Viertes Kapitel
Kantor Flehr schob mit gesenktem Haupt langsam über die Dorfaue. Man konnte es ihm ansehen, daß er Sorgen hatte, die ganze Hucke voll, und zwar, trotzdem Kartoffelferien waren und die liebe Jugend ihm daher den Schädel nicht heiß machte.
Sorgen hatte Kantor Flehr zwar eigentlich immer. Ein Dorfschulmeisterlein im Königreich Preußen und keine Sorgen: das gab’s ja einfach nicht. Gerade daß man vor dem Verhungern geschützt war — bei der Herde Kinder, die sich so nach und nach einfand. Recht machen konnte man es auch niemand: dem Herrn Patron nicht; dem Herrn Pastor nicht, obwohl beide noch nicht die schlimmsten waren, im Gegenteil. Den Bauern und Kätnern, dem lumpigsten Tagelöhner erst recht nicht. Und deren Ehegesponsten nun schon gar nicht. Denn im Grunde genommen: den Weibsen wär’s am liebsten gewesen, wenn sie ihre Rangen gar nicht in die Schule zu schicken brauchten, oder wenn er den Nürnberger Trichter besäße, um Bub und Mädel in einem einzigen Viertelstündchen- alles einzutrichtern, was sie fürs Leben gebrauchten. Damit besagte Rangen den besagten Eltern in Feld und Wirtschaft helfen könnten, von früh bis spät. Von der Bildung hielt das Volk verflucht wenig. Aber man selber hatte doch nun mal sein Pflichtgefühl und seine Ideale. Hatte man, und konnte, durfte man nicht preisgeben. Wenn schon das ganze Dasein immer wieder die elendsten Kompromisse verlangte.
Sorgen also hatte Kantor Flehr eigentlich immer, und sie hatten ihm wohl auch die tausend Runzeln und Fältchen in das alte Gesicht gegraben. Aber an diese alltäglichen Sorgen gewöhnte man sich allgemach, wie man sich daran gewöhnt hatte, daß Quetschkartoffeln mit einem Brocken Speck gar kein so übles Essen waren, oder daran, daß man immer wieder einen Pflock zurückstecken mußte, was die eigene geistige Fortbildung anbetraf, oder daran, daß Goethe und Schiller nur an Sonntagsnachmittagen vom kleinen Bücherbord heruntergenommen werden konnten; auch daran, daß das alte Klavier von Jahr zu Jahr dünner im Ton wurde.
Es mußte schon einiges Besondere zusammenkommen, wenn Kantor Flehr den Kopf so tief auf der Brust trug wie heute, den schmalen, langen Oberkörper so vornübergeneigt hielt.
So war es aber auch. Der Tag verdiente drei Kreuze im Kalender.
Erst hatte man vom alten Heckstein wieder einmal eine kleine Vorlesung entgegennehmen müssen über den Geist der „Regulative —“. Selbstverständlich, das wußte man ja, kam die Salbaderei dem guten Heckstein selber nicht recht aus dem Herzen; war ein viel zu aufgeklärter Mann dazu, um vom Geist dieser Regulative überhaupt aus Überzeugung sprechen zu können, dieser Einschnürungs- und Verdummungsparagraphen. Aber ein Keil drückte da eben den andern. Und das war schließlich dem Pastor doch wohl aus dem Herzen gekommen, daß er sagte: „Überhaupt, Herr Kantor, Sie sind mir zu liberal!“ Ja ... hm ... was sollte man darauf erwidern, wenn der Alte so seinen gichtgekrümmten Zeigefinger hob? Zu liberal! Du mein Gottchen! Man hatte doch eben seine Ideale. Und wer die nicht, innerlich mindestens, hochzuhalten wußte in dieser Zeit, wo die Reaktion wieder mal umging, als ob sie die letzten paar Säulchen untergraben wollte, auf die sich noch die Freiheit des Staatsbürgers stützen konnte ... ja, wer sich seine bißchen Ideale nicht zu wahren wußte, der ging eben moralisch vor die Hunde. Nicht mehr Staatsbürger, sondern Staatsknecht war man dann ...
Nun ja ... und eine Stunde darauf war der Schulze gekommen, Christian Lehmpuhl. Hatte wieder mal solch ein Schreiben vom Herrn Landrat, Hochwohlgeboren. Wenn man nur die Handschrift des hochmögenden allmächtigen Kreissekretärs sah, konnte einem die Galle überlaufen; es roch ordentlich nach Bureaukratie daraus. „Es wird darauf aufmerksam gemacht ...“ fing es immer an. „Wonach zu richten“ oder „Es wird mit Bestimmtheit erwartet ...“ schloß es. Diesmal auch. Und dazwischen gab’s Donner und Blitz gegen die „auf Untergrabung der Königlichen Autorität abzielenden Bestrebungen“; gegen die „schlechten, staatsfeindlichen Zeitungen“, die den „Geist der Auflehnung zu verbreiten suchen“; gab’s eine Lobrede auf das Kreisblatt. Das Kreisblatt! Das Käseblatt! Da stand nun Christian Lehmpuhl und wußte sich nicht Rat. Was sollte man ihm raten? Gegen den Herrn Landrat?! Der Wind und Wetter machen oder die Sonne scheinen lassen konnte über Gerechte und Ungerechte. Zumal, wo man doch genau wußte, daß die Bauern weder eine vernünftige Zeitung noch das Kreisblatt lasen. Was lasen die denn überhaupt! Na ja ... schließlich war’s denn wieder auf aller Weisheit Schluß herausgekommen: „Da wer’ ik woll die Krakulle rumschicken müssen“, hatte der Schulze beschlossen. Schön ... schön: also morgen ging das berühmte gebogene Holzstück von Haus zu Haus, und daran flatterte das Schreiben des Landrats wie ein Fähnchen. Aber der Bauer wandte es ja doch nur rechts und drehte es links; es las keiner, oder wenn es einer las, verstand er’s nicht. Und das war noch das Beste ...
Ja ... und dann war der Herr Doktor Hemming aus dem Schloß herübergekommen. Der Mann wußte ja eminent viel, alles was wahr ist; ein tüchtiger Pädagoge sollte er auch sein, und die Junker lernten mächtig, hieß es. Aber ein unausstehlicher Mensch blieb er mit seinem hochmütig-herablassenden: „Herr Kollege“. Immer klang das wie schneidende Ironie. Und immer hatte er gleich die Politik beim Wickel. Immer in seiner herausfordernden Art. „Es rührt sich endlich, Herr Kollege. Es rührt sich. Haben Sie das neueste Flugblatt des Deutschen Nationalvereins gelesen? Großzügig — famos! Und unser Landtag! Da ist doch noch mal Wille und Kraft. Waldeck und Twesten und die anderen. Alle — ganze Männer! Nicht wahr? Wenn die Regierung ihre Sache auf die Spitze treiben will, sie soll’s nur wagen. Dieser Ansturm des Militarismus wird am festen Willen des Volkes zerschellen, ist eigentlich schon zerschellt, und auch diese neue Größe, dieser Herr von Bismarck, wird daran nichts ändern. Sagen Sie selber, Herr Kollege, soll unsere Nation verbluten unter der Last der Armee? Dieses unproduktiven Heeres, das kein Volksheer mehr ist, sondern nur noch ein dynastisches Werkzeug? Wer könnte das leugnen? Glauben Sie mir nur, Herr Kollege, die Überzeugung wächst in immer weitere Kreise hinein, daß es auf diesem Wege nicht mehr weitergehen kann. Selbst in die Kreise des Junkertums. Fragen Sie mal bei Herrn Fritz von Hackentin an, wie der über die gegenwärtige Situation denkt.“
Eine Viertelstunde war das so weitergegangen. Eigentlich ganz interessant. Man sprach ja gern mal mit einem gebildeten Mann über politische Dinge, wo man so ganz vereinsamt lebte. Wenn nur nicht dieser entsetzliche Hochmut in dem Doktor Hemming gesessen hätte. Sprach man denn überhaupt mit ihm? Er sprach ja allein.
Ja, und dann kam’s zum Schluß: „Übrigens läßt der Rittmeister Ihnen sagen, Herr Kollege, daß er mit Ihnen zu reden hätte. Sie möchten doch gegen Mittag mal im Schloß vorsprechen.“
Na ja ... und das war vielleicht das Ärgerlichste. Das dickste Ende kam nach. Denn der alte Rittmeister war zwar ein lieber, prächtiger Mann, aber gut Kirschenessen war unter Umständen mit ihm nicht. Im Grunde war und blieb er doch immer der Junker, der keine Überzeugung neben der eigenen dulden konnte. Der König von Rohlbeck! Du mein Gottchen! Ein armseliges Königreich. Nur daß man doch darin leben mußte, daß man es unmöglich mit dem alten Herrn verderben durfte. Mit ihm nicht, mit der Herrschaft überhaupt nicht. Es gab da doch zu viel Fäden, die man nicht zerreißen konnte.
Was der Herr Rittmeister nur wollte? Natürlich betraf’s auch wieder die Politik. Man hörte das ja ordentlich im voraus: „Das heißt, Kantor, ich muß sagen ...“
Ja, Kantor Flehr hatte heute seine dreifach gesiebten Sorgen. Das graue Haupt sank immer tiefer auf die schmale Brust herab, je näher er den beiden schwarzen Stämmen mit den Kanonenkugeln darauf kam, die den Eingang zum Schloßgarten flankierten.
Aber dicht vor dem dräuenden Tor hatte er noch eine Begegnung. Von der anderen Seite kam der Großbauer Metschke, Adolf Metschke, und hielt ihn fest. War sonst eigentlich ein ordentlicher Mann, der Metschke, hatte außerdem eine prächtige Stimme, die manchmal den ganzen Kirchenchor zusammenhielt. Aber wen er einmal festhielt, der kam nicht so leicht los.
„Gut, dat ik Ihnen treffe, Herr Kantohr. Ik wollt zundersch mit Ihnen reden. Is das denn die Wahrheit, daß se de Soldaten abschaffn wolln?“
„Aber Metschke —“
„Jestern ist Sie da nämlich ’n Schlosser aus Ziebinge im Krug gewesen. Der hat’s vertellt. Vor janz jewiß. Nu muß Se mein Willem zur Stellung. Sähen Se, Herr Kantohr, da mächt ik doch jerne wissen, ob’s wirklich seine Richtigkeit haben tut?“
Flehr schüttelte den Kopf. „Metschke, woher soll ich das wissen. Man spricht ja so allerlei. Aber abschaffen ... ganz abschaffen ... daran ist nicht zu denken. Mein ich.“
„Se müßten’s doch eberscht wissen, Herr Kantohr. ’s soll doch schon in die Blätter stehn.“
„Da wird viel geschrieben, lieber Metschke.“
Adolf Metschke ließ endlich den Westenknopf frei, aber er stellte sich dafür in Positur gerade vor den Eingang. Kraute mit dem linken Zeigefinger hinter dem Ohr in seinem flachsblonden Schopf, spuckte aus und meinte: „Dat kann woll stimmen. ’s wär ja och janz scheen, aber ik kann Se nich dran glauben, Herr Kantohr. Ick bin Se selwst Suldat ’wesen. Franzer, Se wissen schon. Na, un so was muß woll sin. Min Willem soll och zu de Franzer, wenn’s so bliewt. Un ’s wird woll so bliewn. Nämlich wie sollt das der Keenig denn machen, wenn die Franzosen kommen und er keine Suldaten nich hat?“
Im allgemeinen beschränkte der brave Flehr sein Bildungsbemühen pflichtgemäß auf die Jugend; bei den Alten war, das hatte die Erfahrung ihn gelehrt, doch Hopfen und Malz verloren. Aber manchmal wandelte ihn doch das Bedürfnis an, auch ihnen gegenüber aufklärend zu wirken.
„Ich sagte Ihnen ja schon, Metschke, an die Abschaffung der Armee denkt niemand im Ernst. Aber es wird wohl von Freunden des Volks erwogen, ob man nicht mit weniger Soldaten auskommen kann oder ob man die Soldaten nicht nur ganz kurze Zeit bei der Fahne behalten braucht.“
Metschke kraute sich weiter hinter dem Ohr. Er sann nach. „’s wäre woll janz scheen so“, meinte er. „Wenn der Willem nich so lang aus de Wirtschaft müßte.“ Pause. „Aber, Herr Kantohr, des jeeht och nich mit sohne kurze Zeit. Des ist man bloß Jerede. Ik bin doch selwst beis Kommiß jewesen, Franzer, Herr Kantohr. Un so aus ’m Pauern, was noch jrün und naß hinter de Ohren is, ’n orndlichen Suldaten machen, das is nich so haste nicht, kannste nich. Da is der langsame Schritt und da is ’s Jewehr un ’s Schieße un die Instruxon un so ...“
Es schien, der brave Metschke hatte starke Lust, seine militärischen Erinnerungen noch lang auszuspinnen. Doch der Kantor wurde ungeduldig. Er zog die große silberne Zwiebel aus der Tasche. „Lieber Metschke, ich muß zum Herrn Rittmeister ...“
„So ... zum ollen gnä’gen Herrn. Den sullt’ man mal fragen. Der weiß Bescheid. De hat die Franzosen aus’m Lande mit rausgeschmissen, un ’s Eiserne Kreuz hätt’ er ...“ Damit gab er endlich den Eingang frei. „Scheen Dank ock, Herr Kantohr ... ick meen, et jeeht nich ...“
Langsam ging Flehr weiter, den geraden breiten Weg entlang, der zur Verandatreppe führte. Zuerst mit einem Lächeln im runzligen Gesicht und mit einem Kopfschütteln über diesen Bauern, über die Bauern überhaupt: die wurden innerlich doch nicht frei, die klebten, klebten wie an ihrer Scholle so an allem, was alt hergebracht war. Und wer weiß: wenn der Schlosser aus Ziebingen etwa wieder im Krug seine neuen Weisheiten zum besten gab, ob ihm dann nicht Adolf Metschke als alter Franzer das Fell tüchtig vollgerbte. Womit vielleicht nicht mal ein Unglück geschah. Denn man mochte noch so liberal denken, ... hm ... daß solche Schwätzer zu wühlen versuchten ... hm ... das konnte man doch nicht billigen.
Allmählich erstarb das Lächeln zwischen den Runzeln und Falten, aus denen das zweimal wöchentlich angesetzte Rasiermesser die grauen Stoppeln nie ordentlich herausbekam.
Was eigentlich der alte Rittmeister nur wollte?
Es war so gar nicht seine Art, jemand zu sich zu bescheiden. Hochmütig war er wahrhaftig nicht. Er ging in die ärmste Hütte, und im Kantorhause hatte er oft genug, fast freundnachbarlich, vorgesprochen.
Was er nur wollte?
Und da saß ja auch schon die alte Gnädige an ihrem Fenster, mit ihrem verschleierten Blick, und nickte auf seinen Gruß ganz eigen — schon von weitem. Die alte Gnädige! Ja ... als man nach Rohlbeck gekommen war, da war sie noch jung gewesen und schön und lustig. War vierelang gefahren, mit dem Diener auf dem Bock. Die Zeiten hatten sich geändert; besser waren sie nicht geworden, auch nicht für die Herrschaft. Eigentlich zum Gotterbarmen. Wirklich verschwendet hatten die Hackentins nie, aber das schöne Vermögen zerrann ihnen doch unter den Händen. Wirtschaften konnten sie nicht. Freilich — ein Armer klopfte auch heut noch nicht vergebens im Schloß an. Und wenn man’s recht überlegte: auch im Kantorhause hatten sie oft genug geholfen ...
Was nur der alte Rittmeister wollte?
„Herein!“
Das kam ganz in Rittmeisterton aus der großen Stube.
„Na, da wären wir ja also, Herr Kantor ...“
Dem Rittmeister stak immer noch das „Er“ zwischen den Lippen. Natürlich, er wußte, das ging nicht mehr in der neuen Zeit, Anno 1862. Selbst zum kleinsten Kossäten mußte man „Sie“ sagen. Aber das „Sie“ wollte bisweilen nicht recht über die Lippen, und dann kamen allerlei wunderliche Umschreibungen heraus.
„Also, da wären wir ja, Herr Kantor“, wiederholte er. „Guten Tag auch. Das heißt, ob es ein guter Tag ist heut, wer will das wissen?“
Er stand in der Mitte der Stube. Am Fenster saß die alte Gnädige, am Ofen saß Wilhelm Hackentin, und beide nickten dem Kantor zu. Der dienerte, wobei seine endlos lange Gestalt fast zu einem rechten Winkel zusammenknickte, und dann rieb er sich, verlegen wartend, die knochigen Hände.
„Wir wollen uns lieber setzen, Herr Kantor,“ begann der Rittmeister wieder, blieb aber stehen, um nach einem Weilchen fortzufahren: „Aber warum setzt man sich denn nicht? Da ... bitte ...“
Herr Flehr setzte sich wirklich; aber nur auf die Kante des nächsten Stuhls, und er dachte noch immer: ‚was der Rittmeister nur will?‘
„Also ... nämlich ... das heißt, wir müssen ein ernstes Wort miteinander reden, Herr Kantor.“ Damit begann der alte Herr seine gewohnte Wanderung auf der Diagonale des Zimmers. Es wurde ihm leichter, während des Gehens zu sprechen. Auch jetzt. Freilich in wohlkonstruierten Sätzen kam die Rede nicht heraus:
„Also ... nämlich ... das heißt, gestern in Rackow. Da war ein Sachverständiger, das heißt, man sagt es. Ein kaiserlich russischer Hofopernsänger. Das heißt, manchmal denk ich, er ist ein Luftikus. Da hat das gnädige Fräulein gesungen, Helene. Und der Monsieur Schwarz oder Weiß — Namen kann ich nie behalten —, der hat ein großes Wesen davon gemacht. Mag ja auch sein ... das heißt, ich habe selber gefunden, Lene sang sehr schön. Aber was versteh ich davon?! Also der Mann hat allerlei Fladusen vorgebracht: eine unvergleichlich schöne Stimme, eine Wunderstimme und so, wie sie nur alle hundert Jahre vorkommt. Und daß es ’ne Sünde und ’ne Schande wär, wenn solch eine Stimme nicht an die Öffentlichkeit käme. Öffentlichkeit — schrecklich! Ja ... und sie haben alle auf mich eingeredet, das heißt, der Sänger voran und dann die Rackower und da der Wilhelm auch, Helene müßte nach Berlin. Das heißt ... nämlich ... da liegt der Haken! Ihre Kunst in Ehren, mein lieber Kantor, aber mit der Schule, oder wie man’s nennt, da hapert es noch. So das Tippelchen auf ’m i. Also nach Berlin, zu irgendeiner ganz großen Lehrerin. In Berlin gibt’s natürlich so was. Was gibt’s denn am Ende in Berlin nicht? Nämlich aber: das kostet ein riesiges Geld. Die Berliner nehmen’s von den Lebendigen und den Toten. Und da ... das heißt, da möcht ich erst mal den Kantor Flehr fragen, auf Ehre und Gewissen, ob er nach seinen Kenntnissen meint ... das heißt, ob er wirklich und wahrhaftig glaubt, daß es mit der Stimme von dem gnädigen Fräulein so etwas ganz Besonderes auf sich hat?“
Der alte Rittmeister hatte sich heiß geredet. Ganz fließend hatte er schließlich gesprochen, während er dreimal die Diagonale des Zimmers durchmaß. Jetzt erst sah er auf und zu dem Kantor hinüber. Und da stand er still und staunte.
Es war wohl auch ein wunderliches Bild.
Ruckweise, langsam hatte sich die lange Gestalt gestreckt und gehoben. Das Kinn zuerst, der Nacken dann; der immer gebeugte Rücken war gerade geworden, und nun stand der ganze Mann aufrecht da, ganz aufrecht, hatte die hageren Hände vor der Brust gefaltet, und aus seinen grauen Augen leuchtete es.
Nichts sagte er als: „Lieber Gott, ich danke dir, daß ich das noch erlebe!“ Sagte es so rührend, daß die alte Gnädige am Fenster leise aufschluchzen mußte.
Auch den Rittmeister mußte es wohl packen. Aber er knurrte nur ein paar ganz unverständliche Töne, und um seiner Bewegung Herr zu werden, fuhr er den Kantor an: „Das heißt, wir spielen doch hier nicht Komödie. Man kann doch nie auf eine klare Frage eine deutliche Antwort bekommen — hol’ mich der Deubel!“
Sonst hätte solch ein Ton Herrn Flehr gleich aus der Kontenance gebracht. Diesmal nicht. Mit erhobener Stirn gab er zurück: „Ja, Herr Rittmeister, die sollen Sie haben. Ich bin nur ein einfacher Dorfschulmeister, aber von Gesang versteh ich einiges mehr als die meisten meiner Kollegen. Das muß wohl angeboren sein. Darum kann ich auch, wie der Herr Rittmeister es verlangen, auf Ehre und Gewissen erklären: solch eine Stimme, wie die von dem gnädigen Fräulein, mag’s wirklich nur alle hundert Jahre einmal geben. Das hab’ ich dem Herrn Pastor schon vor Jahr und Tag gesagt und hab ihn gebeten —“
„Ich weiß, ich weiß“, wehrte der alte Rittmeister ab, und dann begann er seine Wanderung von neuem, schweigend, mit immer schnelleren Schritten.
„— und es ist wohl Pflicht, solch eine Gottesgabe zu schulen —“ wagte der Kantor noch einzuwerfen.
„Pflicht! Pflicht!“ kam’s von dem Teppich herüber. „Ich weiß allein, was Pflicht ist. Das braucht man mir nicht zu sagen. Das heißt, ob’s für die Lene ein Glück ist, darauf kommt es an. Dem Mädel den Kopf verkeilen, ihr Rosinen in den Sinn setzen ... ja, und wenn Gott den Schaden besieht, wer hat etwas davon? Öffentlich auftreten — da müßt ich doch vorher in der Grube liegen! Soll eine Hackentin vielleicht als Komödiantin auf der Bühne stehen?!“
Die müde Stimme der alten Gnädigen klang dazwischen: „Solch wirklich ganz große Sängerin ist doch eine Ausnahme, Hackentin. Denk’ an die Sonntag, die eine Gräfin Rossi wurde ...“
„Komödiantin bleibt Komödiantin.“
„Aber Papa, es hat ja noch niemand ernstlich vom Theater gesprochen“, meinte Wilhelm. „Neben der Opernsängerin steht doch die Konzertsängerin.“
„Die muß auch vor die Öffentlichkeit. Das heißt, die singt auch jedem Laffen für ’n preußischen Taler was vor!“
Da sprach Kantor Flehr noch einmal. Er war schon wieder in sich zusammengesunken, aber nun richtete er sich auf, rang ein wenig mit sich, straffte wie den äußeren auch den inneren Menschen:
„Mit Verlaub, Herr Rittmeister“, begann er, und aus seiner sonst so gedrückten Stimme klang ein fester, warmer Ton. „Kommt es denn so auf das Äußere an, darauf, ob das gnädige Fräulein später einmal, so oder so, fremde Menschen entzücken, begeistern soll? Das ist gewiß auch etwas Herrliches, aber die Hauptsache, meine ich, ist es doch nicht. Die Hauptsache, mein’ ich, ist, daß das gnädige Fräulein für sich lernt. Wenn der liebe Gott einem Menschen solch eine Wundergabe verleiht, begnadet er ihn dadurch vor Millionen, aber er legt ihm auch Pflichten dafür auf. Das wollt ich vorhin schon sagen: die Pflicht, in der Kunst das Höchste anzustreben. Und weil das der Einzelne nicht immer allein kann, müssen alle, die ihn liebhaben, dabei mithelfen. Das hilft nun mal nichts, Herr Rittmeister — mit Verlaub zu sagen. Denn wenn es nicht geschieht, verkümmert die Gottesgabe ... und dann verkümmert damit der ganze Mensch! Er hätte so groß werden können, aber er wird arm und klein. Unglücklich wird er, Herr Rittmeister ... und wenn ihm sonst das Leben mit allen Gütern dieser Welt überschüttet ... er wird arm und klein und unglücklich ...“
Der Rittmeister war stehengeblieben. Er sah mit hellem Staunen zu seinem Kantor hinüber: daß der so sprechen konnte. Die alte Gnädige hatte sich erhoben, kam auf ihren Mann zu, bat leise: „Papachen ...“
Das Ticken der Kuckucksuhr hörte man, so still war es.
Bis dann Hackentin plötzlich sagte: „Die Lene hat einen guten Anwalt an unserem Flehr ... hol’ mich dieser und jener.“ Er zauste einmal rechts und einmal links an seinem weißen Schnurrbart. „Das heißt, Herr Kantor, ich bin noch nicht beim Ja und Amen. Aber unglücklich ... unglücklich soll uns die Lene nicht werden ...“
Und so kam Helene Hackentin nach Berlin. Zuerst nur, damit Frau Harriers-Wippern, die Herr Schwarz als die erste der Berliner Gesangslehrerinnen namhaft gemacht hatte, ihre Stimme prüfe. Zu mehr wollte sich der alte Rittmeister nicht verstehen.
Wilhelm mußte sowieso wieder nach der Hauptstadt; er sollte die Schwester unter seine Obhut nehmen.
Es war die erste größere Reise für Helene; über Frankfurt a. O. war sie noch nie hinausgekommen. Und diese Reise, samt allem, was mit ihr zusammenhing, war für sie ein so großes Ereignis, daß dadurch manch inneres Erleben der letzten Tage in den Hintergrund geschoben wurde. Wohl zitterte es in ihr nach: im Wachen und im Träumen. Sie schrak bisweilen mitten in ihren kleinen Reisevorbereitungen zusammen, hörte plötzlich wieder die weiche, klingende Stimme, hörte die leise ihr zugeflüsterten Worte: „Ich hab heute ja nur für Sie gesungen!“ Aber das erlosch immer wieder. Sie lächelte wohl auch darüber: es war ja nicht mehr als eine artige Courmacherei, wie sie gewiß in der großen Welt da draußen üblich war und nicht viel bedeutete. Für sie sicher nicht viel bedeutete. Denn sie hatte ja nun ihre Kunst. Die große, himmlische Kunst. Die mußte ihr alles sein. Nur die herzliche Dankbarkeit gegen Schwarz blieb lebendig: er hatte den Bann gebrochen, er hatte den Weg geöffnet und gebahnt; ohne ihn wäre sie wohl ewig in der Enge geblieben. Und als er ihr in Rackow zum Abschied die Hand gereicht, sie noch einmal mit glänzenden Augen angesehen, da hatte sie standgehalten, den Druck seiner Hand ehrlich erwidert, hatte für sein „Auf Wiedersehen!“ ein herzliches „Ich danke Ihnen! Ich danke Ihnen so sehr!“ gehabt.
Ihr junges Herz strömte überhaupt über vor Dankbarkeit. Wie gut und lieb nun alle zu ihr waren. Wieviel Opfer für sie gebracht wurden!
Die Tränen flossen beim Abschied. Aber die Augen blickten schon wieder hell über die Herbstlandschaft, ehe die Post noch die Stellberger Fichten erreicht hatte.
Sie saßen allein in der Beichaise, Wilhelm und sie. Dem Bruder schien es ähnlich zu gehen wie ihr. Auch er, der immer ein wenig leicht am Wasser baute, hatte beim Abschied Frau und Kinder mit feuchten Augen umarmt; als die Post über die Grenze von Rohlbeck rollte, beugte er sich weit hinaus, sah noch einmal zurück: „Mein liebes altes Rohlbeck!“ Dann saß er eine ganze Weile betrübt und bekümmert in seiner Ecke. Aber kurz vor Stellberg hatte er sich schon wieder aufgerichtet: „Nun, Kleinchen! So in Gedanken? Wart’ nur, was du für Augen machen wirst!“ Er hatte fröhlich gelacht dabei und fing an, von Berlin zu erzählen.
Merkwürdig schnell vergingen dabei die fünf Stunden Postfahrt. Es gab ja schon jetzt genug zu hören und zu sehen: bald kutschierte auf der Chaussee ein Bekannter vorüber und mußte mit Hallo begrüßt werden; bald hielt man zum Pferdewechsel auf einer Poststation, stieg aus, wanderte ein paar Schritte auf und ab, sie immer zärtlich bei dem Bruder eingehakt, trank in Stellberg Kaffee, aß in Reppen Mittagbrot. Spaßhaft, wie Bruder Wilhelm überall bekannt war. Auf jeder Station kamen Leute zu ihm: „Nun, Herr Baron, wieder einmal nach Berlin?“ — „Wie gehen die Geschäfte?“ — „Geht’s voran mit unserer Eisenbahn?“ Und er schüttelte die Hände, gab Auskunft, lachte, lud den zu einem Schnäpschen und jenen zu einem Schoppen Bordeaux ein.
Dann war mit einem Male die Oderbrücke da. Mächtig rauschte der Strom, und drüben breitete sich im Herbstsonnenlicht das Städtebild, Mauer an Mauer, Dach an Dach, turmüberragt.
Frankfurt kannte Helene. Ein paar Male schon war sie hier gewesen, mit Vater oder Martha, um Einkäufe zu besorgen. Ihr war’s die Großstadt. Das Auerbachsche Kleiderstoffgeschäft erschien ihr mit seinen mächtigen Schaufenstern als ein Riesenhaus, und die Rasenacksche Konditorei hatte schon in ihren Kindheitsträumen neben Tante Hufnagel eine Rolle gespielt.
„Kleinchen,“ meinte der Bruder, „wir haben über zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, und ich habe Geschäfte zu erledigen. Du kennst dich ja hier aus in dem Nest.“ Nest sagte er. „Kannst mich in ’ner Stunde in der Weinstube von Lienau abholen.“
Ihr war’s ganz recht so. Auch körperlich eine Wohltat, sich die Füße zu vertreten nach der langen Fahrt. Und so frank und frei durch die Straße zu bummeln, hier stehenzubleiben und dort, in ein Schaufenster hineinzugucken, dies zu bewundern und das anzustaunen. Wirklich: sie kam sogar bei Rasenack nicht vorbei. Eine Tasse Schokolade mit Schlagsahne wenigstens konnte sie sich leisten. Sie war ja so reich: von allen Seiten hatte man ihr noch etwas in das kleine Portemonnaie hineingesteckt, immer der eine, ohne daß der andere etwas davon wissen sollte; und am letzten Tage war gar Tante Marie in Rohlbeck gewesen, hatte sie zur Seite genommen und ihr etwas Raschelndes in die Hand gedrückt. „Da, Mignonne!“ Ein Zehntalerschein war’s, als sie ihn nachher besah. Zehn Taler — ein Vermögen!
Knapp zur rechten Zeit kam man auf den Bahnhof. Der Breslauer Zug stand schon bereit, und Wilhelm Hackentin konnte gerade noch seine Schwester und sich in ein ziemlich überfülltes Coupé bringen. Helene war atemlos vom schnellen Gehen, aber auch von der Aufregung, zum ersten Male mit der Eisenbahn zu fahren. Sie hatte ein wenig die klare Besinnung verloren, der Bruder mußte sie dirigieren und schieben. Es läutete schon, als sie endlich saß — und da sah sie noch, wie Merivaux, der Gardeschütze, auf dem Perron entlanghastete. Im ersten Augenblicksempfinden wollte sie ihm zurufen: „Hier ist noch ein Platz!“ Wollte winken — doch dann ließ sie die Hand gleich sinken und lehnte sich schweratmend zurück. Sie dachte: ‚Der ist böse auf dich. Schade. Nicht ein gutes Wort hatte er in Rackow mehr für dich. Weshalb nur? Du hast ihm doch nichts getan.‘
Da pfiff die Lokomotive, zog an, keuchend. Eine dichte Rauch- und Dampfwolke fauchte an dem Fenster vorüber, ein starker Stoß kam, ein rasselnder Ruck und noch einer. Helene griff erschrocken nach der Hand des Bruders: war ein Unglück geschehen? Doch der lächelte, hatte schon sein Zigarrenetui aus der Tasche gezogen. Und dann begann ein Gleiten, gleichmäßig, wie in immer neu atemholendem Rhythmus; draußen flogen die letzten Häuser vorüber, und die ersten Bäume tauchten auf, verschwanden wieder; da war noch ein Fabrikschornstein in der Ferne, kam näher, näher, jetzt stand er fast vor dem Fenster — nun lag er schon weit zurück; eine Schar Krähen flatterte auf und zerstob; auf der Straße drüben trabte ein Pferd wie im Versuch des Wettlaufs, wurde im Nu überholt, wurde kleiner und immer kleiner, war nur noch ein schwarzer Punkt und nun nicht mehr zu sehen.
Weit vornübergebeugt saß Helene und spähte auf die ewig wechselnden Bilder, auf ihr Kommen und Gehen, ihr Auf- und Untertauchen, lauschte dem Klingen der Räder auf den Schienenstößen, fuhr zusammen, wenn der Pfiff der Lokomotive auftönte, wie ein greller Hilfeschrei, freute sich, sobald wieder eins der kleinen Bahnwärterhäuschen kam mit dem stramm stehenden Mann davor, der sein Fähnchen wie zum Salut in der Hand hielt, schrak auf, als gleich rasenden Gespensterwagen, donnernd und polternd, ein Zug auf dem Nebengeleise vorüberbrauste.
Ganz langsam nur beruhigten sich ihre Nerven, und es kam ein wundervolles Empfinden über sie wie in einem Traum: so also ging es aus der Enge in die Weite, in die große herrliche Welt da draußen. Eine Zaubergewalt trug sie hinaus, hinein in das Leben. Dort vorn fauchte, schnob der feurige Riese in ihrem Dienst, spannte seine Kräfte, daß sie gleich Hunderten von starken Rossen dahin jagten, nimmermüde, — der gewaltige Feuerriese, der sie hinaustrug, hinauf, weiter und weiter, höher und immer höher, hinaus in die Welt, hinauf zum Ruhm ...
Ein paar Male sah sie zu Bruder Wilhelm hinüber. Der saß in seiner Ecke, die Zigarre zwischen den Lippen, hatte sein Notizbuch vorgenommen; er mochte wohl wieder seine Geschäfte im Kopf haben. Da durfte sie nicht stören. Flüchtig glitt ihr Blick über die Mitreisenden. Wie gleichgültig die alle gegen das große Wunder waren! Der dicke Mann dort schlief; eine Dame drüben kramte gerade aus ihrer Reisetasche ein paar Butterbrote heraus, eine andere, jüngere, las in einem abgegriffenen Bande, schien schon bei den letzten Seiten zu sein, hatte einen zweiten Band bereits auf dem Schoß. Mit ihren scharfen Augen konnte Helene den Titel lesen. „Gutzkow, Der Zauberer von Rom“ stand darauf. Und dann saß neben ihr ein junger Mann, der auf einer großen Karte, die er auf den Knien ausgebreitet hielt, herumstudierte; deutlich konnte sie erkennen, daß sein Zeigefinger schwarzen, starken Linien folgte: Berlin-Köln-Paris. Also nach Paris reiste er. Wundersam, wie diese Eisenbahn die Länder aneinanderzurücken schien. Und wie schnell das ging. Helene fiel ein, daß Mutter gelegentlich erzählt hatte, wie sie mit ihren Eltern im eigenen Wagen nach Karlsbad gefahren sei; damals, als Goethe dort zur Kur war. Vier Tage hatte die Reise gewährt. Jetzt brauchte man vielleicht einen Tag ...
Plötzlich wurde ein unwiderstehliches Mitteilungsgefühl in ihr lebendig. Sie legte ihre Hand auf des Bruders Arm. „Wir fliegen ja —“ sagte sie fast beklommen.
Wilhelm ließ sein Notizbuch sinken und lachte: „Fliegen, Lene? Mit dem elenden Bummelzug? Ach nein. Soweit sind wir in unserem guten Preußen noch nicht. Aber in England —“ und er fing an, ihr vom englischen Eisenbahnwesen zu erzählen, von dem großen Jagdzug, der seit Jahresfrist dort Süd und Nord, London und Edinburg verband. Er erzählte von den Schnellzügen zwischen Paris und Marseille, sprach von Nordamerika. Überall schien er Bescheid zu wissen, und seine blauen Augen leuchteten dabei. „Ja, mein Kleinchen, wir leben in einer großen Zeit. Wir stehen aber erst im Anfang der Entwicklung. Wir sind vielleicht nur die Pioniere, die das Feld vorbereiten, die Saat aussäen, die unsere Kinder und Kindeskinder ernten sollen ...“
Er sprach lange und sprach gut. Alles verstand sie freilich nicht. Aber ihr Respekt vor dem Bruder wuchs. Nur daß sie dabei über ein leises Verwundern nicht hinauskam: zu Hause, in Rohlbeck, hatte Wilhelm oft fast etwas Gedrücktes. Es war, als fiele das mehr und mehr ab von ihm, je weiter er sich von der Heimat entfernte. Als atmete er freier, als wüchsen ihm die Gedanken. Aber schien sich nicht auch vor ihr die Welt zu weiten?
Die Dämmerung sank herab. Der Abend kam.
Als der Zug sich Berlin näherte, war es dunkel. Aus der Dunkelheit leuchteten, wie in einem neuen Wunder, blinkende Lichter auf. Vereinzelt erst, mehr und mehr dann; ganze Reihen schließlich. Als hätte die große Stadt sich Helene Hackentin zu Ehren in ein Lichtermeer getaucht. Überall flammte und glühte es. Aus den Fenstern, die vorüberhuschten, von den Straßenfronten herauf, und bunt und farbig, weiß, rot, grün aus den Weichenlaternen der rechts und links endlos wachsenden Schienengeleise. Bis der Zug in den Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof einrollte.
Beängstigend dies Leben und Treiben, und doch wieder so wundervoll, so eigen berauschend. Die Scharen von Reisenden, die der Zug entlud, die hastend und drängend dem Ausgang zustrebten; die Gepäckträger, die sich durch die Menge schoben, die Karren mit Koffern und Ballen; ein Rufen, Schreien, Schwatzen, Fragen, Auskunftgeben, Willkommenheißen, Abschiednehmen ohne Ende. Dann auf einen Augenblick noch einen Gruß von Merivaux, im Vorüberschieben nur. Ein flüchtiges Wort zwischen Wilhelm und ihm: „Sind Sie mit demselben Zuge gekommen?“ — „Schade ... wir hätten zusammen fahren können.“ Schade — auch Helene dachte wieder flüchtig: ‚Schade —‘
„Schnell, Kleinchen — sonst bekommen wir keine Droschke!“
Und nun die Fahrt durch Berlin. Nahm denn das gar kein Ende? „Sind wir noch nicht bald da, Wilhelm?“
„Geduld, Lene. In Berlin muß man Geduld lernen.“
Immer neue Straßen, breite und enge, immer neue Häusermassen. Immer mächtiger und höher, immer heller beleuchtet, immer reicher die Schaufenster, immer stärker der Verkehr.
„Das ist der Dönhofsplatz, Lene. Sieh mal, das ist das Abgeordnetenhaus — da zerbrechen sich die angeblich Weisesten die Köpfe um das Wohl und Wehe des Landes. So — und nun kommt unsere gute ‚Stadt London‘.“
Der Oberkellner, ein pikfeiner Herr im Frack und weißer Weste, stand am Eingang und dienerte: „Die Zimmer sind bereit, Herr Baron. Nr. 34 für das gnädigste Fräulein.“ Die teppichbelegte Treppe ging’s hinauf, eins, zwei Stockwerke hoch, daß einem der Atem fast versagte. „Hier, Lene — vorläufig nimm vorlieb“, sagte Bruder Wilhelm. „Dein Koffer kommt sofort. Mach’ dich recht schnell ein bissel zurecht, wir essen nachher unten.“
Groß war das Zimmer Nr. 34 nicht, und schön war es auch nicht mit seiner schäbigen Hoteleleganz, dem schmalen Bett, dem kleinen Waschtisch und der Plüschgarnitur, an der die Quasten abgerissen waren. Aber Helene sah das alles nicht. Sie hatte nur einen Wunsch; ein paar Minuten ganz still und ruhig zu sitzen, dort auf dem Bettrand sich ein wenig sammeln zu dürfen, recht zum Bewußtsein zu kommen: du bist nun also wirklich in Berlin. Es war ja alles wie ein Traum.
Lange freilich ließ ihr Wilhelm nicht Zeit. Nach knapp einer Viertelstunde schon pochte er: „Bist du fertig?“ Gerade daß sie noch den Reisestaub abschütteln konnte, das Haar ein wenig glattstreichen. Als sie heraustrat auf den schmalen Korridor, der ihr endlos erschien, wie eine ganze Straße, musterte der Bruder sie. „Na, es mag angehen für heut abend“, sagte er ein wenig von oben herab, aber mit seinem sonnigsten Lächeln.
Dann saßen sie unten im Speisesaal, im strahlenden Licht der großen Gaskronen. Es war ja doch wohl Gaslicht, von dem sie schon so viel gehört hatte? Dies seltsam helle, eigen flackernde Licht, das von der Decke herableuchtete und aus vielarmigen Leuchtern an den weißen Wänden.
Wilhelm bestellte eine Flasche Champagner und suchte ihr in der riesengroßen Speisekarte ein paar Gerichte aus. Aber sie konnte kaum essen. Es war zu überwältigend — das alles. Der große Saal, in Licht getaucht, die vielen Menschen an den Tischen, das Schwatzen und Lachen der Gäste, die hin und her gleitenden Kellner.
„Prosit, Kleinchen. Was machst du denn für Augen? Fast, als ob du ins Paradies schautest. Ach Kind, gewöhn’ dir das ab. Es ist nicht gut, wenn man sich verwundert zeigt, und mit dem Wasser wird schließlich auch in Berlin gekocht. Da ... trink nur ...“
Und sie trank. Wie Feuer strömte es durch die Adern, stark und süß.
„Ach ... Wilhelm ... lieber Wilhelm ...“
„Ja doch, du kleines Provinzschäfchen. Es ist schon anders wie in Rohlbeck. Was? Aber ob’s immer besser ist? Na, darüber wollen wir uns heut den Kopf nicht zerbrechen. Freuen wir uns der Stunde.“ Er nahm von der Fruchtschale ein paar Rosinen, warf sie in ihren Spitzkelch. „Siehst du, wie das perlt und perlt, wie der Schaum gleich wieder aufsteigt. So ist Berlin. Hier perlt das Leben immer aufs neue hoch, schäumt und schäumt. Trink aus, Lene, trink aus, ehe der Schaum verfliegt.“
Es war wohl spät, als sie die Treppen wieder hinaufstiegen, eins, zwei hohe, steile Treppen. „Wir wohnen dem Himmel nahe, Lene“, scherzte der Bruder. „Schlaf wohl und träume etwas Schönes. Man sagt ja: was man in der ersten Nacht in einem fremden Hause träumt, geht unweigerlich in Erfüllung.“
Die Augen wollten ihr zufallen vor Ermüdung. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Lange, lange nicht. Von der Straße herauf drang es wie ein unaufhörliches Tosen. Wagenrollen auf hartem Pflaster, Hunderte von Menschenstimmen, ebbend jetzt, wieder anschwellend dann.
Aus all dem Hasten dort unten stieg ihr ein Bild der großen Stadt empor, unklar und verworren, wie ein Kind es sich in Gedanken formt und aufbaut. Ein Labyrinth war’s schließlich mit tausend Wegen, die von himmelhohen Wänden eng umschlossen wurden, und sie lief und lief in ihnen umher, ohne ihr Ziel zu finden, immer schneller und immer hastender, stieß mit den Händen überall auf die kalten, öden, eisenharten Steinmauern, wußte nicht ein noch aus ...
Da kam einer, hatte eine hohe Pelzmütze auf, an der ein glitzernder Edelstein funkelte, nahm sie an der Hand, wollte sie führen. „Wir finden schon den Ausweg, Helene Hackentin“, sagte er mit seiner einschmeichelnden Stimme. „Ganz gewiß, wir finden ihn.“ Aber sie hasteten beide weiter und weiter, und immer wieder trafen sie aufs neue himmelhohe, kalte, öde Steinwände, aus denen es keinen Ausweg gab.
Dann war sie, mit einem Male, in der kleinen Kirche von Rohlbeck. Die Orgel klang dünn, wie immer. Der alte Heckstein verließ eben die Kanzel; sie saß im Herrschaftsgestühl, links die Mama und rechts der Vater; auch Martha war da, mit ihrem lieben, glatten, ruhigen Gesicht, das ein wenig traurig aussah. Wilhelm war ja wieder in Berlin. „Das heißt,“ sagte Vater, „Heckstein hat heut schön gepredigt.“ „Nein, Papachen,“ gab Mama zurück, „er hat wieder einmal einen alten Bock geschlachtet.“ „Wenn schon,“ meinte der Vater darauf, „die Hauptsache ist, daß wir unser Kind wiederhaben.“ Und da setzte Kantor Flehr mit dem Schlußgesang ein.
‚Natürlich, du träumst das alles —‘ sagte sich Helene dabei. ‚Träumst es und bist doch eigentlich ganz wach. Hörst ja den Lärm von der Straße und das Laufen auf der Treppe und das Zuschlagen der Türen. Merkwürdig ist das. Aber es ist so schön, dies Träumen. Gerade das letzte, das von Rohlbeck. Und eigentlich hast du heut, den ganzen Tag, noch nicht einmal an Rohlbeck gedacht. An unser liebes altes Rohlbeck — und an Vater und Mutter ...‘
Da faltete sie die Hände. Sie wollte wohl eines ihrer alten Kindergebete vor sich hersagen. Aber sie kam nicht dazu. Mit einem müden, frohen Lächeln schlief sie ein.