Siebentes Kapitel
Zwischen Weihnacht und Neujahr war Alfred verreist. Er gastierte in Frankfurt am Main, und seine Abwesenheit dehnte sich bis Anfang Januar aus, länger, als er Helene gesagt hatte. Es war eine öde, trübe Zeit für sie, zumal auch Frau Harriers-Wippern Ferien hielt. Die Stunden schlichen dahin und die Tage, und Helene kam in ein Grübeln hinein, das ihrem Wesen sonst ganz fremd war. Wie auf Wolken war sie gewandelt in all den letzten Wochen, wie in einem Rausch. Nun dünkte sie alles um sie her so nüchtern, so leer, ihr Dasein so schal, als wäre ihm jeder Inhalt genommen.
Auch die einsame Insel drückte auf sie, die noch vertiefte Stille dieser Woche, die Tante Marianne so ganz als weihnachtlich empfand. An den Festtagen fuhr unweigerlich am frühen Vormittag die Mietkutsche vor. Tante Oschitz hätte jeden Zwang zum Besuch des Gottesdienstes verworfen, denn er entsprach so gar nicht ihren Anschauungen; aber sie sah es als selbstverständlich an, daß Helene und Harro sich ihr anschlossen. Eine Qual schon allein diese endlose Fahrt, den Vetter auf dem Rücksitz gegenüber! Das Kapellchen, dem die festliche Weihe fehlte; die Predigt, deren steten, sanften Druck auf die Tränendrüsen Helene instinktiv empfand; noch einmal die lange, lange Fahrt, während derer Tante mit Harro ein immer vergebliches Examen über das, was der Tränen-Müller soeben verkündet, anstellte. Trotz auf der einen, Verstimmung auf der andern Seite. Verstimmung, die eigentlich den ganzen Tag über anhielt, um sich erst gegen Abend in eine schmerzliche Mutterzärtlichkeit aufzulösen.
Es war ja gut, daß Harro der Verstimmung wie der Zärtlichkeit auswich — und anderem. Er war tagsüber fast nie zu Hause, hatte tausend Ausreden. Oft genug fehlte er sogar bei den Mahlzeiten; bisweilen kam er erst spät in der Nacht zurück, heimlich, auf verbotenem Wege, mit falschen Schlüsseln. Vielleicht steckte er auch mit den Dienstboten im Bunde. Jedenfalls hörte Helene in ihren unruhigen Nächten oft noch nach Mitternacht seinen leisen Schritt auf dem Korridor. Und es gab ihr jedesmal einen Stich ins Herz: auch daran war sie schuld. Ganz genau wußte sie das.
Einmal, nachmittags, war Tante Marianne zu ihrem Bankier gefahren. Helene saß unten im Salon. Es dämmerte schon leicht, so daß sie ihr Buch aus der Hand legen mußte. Ein paar Male ging sie im Zimmer auf und nieder, setzte sich vor das Instrument, schlug ein paar Akkorde an. Wie eine halbe Ewigkeit erschienen ihr die Tage, in denen sie nicht geübt hatte. Sie dachte nach: wann hast du überhaupt zum letzten Male gesungen? Und da schoß ihr durch den Sinn: ‚Am heiligen Abend! Am heiligen Abend — mit ihm!‘ In jener Stunde, in der sie eigentlich zum letzten Male sich ganz, ganz glücklich gefühlt hatte —
So deutlich ... so zum Greifen deutlich stand plötzlich wieder sein Bild vor ihrer Seele.
Ob auch er wohl jetzt ihrer gedachte?
Tiefer sanken die Schatten herab. Fast dunkel war es im Zimmer.
Ganz leise und sacht fing sie an, gerade so, wie sie beide neulich — neulich angefangen hatten.
„Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude —“
Sie wußte nicht, wie das Goethelied ihr ins Gedächtnis gekommen war. Nur das fühlte sie, daß es so ganz ihrer Stimmung entsprach. Und ihre Stimme hob sich, schwoll und schwoll —
„Ach, der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite —“
Einmal war es, als ginge eine Tür. Aber sie überhörte es. All ihre Seele war bei dem Gesang. Wie auf Flügeln trug es sie himmelan, als ob ihre Kunst das Herz läutere. Dies zuckende Herz —
„Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!“
Ein paar Atemzüge lang saß sie ganz still, die Hände noch auf den Tasten, mit geschlossenen Augen. Ihr war so wohl und war so weh —
Da hörte sie deutlich nebenan, im Arbeitszimmer des Herrn von Oschitz, ein verhaltenes Schluchzen. Ein einziger kurzer Ton nur war’s. Fast nie betrat jemand dies düstere, kleine Gemach des Verstorbenen. Und noch einmal klang’s auf, so daß sie zusammenschauerte. Ein Wehlaut, wie mit Trotz unterdrückt.
Fast im gleichen Moment aber sprach jemand nebenan. Des alten Dieners Stimme: „Die Lampe, junger Herr — Sie woll’n sich wohl die Augen ganz verderben.“ Und dann schlug wieder eine Tür heftig zu.
‚Armer Harro! Lieber armer Junge! Auch dir muß ich weh tun, du dummer lieber Junge —‘
Während des ganzen Abends, die halbe Nacht über wurde sie den Gedanken an ihn nicht los.
Diese unruhigen Nächte!
Da kamen die Gedanken, wanderten, erloschen und stiegen aufs neue empor. Und die Sehnsucht kam, krallte sich ein, wurde zum zehrenden Schmerz; wollte sich aufrichten, sich emporranken am Glückserinnern, wurde herabgezerrt vom zagenden Zweifel. Wie zerborsten, zertrümmert sah Helene bisweilen den stolzen, schönen Bau der Zukunft vor sich, den sie so froh, so siegesgewiß aufgerichtet hatten. Hindernisse auf Hindernisse, an die sie nie gedacht, türmten sich auf dem Wege, sperrten jede Aussicht.
Er schrieb so selten, so furchtbar selten für ihre Sehnsucht. Seine Briefe waren so kurz und karg. Gierig suchte sie zwischen den Zeilen, was nicht in ihnen stand. Immer nur von seinen Erfolgen, Triumphen schrieb er, von seiner Arbeit. Manchmal, wenn sie solch ein Billett mutlos in den Schoß sinken ließ, kam ihr ein häßlicher Gedanke: er spricht eigentlich auch immer nur von sich. Aber sie schüttelte solch Empfinden ab wie einen Schmutztropfen. Sie schämte sich.
Vor Jahren hatte sie in Rohlbeck einmal Goethes „Wahrheit und Dichtung“ gelesen. Jetzt ging sie an Harros Bücherschrank, suchte sich den Band heraus, ließ Frankfurts Straßen und Gassen wieder vor sich aufsteigen, ging wie im Traum mit dem Geliebten zum alten Römer und in das Haus am Großen Hirschgraben. Von dem schönen Gretchen las sie, von Goethes Sekundanerliebe, und dachte an Harro. Dachte dann jäh auch: ‚die schönen Frankfurterinnen!‘ Es war wie der Blitz einer Eifersucht. Er traf und schmerzte. Aber gleich bat sie Alfred die Sünde ab — und dann lachte sie leise vor sich hin. Wie man so töricht werden kann vor Sehnsucht.
Das Lachen erstarb, die Sehnsucht blieb.
Tante Oschitz kümmerte sich nicht groß um Helene. Das hatte sie nach einigen Anläufen aufgegeben. In ihr lag es nicht, um Seelen zu kämpfen. Sie selber hatte sich durchringen müssen. Das mochten andere auch tun, und es gelang jedem, so Gott es wollte.
Helene war ihr auch wesensfremd. Sie hatte sie gern, aber nicht mehr; es gab keine engeren Verbindungsglieder zwischen beiden, als die Verwandtschaft schlug. Und wenn sie doch einmal, selten, eine Brücke suchte, so schreckte ihre Herbheit Helene ab, vielleicht gerade weil diese herbe Art sich meist so eigen mit sanften Worten gab.
Trotz allem konnte Tante Marianne die Veränderung in Helenens Wesen nicht entgehen.
„Du siehst schlecht aus, Kind“, sagte sie eines Tages. „Ich glaube, du kommst zu wenig an die Luft.“
„Ich bin ganz wohl.“
Sie saßen sich in der tiefen Fensternische, unten im Salon, gegenüber; Tante Marianne mit einer ihrer Handarbeiten beschäftigt, die Harro früher bisweilen respektlos genug mit Penelopes Geweben verglichen hatte; Helene über ihrem Buch.
„Man täuscht sich in der Jugend leicht über das eigene Befinden. Wirklich: dein Aussehen straft deine Versicherung Lügen.“
„Ich bin ganz wohl“, wiederholte Helene hartnäckig.
Tante Oschitz sah schärfer zu und schüttelte den Kopf. „Ich will Harro sagen, daß ihr morgen einen tüchtigen Spaziergang macht.“
„Bitte — nein, Tante —“
Es kam so heftig heraus, daß die alte Dame stutzig wurde. „Habt ihr euch entzweit, du und Harro?“ fragte sie erstaunt. „Ihr wart doch so gute Freunde.“
„O ja ... o nein! Nur ... ich meine ... Harro hat so vieles andere vor jetzt. Er braucht auf mich keine Rücksichten zu nehmen.“
„Viel zu viel hat der Schlingel vor. Ich bin auch nicht blind.“ Tante Marianne lächelte — für ihren Jungen hatte sie im letzten Grunde ihres Herzens immer Entschuldigungen bereit. „Aber es bleibt dabei. Morgen treibe ich euch beide aus dem Hause.“
Es blieb wirklich dabei. Und es wurde ein qualvoller Spaziergang durch den verschneiten Tiergarten. Sie rasten im schnellsten Tempo ihren Gesundheitsmarsch ab. Immer dachte Helene: ‚das sind dieselben Wege, dieselben Wege, die er und ich gingen.‘ Immer dachte sie dazwischen: ‚der arme Junge, der arme Junge!‘
Die Querallee waren sie gegangen, zum Großen Stern, bogen nun wieder in das Weggewirr ein, das zur Rousseau-Insel zurückführte. Ohne ein Wort zu sprechen. Manchmal sah Helene scheu auf ihren Begleiter. Er hatte die Hände tief in die Manteltaschen gesteckt, zur Faust geballt; der schöngeformte Kopf war auf die Brust gesenkt; auf der Stirn unter der Pelzmütze lagen dichte Falten; die Lippen hatte er fest aufeinandergepreßt.
Plötzlich, mitten in der Einsamkeit, blieb er stehen.
„Helene —“ sagte er jäh, und dann stockte er wieder. Ganz tief, ganz alt hatte seine Stimme geklungen.
Ein Beben überlief sie, eine unbestimmte Angst. Unwillkürlich war auch sie stehengeblieben und wäre doch am liebsten geflohen.
Mit einem Male riß er die Fäuste aus den Taschen, die Tränen stiegen ihm in die Augen. Er faßte nach ihren Händen. Und nun hatte seine Stimme wieder den rührenden Ton der Jugend: „Liebe Helene, kann ich dir nicht helfen?“
Sie empfand alles, was in seinem Herzen vorging. Durchlebte es mit ihm in einem Augenblick: seine ehrliche Jungenliebe, — sein Sehnen — der reine, schöne Wunsch, sich selber für sie zu opfern! Wußte, daß auch er sich einen Altar aufgebaut hatte, auf dem er sein eigenes Herz für sie in Rauch und Asche verbrennen wollte! Fühlte den heiligen Ernst, der in ihm glühte!
Die Angst glitt ab von ihr. Aber weinen hätte sie mögen. Ans Herz hätte sie ihn nehmen mögen wie einen Bruder. Nein — mehr war er, als ihr je ein Bruder gewesen war, je sein würde!
Lügen konnte sie nicht in diesen Augenblicken. Nicht lügen ... schrie es in ihr. Nicht einmal leugnen!
Aber sie konnte auch nicht anders, als den Kopf schütteln. Ernst und schwer und nun auch mit tränenden Augen.
„Ich hab dich gestern singen hören“, sprach er weiter. Ganz langsam kamen die Worte ihm von den Lippen. „Du sangst so wunderbar schön ... das Beethovensche Lied ... das Harfnerlied. So wunderbar schön, aber es war, als bräche dir das Herz darüber entzwei.“
Sie neigte den Kopf. „Unsagbar wohl hat es mir doch getan“, sagte sie. Es waren ihre ersten Worte. Und wie sie sich selber sprechen hörte, kam ihr allmählich das Bewußtsein ihrer Überlegenheit wieder. Der Überlegenheit, die ihr bei fast gleichen Jahren ihr Geschlecht gab und ihr Erleben. Gerade nun empfand sie das: wie jung der liebe Harro da neben ihr war, und auch das andere: wie sie selber in diesen letzten Monaten gereift war.
Ihre Überlegenheit kam zurück, und damit ihre Sicherheit. Aber der innige Wunsch blieb, dies junge Herz zu schonen, ihm gut zu tun, wie sie nur konnte.
Sie drückte ihm die Hände. „Ich danke dir, lieber Harro. Ich weiß, wie gut du es meinst. Ich will dir immer eine treue Freundin bleiben.“
Er zuckte zusammen. „Helfen möchte ich dir!“
„Wir Menschen können einander wohl nur selten helfen.“
„Du sagst, du wolltest meine Freundin sein. Dann mußt du auch Vertrauen zu mir haben, Helene!“
Da war schon wieder der Trotz in seiner Stimme, der rechte Jungenstrotz. Und das tat ihr wohl.
Sie antwortete nicht gleich, sie begann auszuschreiten.
„Es gibt Dinge, Harro, die man auch dem besten, liebsten Freunde nicht mitteilen darf. Stimmungen gibt es und Kämpfe, die man nur selber durchringen und überwinden kann.“
Er nickte, rasch hintereinander, ein paar Male, als ob er gleich empfinde. Doch dann trotzte er wieder auf. „Das ist nicht die richtige Freundschaft!“
„Wir wollen’s der Zeit überlassen, Harro.“
Sie gingen schneller, und er merkte wohl, daß sie ihm auswich. Jetzt schwieg auch er. Biß wieder die Zähne aufeinander, stopfte beide Hände, zur Faust geballt, trotzend in die Manteltaschen, ließ den Kopf tief hängen, und unter der Pelzkappe zog sich das krause Faltengewirr über die Stirn. Einmal kam etwas wie ein bitterer Lachton zwischen den geschlossenen Lippen hervor.
‚Nun ist er doch wieder ganz der törichte Junge‘, dachte sie. ‚Gottlob! Töricht und dabei so lieb, so lieb!‘
Und da waren sie auch schon dicht an der Tiergartenstraße. Durch die Bäume schimmerte grau die einsame Insel mit dem roten Ziegeldach darüber.
‚Ein gutes Wort mußt du ihm doch noch sagen ...‘
Die Hand streckte sie ihm hin. „Schlag ein, Harro! Also auf gute Freundschaft!“
Er sah auf. Ganz dicht standen seine Brauen aneinander. Er zögerte, rang mit sich. Die Fäuste kämpften in den Manteltaschen: sollen wir oder sollen wir nicht? Die Oberzähne nagten an der Lippe.
Plötzlich stieß er heraus: „Ja — du —!“ Machte kurz kehrte und rannte in den Tiergarten zurück. — —
Nun aber, nun war Alfred endlich in Berlin. Sie sah ihn wieder, hörte seine Stimme, hielt seine Hand in der ihren, saß neben ihm in der lieben, kleinen Konditorei auf dem alten Sofa und bat ihm im geheimen all ihr Zagen und Sorgen, all ihren Kleinmut ab. Nicht im geheimen nur. Ganz offen, ganz ehrlich: „Ich war so töricht, Fred ... ich habe mich so geängstigt ... so hoffnungslos war ich. Ach, Fred, du darfst mich nicht so lange allein lassen. Ich ertrage das nicht. Die Sehnsucht ist zu groß.“
„Ja, die Sehnsucht! Glaubst du denn, Helene, ich hätte nicht unter der Sehnsucht gelitten?“ Er legte den Arm um sie, zog sie an sich. „Aber ich weiß wohl, wir Männer kommen leichter darüber hinweg als ihr Frauen. Schon durch den Beruf. Was war das wieder für eine abscheuliche, anstrengende Sache, dieses ganze Gastspiel! Schon allein die Fahrt bei dieser Kälte. Man ist in Deutschland doch noch um ein Jahrzehnt zurück oder länger. Gerade daß immer alle fünf Stationen eine Fußflasche mit heißem Wasser ins Coupé geschoben wird, während es selbst in Rußland schon ordentlich geheizte Wagen gibt. Ridikül ist’s. Und der ungemütliche Aufenthalt im Frankfurter Hotel, und diese jammervollen Theaterverhältnisse in der lobesamen Freien Reichsstadt!“
„Warst du am Großen Hirschgraben?“
„Wo?“
„Am Großen Hirschgraben ... wo der junge Goethe gewohnt hat.“
Er lachte. „Ach, du liebe, liebe Närrin. Was ist mir der junge Goethe! Hat der am Großen Hirschgraben gewohnt? Ich weiß nicht einmal, wo der liegt. Aber den Tannhäuser hab ich gesungen: das war wenigstens ein Erfolg, der wohltun konnte.“ Und er erzählte von der Aufführung — lang und breit —
Sie wußte selbst nicht, warum es ihr weh tat, daß er vom jungen Goethe nichts wußte, nichts wissen wollte. Es war ja auch ungerecht, daß sie’s mit einer leisen Bitterkeit empfand, sie gestand es sich ein. Und ungerechter noch, daß sie nicht mit der gewohnten Aufmerksamkeit zuhören konnte. Aber sie mußte sich geradezu anstrengen, ihm zu folgen.
Nicht einmal fragte er: wie ist es dir denn ergangen in diesen langen, langen Tagen? Freilich, ein Mann hatte eben seinen Beruf, und es war wohl in der Ordnung, daß er ganz in ihm aufging. Aber weh tat es doch. Nun — auch sie würde ja einmal ihren Beruf haben. —
Und wonnig, beseligend war es doch schon, ihn wieder zu haben. Seine Nähe zu fühlen, seine Hand zu halten. Was wollte sie denn mehr: er liebte sie — er liebte sie! Er sah ihr in die Augen, tief, tief, er suchte ihre Lippen —
Was wollte sie mehr? Was wollte sie mehr! Nichts — nichts — nichts!
Dann zog er ihr kleines Weihnachtsgeschenk heraus: „Das ist mein treuer Begleiter gewesen“, sagte er.
Nun hatte sie ihm längst die Kunst abgelernt, zwischen spitzen Fingern eine Zigarette zu drehen. Er lachte jedesmal, wenn sie ihm die hinhielt, daß er sie anfeuchte. „Nein, daß mußt du tun — schmeckt besser so!“ Und sie lachte wieder, ließ die Zunge vorsichtig über den Papierrand gehen. „Jetzt rauche auch du ein paar Züge!“ Das konnte sie nicht, das lernte sie nicht. Versuchte es, ihm zuliebe, und erstickte fast. „Kleine Deutsche — du!“ spöttelte er. „Da waren meine russischen Freundinnen erfahrener.“ Sie zog ein Gesichtchen. „Aber Lene! Tempi passati! Du bist doch nicht eifersüchtig?“ — „Rasend eifersüchtig könnte ich sein.“ — „Ach geh! Das ist ja immer eine Dummheit.“
Ein paar Augenblicke sah sie wortlos vor sich hin. Dann schlang sie jäh die Arme um seinen Hals und küßte, küßte ihn.
Fast täglich sahen sie sich nun. Aber meist nur wie im Fluge, auf karge Minuten. Seine Zeit war sehr knapp, er studierte ein paar neue Rollen, hatte mancherlei gesellige Verpflichtungen. Auch ging er nicht mehr so gern wie ehedem in die kleine Konditorei; er behauptete, das gute Kuchenfräulein fiele ihm auf die Nerven und der süße Dunst in dem winzigen Lokal wäre schier unerträglich jetzt im Winter, wo nie gelüftet würde.
„Warum kommst du nicht endlich einmal zu mir? Ich habe dich so oft gebeten. Nachgerade — weißt du, Helene — empfinde ich es fast wie einen Mangel an Vertrauen.“
Ein paar Male sagte er das. Aber sie antwortete nie. Immer straffte sich dann ihr Nacken, und sie bog den Kopf zurück mit dem ablehnenden, abwehrenden, eigensinnigen Ausdruck, den er schon kannte.
Einmal hatten sie sich im Vorzimmer von Frau Harriers-Wippern verabredet. Er mußte ein wenig warten, die Unterrichtsstunde schien sich auszudehnen. Als Helene herauskam, sah er, daß sie geweint hatte. „Nun?“ fragte er. „Was hast du denn?“
Erst wollte sie nicht recht mit der Sprache heraus. Endlich gestand sie, daß Frau Harriers mit ihr nicht mehr so zufrieden wäre wie früher, ihr leise Vorwürfe gemacht hätte: sie sei nicht aufmerksam genug, übe auch wohl nicht mehr so fleißig wie ehedem. Es schien Helene sehr nahegegangen zu sein.
„Ach — bah!“ machte er. „Jeder Lehrer muß gelegentlich tadeln. Aber wenn sie schon recht hat: warum hat denn dein Eifer nachgelassen?“
Sie sah ihn an: mußte er sich denn nicht selber sagen, woran das lag? Daß sie nur an ihn, nur an ihn denken konnte.
Eine Antwort wartete er nicht ab. „Übrigens, Helene, hab ich dir längst gesagt, daß die gute Harriers nicht mehr die rechte Lehrerin für dich ist.“ Er wurde eifriger. „Ich will dir einen Vorschlag machen: entschließe dich kurz und schnell und fahre zur Viardot!“
„Aber du weißt doch, daß das nicht geht.“
„Nicht geht? Warum denn nicht? Um des elenden Mammons willen? Ich hab genug verdient in den letzten Jahren. Ein Wort von dir, und wir sitzen morgen früh in der Bahn — wir beide, ganz allein, Helene —“
Sie waren aus dem Hause getreten, gingen langsam die Viktoriastraße hinunter, dem Tiergarten zu.
„Sei nicht so klein, Helene! Du bist doch Künstlerin. Du willst eines Künstlers Frau werden. Wir haben das Recht, freier, größer zu denken als andere Menschen. Wirf endlich einmal dein Philistertum hinter dich. Helene, Geliebte — wir beide, allein —“
Wieder straffte sich ihr Nacken. Aber dann ließ sie den Kopf sinken. Glühend heiß stieg es in ihr empor.
Sein leises Raunen klang so einschmeichelnd in ihr Ohr. „Wenn du mich wirklich lieb hast, Helene, wirst du ja sagen. Liebe muß Vertrauen haben, Liebe soll doch auch Opfer bringen können. Opfer? Ich will ja gar kein Opfer. Laß dir sagen, Helene: wir fahren nicht gleich nach Baden-Baden. Wir fahren erst nach Helgoland. Nach dem freien Stück englischen Bodens. In drei Tagen sind wir Mann und Frau. Helene, Geliebte, so kann es nicht weitergehen.“
Ihre Hände krampften sich in der kleinen Muff zusammen. ‚Mann und Frau!‘ dachte sie. ‚Großer guter Gott, wäre denn das möglich?‘ Ein unsagbares Glücksempfinden war in ihr und eine herzbeklemmende Angst. ‚Lieber Gott, hab Erbarmen —‘
Da sah sie drüben, auf der anderen Seite der Straße, Harro gehen. Er kam aus der Schule, hatte die schwarze Mappe mit seinen Büchern unter dem Arm, ging hart an den Vorgärten entlang und spähte mit finsterer Miene zu ihnen herüber. Sie sah es deutlich: seinen trotzigen Mund und das Faltengewirr auf der Stirn.
Mit einem Male rief sie laut: „Harro! Harro!“
Es war der Entschluß eines Augenblicks. Ein Entschluß, der über sie gekommen war, sie wußte selbst nicht wie. Ein Hilfeschrei vor sich selber vielleicht. Stehen blieb sie, als ob plötzlich Bleilasten an ihren Füßen hingen. Und kaum hatte sie gerufen, so brach es wie ein herzzerreißender Jammer über sie herein: ‚Du hast ja Alfred tödlich beleidigt. Das wird er dir nie verzeihen.‘
Der Vetter kam mit hastigen Schritten quer über die Straße.
Aber nun sah sie nicht mehr hin, nun sah sie nur Alfred. Sah erst das Schürzen seiner Lippen, dann das Auffunkeln in seinen Augen. Niederknien hätte sie mögen vor ihm: ‚Vergib mir, vergib! Bis ans Ende der Welt gehe ich mit dir ... allein mit dir ...‘
Plötzlich dachte sie: ‚jetzt schlägt er dich, schlägt dich nieder. Und auch das wäre Seligkeit ...‘
Und dann sah sie plötzlich, wie er sein Gesicht zwang. Ganz ruhig, ein wenig spöttisch sagte er: „Das ist ja wohl Ihr Herr Vetter, gnädiges Fräulein? Guten Tag, Herr von Oschitz.“
Weiter gingen sie, nun zu dritt. Nein, sie ging nicht, sie schleppte sich vorwärts. Ketten hingen ihr an den Gliedern, Ketten umschnürten ihre Seele. Kaum zu atmen vermochte sie.
Harro sprach kein Wort. Er hatte flüchtig seine Pelzkappe berührt, dann wieder beide Hände in die Manteltaschen gesteckt, ganz tief und zu Fäusten geballt. Rechts schritt er neben Helene her, den Kopf im Nacken.
Aber Alfred sprach. Völlig beherrscht, angeregt sogar, heiter, etwas überlegen. Daß es doch ein glücklicher Zufall gewesen wäre, wie man sich bei der Harriers getroffen; vom Winterwetter und der Eisbahn; von seiner Schulbankzeit und wie erleichtert er aufgeatmet hätte, als er den Ranzen hinter sich geworfen.
Bis zur einsamen Insel ging er mit. „Hat mich sehr gefreut, Herr von Oschitz. Bitte, legen Sie mich der Frau Mama zu Füßen. — Addio, gnädiges Fräulein ...“ Und dann noch, ganz flüchtig scheinbar, nur ihr verständlich: „Ja so ... wir wurden vorher unterbrochen ... vielleicht überlegen Sie sich doch meinen Vorschlag. Die Viardot ist nun einmal die erste Lehrerin Europas. Au revoir!“
Die eiserne Gartentür flog lautschallend ins Schloß, von Harro geschleudert.
Nun noch der kleine Weg durch den Vorgarten.
Da tat Harro endlich den Mund auf, fragte: „Warum hast du mich gerufen?“
Sie hatte die Frage erwartet und erschrak doch vor ihr. Hatte sich die Antwort zurechtgelegt und brachte sie doch nur mühsam heraus: „Ich ... sah dich dort ... drüben ...“
„So? So! Es war also nur eine Begrüßung, quer über die Straße. Es klang auch ganz so ... so wie eine Begrüßung.“
Die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie war so matt, so zerschlagen, so widerstandslos.
„Quäl’ mich nicht, Harro!“ bat sie.
Er war stehengeblieben, sah zu Boden, sah dann wieder sie an. Der Trotz wich aus seinem Gesicht, aber die Bitterkeit blieb in seiner Stimme: „Nein, ich will dich nicht quälen. Ich hab dich zu lieb dazu. Ich seh ja auch, dich ... dich quält anderes genug.“
„Es wird schon wieder besser werden. Es ist nur, weißt du — du hast doch gewiß auch oft Verdruß in den Stunden.“
Sie war eine so schlechte Lügnerin, schämte sich so, daß sie gerade vor Harro lügen mußte. Das Blut schoß ihr ins Gesicht.
„In den Stunden also —“
„Quäl’ mich nicht, Harro!“
Da ging er weiter. Die Haustür glitt ins Schloß, ganz sanft drückte Harro sie zu. Schweigend schritten sie nebeneinander die breiten Eichenstufen hinan. Erst vor ihrer Tür, oben im halbdunklen Korridor, blieb er noch einmal stehen. Tief schöpfte er Atem, es war, als ringe er mit sich. Dann sprach er dringend, heiß: „Du hast neulich nichts von mir wissen wollen, Helene. Aber ich muß es dir doch noch einmal sagen, wie gern ich dir helfen möchte. Wenn ... wenn er nur deiner wert ist ...“
Ganz leise hatte er das letzte geflüstert in seiner verhaltenen dunklen Jungensstimme. Verschämt fast und doch so innig. Sie hörte es mit geschlossenen Augen, gegen die Wand gelehnt.
Als sie die Augen öffnete, war Harro fort. Und sie ging in ihr Zimmer und weinte sich aus.
**
*
Am Nachmittag kam Bruder Wilhelm. Helene wurde heruntergerufen, ließ aber um Entschuldigung bitten: sie hätte schreckliche Kopfschmerzen. Die Wahrheit war’s und doch nicht die ganze Wahrheit, sondern eine Ausrede. Nur niemand sehen, niemand hören wollte sie.
Da kam aber Wilhelm selbst heraufgepoltert, sah in das dunkle Zimmer, holte vom Korridor die Lampe: „Aber Lene, was machst du? Tante Marianne klagte auch, du sähst miserabel aus. Laß doch mal zusehen. Wo fehlt’s denn?“
Die Augen taten ihr weh in dem plötzlichen grellen Licht. Sie hielt die Hand vor, auch deshalb: wozu brauchte er die Tränenspuren zu sehen! Ein Lächeln zwang sie heraus, indem sie ihm die Hand gab: „Kopfweh, Wilhelm, weiter nichts. Morgen ist alles wieder gut.“
Der große Optimist war leicht beruhigt, schob die Lampe beiseite, setzte sich: „Na ja, so leicht sind wir Hackentiner nicht unterzukriegen. Ja ... und ich möcht dir doch noch Prost Neujahr sagen. Eine ganze Hucke Grüße und Wünsche bring ich dir aus unserm lieben alten Rohlbeck mit.“
„Ach ... Rohlbeck ... ja, unser altes liebes Rohlbeck ...“ Wie sie das sagte, hatte sie eine ganz unbestimmte Empfindung: dies Rohlbeck mußte weit, weit abliegen. Unermeßlich weit.
Wilhelm machte sich’s behaglich und begann zu erzählen. Natürlich zuerst von Martha und seinen Schlingels; mit dem üblichen kleinen Seufzer: ja, wer es so gut hätte und immer bei ihnen sein könnte. Von Vater und Mutter dann und von ganz Rohlbeck, mit dem alten Heckstein an der Spitze, der am ersten Feiertag prächtig gepredigt, aber am zweiten dafür wieder mal einen uralten Bock abgeschlachtet hätte — „na, freilich hatten wir am Abend bis Glock eins Whist gedroschen.“ Vom Weihnachtsfest erzählte Wilhelm: wie sie alle in der großen Stube um den Christbaum gestanden hätten. Vater hätte gemeint: „Sehr schön, sehr schön, das heißt, schöner wär’s, wenn die Lene hier wäre“, und Mutter hatte etwas wie Tränen in der Stimme gehabt. Mutter wurde recht alt.
Anfangs hörte Helene nur mit halbem Ohr zu. Aber allmählich, mehr und mehr, gewannen die lieben Gestalten, von denen Wilhelm sprach, doch Leben vor ihrer Seele. Gerade, weil die so matt und flügellahm war. Ihr war’s, als wehte der Duft der großen Kiefer, um die sie alle gestanden, noch heut zu ihr; der großen Kiefer, die Vater in jedem Jahr mit dem Großknecht selber im Walde aussuchen ging. Etwas wie leises, leises Heimweh überkam sie; jetzt, plötzlich, nachdem sie so lange fast gar nicht an die Heimat gedacht hatte.
Ganz anders klang es wie vorhin, als sie nun noch einmal sagte: „Ja ... ja, unser liebes altes Rohlbeck!“
Sie schwiegen ein Weilchen. Dann fragte er, wie sie über das Fest fortgekommen wäre. „Pläsierlich wird’s ja nicht gewesen sein, taxier ich. So mit Tante Oschitz ... ich kenn das. Du hättest doch lieber mitkommen sollen, Lene. Na, übrigens, Vater wird ja jedenfalls zum 3. Februar herkommen.“
„Vater — herkommen?“
„Ihr lebt aber hier, scheint’s, wirklich auf der berühmten einsamen Insel. Lest ihr denn keine Zeitungen? Zum großen Veteranenfest! Kinder, seid ihr komisch. Zur Enthüllung des Denkmals des hochseligen Königs sollen doch möglichst all die alten Krieger von Achtzehnhundertdreizehn, aus den Freiheitskriegen, nach Berlin kommen. Hast du denn nicht einmal vom König gelesen, wie er das Programm abgeändert hat? Da hatten die Hofschranzen fein säuberlich geschrieben: ‚Alle Krüppel werden dem Veteranenzuge in Wagen aus dem königlichen Marstall folgen.‘ Dick streicht’s unser allergnädigster Herr aus und schreibt eigenhändig dafür hin: ‚Diejenigen, welche infolge ihrer bei der Landesverteidigung erhaltenen ehrenvollen Wunden gelähmt sind ...‘ und so weiter. Fein, nicht wahr? Und schön! Ja, also, ich denk’, Vater wird bestimmt kommen.“
Helene schwieg. In ihr arbeitete es: Vater würde kommen, und Vaters Jägeraugen waren scharf. Er las gewiß in ihrem Gesicht, was sie erlebt. Und wenn er dann fragte! War’s doch überhaupt wie ein Wunder, daß bisher alle blind gewesen waren — bis auf das eine Paar heller Jungensaugen! Wenn Vater kam und sie ansah und fragte — — —
„Gerade redselig bist du nicht, Lene.“
„Wilhelm, mein armer Kopf.“
„Ja so ...“ und er erzählte weiter. Von den Rackowern, die diesmal den Winter daheim bleiben wollten. Sie müßten sparen, hatte der dicke Ernst gesagt. „Na, Lene, die Rackowschen und sparen! Schaden könnt’s ja nicht, denn man munkelt, Ernst sitze bei Ephraim Hirsch feste in der Kreide. Aber die und sparen. Tante Marie hat zu Weihnachten einen Kaschmirschal geschenkt bekommen, der seine tausend Taler unter Brüdern kostet.“ Übrigens hätten sie sehr nach Helene gefragt.
„Wann bist du denn zurückgekommen?“ Sie sagte es eigentlich nur, um etwas zu sagen.
„Gestern nachmittag. Ich wär schon gestern zu dir gekommen, aber meine englischen Freunde hatten mich auf acht Uhr zu Ewest eingeladen. Da traf ich übrigens auch den Russen, wie du ihn ja wohl immer nanntest, Herrn Schwarz. In einer höchst fidelen Gesellschaft.“
Ganz weit lehnte sie sich zurück und deckte die Hand noch fester über die Augen.
„Theatervölkchen, weißt du. Wir haben noch ein paar Flaschen Cliquot zusammen getrunken. Meinen Engländern machte das einen Heidenspaß. Der eine, Mister Forster, hätte am liebsten angebändelt. Es war da eine bildschöne Person darunter, aus Frankfurt, die gefiel dem edlen Briten über die Maßen — doch die war in festen Händen. Aber was red’ ich da ... das ist ja nichts für Mädchenohren.“
Er schämte sich ein wenig und lachte verlegen. Sah nicht, wie die Schwester ganz hintenübersank, wie sie sich dann wieder aufrichtete, starr und steif. Hörte nicht, wie ihre Brust sich hob, ihr Atem schneller ging und immer schneller.
Er sah und hörte nichts. Er sprach schon wieder von Rohlbeck. Es ging so doch nicht mehr lange mit dem ewigen Hin- und Herkutschieren. Wenn endlich die Konzession für die Eisenbahn von Frankfurt nach Posen hinaus wäre — und er hätte sie sicher in der Tasche, und das gäbe einen ordentlichen Batzen Geld —, dann müßten sie ganz nach Berlin ziehen. Schon der Jungens wegen, damit die in eine ordentliche Schule kämen.
„Na, Lene, und nun Gott befohlen. Soll ich die Lampe mit herausnehmen? Bist wohl lieber im Dunkeln? Ja, solche verdeubelten Kopfschmerzen. Kenn’ ich, hab ich auch manchmal; wenn auch von anderer Art. Adieu, Lene, gib mir die Hand. Donnerwetter, was hast du für eiskalte Hände. Soll ich dir ’n Doktor schicken? Gute Besserung liebe Lene —“
Nun war er endlich gegangen.
Helene hatte ihr Taschentuch herausgezerrt und biß auf das Leinen. Sonst hätte sie aufschreien müssen. Aufschreien, daß es durch das ganze Haus gellte.
Ihm nachschreien: das ist gelogen! Wie kannst du es wagen, vor meinen Ohren Alfred so zu verleumden! Weißt du denn nicht, daß er mich liebt? Mich — nur mich!
Gelogen! Gelogen! Gelogen!
Immer wieder sprach sie es in Gedanken vor sich hin. Es tat ihr körperlich weh, es war, als ob das Wort jedesmal einer spitzen Nadel gleich ihr ins Gehirn stoße. Aber sie wiederholte, wiederholte: gelogen — gelogen — gelogen —
Eine Stunde wohl saß sie so, ohne sich zu rühren. Ohne einen einzigen anderen Gedanken fassen zu können. Nur, daß ihr wohl ein Wort durch den Sinn schoß, das er neulich gesprochen hatte, lachend: „Du bist doch nicht eifersüchtig?“ Aber es war nur wie eine unklare Erinnerung. Eifersüchtig?! Wie sollte sie eifersüchtig sein? Es war doch alles gelogen — gelogen — gelogen —
Einmal steckte Tante Oschitz den Kopf durch die Türspalt: „Immer noch Kopfschmerzen? Armes Kind! Mach dir doch einen ordentlichen Umschlag von Eau de Cologne.“
„Ja, liebe Tante.“
„Ich muß zu Madame Sandern. Willst du das Abendbrot auf dein Zimmer?“
„Wie du befiehlst, liebe Tante.“
O Gott, daß auch diese sanfte Stimme schmerzen konnte.
„Soll dir das Mädchen die Lampe bringen?“
„Bitte nein, liebe Tante.“
„Recht gute Besserung, Kind. Ich stelle dir unten das Akonit hin. Zehn Tropfen, hörst du.“
„Ja, liebe Tante.“
Langsam schloß sich die Tür wieder. Tante Marianne hatte so geräuschlose Sohlen. Aber heut hörte Helene jeden, jeden ihrer Schritte auf der Treppe, bis zur letzten Stufe, und jeder dieser sanften schleifenden Tritte schmerzte.
Wieder saß sie im tiefen Dunkel. Saß regungslos. Und dachte immer wieder: gelogen — gelogen — gelogen —
Und dachte nun doch zurück an den heutigen Vormittag. Gerade weil sie ja wußte, was der Bruder da leichthin geredet hatte, war gelogen. Selbstverständlich gelogen. Alfred, der ihr heute — heute — ins Ohr geflüstert hatte: „Mann und Frau“ ... „wir allein, ganz allein“: Alfred sollte gestern abend ...
... sollte überhaupt! Ach, diese schlechten, schlechten Menschen!
Lachen müßte man — wenn man nur könnte —
Aber sie selber: sie selber war auch schlecht gewesen. Denn schlecht war es, daß sie kein volles Vertrauen zu ihm fassen konnte. Wie kam das überhaupt? Wenn man jemand liebt, muß man volles Vertrauen haben. Unbedingtes, grenzenloses Vertrauen. Muß Opfer bringen können. Ja, hätte sie denn nicht für ihn sterben mögen ... sterben mit tausend Freuden!
Sie aber ... sie hatte nach Harro gerufen. Wie um Hilfe. Nach dem dummen Jungen, der seines Weges kam, schlendernd, mit der Mappe unter dem Arm. Die Fäuste in den Manteltaschen. In den Augen dieses argwöhnische Überwachen. Was fiel dem Jungen ein!
Mit Verachtung hätte Alfred sie strafen müssen. Aber er war der Großmütigere gewesen, der Überlegene, der Verzeihende.
Und immer — immer war sie klein gewesen, klein und kleinlich ...
Und nun gar eifersüchtig. Nein, nein! Das nicht! Es war ja alles erlogen — erlogen — erlogen —
Wieder saß sie eine Weile ganz still, regungslos.
Dann sprang sie plötzlich jäh auf. Sie tastete im Dunkeln nach ihrem Schrank, riß ihren Mantel heraus und den Pelzhut. Alles im Dunkeln, ohne zu wählen; warf den Mantel um. Mit hastenden, unsicheren Händen. Der Hut wollte und wollte nicht sitzen. Ihr Haar hatte sich wohl gelockert. Sie griff hinein, preßte es gewaltsam unter die Hutform, schürzte die Bänder unter dem Kinn.
Aber als sie die Türklinke in der Hand hatte, wandte sie sich noch einmal um. Nun brauchte sie doch Licht. Strich das Schwefelholz an, entzündete die Kerze, kniete vor der Kommode nieder. Da lag, ganz unten versteckt, die Brosche mit den Topasen. Die mußte sie doch anstecken — heute.
Das ging nur vor dem Spiegel. ‚Mein Gott, wie siehst du aus!‘ dachte sie erschrocken. Auf einen Augenblick kam ihr die Besinnung zurück. Soweit wenigstens, daß sie sich das Haar glatt strich. ‚Nein, häßlich darf er dich nicht finden.‘ So weit wenigstens, daß sie die Knöpfe des Mantels richtig schloß, den Hut gerade rückte.
Die Topasen schimmerten und glänzten, wie sie so bei dem matten Schein der Kerze die Brosche vor sich hin hielt. Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht. Darüber wird er sich gewiß freuen, daß du die angesteckt hast. Heute —
Nun war sie fertig, war ruhig. Wirklich, glaubte sie, ‚ich bin nun ganz ruhig‘. Es war ja nur der Entschluß, der so schwer war.
Sie löschte die Kerze. Sie huschte die Treppe herunter und über den Flur. Leise, vorsichtig, öffnete sie die Haustür. An Harros scharfe Ohren dachte sie dabei. Leise, vorsichtig drückte sie die Tür wieder zu. Es war doch ein Glücksfall, daß Tante Oschitz gerade heut abend aus war. Bei der alten Madame Sandern. Da saßen sie jetzt und strickten Missionsstrümpfe. Komisch eigentlich: um die Neger da hinten, da unten in Afrika sorgte sich Tante Oschitz.
Draußen war es schneidend kalt. Aber die Kälte tat Helene wohl. Sie atmete tief auf. Der Kopfschmerz war verschwunden. Wie fortgezaubert. Durch die Kälte vielleicht, durch den Entschluß vielleicht. Durch einen großen, guten Entschluß! Der das Herz so leicht macht und so froh.
Schnellen Schrittes ging sie die Tiergartenstraße entlang, dann durch die Lennéstraße. Es war sehr leer auf den Straßen bei der starken Kälte. Im Rauhreif standen links die Bäume des Tiergartens, winkten rechts die des Radziwillparks über die alte Stadtmauer. Sogar auf dem Pariser Platz war es still. Der Posten an der Brandenburger Torwache lief in schwerem Mantel hinter dem Gitter herum, um sich warm zu halten. ‚Das ist der Weg, den wir am ersten Tage in Berlin gegangen sind‘, dachte Helene. ‚Und nun gehe ich zu ihm — zu ihm!‘
Das kurze Stück Unter den Linden, die Wilhelmstraße. ‚Ja, zu ihm! Was er wohl für Augen machen wird? ‚Du, Helene?!‘ Ans Herz wird er mich nehmen, und ich will ihm abbitten, alle meine Zweifel, all meine häßlichen kleinen, kleinlichen Gedanken.‘
Jetzt kam die lange Behrenstraße. Ganz am Ende wohnte er, fast gegenüber dem Opernhause. Oft genug war sie ja vorübergegangen, hatte zu seinen Fenstern emporgesehen mit pochendem, sehnsüchtigem Herzen.
Plötzlich kam ihr der Gedanke: wenn er nun nicht zu Hause ist? Aber das war ja unmöglich. Er mußte zu Hause sein, heute: das wollte das Schicksal.
Sie war sehr schnell gegangen, zuletzt fast gelaufen.
Nun, plötzlich, als sie auf der anderen Straßenseite die erleuchteten Fenster des Ewestschen Restaurants sah, stockte ihr der Atem. Dort also hatte er gesessen, in lustiger Gesellschaft, gestern abend — in solcher Gesellschaft. Was hatte Wilhelm erzählt? Doch das war ja gelogen — gelogen — gelogen —
Sie wiederholte es sich immer wieder, immer eindringlicher. Aber das würgende Gefühl in der Brust wurde sie nicht los, die atembeklemmende Enge. Mühsam nur kam sie vorwärts, und jetzt erst fühlte sie die schneidende Kälte, den scharfen Wind, der die Straße entlang jagte, ihr gerade ins Gesicht. Sie schauerte zusammen. An der Rückfront des Palais mußte sie einen Augenblick stehen bleiben. Und da schoß ihr plötzlich der Gedanke durch den Sinn: ‚Hier wohnt der alte König, und Vater kommt als sein Gast. Vater!‘
‚Vater —‘
‚Was Vater wohl dazu sagen würde, wenn er dich hier fände, auf diesem Wege?!‘
Sooft hatte er ihr den Nacken gesteift, hatte sie den Kopf zurückwerfen lassen, der Hackentinsche Stolz. Halb unbewußt beides: Familienstolz und Mädchenstolz. Heut hatte sie das beides weit hinter sich geworfen. Aber nun war’s doch, als hörte sie Vaters Stimme: „Mädel, wo hast du deinen Stolz?“
Sie biß die Zähne aufeinander, stand noch einen Moment mit geschlossenen Augen. ‚Mein Stolz? Ja, mein Stolz! Was ist mein Stolz gegen meine Liebe!‘ Und weiter ging sie, an den kümmerlichen Büschen des Opernplatzes entlang, jetzt schon seine Fenster suchend.
Die Fenster waren dunkel. Er war nicht daheim.
Aber er mußte ja zu Hause sein. Er hatte gewiß auch ein Zimmer nach dem Hofe hinaus.
Wieder stand sie ein paar Minuten, nach den Fenstern dort drüben hinüberspähend, als ob im nächsten Augenblick hinter den Rouleaus ein Lichtschein aufflammen müßte.
Dann wollte sie über die Straße. Sie mußte ja doch über die Straße. In dies Haus drüben, die zwei Treppen hinauf. Sie mußte ja doch ...
Aber es war wie eine Lähmung in ihr. Die Füße wollten sie nicht hinübertragen. Der Mädchenstolz, der Hackentinsche Stolz war mit einem Male wieder da: Helene Hackentin geht in später Abendstunde zu ihrem Geliebten!
Als ob ihr das jemand ins Ohr raunte. Wie häßlich das war, wie gemein das klang!
Dabei wiederholte sie schwer, langsam die Worte. Triumphierend wollte sie es sich selber zurufen: ‚Ja doch! Ja doch! Gerade das: zu ihrem Geliebten!‘ Aber es ging nicht, der häßliche Klang blieb und blieb.
Einmal sah sie sich wirr um. War es denn überhaupt schon so spät? Sie hatte keine Uhr befragt. Die Straße, der Platz waren menschenleer; doch die Häuser waren noch nicht geschlossen; das Opernhaus war noch erleuchtet. Aber das tat ja alles gar nichts, bedeutete ja gar nichts. Und wenn es zur Mitternachtsstunde gewesen wäre —
Ganz menschenleer war die Straße.
Plötzlich hörte sie Stimmen. Und sie sah drüben, dicht an den Häusern entlang, ein Paar gehen. Einen Mann und eine Frau, Arm in Arm —
... Alfred ...
Starr aufgerichtet stand sie, starr, wie versteint. Ihre Augen spähten durch die Dunkelheit. Nun traten die beiden in den kümmerlichen Lichtkreis der nächsten Laterne. Nun klangen noch einmal ihre Stimmen herüber, ein Scherzwort, ein kurzes Auflachen. Jetzt waren sie drüben am Hause, stiegen die paar Stufen zur Tür hinauf. Die Tür knarrte, ging auf, schloß sich wieder hinter den beiden.
Starr aufgerichtet stand Helene, starr, wie versteint. Den Kopf weit vorgestreckt, die Augen auf die Tür gerichtet, hinter der die beiden verschwunden waren: Alfred ... und die Frau! Jetzt hatten sie wohl die zweite Treppe erreicht, jetzt standen sie vor seiner Wohnung, jetzt zog er den Schlüssel aus der Tasche.
Mit einem Male flammte es hinter den Rouleaus auf. In einem dämmrigen Schein, wie wenn jemand ein Schwefelholz entzündet. Ein leuchtender Punkt zuerst, dann das ganze Fenster füllend, daß ein breiter Lichtstreif durch die blaue Stoffgardine auf die Straße hinaus fiel. Und hinter dem blauen Vorhang silhouettenhaft, scharf umrissen, zwei Gestalten —
Noch immer stand Helene starr aufgerichtet, wie zu Stein erstarrt, mit weit vorgestrecktem Kopf, die schmerzenden Augen nach drüben gerichtet, die Hände gegen die keuchende Brust gepreßt. Noch immer konnte sie das Unfaßbare nicht begreifen. Aber es bohrte sich ihr wie mit tausend spitzen Nadeln ins Hirn, es schnürte ihr den Atem ein, es legte sich mit Zentnerlasten auf sie: das Unfaßbare, das Unbegreifbare, das Fürchterliche ... die Erkenntnis!
Dann kam endlich ein einzelner Ton des Jammers aus ihrer Brust, ein einziger Wehlaut nur. Die Starrheit wich. Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Und dann rannte sie quer durch die kümmerlichen Büsche des öden Platzes, als ob sie dem Entsetzen entfliehen wollte, das noch mit ihr ging und das sie nie, nie verlassen konnte.
Sie jagte über den Platz, als ob sie gehetzt würde, als ob der Schimpf und die Schande hinter ihr drein wären.
Mit einem Male aber waren ihre Kräfte am Ende. Auf die ungeheure seelische Anspannung folgte jäh der Rückschlag. Sie taumelte, raffte sich noch einmal auf. Stand, sah sich wirr um, tat noch ein paar mühsame Schritte vorwärts —
Da fühlte sie eine sanfte, starke Hand an ihrem Arm. Hörte eine Stimme: „Liebe Helene ... ich bin’s ... ich, Harro! Komm ... erlaube, daß ich dich stütze ... liebe Helene ...“
Klar bewußt wurde ihr all das nicht. Aber in ihrer ohnmächtigen Hilflosigkeit empfand sie die hilfreiche Hand, empfand sie den zärtlichen, mitleidsvollen Ton der Stimme. Sie lehnte sich auf den Arm, ließ sich willenlos halten und stützen. Wie von fern her hörte sie wieder: „Nicht durch die vielen Menschen, Helene, nicht wahr? Die Oper ist eben aus. Drüben bekommen wir gewiß einen Wagen.“
Er führte sie, langsam, sorglich, wie man eine Kranke führt. Hob sie in die Droschke, setzte sich still neben sie, fragte nicht, hielt nur ihre Hand mit einem weichen, gleichmäßigen Druck.
Ganz zusammengesunken saß sie in ihrer Ecke. Manchmal ging ein Schauern über sie hin, sie zuckte zusammen wie in einem schrecklichen Traum, schluchzte weh auf. Manchmal faßte ihre freie Hand nach dem Halse, als suchte sie etwas, das sie einengte, ihr den Odem abschnürte.
Die Droschke trottete und trottete über das Pflaster. Es tat so weh, so weh ...
Einmal fuhr Helene auf, rief wie erwachend, fast feindselig: „Wohin bringst du mich!“
Da war wieder die liebe, zärtliche, mitleidsvolle Stimme: „Ängstige dich nicht, Helene ... nach Hause ...“ Ganz seltsam klang die Stimme, so ruhig, so zuversichtlich. War das wirklich Harros Stimme, war das Harros Hand, die die ihre hielt? Merkwürdig ... Harros Hand ... und tat so wohl ...
Wieder kauerte sie sich zusammen, ganz tief in ihre Ecke. Schreckte von neuem auf: „Wo kommst du denn her?“
„So laß doch, Helene. Ich kam ganz zufällig über den Opernplatz.“
Ob er wohl log? Gewiß log er. Das fühlte sie. Aber weiter konnte sie nicht denken. Nur daß er gut zu ihr war, wußte sie.
Weiter und weiter rasselte der Wagen, immer im gleichmäßigen langsamen Trotteltrab. Jeden Hufschlag empfand sie. Es klang fast wie: ‚Wie soll das nun werden? Wie ... soll ... das ... nun ... werden?‘ Aber auch dem konnte sie nicht nachdenken. Es war alles so verworren, so unklar. Nur ein großer, großer Schmerz war da.
Endlich hielt der Wagen.
„Mama ist nicht zu Hause. Johann auch nicht, nur Luise“, hörte sie wieder. „Ich bring dich hinauf. So ... komm ... gib mir deine Hand.“
Das war also doch Harro. Wie verständig der Harro war! Der Junge!
Und dann lag sie auf dem Sofa oben in ihrem Zimmer. Die Lampe brannte, aber Harro hatte den Schirm vorgezogen, das Licht blendete nicht. Es war schön warm; draußen war es doch eisig kalt gewesen. Und die alte Luise war da, brachte heißen Tee, zog ihr die Stiefel aus, rieb ihr die Füße. Und als sie gegangen, kam Harro noch einmal herein, setzte sich zu ihr, streichelte ihr die Hand.
Was war denn das?
Der große Junge hatte ja dicke Tränen in den Wimpern.
Sie sah ihn an, richtete sich mühsam hoch, sah ihn wieder an, mit erwachenden Augen. Sank zurück, schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte — schluchzte bitterlich.
Mit einem Male stand nun alles wieder vor ihrer Seele — durchlebte sie all ihr Unglück noch einmal, rang mit der Verzweiflung, bäumte sich auf, brach völlig zusammen. Nun hörte sie nicht mehr, was Harro ihr zusprach, fühlte nicht mehr den leisen, mitleidsvollen Druck seiner Hand. Fühlte nur eins: es ist aus und zu Ende ... dein Glück liegt in Trümmern und Scherben ...
Eine endlose, endlose Nacht.
Tante Marianne war gekommen, aufs heftigste erschrocken. „Wir hatten noch einen Spaziergang gemacht, Helene und ich“, hatte Harro erklärt. „Da ist sie plötzlich ohnmächtig geworden. Sie war ja schon in den letzten Tagen nicht wohl. Erinnere dich nur, Mama.“
Der Arzt wurde gerufen, Tante brachte Helene zu Bett. Willenlos ließ sie alles mit sich geschehen, sprach nicht, lag mit geschlossenen Augen. Der Medizinalrat machte ein bedenkliches Gesicht — „Ein Nervenfieber im Anzug“ — verschrieb ein Rezept, wollte am nächsten Morgen wiederkommen.
Nicht von Helenens Bett wich die Tante. Ein paar Male kam Harro auf den Fußspitzen, öffnete eine Türspalte, schlich wieder zurück. Die Medizin wurde gebracht. „Du mußt einnehmen, liebes Kind!“ Gehorsam richtete sich Helene auf. „Du bist so gut zu mir, liebe Tante —“ sank wieder zurück, lag mit geschlossenen Augen, endlose, endlose Stunden. Manchmal dachte Tante Marianne: es scheint doch, sie schläft. Aber dann sah sie wieder, wie die Hände auf der Bettdecke leise hin und her gingen, immer, als suchten sie nach etwas Verlorenem. Wie bei einer Fiebernden, und doch war der Puls ganz regelmäßig und die Stirn eher kühl als heiß.
Als der Morgen dämmerte, wurden die Hände ruhiger. Manchmal bewegte Helene die Lippen, als wollte sie etwas sagen oder als spräche sie mit sich selber. Tante Marianne sah das alles, sah auch, wie sich zwischen den Brauen ein paar Fältchen eingruben. Wie bei Harro, dachte sie; es muß doch etwas wie eine Familienähnlichkeit sein. Es schien nun wirklich, als schliefe Helene fest. Auch ihre Lippen waren jetzt ruhig, seltsam zusammengepreßt nur, ganz schmal und blutlos.
Durch die tiefen Fensternischen brach das Tageslicht. Ein erster schmaler Sonnenstrahl legte sich quer über die Bettdecke. Tante Marianne wollte aufstehen, den Vorhang zuziehen. Da schlug Helene die Augen auf. Sie haschte nach der Hand der Tante und sagte matt, aber ganz klar: „Daß ich dir soviel Mühe mache, Tante.“ Sie zog die Hand an ihre Lippen. „Ich werde euch allen das nie danken können. Ich bin wohl überhaupt eine recht undankbare Kreatur.“
Tante Marianne war sehr glücklich. Wer so sprach, konnte nicht ernstlich krank sein! In aufwallender Herzlichkeit beugte sie sich über die Nichte, küßte sie: „Du liebes böses Kind! Wir haben uns wirklich geängstigt. Was für Geschichten machst du nur!“
In Helenes Augen lag immer noch etwas Starres. „Ja ... was für Geschichten ...“ sagte sie langsam. Und dann gleich: „Aber ängstigen braucht ihr euch nicht. Es muß wie ein plötzlicher Anfall gewesen sein. Jetzt bin ich ganz wohl. Und du hast die ganze Nacht hier gewacht. Ich schäme mich, Tante ...“
„Aber, Helene! Und ganz wohl: das glaube nur nicht. Da müssen wir erst den Doktor hören.“
Helene saß aufrecht in ihrem Bett. Sie fühlte, daß ihr Haar sich gelöst hatte, griff nach der einen schweren Flechte, die ihr wie ein Goldband über der Brust hing. Ein flüchtiges Rot ging über ihre Wangen, während sie die hochsteckte. „Ganz wohl? Ganz gesund hätte ich sagen sollen“, sprach sie wieder in ihrem schweren fremden Tonfall.
„Aber Kind, das ist doch dasselbe —“
Sie antwortete nicht, ließ sich zurückfallen, schloß die Augen, sah wieder auf. Etwas unsicher und zaghaft. Griff von neuem nach der Hand der Tante, sagte langsam, als ob ihr doch jedes Wort schwer fiel: „Liebe Tante ... ich habe eine sehr große Bitte ... ich möchte so schnell als möglich nach Hause ... nach Rohlbeck ...“
Dabei blieb sie. Immer wiederholte sie es. Der Tante, dem Arzt, auch Wilhelm gegenüber, der gerufen worden war.
Sie schien auch wirklich ganz gesund. Der Medizinalrat machte zwar einige Einwendungen, sprach dann von einem Nervenchock, gab jedoch zu, daß sie durchaus reisefähig wäre. So gab man ihrem Wunsche schließlich nach. Tante Marianne war vielleicht ein wenig pikiert über die Hast, mit der Helene ihre kleinen Vorbereitungen traf; sie schüttelte den Kopf, konnte sich in den plötzlichen Entschluß nicht hineindenken; die offenbare Veränderung im Wesen der Nichte verwirrte, versöhnte sie aber auch einigermaßen. Eine fremde, stille Schweigsamkeit war in Helene, eine fast wortlose, aber innige Dankbarkeit sprach aus ihr.
Wilhelm wollte die Schwester am nächsten Tage wenigstens bis Frankfurt bringen. Am Abend kam er noch einmal, um sich als unabkömmlich zu entschuldigen. Nun sollte Harro für ihn einspringen. Ob er wohl die Klasse auf einen Tag ohne Schaden versäumen könnte? Er wurde rot, dann erklärte er sein „Selbstverständlich“. Tante Marianne ging hinauf, um Helene Mitteilung zu machen. Sie kniete vor ihrem Köfferchen, sah auf wie erschrocken, sagte dann hastig: „Aber ich kann doch wahrhaftig allein reisen!“ Als die Tante ihr zusprach: „zu unserer Beruhigung, Kind! Wenigstens, daß wir wissen, du bist gut in der Post untergekommen —“ senkte sie den Kopf. Es war also abgemacht.
In ganz früher Morgenstunde mußte sie aus dem Hause, denn der Zug ging schon um acht Uhr, und man gebrauchte bis zum Niederschlesisch-Märkischen Bahnhof fast eine Stunde.
So elend und übernächtigt sah sie aus, als sie herunterkam, daß die Tante erschrak. Aber Helene schien ganz ruhig. Sie sagte jedem einzelnen Dienstboten Lebewohl; dann umarmte sie die Tante, dankte ihr noch einmal.
„Liebes Kind, du kommst ja bald wieder. Nimm’s nicht so feierlich.“
„Wenn ich wirklich wiederkomme —“
„Aber, Helene!“
Sie stand einen Moment mit hängendem Kopf, wie tief in Gedanken versunken, griff dann nach der Hand der Tante, zog sie an die Lippen. Es war wie eine Abbitte. Und sie sagte auch wirklich nach einer kleinen Pause: „Verzeih mir, Tante Marianne. Ich hätte wohl manchmal anders sein können. Behalt mich ein wenig lieb ...“
Schweigsam saßen die beiden Reisenden nebeneinander.
Bisweilen sah Harro verstohlen auf Helene, bisweilen wollte er irgendeine kleine Unterhaltung anfangen. Immer wieder verstummte er. Aber er umgab sie mit schonendster Sorglichkeit.
Einmal, kurz vor Frankfurt, sprach Helene wie aus einer langen Gedankenkette heraus: „Ich muß dich noch um etwas bitten —“
„Gewiß, Helene! Sag’s nur!“
„Bitte, geh zu Frau Harriers-Wippern und entschuldige mich. Sag’, daß ich plötzlich hätte abreisen müssen. Ich würde ihr von Rohlbeck aus schreiben.“
„Ich gehe gleich morgen.“ Und dann sagte er fast dasselbe wie seine Mutter: „Helene, du kommst doch bald wieder!“
Da sah sie ihn an, eigentlich zum erstenmal heute, und sie schüttelte langsam den Kopf.
„Helene —“
Es war, als suchte er nach Worten. Über das junge Gesicht strömte wieder das Rot. Er mußte erst eine Scheu überwinden.
„Helene ... du hast doch deine Kunst!“ kam es dann plötzlich heraus. Es klang fast wie vorwurfsvoll und tröstend zugleich.
Sie hatte die Hände im Schoß geschlossen. Sie drückten sich noch fester ineinander. Ihr Blick wich wieder seinem Auge aus. Und dann sagte sie, auch wie in einer inneren Scheu, ganz leise: „Harro ... mir ist’s, als sei auch die zerbrochen ...“
Erst als sie schon am Wagen stand, in dem schmalen Posthof, unmittelbar vor dem Einsteigen, sprach sie noch einmal zu ihm. Ganz kurz nur: „Du bist gestern sehr gut zu mir gewesen, Harro. Ich danke dir vielmals. Und wenn du kannst, Harro ... denke nicht schlecht von mir.“
Er schluckte ein paar Male, als ob er mit Tränen kämpfte. Dabei hatte er die Hände wieder in den Manteltaschen, zu Fäusten geballt. Ruckweise nur erwiderte er: „Schlecht von dir! Ach ... Helene ... nie ... niemals. Ich ... du weißt es ... ich hab dich ja so lieb. Manchmal denk ich, du müßtest eigentlich meine Schwester sein ... manchmal ...“ Plötzlich riß er die Hände aus den Taschen und griff nach ihrer Hand. Das Blut kam und ging in seinem Gesicht. „Nimm’s dir doch nicht so zu Herzen, Helene! Das ist ja alles dummes Zeug ... das ...“
Der Postillion blies. Der Kondukteur drängte. Über Harro schien etwas wie innere Wut zu kommen, er mußte sich irgendwie Luft machen. Mit einem Ellbogenstoß schob er einen dicken Wollhändler zur Seite, schrie ihn an: „Was machen Sie sich hier mausig. Sehen Sie nicht, daß die Dame einsteigen will!“ — Dann hob er Helene in den Wagen, deckte ihr die Reisedecke über die Knie, drückte noch einmal ihre Hände. „Adieu, Helene ... auf Wiedersehen ...“ Da war seine Stimme schon wieder knabenhaft weich geworden. „Bleib gesund ...“
Und dann stand er, die Mütze in der Hand, neben dem hohen Wagen. Der Wind spielte mit seinem blonden Haar. „Adieu ... liebe, liebe Helene ...“
Trotz allem: Helene fühlte sich erleichtert, als sie allein war unter fremden Menschen.
In den endlosen Stunden der Nacht, während sie gelegen hatte, wach mit geschlossenen Augen, mit der Verzweiflung ringend, war, langsam und allmählich, ein neues Gefühl in ihr erwacht. Während der ganzen Fahrt heute war es gewachsen und gewachsen. Nun sie allein war unter den fremden Passagieren, sann und sann sie ihm nach. Es war ein Empfinden, das ihr unsagbare Schmerzen brachte und an das sie sich doch klammerte wie der Ertrinkende an die schmalste Bootsplanke. Es war der Vorwurf: wo hattest du deinen Stolz?!
Gestern abend — deutlich stand der Moment vor ihrer Seele — gestern abend, am Palais, war einer Warnung gleich in letzter Minute der Weckruf in ihr erklungen: was Vater wohl sagen würde? ‚Mädel, wo hast du deinen Stolz?‘
Gestern abend hatte die Leidenschaft sie darüber hinweggepeitscht. Nun klang er immer wieder auf, der Vorwurf: wo hattest du deinen Stolz?
Es war ja freilich nur wie eine schmale Bootsplanke —
Wie sie so saß und sann und grübelte, rann es ihr immer wieder siedend heiß durch die Adern. ‚Und wenn er heut käme und umfaßte dich und du hörtest seine Stimme: wo bliebe dein Stolz? Wie Schnee in der Sonne wäre er.‘ Aber wenn sie so dachte, dann bäumte sich jetzt ihr ganzes Inneres dagegen auf. Die Scham überflutete sie: ‚Nein! Nein! Und wenn er käme! Eine andere war ich gestern — eine andere bin ich heute! Ein Leben liegt zwischen gestern und heut.‘
Auch das fragte sie sich immer wieder: warum fliehst du vor ihm?
Plötzlich in der Nacht, aus der Verzweiflung geboren, war ihr der Entschluß gekommen, und sie hatte nach ihm gegriffen: auch wie der Ertrinkende nach der schmalen Bootsplanke. Nun war ihr Stolz wach geworden und schrie ihr zu: warum fliehst du vor ihm! Aber da war auch die Scheu vor dem Kampf und die übergroße Müdigkeit. Da war die Furcht vor den forschenden Blicken — auch vor Harros wissenden Augen. Da war die Sehnsucht nach Ruhe, nach der Enge und Stille des Landes, nach dem Frieden des Elternhauses.
In ewig gleichem Trabe zog die Post ihres Weges, zwischen den ewig gleichen Pappelreihen entlang, durch die ewig gleichen Schneeflächen, die sich rechts und links breiteten, schier endlos.
Gleichgültig saßen die drei anderen Fahrgäste in ihren Ecken. Fremde Leute — gottlob. Dann und wann blies der Postillion ein kurzes Lied, immer, wenn der Wagen durch ein Dorf ratterte. Ein paar Stimmen dann am Wege, ein Hundegekläff, ein Peitschenknall — und wieder die weite, weite Schneeebene.
Als sie hinausgefahren war aus der Heimat, hatten die Wiesen noch im Grün gestanden. Nun war es Winter geworden. Winter —
Die Gegend wurde bekannter; hier ging der Weg nach Sodelzig ab; dann klangen die Hufschläge scharf auf dem berühmten Pflaster von Stellberg. An der Apotheke fuhr die Post vorbei — hinter jenem Fenster dort hatte sie ihn zum ersten Male gesprochen.
Die drei Hügel kamen, die Mutter Hoffnung, Liebe, Glaube getauft hatte: vom ersten aus sollte man hoffend die Kirchturmspitze von Rohlbeck suchen; beim zweiten sich in der Liebe beglückt fühlen, die in der Heimat wartete; das dritte brachte die nahe Gewißheit des Wiedersehens. Glaube war für Mutter Gewißheit.
Aber je näher die Heimat kam, desto banger wurde Helene.
Warum war sie aus Berlin geflohen? Trug sie die Unruhe nicht in sich, mit sich, in den Frieden der Heimat hinein? Mußte sie nicht auch hier fragenden, forschenden Augen begegnen? Würde man nicht auch im Elternhause um Auskunft drängen?
Sie sah das nun alles ganz, ganz anders vor sich, als in der vergangenen Nacht, wo die schmerzliche Sehnsucht nach der Heimat sie ergriffen hatte. Sie hörte das Fragen, sie fühlte das Forschen der Ihren und wußte, daß keine Antwort sie befriedigen würde. Wem konnte, sollte sie sagen: ich bin geflohen — vor ihm!
Eine: eine war vielleicht im Elternhause, die sie ganz verstehen konnte. Vielleicht?
Nun schimmerte schon der rote, hohe Schornstein der Dampfmühle über das Schneefeld. Und wie sie das sah, da fiel ihr noch ein rein Äußerliches auf die Seele. Sie sah im Geiste auch das ganz deutlich: die Jungen an der Chaussee, die Posttasche abzuholen, den Hauslehrer dabei —
Mit einem plötzlichen Entschluß sprang sie auf und pochte vorn an die kleine Wagenscheibe. Der Kondukteur sah sich um, öffnete, fragte. Sie wolle hier aussteigen. Jawohl — hier! Und das Gepäck? Das Gepäck sollte in Rohlbeck abgegeben werden, bei denen, die die Posttasche für das Dominium holten.
Die Chaise hielt. Der dicke Wollhändler wachte auf und machte brummend Platz, so wenig, als zum Aussteigen gerade unumgänglich nötig war. Der Kondukteur war abgestiegen, stand am Schlag: „Es ist aber tiefer Schnee —“
Aus ihrem kleinen Portemonnaie holte Helene das letzte Zehngroschenstück für ihn hervor.
Und dann bog sie in den Feldweg ein, der von der Dampfmühle nach dem Gutshof führte.
Es war wirklich tiefer Schnee und kein Fußweg ausgetreten. Anfangs hastete Helene, dann wurde ihr das Ausschreiten schwer und immer schwerer. Sie fühlte, daß ihr der Schweiß ausbrach vor körperlicher Anstrengung, und dabei schüttelte sie der Frost.
Schwerer und schwerer wurde der Weg — und schwerer und schwerer wurde ihr das Herz.
Welch ein Wiedersehen!
Nun war sie am Kreuzweg, dicht hinter dem Garten. Wie ein phantastischer Gedankenblitz fuhr ihr durch den Sinn: vor diesem Kreuzweg hatte sie sich als Kind immer gefürchtet; die alte Beate, die Kindermuhme, erzählte so gruselige Geschichten vom Kreuzweg zur Nachtzeit.
Und jetzt kannte sie den anderen Kreuzweg; den Kreuzweg des Lebens, der in die Nacht führte ...
Das Dach des Elternhauses leuchtete über die kahlen Baumgipfel.
Da flog Helene, die letzten Kräfte anspannend, durch den Garten. Zum Seiteneingang hin, zu den Wirtschaftsräumen im Souterrain. Auch die Bettler pochten hier an — auch die Bettler.
Hochaufatmend stand sie unten im kalten, halbdunklen Flur. Die Tür zur Leuteküche war nicht ganz geschlossen, ein dichter, heißer Brodem kroch aus ihr hervor.
Hochaufatmend stand sie, vom schnellen Lauf erschöpft. Die Hände preßte sie gegen die Brust: ‚Lieber Gott, gib mir eine gnädige Aufnahme —‘
Mit einem Male ging ganz hinten im Flur die Tür zur Milchkammer.
Helene stürzte vorwärts, umklammerte die Schwägerin, legte den Kopf an ihre Brust, bat nur immer wieder: „Martha ... Martha ... hilf mir!“
Und Martha half in ihrer stillen, schlichten, resoluten Weise. Ohne viel Worte, ohne Fragen und Drängen, ohne forschende Augen.
„Wie sich das gut trifft“, sagte sie. „Dein Zimmer ist geheizt. Wir erwarteten nämlich Margaret Zieldorf. Komme nur —“ Und wie eine, die alles errät, fügte sie hinzu: „Den Eltern bring ich’s nachher bei, damit sie nicht erschrecken.“ Fragte auch gleich nach dem Gepäck, rief eine Magd. „Gut, daß die Jungens Arbeitsstunde haben.“ An alles dachte sie.
Oben brachte sie Helene zu Bett. „Nun ruh dich nur. Ich besorg dir gleich etwas Warmes. Still! Erst ruhen und eine warme Tasse Brühe.“ Zog die Decke fest um Helene, beugte sich herab, küßte sie auf beide Wangen.
Mit weit offenen Augen lag Helene. Nun erst fühlte sie die Abspannung nach der Fahrt, nach dem Gang durch den Schnee und die kalte Starrheit aller Glieder. Manchmal schüttelte der Körper zusammen vor Frost. Aber langsam, allmählich kam doch die wohlige Wärme. Der große, braune Kachelofen sprühte, ab und an gab’s ein heimliches Knastern in den Buchenscheiten. Dann kam Martha zurück, setzte sich aufs Bett: „Natürlich hatte die Köchin keine Brühe, aber ich hab dir schnell ein Warmbier gemacht. Hier — so — und nun trinkst du. Still! Nicht reden. Morgen ist auch noch ein Tag.“
„... die Eltern ...“
„Ja doch, laß mich nur sorgen. Vorläufig bist du mal krank. Nein ... ich will gar nichts wissen. Trink noch einmal. Übrigens, Vater liegt auch zu Bett.“
„Vater?“
„Du brauchst nicht zu erschrecken, er ist kerngesund. Aber er sollte doch nach Berlin reisen, zum Jubiläum der Befreiungsveteranen, und das paßt ihm nicht.“
Martha lachte ganz leise, streichelte Helenes Hand und erzählte weiter, wie man einem Kind erzählt, um es auf andere Gedanken zu bringen. „Nämlich, wie Papa die große Einladungskarte bekommt, stutzt er und sagt bloß: ‚Das heißt‘ ... wird ganz rot, steckt die Einladung ein und geht aus dem Zimmer. Den ganzen Tag gestern haben wir ihn kaum zu Gesicht bekommen, und gegen Abend wurde er ‚krank‘ — ‚das heißt‘, meinte er ‚nach Berlin kann ich nun nicht‘. Wir hatten wirklich etwas Sorge. Aber dann kam der Pastor, und da erfuhren wir’s: unser guter Papa ist nämlich gar nicht Rittmeister. Premierleutnant ist er, und die Einladung war an den Premierleutnant von Hackentin gerichtet, wie das wohl in den Listen steht. Die Leute haben ihn nur zum Rittmeister ernannt, und allmählich hat er’s selber geglaubt. Nun nimmt er’s gewaltig krumm, liegt im Bett, schimpft mit Diana und sagt, wenn einer von uns hereinkommt, immer wieder: ‚Das heißt, nach Berlin kriegt ihr mich nicht. Ich bin krank.‘ Aber das Essen schmeckt ihm, Gott sei Dank.“
„Der arme Papa —“
„Laß nur gut sein. Es ist doch mehr komisch als tragisch. Aber nun will ich mal nach meinen Rangen sehen.“
Sie war schon bis an die Tür, da rief Helene sie zurück. Mit leiser, ängstlicher Stimme. Wie ein Flehen klang’s. Und als sie noch einmal an das Bett trat, richtete Helene sich auf und klammerte sich fest an ihr: „Geh nicht fort ... ich muß mein Herz erleichtern ... ich muß dir alles erzählen ...“
Und so sagte sie’s.
Martha saß bei ihr, hatte ihre beiden Hände genommen, unterbrach nicht, fragte nicht. Und als Helene zu Ende kam, hastend bald, bald stockend, unter heißen Tränen, da küßte sie ihr die von den Wangen. Hielt die Bebende sanft umschlungen und sagte leise: „Es ist kein Menschenherz, dem nicht Kampf beschieden wurde. Auch du wirst darüber hinfortkommen, liebe Lene. Es ist gut, daß du nun heimgekehrt bist.“
„Ich war so leichtgläubig! Ich war so leichtsinnig!“
„Du hast an ihn geglaubt, denn du hast ihn geliebt. Schilt dich nicht, Helene. Deine Liebe entsühnt dich ... Und nun gebe dir der liebe Gott Ruhe für dein armes Herz. Hier im Elternhause!“
Als Helene am nächsten Morgen erwachte, staunte sie: wie hatte sie nur so fest und gut schlafen können!
Wie eine Fremde sah sie sich im Zimmer um. Das war also das enge Zimmerchen, aus dem sie hinausgeflüchtet war, vor drei Monaten erst, in das sie nun wieder zurückflüchtete.
Der große Kachelofen bullerte bereits; ganz leise mußte die Trine in der Frühe geheizt haben. Durch die blaugestärkten steifen Gardinen brach die Morgensonne. Drüben stand der schmale, hohe Kleiderschrank aus Birkenholz, hüben der kleine Waschtisch mit gehäkelten Spitzen und am Fenster ihr winziger, birkener Mädchenschreibtisch mit den geschweiften Füßen. Alles wie ehedem. Gerade, als ob das Zimmerchen nur auf sie gewartet hätte.
Dann glitt ihr Blick die Wand entlang. Und da fiel er drüben auf eine eingerahmte Perlenstickerei. Richtig — das war ja die Arbeit der verstorbenen Tante Melanie. Merkwürdig, in all den Jahren, in denen sie das Zimmer als ihr kleines, eigenstes Heiligtum betrachtet, hatte sie diese kunstvolle Perlenstickerei eigentlich gar nicht beachtet. Sie wußte nicht einmal mehr, wie der Spruch lautete, der da in bunten Perlen auf weißem Seidengrund stand. Nie hatte sie ihn bewußt gelesen.
Nun las sie:
„Im Lieben wohnt Betrüben
Und kann nie anders seyn.“
Und sie wandte sich ab. Die Tränen stiegen ihr in die Augen. —
Es war Sonntag.
Die Kirchenglocke läutete zum ersten Male, als Helene die Treppe hinunterstieg.
Unten am Frühstückstisch saßen nur Martha und Mutter. Gerade mußten sie miteinander gesprochen haben: von ihr. „Lene,“ sagte Mutter und hatte ein Tränchen, „da haben wir dich also wieder. Komm, laß schauen, wie du aussiehst.“ Küßte sie und fuhr fort: „Schmalbäckig bist du geworden, aber ich seh schon, es ist nichts Ernstes. Wir wollen dich schon wieder herausfuttern.“
Dann ging Helene zu Vater hinüber. Der lag wirklich auch heut im Bett, hatte einen Teller mit Reinetten vor sich, schälte sich gerade einen Apfel. „Lene, Kind, ei, sieh mal! Martha hat mir schon erzählt. Ja — das heißt, eigentlich siehst du gar nicht so elend aus. Ganz gewiß hat die Oschitzen nicht gut für dich gesorgt. Ruhig, Diana ... willst du wohl die Lene in Frieden lassen. Ja, das heißt, ich bin selber krank. Wollte ja auch nach eurem großmächtigen Berlin, ja, das heißt, wollte, aber da hat mir der Hexenschuß ’nen Strich in die Rechnung gemacht.“
Merkwürdig, merkwürdig: die Welt stürzte gar nicht ein darüber, daß Helene Hackentin ins Elternhaus zurückgeflüchtet war. Merkwürdig, merkwürdig: sie lasen ihr nicht vom Gesicht ab, was sie erlebt und erlitten hatte und immer noch litt.
Die Jungens umtollten sie wie früher; der Hauslehrer machte seine verliebten Rollaugen wie früher. Und als es zum zweiten Male läutete, stand Mutter auf der Veranda in ihrem schwarzen Kirchenkleide, mit der schwarzen Seidenhaube auf dem Kopf, das goldgeränderte Gesangbuch in der Hand: „Jetzt müssen wir gehen, Lene. Ich bin nur neugierig, was der Heckstein wieder mal für einen alten Bock schlachten wird.“
Zwischen Mutter und Martha saß sie dann im Herrschaftsgestühl.
Oben vor der Orgel stand der alte Flehr.
Der hatte das gnädige Fräulein gleich gesehen, und während er die Register zog, dachte er bewegt: ‚Wie sie nun wohl singen wird, unser Fräulein Helene, nun sie auf der hohen Schule war. Das wird wie eine vox angelica klingen.‘
Aber als die erste Strophe aufklang, lauschte und lauschte er vergebens: die große, helle Stimme fehlte im Chor. Und als er sich verstohlen umwandte, sah er, wie Helene starr vor sich hinblickte — mit festverschlossenen Lippen.