben, der Herr hat ihn mir genommen,“ sagte sie fast wie Hiob, „der Name des Herrn sei gelobt.“ Es lag etwas Tiefergreifendes in ihrer Ergebenheit. In Helene lebte der Schmerz anders; sie hätte ihn klagend gen Himmel schreien mögen.
In sein kleines Stübchen führte Tante Marianne sie. Da stand und lag noch alles, wie er es verlassen. An dem letzten Tage vor dem Ausmarsch war er noch darin gewesen.
Tante Marianne setzte sich vor seinen Schreibtisch, ließ die Bücher, die auf dem Tisch lagen, langsam durch ihre Hände gleiten, rückte an dem Tintenfaß. Helene hatte sich ein Korbsesselchen herangezogen, stützte den Kopf in beide Hände und weinte. Sprechen konnte sie nicht.
Auch die Tante saß lange schweigend, nun mit gefalteten Händen auf der Schreibmappe.
Dann sagte sie ganz langsam: „Er hat dich sehr lieb gehabt, Helene. Mehr vielleicht, als er sollte. Ich hab das auch erst gemerkt, als du fort warst.“
‚Mehr vielleicht, als er sollte.‘ Helene hörte eigentlich nur das. Konnte man denn einen Menschen mehr liebhaben, als man sollte?
Aber sie durfte ja nicht mit der Mutter rechten. Und Tante Marianne würde auch nimmer verstanden haben, wenn sie ihr von dieser reinen und heißen Jünglingsliebe gesprochen hätte und von dem, was ihr Harro gewesen und geworden war in der Zeit ihrer Not. Vielleicht meinte Tante Marianne auch nur ‚Er hat dich sehr liebgehabt — mehr als mich.‘
Nur eins mußte sie sagen. Und es mochte wohl wie ein Auftrotzen klingen: „Ich hab ihn auch sehr liebgehabt.“ Wie ein Auftrotzen, und war doch großer Schmerz.
Tante Marianne sah auf und senkte den Kopf wieder. Vielleicht hatte sie auch das nicht recht verstanden, daß man jemand liebhaben kann in reinster Freundschaft. Vielleicht lebte auch in ihren Gedanken ihr Harro nur noch als Knabe; vielleicht hatte sie nie ganz begriffen, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, mit all der Lust und all dem Leid des Jünglingsherzens.
Sie stiegen wieder herunter und saßen im düsteren Wohnzimmer einander gegenüber.
Die Tante fragte nach Rohlbeck, nach den Eltern, nach Wilhelms. Helene gab Antwort. Und beider Gedanken waren doch nur bei ihm. Er stand für sie drüben an der Tür, er saß für sie in der tiefen Fensternische, er ging draußen vorüber unter den blühenden Kastanien.
Plötzlich sagte Tante Marianne, und nun klang doch der ganze Schmerz des Mutterherzens durch all ihre Ergebung hindurch: „Warum mußte er Soldat werden! Ich wollte es nicht. Fast auf den Knien hab ich ihn gebeten —“
Und wieder saß Helene wortlos. Was sollte sie sagen? Auch das würde Tante Marianne nicht verstehen: daß der Tod auf dem Schlachtfelde der schönste Tod ist und daß mit Harro Hunderte und aber Hunderte, arm und reich, hoch und gering, in den Tod gegangen waren — mit Gott, für König und Vaterland.
Mit Gott! Den Kopf hätte Tante Marianne geschüttelt: ‚Du sollst nicht töten!‘
Und dabei fühlte sie, wie wieder der fragende, vorwurfsvolle Blick auf ihr ruhte. Fast als ob er zu ihr spräche: Du bist schuld daran, daß er so früh eintrat! Daß er ein Mann sein wollte, wo er noch ein Knabe war!
Es fröstelte sie in dem düsteren Zimmer.
Schwer stand sie auf. Küßte der Tante die Hand. „Ich muß nun wohl gehen —“
Tante Marianne blieb auf dem steiflehnigen Sofa sitzen, sagte nur müde: „Grüße Wilhelm und Martha.“
Aber dann plötzlich, als Helene schon an der Tür war, kam die Tante hinter ihr drein, umschlang sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und rief unter Schluchzen: „Er hat dich so liebgehabt. Er hat dich ja so liebgehabt!“
Und da weinten sie beide, Wange an Wange. Weinten um den, der in ihren Herzen nie sterben würde: um den Knaben, um den Jüngling, um den jungen Helden, der mit einem Lächeln in den Tod gegangen war.
Seitdem ging Helene häufig nach der einsamen Insel. Mehr und mehr lernte sie Tante Marianne verstehen und schätzen. Auch lieben. Aber diese Liebe rankte sich doch fast nur um die Erinnerung an Harro. Bei allem Verstehen und aller Verehrung, auch in aller Zuneigung blieb etwas Fremdes. Und manchmal dachte Helene: ‚Es ist nicht anders wie in deinem Verhältnis zu Martha. Wir haben uns gefunden, und sind doch nicht ganz eins geworden.‘
Bisweilen, wenn sie von der einsamen Insel kam, ging sie auch an der kleinen Konditorei in der Bendlerstraße vorüber. Einmal stand sogar das alte Kuchenfräulein vor der Tür und sah in den lachenden Frühling hinaus, knixte und machte große Augen. Da grüßte Helene mit einem leichten Kopfneigen und lächelte, indem sie weiterschritt. Wirklich, sie konnte lächeln. Wunderte sich selber darüber, wie fern ihr nun diese Episode lag, und daß sie ihr aus einem großen Erleben zu einer Episode hatte werden können. Aber sie wußte auch: die emsige Arbeit und ihre Kunst hatten das erste und vielleicht das Beste an ihr getan, und doch nicht alles; es mußte die Zeit helfen, sie das Überwinden zu lehren, und es mußte Harros Tod kommen, um das Überwinden zur Tat werden zu lassen. Wie denn der eine Schmerz so oft den andern löst.
Monat auf Monat war verstrichen, und der Sommer stand schon vor der Tür, da raffte sich Helene endlich auch zu dem Besuch bei Frau Harriers-Wippern auf. Immer wieder hatte sie ihn hinausgeschoben. Nun drängten Vaters Briefe; es drängte auch das eigene Gewissen. Denn sie wußte, Mitte Juni ging die Sängerin meist in die Ferien.
Das Herz klopfte ihr doch, als sie die teppichbelegten Stufen zur Wohnung hinaufstieg und die Klingel zog. Sie fühlte sich schuldbewußt der gütigen Meisterin, schuldbewußt auch ihrer eigenen Kunst gegenüber. Die Worte klangen in ihr auf, die die Lehrerin nach der ersten Prüfung gesprochen hatte: von der Heiligkeit der Gabe, die ihr verliehen, und wie man sie hegen und pflegen müsse. Sie aber kam ja eigentlich auch jetzt nicht, um sich in ganzer Hingebung wieder der Kunst zu widmen. Fast gezwungen kam sie, unlustig, wie sie in all diesen Wochen gewesen war.
Sie mußte ein wenig warten. Es war alles wie früher. Unter den großen Blattgewächsen saß sie im Salon, die wohlbekannten Bilder blickten von den Wänden auf sie herab. Aus dem Zimmer nebenan klangen halblaute Worte, dann einzelne Töne, eine Halbkadenz, ein paar Anschläge auf dem Flügel. Wie sie das alles kannte! Frau Harriers sang mit halblauter Stimme. Glockenhell aber. Nun die Schülerin. Hilf Himmel — meine arme Lehrerin! Solch eine Stümperei! Wie gequält, wie mühsam — schlecht, einfach schlecht. Was sollte das sein? Heiliger Mozart, wie man sich so an dir versündigen kann! Wenn das unser alter, guter Kantor hören müßte —
Seit Wochen, seit zwei Monaten hatte Helene nicht gesungen, keine Musik gehört. Nun, ganz plötzlich, regte es sich wieder in ihr. Waren es Erinnerungen, war’s die Atmosphäre dieses Hauses, waren es die Töne, die, gedämpft durch Tür und Vorhang, zu ihr drangen? Das Blut wallte. Sie sprang auf, hastete ein paar Male durch das Zimmer, blieb wieder stehen, horchte, lauschte.
Dann ging die Tür. Ein schmächtiges junges Ding, elegant, im lichten Sommerkleid mit ungeheuerlichen Pagodeärmeln, huschte vorüber. Aber gleich hinter ihr trat Frau Harriers-Wippern in den Salon. Blieb an der Schwelle stehen, schlug die Hände zusammen: „Fräulein von Hackentin!“ — kam dann auf Helene zu, faßte sie um den Gürtel: „Sind Sie’s, oder ist’s Ihr Geist?“ — lachte ihr altes, helles Lachen: „Nein, ich fühl’s, sie ist es selber, die Ungetreue, Ungetreueste! Die einzige Ungetreue, der ich je nachtrauerte! Helene Hackentin! Wie ich mich freue! Wie ich mich freue!“
Es stand ihr auf dem schönen Gesicht geschrieben, daß sie sich wirklich freute. Das war nicht mehr die ernste, gemessene Lehrerin, als die Helene sie kannte; fast übermütig war sie: „Da muß man sich nun mit solch einer Demoiselle Stern quälen, die keine Stimme hat, kein Talent, nicht einmal Gehör, nichts, nichts, als einen reichen Vater, muß sich quälen und ärgern und läßt eine Helene Hackentin warten! Warum haben Sie’s mich nicht wissen lassen, daß Sie’s sind — hinausgeworfen hätt’ ich das Modepüppchen aus dem Tempel! Aber nun lassen Sie sich mal ordentlich anschauen —“
Dann wurde sie doch ernst, las wohl in Helenens Zügen das Leid. Sie schob die Hand vertraulich unter ihren Arm: „Kommen Sie fort aus dieser kalten Pracht. Ich hab hinten, nach den Gärten hinaus, ein Privatzimmerchen, in dem wir gemütlicher plaudern können.“
So saßen sie denn in dem kleinen Raum, in den die grünen Baumwipfel hineinwinkten und durch dessen weitgeöffnetes Fenster die laue Sommerluft wehte. Saßen nebeneinander auf der winzigen Couchette wie zwei gute Freundinnen. Doch das Plaudern wollte nicht recht gelingen. Luise Harriers mochte nicht fragen, und Helene Hackentin waren die Lippen geschlossen. Auch in ihr war herzliche Freude über den Empfang. Aber sie konnte doch nicht sprechen über das, was sie erlebt hatte, von dem sie zu niemand gesprochen hatte, außer in den Stunden ihrer größten Herzensangst zu Martha. Nur Harros Tod berührte sie kurz. Und dann war da noch etwas, was ihr die Lippen schloß. Frau Harriers hatte gleich anfangs gesagt, leichthin: „Sie waren ja wohl mit Alfred Schwarz bekannt? Wissen Sie, daß er sich im Winter mit der Theresa Carena verheiratet hat?“
Es schmerzte ja nicht —
Schmerzte es wirklich nicht? Ein dumpfes Wehgefühl hob es aus, eine jähe Leere, als ob das Blut stockte im Kreislauf, auf einen Augenblick im Herzen stehen blieb, nicht mehr zum Gehirn emporsteigen wollte. Auf einen Augenblick nur. Dann konnte Helene ruhig entgegnen: „Ich wußte nichts davon.“
„Er war wieder in Petersburg. Wie ich neulich hörte, soll er jetzt in Paris leben. Er ist ja immer einer von den unsteten Kollegen gewesen, die nirgendwo festen Fuß fassen können oder wollen.“
Helene saß still, mit geneigtem Kopf. Sie mußte doch nachsinnen: ja, ein Unsteter, der nirgend festen Fuß fassen kann. Auch nicht will. Therese Carena? Noch nie hatte sie den Namen gehört. Fragen mochte sie nicht. Es war ja auch gleichgültig. Nur — nur — ob er wohl glücklich war?
Die Unterhaltung versiegte.
Bis dann Frau Harriers, frisch zugreifend, fragte: „Aber Sie, Fräulein von Hackentin? Ich kann doch nicht länger damit hinter dem Berge halten: was macht die Kunst?“
Da raffte sich Helene auf.
Stockend, ein wenig verlegen begann sie. Mit der kleinen Münze der Erklärungen, Entschuldigungen, die sie sich vorher zurechtgelegt hatte.
„War denn alles still in Ihnen? Ich kann’s nicht glauben. Wem ein Gott Gaben lieh, wie Ihnen, dem ist Musik ja der Wundertröster in der Not, die helle Sonne im Glück.“
„Sie war mir beides, Sonne und Trost. Dann ist eine Zeit gekommen, in der nichts mehr in mir klang.“
„Das sind Unglücksstunden, armes Kind, über die der Wille hinwegtragen muß. Wer hätte solche Stunden, Tage, Wochen nicht? Ich kenne sie auch. Doch dann modle ich mir den Goethevers auf meine Art um. ‚Gebt ihr euch einmal für Poeten, so kommandiert die Poesie!‘ Das heißt — ich singe. Ich singe mich frei. Aber nun lassen Sie einmal hören, was haben Sie getrieben, was haben Sie studiert, ehe diese bösen Stunden kamen.“
Da berichtete denn Helene. Zagend erst, lebhafter dann. Das Wachwerden, das vorhin im Salon über sie gekommen war, ganz jäh und unerwartet, kam ihr in den Sinn. Sie erzählte von ihrem vergeblichen Gang ins Kantorhaus, wie der alte Flehr über die Elsa-Partie den grauen Kopf geschüttelt hatte. Frau Harriers fand das entzückend: der Kantor, die lange Pfeife im Munde, auf seinem Spinett sich abmühend über die Wagnerschen Noten, zu Zerlinens Lied übergehend, die blauen Augen verzückt gen Himmel gerichtet: „Das ist doch noch Musik!“
„Den Braven möcht ich kennen lernen. Aber Ihnen möchte ich helfen, Fräulein Helene! Doppelt helfen — Sie verstehen mich schon. Ich bleibe zum Glück noch ein paar Wochen hier und hab wenig zu tun. Von morgen an kommen Sie zu mir. Wir studieren die Elsa. Hier meine Hand — schlagen Sie ein!“
Vielleicht war es zuerst ein wenig Zwang. Blieb noch eine Weile Selbstzucht. Aber dann wachte die Freude wieder auf in dem starken Streben, im Ringen und im Gelingen. Denn es war ein Ringen und es war ein Gelingen an der neuen großen Aufgabe. Langsam nur, aber stetig ging es bergauf. Eins kam zum andern. Zu den Stunden bei Frau Harriers kam italienischer Unterricht bei Signora Marchesi, der kleinen, quirligen Toskanerin, die für die neue Freiheit ihres Vaterlandes schwärmte und die Namen Vittore Emanuele und Cavour in jeden dritten Satz einzuflechten suchte; die die Österreicher so wundervoll haßte, über den Heiligen Vater so köstlich lächelte, die Priester ihrer Kirche ironisierte, aber jeden Morgen zur Messe nach der Hedwigskirche ging.
Tötend langsam waren die ersten Wochen in Berlin hingeflossen, nun flogen die Tage.
Ein herrlicher Frühsommer war es, fruchtbar und reich. Vater schrieb immer wieder, wie prächtig die Ernteaussichten, „das heißt, mehr Regen könnten wir brauchen. Für unseren märkischen Sand ist bis Johanni jeder Regenschauer ein Säckchen Dukaten wert.“ Wenn solch ein Brief, meist an sie gerichtet, kam, so faßte Martha immer die Sehnsucht nach Rohlbeck, nach grüner Wiese, nach duftendem Flieder, nach einem Kirschbaum im Blütenschnee. Ganz plötzlich sagte sie dann bei Tisch: „Jungens, wann kommt ihr heut aus der Schule zurück? Um halb fünf. Gut — wir müssen ins Freie. Du auch, Lene.“ Und sie packte ein Körbchen mit Butterbroten und zog mit ihnen hinaus, die Bellealliancestraße hinauf zum Kreuzberg, und lagerte sich mit ihrer Schar irgendwo in der kleinen Wildnis um das ragende Denkmal; oder es ging noch weiter hinaus auf der Chaussee, quer über den riesigen, sonnigen Exerzierplatz bis nach Tempelhof, in den schattigen Garten von Kreideweiß. Manchmal, selten, hatte auch Wilhelm ein Gelüste nach etwas Familiensimpelei. Dann schlug er aber eine etwas höhere Nüance an. Er lud die Seinen — „Jungens, wascht euch die Pfoten!“ — zu Kaffee und Stippe bei Mielenz an der Potsdamer Brücke ein, wo der elegante Spießer auf schön getürmten Terrassen saß, oder führte sie gar am Abend nach dem „Albrechtshof“ oder nach „Moritzhof“ am Tiergarten. Das war ein besonderer Jubeltag für die Söhne. Denn erstens bekam jeder ein richtiges Seidel bayerisches Bier und eine Schinkenstulle, und dann konzertierte der alte Generalmusikdirektor Wiepprecht dort. Am Schluß stieg der jedesmal auf einen Tisch und dirigierte ein grandioses Schlachtenfurioso mit großem Trommel- und Paukengetöse. Die Jungens und auch Martha fanden das über alle Beschreibung schön. Helene freilich hielt sich lachend die Ohren zu.
Einmal, im Juni, kam Bruder Fritz angereist und logierte bei Wilhelms. Der „rote Kreisrichter“ war ein wenig bedrückt. Der Zwist mit dem Vater lag ihm auf dem guten Herzen, er fühlte sich auch mehr und mehr isoliert in Stellberg, und dann hatte er dienstlich Unannehmlichkeiten. Der neue Justizminister Graf Lippe zog schärfere Saiten gegen die fortschrittlich gesinnten Beamten auf. Es gab gleich am ersten Vormittag eine lange Beratung zwischen den Brüdern, ohne daß viel dabei herauskam. Denn Wilhelm sprach als ein Mann der Kompromisse emsig zum Guten, fürchtete auch persönlich Unbequemlichkeiten für seine geschäftlichen Beziehungen. Fritz aber redete sich schnell wieder in seine „Überzeugungstreue“ hinein, wollte lieber gemaßregelt sein, als nachgeben. Schließlich brach in beiden die Hackentinsche Art durch, sie lagen sich, nach scharfen Worten, versöhnt in den Armen und schwatzten davon, wie man sich am besten in Berlin amüsieren könnte.
„Ohne daß es viel kostet —“ meinte der Stellberger, aber Wilhelm erklärte: „Ach was! Man sieht sich so selten. Ich lade dich zu Hiller ein. Die Weiber kommen auch mit. Und am Abend gehen wir zu Kroll. Martha, Lene — macht euch so schön, als es möglich ist. Ehre wollen wir mit euch einlegen.“
Er konnte zufrieden sein, und er schmunzelte auch, als der kleine Karl Hiller, der frühere Oberkellner von Ewest, der erst vor kurzem das eigene Geschäft Unter den Linden eröffnet hatte, ihn zu dem reservierten Tisch geführt hatte: Martha und Helene sahen vorzüglich aus. Martha in ihrer schlichten Frauenhaftigkeit, die Schwester rassig, eigenartig — „Donnerwetter, Mädel, als ob du alles Lackzeug frisch gestrichen hättest.“ Rosigster Stimmung war er: er hatte gleich gemerkt, wie sich in dem trotz des Sommers überfüllten Lokal, das rasch in Mode gekommen war, alle Augen auf die schönen Frauenerscheinungen richteten. Auch mit den Toiletten war er zufrieden: etwas übertrieben einfach, aber sie kamen mit, die beiden. Wirklich, sie kamen mit, fand er. Besonders Helene in ihrem Batistkleidchen mit der rosa Tunika über dem Rock. Zum Erstaunen! Das Mädel wußte aus nichts etwas zu machen. Und dann ihr wundervolles Haar, vorn in leichten Wellen gescheitelt, im Nacken der neumodische Chignon, der die rostbraune Flut kaum bändigen konnte.
Rosigster Stimmung war er. An jedem dritten Tisch im Saal hatte er Bekannte, grüßte, nickte, winkte, nannte für die Seinen die Namen: „Da der Prinz von Schwarzburg! ... Graf Dönhoff ... drüben der große Theateragent Röder mit seiner schönen Tochter Mila ... in der Ecke sitzt Strousberg ... siehst du ihn, den kleinen Juden ... und da sitzt der Oberstleutnant Prinz Hohenlohe, Flügeladjutant des Königs ... Du, Martha, da kannst du auch die göttliche Anna Schramm sehen mit dem Rittmeister von Brescius ... und am Nebentisch der schmächtige Zietenhusar, das ist Graf Haeseler ...“
Er grüßte, winkte, bestellte seine Lieblingsmarke, Ruinart, spöttelte mit dem Bruder, der ein wenig steifleinen zwischen Schwester und Schwägerin saß, aß wie ein Gourmet, schlürfte den Champagner mit Kennermiene: „Aber die nächste Bouteille, mein lieber Hiller, etwas kälter.“
Helene war zuerst ein wenig befangen. Dann taute auch sie auf, plauderte drauflos, neckte Martha, die, wie sie behauptete, neuerdings eine kleine Passion für die Berliner Weiße hätte und die Berliner Schrippe und frische Blut- und Leberwurst; die überhaupt auf dem besten Wege wäre, richtig zu verberlinern. Dann saß sie wieder ein Weilchen stumm, dachte reuig: ‚Was bist du doch für ein Weltkind!‘ trank hastig ein Spitzglas Champagner, lachte sich über die veränderte Stimmung fort: ‚Gott, man ist doch nur einmal jung!‘ — fühlte, wie diese Atmosphäre von Luxus und Wohlleben ihr wohltat, diese Spiegelwände, die weichen, roten Teppiche, der glänzend weiße Damast, die Kristallschalen, das diskrete Plaudern und Lachen, der leise, leichte Duft von Parfüm, Speisen, Zigarrenrauch.
Plötzlich rief Wilhelm: „Merivaux ... suchen Sie einen Platz? Kommen Sie hierher. Wir rücken ein wenig zusammen.“
Da erst sah Helene den Gardeschützen, der mitten im Saal stand, mit dem Oberkellner unterhandelte. Jetzt stutzte er, zögerte einen Augenblick, trat dann an den Tisch heran. „Bonjour, mes dames et messieurs! Sehr freundlich, Herr von ’ackentin. Wenn Sie erlauben —“
Er sprach noch immer mit leichtem Akzent, kämpfte noch immer ein wenig mit dem H, mischte noch immer dann und wann einen französischen Brocken ein. Aber zugelernt hatte er entschieden „in die swere Sprack“ während der zwei Jahre. Wahrhaftig, länger als zwei Jahre hatte Helene den Neuchateller nicht gesehen! Und indem sie das mit leisem Staunen konstatierte, glitt durch ihre Erinnerung doch auch jener Spaziergang, im Rackower Park, die Begegnung mit Alfred Schwarz, ihr Gesang im Salon von Tante Marie —
Merivaux widmete sich zuerst fast ausschließlich Martha, sprach mit den Herren, erzählte, daß er im Winter vierundsechzig — „da wir ja leider nicht mobil wurden“ — auf einige Wochen in der Heimat gewesen wäre: „Schlechte Zeiten für meine Eltern, für unseren ganzen Adel.“ Die Demokraten obenauf, die Royalisten ganz, ganz unten; und allmählich werde auch so mancher von den Guten untreu. Im Vaterhause aber erhebe der alte Herr immer noch sein Glas, gefüllt mit blutrotem Cortaillard: „Vive le roi!“ Und am 22. März hätte auch diesmal die schwarzweiße Hohenzollernfahne über Schloß Merivaux geflattert.
Helene hörte gerne zu, wie er so sprach. Ein romantischer Zug klang daraus, der Widerklang in ihr fand. Dies treue Ausharren auf verlorenem Posten, dieser trotzige Sinn der alten Royalisten im fernen Lande: das war wirklich einmal etwas Eigenes in der Alltäglichkeit des Lebens. Es lag fast greifbar deutlich vor ihr; das altersgraue Schloß mit dem dräuenden Turm und der Zollernflagge, und tief unten der blaue Neuchateller See, wie Merivaux ihn einst ihr geschildert, von grünen Wiesenhalden umkränzt und blütenreichen Hängen, die schneebedeckten Alpenhäupter im Hintergrunde.
Einmal mußte sie unwillkürlich zu Merivaux hinübersehen. Und da begegneten sich ihre Augen. Sie wunderte sich: es war etwas Träumerisches in seinem Blick — etwas Fremdes — und doch wieder etwas seltsam Vertrautes.
Dann wandte er sich gleich an seinen Tischnachbar. Das Gespräch ging weiter. Fritz konnte sich eine etwas unpassende Bemerkung nicht versagen, daß Neuchatel doch eben nur seinen natürlichen Anschluß an die anderen Schweizer Kantone gefunden hätte, wurde aber von Merivaux ziemlich scharf zurückgewiesen. Dann, um weiterer Peinlichkeit zu entgehen, fragte Wilhelm recht unvermittelt nach dem neuen Modell der Jägerbüchse, das die Gardeschützen führten. Und Merivaux sang das Lob der Zündnadel — „sie schösse töter als tot“. Er war zur Abnahme in Sömmerda kommandiert gewesen und hatte den alten Dreyse kennen gelernt, den der König kürzlich geadelt, der aber noch immer wie ein richtiger Schlossermeister von Werkstatt zu Werkstatt ginge, um allenthalben nach dem Rechten zu sehen. Wilhelm erzählte dagegen wieder von dem alten Krupp in Essen und den gezogenen Gußstahlgeschützen und was sich die Herren von der Bombe davon versprächen. Wozu der rote Landrichter gähnte. Eigentlich ärgerte sich Helene über Bruder Fritz: der hatte doch auch einmal des Königs Rock getragen, und nun war ihm das gleichgültig, was selbst sie und Martha interessierte: wie „da oben“ bei Lundby die Zündnadel die erste Ernstprobe auf ihre Brauchbarkeit abgelegt hätte.
Endlich brach man auf. Merivaux ging mit hinaus zu Kroll.
Es dämmerte schon leicht, und der Krollsche Garten glänzte in seiner neuen feenhaften Beleuchtung durch Zehntausende von bunten Gasflämmchen, die alle Rabatten und Bosketts umsäumten, überall aus den grünen Büschen herausschimmerten, von hohen Kandelabern herunterstrahlten. „Etwas Ähnliches gibt es nur noch in Paris, in den Champs Elysées“, behauptete Wilhelm. „Aber was die Pariser nicht haben, ist unser Engel.“ Dieser Engel stand vor seinem Orchester, ein kleines altes Männchen mit kohlschwarzer Perücke, dirigierte ‚mit die Hände und die Füß’‘ und hatte dabei noch Zeit, jede vorüberwandelnde hübsche Frauengestalt mit verliebten Blicken zu verfolgen. An hübschen Frauen aber fehlte es im Krollschen Etablissement nie. Und außer Herrn Engel, fand Helene, gab es recht viele Herren hier, die unverschämte Augen machten.
Man promenierte langsam zwischen den Beeten auf und ab, die so wunderlich von bunten Blechblumen, mit Gasflämmchen in den Kelchen, eingefaßt waren. Und da schob sich Merivaux neben Helene.
Er fragte nach ihrem Gesang, und sie gab ein wenig spitz zurück: „Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie dafür Interesse haben ...“
„Dann irrten Sie, gnädiges Fräulein“, meinte er.
Sie behielt noch immer ihren etwas ironischen Ton bei: „Also muß ich mich bedanken, daß Sie sich so gütig für mein bißchen Kunst interessieren?“
„O nein — warum bedanken?“ Er blieb ganz ruhig. „Aber ich darf gewiß sagen, daß ich sehr, sehr oft daran dachte, wie schön Sie in Rackow sangen. Ich ’ab es nicht vergessen: ‚... auf der Welle blinken — tausend schwebende Sterne ...‘ Vielleicht glauben Sie es mir nicht: ich liebe die Musik überhaupt sehr.“
Es klang ihr so naiv, so furchtbar naiv. Sie mußte lächeln, und das sah gewiß wieder ein wenig überlegen, ein wenig spöttisch aus.
„Da haben wir’s! Sie lachen mich einfach aus.“
„Aber, Herr von Merivaux ...“
„Ich nehm es ja gar nicht übel. Wie soll ich? Ich weiß ja doch, Sie können kaum anders, und, gewiß, es scheint vielleicht eine seltene Sache, daß sich ein Offizier stark für Kunst, gerade für Musik interessiert. Aber es kommt doch vor. Par exemple: wir haben hier in Berlin einen Offizier-Musik-Verein, und ich spiele die zweite Violine.“
Sie machten gerade kehrt, fügten sich von neuem in die Reihen der Promenierenden ein. Dabei konnte sie ihm unauffällig ins Gesicht sehen. Ein wenig im Glauben, er habe den Spieß umgedreht und scherze nun seinerseits. Aber er blickte ganz ernst. Es mußte doch wahr sein, was er sagte.
Und er sprach schon weiter: „Sie sind wieder Schülerin von Frau Harriers-Wippern?“
Da mußte sie doch erstaunt zurücksagen: „Woher wissen Sie das?“
‚„Mon Dieu ... Berlin ist so klein. Ich verkehre bei Professor Taubert, und zu den näheren Freunden des ’auses gehört auch Frau Harriers. Sie sprach bisweilen von Ihnen, gnädiges Fräulein, und ’at sehr geklagt, daß Sie gegangen sind auf und davon. Damals! Und weil sie wußte, daß ich die Ehre ’ab, Sie zu kennen, erzählte sie mir neulich, sehr froh, von Ihrem Wiederkommen.“
„Aber davon ahnte ich ja gar nichts.“
Er lachte. „Man kann doch nicht alles ahnen.“
„Weshalb haben Sie mit mir in Rackow nie von Ihrer Liebe zur Musik gesprochen?“ Fast vorwurfsvoll, ein wenig schmollend, sagte sie es.
„Ja — weshalb nicht? Vielleicht ist mein Interesse erst später recht erwacht.“ Merivaux ging einige Schritte schweigend weiter. „Vielleicht sprach ich auch aus Trotz nicht. Ich weiß nicht recht.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Vielleicht ... nun, vielleicht wollte der Dilettant die Konkurrenz mit dem ... wie sagt man doch — mit dem Mann von Beruf nicht aufnehmen.“
Er hatte das letzte zögernd gesprochen, fast wie widerwillig. Und es schien ihm sofort leid zu tun. Denn er sah wohl, wie Helene Hackentin ablehnend den Nacken straffte, daß sie starr geradeaus blickte und ihren Schritt beschleunigte.
Sie ärgerte sich. Eigentlich traf’s ja doch den Kern der Sache, war’s ganz richtig, was Merivaux eben gesagt hatte: der Dilettant tritt immer vor dem Berufskünstler zurück.
Nun war er wieder an ihrer Seite.
„Was studieren Sie jetzt mit Frau Harriers, wenn ich fragen darf?“
Noch immer konnte sie sich nicht ganz überwinden. Ganz kurz gab sie zurück: „Die Partie der Elsa ...“
„Eine schöne ... eine sehr schwere Aufgabe. Schwer wie fast alles von diesem Maestro Wagner. Man muß sich ganz in ihn hineinleben, wenn man ihn recht verstehen will. Ich ’ab es versucht, aber es will nicht ganz glücken. Vielleicht muß man ganz ein Deutscher sein dazu?“
„Warum das, Herr von Merivaux? Die Musik, die Kunst überhaupt ist doch wohl international?“
„O nein! Nein doch, gnädiges Fräulein. Das sagt man wohl so, das ist aber nicht wahr. Man empfindet wohl nach, aber man empfindet nicht ganz. Es gibt Differenzen. Man kann Mozart überall verstehen und kann Auber überall verstehen. Aber Wagner nicht. Oder doch nicht gleich. Gerade weil er so ganz deutsch ist.“
„Aber Wagner hat doch auch in Paris viele Bewunderer.“
„Wenige, glaub ich. Man wollte ihn in Mode bringen, aber es ist nicht geglückt, trotz der Fürstin Metternich. Sie sollten nur sehen, wie sich die Karikatur über ihn lustig macht. Gavarni und Cham und Noël. Wie man spottet ...“
„Das ist sehr häßlich.“
„Sans doute. Aber der Pariser liebt das so. Und das ’indert nicht, daß Wagner sich vielleicht doch Bahn machen wird, langsam, langsam —“
Da waren sie wieder am Ende der Promenade angelangt, und Wilhelm unterbrach ihr Gespräch. Er hatte einen freien Tisch unter einer der Hallen erspäht und behauptete, einen unendlichen Durst zu haben.
Man kam sehr spät nach Hause. Weit nach Mitternacht. Aber Helene lag noch lange, ohne Schlaf finden zu können. Eigentlich klang immer nur das eine Wort, das Merivaux gesprochen, in ihr nach, das Wort von dem Dilettanten und dem „Mann des Berufs“ — dem Künstler, hätte er sagen sollen. Ja, dem Künstler! Die Gestalt Alfreds stieg wieder auf, aber es war nur noch ein Schatten. Nur daß sie daran dachte: merkwürdig, daß er in all den Stunden, die wir zusammen waren, fast nie ernst über seine, über unsere Kunst gesprochen hat. Immer glitt er darüber hin, berührte höchstens das Persönliche, soweit es ihn und vielleicht noch mich anging ... nie gab er mehr ...
Es war ja auch nichts Tiefgründiges, was sie mit Merivaux gesprochen hatte. Gewiß nicht. Aber es war ihr so überraschend gekommen, weil sie den Neuchateller so ganz anders eingeschätzt hatte, lediglich als den lustigen, flotten Leutnant. Wie man sich doch im Menschen irren kann, dachte sie. Und dachte auch flüchtig an Holfen. Auch bei ihm hatte sie Interessen gefunden, die sie nicht erwartete. Aber es war doch wieder ein Unterschied dabei: Holfen war gewiß ein gescheiter, liebenswürdiger Mann, aber er hatte kein Temperament. Und bei Merivaux verriet sich das überall und immer. Merkwürdig, auch in Äußerlichkeiten. Er war anders als die meisten. Wie eigen er ihr beim Abschied die Hand gedrückt hatte, so gar nicht konventionell. Sehr frei und frank, und doch sehr ehrerbietig.
Am nächsten Morgen dachte sie nicht mehr an ihn. —
Eine Woche später begannen für die Jungens die Großen Ferien, und es ging nach Rohlbeck; nur Wilhelm blieb, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, zurück.
Und wieder eine Woche später fuhr Helene, einer dringenden Einladung von Tante Marie folgend, auf einige Tage nach Rackow.
Als sie, in ziemlich früher Vormittagsstunde, durch das Parktor bog, sah sie dicht vor ihrem Wagen, fast schon an der Veranda, einen im ganzen Kreise wohlbekannten und gefürchteten Mann: Herrn Wilke aus Stellberg. Sie hatte zwar seine persönliche Bekanntschaft noch nicht gemacht, aber ihn doch schon, auch in Rohlbeck, gesehen, wenn er bei einem der Kleinbauern oder bei dem Krämer sich als unwillkommenster aller Gäste einfand. Und sie dachte verwundert: ‚Mann des Gesetzes, wie kommst du hierher?‘
Aber da stand schon Onkel Ernst, vergnügt lachend, neben seinem diskret grinsenden Höhne auf der Veranda und begrüßte sie beide fast gleichzeitig: „Tag, Leneken! Herzlich willkommen. Nimm die Sachen vom gnädigen Fräulein, Höhne. Tante ist im Gartensalon, Kind ... Ja, und da sind Sie ja mal wieder, lieber Wilke. Freut mich, Sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Aber Sie sollen doch nicht mit der Dienstmütze auf den Hof kommen! Das macht einen schlechten Eindruck, mein Lieber.“
Der lange Labammel stand militärisch stramm: „Vorschrift, Herr Baron.“
„Ach was, Vorschrift! Na, spazieren Sie nur herauf. Was gibt es denn Schönes?“
„Sechstausend vierhundert Taler, Herrn Baron zu dienen, und einhundert achtundsechzig Taler fünf Groschen Kosten.“
„I, sieh mal einer an. Ja, wissen Sie, Wilke, da gehen Sie nur morgen mit der Chose zu Ephraim Herz. Der wird’s bezahlen.“
„Unmöglich, Herr Baron. Wie der Lateiner sagt: Hinc Rhodus, hinc saltus!“
„Ihr Latein ist schwach, Wilke. So, nun setzen Sie sich erst mal. Höllisch heiß heut. Was? Erst ’ne kleine Stärkung. Höhne, besorgen Sie ein Frühstück und eine Flasche Burgunder. Unser Herr Wilke ist ein Kenner. Bringen Sie aber auch einen guten Korn mit herauf. Na, so setzen Sie sich doch, Wilke.“
Der lange Mann stand noch immer, hatte das rote Schnupftuch herausgezogen, wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn und von der großen roten Nase, die es mit der berühmten Koralle des Doktor Tiburtius aufnehmen konnte. Er zögerte sichtlich. „Gnädigster Herr Baron,“ meinte er, „so geht das nicht. Erst der Dienst. Officinum ante omnia. Ja, Herr Baron, das vom vorigen Male — das passiert mir nicht wieder. Da können der Herr Baron Gift drauf nehmen.“
„Aber wo werd ich denn, Wilke. So, hier setzen Sie sich, alter Freund und Bogenschütze, und heben Sie erst einen Kleinen. Alles der Reihe nach.“
Helene hatte das wunderliche Gespräch, etwas neugierig, etwas ängstlich, aus dem halbdunklen kühlen Korridor mit angehört. Dann war sie zu Tante Marie geflitzt, die in einem hellblauen Batistkleide, das über und über mit weißen Spitzen besäumt war, im Gartensalon auf der Chaiselongue lag und in dem neuen Roman von Fanny Lewald blätterte; hatte Grüße von den Eltern gebracht, war auf ihrem Stübchen, diesmal der „Bärenhöhle“, gewesen, hatte sich ein wenig eingerichtet. Als sie wieder herunterkam und auf die Veranda hinauslugte, saß da immer noch Onkel Ernst, und ihm gegenüber saß Herr Wilke; zwischen ihnen standen die Reste eines stattlichen Frühstücks und einige dickbäuchige Flaschen. Onkel Ernsts Vollmond glänzte eitel Wonne, und Wilkes Nase glänzte in dem alten Unteroffiziersgesicht wie Purpur.
„Ja, ja, mein lieber alter Wilke, man hat seine Not“, klang Onkel Ernsts sanfte, einschmeichelnde Stimme. „Aber man muß sich die Laune nicht verderben lassen. Erst noch ein Schlückchen Burgunder. Das ist 1848er Romané, mein Bester, so was kriegen Sie nicht alle Tage. He?“
„Hab ich mein Leblang noch nicht getrunken, Herr Baron. Nullum vinum nisit franciscum. Aber man soll des Guten nicht zu viel tun. Der Dienst, gnädigster Herr Baron —“ Er knöpfte an seinem Rock und zerrte eine dicke Brieftasche heraus. „Sechstausend vierhundert —“
„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst noch ein Gläschen. Prosit! — Ach, da bist du ja, Leneken. Komm, setz dich ein bissel zu uns. Wilke, Sie kennen doch das Rohlbecker gnädige Fräulein?“
„Wo werd ich denn nich?“ Herr Wilke erhob sich etwas schwer und umständlich, schwenkte ein weniges mit dem langen Oberkörper. „Ich war schon mal beim gnädigen Herrn in Rohlbeck, als das gnädige Fräulein noch in die Windeln lagen, mit Respektus zu melden.“
„Ja, Ihr segensreiches Wirken, mein lieber Wilke, geht durch Generationen. Wir wissen es. Immer im Dienst voran. Immer die Pflicht über alles. Der Mensch braucht Stärkung, um für Dienst und Pflicht die rechte Kraft zu finden. Prost, mein lieber alter Wilke.“
„Danke, Herr Baron, danke untertänigst. Ein wunderbares Weinchen, das der Herr Baron im Kellerchen haben. Ist ja auch berühmt, der Rackower Keller. Aber nu müssen wir doch wohl —“
„Nachher, lieber Wilke. Alles zu seiner Zeit. Erst das Vergnügen und dann die Pflicht. Ja, alter Wilke, wie lange kennen wir uns eigentlich? Aber so trinken Sie doch. Das ist ja geradezu beleidigend, Sie so sitzen zu sehen, so trocken.“
„Na, gnädigster Herr Baron, das wird woll sohner Jahre zwanzig her sein. Vor dem Einzug von der gnädigsten Frau. Damals liefen immer die Wechsel von Hartwich Stern aus Frankfurt!“
„Sieh mal einer an, was Sie für ein Gedächtnis haben. Den wackeren Geschäftsfreund deckt nun auch schon die kühle Erde. Aber wir beide wollen auf sein Gedächtnis mal gleich ein stilles Glas trinken.“
Helene Hackentin saß an der Querseite des Tisches und wußte nicht recht, ob sie sich schämen oder ob sie lachen sollte. Doch wohl lieber lachen. Um etwas Wichtiges konnte es sich ja nicht handeln. Onkel Ernst lachte ja auch sein ganz leises, fast unhörbares Lachen, bei dem sich die beiden Mundwinkel so seltsam nach unten zogen. Dann und wann sah er unter seinem Einglas, das wie angemauert vor dem Auge lag, „um die Ecke“ und nickte Lene zu.
Sicher: das Ganze war ein Witz. Sonst wäre Tante Marie ja auch nicht so ruhig gewesen. Sie hatte vorhin sogar zu Höhne gesagt: „Sorgt nur dafür, daß der alte Wilke sein ordentliches Maß bekommt.“
Und jetzt gab Onkel Ernst dem Höhne ein geheimnisvolles Zeichen. Der stellte neue Gläser und eine Flasche Champagner auf den Tisch. Worauf Herr Wilke die Hände spreizte: „Apage Satanum! Nee, Herr Baron, das geht wirklich nicht. Über allem der Dienst. Sechstausend vierhundert —“
„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst werden wir mal dieser Pulle nähertreten. Leneken, du trinkst auch ein Schlückchen mit.“ Der Korken fuhr gegen das Verandadach. „Veuve Cliquot, braver Wilke. Die edelste aller Witwen soll leben! Na, Witwe? Da haben Sie’s anders gemacht — was? Seit wann sind Sie denn Witwer?“
„Seit acht Jahren, Herrn Baron zu dienen.“
„Also, das nächste stille Glas der teuren Verewigten. Schlimm, was? — So als einsamer Witmann.“
„Es geht, Herr Baron, es geht. Man muß sich trösten.“
„Da haben Sie ganz recht, guter Wilke. Und ein stattlicher Mann wie Sie findet schon Trost. Darauf müssen Sie mal trinken.“
Es wurde allmählich Helene zu bunt. Sie schlich sich fort, ging hinunter zu den Beeten am See, wo Tante Marie vom Mai bis in den Herbst hinein Erdbeeren zur Reife zu bringen wußte. Es gab da heut etwas Besonderes zu sehen. Quer über die Senke hinweg steckten Arbeiter mit langen Stangen eine schnurgerade Linie ab; drüben am Hang stand eine kleine Gruppe Männer um ein dreibeiniges Gestell, das ein Etwas, fast wie ein Fernrohr, trug. „Unse Isenbahn!“ erklärte der alte Gärtner mit Stolz.
Unsere Eisenbahn: Wilhelms Eisenbahn! In zwei Jahren mochte sich hier ein hoher Damm über das Tal spannen, und die Lokomotive schnob pustend und fauchend darüber hin, hinter ihr drein polterte und ratterte der Zug, und eine endlose graue Rauchwolke zog sich bis drüben zum Waldsaum hin.
„Da wer’n se noch ihre liebe Not mit han“, meinte Marhenke, der Gärtner. „Des is allens Sumpf, man bloß ’n bißken Sand druf. Wenn sie hier Boden ruff karrn, schlingt der Sumpf allens runter. Das geiht so nich, wie se sich dat denken. Dat weeß ich beter.“
Helene lächelte. Sie wußte es erst recht besser: der Ingenieur fand schon Abhilfe. Und wenn der Sumpf wirklich den einen Damm fraß, dann türmte man den zweiten auf ihn; und wenn der unersättliche Grund auch den verschlang, legte die Technik den dritten von Hang zu Hang oder warf eine Eisenbrücke über die Senke. Die Eisenbahn war der Fortschritt, und der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten.
Langsam schlenderte sie zwischen den schmalen Beeten des Gemüsegartens hin. Ihr kam Bruder Fritz, der rote Kreisrichter, in den Sinn. Da hatte sie ja eben dessen Schlagwort nachgebetet: Der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. Du lieber Gott, war das nicht am Ende auch nur ein Wort? Solch ein Wort, das nur den Weg in ödes Land wies, wenn man es verallgemeinerte. Ein an sich gutes Wort, das zur Phrase geworden war in einem unfruchtbaren Kampf.
Der Bruder tat ihr leid, und Vater erst recht. Zwischen beiden hatte das eine Wort Zwietracht gesät. Da half kein Brückenschlagen. Der große Sumpf, Politik geheißen, verschlang jeden Versuch der Verständigung. Als Martha, die immer versöhnen wollte, gestern von Fritzens Besuch in Berlin erzählte, hatte Vater bloß gesagt: „Laßt mich mit dem roten Kreisrichter zufrieden. Das heißt, die Stunde wird ja wohl noch kommen, wo er sein Unrecht einsieht.“
Die Sonne stand hoch am Himmel. Es mußte fast Mittag sein. Nun hatte wohl auch endlich der lange Wilke das Feld geräumt.
Aber als Helene wieder vor der Veranda stand, saß der gestrenge Beamte, der Schrecken dreier Städtchen und von zehn Dörfern, immer noch auf seinem Stuhl. Saß freilich ganz in sich zusammengesunken, mit vornüber geneigtem roten Kopf, aber immer noch die Hand am Glase.
„Prosit, Wilkechen!“ sagte Onkel Ernst gerade. „Nun noch ein Schlückchen auf die Konstitution. Ich meine natürlich Ihre vortreffliche Konstitution!“
„Jawoll ... Herr Baron ... die Konstitution ...“ Es war nur noch ein Lallen. „Sechstausend vierhundert ...“
„Legen Sie’s nur dahin, Wilke“, meinte Onkel Ernst. „So, Leneken, nun könntest du eigentlich mal zum Großknecht laufen, der Ochsenwagen soll kommen.“ Dabei sah er prüfend unter dem Einglas um die Ecke, diesmal auf Herrn Exekutor Wilke, und lächelte zufrieden. Der hatte jetzt die Augen geschlossen und schnarchte wie das Vollgatter einer Schneidemühle, wenn die Sägen solch recht dicken Knorren im Stamm anfassen.
Dann kam der Leiterwagen, mit zwei Ochsen bespannt. Der Amtmann Schmidhals schritt höchstselbst daneben her und half den Schlafenden aufladen. Wie ein Toter lag er da. Onkel Ernst legte ihm die Mütze und das dicke Taschenbuch auf den Bauch und faltete ihm die Hände darüber, schob ihm auch noch den Kopf recht bequem auf dem Strohbündel zurecht.
„So —“ meinte er dann. „Christian, du fährst hübsch langsam nach Stellberg und ladst Wilken vor seinem Hause ab. Und sagst dem ältesten Jungen, der Vater sollte morgen zu Ephraim Herz gehen, der brächte alles in Ordnung. Pascholl, Christian!“
Und da war plötzlich auch Tante Marie, besah sich von der Veranda aus durch ihr Lorgnon das Schauspiel und lachte über das ganze kleine Gamingesicht. „Eigentlich scheußlich“ sagte sie dabei, „... un ivrogne! Fi donc!“ Und lachte wieder.
Die Ochsen zogen an. Schwer rüttelte der Leiterwagen. Das Vollgatter rasselte dazwischen.
Onkel Ernst kam langsam die Treppe hinauf, legte zärtlich seinen dicken Arm um die dünne Taille seiner Frau, die neben ihm wie ein winziges, zierliches Püppchen aussah, und meinte: „Können wir nicht bald essen, Mariechen? Das hat mir Hunger gemacht. Und einen Durst habe ich — einen Durst! Komm, Leneken ... wir wollen uns ein kleines Erdbeerböwlchen brauen ...“
Am liebsten wäre Helene Hackentin schon am nächsten Tage nach Rohlbeck zurückgefahren. Sie konnte einen leisen Ekel nicht überwinden. Das elegante Rackow übte auch nicht mehr den früheren Reiz auf sie aus. Jetzt, plötzlich, empfand sie, wie schal und inhaltlos doch das Leben hier war, wie ganz auf das Äußere gestellt, ein Leben völlig in den Tag hinein. Und zum erstenmal hatte sie einen Blick hinter die Kulissen getan: der Glanz hier war auch nur Schein, mühsam genug vielleicht aufrechterhalten.
Ganz wunderliche Gedanken kamen ihr, ganz revolutionäre Gedanken. Da waren die Rackower: jetzt wußte sie, schwer verschuldet waren sie, hatten ihren Reichtum vergeudet. Da saßen die Eltern in Rohlbeck: die hatten immer sparsam gelebt und doch so schlecht gewirtschaftet, daß sie nun arm waren wie die Kirchenmäuse, wenn man’s klipp und klar heraussagen wollte. Nicht viel anders stand es wohl, mit Ausnahme vielleicht von Onkel Grucker, der auf seinem schönen Majorat saß, mit den anderen Verwandten und Nachbaren im Kreise.
Hatte da Bruder Wilhelm nicht recht, wenn er hinausgegangen war von der Klitsche in die Großstadt, um sich neue Erwerbsmöglichkeiten zu erschließen?! Aber freilich: er hatte das Hackentinsche Blut mit hinübergenommen. Auch er verstand das Zusammenhalten nicht. Das Geld zerrann ihm unter den Händen. Gerade jetzt wieder. Eigentlich trieb er’s mit seinem Gewinn aus der Bahnkonzession auch nicht viel anders, wie es die Eltern getrieben hatten, als ihnen die letzte große Erbschaft ins Haus gebracht worden war und sie die Geldtönnchen unters Bett gestellt und aus ihnen geschöpft hatten, bis das letzte Goldstück fort war.
Das Hackentinsche Blut! Vielleicht, gewiß war’s nicht nur das Hackentinsche. Ganz ähnlich, ganz gleich mochte das Blut in den Adern der anderen Verwandten und Nachbaren rollen. Wer wirtschaftete denn hier im Kreise wirklich erfolgreich? Die einen verschwendeten, die andern darbten fast und kamen doch auf keinen grünen Zweig, zehrten auch nur vom Ererbten und mehrten es nicht.
Einer machte vielleicht eine Ausnahme: Holfen. Aber der gehörte eben schon einer neuen Generation an.
Lag bei dieser neuen Generation wohl die Zukunft?
Helene mußte an die Jungens denken, an Wilhelms Söhne, Hans und Thedi. Und dabei wieder an Martha. Vielleicht schlug in ihnen Marthas Blut durch. Vielleicht erbten sie von ihr die Gabe des Festhaltens, den gesunden, aufs Praktische gerichteten Sinn.
Eigentlich waren ihr die Jungens fremd geblieben. Wie einem wohl oft das Nächste am fremdsten bleibt. Als unartige Bengels, die oft lästig wurden, hatte sie sie meist empfunden. Nun grübelte sie ihnen nach. Der Älteste hatte doch viel von der Mutter, einen nachdenklichen Sinn; ein Bücherwurm war er. Thedi war äußerlich ganz hackentinsch, war auch Vaters Liebling. Glänzend begabt, hieß es; es flog ihm alles zu, was der Hans mühsam erobern mußte. Aber er hielt nichts recht fest. Um ihn konnte man Sorge haben.
Eine ordentliche Sehnsucht nach den Jungens überkam Helene, fast als wäre sie seit Wochen von ihnen getrennt. Auch das zog sie wieder nach Rohlbeck zurück.
Aber aus Rackow kam man nicht so leicht fort. Onkel Ernst und Tante Marie waren von einer Güte und Liebenswürdigkeit, der man gar nicht widerstehen konnte. Mochten sie sonst sein wie sie wollten: sie übten geradezu einen Zauber aus in ihrer grenzenlosen Gastlichkeit.
Jetzt war auch das Haus wieder voll. Die kleine, mollig runde Grete Waldegg wohnte im „Alpenröschen“; Vetter Mollard, der gerade von Florenz zurückgekommen war, wo er zwei Jahre lang Attaché gespielt hatte, war in der „Bleikammer“ einquartiert, und Merivaux, der sich plötzlich angesagt hatte, war gestern abend in den „Pfau“ eingezogen. In der „Nachtigall“ aber hauste Bernhard Rose, ein mittelloser junger Student, der nun schon zum zweiten Male ein paar Sommermonate in Rackow zubringen durfte, um sich ein wenig herauszufüttern. Helene kannte ihn bereits. Im vorigen Sommer war er mit hohlen, blassen Wangen gekommen und wesentlich erholt abgereist. Das war auch etwas, was immer wieder mit Tante Marie versöhnte: ihre Gutherzigkeit war so grenzenlos wie ihre Gastlichkeit — beide freilich gaben sich oft nach Laune und fragten nicht viel nach wie und warum.
Das junge Volk war sehr fidel, und Onkel Ernst und Tante Marie taten mit. Immer stand etwas Neues auf dem Tagesprogramm. Einmal fuhr die ganze Gesellschaft nach dem Walde hinaus, in die Haselberge, auf zwei mächtigen Leiterwagen, um draußen herumzutollen; ein andermal gab’s eine festliche Krocketpartie, in der die Sieger mit Rosenkränzen belohnt wurden; im Dorfwirtshaus wurde ein Preiskegeln veranstaltet, oder es ging nach Nugow, um den alten Grafen Delkowitz, Edlen von Kastricz, in seiner grauen Johanniterburg zu überfallen, seine Segelboote mit Beschlag zu belegen und ein paar Schläge über den großen Nugower See zu machen.
An den Abenden wurde oft musiziert.
Der kleine, blasse Student war ein ganz tüchtiger Klavierspieler, der sogar vor schwereren Aufgaben nicht zurückzuschrecken brauchte. Aribert Mollard klimperte schlecht und recht die Gitarre, und die rundliche, mollige Grete Waldegg sang dazu mit offenbarem Wohlgefallen, mehr schlecht als recht, irgendwelche Liedchen. Merivaux hatte sein Instrument mitgebracht.
Helene war begierig, ihn zu hören. Geradeso begierig, wie sie überrascht gewesen war, als er ihr davon erzählte, daß er Violine spiele.
Nun: er war kein Meister. Sie hörte es sofort heraus. Aber er war auch kein Stümper, und sein Spiel hatte eine angenehme persönliche Note. Es war so frisch, so natürlich und so anspruchslos, wie sein ganzes Wesen. Sie konnte nicht anders: sie mußte ihm nach seinem Vortrag ein paar freundliche Worte sagen.
Er legte gerade sein Instrument in den Kasten zurück, sah auf, lächelte, fast ein wenig trübe: „Der gute Wille ist das beste an meinem Spiel, glaub ich ...“ und setzte dann rasch hinzu: „Aber ich bin sehr glücklich, wenn es Ihnen wenigstens nicht mißfiel!“
Da wurde Helene gerufen. Fast immer mußte sie ja zum Schluß singen. Onkel Ernst steckte jedesmal eine komisch-feierliche Miene auf, wenn er sie dazu aufforderte: er zwang seinen ungeheuerlichen Körper zu einigen tänzelnden Schritten, machte ihr eine großartige Verbeugung, sprach in seinem weichsten Tonfall von der Gnade, die die erhabene Künstlerin seiner niederen Hütte antue —, und stellte ein fürstliches Honorar in Aussicht. Unter tausend Louisdor tat er es nicht.
Als sie zum erstenmal im roten Damastsalon an den Flügel getreten war, kam ein leises Beben über sie. Die Erinnerung wurde wach an jenen Abend, da sie hier, hier vor Schwarz gesungen hatte. Aber eine kleine Willensanspannung genügte, und sie war darüber hinweg. Und war froh, daß es nicht schwerer gewesen.
Heut sang sie den Schubertschen „Erlkönig“.
Während sie sang, freute sie sich nur des verständnisvollen Begleiters, des kleinen Studenten. Aber auch das und alles andere, das Äußerliche, versank wie immer vor ihrer Seele.
Sie versetzte, versenkte sich ganz in die Dichtung. In die Märchenstimmung. Sie fühlte mit dem Vater, der mit seinem Kinde durch Nacht und Wind reitet; sie empfand die angstvollen Fragen des Kleinen mit. Sie kämpfte mit dem Reiter gegen das Phantom, sie erlebte mit ihm die wilde, rasende Flucht und daß sie umsonst blieb gegen die Naturwelt. Und ihr selbst war’s wunderbar, wie sie nun gelernt hatte, all das im Gesang auszudrücken. Frage und Antwort von Kind und Vater, die Lockungen des Erlkönigs, den ganzen Stimmungsgehalt des Liedes.
Sie dachte, während sie sang, an nichts als an ihre Kunst. Am wenigsten dachte sie an Merivaux.
Aber als sie geendet hatte und sich umsah, sah sie zuerst ihn. Der Zufall wollte, daß er genau an der Stelle stand, wo an jenem Abend Schwarz gestanden: hinter all den fröhlichen Beifallsspendern, allein, an der Tür. Er klatschte auch nicht, wie die anderen. Still stand er, mit leichtgesenktem Kopf. Er kam auch nachher nicht zu ihr, um ihr irgendeine Liebenswürdigkeit zu sagen, ein Wort der Anerkennung.
Ein wenig verdroß es sie doch. Sie wußte ja, daß sie gut gesungen hatte. Gar so schweigsam, gar so zurückhaltend brauchte er auch nicht zu sein.
Recht zur Besinnung darüber kam sie nicht. Denn Onkel Ernst schlug, nachdem „sich der Beifall ausgetost“, wie er meinte, noch einen Mondscheinspaziergang vor. „Und am Brockenhäuschen soll unsere Primadonna assoluta ihr fürstliches Douceur erhalten.“
Es war herrlich im Park. Der Mond stand hoch am sternhellen Horizont, die Taxushecken, die Baumgruppen warfen lange Schatten auf die bekiesten Wege. Auf den heißen Julitag war die abendliche Abkühlung gefolgt. Ganz im Westen, auf Rohlbeck zu, wetterleuchtete es.
Das junge Volk tollte um das Rackowsche Ehepaar herum, das Arm in Arm, im langsamsten Tempo, den leichten Hang zum Brockenhäuschen hinaufging. Es war ein ewiges leises Kichern, Plaudern, Raunen, Flüstern.
Oben, unter dem Brockenhäuschen, stand Höhne, ein Tablett in der Hand, auf dem ein geheimnisvolles Etwas unter der Serviette lag. Auf dem Tisch neben ihm stand eine Bowle in Eis. Ein paar Windlichter leuchteten. Und Onkel Ernst hielt eine kleine Rede, an deren Schluß er das geheimnisvolle Etwas gleich einem Denkmal enthüllte: „Unserer Primadonna, unserer Rohlbecker Helene!“
Es war eine Torte. Eine große Torte mit Marzipanguß, der einen Kranz von lauter Goldfüchsen darstellte: „Das Süße der Süßesten“, verkündete Onkel Ernst und füllte die Gläser. „Aber nun gleich anschneiden! Vorwärts, Höhne! Die ersten beiden Stücke müssen zwei um die Wette essen: Grete und Aribert! Keinen Widerspruch. Hier, Grete, hier stellst du dich hin, dort, Mollard, du ... und nun soll Lene zählen: eins, zwei, drei!“
Da standen sie nun wirklich, wie zwei gehorsame Kinder, hatten jedes ihr Tellerchen in der Hand mit einem Stück Torte darauf, und Helene zählte: eins — zwei — drei —
Aber sie hatten kaum zum erstenmal hineingebissen, so gab es ein ungeheures Spucken, Prusten und Husten. Die mollige Grete ließ den Teller zur Erde fallen, Mollard schluckte verzweifelt und rollte die Augen wie ein Erstickender. Onkel Ernst und Tante Marie wollten sich totlachen.
Die Torte, dies Meisterwerk von Monsieur Bombourdon, war aus Sägespänen gebacken. Aus richtigen holzigen, kienigen, märkischen Sägespänen, die sich wie Harz an die Zähne der unglücklichen Opferlämmer festsetzten, die wie Leimbrocken an Lippen und Zunge klebten. Bis Höhne jedem als Erlösungstrank einen Becher Bowle brachte.
Es war wieder einer jener Momente, in denen Helene nicht recht mitkonnte. Sie sah und hörte, wie alle lachten und kicherten, bald Grete und Aribert am meisten. Aber sie stand ein wenig abseits, ein wenig verlegen. Und plötzlich bemerkte sie, daß auch Merivaux sich abgesondert hatte. Der Neuchateller schien gleich ihr für diesen märkischen Junkerscherz kein rechtes Verständnis zu haben.
Die Bowle war schnell geleert, und wieder unter Plaudern und Lachen ging es durch die Mondscheinnacht dem Schlosse zu. Höhne hatte die Gitarre holen müssen, Mollard sang sinnig-minnig: „Guter Mond — du goldne Zwiebel —“ und die mollige Grete machte schwärmerische Augen.
Es war wohl Zufall, daß Helene Hackentin und Merivaux ein wenig zurückblieben.
Aber als Helene das fröhliche Kichern und Raunen da vorn hörte, in das sich manchmal Onkel Ernst mit einer seiner, im leisen Hofton vorgebrachten drolligen Bemerkungen mischte, überkam auch sie etwas wie Übermut. Eine jugendliche, unbezwingbare Lust, den Neuchateller ein wenig aus seiner Verschlossenheit herauszuwerfen.
„Sie sind heute wirklich gar nicht nett, Herr von Merivaux —“ sagte sie schmollend.
Er zuckte zusammen, wie aus einem Traum aufgestört.
„Wodurch ’ab ich mir die Ungnad zugezogen?“ fragte er dann.
„Der einzige waren Sie, der mir kein Wort über meinen Gesang gesagt hat ...“
Da sah er sie voll an: „Legten Sie Wert darauf, gnädiges Fräulein?“
Eine leichte Verlegenheit mußte sie doch überwinden: „Ich würde es sonst nicht bemerkt haben ...“ Helene wollte die Worte ein wenig kokett herausbringen, aber es gelang ihr nicht recht. Sie klangen ziemlich ernst. Und sie fügte schnell hinzu: „Schon deshalb muß ich Wert auf Ihr Urteil legen, weil Sie der einzige hier sind, der wirkliches Verständnis für Musik hat.“
„Sie vergessen mindestens unseren kleinen Studenten.“
„Nein, nein! Herr Rose hat, wie wohl alles, auch sein Klavierspiel nur durch eisernen Fleiß errungen. Musik aber muß man fühlen.“
„Und wenn ich nun gerade deshalb nicht in den lauten Beifall einstimmen konnte?“
Helene erschrak. Sie blieb stehen. „Hab ich denn schlecht gesungen?“
Nun blieb auch er stehen. „Nicht doch! Au contraire. Wie Sie das nur annehmen können. Gerade weil Sie sangen so schön, so wunderschön, gerade deshalb konnt’ ich nicht applaudieren wie die anderen. Ich konnte nicht.“
Er hatte sehr schnell gesprochen: wie dann immer, wieder mit seinem leichten Akzent. Helene freute sich aufrichtig. Hundertmal mehr als über den ganzen Beifall im Damastsalon. Freute sich, und zugleich wurde der Übermut wieder in ihr lebendig. Wieder meinte sie schmollend, ein wenig kokett: „Aber ein freundliches Wort hätten Sie doch für mich haben können. Sie sind doch sonst nicht verlegen um Worte, Herr von Merivaux.“
Wie sie das gesagt hatte, fühlte sie plötzlich, daß sie beide allein waren. Die anderen waren weitergegangen, schon hinter den Taxushecken verschwunden. Ganz leise nur klang noch das Kichern zurück, dann und wann ein schwacher Ton der Gitarre. Ganz allein standen sie im Mondenschein, der so hell leuchtete, daß sie jede Bewegung seines Gesichtes erkennen konnte. Und sie sah, daß es in diesem schönen, offenen Gesicht arbeitete.
„Wir müssen gehen,“ brachte sie beklommen hervor.
Er schüttelte den Kopf. „Bitte — nein!“ sagte er heiß. „Ich muß Ihnen erklären, Fräulein ’elene, warum ich nicht sprechen konnte vorhin. Erklären, was auf mir gelegen hat seit Jahr und Tag. Warum ich Ihnen ausgewichen bin. Ja, ausgewichen! Bis dann der Zufall mich wieder mit Ihnen zusammenführte. Neulich! Une chance heureuse — wer weiß es? — vielleicht das Unglück meines Lebens.“
„Herr von Merivaux ... bitte ...“
Da stand er vor ihr, die Hände auf der Brust, mit zuckendem Gesicht, sah sie mit seinen großen, ehrlichen Augen an, fragend, forschend, flehend: „Ein paar arme Minuten nur schenken Sie mir ...“
Und sie konnte nicht nein sagen, er zwang sie. Sein Wille zwang sie.
„Wie ich da stand heut abend im Salon, und Sie sangen so wunderschön, da mußt ich denken an einen anderen Abend. Sie ’aben damals gesungen nicht ’alb so vollendet, aber ich hab schon gespürt die Seele in Ihrem Gesang. Vielleicht, weil ich Sie liebte. Damals schon. Aber da war der andere. Und ich fühlte ganz deutlich, daß Ihre Gedanken nur bei ihm waren. All Ihre Gedanken. Und ich muß Sie fragen. Um die Gnade Gottes: Sie liebten ihn?“
Daß sie hätte fliehen können! Weit weg — weit weg! Aber da stand er vor ihr, mit seinem zuckenden Gesicht und den großen ehrlichen Augen, in denen es feucht schimmerte, hatte die Hände erhoben —
Sie neigte nur leise den Kopf.
Er blickte starr auf sie hin. Fragend, forschend, flehend. Mit zusammengepreßten Lippen. Auf eines Atemzugs Länge.
„Und nun? Nun ist das vorbei?“ stieß er hervor.
„Ja — ganz vorbei —“ Es war nur ein Hauch. Aber es zwang sie, es zwang sie: sie mußte aufsehen, mußte ihn ansehen.
Und wie sie ihn ansah, im hellen Mondlicht in sein Gesicht sah, da wußte sie mit einem Male: es sind Harros Augen, die dir entgegenleuchteten, Harros ehrliche, offene Augen, die dir sagen: ‚Ich liebe dich!‘
Es war ein jähes Erstaunen in ihr, daß sie die Ähnlichkeit nie vorher bemerkt hatte, ein jähes Erschrecken: wie Merivaux wäre Harro geworden, wenn der Schnitter Tod ihn nicht hinweggerafft hätte — wie Harro mußte Merivaux gewesen sein, als er ein Kind, ein Jüngling war.
Gleich einem Traumbild war’s, das plötzlich vor ihrer Seele emporstieg, das in ihrem Herzen noch einmal eine Saite aufklingen ließ, die sie für immer zersprungen wähnte.
Sie standen und sahen sich in die Augen.
Die Saite klang und hallte leise, rief wehmütig weiches Empfinden wach. Schmerzliches Erinnern und sanfte Zärtlichkeit. Ein Neues strömte auf sie ein, fremd und doch wohlvertraut. Das Glück vielleicht — vielleicht —
Und da hatte er sie schon in seine Arme geschlossen, fest und innig ans Herz genommen, küßte sie und küßte sie wieder.
Sie hatte die Augen geschlossen, wehrte ihm nicht, lag an seiner Brust.
Seine Lippen fühlte sie, seine Wange an ihrer Wange, sein Atem ging über ihr Gesicht. Liebesworte hörte sie dicht an ihrem Ohr, zärtlich, flehend. Und ihr Blut pulste und rauschte. Immer enger umschloß sie sein Arm, seine Hand glitt sanft über ihren Nacken, über ihr Haar. Ihr Herz pochte. Pochte lauter und lauter. „Küsse mich!“ bat er. „Küsse mich!“
Und sie küßte ihn. —
Plötzlich schraken sie auseinander.
Laute Stimmen kamen, hastige Schritte, wie im Lauf.
Höhne mit einer Blendlaterne und einem Blatt Papier in der Hand. Unmittelbar hinter ihm Onkel Ernst, keuchend: „Helene! Helene!“
Hand in Hand standen sie. Hand in Hand gingen sie ein paar Schritte ihm entgegen.
Merivaux wollte sprechen, erklären.
Aber Onkel Ernst warf nur einen flüchtigen Blick auf sie. Nun er dicht heran war, sahen sie sein erschrockenes Gesicht.
Er keuchte noch immer. Mühsam nur brachte er es heraus: „Erschrick nicht, Helene ... wo hast du denn den Brief, Höhne ... Helene, liebes Kind — der alte Rittmeister — dein guter Vater — ist plötzlich schwer — sehr schwer erkrankt —“
Nach Onkel Ernsts Hand griff Helene, griff dann nach dem Brief. Höhne hob die Blendlaterne hoch, leuchtete —
Der kleine Bogen flatterte auf den Kies.
Einmal, ein einziges Mal schluchzte Helene auf und sank in Merivaux’ Arme.