Fünftes Kapitel

Am nächsten Morgen brachte Wilhelm ein kleines Billett mit an den Frühstückstisch, hielt es der Schwester hin, daß sie gerade nur die Handschrift auf der Adreßseite sehen konnte, und fragte scherzend: „Rate! Von wem?“

Helene hatte prächtig geschlafen und war in rosigster Laune. „Vom Kaiser von Rußland!“ gab sie lachend zurück.

„Nicht ganz, aber beinahe. Von einem gewissen kaiserlich russischen Hofopernsänger wenigstens.“

Er wartete wohl, daß sie heftig zugreifen würde. Doch er irrte. Ihre Hand hob sich zwar, sank aber gleich wieder zurück, und sie machte sich eifrig an ihrem Milchbrot zu tun. Daß ihre Hand dabei ein wenig zitterte, bemerkte er nicht, fragte nur wieder: „Bist du denn gar nicht neugierig?“

„Du wirst mir ja schon sagen, was Herr Schwarz dir geschrieben hat.“

„Sehr richtig bemerkt, Lene. Also laß mal dein Brötchen ruhen ... ist übrigens famos, das Berliner Gebäck, nicht wahr? Anders als die Wassersemmeln, die die Semmelmuhme von Lagow im Tragkorb bringt?“

„Sehr fein ist’s. Also ...“

„Ja, also. Herr Schwarz scheint wirklich einer der liebenswürdigsten Tenore des neunzehnten Jahrhunderts. Er schreibt mir: ‚Sehr verehrter Herr von Hackentin! Gestern hatte ich Gelegenheit, Madame Harriers-Wippern zu sprechen. Sie ist erfreut über die Mitteilungen, die ich ihr machen konnte, und gern bereit, das gnädige Fräulein zu prüfen. Da ich nach unserer Verabredung annehme, daß Sie gestern angekommen sind, habe ich Sie gleich für heut mittag 12½ Uhr angesagt. Meine gehorsamsten Empfehlungen an Fräulein Schwester und die Bitte, daß das gnädige Fräulein sich nicht wegen des Probesingens Sorge macht. Das könnte nur schaden und ist auch total unnötig: ich weiß, was ich gesagt habe, und übernehme jede Garantie. Hochachtungsvollst‘ und so weiter und so weiter ...“

Wilhelm faltete den Brief wieder zusammen: „Hoffentlich bist du gut disponiert, Helene ...“

Er bekam nicht gleich Antwort. Aber diesmal konnte Helene ihre Erregung nicht verbergen. Das Blut strömte ihr ins Gesicht, kam und ging. Das Messerchen, das sie noch in der Hand hielt, klirrte gegen den Teller.

„Aber Helene!“ Er schüttelte den Kopf. „Bist doch sonst solch tapferes Mädel. Du wirst doch singen?“

Sie fand noch immer kein Wort. Es wirbelte in ihrem Kopf. Sie wollte lachen und sagen: ‚Natürlich werd ich singen. Gut werd ich singen. Was denkst du denn eigentlich?!‘, aber ihr war es, als könnte sie nicht einen Ton herausbringen.

Dann streckte sie endlich, immer noch schweigend, die Hand hin. Er gab ihr den Brief. Sie überlas einmal, zweimal die etwas flüchtigen Zeilen. Mechanisch zuerst, wie um Zeit zu gewinnen. Dann aufmerksamer, Wort für Wort. Dabei wurde sie ruhiger. Sie rückte gleichsam von der Probe auf ihr Können ab. Aber zugleich kam eine andere Überlegung: ‚Daß Herr Schwarz so großes Interesse an dir nimmt!‘ Es hatte etwas Peinliches für sie, es hatte zugleich etwas Wohltuendes. Es verdroß sie, setzte sie in Verlegenheit — und doch freute sie sich darüber. Und daß es sie freute, verdroß sie wieder. Dabei fühlte sie aufs neue das seltsame Prickeln in ihren Adern, das sie neulich abends in Rackow empfunden hatte, als er sich über sie beugte und ihr leise zuflüsterte mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme: „Sie wissen doch, daß ich nur für Sie gesungen habe!“ Sie dachte: ‚Heut also wirst du ihn wiedersehn‘, und indem sie das dachte, sah sie im Geiste schon sein schmales feines Gesicht vor sich und seine Augen auf sich gerichtet.

Wilhelm wurde ungeduldig. So raffte sie sich auf, mit einem jähen Entschluß: „Ich möchte aber nicht, daß Herr Schwarz bei Frau Harriers-Wippern ist, wenn ich singen soll —“

„Ja ... gib mir doch noch mal den Brief. Er schreibt ja gar nichts davon ...“

„Er ... er wird doch dabei sein ...“

„Und wenn er’s ist, stört dich das?“

„Ja ... es stört mich.“

Der Bruder drehte den Brief in den Händen herum. „Nimm es mir nicht übel, Helene, das ist ein bissel kindisch“, sagte er ärgerlich. „Ist eigentlich auch undankbar. Ich kann dem Mann doch nicht schreiben: ‚meine Schwester wünscht Ihre Gegenwart nicht‘. Übrigens weiß ich nicht einmal seine Adresse.“

„Doch! Die steht ja auf dem Bogen. Hotel de Rome.“

„So. Richtig. Der Herr Hofopernsänger wohnt etwas vornehmer als wir. Ja ... aber was soll ich ihm denn schreiben?“

Sie zog die Stirn kraus, bis eine kleine schmale Trotzfalte zwischen den Brauen stand. „Schreib, was du willst. Ich ... wir dankten ihm ... er möchte sich aber nicht bemühen. Lieber Gott, solch ein kluger Mann, wie du bist, wird doch eine passende Ausrede finden. Ich bitte dich recht sehr, Wilhelm, schreibe gleich ... schicke einen Boten!“

Wilhelm Hackentin schüttelte den Kopf. „Es ist mir wirklich höchst fatal, Lene.“

„Ich bitte dich! Tu es mir zuliebe. Ich ... ich würde sonst nicht singen können. Glaub’ es mir.“

Er trank seinen Kaffee aus, ging dann hinüber nach dem Schreibtisch, der am Fenster stand. „Meinetwegen ...“ sagte er im Fortgehen.

Sie sah, wie er sich drüben den Stuhl zurechtrückte, sich setzte, zur Feder griff.

Ganz still saß sie, immer die Augen auf ihn gerichtet, immer noch mit der kleinen schmalen Trotzfalte zwischen den Augenbrauen. Sah auf den Bruder und sah doch über ihn hinweg.

Wilhelm schrieb hastig, setzte einmal ab, fuhr fort, überlas, was er geschrieben hatte. Nun stand er auf, kam zurück. „Hier, Helene ...“

Da griff sie nach dem Bogen in seiner Hand und sagte jäh: „Ich hab es mir überlegt. Wir wollen den Brief nicht abschicken.“

Er lachte laut auf. „Na, da hätten wir’s ja. Also eine Kaprice! Weiter nichts als Laune. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Das, scheint mir, trifft bei dir auch zu. Nun laß mich aber wenigstens in Ruhe eine zweite Tasse Kaffee trinken.“

**
*

Frau Harriers-Wippern wohnte in der Viktoriastraße.

Wilhelm hatte eine Droschke nehmen wollen, aber Helene bat, daß sie zu Fuß gehen dürfte. Ihr war es, als müßte und könnte sie sich einen Druck von der Seele fortlaufen, wie sie wohl in Rohlbeck weit hinaus, über die Felder nach dem Forst gelaufen war, wenn die Unruhe sie geschüttelt hatte.

So gingen sie. Manchmal sah Wilhelm die Schwester heimlich von der Seite an. Er wurde nicht recht klug aus ihr. Ihr Gesicht zeigte eigentlich keine besondere Spannung. Aber ihre Gangart war eigen hastig. Manchmal lief sie fast, um dann wieder plötzlich stehenzubleiben, mit irgendeiner Ausrede, mit einem Blick in ein Schaufenster. Aber er sah wohl, daß dieser Blick nur flüchtig über die Auslagen hinglitt, viel flüchtiger, als er’s von dem Provinzmädel erwartet hätte. Ihre Gedanken mußten ganz wo anders sein.

Einmal fragte er: „Hast wohl doch ein bissel Herzklopfen, Lene?“

Da schüttelte sie den Kopf.

Sie gingen durch die Leipziger Straße. Dann und wann machte er sie auf ein Gebäude, auf eine Sehenswürdigkeit aufmerksam. „Da hast du das Kriegsministerium.“ „Das ist das Denkmal vom Grafen Brandenburg ... weißt du, dem Sohn König Wilhelms des Zweiten und seiner morganatischen Gattin, der Gräfin Dönhoff“ — „Das sind die alten Torgebäude und dahinter steht die Stadtmauer, die um das ganze innere Berlin geht.“

Sie nickte dann, aber er fühlte, sie hörte kaum, was er sagte.

Am Tor mußten sie eine Weile warten. Auf der Verbindungsbahn kam durch die Hirschelstraße ein langer Güterzug angekrochen; die Maschine läutete, ein Beamter mit einer roten Fahne ging vor ihr her, um die Passanten abzuhalten. Er erklärte ihr das wieder: wie diese Bahn die einzelnen Bahnhöfe für den Güterverkehr miteinander in Verbindung setze, so daß also ein Frachtstück, das etwa von Stettin käme und nach Breslau bestimmt wäre, nicht umgeladen zu werden brauchte. „So?“ sagte sie und weiter nichts.

„Dort drüben — der Potsdamer Bahnhof war der erste in Berlin. Die Bahn nach Potsdam war nämlich überhaupt die erste in Preußen, ist schon vor mehr als zwanzig Jahren gebaut worden. Du, Lene, da passierte eine komische Affäre. Der alte Nagler, der damals an der Spitze der Post stand, wollte nämlich von der Eisenbahn nichts wissen. Und um zu beweisen, daß sie ganz unnötig wäre, ließ er säuberlich konstatieren, daß der ganze Verkehr zwischen Potsdam und Berlin täglich mit drei Voitüren bewältigt würde. Wozu also eine Eisenbahn? Übrigens sind die Herren mit den langen Zöpfen heut noch nicht ausgestorben.“

„So“, sagte sie wieder und weiter nichts.

Inzwischen war der Güterzug vorübergepoltert, die Menschenmasse, die sich aufgestaut hatte, wälzte sich über den Platz und zog die Geschwister mit. Durch die stille Bellevuestraße gingen sie. „Das ist der Tiergarten,“ meinte Wilhelm und zeigte auf die entlaubten Bäume. „Fünf Minuten weiter wohnt Tante Oschitz, der wir heut nachmittag unsere Visite machen werden.“

„So“, sagte sie zum dritten Male. Und da gab er es auf.

Und nun waren sie in der Viktoriastraße. Wilhelm suchte die Hausnummern ab. „Hier ist’s.“

Da sah er, zum ersten Male, daß aus dem Gesicht der Schwester jeder Blutstropfen gewichen war. Eigen glänzend standen die großen blauen Augen in dem weißen Antlitz. Nur die Lippen waren rot, rot wie Korallen. Und die Unterlippe hatte Helene ein klein wenig zwischen die Zähne gezogen.

„Du hast ja doch Angst —“

„Bewahre. Was denkst du dir denn.“

Sie gingen die teppichbelegte Treppe hinauf, schellten. Ein Diener öffnete. Wilhelm reichte ihm seine Karte. Er verschwand, kam gleich zurück: „Die gnädige Frau läßt bitten.“

Helene sah ihn nicht sofort, aber sie fühlte: er ist hier.

Sie sah zuerst nur die hohe schlanke Frau, die mit liebenswürdigem Lächeln auf sie zukam. Und sie sah auch, daß Frau Harriers-Wippern ein wenig stutzte, als sie dicht vor ihr stand, wie in einer leichten Überraschung. „Fräulein von Hackentin, ich freue mich, daß Sie sich mir anvertrauen wollen“, sagte sie. „Kollege Schwarz hat mir viel von Ihnen erzählt.“ Das Lächeln in dem jugendlichen Gesicht vertiefte sich ein wenig. „Aber er hat nicht übertrieben, wie ich soeben bemerke.“

Da trat er auch schon hinter den großen Blattgewächsen, die den einen Teil des Salons abgrenzten, hervor: „Sie sind sehr indiskret, gnädige Frau“, scherzte er. „Ich gestehe aber, daß ich ein schlechter Schilderer war.“

Einen Augenblick hielt er Helenens Hand in der seinen. Auf einen Moment kreuzten sich ihre Augen. Ihre Hand war eiskalt, aber ihr Blick hielt dem seinen stand. Vielleicht sogar mit einem etwas feindseligen Ausdruck. Schwarz senkte das Auge zuerst, fast wie in leichter Verlegenheit. Er wandte sich schnell zu Wilhelm Hackentin, ihn zu begrüßen. Und da sagte Frau Harriers-Wippern auch schon, auf die Tür des Nebenzimmers deutend: „Jetzt, bitte, lassen die Herren uns allein.“

Die Probe verlief ganz anders, als Helene erwartet hatte.

Es war, als hätte die große Sängerin und Sangesmeisterin ihr die mühsam errungene Ruhe von den Augen abgelesen. Sie ließ ihr Zeit, bat zunächst, abzulegen, begann zu plaudern. Vom Alltäglichen, von der kleinen Reise, von den ersten Eindrücken in Berlin. Anfangs sprach sie fast allein. Dann, allmählich, brachte sie Helene zum Sprechen, lauschte, fragte nach dem bisherigen Unterricht. „Ein alter Kantor vom Lande. Sieh da! Das sind noch nicht die schlechtesten, und ich freue mich immer aufs neue, welche Liebe zur Musik in diesen Leuten steckt, von der leidigsten Schulmeisterei nicht zu töten.“ Fragte weiter, was Helene gesungen habe. Sprach dazwischen wieder von eigenem Erleben.

Langsam wich die Starrheit aus dem Gesicht des jungen Mädchens, das Blut strömte in die Wangen zurück. Der eine Gedanke, der den ganzen Morgen auf ihr gelastet, wurde von dem Zwang, zuhören, antworten, Auskunft geben zu müssen, verdrängt; von dem Interesse an der schönen liebenswürdigen Dame, von der Verwunderung: „Wird sie dich denn noch nicht zum Singen auffordern?“ Ihr Denken konzentrierte sich wieder mehr und mehr auf das Kommende. Es war auch dabei ein leises Sorgegefühl: ‚Wie wirst du bestehen?‘ Aber es lag nichts Drückendes, nichts Beengendes darin.

Soeben hatte die Sängerin noch von ihrer Jugend geplaudert, daß sie im Kloster erzogen worden sei. Nun stand sie plötzlich am Flügel, schlug ein paar Akkorde an: „Bitte, Fräulein von Hackentin, eine Skala ...“

Es war so überraschend, daß Helene gar nicht recht zur Besinnung kam. Aber indem sie sang, schmolz auch der letzte Rest des Angstempfindens. „Brav!“ hörte sie nur. „Und nun noch einmal. Ordentlich heraus aus dem Kehlchen ...“

„So. Und nun singen Sie mir mal etwas ganz Einfaches. Ganz ohne Begleitung. Vielleicht irgendein Volksliedchen. Ganz wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, mit Verlaub zu sagen. Soll ich helfen? Wie wär’s mit ‚Ein getreues Herze wissen, hat des höchsten Schatzes Preis ...‘ Das kennen Sie doch — nicht wahr? Also nun los ...“

So sang sie.

Frau Wippern nickte ihr zu, als die erste Strophe verklungen war. Sang dann die zweite, recht, als ob sie selber die größte Freude daran hätte, ließ Helene die dritte singen: saß am Flügel nieder, blätterte in einem Notenheft. „Wie ist’s? Nehmen wir etwas aus unseres guten Papa Webers „Freischütz“: ‚Kommt ein schlanker Bursch gegangen ...‘“

„Brav! Brav!“ hieß es dann wieder. „Nun noch einmal ein paar Tonleitern. Geben Sie her, was Sie haben. Denken Sie, Sie stünden auf Bergeshöhe, ganz allein, und schmetterten die Töne in die freie weite Luft, mit den Lerchen um die Wette.“

Und nun stand Frau Wippern wieder neben Helene. „Öffnen Sie, bitte, einmal den Mund, Sie kleine Lerche. Recht weit, bitte, daß ich ordentlich hineinsehen kann. Ohne Sorge: ich bin ja kein Dentist, und Ihre Beißerchen können sich außerdem sehen lassen. So ... nun mal tief Atem holen ... langsam ausstoßen. Sehr schön.“ Sie klopfte ihr zärtlich auf die Wange. „Sie sind ein mutiges Menschenkind! Seine helle Freude hat man daran.“ Sie lachte. „Wenn Sie wüßten, mit welchen Angstmeierkindern ich manchmal zu tun habe!“ Dann wurde sie wieder ernst. „Aber nun lassen Sie sich sagen, was ich nach solch einer kurzen Probe sagen kann, sagen darf. Das Material ist einfach wundervoll, und Gott und Ihrem alten Kantor sei’s gedankt, den ich dafür im Geiste umarmen möchte: es ist unverbildet. Gesund ist’s, kerngesund! Eine Wonne für jeden Lehrer. Was daraus zu machen ist? Ich könnte wohl sagen: Großes ... das Größte! Aber, liebes Fräulein von Hackentin, prophezeien ist ein mißlich Ding. Das hat mir seinerzeit meine unvergeßliche Lehrerin, meine teure Franziska Cornes, auch vorgehalten, als ich so vor ihr stand, wie Sie heut vor mir. Eine Menschenstimme ist kein mechanisches Instrument. Sie ist hundert Zufälligkeiten, ist den mannigfachsten Anfechtungen unterworfen. Und der Lehrer allein tut’s auch nicht. Der Schüler muß die rechte Liebe haben, unermüdliche Geduld, einen nimmermüden Fleiß. Er darf nie vergessen, welch kostbares Gut ihm verliehen wurde, muß dies Gut pflegen und hegen wie ein Heiligtum —“

Sie schwieg und sah Helene in das schöne Gesicht, aus dem die Erregung der Stunde leuchtete.

„Nun, Fräulein von Hackentin, wie ist’s? Wollen wir’s daraufhin wagen?“

Da schlug Helene in die dargebotene Hand ein und beugte sich zugleich im unwillkürlichen Impuls, diese Hand zu küssen. Aber Frau Wippern zog sie schnell fort: „Da haben wir’s.“ Sie lachte schon wieder ihr berühmtes silberhelles Lachen. „Als ob ich eine alte Dame wäre mit meinen sechsundzwanzig Jahren. Bloß, weil ich Lehrerin bin und so ernste Worte sprechen kann. Nicht wahr? Und jetzt können wir ja auch die Herren der Schöpfung erlösen.“

Wilhelm war stark befangen, aber Schwarz kam gleich auf die Damen zu: „Nun, hab ich zuviel gesagt? Ich sehe es Ihnen beiden ja an: es war vortrefflich. Meinen Glückwunsch der Lehrerin und der Schülerin!“ —

Dann gingen sie zu dritt die Viktoriastraße hinauf, durch die Lennéstraße dem Brandenburger Tor zu. Helene in der Mitte, Schwarz ihr zur Rechten, der Bruder links.

In Helenens Seele zitterte das Erleben nach. Sie war über die Prüfung hinweggekommen, sie wußte selbst nicht wie. Nun klang es in ihr gleich Musik. Seltsam weich war sie gestimmt. Wie in einem leisen leichten wonnigen Rausch schritt sie dahin. Die Erde schien unter ihr zu federn. Aller Welt hätte sie ein Liebes tun mögen. Da war der Bruder, der gute Wilhelm! Ja ... und der andere, der war doch ein guter Kamerad. Wie dumm sie heut morgen gewesen war. Und so unfreundlich. Allerlei törichte Gedanken hatte sie in sich herumgewälzt.

„Du, Lene, dort drüben wohnt Strousberg.“

Am Morgen hatte sie über Wilhelms Worte hinweggehört, jetzt merkte sie auf. Vielleicht nur, um ihm eine kleine Freude damit zu erweisen.

„Strousberg — wer ist das?“

„Aber besinn dich doch. Ich hab ja so viel von ihm erzählt. Bethel Henry Strousberg, gestern noch ein unbekannter Journalist, heut ein Faiseur, der seine geschickten Finger in allen möglichen Eisenbahnunternehmungen hat. Er wird noch viel von sich reden machen. Denk’ an mich.“

„Werd ich! Werd ich!“

Und sie gingen weiter am Saume des Tiergartens entlang, durch die Schulgartenstraße, die altersgraue Stadtmauer zur Rechten. Schwarz hatte nur wenige Worte gesprochen seit seinen letzten im Musikzimmer. Und nun wunderte sie sich darüber, und sie wartete auf das, was er sagen würde. Er mußte, mußte ihr doch noch etwas sagen! Es war unmöglich, daß sie so weitergingen und sich dann trennten und ... und wer weiß, wann einmal wiedersahen ... niemals vielleicht ...

Oder wartete er darauf, daß sie ihm danken würde? Vielleicht hätte sie’s gemußt. Aber da war etwas in ihr, das ihr die Zunge band. Das Danken mochte Wilhelm besorgen.

Der hatte noch eine Weile von Strousberg weiter gesprochen, dem großen Finanzgenie, der scheinbar aus Papier Gold zu machen verstand. Doch nun fragte er, an der Schwester vorbei: „Wir wurden vorhin unterbrochen, Herr Schwarz. Was also haben Sie für den Winter vor?“

„Ja, so, Herr von Hackentin — es schweben noch verschiedene Engagementsanträge. Eigentlich sollte ich wieder an die Newa. Aber das Klima bekommt mir auf die Dauer nicht. Dann hieß es Wien. Ließe ich mir schon eher gefallen. Die goldige Kaiserstadt an der Donau, wo der Spieß mit dem Backhändl dran sich allezeit dreht. Eine wirkliche Musikstadt zugleich. Freilich, am liebsten möchte ich mich für eine Saison gar nicht binden. Nur gastieren — mit einem pied-à-terre hier. Berlin hat es mir nun einmal angetan — neuerdings —“

Wie er das letzte sagte, fühlte sie, daß sein Auge das ihre suchte. Und mit einem Male überkam sie wieder die Angst, die sie heute früh geschüttelt hatte. Glühend heiß und eiseskalt. Es war nicht mehr der gute Kamerad, der da neben ihr herschritt, dem man dankbar sein mußte: Es war das Schicksal.

Starr sah sie geradeaus.

„Wien ... ja ... eine herrliche Stadt“, hörte sie Wilhelm neben sich. „Ein bissel Phäakenstadt. Aber das reiche wunderbare Hinterland, Ungarn, der ganze Orient — da ist noch eine Zukunft. Da ist viel Geld zu verdienen. Und Sie würden doch lieber hierbleiben? Ist kein Platz für Sie an unserer Oper?“

„Kaum, höchstens als Gast. Hier schwört man zu dem schönen Woworski —“ er zog ein wenig die Achseln hoch — „dann soll ja auch Albert Niemann herkommen. Und schließlich: Exzellenz von Hülsen ist mir persönlich nicht allzu sympathisch. Er sieht mir sein Theaterreich zu sehr wie eine Kompagnie Soldaten an. Aber ich bleibe doch wohl in Berlin. Ich kann mich, ich will mich jetzt hier nicht loslösen ...“

Wieder fühlte sie seinen Blick. Und wieder sah sie starr geradeaus.

Da rief Wilhelm: „Lene, das Brandenburger Tor! Siehst du die Quadriga? Weißt du: Vater erzählt so gern davon, wie sie Napoleon geraubt hat und wie wir sie uns wiedergeholt haben! Anno achtzehnhundertvierzehn. Du ... hör’ mal ... du hast Glück heute ...“

Von jenseits des Tores klang Trommelwirbel, von dem Wachthause her. Und dann rollte aus der mittelsten Toröffnung ein schlichter, zweispänniger offener Wagen. Ein Greis saß darin, mit weißem Bart, ausrasiert am Kinn. Gerade aufgerichtet saß er in seiner schmucklosen Uniform, dem geschlossenen Paletot, der hohen Mütze.

„Der König —“

Ganz dicht fuhr der Wagen an ihnen vorüber. Helene verneigte sich tief. Es durchschauerte sie: gar nicht tief genug konnte sie sich neigen vor des Königs Majestät. So war es ihr von klein auf gesagt und gelehrt worden.

Ein paar Leute standen rechts, standen links. Nur wenige grüßten.

Und dabei hatte der königliche Greis so huldreich an den Mützenschirm gefaßt; fast war es, als ob sein gutes klares Auge auf einen Moment auf der kleinen Gruppe geweilt hätte, als ob über das ernste Antlitz der Schein eines gütigen Lächelns geglitten wäre.

„Warum grüßen denn die Leute nicht, Wilhelm?“ Jetzt endlich fand Helene die Sprache wieder, und in ihr klang ein Ton der Empörung. „Muß man den König denn nicht grüßen?“

„Du Kind! Ja, man müßte. Aber man muß nicht. Dem Prinz-Regenten haben sie noch zugejubelt. Jetzt ist das anders. Seit ein paar Monaten besonders. Die Regierung ist unbeliebt, und der Berliner hält sich für verpflichtet, das auch dem König zu markieren. Manchmal denk ich: gut, daß Vater still in Rohlbeck sitzt. Der würde seinen Zorn nicht bändigen können.“

Sie waren durch das Tor geschritten. Die Wache war unter Gewehr. Es mußte soeben abgelöst worden sein. Die Gardeschützen waren aufgezogen. Über die grünen Röcke und die goldenen Knöpfe blitzte die Sonne. Und da — am Flügel seiner Mannschaft stand Merivaux, den Degen noch in der Hand.

„Bon jour, monsieur de Merivaux“ rief Wilhelm über das Gitter.

Der junge Offizier blickte überrascht auf, senkte den Degen zum Gruß. „Weggetreten“, kommandierte er mit heller Stimme. Die Büchsen klirrten gegen die Gewehrständer, es gab auf einen Moment ein Rasseln und Rauschen. Dann, so schien es, wollte der Neuchateller an das Gitter treten. Aber als ob er sich im letzten Augenblick besönne, grüßte er nur noch einmal und wandte sich nach der Säulenhalle, wo der Kamerad, den er abgelöst hatte, wartend stand.

„Monsieur de Merivaux makte ja ein serr brummiges Gesicht.“ Es klang etwas spöttisch, wie Schwarz das sagte. Es klang etwas komödienhaft mit der übertriebenen Nachahmung des Akzents. Und es sah spöttisch und herausfordernd zugleich aus, wie er dabei mit seinem dünnen Stöckchen gegen die Beinkleider klopfte.

Drüben stand eine einsame Droschke.

„Können wir nicht nach Hause fahren“, bat Helene plötzlich. „Ich bin so müde, Wilhelm.“

**
*

Nun war Helene Hackentin bei der Tante Oschitz untergebracht. „Auf ein paar Wochen,“ hatte Vater geschrieben, „das heißt, wenn wir’s so lange ohne dich aushalten.“ „Ich behalte dich auch ein paar Monate,“ hatte Tante Marianne gesagt, „das heißt, wenn du keine Späne machst.“

Frau von Oschitz bewohnte dasselbe kleine Haus in der Tiergartenstraße, das der verstorbene Geheime Rat vor einem Vierteljahrhundert gekauft hatte. Rechts nach der Bendlerstraße zu war vor wenigen Jahren ein dreistöckiges Miethaus entstanden, links eine große Villa aufgeführt worden. Dazwischen stand das graue Häuslein, das noch aus der kurfürstlichen Zeit stammte und einst ein Lustschlößchen gewesen sein sollte; ein tiefer Vorgarten schied es von der Straße; dahinter dehnte sich ein noch größerer, wenig gepflegter Garten bis zum Landwehrgraben. „Meine Insel“ nannte Tante Oschitz ihren Besitz manchmal, und er war wirklich wie ein abgeschiedenes Stückchen Erde. Wenn Helene in der ungeheuerlich tiefen Fensternische stand, in der ein ganzer Schreibtisch Platz gefunden hatte, und in den Garten hinaussah, konnte sie denken, daß sie in Rohlbeck wäre. Der Lärm der Stadt drang nicht bis hierher, die weite, von hohen Bäumen umrahmte Rasenfläche glich einer Wiese, und sogar eine Stallung fehlte nicht. Die Pferde freilich hatte Tante Marianne bald nach dem Tode ihres Mannes abgeschafft. „Das Geld, das sie fressen, kann ich besser verwenden.“

Die kleine, zarte Dame sollte einst eine Schönheit gewesen sein. Heut sah man wenig davon. Das Gesicht war mit Fältchen übersät, vor der Zeit gealtert. So hieß sie in der Familie die alte Tante Oschitz und war doch noch gar nicht so sehr alt. Helene wußte das: Mutter, die immer gern den Jahren anderer nachrechnete, hatte oft genug davon erzählt: Marianne Hackentin war Hofdame bei der Prinzessin der Niederlande gewesen, hatte ungezählte Körbe ausgeteilt und erst mit dreißig und einigen Jahren, als sie „längst aus dem Schneider heraus war“, wie Mama das ausdrückte, den Geheimrat erhört — „Matthäi am letzten“. Der einzige Sohn aber, Harro, war siebzehn. Also hatte Tante Marianne etwa die Fünfzig erreicht. Helene kam sie vor wie eine Greisin. Und die kleine, schwächliche Frau wußte sich, bei aller Güte, auch den Respekt einer Greisin zu wahren. Selbst dann, wenn man manchmal gern über sie gelacht hätte.

Einst, erzählte man in der Familie, sollte Tante Oschitz sehr lebenslustig gewesen sein. Mit ihrer Verheiratung war eine Veränderung ihres Wesens eingetreten, über die sogar der Rackower, ihr Jugendfreund, noch heute den Kopf schüttelte; seit sie Witwe war, lebte sie fast ganz weltabgeschieden. Nur ihrem Harro und ihren guten Werken; allenfalls noch ihrer Porzellansammlung, obwohl sie jeden Groschen, den sie dafür ausgab, eigentlich als Sünde betrachtete. Sie war sehr fromm. Die Landeskirche genügte ihr nicht, und sie hatte sich einem kleinen Kreise ähnlich gerichteter Seelen angeschlossen, die der Pastor Müller um sich versammelte. Ein Geistlicher, der auch aus der Landeskirche ausgeschieden war. „Tränen-Müller“ hieß er unter den Ketzern Berlins, denn in seinen Konventikeln sollten die Tränlein fließen wie Bächlein auf den Wiesen.

Als Tante Oschitz zum letzten Male in Rohlbeck gewesen war, hatte sie ein gewaltiges Ringen mit dem alten Heckstein gehabt. Seitdem streckte der, sobald die Rede auf sie kam, immer abwehrend beide Hände aus: „Hackentin, verschone mich bloß mit der Oschitzen. Die ist mir über.“ Und dazu lachte der „dreimal gesottene Rationalist“, — so hatte sie ihn genannt, bis er nicht mehr konnte.

Übrigens mußte Helene dem „Tränen-Müller“ eigentlich dankbar sein. Das Zünglein, ob Tante Marianne sie auf längere Zeit aufnehmen wollte oder nicht, hatte anfangs ein wenig geschwankt, aber er hatte für sie entschieden. Der schöne Mann liebte die „Schönheit der Kreatur“, wie er es ausdrückte. Als der sich an einem der ersten Abende einfand, hatte Helene das Zimmer verlassen wollen, um nicht zu stören. Da war er auf sie zugekommen, hatte seine weißen, weichen Hände sanft auf ihre Schultern gelegt, sie auf den Stuhl niedergedrückt und mit seiner unendlich milden Stimme gesagt: „So bleiben Sie doch, liebes Kind. Ich sehe Sie so gern an.“ Und außerdem liebte er die Musik, sogar die weltliche. Von ihm zuerst hörte sie vom trefflichen Grell, dem Direktor der Singakademie, und vom Sternschen Gesangverein.

Es war sehr still auf der einsamen Insel. Tante Marianne liebte die tiefste Ruhe um sich her. Die Dienstboten schlichen auf Filzsohlen und flüsterten nur. Sogar Harro war auf diese Stille hin erzogen, er sprach im Hause immer vorsichtig und gedämpft. Und doch sprühte dem blonden Gymnasiasten das helle Leben, ja der Übermut aus den blauen, glänzenden Augen. Manchmal, wenn er mit Helene im hinteren Garten spazieren ging, rief er plötzlich laut: „Laß uns laufen! Um die Wette laufen! Bis uns der Atem ausgeht!“ Das taten sie dann. Sie rasten an den hohen Taxushecken entlang bis zum Landwehrgraben und wieder zurück, bis sie wirklich nicht mehr konnten und stehenbleiben mußten, mit roten Wangen und jagenden Pulsen. „Ah, war das schön! War das schön!“

‚Ein Prachtjunge, der Harro! Man muß ihn gern haben!‘ dachte Helene dann. ‚Wer weiß, ob ich’s ohne ihn so gut aushielte auf der einsamen Insel?‘

Denn Tante Oschitz hatte auch ihre „Mucken“. Sie tyrannisierte auf ihre milde Art das ganze Haus und alles, was darin war.

„Nimm dich in acht vor Tante Marianne!“ hatte Wilhelm bei der Übersiedlung gesagt. „Es hat manchem nicht gut getan, mit ihr Kirschen essen zu wollen.“

Dabei standen sich eigentlich gerade der Bruder und Tante Oschitz merkwürdig gut. Manchmal saß Wilhelm wohl eine Stunde und länger bei ihr allein. Manchmal hörte sie fast andächtig zu, wenn er von seinen Projekten sprach. Manchmal freilich strich sie ihm auch eine bittere Wahrheit fingerdick aufs Brot. Gleich in den ersten Tagen einmal. Da hatte er ihr im Auftrag von Vater von der Pension gesprochen, die der für Helene bezahlen wollte.

„Nein, mein lieber Wilhelm, Geld nehme ich nicht. Der Rittmeister hat’s nicht dazu, wird schon seine Mühe haben, das sündhaft schwere Geld für den Unterricht aufzubringen. In Rohlbeck konnte man ja nie rechnen, hat immer nur depensiert. So ist’s denn da immer weiter bergab gegangen.“ Sie sagte es, die Hände im Schoß gekreuzt, mit sanfter Stimme, die aber einen eigen bestimmten Klang hatte.

„Sparsam genug haben Vater und Mutter, weiß Gott, gelebt.“

„Laß doch den lieben Gott aus dem Spiel. Ja, sparsam haben sie gelebt, aber wirtschaften konnten sie nicht. Damit sind sie bei aufgepritschten Brotsuppen und Braunbier auf den Hund gekommen. Ich hab’s doch noch erlebt, als deine Mutter ihr letztes Väterliches ausgezahlt bekam. Dreißigtausend Taler waren es, und in zwei Goldtönnchen ist’s in Rohlbeck angekommen. Was haben sie damit gemacht? Die Tönnchen unter ihre Betten gestellt, und wenn jemand Geld brauchte, dann langte er hinein. Wenn ich’s nicht beschwören könnte, würde ich’s selber nicht glauben. Nicht zinstragend angelegt, nichts — nichts! Einfach aufgebraucht, bei Wassersuppen und Braunbier. Und dabei ist Heinersdorf verkauft worden, und Grunow mußte verkauft werden. Es ist eigentlich gar nicht auszudenken. Sünde ist’s — Sünde!“

„Die alte Zeit, Tante Marianne. Mir wär’s auch lieber; die Eltern hätten besser gewirtschaftet und ich brauchte mich hier nicht zu schinden.“

„Wie häßlich gesagt — schinden? Geldverdienen ist ehrliche Arbeit. So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen, steht in der Heiligen Schrift. Ich laß es dir übrigens, du bist ein emsiger Mann, in deiner Art. Aber daneben steckt das Rohlbecker Blut in dir. Dem kann nicht genug gesteuert werden.“ —

Still und friedfertig floß das Leben dahin auf der einsamen Insel.

Aber die Stille und der Friede des Hauses, denen sich Helene äußerlich anzupassen hatte, füllten ihr Herz nicht. Ihr Herz war unruhig und voller Unrast.

In ihren Nöten war die Kunst ihr einziger Halt. Doch je weiter die Zeit ging, desto mehr fühlte sie, auch die Kunst war nur ein zerbrechlicher Stecken für sie. Der stärkste Fleiß half da nicht. Er mochte die Stunden töten. Daneben aber blieben andere Stunden, in denen ihre Kunst nur ihre Seele immer stärker aufpeitschte.

Wohl war Frau Harriers-Wippern zufrieden. Fast immer gleich zufrieden. Helene sah es ihr mehr an, als daß sie es aussprach, denn sie war ziemlich karg mit Anerkennung und Lob und verlangte viel, was Helene zuerst ganz wunderlich vorkam: endlose Atemübungen, sorgsame Studien vor dem Spiegel, predigte immer wieder: „Langsam — langsam! Geduld, Fräulein von Hackentin!“ Bisweilen aber nannte sie sie doch ihre liebste Schülerin, bisweilen sprach sie doch von erstaunlich schnellen Fortschritten. Aber dann und wann, und nur immer häufiger, schüttelte sie auch den Kopf: „Sie dürfen sich nicht überanstrengen, liebes Kind.“

„Es strengt mich nicht an. Nie! Nie!“

„Sie wissen das selbst nicht. Mir kann das nicht entgehen. Ihr Temperament reißt Sie zu sehr fort. Es ist etwas Herrliches, gerade für unsere Kunst, um ein starkes Temperament. Nur müssen wir es straff im Zügel zu halten wissen. Bei Ihnen steigert’s sich manchmal bis zur Leidenschaftlichkeit.“

Und Helene wußte: ja — bis zur Leidenschaft!

Das war ihr Schicksal. Er war ihr Schicksal.

Sie hatte sich dagegen gesträubt mit aller Kraft ihres Willens. Mit all ihrem Stolz. Es war stärker als sie.

**
*

Alfred Schwarz war wirklich in Berlin geblieben. War wenigstens meist in Berlin. Ende Oktober gastierte er in der Friedrich-Wilhelmstadt; unmittelbar nach Theodor Wachtel und mit gleich großem Erfolge.

Sie hatte ihn bis dahin nur wenige Male gesehen. Einmal traf sie ihn zufällig — war es zufällig? — im Vorzimmer von Frau Harriers-Wippern. Einmal begegnete sie ihm auf dem Wege zu ihrer Lehrerin. Sie sprachen nur knappe Worte miteinander. Er erkundigte sich nach ihren Fortschritten, wie sie sich eingelebt hätte. Sie gab so kurz als möglich Auskunft, nur so viel, als die kargste Höflichkeit forderte. Kaum so viel: denn die Abwehr lohte in ihrer Seele.

Aber sie mußte an ihn denken, Tag und Nacht. Im Zorn auf ihn und auf sich selber. In schmerzvoller Sehnsucht dann. Immer sah sie ihn vor sich, immer hörte sie seine Stimme. Mitten im Traum schrak sie auf: sie waren wieder in Rackow gewesen, er hatte wieder die „Letzte Rose“ gesungen, er hatte wieder gesagt: nur für Sie — nur für dich! Sie schrak auf und biß vor Scham in ihr Kissen und weinte —

Und nun gastierte er — Frau Harriers-Wippern hatte es beiläufig erzählt — in der Friedrich-Wilhelmstadt.

Ein paar Male war sie in der Königlichen Oper gewesen. Auf Billetts ihrer Lehrerin. Das gehörte ja zu ihrer Ausbildung. Ein paar Male auch in Konzerten. Einmal hatte sie Tante Oschitz in eine Beethovensche Symphonie begleitet, ein andermal durfte Harro mit ihr in ein Stockhausensches Konzert. Der gute Junge! Fast hätte er laut aufgejubelt, und wie er den ritterlichen Kavalier spielte!

Aber die Friedrich-Wilhelmstadt: Tante Marianne hätte nur die Achseln gezuckt. Und sie durfte doch auch nicht fragen, nicht bitten. Sie wollte ja auch gar nicht ... Nein! Nein! Nein!

Da kam Wilhelm: „Lene, hier! Herr Schwarz hat mir zwei Billetts geschickt ...“

Nein! Nein! — Ja! Ja!

Tante Oschitz machte eine bedenkliche Miene, aber Wilhelm streichelte sie mit klugen Worten.

Er sang den Postillion.

Und es war fast eine Enttäuschung. Er sang wundervoll, er spielte hinreißend. Das Haus jubelte ihm zu, wie es kaum Wachtel zugejubelt hatte. Und dennoch war es eine Enttäuschung: sie mochte ihn nicht als Postillion. Es tat ihr weh, ihn mit der Peitsche knallen zu hören. Es war ihr wie eine Erniedrigung. Sie schalt mit sich selber — und sie war doch auch froh darüber; erleichtert fast.

Zwei Tage darauf fuhren am Nachmittag die Rackower vor.

Frau Marie und Frau Marianne liebten sich nicht und waren daher doppelt artig gegeneinander. Immer erkundigten sie sich nach ihren beiderseitigen Interessen, für die sie doch kein Interesse hatten. Tante Marie nach der Mission in Indien, Tante Oschitz nach den Winterplänen der Rackower. Immer mit kleinen Malicen zwischen allen Artigkeiten. Onkel Ernst gab Harro einen derben Klaps: „Nun, mein Junge, wann hast du denn endlich die gräßlichen Schulbänke hinter dir?“ und tätschelte Helene beide Wangen: „Viele Grüße aus Rohlbeck. Sind alle gut zu Wege, bißchen fatigue siehst du aus, Leneken ...“ Dabei sah er schmunzelnd unter seinem Monokel um die Ecke auf die beiden Damen, die sich drüben am Kaffeetisch so eifrig und stimmungsvoll unterhielten.

Und dann hieß es: „Heut abend entführen wir dir natürlich die Lene. Aber, liebste Kusine, das ist doch selbstverständlich. Mach’ bloß kein so böses Gesicht. Wir liefern dir unsere Lene auch pflichtschuldigst persönlich ab. Um den Hausschlüssel müssen wir freilich bitten.“

Den Hausschlüssel bekam Helene nicht. Aber Urlaub bekam sie — „es wird auf dich gewartet werden.“

Vom Theater kein Wort. Und doch wußte Helene: heut abend singt er in Flotows „Martha“. Heut abend höre ich wieder die „Letzte Rose“ ...

Ganz still saß sie nachher im Wagen. Wußte nicht, ob sie sich freuen oder fürchten sollte. Würde es wieder eine Enttäuschung sein? Vielleicht konnte sie es überhaupt nicht vertragen, ihn auf der Bühne zu sehen, im Komödiantengewand, geschminkt und aufgeputzt. Vielleicht konnte sie den lärmenden Beifall nicht ertragen, der ihm zujauchzte. So schön wie in Rackow sang er auch gewiß nicht ... damals, als er nur für sie gesungen hatte ...

Dabei mußte sie Rede und Antwort stehen. Über ihren Unterricht, über Tante Marianne. Ja, und dann sprach Tante Marie wieder von Rohlbeck. Rohlbeck ... Rohlbeck ... was war das eigentlich? Wo lag das? Es war ja fast wie ausgelöscht in ihrer Erinnerung. Selten nur hatte sie in all der letzten Zeit an die Eltern gedacht, an Martha ... gerade nur die Pflichtbriefe hatte sie geschrieben. Sie verlangten ja auch nicht viel Nachricht daheim, das Porto war teuer. Ja ... und nun pochte das auch wieder an ...

„Der Rittmeister und Fritz haben sich gründlich brouilliert. Kein Wunder: Fritz ist dem liberalen Wahlverein beigetreten. Ein Hackentin. Eigentlich wirklich ein Skandal. Die Politik ...“

Ach, was ging sie die Politik an. Heut abend hörte sie die „Letzte Rose“ ...

Sie saßen in der Fremdenloge. Vorn Tante Marie und Helene, dahinter Onkel Ernst. Und kaum hatte er die Bühne betreten, so wußte sie, daß er sie bemerkt hatte — wußte: heut singt er wieder nur für dich. Nur für dich. Mag das ganze Haus ihm zujubeln und toben: er singt nur für dich! Nur für dich!

Es versank alles vor ihr. All der Firlefanz dort oben zwischen den gemalten Kulissen. Sie sah auch nicht darauf hin, sah auch kaum ihn. Nur hören — lauschen — lauschen —

Heut zum ersten Male schmolz auch ihre Abwehr, schmolz ihr Stolz. Nichts war in ihr als ein läutendes reines Glücksklingen.

Bis der Vorhang zum letzten Male fiel.

„Na, kleine Enthusiastin! War’s schön?“ meinte Onkel Ernst, während der Logenschließer ihm in den Pelz half. „Mariechen, wir fahren gleich nach dem Hotel. Schwarz kann in einer Viertelstunde auch dort sein.“

Zuerst verstand sie nicht. Dann bäumte es sich in ihrem Herzen auf. Ihn wiedersehen! Heute noch ... nach diesen Stunden! Fast wie eine Unmöglichkeit erschien es ihr. Als ein Traum, als unfaßbares Glück, und doch bebte und zitterte sie vor der Minute, in der seine Augen den ihren begegnen, seine Hand die ihre fassen würde.

„Wer kommt denn noch, Ernst?“

Onkel Ernst nannte ein paar Namen, gleichgültige Namen. Offiziere wahrscheinlich, Diplomaten. „Merivaux hat abgeschrieben. Die Gardeschützen haben eine große Übung im Terrain.“

Merivaux! Richtig ... der Neuchateller. Ja — so! Mein Gott, wie gleichgültig das alles war.

Und dann, schon im Wagen, mußte sie es doch sagen: „Tante Oschitz wird ungehalten sein. Ich möchte lieber nach Hause.“ Sprach’s, wußte, daß es Lüge war und doch auch Wahrheit.

Es war zu dunkel, als daß die Rackower die Blutwelle hätten sehen können, die ihre Wangen überflutete. Das Rollen des Wagens übertönte den angstvoll zitternden Ton ihrer Stimme. Onkel Ernst sagte nur: „Ach du Schäfchen ...“

Ein paar Minuten darauf stand sie im Salon des Hotel de Rome. Es wurden ihr ein paar Herren vorgestellt, sie hörte die Namen nicht. Man sagte ihr einige Artigkeiten, sie fand nur ein Lächeln. Das Herz klopfte ihr bis in den Hals hinauf.

Dann war er mit einem Male da. In der Tür stand er, im Frack mit weißer Binde, sah sich um, suchte sie ... ja ... suchte sie ...

Sie las auf seinem Gesicht noch die Erregung der Bühne. Dann ein ganz leichtes, fast unmerkliches Kopfneigen zu ihr hinüber, ein frohes Lächeln: ‚Da bist du ja ... ich bin so glücklich, daß du hier bist ...‘ und er trat zu Tante Marie, küßte ihr die Hand.

Tante Marie hielt Cercle. Sie saß am Kamin, als einzige Dame; die Herren standen um sie herum, plauderten, Deutsch und Französisch. Nun winkte sie mit dem Fächer: „Helene ...“

Wie schwer ihr die wenigen Schritte wurden. Als ob sie Blei an den Sohlen trüge; und sie hätte doch fliegen mögen.

„Mignonne, Herr Schwarz wollte dich begrüßen.“

Wortlos stand sie, knickste, unbewußt, was sie tat, fühlte seine Hand, empfand seinen Blick, wagte die Augen nicht zu erheben. Ihn nicht anzusehen. Denn sie fühlte: siehst du ihn an, jetzt an, so weiß er, daß du sein willenloses Geschöpf bist, für immer und ewig.

Da öffneten sich auch schon die Flügeltüren. Der Oberkellner kam majestätisch auf Tante Marie zu: „Madame, est servi.“ Ein fremder Herr verbeugte sich: „Gnädiges Fräulein, ich habe die Ehre ...“ Sie legte ihre Hand in seinen Arm. Einmal dachte sie, wie im Fluge: ‚Ein Glück, daß er dich nicht führt.‘ Dann: ‚Wärst du doch weit von hier, bei Tante Oschitz und Harro, oder in Rohlbeck ...‘ Dann wieder: ‚Wirst du ihn nachher noch sprechen?‘ ...

Erst als sie saßen, als Graf Werther ein paar Worte zu ihr gesprochen hatte, bemerkte sie, daß Alfred Schwarz ihr zur Rechten saß. Wieder schrak sie zusammen, wieder wagte sie nicht, aufzusehen, nicht, ihn anzusehen. Und sehnte sich doch mit aller Leidenschaft ihrer Seele nach einem Blick aus seinen Augen, nach einem Wort von seinen Lippen.

Dann fiel ihr mit einem Male ein, daß Vater wohl manchmal gesagt hatte: „Bist doch mein tapferes Mädel!“ Sie klammerte sich an das Wort. ‚Nein: nicht feige sein! Ankämpfen, ankämpfen! Um Gottes willen, was sollen denn diese fremden Menschen denken?‘

Es war ihr immer noch, als säße sie in einem großen Schleier. Nur undeutlich sah sie drüben die weiße Feder auf dem Turban, den Tante Marie trug, und den blitzenden Crachat auf der Brust des Herrn neben ihr. Nur undeutlich hörte sie, was man sprach. Aber nun zwang sie sich. ‚Bist doch mein tapferes Mädel!’ Nun kämpfte sie gegen sich an. Und langsam, ganz langsam sank der Schleier nieder. Der Wille kam ihr zurück. Sie nahm ein paar Bissen, sie trank hastig ein Glas Champagner. Sie konnte jetzt antworten. „Ja, ich bin noch nicht lange in Berlin.“ — „Jawohl, es gefällt mir ausgezeichnet.“ ... „Bei meiner Tante Oschitz.“ — „Ganz richtig, mein verstorbener Onkel war Vortragender Rat im Kultusministerium.“

Und dann hörte sie plötzlich auch seine Stimme neben sich. Leise flüsterte er: „Habe ich gut gesungen heut abend? Ich sang auch heut nur für ... nur für ein wunderschönes junges Mädchen, das rechts in der Fremdenloge saß. Ein wunderschönes Mädchen mit rostbraunem Haar, mit blauen, leuchtenden Augen ...“

Die ganze Tischrunde, meinte sie, müßte es gehört haben. Aber das schwirrte und schwirrte durcheinander.

„Darf ich denn diese wunderschönen blauen Augen jetzt nicht wiedersehen?“

Es zwang sie. Er zwang sie. Sie mußte sich ihm zuwenden. Dabei raffte sie noch einmal all ihren Willen, all ihre Kraft zusammen, rang um ein Lächeln, suchte nach einem abwehrenden leichten Scherz zur Antwort. Aber als sie ihn ansah, brachen Wille und Kraft zusammen.

Vielleicht fühlte er es. Vielleicht stieg das Mitleid in ihm empor. Er sprach lauter, so daß es die Nächsten hören mußten: „Es war ein recht gutes Ensemble. Fanden Sie nicht auch, gnädiges Fräulein? Das Orchester ist sogar vortrefflich. Man darf ja nicht die Ansprüche stellen, die einer großen Oper gegenüber berechtigt sind. Aber immerhin, es ist mehr als Mittelmaß. Dazu dies dankbare Publikum!“

Sie verstand seine Absicht, war ihm dankbar. Aber sie brachte nur mit Mühe ein „Es war sehr schön —“ über die Lippen. Ein Hauch war es nur, wohl ihm allein verständlich, und er mochte es deuten — in seinem Sinne. Er strahlte sie an. Und als ob sie nun seiner Stimmung Flügel verliehen hätte, riß er das Tischgespräch an sich. In sprühender Laune erzählte er vom russischen Hofe, gab kleine Theateranekdoten, Kulissenscherze zum besten; sprach dann wieder ernster: von Richard Wagner, den er in Zürich kennen gelernt hatte, von dem greisen Meyerbeer, dem er in Paris nähergetreten war, von Rubinstein, in dessen Petersburger Heim er Gast gewesen. Er sprach vortrefflich, pointenreich. Daß er — immer er im Mittelpunkt aller Wendungen stand, was verschlug’s? Vielleicht gab gerade das Persönliche seiner Unterhaltungsgabe besonderen Reiz.

Helene lauschte und lauschte. Manchmal senkte es sich wieder über sie gleich einem dichten Schleier, so daß sie nicht mehr die Worte, nur noch den Klang seiner Stimme wie im wohligen Traume hörte; dann kamen Momente, in denen sie mit einem heimlichen Jubel dachte: eigentlich spricht er nur zu dir, nur für dich allein. Und ein — zwei Male fühlte sie, wie, während er sprach, seine Hand unter der Tafel die ihre suchte. Dann schrak sie zusammen, rückte ab von ihm und konnte doch nicht wehren, daß er ihren Arm streifte, ganz leise, zärtlich, verstohlen.

Tante Marie hob die Tafel auf.

Im Salon nebenan wurde der Kaffee genommen. Und hier gewann Helene endlich die Selbstbeherrschung zurück. Sie stand, getrennt von ihm, in einem Kreise der jüngeren Herren, fand sich in dem leichten Plauderton zurecht. Es gab einige Anknüpfungspunkte. Der eine der Herren hatte in Sodelzig bei Onkel Grucker in Quartier gelegen, der andere kannte Fritz — „den sonderbaren Schwärmer, der ja unter die Demokraten gegangen sein soll“ — von der Universität her. Wilhelm kannten fast alle. „Warum ist Ihr Herr Bruder heut nicht hier?“ Graf Werther lachte: „Wilhelm Hackentin sitzt bei Ewest mit ein paar englischen Herren zusammen, die nach ungezählten Pfunden aussehen. Ich war vorhin auf einen Stipps drin und sah ihn zwischen wallenden grauen Bärten, ganz ehrwürdig vor lauter Wohlhabenheit.“

Plötzlich war Schwarz wieder neben ihr, und wie er vorhin das Gespräch der ganzen Tafel beherrscht hatte, so wußte er sie jetzt aus der Unterhaltung der anderen herauszureißen, sie für sich selber zu isolieren. Was er zuerst sagte, das durften, konnten sie alle noch hören. Nach ihren Studien fragte er. Ob sie sich zufrieden fühle bei der Kollegin Wippern? Wartete die Antwort nicht ab, sondern ergänzte selber: „Unsere treffliche Harriers-Wippern ist ja Ihres Lobes voll. Meine Lieblingsschülerin, sagt sie immer wieder. Aber eigentlich müßten Sie zur Viardot nach Baden-Baden. Das wäre die rechte Lehrerin für Sie.“

Dann, als sie für ein paar Augenblicke allein standen, flüsterte er hastig: „Entsetzlich — diese Geselligkeit. Dieser Zwang! Nicht zwei Worte kann man unbeobachtet mit jemand sprechen, dem man so viel zu sagen hätte, so unendlich viel ...“

Sie sah scheu, erschrocken, fast verständnislos zu ihm auf, senkte gleich wieder den Blick. Ihr war’s ja, als hätten sie den ganzen Abend über miteinander gesprochen, zueinander, nur zueinander und füreinander.

„... so unendlich viel zu sagen!“ wiederholte er heiß. „Es muß anders werden. Ah, jetzt nur einmal einen Spaziergang durch den Rackower Park, allein, ohne diese zudringlichen, neugierigen, fremden Gesichter. Allein ... wir beide ... wie schön müßte das sein!

... So sprechen Sie doch! Nur ein paar Worte, ich beschwöre Sie. Morgen — nicht wahr? — Morgen gegen ein Uhr gehen Sie zur Wippern ...“

Sie konnte ja nicht sprechen. Ihre Stimme war erstickt. Vor Angst, vor Scham, vor fassungsloser Scheu. Aber der Stolz war von ihr abgefallen, verweht, dahin. Sie neigte willenlos den Kopf.

„Ein Uhr ... Dank ...“ hörte sie noch. Und da kam Onkel Ernst angekugelt, quer durch den Salon: „Leneken, jetzt mußt du aber leider fort. Sonst kriegen wir’s mit Tante Oschitz zu tun, und ich bin kein Ritter Georg — das Drachentöten war nie meine Force.“

Er nahm sie an der Hand, schielte unter seinem Einglas um die Ecke auf Graf Werther hin und auf Schwarz, die plötzlich in ein angeregtes Gespräch verwickelt schienen, führte Helene zur Tante. Sie knixte, küßte die Hand, bekam einen kleinen zärtlichen Klaps mit dem Fächer, grüßte noch flüchtig nach rechts und links, mußte von Onkel Ernst einen dicken Schmatz auf die Stirn in den Kauf nehmen: „Fameus hast du ausgesehen, Lene. Trotz deines simplen Fähnchens. Tante Marie müßte eigentlich mal mit dir zu Bonwitt fahren .... Nacht, Kind. Grüße den Drachen.“

Draußen stand Höhne mit dem diskret vertraulichen Domestikengesicht, das er armen Verwandten gegenüber immer hatte, geleitete sie, mit zwei Schritt Distanz, die Treppe hinunter zum Hotelwagen: „Untertänigst gute Nacht, gnädiges Fräulein.“

Und dann huschte sie durch den Vorgarten, der im ersten Schnee lag, unter den bereiften Bäumen hin, in fliegender Eile. Schon von weitem sah sie, daß die Lampe im Zimmer von Tante Marianne noch leuchtete. Ein schmaler Lichtkegel fiel aus dem Fenster im Erdgeschoß quer über den weißen Rasen.

Gleich, auf das erste leise Pochen, war Tante Marianne an der Tür. In ihr dickes Umschlagetuch ganz eingehüllt; das kleine, schmale Gesicht hob sich aus dem Schwarz wie ein Nonnenantlitz.

Es sah so ernst und so streng aus, daß Helene zusammenbebte, als ob sie sich einer Schuld bewußt wäre. Aber Tante Marianne hatte kein tadelndes Wort. Sie nickte nur, und es klang höchstens ein wenig spöttisch: „War es sehr schön, Helene? Nun ja, natürlich. Die Rackowschen sind ja die berühmten Amüseurs. Da steht das Licht. Gute Nacht, mein Kind.“

Nun war sie oben in ihrem Zimmerchen.

Als sie den Leuchter auf den Nachttisch stellte, fiel ihr erster Blick auf ein kleines, altes Buch, das bisher nie dort gelegen hatte. Ein Lesezeichen lag darin, in Kreuzesform geschnitten. Und als sie das Buch aufschlug, las sie:

„Wer die Welt erkieset,

daß er Gott verlieset,

Wenn es geht ans Scheyden,

Verlieret er alle Beyden.“