Zweites Kapitel

In Stellberg war Herbstmarkt.

Es war eigentlich nicht viel los. Nur die Pferdejuden hatten zu tun. Mancher Bauer schlug jetzt billig einen Gaul los, den er zur Winterbestellung nicht mehr zu brauchen meinte und nicht bis zum Frühjahr durchfuttern wollte. Vor dem „König von Preußen“ trottelte alle Augenblick eine Schindmähre, am Halfter geführt, in mehr oder minder widerwilligem Trab vorbei, und Moritz Cohn aus Ziebingen, Hartwig Kantorowicz aus Meseritz, Ephraim Hentschel aus Zielenzig standen in ihren langen, dunklen Kaftanen, den hohen, glänzend gewichsten Stiefeln, unter der Mütze die Löckchen über die Schläfen fallend, dabei und machten die Gäule herunter. Bis dann der eine oder der andere doch den Bauer in die Schankstube winkte.

Auf dem Marktplatz waren in zwei Reihen die Buden aufgeschlagen, Zelt- und Bretterwerk. Kleinkram lag darin, Schnittwaren, Hausgerät, allerlei Tand. Von den Stangen wehten die bunten Taschentücher, die der Bauer liebt, mit schönen Bildern darauf: das Königspaar, die Krönung, auch noch die Völkerschlacht bei Leipzig. Dicke wollene, blaue und rote Unterröcke baumelten daneben und weiße Schürzen. In der einen Bude gab’s Peitschen aller Art und Regenschirme, in der nächsten lockten die neuesten Bilderbogen von Gustav Kühn aus Neu-Ruppin. Die schönste Bude aber hatte Tante Hufnagel, die dicke Konditorsfrau. Sie hatte auch den meisten Zulauf. Mit ihren zwei Mamsellen stand sie hinter dem langen Tisch, und sie lächelten alle drei so süß, wie ihre Ware war: Berge von Streuselkuchen und Brezeln, Düten mit Bonbons, vor allem jedoch Stöße von Pfefferkuchen; die „Mehlweißchen“ von Tante Hufnagel waren berühmt bis über Frankfurt hinaus, und auf den Lebkuchenkerzen hatte keine Konkurrenz so schöne Verslein wie sie.

Das große, immer umlagerte Konditorzelt stand gerade gegenüber der Apotheke „Zum Mohren“.

Auch in der Apotheke gab’s heute mächtig viel Arbeit. Die Gelegenheit des Marktes mußte benutzt werden, allerlei Bedarf an Medizin für Mensch und Vieh einzukaufen. Außerdem war der humpelnde Provisor ein halber oder drei Viertel Doktor, nur daß er seine Verordnungen ohne Rezept und umsonst lieferte, sogar mit einem derben Witzlein dazu. Auch gab es in der Apotheke manche schöne Dinge, die nicht zur Heilkunst gehörten, aber in hohem Ansehen standen: allerlei Wohlriechendes, Lederzucker, buntschillernde süße Magenmorsaille mit merkwürdig viel Gewürzen, und vor allem einen Apothekerschnaps, bitter wie Galle, scharf wie Schwefelsäure und wärmend wie ein gutgeheizter Kachelofen — einen herrlichen Apothekerschnaps, der „Doktor“ hieß, aber ein Dutzend Doktoren wert war und doch nur einen Silbergroschen kostete.

Der Provisor Dingeldey hatte an solchen großen Tagen alle Hände voll zu tun. Denn sein Chef, Herr Herr, war durch andere Obliegenheiten vollauf in Anspruch genommen. Höchstens, daß er mal ein eiliges Rezept zusammenbrauen half, was selten genug vorkam, denn an Markttagen verschrieb Doktor Tiburtius wenig oder gar nichts. Da saß der auch an dem großen braunen Tisch im Nebenzimmer der Offizin und trank seinen gezehrten Oberungar, den er für das bekömmlichste Getränk der Welt erklärte. Er trank ihn — und nicht zu knapp. Wie eine ungeheure Koralle stand ihm die Nase im Gesicht, und zweimal im Jahr hatte er das Zipperlein. Das merkten jedesmal seine Patienten im ganzen Kreise am eignen Leibe: denn in diesen schlimmen Perioden verordnete er fast ausschließlich Rizinusöl, abwechselnd mit Kurella. Über Land fahren, zu seinen Kranken, konnte er freilich nicht, wenn er die Füße in den dicksten Strümpfen immer am Ofen halten mußte. So beschränkte er sich darauf, die Mägen auszufegen, wie er es nannte. Und gerade in diesen Zeiten, hieß es, machte er die glänzendsten Kuren. Wenn er dann wieder gesund war, half er mit Grobheit nach. Er konnte furchtbar grob sein, der Doktor Tiburtius. Bei den Bauern hielt er’s für geradezu unentbehrlich; auf den Gutshöfen war er nur wenig höflicher.

Herr Apotheker Herr persönlich widmete sich an den Markttagen fast ausschließlich den Gästen im Nebenzimmer der Offizin. Er wäre sehr entrüstet gewesen, wenn ihm jemand gesagt hätte, er unterhielte da eine Weinstube. Empört wäre er gewesen, wenn jemand geäußert hätte, er bediente seine Gäste. Die Tatsache stand trotzdem fest, daß man im braunen Zimmer Getränke erhielt, die nicht aus der lateinischen Küche stammten. Man mußte freilich zu den Honoratioren zählen, man durfte auch nicht bezahlen. Aber die Eingeweihten wußten, daß jede Flasche unweigerlich einen Taler kostete, nur der Champagner — Grüneberger Landkarte war’s von Foerster & Grempler und trug auf der Etikette einen Plan der gesegneten Gemarkung — nur die Pulle Champagner kostete zwei Taler. Den Obolus legte man beim Abschied schweigend auf den Tabakskasten am Fenster; vergaß es einmal ein Gast, so kam’s auf die Jahresrechnung der Apotheke. Im übrigen wurde Herr Herr durchaus als Herr behandelt. Er saß mitten unter seinen Gästen, wenn er nicht gerade unterwegs war nach dem Keller, und wenn er besonders gut aufgelegt war, so pfiff er ihnen etwas vor. In der ganzen Provinz Brandenburg einschließlich Berlin pfiff anerkanntermaßen niemand so künstlerisch schön als Herr Herr.

Es war noch früh am Tage, gegen elf Uhr, und die Tafelrunde noch klein. Obenan saß der Doktor Tiburtius vor seinem Oberungar. Neben ihm links der Kreisrichter, Fritz von Hackentin und der Herr des Hauses bei einer Flasche Pontac; ihnen gegenüber Major a. D. von Artenau, ein Hüne von Gestalt mit einem riesigen Schnauzbart und buschigen grauen Brauen über den vom ewigen Sticken entzündeten Augen. Er hatte noch um kein Getränk gebeten, wartete vielmehr auf einen Partner für eine „Landkarte“ oder noch lieber für ein kleines Böwlchen; denn abgesehen von seiner grandiosen Stickkunst war er auch der anerkannte Meister im Bowlenbrauen.

Das Gespräch ging langsam. Der Doktor schimpfte auf den Schäfer Knorr in Lobitten, der wieder einmal gegen Gesetz und Kleiderordnung einem alten Weibe das ausgefallene Schultergelenk eingerenkt hätte, und auf die Themis mit den verbundenen Augen, die die allerdummsten und allertollsten Kurpfuschereien dulde, wobei der Kreisrichter einen bitterbösen Seitenblick abbekam.

Fritz Hackentin hörte sich das lächelnd an. Er hielt die schlanke rechte Hand um sein Glas gelegt, drehte es langsam hin und her, hatte sein gewöhnliches ironisches Zwinkern um die klugen grauen Augen und empfand ein kleines Vergnügen darüber, wie der Doktor sich mehr und mehr in die Wut hineinsteigerte. Und erst als der schließlich mit einem „Himmelkreuzdonnerwetter, wozu hat unsereiner denn eigentlich studiert!“ schloß, fragte er trocken: „Ja, hat Meister Knorr denn das Gelenk wirklich wieder in Ordnung gebracht?“

„Was geht denn in drei Deibels Namen mich das an? Ob die olle Gillerten ein Krüppel bleibt oder nicht! Verdient hätte sie’s schon. Was, Herr Herr, hab’ ich recht?“

„Hat der Schäfer Geld für die Kur genommen?“

„Den Geier wird er getan haben. Dazu sind die Kanaille viel zu schlau. Das wird gelegentlich auf andere Weise abgemacht. Heimlich und heimtückisch.“

„Ja, lieber Doktor, wenn der Mann sich nicht hat bezahlen lassen, dann kann die Justiz auch nichts machen.“

„Das ist eben der Skandal. Aber ich faß den Knorr schon noch. Der Kerl muß sitzen! Der Kerl muß ...“

Weiter kam er nicht. Denn Artenau hatte den Hals gereckt, rief dazwischen: „Da kommt der Conte aus Sodelzig ...“ und sie sahen alle auf.

Das Gespann des Grafen Grucker war auch sehenswert. Vor dem Wagen zwei edle Pferde, wie immer naß und mit Schaumflocken übersät, denn der alte Graf fuhr wie ein Toller; das Geschirr arg desolat, hier und dort mit Stricken und Bindfaden geflickt; der Wagen selber aber, die im ganzen Kreise berühmte „Wurst“, bestand aus nicht viel mehr als aus einem langen gepolsterten Brett, das über die Achsen gelegt war. Im Reitsitz saß der Graf darauf, und ganz hinten hockte in einer Art Korb der Kutscher.

Man hörte schon von der Straße aus die dröhnende Stimme: „Meine Hochachtung! Daß du mir die Schinder ordentlich abreibst!“

Dann klang’s aus der Offizin: „Meine Hochachtung! Na, Herr Provisor, erst mal’n Doktor. Aberst gut vermengeliert. So, danke —“

Dann flog die Tür auf, und der untersetzte starke Mann krachte ins Zimmer: „Meine Hochachtung! Da wär’n wer ja. ’n Tag allinsgesamt. Artenau, ich seh’s dir an deiner schönen Nasenspitze an, du hast auf mich gewartet. Also mansch uns man ’n Röhrenwasser. Puh —“ und er setzte sich auf einen Stuhl, daß es krachte, reichte jedem über den Tisch die Rechte hin und drückte die verschiedenen Hände, bis die Besitzer „au“ sagten. Mit der Linken aber krabbelte er aus der Joppentasche ein halbes Dutzend Zigarren heraus, lang, dick und schwarz wie die Nacht, legte sie vor sich auf den Tisch, zündete sich die erste an und meinte, „Kindersch, ich muß euch ’ne Geschichte erzählen.“

„Nämlich, wie ich zum Frühjahrsmarkt hier nach Stellberg fahre, sagt die Gräfin: ‚Otto,‘ sagt sie, ‚du mußt so gut sein und die Mamsell mitnehmen.‘ ‚Wozu denn?‘ frag ich. ‚Sie muß Geschirr für die Leutküche kaufen.‘ Also Mamsell wird auf die Wurst gepackt, hinten auf ’n Kutschersitz, und der Karl muß hinter mir reiten. Man soll ja nun mal den Weibern nichts abschlagen. Alles geht auch ganz gut, bloß daß der Artenau da ’ne recht längliche Bowle gebraut hatte und wir längelicht hier sitzen blieben. Um dreie läßt die Mamsell gehorsamst fragen, ob der Herr Graf nicht bald abführe, und um viere läßt sie wieder fragen. Da kann doch der geduldigste Mensch ein Wüterich werden. Aber ich bin ganz stille, und Abend gegen neune fahren wir wirklich los. Wie der Hausknecht vom ‚König von Preußen‘ am Wagen leuchtet, seh ich die Mamsell mit ’nem großen Korbe auf dem jungfräulichen Schoß und mit großen, dicken Tränen auf den Backen. Pimperlings rennen die runter. Ich kann alles, aber heulen kann ich nicht sehen. Warum heult das Frauenzimmer: bloß weil sie ’n paar Stündeken hat warten müssen. Als ob ich im Leben nicht schon manchmal viel länger hätt warten müssen, wenn par exemple zum Beispiel die Gräfin nicht mit der Toilette fertig wurde. Na also, ich denke: das Heulen mußt du der Mamsell abgewöhnen. Fahr also drauflos, gleich furioso über das Pflaster, und das Frauenzimmer schreit, als ob es am Spieße steckt. Dann das Stück Chaussee und dann ... na, ihr kennt ja den Waldweg über Ebersvorwerk, schön ist er nicht. Und die Mamsell schreit und schreit. Laß sie man schreien, denk ich, sie sitzt ja dahinten wie in Abrahams Schoß. Sie wird schon stille werden. Wird sie auch, so etwa von Doberow an. Mal dreh ich mich um. ‚Mamsellken‘, ruf ich. Keine Antwort. ‚Karl, ist denn Mamsell noch da?‘ ‚Jawohl, Herr Jraf.‘ Na also. Ich fahr also wieder zu, nicht schlecht, die Füchse hatten lange gestanden. Da sind wir denn endlich. Ich steig ab, die Mamsell steigt ab. Nicht ’ne Träne mehr, aber ’n Gesicht, wie siebzehn Tage Regenwetter. Kein Ton. Aber wie ich frag: ‚Na, Mamsellken?‘ da reißt sie ’s Tuch vom Korb und weist so mit der Hand darauf hin, als wie wenn sie sagen möchte: Da hast du die Bescherung! ’s waren nämlich man bloß noch Scherben drin, blaue, braune, graue und weiße, keiner größer wie ’n Dalerstück. Und wie ich lache: ‚Mamsellken, lassen Sie das man nich die Frau Gräfin sehen, daß Sie so schlecht verpackt haben‘, da schmeißt sie mir den ganzen Zauber vor die Beine: ‚Un zu Johanni zieh ick, Herr Jraf!‘“

Er lachte, daß die Wände dröhnten, und alle lachten mit, so ansteckend war dies tiefe Lachen aus voller Brust. Man mußte immer mit ihm lachen, wenn auch seine Geschichten selten eine richtige Pointe hatten. Er lachte selber, bis er nicht mehr konnte. Dann zog er ein rotseidenes Taschentuch, so groß, daß man damit den halben Tisch hätte zudecken können, und wischte sich die Augen aus. „Na, Artenau, du alter Stickereimajor, biste fertig? Laß mal schmecken. Heut wird aber nich so lange gepichelt. Ich wollte eigentlich nur den Rittmeister sprechen. Kommt Vater nicht, Fritze?“

„Ich denk doch, Onkel Grucker. Wilhelm ist in Rohlbeck und wollte mit Papa kommen.“

„So, der Wilhelm. Na, der wird uns wohl die Eisenbahn in der Tasche mitbringen. Ich pfeife übrigens auf die Eisenbahn, mir ist meine Wurscht lieber.“

„Ich pfeife auch auf die Eisenbahn“, warf Doktor Tiburtius dazwischen. „Stellberg kriegt ja doch keinen Bahnhof, und dann sitzen wir ganz in der Bredouille. Das bißchen Verkehr, was wir hier haben, geht auch noch in die Wicken. Die Chaussee ja: die war gut. Aber die Eisenbahn? Das ist man dummes Zeug. Ist gar kein Bedarf dazu da. Zwischen Berlin und Hamburg, oder zwischen Berlin und Leipzig und so, das laß ich mir gefallen. Aber bei uns? Na, Ihrem Bruder Wilhelm mag sie schon helfen, Herr von Hackentin, uns hilft sie sicher nichts — die Eisenbahn!“

Der Kreisrichter hatte wieder sein überlegenes ironisches Lächeln. „Gegen einen Kulturfortschritt soll man sich nie sträuben.“

„Laß uns bloß mit deiner Kultur und dem Fortschritt zufrieden, mein Junge“, rief der Graf. „Wir haben schon genug Kultur, und den sogenannten Fortschritt hab ich noch von achtundvierzig her im Magen. Aber ich will mich nicht ärgern. Und da hätten wir ja übrigens den Rackower ... meine Hochachtung, wen bringt denn der mit?“

Vor der Tür hielt der Rackower Viererzug. Rappen, in glänzender Kondition mit Silbergeschirren; ein elegantes Coupé dahinter.

„Meine Hochachtung, Dicker!“ schrie Grucker dem Eintretenden entgegen.

„Bonjour, messieurs!“ Ernst Hackentin machte eine seriöse Handbewegung „Erlauben Sie ... gestattet, daß ich unseren lieben Gast vorstelle, Herr Alfred Schwarz, Kaiserlich Russischer Hofopernsänger.“

Man rückte zusammen. Unwillkürlich schob man sich immer zusammen, sobald der Rackower an einem Tisch erschien; auch dann, wenn mehr als genügend Raum vorhanden war. Er war wirklich übermenschlich dick, der kleine Mann. Eine Fettkugel war er mit ganz kurzen Beinchen und ganz kurzen Armen; der Kopf darüber glich einer zweiten Kugel; glattrasiert, bartlos, mit einer ungeheuerlichen Glatze, die nur im Nacken ein schmaler, graumelierter Haarkranz abschloß; im faltenlosen Gesicht lag stets ein Zug ungemessenster Sorglosigkeit, schrankenlosen Behagens, und dazu blitzten und blinkerten die kleinen Augen wohlwollend und listig zugleich.

Schwer ließ er sich nieder. In gemessenem Abstand von der Tischkante, die ja nicht, wie an der Rackower Tafel, den im ganzen Kreis bekannten ovalen Ausschnitt trug.

„Hier, mein lieber Schwarz, hier, bitte ...“ Er nannte die Namen. „Mein verehrter Herr Herr, dürfen wir uns bei Ihnen zu einer Flasche Pontac invitieren? Vielleicht ein wenig temperiert, wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht. Wie geht es der verehrten Gräfin, lieber Grucker? Ah ... gut ... freut mich riesig. Danke, Marie ist auch gut zu Wege. Famöses Herbstwetter, nicht wahr? Ich bin sehr froh, daß es unser lieber Gast so gut trifft.“

Der Rackower sprach mit ganz sanftem Tonfall, deutlich akzentuiert, aber leise. Immer, auch bei Nichtigkeiten, als wenn ihm ungeheuer daran läge, zu überzeugen. Grucker nannte seine Art zu reden manchmal den Hofpredigerton. Er sprach auch gern und langatmig, mit ausgesuchter Höflichkeit, in jeder Einzelwendung. Dazwischen mußte seine silberne Schnupftabakdose, mit dem Namenszug in farbigen Steinen auf dem Deckel, die Runde machen, wenn es irgend anging.

Sonst fesselte seine Redegabe meist auch die Widerstrebenden. Er hatte ja immer den Sack voll Neuigkeiten, schon aus den Pariser Zeitungen, die er sich hielt. Aber heut konzentrierte sich das Interesse doch mehr auf seinen Gast als auf ihn. Ein russischer Hofopernsänger? Etwas noch nicht Dagewesenes im Kreise. Erstens schon an sich: ein Sänger. Zweitens: ein Opernsänger. Drittens: ein russischer! Warum den die Rackower eingeladen hatten? Doppelt merkwürdig, weil Marie Hackentin sonst ja immer die Exklusive markierte. Denn auch ein Hofopernsänger blieb doch immerhin ein Komödiant.

Herr Alfred Schwarz saß zwischen den Herren wie ein Mann, der gewohnt ist, das allgemeine Interesse zu erregen. Schweigsam zuerst, aber mit dem Ausdruck artigsten Zuhörens in dem jugendlichen schönen Gesicht. Dann allmählich auftauend, weltgewandt in das allgemeine Gespräch eingreifend, jede Frage mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit beantwortend. Er saß in sehr legerer Haltung, die schlanken Beine übereinander geschlagen, so daß auf dem einen Fuß das Streifchen eines seidenen Strumpfes sichtbar wurde, und drehte sich aus dem Etui, das auf seinem Schoß lag, eine Zigarette nach der anderen.

Grucker, der leidenschaftliche Kettenraucher, schnoperte eine ganze Weile nach dem starken süßen Duft, bis er fragte: „Schmeckt denn das Deubelszeug eigentlich?“

„Wollen Sie nicht einmal selbst versuchen, Herr Graf?“ Die flinken, schlanken Hände hatten sofort eine Papyros gedreht. „Bitte, wollen Sie hier anfeuchten ...“

„Lecken soll ich?“ Alle lachten, denn Grucker machte die Sache mit seiner dicken, schweren Zunge möglichst ungeschickt. Die erste Zigarette zerkrümelte, mit der zweiten ging es besser, und dann schmunzelte der Konte: „Weiß Gott, nicht übel, so zwischen durch. Ein famöser Tabak das muß ihm der Neid lassen.“

„Die Großfürstin Maria Constantinowna hatte die Gnade, mir ein paar Pfund zu senden.“

„Sie waren lange in Petersburg?“ fragte Fritz Hackentin über den Tisch herüber.

„Vier Saisons. Ich kam ein Jahr nach der Beendigung des Krimkrieges an die Newa.“

„Schlimme Tage für Rußland —“

„Bah! Man merkte davon in Petersburg wenig. Der Russe trägt nicht schwer. Das Land mochte erschöpft sein, aber es war doch durch die Lieferungen sehr viel Geld verdient worden, und der Rubel rollte. Wir hatten fast immer das Haus zum Brechen voll.“

Artenau war längst fasziniert von dem auffallend schönen Brillanten, den der Sänger in der Krawatte trug. Schließlich zwang er sich nicht länger, beugte sich weit vor und meinte mit seiner stockenden Stimme: „Sie haben da einen wunderschönen Solitär ...“

„Seine Majestät der Zar ließen mir die Nadel nach einer Vorstellung des „Fra Diavolo“ überreichen. Übrigens —“ er lachte gleichmütig — „nachträglich hab ich erfahren, daß Seine Majestät mir einen weit kostbareren Stein bestimmt hatten. Aber das geht in Rußland nun einmal so: auf dem Wege von Seiner Majestät bis zu mir wurde der Brillant immer kleiner.“

„Schweinebande!“ rief Doktor Tiburtius dazwischen. „An den Galgen sollte die Gesellschaft.“

„Es ist in der Welt nicht anders. Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen.“

„Oho! Oho, Herr Schwarz! Bei uns ist’s doch anders. In Preußen gibt’s noch Richter. Bei uns gilt gleiches Recht für jedermann, und wenn wir auf etwas stolz sein dürfen, dann ist’s die Ehrlichkeit unserer gesamten Beamtenschaft.“

Der Sänger verbeugte sich verbindlich: „Ich bin ja selber preußischer Untertan, wenn auch aus einem entlegenen Winkel des Königreichs.“

„Nämlich, wenn man fragen darf?“

„Ich bin dicht an der französischen Grenze geboren, in einem kleinen Ort nahe Saarbrücken.“

Plötzlich fuhr Graf Grucker in die Höhe: „Die Rohlbecker! Und die Lene ist auch mit. Donnerwetter, da muß ich doch ...“ Er stülpte seine Kappe auf und hastete zur Tür hinaus.

Draußen half Wilhelm Hackentin seinem Vater aus dem Wagen.

Vater und Sohn waren sehr verschieden. Wilhelm überragte den Rittmeister fast um Haupteslänge, und sein Gesicht zeigte nicht die Hackentinschen Züge, sondern die Gruckerschen, mit dem ausgeprägten Kinn, der kühn geschwungenen Nase. Er hieß nicht umsonst der „schöne“ Wilhelm. Und man sah ihm an, er hielt auf sein Äußeres. Während der Vater einen grauen, ausgedienten Flausrock trug, war er sehr elegant und sehr geschmackvoll gekleidet, in einem langen hellen Redingote, unter dem weite, gestreifte Beinkleider mit breiten, schwarzen Galons hervorsahen; und während der Rittmeister Handschuhe grundsätzlich verschmähte, außer beim Kirchgang, deckten seine auffallend kleinen Hände weiche gelbe Lederhandschuhe; der alte Herr trug eine Jagdkappe, abgetragen wie sein Überrock, der Sohn eine seidene schwarze Reisemütze von fast kokettem Schnitt.

„Meine Hochachtung!“ rief der Graf schon auf der obersten Stufe zur Apothekentür, und dann hatte er den Rittmeister umhalst und küßte ihn schallend erst auf die rechte, dann auf die linke Backe. „Tag, Schwager. Tag, Wilhelm!“ Auch der bekam seine Küsse, und dann hob Grucker die Nichte mit seinen mächtigen Armen aus dem Wagen, schwenkte sie einmal im Kreis, daß die Röcke flogen, setzte sie nieder, und gleich hatte auch sie ihr Teil: diesmal aber traf’s nicht die Wangen, sondern die Lippen. Lene hielt übrigens ganz stille. Hätte sich ja auch nicht rühren können, so fest hielt der Onkel. Wollte sich auch nicht rühren: denn Onkel Grucker war eben Onkel Grucker. Und ihr Pate dazu.

Er schnalzte mit der Zunge und lachte: „Meine Hochachtung! Geht man hinein und sorgt, daß mir der Artenau das Röhrenwasser nicht aussauft. Ich muß mit der Lene erst ... na, Puttchen, he? — was müssen wir denn?“

Sie hatte bei ihm schon eingehakt: „... zu Tante Hufnagel gehen ...“

„Na natürlich. Und wenn’s ’n Daler kost’.“

Das war immer so. Wenn der Graf auf den Jahrmärkten einer seiner Nichten habhaft wurde — und manchmal waren’s auch nur Wahlnichten, aber jung und hübsch mußten sie sein —, dann zog er mit ihnen zu Tante Hufnagel. Und gewöhnlich hatten sie dabei einen Kometenschweif hinter sich: die liebe Jugend des Städtchens. Denn die wußte, daß es dem Sodelziger Herrn, so sparsam der sonst war, auf ein paar Hände voll Pfeffernüsse nicht ankam. Manchmal auch nicht auf eine Handvoll blanker Dreier. Gerad wie dem alten Wrangel in Berlin.

„Na, Puttchen, was macht das Herz?“ scherzte er, während sie über die Straße gingen.

„Onkel Grucker, ich hab keins.“

„Meine Hochachtung! ’n Mädel ohne Herz. So was läßt der liebe Gott ja gar nicht zu. Na hör mal, Deern, ... und ich dachte doch, der hübsche Gardeschütze, der dich immer mit so großen Gucklöchern ansah, bei uns, bei dem Manöverdiner ... der Neuchateller ... wie hieß das Luderchen doch ...“

„Merivaux, Onkel Grucker. Das ist aber auch das Einzige, was ich von ihm weiß.“

„Merivaux — so! Der Deixel soll die französischen Namen behalten. Sind aber brave Kerle, die Neuchateller. Haben sich als gute Royalisten gezeigt, als die da unten Revolution machten. Anno sechsundfünfzig und so. Ja — Tag, Tante Hufnagel. Meine Hochachtung!“

Madame Hufnagel knixte ganz tief, die beiden Mamsellen knixten noch tiefer, und alle drei lächelten so süß, wie ihre Waren waren.

„Na, nu greif mal zu, Puttchen.“

Helene Hackentin zierte sich nicht. Wie hätte man sich denn auch vor der Bude von Tante Hufnagel zieren können. Sie stopfte ein paar Pralinees ins Kröpfchen und steckte sich die Taschen voll. Rechts ein Paket Schokoladenpfefferkuchen und links den kleinen Karton mit einem Königsberger Marzipanherz. „Siehst du, Onkel Grucker, nu hab ich ’n Herz!“ Famos übrigens, daß die Pelerine links und rechts ordentliche Taschen hatte.

Brrr — brrr schmiß der Graf eine Handvoll Pfeffernüsse über die blonden, braunen, schwarzen Köpfe hin. Es summte in der Luft wie ein Schrotschuß Und die liebe Jugend jagte hinterher, stolperte, schubste sich, balgte sich, lag auf den Pflastersteinen und jauchzte. Grucker aber hatte gerad noch einen Blondkopf an den langen Zöpfen erwischt. „Bist du nicht eine kleine Tiburtia? Die Nas’ kenn’ ich doch! Sperr’s Maul auf und mach die Augen zu. So ... da ...“ Unbarmherzig schob er einen wahren Riesenkloß Mehlweißchen in den aufgerissenen Schlund und wollte sich totlachen, wie das Unglückswurm zwischen Lachen und Greinen biß und schluckte.

„So, Tante Hufnagel ... Schluß. Was kost’t der Kitt? ’n Daler zwanzig ... hier! Bist fertig, Puttchen? Na, denn woll’n wir mal. ’n Abend ... ’n Abend ...“

Und wieder knixte Madame Hufnagel ganz tief, beide Mamsellen knixten noch tiefer, alle drei lächelten so süß wie Marzipan. Helene hakte wieder ein, aber dann besann sie sich und meinte, ein wenig zögernd: „Nun muß ich zu Tante Artenau ...“

„Meine Hochachtung! Nee aber — was willst du denn da? Etwa zusehen, wie die semmelblonde Julie das Kunststück fertig bringt, ein Hühnerei in der Achselhöhle auszubrüten? Pfui Spinne. Komm du man mit zu uns ordentlichen Leuten.“

Es stand ihr auf dem Gesicht geschrieben: ihr war das auch lieber. Aber sie zögerte noch immer, griff in die linke Manteltasche — gut doch, daß der Mantel so schöne Taschen hatte! — krabbelte sich ein Stückchen Pfefferkuchen heraus und steckte es zwischen die Zähne. Gerad noch so viel Platz blieb, daß sie fragen konnte: „Wer ist denn drin, Onkel Grucker?“

„Wer wird denn drin sein, Mademoiselle Neugier? Artenau und Tiburtius und Fritze, dein Bruder Demokrat ... na, und Ernst mit seinem Moskowiter Sänger.“

Es war gut, daß sie nicht über den Straßendamm konnten. Gerad kam nämlich von der Kirche her ein Haufen Menschen mit einer „Moritat“ in der Mitte, und der Mann mit der Schauleinewand pflanzte sich just vor der Apotheke auf. So etwas mußte Grucker sich immer in der Nähe ansehen und anhören, blieb also stehen, sagte lachend: „Meine Hochachtung ... wunderschön!“ und merkte gar nicht, wie Helene aus eigenem Antrieb den Schritt hemmte und daß sie trotzig den Nacken steifte. Bis der Leierkasten sein Lied abgespielt und der Mann das Epos von dem siebenfachen Mord vorgetragen hatte —

„Und so hat in einer Nacht

Er sieben Christen umgebracht“ —

Währenddessen konnte Helene sich besinnen. Sie knabberte dabei langsam ihren Pfefferkuchen auf. Da wären wir ja beinah’ recht albern gewesen, dachte sie. Warum denn nicht? Was geht mich dieser ... dieser Russe an. Nun gerade! Und als Grucker sein Dittchen auf den Sammelteller geworfen hatte und sich wieder in Bewegung setzte, fragte sie: „Also der Rackower Gast? Was ist denn das für ein Menschenkind?“

„Biste neugierig, Puttchen?“

„Bewahre. Ich frag nur so ...“

„Na also, wenn du nur so fragst: er trägt seidne Strümpfe und ’ne Krawattennadel, die ihm der Kaiser aller Reußen geschenkt haben soll. Sonst ’n ganz manierliches Kerlchen, scheint’s. Schmokt auch ’n ganz wundervollen Toback. Meine Hochachtung — wirklich! Weiter weiß meines Vaters Sohn nichts von ihm.“

Da waren sie auch schon in der Offizin.

Aber nun zögerte Helene doch wieder. Es war sehr laut im Nebenzimmer. Auch der Graf horchte auf. „Die scheinen ja ’n bissel scharf aneinander geraten. Hör’ mal, Lene ...“

„Ich möchte doch lieber ...“

„Na, du wirst dich doch nicht fürchten! Was sich zankt, liebt sich, Leneken.“

Er stieß die Türe auf, stapfte mit seinem lauten „Meine Hochachtung!“ über die Schwelle, stieß aber direkt auf seinen Neffen Fritz Hackentin, der — mit dem Hut in der Hand — hinauswollte, rot im Gesicht und vor Erregung zitternd. Der Bruder stand daneben, suchte ihm den Hut zu entwinden.

„Hallo, mein Junge!“ rief Grucker. „Hier wird nicht desertiert.“ Er faßte ihn mit beiden Händen um den Leib, hob ihn hoch, wie man ein Kind hochhebt, drehte ihn um und schob ihn, ohne loszulassen, wieder zum Tisch hin. „Komm, Lene, Mädel, streichle mal ’n bißken. Kreuzdonnerstag und Freitag, man wird doch hier in Ruh’ sein Glas Wein trinken können!“

„Laß mich, Onkel Grucker ... laß mich!“

Aber die eisernen Fäuste hielten fest. „Nee, Fritz. So kommst du nicht los. Erst ’n Versöhnungsschluck. Habt wieder mal hohe Politik getrieben — he? Verflucht und zugenäht! Na, was gab’s denn?“

Drüben saß der alte Rittmeister. Er war so blaß im Gesicht, wie der Sohn rot war, und die Hand, die er am Glas hielt, zitterte auch. Aber er zwang sich. „Wenn du’s wissen willst, Schwager. Das heißt, daß mein Sohn Fritz uns gerad erzählt hat, daß er Mitglied vom Nationalverein ist. Und da hab ich ihm meine Meinung gesagt. Das heißt, über die ganze Schreierei und über den vielgeliebten Schützenherzog in Gotha dazu. Und das kann er nicht vertragen.“

„Deshalb ist es besser, ich gehe!“ stieß der Kreisrichter hervor. „Meine Überzeugung lasse ich nicht antasten, auch von dir nicht, Papa.“

Der Graf hatte ein Lachen, das oft geradezu erlösend wirken konnte. So lachte er jetzt. Und es paßte in dies Lachen hinein, was er zwischendurch in einzelnen Brocken vorbrachte: „Brat mir einer ’n Storch ... kriegen sich Vater und Sohn wegen Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, Durchlaucht und so, an den Kragen ... aber den Storch recht knusperig, bitte! Kinderkens, seid gut ... lieber Artenau, du oller Stickereimajor, nu aber schnell ’ne neue Mischung ... was Besänftigendes. Heut wird nicht mehr Politik gemacht ... hier setzt du dich, Fritze ... so ... na, und da hab ich euch die Lene mitgebracht ... Lene ... Puttchen ... komm her. Es frißt dich keiner ...“

Sie war an der Tür stehengeblieben.

Daß sich Vater und Bruder stritten, war ihr nichts Neues. Das ging nun schon seit Jahren, man hatte sich nachgerade daran gewöhnt: Vater und Fritz vertrugen sich schließlich immer wieder, und Onkel Grucker brachte das gewiß heute schnell zuwege. Er verstand das Leimen.

Aber diesmal war’s ihr peinlich. Weil der Fremde dabei war. Der Russe, gegen den sie vom ersten Sehen an etwas wie instinktive Abneigung empfunden hatte.

Das Zimmer war mit Tabaksrauch gefüllt. Mehr noch als Onkel Pastors Arbeitsstube am Sonnabend. Mit dem Messer hätte man den Qualm durchschneiden können, und die Augen taten einem weh; kaum, daß man die Herren am Tisch unterscheiden konnte: den Doktor, der bei Lene noch von früher her immer einen Lebertrangeschmack auf der Zunge hervorrief, den lustigen Herrn Herr, Artenau, Onkel Ernst ...

Ja ... und da stand der Russe am Fenster.

Fast wie sie an der Tür. Vielleicht hatte er auch den gleichen Gedanken wie sie: ich wollte, ich wäre nicht hier. Zu verwundern wär’s nicht.

Das Gespräch am Tisch ging noch ein paar Augenblicke weiter. Schon gemäßigter. Sie hörte nur einzelne Worte ... „Das deutsche Vaterland ...“ sagte Fritz. „Nee, unser altes Preußen ...“ sagte Vater, und Onkel Grucker: „Nu laßt’s mal endlich ...“

Da war auch schon der Rackower aufgestanden, dem jeder politische Streit unbequem war, hatte das Monokel ins Auge geklemmt und ihr zugenickt, war zu seinem Gast ans Fenster getreten. Und der wandte ihr im nächsten Moment das Gesicht zu, verbeugte sich.

Zu dumm, zu kindisch, daß man immer noch rot wurde wie ein Backfisch ...

„Na, Leneken, wo steckst du denn?“ rief der Graf schon zum drittenmal. „So komm doch! ’s ist wieder Friede im Lande.“

Langsam ging sie an den Tisch, nickte, reichte die Hand. Und nun walzte sich Onkel Ernst heran, stellte ihr den Russen vor. Jäh überflutete sie wieder die alberne Röte. Aber sie überwand sie diesmal schnell; vielleicht, weil es ihr so komisch vorkam, daß er Schwarz hieß, einfach Schwarz, während sie irgendeinen Namen auf off oder itsch erwartet hatte.

Der Friede schien wirklich geschlossen, die Gläser wurden neu gefüllt, Grucker hatte schon wieder eine seiner langen dicken Zigarren in Brand. Dann hieß es plötzlich, wie zur Besiegelung des Friedens: „Lieber Herr Herr, pfeifen Sie uns eins“, und der Apotheker ließ sich nicht lange bitten. Er spitzte die Lippen und pfiff. Erst von Schumann: „Wohlauf, noch getrunken, den funkelnden Wein ...“ und dann sein Glanzstück aus „Fra Diavolo“.

Eigentlich liebte Helene dies Kunstpfeifen wenig. Es hatte für ihr empfindliches Ohr immer ein wenig Schrilles. Aber das mußte sie zugeben: Herr Herr machte seine Sache gut, und es war doch Musik. Stets, wenn ein Lied erklang, wurde ihre Seele wach.

Und dann war sie mit einem Male, sie wußte selbst nicht, wie es eigentlich gekommen war, in einem Gespräch mit dem Russen. Sie nannte ihn im stillen immer den Russen, wenn er auch Schwarz hieß.

Er hatte an die Produktion des Apothekers angeknüpft, aber sie waren im Nu darüber hinaus. Von der Musik im allgemeinen sprach er, von den neuesten Opern dann, von Spontini, von Donizetti, von Lortzing und vor allem von Meyerbeer. Eigen erfreut schien er, daß sie gut Bescheid wußte. Einmal sagte er: „Ich hätte nie geahnt, daß man hier, in der Landeinsamkeit, Musik so liebt.“

„Gerade, wenn man so einsam lebt, meine ich, muß man sie doppelt lieben.“

„Sie ist die große Herzenströsterin.“ Er sprach es mit Emphase, aber das entging ihr.

„Ich finde, daß sie immer neue Sehnsucht weckt“, erwiderte sie.

Als ob er sie nicht ganz verstanden hätte, so schaute er sie an. Er wiegte den schönen Kopf: „Gewiß, sie weckt Sehnsuchten, aber nur, um sie wieder zu stillen.“ Und dann: „Sie üben selber Musik, gnädiges Fräulein? Aber was frage ich — wer sich so stark für Musik interessiert, muß auch versuchen, dem inneren Drang zum Leben zu verhelfen.“

„Ich singe ... ein wenig.“ Erst als sie es gesagt hatte, fiel ihr ein, daß Onkel Grucker vorhin von Herrn Schwarz als dem „Moskowiter Sänger“ gesprochen hatte. Es war aber nur eine ganz unklare Vorstellung in ihr, was der Onkel eigentlich damit gemeint hatte, und sie war nun doch neugierig: „Sie singen auch — nicht wahr?“ fragte sie, und es mochte wohl sehr naiv klingen. Denn er lachte ganz leise, verneigte sich ein wenig: „Es ist ja mein Beruf, gnädiges Fräulein. Ich bin Opernsänger.“

Das war ihr eine kleine Enttäuschung. Er hatte so weltmännisch geplaudert; für einen Diplomaten würde sie ihn gehalten haben, vielleicht auch für einen Offizier in Zivil. Opernsänger ... Komödiant ... das hätte sie nicht gedacht. Aber es interessierte sie gewaltig, und aus dem Untergrund ihres Bewußtseins stiegen zugleich Erinnerungen an eigene heiße, tolle Träume empor, in denen sie sich selber gefeiert gesehen hatte, wie die Jenny Lind gefeiert worden, wie jetzt die Lucca in Berlin. So daß sie sich der ersten Empfindung schämte und lebhaft, doppelt liebenswürdig meinte: „Jetzt verstehe ich erst. Nicht wahr, Herr Schwarz, Sie waren in Petersburg engagiert und daher“ ... nun überkam sie wieder eine leichte Verlegenheit ... „daher hieß es auch, daß Sie Russe wären? Wo haben Sie eigentlich meine Verwandten kennen gelernt?“

„In Ems, gnädiges Fräulein. Wir gebrauchten zur gleichen Zeit die Kur. Das russische Klima hatte bei mir eine kleine Halsaffektion hervorgerufen. Man muß vorsichtig sein in meinem Beruf.“

Sie hatten ganz ungestört miteinander sprechen können, denn die übrige Tafelrunde war völlig durch Herrn Herr in Anspruch genommen. Der mochte wohl von dem Wunsch beseelt sein, ein politisches Gespräch nicht neu aufkommen zu lassen. Hatte erzählt, daß er von Frankfurt eine von den neuen merkwürdigen Lampen mitgebracht hätte, die mit Petroleum gespeist würden, einem Öl, das in Amerika aus der Erde fließe. Der und jener hatte davon schon gehört, der Rackower und Wilhelm Hackentin hatten die Lampen auch in Berlin gesehen. Doktor Tiburtius wollte wissen, daß man Erdöl schon im Altertum zur Beleuchtung gebraucht hätte; Ben Akiba habe nun einmal recht: es gebe nichts Neues unter der Sonne. Im übrigen wäre das ein gefährliches Zeug, stinke wie die Pest und explodiere wie Schießpulver. Als der Apotheker schließlich das Lämplein holte und umständlich anzündete, rückten die Herren wirklich vorsichtig ihre Stühle rückwärts, am weitesten Artenau.

„Meine Hochachtung“, rief Grucker und klatschte sich auf die Oberschenkel.

Da blickte Helene auf und sah durch die dichten schweren Tabakswolken die helle, gelbliche Flamme über dem gläsernen Bassin. Und mit einem Male kam es ihr vor, als wäre sie emporgeflogen, weit hinauf, und nun wieder jäh auf die Erde zurückgeworfen. Die Lampe im großen Zimmer zu Rohlbeck stand plötzlich vor ihr, sie hörte das Gluck-Gluck, und sie sah den häßlichen Fleck, den das schwere Gestell in die alte, braune Plüschdecke gedrückt hatte.

Sie mochte nicht weiter sprechen, und nur wie von fernher hörte sie, was die andern sagten. Bruder Wilhelm natürlich schon von Plänen und Spekulationen, die man in Berlin an das Erdöl knüpfe. Du lieber Gott, das war auch solch Phantast, der gute Wilhelm. Immer wollte er in den Himmel fliegen, und immer setzte ihn das Schicksal hart auf den Rohlbecker Sand zurück. Dann sprach ja wohl Fritz davon, daß das Petroleum, wenn die Zeitungen recht berichteten, sehr billig werden würde, daß es das Licht der Armen werden könnte; die Quellen in Nordamerika sollten schier unerschöpflich sein. Und da mischte sich Vater ein. Was für ein Unsinn, meinte der. Billig — bei den hohen Transportkosten übers Weltmeer. Die armen Leute übrigens — die armen Leute! Erstens gibt’s, gottlob, auf dem Lande keine wirklich armen Leute, das heißt, die Rohlbecker Herrschaft ausgenommen. Und zweitens sollten die armen Leute nur ihre Talglichter weiter ziehen, das heißt, der Kienspan sei auch nicht zu verachten. Und drittens käme die ganze Geschichte doch nur auf eine Konkurrenz für den Landwirt heraus, das heißt, dem guten Rüböl sollte der Garaus gemacht werden. Viertens und letztens aber: in sein Haus käme die neumodsche Sache nicht hinein, das heißt, er hätte nicht Lust, in die Luft gesprengt zu werden. Einmal, in der Schlacht von Leipzig, wär’s schon nahe daran gewesen, und daran hätte er noch genug. Worauf Artenau dringend bat: „Lieber Herr Herr, bitte, nehmen Sie das Ding fort. Aber erst auslöschen, erst auslöschen ...“ und alle lachten.

Nein, alle lachten nicht. Ihr selber war die Kehle wie zugeschnürt, und Herr Schwarz hatte nur ein Lächeln. Ein kleines, feines Lächeln, das etwa sagen mochte: Liebe Leute, was seid ihr für wunderliche Menschenkinder, und wie eng muß euch der Horizont gezogen sein.

Der gelbe Lichtschein über dem gläsernen Behälter war erloschen, der Tabaksschwaden strich wieder über den Tisch. Die Lampe aber wanderte den Tisch entlang. Jeder tastete und fühlte an dem neuen Lichtspender herum, und jeder gab seinen Senf dazu.

Ganz still saß Helene. Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken, und die Hände hatte sie im Schoß verschränkt; fest preßten sich die Finger ineinander.

„Ich muß Sie singen hören, gnädiges Fräulein“, hörte sie neben sich.

Da kam der alte Trotz über sie. Sie zog die Achsel hoch. „Wozu? Es lohnt nicht!“ gab sie kurz, fast bitter zurück.

„Das können Sie selber nicht wissen. Und ... Sie haben einen Timbre in der Stimme, der meine Erwartung hochspannt.“

Sie sah ihn an. War das eben eine Phrase gewesen? Aber er hielt stand. „Glauben Sie’s mir nur, gnädiges Fräulein.“ Er beugte sich ein wenig vor und sprach leise weiter, in seinem weichen, einschmeichelnden Tonfall: „Es muß doch wohl so etwas geben wie Vorbedeutungen? Als ich vor drei Tagen durch den märkischen Sand rollte, in der Enge der Postchaise, ehrlich gestanden, mit ein wenig gemischten Gefühlen: warum hast du eigentlich die Einladung angenommen? Du hättest doch lieber in Berlin bleiben oder du hättest nach Paris gehen sollen — sehen Sie, da überkam mich plötzlich die Empfindung: du wirst hier etwas erleben. Eine ganz sichere Empfindung. Es ist mir früher schon ähnlich ergangen, und ich habe mich nie getäuscht. Als ich dann ausstieg, da fiel mein erster Blick auf eine junge Dame. Darf ich es aussprechen, auf eine sehr schöne junge Dame. Und ich wußte sofort: dein Erlebnis beginnt. Ich wußte, daß ich Sie wiedersehen würde.“

Er schwieg.

Ihr war das Blut ins Gesicht gewallt. Aber sie straffte den Nacken. Was fiel dem Herrn ein? Wie konnte er so zu ihr sprechen? Ihre Finger schoben sich noch fester ineinander. Starr sah sie geradeaus, mit einem hochmütigen Blick.

„Hätte ich das nicht sagen dürfen?“ hörte sie wieder die weiche Flüsterstimme. „Dann müssen Sie mir verzeihen. Ich bin ein Fremder hier und vielleicht nicht gewöhnt, die Worte auf die Goldwage zu legen. Wir Künstler dünken uns ja allzu leicht freier als der Alltäglichkeitsmensch ... Sind Sie zornig auf mich? Ich will mich bessern ... und dennoch, ich muß es Ihnen sagen: Ihr Unwille macht Sie nur noch reizvoller.“

Sie war empört. Sie antwortete nicht, sie bewegte sich nicht. Sie war empört, und doch lauschte sie: wird er nicht weiter sprechen? Und doch baute sie sich schon eine goldene Brücke: bin ich nicht am Ende ein rechtes Kind? Da draußen in der weiten, weiten Welt mag man noch ganz andere Worte wagen und sagen, und niemand nimmt Anstoß daran.

„Ich muß Sie singen hören!“ wiederholte er. „Ich muß!“

Er wartete. Bis er sich dann plötzlich zu dem Rackower umwandte. „Herr von Hackentin, wissen Sie, daß Sie eigentlich recht grausam gegen Ihren Gast waren?“

„Eheu!“ machte der Dicke. Er war zwar anscheinend während der letzten Minuten aufmerksam dem Gespräch der Herren gefolgt, in dem die Geister wieder aufeinander zu platzen schienen: einem Gespräch über den neuen Ministerpräsidenten Herrn von Bismarck-Schönhausen — aber er hatte dabei kein Auge von dem jungen Mädchen gewandt. Konnte er doch, wie Grucker immer behauptete, unter seinem Monokel „um die Ecke gucken“.

„Eheu!“ sagte er noch einmal. „Wie meinen Sie das, mein lieber Schwarz? Ich bin desolat“ — und sah dabei sehr vergnügt darein.

„Sie haben mir noch nicht dazu verholfen, das gnädige Fräulein singen zu hören.“

Der Rackower schlug sich vor die Stirn. „Beim Zeus! Nein — bei Apoll und allen Musen! Ich bin ganz desolat. Aber wissen Sie, mein lieber Schwarz, ein vorsichtiger Gastfreund spielt nicht all seine Atouts gleich aus. Wir hatten unsere liebe Helene natürlich auf dem Programm.“ Er sah wieder einmal um die Ecke nach der Nichte hin und nickte: „Nun, schöne Helene? Du wirst Tante Marie und uns doch die Freude machen, recht bald einmal zu uns zu kommen? Oder willst du, daß wir dich feierlich invitieren: Madame la Baronne et Monsieur le Baron Ernest usw.? Ist doch sonst nicht zwischen Rohlbeck und Rackow Sitte gewesen.“

Er hatte es langsam, in seinem zierlichen, leisen Hofton gesagt, und so gewann Helene etwas Zeit. Eine Galgenfrist, schien ihr. Zuerst hatte ihr ein kräftiges, trotziges Landmädel-Nein auf der Zunge gelegen. Dann hatte sie sagen wollen: ‚Ich komme schon, aber erst, wenn dieser Herr abgereist ist.‘ Nein, das ging ja nicht. Also: ‚Ich komme schon, aber ich singe nicht.‘ Nun sprach sie: „Ja, danke, Onkel Ernst ... gern!“ Wurde wieder einmal rot dabei und dachte: ‚Wartet nur! Stockheiser werd ich sein. Heiser, wie eure Primadonnen sein sollen, wenn sie nicht singen wollen.‘ Und wußte dabei doch: ‚Du wirst singen ...‘