Drittes Kapitel

Im Kreise Stellberg gab es kaum ein wirkliches Schloß. Helene Hackentin hatte nicht unrecht: sie waren ja alle arm wie die Kirchenmäuse, die Golziner, die Steckschen, die Brunowschen; gerade daß sie sich durchschlugen auf dem kargen Boden. Grucker hätte vielleicht bauen können, sprach wohl auch seit Jahrzehnten davon, war aber zu bequem und war ein zu guter Wirt. Fleißig und sparsam, wie sie fast alle, nur nicht so der Not gehorchend, mehr der Gewohnheit nach. Ein wirkliches Schloß gab es freilich, aber das war mehr Burg als Schloß: der riesige Kasten in Nugow, in dem der alte böhmische Graf wie ein halber Einsiedler hauste, Graf Delkowitz, Edler von Kastricz. Das war aber ein Fremder im Kreise, und die Ansässigen kamen selten in die uralte Johanniterburg, deren gewaltiger Turm wie ein Wahrzeichen vergangener Zeiten ins Land ragte.

Auch das Rackower Herrenhaus war kein Schloß. Immerhin war’s ein stattlicher Bau, langgestreckt, einstöckig, mit ein paar in das hohe Dach eingefügten Mansarden und einem neueren rückwärtigen Flügel, den Ernst Hackentin angebaut hatte, als er die hannöversche Erbtochter heimführte. Die Freiin von Lastrop sollte ja entsetzt gewesen sein, als sie mit ihren Eltern zum ersten Male nach Rackow gekommen war, um sich ihren zukünftigen Wohnsitz anzuschauen. Der Anbau war geradezu Bedingung gewesen; aber mit dem Ausbau waren Ernst Hackentin und Frau Marie, die Marquise, wie sie im Kreise mit gutmütigem Spott genannt wurde, eigentlich bis auf den heutigen Tag nicht fertig geworden.

Daß sie nicht niedergerissen und ganz neu gebaut, hatte oft Verwunderung erregt. Einmal, als der alte Lastrop das Zeitliche gesegnet, war’s auch nahe daran gewesen. Der berühmte Landesbaurat Schinkel war in seinem letzten Lebensjahr in Rackow zu Gaste, und Ernst Hackentin sagte bisweilen: „Ja, wenn unser großer Schinkel nicht darüber hinweggestorben wäre.“ Aber die Mittel hatten doch wohl nicht gereicht. Sie saßen ja in einer brillanten Assiette, die Rackower, hieß es; aber sie führten einen riesigen Train, reisten viel, gingen im Winter zu Hofe. Manchmal lachte man im Kreise: Isaak Böhm aus Frankfurt oder gar der kleine Jakob Friedländer aus Zielenzig sollten plötzlich neben anderen illustren Gästen in Rackow gesehen worden sein. Nun — augenblickliche Verlegenheiten kann schließlich jeder haben. Man weiß das ja. Es ging auch niemand etwas an, zumal die Rackower kinderlos waren. Und dann: ein so liebenswürdiges Haus, so liebenswürdige Wirte wie sie gab es auf zwanzig Meilen in der Runde nicht. Wennschon die „Marquise“ bisweilen sehr herablassend sein konnte. War da jüngst der Amtsrat Weese auf Neu-Bukerow nobilitiert worden, ein Mann, mit dem der ganze Adel des Kreises seit Menschengedenken als mit einem Standesgenossen verkehrt hatte. Was tut die Marquise, als sie zum ersten Male wieder mit ihm zusammenkommt? Sie reicht ihm die Hand zum Kuß: „Ich freue mich unsäglich, Herr von Weese, Sie nun endlich ganz als einen der Unseren begrüßen zu können.“ Du lieber Himmel, der alte Mann hatte nachher selber herzlich darüber gelacht. Böse sein konnte man der Marquise ja nicht. Sie war so herzensgut. Und Stil hatte sie doch auch in ihrer Art.

Gastfrei war das Rackower Haus wie kein anderes im ganzen Kreise, und auch die Art der Gastfreundschaft hatte Stil. Hannöverschen Stil — englischen Stil.

Ein paar junge Mädchen, ein paar junge Herren waren meist zu Gaste in Rackow; Hausherr und Hausfrau liebten die Jugend. Die Mädchen logierten im Anbau, die Herren oben in den Mansarden, wo jedes der kleinen Zimmer seinen originellen Namen hatte: da gab es ein „Pompeji“, so genannt nach der roten Tapete, ein „Handtuch“, weil das Zimmer sehr schmal und lang war, eine „Bärenhöhle“, weil hier jahrelang ein Leutnant von Baer während seines Sommerurlaubs gehaust hatte, und eine „Bleikammer“, sintemalen dieses Zimmer der lieben Sonne besonders ausgesetzt war. Unten im Anbau waren die Namen poetischer: es gab den „Pfau“, die „Nachtigall“ und das „Alpenröschen“; es gab sogar eine „Sehnsuchtskammer“, als das letzte Zimmer der Reihe.

In der Sehnsuchtskammer wohnte diesmal Helene Hackentin.

Am Tage nach dem Markt war Tante Marie nach Rohlbeck gekommen. Unangemeldet, auf ihrem Selbstkutschierer mit den Ponys. Hatte sich die liebe petite-nièce auf acht Tage ausgebeten: „Du kommst gleich mit mir, mignonne. Pack’ deine Siebensachen. Vergiß auch ein helles Fähnchen nicht. Vielleicht macht es sich, daß wir ein Tänzchen riskieren.“

Der alte Rittmeister hatte ein wenig geflucht. Mama barmte: „Du bist recht grausam, Marie, uns das Kind zu entführen. Denkst gar nicht an uns Alte!“ Aber die Marquise lachte: „Es ist nur um das Gewöhnen, liebe Elisabeth. Ihr sollt euch dran gewöhnen, daß Helene euch früher oder später, besser früher als später, ganz entführt wird. Seid keine Egoisten. Ihr habt ja Martha, Wilhelm ist jetzt auch da — und dann eure Enkel. Gönnt anderen auch etwas.“

„Das heißt —“ begann der Rittmeister brummig. Aber er kam nicht weiter. Bei der Rackowerin kam man nie weiter, wenn sie sich vorgenommen hatte, zu persuadieren. Zudem: es war ein Axiom, daß die jungen Mädchen sich in Rackow bewegen lernten, sich abschliffen, gleichsam einen Blick in die große Welt taten. Dem widerstrebten Eltern nur in den seltensten Fällen.

Die aber, die es zunächst anging, stand am unschlüssigsten. Immer war sie leidenschaftlich gern in Rackow gewesen. Nun stand sie und stand, steif und unbeholfen, und drehte an dem Schürzenzipfel wie ein Backfisch.

„Vielen Dank, liebe Tante ... aber ...“

Die Marquise lachte wieder. Ihr goldiges Lachen, das das häßliche Gamingesicht so seltsam verschönen konnte: „Aber ... aber! Aber ich habe nichts anzuziehen. Nicht wahr? Mignonne, du hast deine Jugend, hast deine blanken Augen. Mein Herz, was willst du noch mehr! En avant ... en avant ... in einer Viertelstunde muß dein Köfferchen gepackt sein.“

Noch einen Moment stand Helene. Dann flog sie plötzlich aus der Tür und die Treppe hinauf.

Frau Marie hatte sich in den großen Lehnstuhl mit den mächtigen Ohrenwangen gesetzt. Das zierliche Figürchen verschwand fast in dem Ungeheuer, die Krinoline mußte sie gewaltsam zusammendrücken, und dabei bauschte sie sich erst recht unförmlich auf. Es sah eigentlich komisch aus. Aber die kleine Persönlichkeit beherrschte doch das ganze Zimmer. Sie hielt auch hier Cercle und hatte für jeden eine liebenswürdige Bemerkung. Der Rittmeister bekam eine Anerkennung, wie artig seine Hunde seien; der alten Gnädigen sagte sie ein heiteres Wort, wie Mignonne hübscher würde von Tag zu Tag und daß sie ganz die Augen der Mama hätte. Martha, die ihr eine Limonade brachte, erhielt ein Lob für die vortreffliche Mischung, die Mamsell in Rackow nie erzielte, und Wilhelm mußte über die Fortschritte des Bahnprojekts berichten. Dabei wurde er immer Feuer und Flamme. Sein schönes Gesicht leuchtete auf, er zwirbelte den koketten Spitzbart mit den wohlgepflegten weißen Fingern — und immer hatte er die bestimmteste Zusage von Exzellenz Itzenplitz, die Konzession schon „in der Tasche“ ... gerade daß noch einige kleine Schwierigkeiten zu überwinden waren. Er stöhnte freilich auch immer: „Mein liebes Rohlbeck! Weib und Kind muß ich allein lassen ... aber was soll man tun?“ Ein klein bissel malitiös konnte die Marquise manchmal doch sein: „Nun, Wilhelm, Berlin ist auch ganz pläsierlich“, meinte sie und kicherte. Doch da sie Martha, die sie besonders gern hatte, nicht weh tun wollte, fügte sie gleich hinzu: „Leicht hast du’s allerdings nicht in Berlin, ich weiß das, Wilhelm. Es ist ja jetzt ein großes Wettrennen um die Bahnkonzessionen. Graf Redern erzählte uns davon. Aber es wird doch auch enorm verdient. Wie heißt doch der Mann, der die erste Geige spielt? Richtig: Stroußberg ... ein Jude ... natürlich. Der soll ja bei der Bahn oben in Preußen ein großes Vermögen machen. Wilhelm, Wilhelm ... ich seh dich schon als Millionär! Nun: à tous seigneurs, tous honneurs!“

Dann kam Helene herunter. Hinauf war sie gestürmt, ganz langsam schlich sie nun ins Zimmer, und es klang eigen kleinlaut, als sie sagte: „Ich bin fertig, Tante Marie.“

Etwas Unsicheres, Sprunghaftes lag auch jetzt noch in ihrem Wesen. Sie war in den beiden Tagen, die sie in Rackow war, ihrer selbst nicht froh geworden.

Und es war doch so schön hier. Der Oktober meinte es diesmal besonders gut. Wenn der Amtmann Schmidthals, der seit einem Menschenalter Rackow ziemlich oder ganz selbständig verwaltete, — Graf Grucker legte, sobald auf die Verwaltung seitens des alten „Mistikers“ die Rede kam, den Akzent immer auf die erste Silbe — wenn Schmidthals bei der Veranda vorüberkam und die graue Kappe von dem grauen Haar zog, schmunzelte er jedesmal: „So ahnen Herbst haben wir noch nie gehabbt.“

Die Rackower waren Spätaufsteher. Onkel Ernst erhob sich erst gegen zehn Uhr aus seinem Riesenbett, und Tante Marie wurde überhaupt erst gegen Mittag sichtbar. Bis zur Mittagsstunde blieben die Gäste sich selber überlassen. Doch auch sie kamen in Rackow bald ins selige Faulenzen hinein. Helene aber war von Hause aus an frühes Aufstehen gewöhnt, denn der alte Rittmeister verlangte ihre Gegenwart bei seiner Morgensuppe, die unweigerlich aus Brotschnittchen mit heißem Wasser aufgebrüht bestand.

So war sie auch hier schon gegen sieben Uhr am Frühstückstisch auf der Veranda.

Gestern hatte sie den Herrlichkeiten dieses Rackower Frühstückstisches ganz allein gegenübergesessen: der großen silbernen Kaffeemaschine, dem silbernen Brotröster, den vielen kalten Platten. Allein mit Höhne, dem Leibdiener Onkel Ernsts, der geräuschlos seines Amtes waltete, immer mit einer diskreten Gönnermiene, wie man sie armen Verwandten gegenüber hat.

Heut erschien, zu ihrer Überraschung, fast gleichzeitig mit ihr der Neuchateller: Leutnant de Merivaux von den Gardeschützen. In hohen Stiefeln, mit der Jagdjoppe; das frische Gesicht zartrosig, trotz des eben überstandenen Manövers, den kleinen Schnurrbart lustig aufgedreht. Lustig war das ganze Kerlchen. Kerlchen — pardon! — nein: der schlanke junge Herr. Aber lustig war er doch, mit seinen leuchtenden blauen Augen und dem gegen alle militärische Vorschrift kurz geschorenen schwarzen Haar, mit seinen raschen Bewegungen und dem leisen Radebrechen in der Sprache, von dem man nie recht wußte, war es echt, war es ein wenig gemacht.

„Bonjour, gnädiges Fräulein!“ rief er gleich und streckte ihr beide Hände entgegen. „Ein so schöner Morgen, ein wonniger Morgen. Wie kann man nur so lange liegen in den Federn, wenn die Sonne so wunderschön scheint und Fräulein von ’ackentin auf der Veranda sitzt. Oh, was sind das hier für faule Menschen.“

Dann saß er auch schon. „Mein lieber ’öhne, eine Tasse Mokka. Aber recht stark. So ... und recht viel Milch. Danke: Milch, keine Sahne. Mein gnädiges Fräulein, und Sie schmieren mir ein Brot. Ah ... hier bekommt man doch richtiges weißes Brot ... Semmel ... nicht immer pain bis. Ich kann nicht vertragen dies schwarze Brot. Ich hab so ein gar sehr schwachen Magen ... ein Magen wie ein schwächliches Kind.“ Wobei er sich eine Scheibe Schinken auf den Teller legte, die für zwei starke Männer ausgereicht hätte. „Grand merci, gnädiges Fräulein. Je vous en fais mes remerciments! Sie sind sehr gütig. Noch ein Ei, mon chèr ’öhne ... bitte sehr ...“

Man konnte ihm nicht böse sein. Eigentlich wäre sie lieber allein geblieben wie gestern, diese einzig ruhige Stunde in dem geräuschvollen Rackower Leben. Aber mit den Wölfen mußte man nun einmal heulen.

Er trank seinen Kaffee in ganz kleinen Schlückchen, zerpflückte sein geliebtes pain blanc, ließ seine blauen Augen leuchten, erzählte von Berlin und von seiner Kaserne, ganz draußen, weit draußen, fast bei Treptow, wo „sich die Fuchs sagen gut’ Nacht“. Und dann fragte er plötzlich: „Warum ’aben Sie gestern nicht wollen singen, gnädiges Fräulein! Wo wir doch alle so sehr gebeten ’aben.“

„Ich war nicht disponiert, Herr von Merivaux.“

„Ah! Das haben Sie gestern auch gesagt. Aber es ist doch nicht wahr ...“

„Bitte sehr, Herr von Merivaux!“

„Pardon, gnädiges Fräulein. Aber wenn eine Sängerin nicht disponiert ist, hört man es an ihrer Sprache. Sie sind doch nicht heiser. Werden Sie heut singen?“

„Ich weiß es nicht. Ich glaube kaum.“

„Ich ’abe nicht vergessen, wie Sie ’aben gesungen auf Soldelzig, bei Comte Grucker.“

„Verstehen Sie denn etwas von Gesang?“

„Si peu que rien! Leider. Aber ich lieb’ die Musik über alles, und besonders hab’ ich Sie hören gern singen.“

Helene mußte lachen. Es kam zu komisch heraus, wie er das sagte. Und dabei machte er so eigne Augen. Fast verliebte Augen. Gut, daß man wußte, man brauchte ihn nicht seriös zu nehmen.

„Etwa so gern, wie Sie nach einem guten Diner eine Zigarre rauchen. Nicht wahr, Herr von Merivaux.“

„Ja! Ganz gewiß. Ungefähr so. Ah, eine gute Zigarre. Mon cher ’öhne ... Sie wissen gewiß, wo der Herr Baron hat stehen seine guten Zigarren. Sie sehen ganz aus, als ob Sie auch rauchten gern eine gute Zigarre.“ Er gab dem Diener einen kleinen freundschaftlichen Klaps. „Also wie eine sehr, sehr gute Zigarre, gnädiges Fräulein. Mais, mon dieu, ... Sie dürfen das nicht übelnehmen.“

„Ich denke gar nicht daran. Ich fühle mich sogar sehr geehrt!“

Höhne hatte inzwischen wirklich eine Kiste Importen gebracht. Merivaux zündete sich umständlich eine Zigarre an, und tat liebevoll den ersten Zug. „Bei einer guten Zigarre kommen immer gute Gedanken. Bei Ihrem Gesang, gnädiges Fräulein, denk ich, kann man auch nur ’aben gute Gedanken. Als Sie in Sodelzig haben gesungen das Lied von der Baronin Rothschild — ‚si vous n’avez rien à me dire‘ — hab ich immerzu denken müssen an meine liebe Heimat, an unsere schönen Berge, an den blauen See ... ja ... und an meine gute maman ...“

Er war aufgestanden. Er blies schnell hintereinander ein paar kunstvolle Ringe und lachte: der erste Ring hatte sich zur Decke erhoben, war langsam gesunken und lag nun, für einen Augenblick, gleich einem Kränzlein just um Helenens weißes Morgenhäubchen.

Merivaux lachte, sah auf sie herab, und sie wurde böse: „Was lachen Sie eigentlich, Herr von Merivaux! Über mich?“

Da sagte er: „Schade ... nämlich, er ist jetzt fort. Ja so, gnädiges Fräulein, Sie wissen ja nichts davon. Ich hatte Ihnen eine auréole aufgesetzt ... aus Tabaksrauch ... und ist ein Sonnenstrahl dazu gekommen. Wenn Sie wüßten, wie scharmant das ausgesehen ’at!“

Unwillkürlich faßte sie nach dem Haar.

Aber er schüttelte den Kopf. „Nein, nun ist das fort: auréole und Sonnenstrahl. Aber ... scharmant sieht das immer noch aus ... das ...“

Ein wenig verwirrt war sie doch, ein wenig verlegen. „Was Sie immer für törichtes Zeug reden, Herr von Merivaux!“

„Ich? Aber nein doch ... Sind Sie fertig mit dem Dejeuner, gnädiges Fräulein? Wollen wir ein wenig in den Garten?“

Sie war schon aufgestanden und nickte.

Langsam schritten sie die kleine Treppe hinunter.

Frau Marie war eine Gartenkünstlerin. Sie hatte eine Wüstenei vorgefunden und ein kleines Paradies geschaffen. Vor dem Hause lag ein großes Rosenparterre; gutgehaltene, kurzgeschorene, manneshohe Taxushecken schlossen es seitlich ab; breite Einschnitte, die gewölbten grünen Toren glichen, führten von hier in den eigentlichen Park, der sich weit hinzog und allmählich in Wiesen und Waldpartien überging. Nicht so ausgedehnt war das Ganze, wie der Park von Muskau, den der Graf Pückler angelegt hatte, aber einzelne Teile konnten an Schönheit doch mit dem Meisterwerk des alten Semilasso wetteifern.

Man war stolz im ganzen Kreise auf den Park von Rackow, und auch Helene war es. Sie führte Merivaux von einem Ausblick zum andern; an dem Borkenhäuschen vorüber, in dem im Hochsommer meist der Kaffee genommen wurde, zum schilfumstandenen Teich; von dort zur Höhe, von der man die schönste Aussicht auf das Dorf Rackow hatte und darüber hinweg zu dem Hügelzuge, an dem Rohlbeck lag.

„Da, sehen Sie, Herr von Merivaux. Da bin ich zu Hause ...“

Indem sie das sagte, fühlte sie: es war wirklich schön. Der Herbstzauber ruhte auf dem Landschaftsbilde; die Sonne malte ihre farbigen Reflexe; das Dörfchen unten mit dem hohen altersgrauen Kirchturm war wie eingebettet in Grün, Rot und Gold; weite Felder dann, und dahinter der Höhenzug mit den festgeschlossenen geradlinigen dunklen Kieferforsten.

Aufmerksam schaute der junge Offizier in die Weite. Eine Weile schwieg er. Aber dann begann er von seiner Heimat zu sprechen, von dem ewig blauen See, von ragenden Felsen, von schneegekrönten Häuptern. Er sprach von den Weinhängen, auf denen jetzt die feurigen Trauben reiften, von der üppigen Vegetation am Gestade des Neuchateller Sees mit den Wäldern von echten Kastanien, von den Magnolien und Mandelbäumen im Garten von Schloß Merivaux.

Er konnte also auch ernst sprechen. Sieh einmal an. Ernst und schön. Sie mußte das zugeben. Aber es reizte sie. Sie, die sich immer in die Weite sehnte, lehnte sich plötzlich dagegen auf, daß man ihr die Schönheit der Fremde rühmte, wo sie die Schönheit der eigenen Heimat gelobt wissen wollte.

„Warum sagen Sie mir das alles?“ fragte sie scharf dazwischen.

„Weil ich wohl möchte, daß Sie es kennen lernten, gnädiges Fräulein.“

„So finden Sie es schöner ... schöner als bei uns?“

Er lächelte überlegen. „Das hier ist wie eine Oase. Aber sonst, mon dieu ... nicht so böse Augen machen, bitte ... sonst ist die Mark Brandenbourg ein armes Land.“

„Warum sind Sie denn aber hergekommen?“

„Oh ... warum? Wie können Sie fragen? Weil wir sind Royalisten. Man hat uns geknechtet daheim, die Demagogen haben gesiegt. Aber wir ’alten treu zu unserem Fürsten, zu unserem König. Wir wollen ihm weiterdienen. Vive le roi!“

Sie waren weitergegangen, den breiten Weg zurück. Jetzt blieb Merivaux plötzlich stehen. Er griff mit einer seiner heftigen Bewegungen in die Fliederbüsche, knickte ein paar Zweiglein. „Mein Vater haben sie in prison geworfen, die Revolutionäre, als der Aufstand kam. Dann hat uns Preußen im Stich gelassen ... Politik ... Politik ... was weiß ich. Aber wir bleiben treu ... treu bis zum Tod. Verstehen Sie das, gnädiges Fräulein?“

Helene nickte. Sie fühlte: das war jetzt nicht mehr der kleine lustige Leutnant, der zu ihr sprach. Es war ein Mann, der einer Überzeugung diente. Es stieg heiß in ihr auf. Sie begriff vielleicht nicht ganz. Aber sie empfand: ein Mann, der seine schöne Heimat verläßt, die er über alles liebt, um in der Fremde dem Herrscher mit Blut und Leben zu dienen, dem die Vasallentreue gebührte! Alles um der Treue willen!

Wieder gingen sie ein Stück weiter, schweigend nun.

Da kam ihnen bei der Wegbiegung Herr Schwarz entgegen. Im langen braunen Rock, auf dem Kopf ein winziges Hütchen, in der Hand einen leichten Stock mit goldener Krücke, um den hohen Hemdkragen ein seidenes Cachenez.

Helene sah ihn — und mit einem Male fühlte sie, jäh erschreckend, wie plötzlich all die Sympathie für den jungen, frischen Menschen neben ihr verblich, wie sich all ihre Gedanken widerstrebend dem Sänger zuwandten. Dabei trotzte es in ihr auf: ich will nichts von ihm wissen, ich will nicht — will nicht! Und sie straffte sich, setzte ihre hochmütigste Miene auf.

Herr Schwarz ignorierte beides: die kühle Gleichgültigkeit in dem schönen Mädchengesicht und Abwehr und Verdruß in den Zügen des jungen Offiziers. Der hatte sich schnell eine Gerte aus dem Busch gebrochen und schwippte damit durch die Luft, schlug sich an die Stiefelschäfte.

Vollständig fast ignorierte Herr Schwarz den Neuchateller; gerade nur die notwendigste Höflichkeit lag in seinem Gruß. Er wandte sich ausschließlich an Helene.

„Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen? Aber was frage ich! Ich bin ja nicht mit Blindheit geschlagen.“

„Fragen Sie doch lieber. Oder soll ich Ihnen sagen: Fräulein von Hackentin ’at mir gerad eben gesagt, daß sie ist stock’eiser. Stock’eiser, Monsieur Schwarz —“

Der Sänger lachte. „Dann wird das gnädige Fräulein einen Scherz gemacht haben. Als ich vor einer Stunde etwa mein Fenster öffnete, hörte ich ein paar halblaute Töne, eine Kadenz nur ... unter mir mußte man auch das Fenster aufgetan haben — nun, kurz und gut, ich wußte sofort, daß diese Stimme nur die von Fräulein von Hackentin sein konnte. Ich wußte, heut ist das gnädige Fräulein nicht mehr indisponiert, heut wird sie singen.“

„Sie wird nicht singen —“ sagte Helene und setzte den Kopf noch gerader auf den Nacken.

Er nahm seinen Stock zwischen beide Hände vor die Brust, daß die goldene Krücke unter das Kinn zu liegen kam, lächelte wieder, überlegen und fast ein wenig ironisch: „Sie wird doch singen, wenn der Kollege sehr bittet.“

„Der Kollege? Welcher Kollege, Herr Schwarz?“

„Nur meine Wenigkeit, gnädiges Fräulein. Sie müssen das Wort schon mit in den Kauf nehmen: wir huldigen ja derselben Kunst, der göttlichen ...“ Plötzlich brach er ab. „Ist das nicht übrigens ein wonniger Oktobermorgen? So warm wie im Hochsommer.“

Merivaux machte eine Bewegung mit dem Zeigefinger um den Hals: „Aber Sie ’aben gepummelt das Cachenez um die Kehle.“

„Vorsicht ist zu allen guten Dingen nutze, Herr Leutnant. Diese ‚Kehle‘ hier aber ist ein gut Ding. Nicht für mich nur, sondern für die Welt, in der man den bel canto zu schätzen weiß.“

Sie waren weitergegangen und standen vor dem kleinen chinesischen Pavillon, der die Fernsicht nach der anderen Seite bot: nicht auf Rohlbeck, sondern nach Stellberg hin. Fast das gleiche Bild, nur daß das Dorf im Vordergrunde fehlte. Und da sagte Schwarz: „Wie schön doch diese Mark Brandenburg ist. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Man hatte mir so viel erzählt von ihrem öden Sande, daß ich in eine Wüste zu kommen fürchtete. Aber nun kann ich mich gar nicht satt sehen an diesen weiten Blicken auf die geraden schlichten Linien der Landschaft. Ich kenne doch ein großes Stück Welt, kenne romantischere, äußerlich reizvollere Gegenden. So gepackt aber hat’s mich selten wie hier. Wie das alles zusammenstimmt: Landschaft und Menschen. Alles so offen, so einfach, ohne Kompliziertheit, immer zum Herzen sprechend. Sprechend? Nein, klingend, tönend. Man muß es lieben, beides, Land und Leute.“

Helene schwieg, trotzdem er zu ihr sprach. Nur zu ihr. Sie wollte nicht antworten. Aber hindern konnte sie doch nicht, daß sich die Worte wieder in ihre Seele schmeichelten, die Worte und der Klang dieser Stimme.

„Ist doch ein armselig Land!“ sagte Merivaux dazwischen. Wie aus Trotz heraus.

„Wie Sie das nur behaupten können! Es gibt gewiß reichere Erdenflecken. Länder, in denen wirklich Milch und Honig fließt, Gegenden, die auch auf das äußere Auge stärker wirken. Die Mark spricht, für mich, zur Seele. Und nun die Menschen! Merkwürdige Menschen. Schlendere ich gestern abend durch das Dorf. Ganz allein. An einem Zaun steht ein alter Bauer, ich fang ein Gespräch mit ihm an. Wortkarg gibt er Rede und Antwort. Und dann hat er — ich sprach vom Wetter — fast genau Hamlets Wort: es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde ...“

Merivaux schlug sich wieder mit seiner Gerte auf den Stiefelschaft, daß es klatschte: „Da ’aben Sie dazu gedichtert, Monsieur Schwarz. Einfach hineingedichtert. Der Bauer ist Bauer, und Bauer bleibt Bauer.“

Der Sänger zog die Achseln hoch und sah zu Helene hinüber, als erwartete er einen Einwurf, eine Parteinahme für sich. Aber die blieb aus. Ihre Gedanken waren eine andere Straße gezogen. In ihr klangen nur seine Worte über das Landschaftsbild. Zuerst hatte sie sich darüber gefreut, gerade weil sie im Gegensatz zu Merivaux’ Urteil standen. Nun schienen sie ihr doch ein wenig phrasenhaft, ein wenig gekünstelt. Was hatte der Neuchateller eben gesagt? Hineingedichtert ...

Da sagte Schwarz, und sie horchte wieder auf seine weiche, einschmeichelnde Stimme: „Wir wollen nicht streiten. Der Morgen ist wirklich zu schön dazu. Kommen wir nicht auf diesem Wege zur Fasanerie, gnädiges Fräulein?“

Sie nickte, und sie gingen weiter.

Erst zu dreien, dann blieb Merivaux ein paar Schritte zurück. Einmal sah sie sich nach ihm um; flüchtig, eigentlich nur aus Höflichkeit, als Verwandte des Hauses, dessen Gast auch er war. Aber er stand an den Büschen, hatte die Zweige auseinandergebogen, spähte vielleicht nach einem Vogelnest. Das mochte ihn mehr interessieren als alles, was der Russe — immer noch nannte sie ihn in Gedanken so — erzählte. Der hatte schnell wieder den Übergang gefunden vom märkischen Bauer zur großen Welt. Aus der Enge in die Weite, schien es ihr. Er sprach von Petersburg, von Paris, von Wien, vom geselligen Leben, vom Theater. Es war ihr so fremd, es war ihr so neu — fast alles, was er sagte. Man mochte wollen oder nicht: man mußte lauschen. Auch dem, was er über sich einfließen ließ: von dem unwiderstehlichen Drang, der ihn, den Sohn eines Bergwerkdirektors, zur Kunst getrieben hätte; wie er schon auf dem Gymnasium durch seine Stimme Aufsehen erregt, welche Kämpfe er zu durchringen gehabt, wie dann das Glück über ihn gekommen wäre. Und nun sei er auf der Höhe —

„Auf der Höhe ... ja ... und doch nimmer befriedigt ...“

Es klang so weich, es klang so schmerzlich: nimmer befriedigt.

Ein Geständnis war es. Es schlug eine Saite in ihrer eigenen Seele an. Sie mußte fragen: „Nimmer befriedigt? Sie? Und warum?“ Ganz zögernd nur, scheu kam das letzte Wort.

„Ja ... warum? Wer kann das eigentlich sagen? Da ist der heiße Wunsch, immer Reiferes, immer Vollkommneres zu leisten, das große Streben, das den Künstler bis zum letzten Atemzuge nicht verlassen darf. Und daneben steht die unendliche Leere.“

Es zwang sie, ihn anzusehen. Fast schien es, als glänzten seine Augen feucht.

Sie schüttelte zaghaft den Kopf. „Die Leere?“

„So ist es, mein gnädiges Fräulein. Nicht anders. Streben und Beifallslohn ... wunderbar schön sind sie, bezaubernd, berauschend. Aber der Rausch verfliegt, der Zauber erlischt. Es bleibt nur der graue Alltag, in den keine Sonne hineinleuchtet. Manchmal glaubt man freilich, einen freundlichen Sonnenstrahl festhalten zu können ... aber ...“

Er brach ab.

Schweigend gingen sie noch ein paar Schritte weiter, blieben dann stehen. Helene war’s, als stockte ihr der Atem.

Da fragte er: „Werden Sie heut singen?“

Sie neigte den Kopf, ohne ein Wort. Aber es war doch eine Bejahung.

Und dann war mit einem Male Merivaux neben ihnen und noch ein anderer, den er unterwegs aufgelesen haben mußte.

Merivaux hatte wieder ein fröhliches Lachen, das ihr geradezu weh tat in diesem Augenblick. „Also, Monsieur Schwarz, also hier ’ab ich einen ganz Sachverständigen. Also, Monsieur Smithals, also was ’alten Sie von die märkischen Bauer?“

Worauf der stämmige Alte auch lachte: „Unse Pauern? Verfluchtigte Sakarmenter sind’s, Herr Leutnant.“

**
*

Helene war unter den Fröhlichen sehr still gewesen.

Man war bei Tisch immer fröhlich in Rackow. Die Tafelrunde hatte hier ihre besondere Weihe. Onkel Ernst war ein Schlemmer. Er nannte sich einen Gourmet, aber er war beides: Gourmet und Gourmand; er aß möglichst erlesen und aß — wie ein Scheunendrescher. Wenn er am eigenen Tisch vor seinem berühmten ovalen Ausschnitt präsidierte, in den sein Bäuchelchen gerade hineinpaßte, glänzte sein Gesicht vor Behagen und Wonne: „Nun, Mariechen, was gibt’s denn heut?“ fragte er noch vor der Suppe, obwohl er das Menü schon vorher mit Monsieur Bombourdan, dem Chef, eingehend erwogen hatte. Und Tante Marie, die selber aß wie ein Piepmatz, aber noch eine weit feinere Zunge hatte als der Rackower, lächelte gnädig: „Du wirst schon zufrieden sein.“ Dann sah Onkel Ernst regelmäßig unter seinem Monokel „um die Ecke“, musterte der Reihe nach seine Gäste und freute sich, wenn er auch bei ihnen einiges Verständnis erhoffen konnte.

Heut mochte das angehen. Die Rohlbecker waren heraufgekommen. Die Rohlbecker Damen — mit denen war zwar in bezug auf kulinarische Genüsse nicht viel anzufangen; der alte Rittmeister würdigte eigentlich nur eine Delikatesse, im Juni den Matjeshering, von dem er sich regelmäßig einmal im Jahr ein kleines Tönnchen aus Hamburg kommen ließ. Aber Wilhelm Hackentin hatte sich in Berlin neuerdings zu einem kleinen Schlecker ausgebildet, der eine Holsteiner Auster von einer Native mit geschlossenen Augen zu unterscheiden wußte. Der lustige Merivaux kannte sich auch aus; französisches Blut! Neulich hatte der davon gesprochen, daß man Hammelkoteletten eigentlich nur in einer Pfanne braten sollte, die mit einer Zwiebel ganz, ganz leicht ausgestrichen wäre — „grad nur ein ’auch“. Nicht übel. Und Alfred Schwarz war geradezu ein Mann nach Onkel Ernsts Herzen. Das Bürschlein hatte schon in Ems eine Zunge bewiesen, die der Nachbarschaft seiner berühmten Stimmbänder nichts nachgab. Eine Bordeauxzunge, die Lage und Jahrgang geradezu erstaunlich zu beurteilen wußte, im Handumdrehen, und die auch beim Champagner nicht versagte. Petersburger Schule, so lächerlich das war. Das Volk soff Wuttki, Wuttki und nochmals Wuttki, aber dafür aßen und tranken die oberen Zehntausend desto besser.

Man war wie immer sehr fröhlich am Rackower Tisch.

Nicht laut indessen. Selbst die heitersten Scherzworte flogen in gedämpftem Ton herüber und hinüber. Gerade, daß die kleine, mollig runde Grete Waldegg, die Tochter vom Stockschen Oberstleutnant, manchmal aufkicherte, wenn ihr Tischherr, der rote Fritze Hackentin, ein bissel mit ihr zu schäkern versuchte.

Helene war unter den Fröhlichen sehr still.

Merivaux hatte sie geführt und gab sich umsonst redlichste Mühe, ein Lächeln auf dem heut so eigen ernsten Gesicht heraufzulocken. Auf ihrer anderen Seite saß ihr Bruder Wilhelm. Der wußte, so gesprächig er war, auch nichts mit ihr anzufangen. Sie saß mit gesenkten Augen und berührte die Speisen kaum. Nur ein Glas roten Champagners, Spezialität des Rackower Kellers, Marke Ruinart & Cie. in Reims — trank sie hastig leer.

Ihr gegenüber hatte, zwischen Martha Hackentin und Tante Marie, der Russe seinen Platz.

Manchmal, auf den Bruchteil einer Sekunde, sah Helene zu ihm hinüber. Wie unter einem Zwang. So lebhaft er sich unterhielt: jedesmal trafen sich doch ihre Blicke. Und immer senkte Helene, erschrocken, die Augen wieder auf ihren Teller.

Der Kaffee wurde im Damast-Salon genommen. Nicht um den großen runden Tisch, wie in Rohlbeck und in den anderen Gutshäusern, wo der Nachmittagskaffee mit „Stippe“ eine besondere Rolle spielte. Frau Marie wußte in ihrem roten Salon die Gäste unaufdringlich in einzelne Gruppen zu gliedern, Altersklassen und Interessensphären geschickt zusammenzuschieben.

Auch ihr Salon hatte Stil. An den damastbespannten Wänden ein paar gute Bilder, ein Aquarell von Hildebrand mit aller Farbenpracht der Tropen, ein treffliches Porträt von Franz Krüger, das Onkel Ernst noch in seiner Jugend Maienblüte, als schlanken Jüngling, darstellte, ein großer Stich nach Guido Reni. Zwischen den Möbeln, wo es irgend anging, Blattpflanzen und blühende Blumen, die der Gärtner täglich erneuern mußte, und neben dem Kamin eine ziemlich große Voliere, hinter deren vergoldeten Stäben ein Dutzend winzig kleiner Tropenvögel das kurze Leben verträumte. Das kurze Leben: denn diese bunten Kinder einer südlicheren Sonne starben dahin wie die Fliegen, trotz der liebevollsten Pflege, und der Berliner Händler mußte alle paar Wochen Nachschub senden. War Tante Marie aber besonders in Stimmung, so öffnete sie die Tür der Voliere, lockte die Tierchen heraus, bis sie frei im Salon umherflatterten. Es gab dann immer lautes Jubeln, viel „Ahs“ und „Ohs“. Nur dem alten Rittmeister war die „Unzucht“ ein Greuel. Er huldigte Frau Marie mit einem Respekt, in dem sich chevalereskes Wesen und derbes Landjunkertum eigen mischten. Aber ihre Behandlung der Tropenfremdlinge nannte er, dem sonst jede Humanitätsduselei weltenfern lag, Tierquälerei.

Unter dem Stich nach Guido Reni stand der wunderschöne Bechsteinflügel in gläsernen Untersätzen auf dem dunkelroten Teppich.

Helene und die mollig runde Grete Waldegg waren von der Hausfrau an dem Tischchen beschäftigt worden, auf dem die silberne Kaffeemaschine mit all ihrem Zubehör prunkte. Das war in Rackow immer das Amt der jungen Mädchen: sie hatten den Mokka zu bereiten, Herrn Höhne zu assistieren, den älteren Damen persönlich das Meißener Schälchen mit einem artigen Knicks zu überreichen. Tante Marie sah dem gern zu, durch die scharfen Gläser ihrer langstieligen Lorgnette, und manchmal gab’s nachher eine kleine Instruktionsstunde: „Cherie, so faßt man aber eine Tasse nicht an“ ... „Mignonne, vor einer Greisin könntest du dich wirklich ein wenig tiefer beugen“ ... „Mein liebes Kind, man macht bei solcher Gelegenheit kein air moussade ... lächeln mußt du, liebenswürdig lächeln ...“

Ihr eigenes kleines spitzes Gamingesicht hatte ja meist auch solch ein liebenswürdiges, komplisantes Lächeln. Auch jetzt, wo sie — nachdem der Kaffee genommen war — einen Blick der Aufforderung zu Herrn Schwarz hinübersandte. Der stand an der Tür zur Bibliothek, der einzige Gast in Frack und weißer Battistbinde, mit ein paar Orden im Knopfloch, das Täßchen noch in der Hand. Ziemlich vereinsamt. Aber er zeigte es nicht, daß er sich vereinsamt fühlte. Seine Blicke waren all die Zeit im Zimmer umhergewandert, um schließlich immer wieder auf Helenens rostbraunem Haar, das in hundert winzigen Löckchen sich gegen den glatten Scheitel sträubte, haften zu bleiben.

Er verstand den Blick der Hausherrin sofort. Vielleicht hatte er darauf gewartet. Ganz leicht verbeugte er sich, setzte die Schale beiseite, ging auf den Flügel zu, öffnete die Klaviatur. Höhne eilte diensteifrig herbei, schob den Stuhl zurecht.

Helene hatte sich mit Molly und Bruder Fritz ins Schmollwinkelchen neben der Voliere geflüchtet. Ganz tief zurückgelehnt saß sie, hatte die Hände im Schoß verschränkt. Und um ihre roten Lippen spielte ein etwas spöttischer Zug. Sie fand, daß der Russe keine gute Figur machte. Es war immer wie eine Pose; sein Stehen an der Tür, sein gleitendes Schreiten, die Art, wie er jetzt am Flügel Platz nahm, einen Moment nachzusinnen schien. Eine kleine Schadenfreude war in ihr und doch auch eine große Erwartung.

Doch nun klangen die ersten Töne auf. Schwarz schlug ein paar Akkorde an, dann setzte er ein.

Er sang die große Arie aus „Zar und Zimmermann“: „Einst spielt ich mit Zepter und Krone und Stern ...“

Es wurde still im Raum.

Der spöttelnde Zug erlosch in Helenens Gesicht. Es spannte sich. Sie richtete sich auf, und dann beugte sich ihr schlanker Körper mehr und mehr nach vorn. Und die Hände hoben sich aus dem Schoß, preßten sich gegen die Brust, eng verschlungen.

Großer Gott ... war das denn möglich? Gab es das? Solch eine Stimme! Solchen Wohlklang, solche Kraft ... und solche Kunst! Eine Himmelsgabe, köstlich und wunderbar, gemeistert in edelster Schule! Ein Vortrag, der aus tiefstem Empfinden kommen mußte, der zu dem Herzen sprach, daß es jubeln mußte. Nein, nicht jubeln: stumm lauschen, stumm genießen, in Demut genießen!

Gleich Perlen auf Goldschnur gereiht, so war es, Ton auf Ton. Klar, rein ... erhaben ... groß ... herrlich!

Sie dachte nur: der erste wahrhafte Künstler, den du hörst. Welch eine Gnade ...

Der letzte Ton verklang.

Der Beifall brach los.

Sie hörte ihn kaum. Sie sah nicht, wie Vater klatschte, wie selbst die stille Martha die Hände rührte. Sah nicht, wie Ernst Hackentin sein Bäuchlein trommelte; nicht, wie der Garde-Schütze, der neben Wilhelm hinter dem Stuhl der Mutter stand, die Hände hob, um sie dann gleich sinken zu lassen. Sah auch nicht, wie Tante Marie quer durch den Saal schwebte, trippelnd, raschelnd und lächelnd, am Flügel stehenblieb, dem Sänger zuflüsterte.

Tief in Träumen befangen saß Helene. In Träumen, die vor ihr die Pforten einer neuen Welt weit auftaten ...

Dann horchte sie doch auf, erschreckt zuerst.

Von neuem hob es an. Sie fühlte sogleich, daß eine andere Hand den Flügel meisterte. Als sie den Blick hob, sah sie, daß Tante Marie vor dem Instrument saß, daß der Russe neben ihr stand.

„Letzte Rose“ sang er.

„Letzte Rose ... o wie einsam magst du hier verblühen ...

Deine andern freundlichen schönen Schwestern sind ja längst, ja längst dahin ...“

Es war anders als vorhin. Vielleicht war es noch schöner. Seine Stimme klang gleich kräftig, aber weicher, einschmeichelnder. Wie ein ewiges Locken war es, ein süßes, verführerisches Bitten, Flehen, Werben ...

Wieder saß sie weit vornübergebeugt, die Hände gegen die hochatmende Brust gepreßt. Und nun die Augen auf ihn gerichtet. Sie sah nur sein Profil, die scharf geschnittenen Linien des schönen Gesichts. Gleich einer Silhouette hob sich das ab von dem Hintergrund der roten Damasttapete, hell beleuchtet von den vielen Kerzen des Kronleuchters. Die kleine Gestalt von Tante Marie war nur wie ein helles Fleckchen vor dem Flügel. Über ihr Köpfchen blickte er hinweg auf die Notenblätter. Zwei — dreimal griff seine Hand nach vorn, um sie zu wenden.

Dann plötzlich, ganz zuletzt, wandte er den Kopf. Sein Blick streifte durch den Raum, wie suchend, blieb auf Helene haften. Ein Lächeln kam zu ihr hinüber: war’s recht so? Ein siegesgewisses Lächeln: nicht wahr ... es ist schön gewesen!

Noch eine glänzende Perlenkette von Tönen, sieghaft wie jenes Lächeln, mühelos quellend wie im Triumph des großen Könnens. Und er schwieg.

Wieder der starke Beifall. Ganz leicht neigte er den Kopf zum Dank. Vater, Wilhelm waren schon neben ihm, schüttelten ihm die Hand, Onkel Ernst hob sich aus seinem Sorgenstuhl, rollte sich zum Flügel. Tante Marie hatte den Drehsessel umgewendet, lachte zu ihm in die Höhe.

Aber plötzlich löste er sich aus der Plaudergruppe. Mit raschen Schritten ging er quer durch das Zimmer, blieb vor Helene stehen und bat, ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte: „Jetzt werden Sie singen, gnädiges Fräulein!“ Bat — und es war doch fast wie ein Befehl. Sie schrak heftig zusammen, aber sie stand auf. Schüttelte den Kopf, hob die Hände zur Abwehr. So stark war sie erschrocken, daß sie nicht sprechen konnte. Nicht einmal das eine: ‚Jetzt — nimmermehr.‘

„Darf ich Sie zum Flügel führen?“ hörte sie seine Stimme. Und zugleich neben sich ein leises, etwas spöttisches Kichern der molligen rundlichen Molly. Es klang ihr auch wie: ‚Jetzt singen ... wie sollte die Lene das riskieren.‘ Aber es peitschte ihren Trotz auf. Sie legte mit einem plötzlichen Entschluß ihre Hand in seinen Arm, ging ein paar Schritte, blieb dann doch wieder stehen: „Ich kann jetzt nicht singen ... nach Ihnen!“

„Gnädiges Fräulein ...“

Sie standen mitten im Zimmer, gerade unter dem Kronleuchter, und nun nicht mehr allein. Tante Marie war herangetreten: „Aber, Mignonne!“ Vater kam und erklärte im Rittmeisterton: „Ziere dich nicht. Das ist ridicül. Das heißt: Sing, so gut du kannst. Mehr verlangt keiner.“

‚Ich kann nicht —‘ wollte sie noch einmal sagen. Aber sie fühlte sich von Schwarz unwiderstehlich weitergezogen, mit einem ganz sachten Druck seines Armes, stand schon am Flügel und wußte gar nicht, wie sie dorthin gekommen war.

„Was werden Sie uns singen?“ fragte Schwarz. Und zum dritten Male wollte sie entgegnen: ‚Gar nicht singen will ich‘ und hatte doch schon die Hand nach dem Notenschränkchen neben dem Instrument ausgestreckt. Er griff gleichzeitig zu. Die Blätter raschelten. Auf einen Augenblick berührte ihre heiße Stirn fast seine Wange. Wieder schrak sie zusammen, richtete sich hastig auf, schüttelte den Kopf. Wortlos ...

‚Warum quälen sie mich!‘ schrie es in ihr. ‚Warum quälen sie mich? Ich kann ja doch gar nichts. Kann ja nicht singen ... hier nicht ... heut nicht ...‘

„Mendelssohn liegt Ihnen gewiß, gnädiges Fräulein?“

Er hatte ein Blatt herausgesucht, wies es ihr hin. Und in heller Verzweiflung neigte sie den Kopf.

„Soll ich akkompagnieren?“

Endlich fand sie die Sprache wieder: „Nein — nein! Ich begleite mich immer selber ...“ Der Gedanke, hinter ihm zu stehen, ihm folgen zu müssen, war ihr unerträglich.

Dann war plötzlich Bruder Wilhelm neben ihr. Sie mochte ihm leid tun. Er schob ihr den Stuhl zurecht, raunte ihr ein paar liebe Worte zu —

Und nun saß sie, hatte die Hände auf den Tasten, sah auf das Notenblatt und meinte, keinen Finger rühren, keinen Ton herausbringen zu können. Die Stimme stickte ihr ja im Halse, die Kehle war so trocken, war wie zugeschnürt. Weinen hätte sie mögen.

Aber mit einem Male, ganz jäh, war das alles anders.

Mit einem Male kam es wie eine große Befreiung über sie. Unerklärlich, wie das geschah. Ganz plötzlich hatte sie das Empfinden: ‚Du mußt singen! Du kannst es! Du wirst es gut machen, wirst ihm beweisen, daß du keine elende Stümperin bist. Daß auch dir Gott die Gabe verlieh ...‘

Noch sah sie wie durch einen Tränenschleier die Noten. Aber gleich darauf ward es helle vor ihr. Das leise, unsichere Beben der Finger, das sie vorhin gespürt, verschwand. Sie fühlte, wie die Stimme frei wurde ... ganz frei —

Und so sang sie —

„Wie ist Natur so hold, so gut!“

Das Goethesche Lied hatte er für sie gewählt.

Während sie sang, wurde sie froh. Das war ja fast immer so; aber heut doch anders wie sonst; eine wahre Lust, hinauszujubeln, erwachte in ihr.

„Auf der Welle blinken

Tausend schwebende Sterne,

Weiche Nebel trinken

Rings die türmende Ferne ...“

Es war wie ein Rausch. Ein holder, beseligender, traumhafter Rausch. Sie fühlte wohl, daß es ihr glückte, daß sie gut sang, besser als je. Aber sie gab, was sie gab, doch völlig unbewußt. Die Töne quollen in ihr empor, ohne daß sie suchte.

Und dann war alles aus. Mit dem letzten Ton entschwanden ihr Wille und Kraft, die Begeisterung erlosch, die Spannung der Seele ließ nach. Müd und matt wie ein Vögelchen, das aus Wolkenhöhen zu Boden geschmettert wurde, hockte sie vor dem Instrument, die Hände waren von den Tasten gesunken und lagen im Schoß. Sie hörte nur undeutlich den Beifall, dachte nur: ‚ach ... es war ja doch nichts, du kannst ja gar nichts; und wenn sie klatschen ... was verstehen sie!‘ Ein Schluchzen stieg auf in ihr. Sie biß die Zähne aufeinander, preßte die Lippen zusammen; tief herab glitt ihr Kopf, und die Stirn schmerzte.

Mehr sollte sie singen. Die Stimmen schwirrten durcheinander. Man bat, machte Vorschläge: eines der Taubertschen Kinderlieder, das Rothschild-Liedchen: Si vous n’avez rien à me dire ...

Nein! Nein! Nein!

Dann stand sie jäh auf. Mit dem plötzlichen Entschluß: ‚jetzt willst du das letzte wissen ... sein Urteil ... und wenn es dein Todesurteil wäre ...‘

Sie wandte sich kurz um.

Und da sah sie ihn. Er stand nicht in der Gruppe der Verwandten am Instrument. Er war zurückgetreten, lehnte wie vorhin, ehe er gesungen, an der Tür zur Bibliothek.

Sie sah ihn und sah, daß seine Augen zu ihr herüberleuchteten. Und nun kam er, faßte ihre beiden Hände, unbekümmert um alle, die um sie waren, und sprach: „Sie werden eine große Sängerin werden! Eine von den ganz großen, vor denen sich Könige und Fürsten neigen. Ich preise mich glücklich, daß ich als Erster Ihnen das sagen darf.“