Sechstes Kapitel
‚... Wer die Welt erkieset ...‘
An jenem Abend, als Helene den Spruch des alten Tauler zum ersten Male las, hatte er sie schwer getroffen.
Nun lächelte sie darüber. Sie hatte ja gar nicht ‚die Welt erkieset‘. Nur einen einzigen, einen geliebten Mann hatte sie sich zu einem stillen, heimlichen Glück gewonnen. Sie hatte ja gar nicht Gott verlassen: der liebe Gott dort oben über den Wolken hatte ihr ja in seiner unergründlichen Güte diesen einzigen, den über alles geliebten Mann geschenkt!
Ihr Herz war so voll. Ihr Glück war so groß. Und daß es so heimlich und verschwiegen, das war zu allem Herrlichen noch eine besondere Gnade. An jedem Abend lag sie mit gefalteten Händen und träumte offenen Auges ein Dankesgebet. Nun wußte sie es: er hatte sie geliebt vom ersten Sehen an; er würde sie lieben bis zu seines Herzens letztem Schlag. Und sie — sie! Ach, was kam es auf sie an?! Wenn sie auf dem Altar, den sie sich errichtet, zu Asche verglühte, was verschlug’s!
Nein, nicht zu Asche verglühen. Immer aufs neue erglühen, leben und lieben! Jeden Augenblick festhalten, Hand in Hand mit dem Geliebten bitten, beten: verweile doch ... du bist so schön! Und über den Augenblick hinaus Pläne schmieden, Hand in Hand mit dem Geliebten. Aug’ in Aug’ mit ihm goldene Pläne, Zukunftsschlösser bauen, Stein auf Stein zu wunderbaren Wölbungen zusammentragen und zu festen Fundamenten. Die Zukunft — die Zukunft gehörte ja ihnen und ihrem Glück! Aber auch geduldig warten und ausharren wollte sie, sich biegen und beugen und arbeiten, studieren. Alles, alles, wie er es wünschte und wollte ...
Sie sahen sich täglich.
Die Liebe machte sie beide erfinderisch. Manchmal mußte sie über ihn lächeln: wie unerschöpflich sein Register an Auskunftsmitteln war. Manchmal scherzte sie, sprach zu ihm Goethes Wort aus der „Iphigenie“: „Mir schien List und Klugheit nicht den Mann zu schänden —“. Manchmal erschrak sie vor seinen Anschlägen und stimmte doch jubelnd bei. Heut mußte der gute Wilhelm herhalten, den Elefanten spielen; morgen sahen sie sich in einem Konzert, in der Oper; dann begegneten sie sich bei der Harriers-Wippern; ein großer Spaziergang durch die verwachsenen, verschneiten Wege des Tiergartens, vom Goldfischteich bis zu Kroll, von Kroll bis zum Hofjäger, kreuz und quer, einte sie heut; morgen mußte sie Besorgungen in der Stadt vorschützen, und er führte sie durch die vergessenen kleinen Straßen Alt-Berlins, wo sie sicher waren, keinem Bekannten zu begegnen. Oder sie trafen sich im Alten Museum, in irgendeinem Teil, wo es für sie nichts zu sehen gab: bei den Ägyptern oder vor den Münzkästen. Da standen sie dann vor irgendeiner Mumie oder den Diadochenmünzen, drückten sich die Hände, flüsterten, raunten, scherzten — und blickten sich in die Augen. Und wenn der Aufseher gerade vorüberging, machten sie ernste, wichtige Gesichter und wiesen mit ausgestrecktem Zeigefinger: „Außerordentlich interessant ... Erstaunlich, diese Alten!“
Wovon sie sprachen, worüber sie raunten und flüsterten? Über ihre Liebe, über ihr Glück. Wie das gekommen, wie das war, wie das bleiben sollte — in alle Ewigkeit. Nur über ihre Liebe, nur über ihr Glück. Oder doch fast nur. Denn er sprach auch bisweilen von seiner Tätigkeit, von seinen Erfolgen; auch wohl von den kleinen unberechenbaren Verdrießlichkeiten und Enttäuschungen, die keinem Schaffenden erspart bleiben. Aber sie brauchte ihn dann nur hell anzusehen, seine Hand zu drücken, und die Schatten verflogen. Selten, sehr selten sprach er von ihrer Kunst. Das tat manchmal ein wenig weh. Aber es genügte ja, daß er wußte, sie schritt fort. Und wie schritt sie fort! Sagte das nicht auch Frau Harriers-Wippern: „Vor ein paar Wochen zeigten Sie nur das starke Temperament, jetzt fühle ich die Seele in Ihrer Stimme.“ Das tat die Liebe — auch das tat die Liebe!
Ein paar Male mußte Alfred verreisen. Auf vier, fünf Tage, einmal auf eine ganze Woche. Nach Dresden, nach Köln, nach Hannover zu Gastspielen. Das waren trostlose Tage. Dann legte sich jedesmal die Stille der einsamen Insel mit Zentnerschwere auf Helene. Nicht als Frieden empfand sie die Ruhe, nur als Öde. Ihrem ganzen Leben fehlte der Inhalt; selbst die Kunst war keine Trösterin. Tante Mariannes leise, dünne Stimme tat ihr fast körperlich weh. Nichts interessierte sie. Was kümmerte es sie, wenn Tante Oschitz aus der „Kreuzzeitung“ vorlas, daß Preußen an der Halsstarrigkeit der liberalen Abgeordneten zugrunde gehen würde, daß der König, Bismarck und Roon auch gegen diese verstockten Demokraten die Heeresreorganisation durchsetzen müßten; daß die Russen sich mit den Polen in den Haaren lägen? Was kümmerte es sie, wenn der Tränen-Müller im dämmrigen Salon schöne Worte über die Weihe der kommenden Weihnacht sprach, während ein halbes Dutzend alter Damen, um ihn gruppiert, Missionsstrümpfe strickte.
Ja, wenn Harro noch der alte gewesen wäre, der junge, liebe, frische Kamerad. Aber um Harros Unbefangenheit war es geschehen. Anfangs hatte sie sich amüsiert, wie er ihr Ritterdienste leistete, daß er ein wenig verliebt in sie war, wie er das äußerte, mit verstohlenen Blicken, mit halben Worten. Nun war das anders. Er konnte sie schweigend eine Viertelstunde lang anstarren, fest zusammengepreßt die Lippen und düster die Augen. Manchmal war es zum Fürchten. Manchmal dachte sie: Er ahnt etwas von deinem heimlichen Glück, er ist eifersüchtig, er quält sich und will dich quälen. Dann war’s wieder, als wollte er gutmachen. Sie fand plötzlich auf ihrem Zimmer ein paar Rosen. Rosen zur Winterszeit! Daß der Junge nur nicht sein ganzes Taschengeld für sie verpulverte. Oder er faßte plötzlich nach ihrer Hand und bat: „Du übst wohl viel, aber uns singst du gar nichts mehr vor. Tu’s wieder, liebe Helene.“ Sie mußte den Kopf schütteln. Was sie jetzt hätte singen können, wie sie’s hätte singen mögen, das paßte nicht für die einsame Insel, auch nicht für Harro —
Schreckliche Tage, diese Tage, an denen Alfred fern war. Aber auch die Sehnsucht hatte ihre Süßigkeit. Und dann flogen ja die heimlichen Briefe herüber und hinüber, Poste restante-Briefe, die sie von der Hauptpost in der Spandauer Straße abholen mußte, jedesmal mit erneutem Herzklopfen. Ein kümmerlicher Ersatz freilich, solch ein Brief. Auch faßte Alfred sich immer so kurz. Kein Wunder zwar bei dieser aufreibenden Tätigkeit auf den Gastspielreisen, bei den langen Fahrten, den Proben, den vielen Verpflichtungen. Aber das Schreiben lag ihm wohl überhaupt nicht. Er berichtete nur, und Herz und Augen suchten in seinen Zeilen oft vergeblich nach den heißen Liebesworten.
Was tat’s! Was verschlug’s?! Ein paar Tage, und er war wieder da! Sie sah ihn wieder, sie flüsterten und raunten, sie lachten und jubelten und waren glücklich.
Dann setzte der Winter, der so lange gezögert hatte, mit voller Macht ein und erwies sich als ein arger Störenfried.
Den richtigen deutschen Winter, wie er nun mit einem Male da war, fürchtete Alfred. Über das bißchen Schnee und ein, zwei Grad Kälte war er fortgekommen; als aber die Eisblumen an den Fenstern blühten, fühlte er im Geist schon den Katarrh, begann zu schelten, daß man an der Spree gegen Witterungsungunst schlechter geschützt sei als an der Newa, und ging trotz Pelzkragen und Schal nur ungern über die Straße. Mit den heimlichen Wanderungen durch den Tiergarten oder durch das Gassengewirr vom Molkenmarkt zum Alexanderplatz war es vorbei. Das Landkind, das mit Vater bei achtzehn Grad Kälte im offenen Schlitten zu fahren gewohnt war, wollte das nicht recht begreifen. Aber da der geliebte Mann so empfindlich war, half’s ja nichts: sie mußte sich fügen.
Sie ratschlagten.
„Ich mache einfach bei deiner Tante Besuch“, meinte er. „Ich habe schon manchen Drachen gezähmt, um mit dem Rackower zu sprechen.“
„Tante Marianne ist kein Drachen. Aber —“
„Aber —“, fragte er heftig zurück. „Sollte ich ihr etwa deiner Meinung nach nicht vornehm genug sein?“
Es kränkte sie ein wenig. Ihr ‚Aber‘ konnte sie doch nicht recht begründen. „Ich hab’s nur so in den Fingerspitzen, Fred ... es tut nicht gut.“
„In den Fingerspitzen? Zeig’ doch mal her.“ Er lachte und küßte jeden einzelnen Finger einzeln auf die rosige Spitze. „In diesen allerliebsten Dingerchen hier können ja nur die allerschönsten Ideen hausen. Wenn in den Fingerspitzen überhaupt Ideen wohnen können.“
Er machte seinen Besuch, wurde sogar angenommen; brachte zur Einführung eine Empfehlung der Rackowschen Herrschaften, sprach sehr zierlich über die reizende Lage der einsamen Insel, bewunderte das alte Berliner Porzellan in der Mahagoniservante, spielte, ganz beiläufig, darauf an, daß er eigentlich die wundervolle Stimme von Fräulein von Hackentin entdeckt hätte — und wurde, ehe er es sich noch versah, in Gnaden entlassen. Oder richtiger: nur entlassen.
Helene war nicht anwesend gewesen. Als ihr aber Tante Oschitz von dem Besuch erzählte, setzte sie hinzu: „Dieser Herr Schwarz oder wie er heißt, paßt zu den Rackowschen. Er ist auch ein Fant!“
Das Blut jagte über Helenens Wangen. Gut, daß es zwischen den tiefen Mauern immer so dämmerig war. „Ein Fant! Tante Marianne, wie kann man so hart urteilen nach einmaligem Sehen!“ stieß sie heiß hervor. Empört war sie. Das war noch das mindeste, was sie der Tante sagen mußte.
Die alte Dame schwieg eine Weile. „Vielleicht hast du recht, Kind,“ meinte sie dann. „Wir sollen nicht allzu schnell urteilen. Ich erkenne auch an, daß dieser Herr dein Bestes gewollt hat. So magst du ihm wohl dankbar sein dürfen. Aber ungerecht war ich, glaube ich mindestens, doch nicht. Ich habe in den Gesichtern der Menschen lesen gelernt: in diesem hübschen glatten Gesicht sehe ich nichts als Oberflächlichkeit.“
„Daß du ihn einmal singen hörtest, Tante!“
„Ich bin wohl nicht musikalisch genug, um das würdigen zu können, Helene. Aber gesetzt, er sänge wie Orpheus, so würde mich das nicht beeinflussen. Kunst ist ein Kräutlein nicht für alle Leutlein, sagt ein altes Sprichwort. Bei seiner Kunst müßte ich immer an das Theater denken, und ich liebe diese Welt des Scheins und des Trugs nicht. Du weißt es.“
Sie sprach das alles mit ihrer ruhigen, leisen, sanften Stimme. Daß diese Stimme doch so wehe tun konnte!
„Herr Pastor Müller geht aber auch ins Theater.“
„Das mag wohl sein, und er wird wissen, wie er es mit sich und Gott abmacht. Du mußt mich nicht falsch verstehen, Helene: ich richte nicht. Ich spreche nur ein subjektives Empfinden aus. Und nun ist’s wohl genug von diesem Herrn Schwarz —“
„Deine Frau Tante ist doch ein Drachen,“ sagte Alfred, als sie sich am Tage darauf trafen. „Sie hat mich kaum eines Wortes gewürdigt. Ja und Nein war ihre Rede, und es fehlte nur das Amen. Das wird wohl gefolgt sein, mit drei Kreuzen, als sich die Tür hinter mir geschlossen hatte.“
Es klang sehr verletzt, und sie fand nicht den Mut, ihm ein Wort zugunsten von Tante Oschitz zu sagen.
„Helene, Schönste, Liebste — könntest du nicht einmal zu mir kommen? Du kennst meine kleine Wohnung ja gar nicht, weißt nicht, wie ich hause. Ich denke es mir so reizend, dir eine Tasse Tee zu bereiten, bei mir, echt russisch, auf einem riesigen Samowar.“
Sie schloß die Augen und schüttelte den Kopf.
„Sei nicht so klein, Helene ...“
Wieder schüttelte sie den Kopf.
Er kannte das schon: sie gab eigentlich immer nach, aber bisweilen grub sich zwischen ihre Brauen ein Fältchen des Eigenwillens ein, dabei spannte sich ihr Nacken, sie schloß die Augen, als wollte sie ihn nicht ansehen — dann war jedes Wort vergeblich.
„Liebste Närrin! Ich hab übrigens noch einen anderen Vorschlag. Eine Entdeckung hab ich neulich gemacht —“
Seitdem trafen sie sich meist in einer winzig kleinen Konditorei in der Bendlerstraße. Nur ein Katzensprung war’s von der einsamen Insel, und doch waren sie hier sicher vor jeder Entdeckung. Denn die Konditorei war jetzt, im Winter, nur während der Mittagsstunden einigermaßen besucht, von den Eisläufern, die sich hier bei einem Glase Punsch ein wenig aufwärmen wollten.
Einen schmalen Verkaufsraum gab’s dort und dahinter ein einziges Zimmerchen mit vier Tischchen. Ein verschossener brauner Plüschvorhang trennte beide Räume. Vorn saß hinter dem Ladentisch ein verrunzeltes Fräuleinchen, immer tief über einen Leihbibliotheksband gebeugt. „Versteinert, wie ihre Kuchen,“ meinte Alfred. Im Gastzimmer waren sie stets allein. Es kam wohl vor, daß die dünne Türklingel ging und Helene aufschrecken ließ. Aber es war dann immer nur irgendein Dienstbote, der etwas holte: ein Dutzend Pfannkuchen, ein paar Spritzkuchen, ein paar Windbeutel.
Manchmal gab’s Anlaß zu einem Scherz. „Hörst du, Helene, Baisers! Baisers! Komm — komm, kleine süße Konditorin ...“
Zuerst hatten sie sich gegenüber gesessen an einem runden Tische mit fleckiger Marmorplatte. Aber es gab da an der Wand ein uraltes Sofa. Zu dem hatte er sie in einer Dämmerungsstunde geführt.
Ach, diese glückseligen Dämmerungsstunden, in denen sie sich am ehesten fortstehlen konnte. Tante las dann, und Harro saß über seinen dreimal gesegneten Schulaufgaben.
Fräulein Minna — sie wußten schon, daß das Kuchenfräulein Minna hieß — kam jedesmal hereingetrippelt, wollte auf einen Stuhl steigen, um die eine Gasflamme anzuzünden.
„Aber Fräulein Minna, Sie Verschwenderin! Es ist ja noch ganz hell!“ rief Fred empört. Und sie trippelte wieder fort, mit einem verständnisvollen Lächeln, trippelte zu ihrem Leihbibliotheksbande, in dem gewiß immer unendlich viel Liebe vorkam.
Der ganze Raum war erfüllt von einem süßen Duft. Zuerst hatte der Helene angewidert. Nun wußte sie nichts mehr davon. So wenig wie davon, ob das Stückchen Kuchen, das sie pflichtschuldigst zerkrümelte, altbacken war oder nicht.
O diese Dämmerungsstunden im Schutze des alten, lieben braunen Plüschvorhangs, auf dem tiefeingesessenen Sofa, wo sie zuerst allein gesessen hatte — und nun mit ihm saß. Eng aneinandergeschmiegt, plaudernd, raunend, flüsternd, Hand in Hand, wo sie träumten, sich Zukunftsschlösser bauten ...
Eifrig bauten sie jetzt Zukunftsschlösser. Er wußte, daß sie ein armes Mädchen war, arm wie eine märkische Kirchenmaus. Nichts brachte sie ihm als ihre Liebe, ihre große Liebe. Aber dafür hatten ja beide ihre Kunst. Ein Jahr noch, und sie möchte hinaustreten können auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre neue Welt! Ihr stand es nun fest, auch sie ging zur Bühne. Der Widerstand der Eltern würde schon zu besiegen sein. Daran zweifelten beide nicht. Zweifel? Es gab für sie überhaupt keine Zweifel: hell, sonnig lag die Zukunft vor ihnen.
Ein Jahr noch! Was war ein Jahr?! Wo jeder Tag, von einem Sehen zum andern, für Helene verrauschte wie ein Augenblick.
In der kleinen Konditorei feierten sie auch ihr Weihnachten miteinander.
Helene hatte nach Rohlbeck kommen sollen. Aber als Wilhelm sich wenige Tage vor dem Fest einfand, um alles zu verabreden, hatte sie ein Tuch um den Hals und klagte. Nein, bei dieser eisigen Kälte durfte sie ihre Stimme der Gefahr nicht aussetzen. Es ging wirklich nicht, Wilhelm sah das selber ein, auch Tante Oschitz riet ab. Schade ... die Eltern werden’s schmerzlich empfinden. Jawohl ... aber auch sie werden’s einsehen. Und Geld hätte es auch gekostet ... alles kostete so viel Geld, und Vater hatte erst vor kurzem geschrieben, mit den Kartoffelpreisen sei’s jammervoll, „das heißt, liebe Lene, du brauchst dir darüber keine Kopfschmerzen zu machen“.
Als Bruder Wilhelm gegangen war, huschte Helene treppauf in ihr Zimmer, lachte wie ein Schulmädchen, das die französische Stunde geschwänzt hat, und kramte ganz unten aus dem Kommodenkasten die kleine Perlenstickerei heraus, an der sie so glückselig heimlich arbeitete, bei jeder Perle einen Wunsch für ihn hineinflechtend, ein ‚Sei glücklich! Behalt mich lieb!‘
Tante Marianne hatte eine große Weihnachten. Sie bescherte vielen armen Kindern, meist aus dem Osten Berlins, wo dem Pastor Müller jüngst von seiner Gemeinde ein eignes Kapellchen gebaut worden war.
Aber sie hatte auch Helene nicht vergessen. Unmittelbar neben Harros Aufbau stand ihr Gabentisch. Da lagen die Briefe und kleinen Geschenke aus Rohlbeck und von der Tante ein Pelzmuff und ein Buch mit Goldtitel und Goldschnitt: „Amaranth“ war’s, von Oskar von Redwitz. Daneben lag noch ein kleines Bändchen: „Neue Gedichte“ von Emanuel Geibel. Sie blätterte mit ungeduldiger Hand darin. Auf der ersten Seite stand in Harros steifer Handschrift: „Seiner lieben Kusine“ ... Als sie flüchtig aufsah ihm einen Dank zuzuwinken, sah sie, daß er seinen Aufbau noch gar nicht beachtet hatte, daß seine Augen nicht von ihr ließen —
Der gute dumme Junge! Wenn er wüßte, wenn er wüßte ...! Aber es tat ihr doch leid, daß sie so gar nicht an ihn gedacht hatte. An wen hatte sie denn überhaupt gedacht in all den letzten Wochen, als nur an den einen, den einen!
Tante Marianne stand inmitten der Kinder, die scheu und verlegen ihre wollenen Jacken und Strümpfe, ihre Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse beschauten. Für jedes hatte Tante Marianne ein gütiges Wort.
Jetzt war es an der Zeit —
Helene huschte hinüber, zu dem großen Weihnachtsbaum, dankte, küßte die Hand: „Ich gehe nur auf ein paar Minuten zu Frau Harriers-Wippern.“
‚Wie ich schon lügen kann,‘ fand sie selber und freute sich darüber. Lachen hätte sie mögen.
Tante Marianne war vollauf beschäftigt. „Nimm aber den Pelzkragen, Kind!“ sagte sie nur zerstreut und hatte schon wieder einen kleinen Blondkopf beim Wickel, band ihm zur Probe ein paar feste wollene Ohrenklappen über das Flachshaar.
Jetzt war es an der Zeit. Jede Minute war kostbar, jede Minute ein Weihnachtsgeschenk. Im Nu hatte sie den Mantel um, den Kapotthut auf, eilte die Treppe hinunter.
Da stand Harro im Flur. Gerade vor der Haustür, breitbeinig, mit seinem finstersten Gesicht.
„Du willst fort, Helene? Heut? Jetzt? Am Heiligen Abend?“
„Nur zu Frau Harriers-Wippern.“
Das Lügen war nicht so leicht wie vorhin. Der Junge hatte ein paar Augen, die dreinschauten, als wollten sie einen durchbohren.
„Sie hat mich zur Bescherung gebeten. Ich komme gleich zurück, lieber Harro.“
„Ich bringe dich —“ Er griff schon nach dem Kleiderrahmen an der Wand.
„Nein, das gebe ich nicht zu. Du darfst jetzt nicht von Tante fort.“
„Wir kommen ja gleich zurück.“ Fast höhnisch klang’s, wie er das „gleich“ betonte.
„Unter keinen Umständen, Harro. Laß nur, ich bitt’ dich!“
Der Boden brannte ihr unter den Füßen. Wie nur den dummen, lieben, eifersüchtigen Jungen beruhigen, beseitigen?
„Ich danke dir auch vielmals für das schöne Buch, Harro. Geibels Gedichte hatt’ ich mir schon lange gewünscht. Wie gut du das getroffen hast.“
Er stand noch immer.
Da kam ihr ein toller Einfall.
Sie packte plötzlich den Kopf des Jungen mit beiden Händen und küßte ihn: „Dank, Harro!“ und noch einmal „Dank! Dank!“ Küßte ihn auf die zuckenden Lippen. Derb und herzlich. Und dann ließ sie ihn stehen, rannte zur Tür, rannte durch den Vorgarten, jagte die stille, menschenleere Straße entlang. Immer vor sich hin lachend. Ein Küßchen in Ehren ... da hatte sie einen Glücklichen gemacht, recht zum schönen Weihnachtsfeste. Ein Küßchen in Ehren ... weiß Gott in Ehren, denn solch Kuß zwischen Vetter und Kusine war ja nicht viel anders als zwischen Geschwistern ... aber was der Junge für Augen gemacht hatte!
Das Lachen noch auf den Lippen, die Wangen vom schnellen Lauf in der kalten Luft gerötet, so kam sie in die Konditorei, nickte dem alten Fräulein zu, hob den Plüschvorhang — und wäre fast in ein lautes Jubeln ausgebrochen. Denn da stand Fred, hatte eine richtige kleine Weihnachtspyramide vor und zündete die gelben Wachslichterchen an. Gerade nur zwei Spannen hoch war das Gestellchen, streckte seine acht gradlinigen grünen Arme steif von sich, vier größere unten, vier kleinere oben; auf der Spitze aber turnte ein goldenes Engelchen.
Sie flog auf den Geliebten zu, sie flog ihm an den Hals:
„Ach du ... du ... das hast du für mich ...?“
„Selbst auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Schloß gekauft und höchsteigenhändig hertransportiert. Gibt’s etwas Lieberes, Scheußlicheres als solch eine Berliner Pyramide?“
Und dann saßen sie nebeneinander auf dem Sofa, und erst mußte er die Augen zumachen, „aber fest, ganz fest“, und sie baute ihm unter der Pyramide den kleinen Tabaksbeutel auf, in dessen Perlenstickerei sie so unzählige gute Wünsche hineingearbeitet hatte. Und darauf hielt er ihr mit der Linken die Augen zu und kramte aus der Tasche heraus. Eine Brosche war’s mit gelben geschliffenen Topasen, zierlich in Goldfiligran gefaßt, ein rotes Juchtentäschchen für Visitenkarten, ein Fläschchen Violet de Parme. Und nun ging’s ans Sehen und Bewundern und Bedanken. Mit den kleinen Punschgläsern, die Fräulein Minna hereingebracht, stießen sie an; ein Schüsselchen mit süßem geriebenem Mohn stand daneben, dem Berliner Weihnachtsessen; davon steckte Helene ihm einen Löffel voll in den Mund und wollte sich totlachen, als er sich entsetzt schüttelte.
Mit einem Male klang ein Klavier, dünn und fein, aber ganz deutlich. Es mußte wohl oben, über der Konditorei, beschert werden: „Stille Nacht ... heilige Nacht ...“
Und da begann Helene mitzusingen. Ganz leise zuerst. Dann stimmte er ein, und nun sangen sie beide, laut und voll und jubelnd.
Sie merkten es gar nicht: der Plüschvorhang hob sich verstohlen, zwischen den braunen Falten schob sich das alte verrunzelte Gesicht von Fräulein Minna hindurch. Ganz still stand sie, andachtsvoll lauschend, mit verklärter Miene.
„Stille Nacht, heilige Nacht,
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar —
Schlaf in himmlischer Ruh —“
Der Gesang verhallte. Sie sahen sich an mit leuchtenden Augen und wußten beide, daß sie noch nie, nie so schön gesungen hatten, nie schöner singen würden, als eben.
Langsam glitten die Falten des braunen Vorhangs wieder zusammen.
„War das schön! War das schön!“ hauchte Helene. Und er küßte ihr die Tränen aus den Augen.
Eine ganze Weile saßen sie still. Die winzigen gelben Wachslichterchen brannten herunter. Weihnachtsduft zog durch den Raum. Nun erlosch das letzte Licht —
Da stand Helene auf. „Ich muß fort“, sprach sie leise und gepreßt. Es wurde ihr so schwer, so schwer.
„Bleib doch noch!“ bat er. „Bleib doch —“
Aber sie schüttelte den Kopf, faßte noch einmal seine beiden Hände: „Dank ... Dank für diese Stunde!“ Noch einmal umarmte sie ihn.
Draußen an dem Kuchentisch mit den vielen Glasglocken und Flaschen stand Fräulein Minna. Sie knixte tief, als Helene vorüberkam: „Wie wunderschön haben die Herrschaften gesungen. Unser Domchor kann’s nicht schöner.“
Sie hörte es nicht. Es war wie ein großer Rückschlag auf all die Freude und Seligkeit in ihr, eine herzbeklemmende Angst: Harros Augen standen vor ihrer Seele. Diese hellen Knabenaugen, die sie wie entgeistert angeschaut hatten.
Und auf dem kurzen Weg nach Hause überschlich sie noch ein anderes Gefühl, zum erstenmal: die Scheu vor der Lüge. Bisher hatte die Heimlichkeit täglich neuen Reiz für sie gehabt, plötzlich, jäh, erschrak sie vor ihr. Weshalb jetzt, plötzlich — sie wußte es nicht. Vielleicht taten auch das die hellen Knabenaugen.
Die Straße entlang hastete sie, aber als sie in den Vorgarten kam, wurden ihre Schritte langsamer und langsamer. Noch nie war ihr der Mut gesunken, jetzt lähmte eine dumpfe Zaghaftigkeit ihr die Glieder. Und trotzdem wiederholte sie sich immer wieder: ‚es war doch so schön ... es war doch so schön‘ — und hätte weinen mögen.
Der große Tannenbaum war schon erloschen. Tante Oschitz saß ermüdet in einem Lehnstuhl am Ofen, fragte nur flüchtig: „War’s schön?“ Ganz seltsam klang das Helene. Sie nickte stumm. Dann sah sie verstohlen auf Harro. Der saß an seinem Gabentisch, den Kopf ganz tief über ein Buch gebeugt. Leseratte, die er war. Es wurde Helene leichter ums Herz. Vielleicht — vielleicht hatte sie sich doch getäuscht. Er machte einen so kindlichen Eindruck, wie er dasaß, die Hände an den Schläfen, die Finger in das dichte blonde Haar gewühlt, versunken in sein Geschenkbuch. Nicht einmal aufgeblickt hatte er bei ihrem Kommen.
Dann meldete auch schon der alte Diener, daß angerichtet wäre. Tante Marianne stand auf: „Kommt Kinder!“ Wie Harro nun den Kopf hob, da sah Helene die flammende Röte auf seiner Stirn, auf seinen Wangen und empfand, daß er ihren Blicken auswich. Und als er dann am zierlich gedeckten kleinen Tisch das Gebet sprechen sollte, wie alle Tage, da kamen die gewohnten Worte eigen zerstückt von seinen Lippen. Er sprach wie ein Träumender. So daß die Mutter sagte: „Aber Harro! Was hast du denn? Es ist ja wirklich, als ob du unseren Herrn Jesu über deinem neuen Band Grube vergessen könntest. Schäme dich!“
Er schrak zusammen. Aber es war wie ein Trotz in ihm. Kein Wort der Entschuldigung sprach er, setzte sich, steckte sich mit seinen raschen knabenhaften Bewegungen die Serviette zurecht; immer ohne aufzusehen. Und die Bierkarpfen, von denen er gestern im voraus geschwärmt, rührte er kaum an.
Recht schweigsam verlief das kleine Mahl. Eigentlich sprach nur Tante: von dem Jubel der Kinder vorhin, von der Freude des Schenkens, von der Weihe dieses Abends. Nur mit halber Aufmerksamkeit folgte Helene. Ihre Gedanken wanderten. Aber einmal schrak sie auf, wie aus einem Traum. Tante Marianne erzählte, daß man im Palais, als sie noch Hofdame gewesen, neben den Tannenbäumen stets auch eine der alten Berliner Weihnachtspyramiden gehabt hätte ... „Du hast sicher solch ein Ding noch nie gesehen, Helene, solch eine Pyramide mit den steifen, gerade abstehenden Armen ...“
Bald nach Tisch brachte der Diener die Leuchter hinein, stellte sie auf den Tisch an der Tür, die Porzellankästchen mit den Schwefelhölzern daneben und auf jeden Leuchter die Lichtputzschere. Wie an jedem Abend. „Der gnädigen Herrschaft wünsche ich gute Nacht“, sagte er leise, wie immer. Das war wie an jedem Abend das Zeichen zum Aufbruch. Tante Marianne glitt, langsam und geräuschlos, zu dem Tisch an der Tür hinüber, zündete umständlich die drei Kerzenstümpfe an. „Gute Nacht, Kinder.“ Dann küßte sie den Sohn, legte auf einen Augenblick ihre Rechte in die Helenes, die sich tief über die kühle Matronenhand neigte. Und wie an jedem Abend stiegen die beiden gemeinsam die Treppe hinauf.
Das war sonst oft, fast immer unter halblautem Lachen und Scherzen geschehen, und manchmal hatten sie, zumal in der ersten Zeit, noch ein paar Minuten auf der großen Truhe oben im Flur gesessen und geplaudert.
Heut ging Harro stumm neben Helene her. So stumm — das Herz wurde ihr schwer und schwerer. ‚Wenn ich nur erst in meinem Zimmer wäre,‘ dachte sie beklommen.
Nun war sie oben.
„Gute Nacht, Harro“, sagte sie rasch. „Schlaf wohl!“ und reichte ihm die Hand hin.
Da griff er, mit einem Ruck des Armes, zu, sah sie zum erstenmal heute abend an. Mit einem eigenen Blick, nicht mehr versteint, sondern forschend, vorwurfsvoll. Das Helle, Kindliche schien in den blauen Augen erloschen, ein dunkles, wissendes Leuchten war darin. Seine Hand bebte, wie sie so die ihre umfaßte. Um seine Lippen zuckte es. Plötzlich, ehe sie es hindern konnte, hatte er ihr die Hand geküßt. Sie fühlte eine schwere Träne auf dem Gelenk. Und dann lief er auch schon, wortlos, den Flur hinunter, seinem Zimmer zu.