II.

Der Novembersturm fauchte über die Heide, die sich um Pskoff zieht. Wütend trieb er den mit Schnee untermischten Regen in dicken nebligen Schwaden vor sich her. Klatschend fielen die eisigen Schauer auf ein einsames Gefährt, das in dem aufgeweichten Boden kaum vorwärts kam. Schlamm klebte sich in großen Klumpen an die Räder, die Pferde versanken bis zu den Knien in dem morastigen Grund und blieben ein über das andere Mal mit zitternden Flanken stehen.

Die Insassen schienen es eilig zu haben. Denn bei jedem solchen Aufenthalt ertönte eine treibende Stimme aus dem Innern des Wagens, und der Kutscher antwortete jedesmal: Wie du willst, Väterchen! schwang die Peitsche und ließ sie erbarmungslos auf den Rücken der geplagten Tiere tanzen. Und mit jedem Halt hagelten die Hiebe dichter.

Eben war ein besonders kräftiger Schlag auf das eine Stangenpferd niedergeklatscht. Heftig warf sich das ins Zeug und zog und riß an den Strängen. Das Gestell hob sich an der einen Seite, kam ins Schwanken. Ein Knirren, ein splitterndes Krachen. Langsam neigte sich die Kutsche und sank ihrer ganzen Breite nach in den Kot.

Die Achse war gebrochen. Fluchend und im selben Atemzuge alle Heiligen anrufend, raffte sich der Kutscher auf und mühte sich, die Tür der Kalesche, an der schon ungeduldig gerüttelt wurde, zu öffnen.

Es war kein leichtes Stück Arbeit. Erst nach langem Zerren und Stemmen ging sie auf und entlud den Inhalt: einen großen, hochgewachsenen Herrn und einen schlanken, jungen Menschen.

Der Herr stand sogleich wieder auf seinen Beinen:

»Wo sind wir, Grischka?«

Der Kutscher fuhr mit seinen groben Handschuhen über das Gesicht, um es von dem ärgsten Schmutz zu säubern und spie bedachtsam beiseite:

»Das mag Gott wissen, Väterchen. Mein Kopf ist von dem verdammten Sturm, den uns der Teufel auf den Pelz gehetzt hat, so dumm, daß ich kaum noch weiß, wo rechts und wo links an meinem Leibe ist.«

»Dort ist ein Licht.« Der Diener, der inzwischen auf die Füße gekommen war, deutete auf einen massigen Schatten, der in dem frühen sinkenden Tag durch das schneeige Gestiebe dunkelte und in dessen Mitte ein kleiner trübroter Punkt erglänzte.

»Gehen wir!« Der Herr schlug den Mantel fester um sich: »Du wartest hier, Grischka, bis wir Leute schicken.«

»Wie du willst, Väterchen.«

Der mit festen Tritten Davonstapfende hört die ergebene Antwort nicht mehr. Geradeswegs durch Pfützen und Lachen strebte er dem nahen Obdach entgegen. Nach ein paar hundert Schritten war es erreicht.

In der ebenerdigen Stube saß auf der Ofenbank ein hageres, langaufgeschossenes Mädel. Die eckigen Arme hatte es hinter dem Kopf verschränkt, der auf dem dicken, brandroten Haar wie auf einem Kissen lag.

Sie träumte vor sich hin.

Aber ihre Träume mußten sehr bestimmte und bewußte sein, denn in den grünlichgrauen Augen war keine Spur von weicher Versonnenheit, kühl und fest waren sie auf das unsichtbare Ziel gerichtet.

Der Eintritt der Fremden war ihr kein Anlaß, ihre bequeme Stellung zu verändern, nur ihr Blick richtete sich forschend auf die Ankömmlinge.

»Bist du allein?« Peters Ton war ungeduldig.

Sie schürzte launisch die Lippen: »Wäre ich allein, könntet Ihr mich nicht fragen, ob ich es wäre.«

»Albernes Ding! Wo ist dein Vater?«

Der offenbare Ärger ihres Gegenübers belustigte sie. Sie lachte, ihre Oberlippe zog sich weit von den festen spitzen Zähnen zurück.

»Wo ist dein Vater?« Peters Miene wurde drohend.

»Da müßt Ihr Euch bei meiner Mutter erkundigen, vielleicht kann sie es Euch sagen. Ich,« sie schob die schmalen Schultern verächtlich in die Höhe, ihr Blick wurde feindselig, »ich weiß nichts von ihm.«

»Wo ist deine Mutter?«

»Mit den Schwestern und dem Bruder ins Holz.« Sie rümpfte die Nase: »Die haben Angst vor den Schweden.«

»Schweden? In der Nähe?«

Die Kleine horchte auf. Der dringliche Ton des Fragers hatte ihr allerhand verraten.

»Ja,« gab sie lässig Bescheid, »sie schweifen durch die Gegend.«

»Verdammt.« Peter stampfte den Boden. »Kannst du uns einen Wagen beschaffen.«

Sie deutete mit der Schulter gegen den Hof: »Im Schuppen.«

Ohne einen Befehl Peters abzuwarten, eilte Pawel Jaguschinski hinaus, das Gefährt für die Weiterreise herzurichten.

Die Augen der Kleinen wanderten musternd über ihren Gast, der sich einen Schemel in die Nähe des Ofens gezogen hatte und hoch und mächtig vor ihr saß.

»Wird der Herr die Fahrt in einem Bauernwagen vertragen?«

Peter zuckte unwillkürlich zusammen: »Warum nennst du mich Herr?«

»Weil Ihr es seid.«

Unmutig brummte er: »Was dir nicht einfällt. Ich bin ein einfacher Unteroffizier.«

Sie lachte. Es bereitete ihr Spaß, den großen starken Mann zu sticheln: »Wollt Ihr das auch den Schweden erzählen, wenn sie Euch fangen?«

»Kröte!« Er sprang auf und packte den Schemel: »Bin ich in eine Falle geraten, soll es dir übel gehen.«

Sie hob gelassen die Schultern: »Es sähe Euch ähnlich, einen andern für Eure eigene Dummheit und Unvorsichtigkeit büßen zu lassen.«

Sie nahm eine überlegene Miene an: »Seid nicht so wild. Setzt Euch ruhig. Ihr braucht keine Angst zu haben. Die Schweden dürfen Euch nichts tun, wenn sie kommen; Ihr gefallt mir.«

Ein tolles Frauenzimmer! In Peter kämpften Beschämung über die einfältige Rolle, die er spielte, und die Lust an dem kecken Gebaren des eben den Kinderschuhen entwachsenen Dinges vor ihm: was das sich in seiner Einfalt zutraute.

»Du willst mich schützen?« Er lachte verlegen. Ein dunkles Rot stieg bis zu seinen Schläfen: »Wenn dich ein Mann mit dem kleinen Finger anrührt, fällst du um.«

Sie hob die Lider zu einem kühlen, beherrschten Blick: »Wenn er es fertig bringt, mich anzurühren.«

Stärker brannte das Rot in seinen wettergebräunten Wangen.

Sie zog die Oberlippe zurück, ihre Nasenflügel bebten leise:

»Aber du gefällst mir. Und darum will ich dir helfen.« Sie sprang mit beiden Füßen zugleich auf den Boden, trat rasch auf ihn zu und tippte mit spitzen Fingern auf die Tressen und Verzierungen seiner Uniform. »Damit jetzt im Lande herum zu kutschieren, ist gefährlich. Ich werde dir etwas anderes geben.« Aus einer Truhe, die neben dem Ofen stand, holte sie Rock, Hemd und Hose: »Meines Bruders Sonntagsstaat. Er wird wüten, wenn er es erfährt. Pah,« sie schnippte mit den Fingern, »ich lache ihn aus. Wütende Menschen haben keinen Kopf. Da,« sie warf dem Gaste das Bündel zu, »zieh dich um.«

Peter hatte sich erhoben. Er kam sich vor wie ein gescholtener Junge. Es war kein sehr erhebendes Gefühl. Unsicher schob er den Kleiderpacken von einem Arm auf den andern.

Die Kleine maß ihn verwundert: »Worauf wartest du noch? Zieh dich um. Meinst du, ich wüßte nicht, was ein Mann ist?« Sie lachte hell, girrend: »Ich tue dir nichts.«

»Weibsbild!« Die Kleider flogen auf den Boden. Da war kein Junge mehr. Der versank in dem Manne. Ein Brennen und Sieden rann durch Peter hin. Der starke Körper zitterte in Begier.

Kopfschüttelnd, ohne ihn aus den Augen zu lassen, wich das Mädchen ein paar Schritte zurück:

»Ich habe geglaubt, die Herren seien feiner als die Bauern, aber nun sehe ich, daß es genau solche Tölpel sind.«

»Weib!« Peter wollte mit geballten Fäusten auf die Spötterin zu.

Sie kehrte ihm langsam den Rücken und ging zum Fenster:

»Hab dich nicht! Beeile dich lieber mit dem Anziehen. Die Pferde rühren sich bereits im Geschirr.«

Keuchend, an allen Gliedern bebend, stand Peter mitten im Zimmer. Er kam sich unsäglich albern vor: was hielt ihn ab, diesem boshaften Frauenzimmer seinen Willen aufzuzwingen? Oder hatte er ihr gegenüber gar keinen Willen? Ein dumpfes Ahnen beschlich ihn, daß diesem Wesen nicht mit Gewalt beizukommen war, weil es sogar die Lust in seiner Gewalt hatte. Er biß sich die Lippen blutig: da war nichts zu machen. – Er warf den Kopf in den Nacken: was kam es auch darauf an? Er würde das Erlebnis bald vergessen haben. – Zornig zerrte er an Rock und Wams, sich ihrer zu entledigen. Doch das durchnäßte Tuch klebte am Körper. Er riß und zog, fluchte und stieß mit den Füßen den Boden.

Die Kleine hatte sich vom Fenster abgewendet und genoß das Schauspiel mit heller Freude.

»Du wirst nie etwas fertig bringen, wenn du nicht Geduld lernst.« Damit half sie ihm.

Du wirst nie etwas fertig bringen, wenn du nicht Geduld lernst! Er sah das Geschöpf vor sich plötzlich mit andern Augen an. Unvermittelt kam ihm die Frage:

»Wie heißt du?«

Sie wiegte sich in den Hüften: »Brauchst du einen Namen, um dich zu erinnern?« Ihr Leib dehnte sich zu ihm hin, daß er ihn fast streifte: »Du wirst mich nicht vergessen.«

Den großen, starken Mann überrann ein Schauer. Seine Glieder flogen. Doch der kühle, beherrschte Blick der grünlichgrauen Augen hielt ihn in Bann. Nur sein Atem stöhnte durch die zusammengebissenen Zähne.

Von draußen kamen Schritte. Jaguschinski erschien und meldete, daß der Wagen zur Abfahrt bereit sei.

Mit einem Ruck kehrte Peter sich ab. Im Hinausgehen wendete er noch einmal den Kopf:

»Ich werde dich nicht vergessen.«

Die Tür fiel ins Schloß.

Tritte verklangen. Räder begannen zu knirren, Hufe patschten in klitschigen Lehm. Ferner. Ferner.

Unbeweglich blieb das Mädchen in der Mitte der Stube, bis jedes Geräusch erstorben war.

Stille.

Mit raschen Griffen nahm sie die zurückgebliebenen Kleider Peters, trug sie zur Truhe und legte sie sorgsam hinein.

Der Deckel schlug zu.

Und mit sicherem Schwunge saß sie oben auf dem Kasten.


Tausend Lichter. Und widerstrahlend der weiche, warme Schimmer in den hohen Spiegeln rings im Saale. Flirrend der Glanz. Schmeichelnd fließt er um diademgeschmückte Stirnen, über weiße, leuchtende Nacken und wogende Busen. Diamanten blitzen, Ordenssterne funkeln. Die breiten blauen, orangenen, roten und grünen Ritterbänder über den Uniformen und den Diplomatenfräcken glühen, und die rauschenden Schleppen, die weiten malven- und topasfarbenen Röcke, die knisternden Seidenspenzer und die Samtmieder der Damen gleißen auf in dem spielenden Schein.

Tanz. Hell und lockend die Geigen. Jubelnd die Flöten. Dunkel und zärtlich die Klarinette. Dumpf, stöhnend in Sehnsucht die Oboe.

Ein Wiegen und Schmiegen der Paare. Leicht die Schritte, behende die Füße. Ein Suchen und Fliehen, ein Meiden und Sichfinden.

Heiß die Hände, glühend die Wangen. Schneller der Puls, rascher der Atem.

Jauchzend steigt die Woge der Lust.

Alexander Menschikoff schwimmt mit ihr, läßt sich tragen, hoch hinauf, hin zur Erfüllung kühnster Träume.

Seine schlanke, sehnige Gestalt ist überall. Eben noch im heiteren Geplänkel mit der schönen Mons, der kleinen Freundin des Zaren, gleich darauf im Gespräch mit Campredon, dem französischen Gesandten. Die Spitzen der Sloboda, der Ausländervorstadt von Moskau, hatte er zu Gaste gebeten. Den holländischen Residenten, die deutschen Kaufherren, die französischen Emigrierten, die Anhänger des schottischen Prätendenten, die Führer der polnischen Dissidenten, alle, die ihre Zukunft an die Zukunft Rußlands geknüpft haben und die helfen werden, sie zu bauen.

Heute gilt es, den ersten Sieg der neuen Herrschaft zu feiern. Den nahen Sieg.

Narwa steht vor dem Fall.

Das war die Botschaft, die am Morgen der Kurier dem Herzbruder des Zaren überbracht hatte.

Menschikoff ergriff den Augenblick, wie er sich bot. Rußlands junger Ruhm war die Staffel, die ihn zur Höhe führte.

Er schlang seinen Arm um Darja Arsenjef, Glut im Blick und Glut auf den Lippen, und drehte sich mit ihr in wilden, raschen Wirbeln durch den Schwarm der Tanzenden.

Willig ließ sie sich von seinem brausenden Sturm tragen, hintragen durch das kreisende Gewühl der andern, hinweg von ihnen, hinein in eine flammendurchlohte, rasende Seligkeit. Mitten in dem tollen Trubel waren sie allein.

Sein Mund dicht an ihrem Ohr:

»Daschka.«

Sie hob die langen, dunklen Wimpern:

»Du bist glücklich!«

Seine Augen strahlten:

»Rußland ist auf dem Wege nach Europa!«

Sie lächelte in stolzer Freude:

»Und du führst es an.«

Ein Schatten düsterte seine starken Züge: »Ich wollte, ich könnte es.« Er warf die Oberlippe auf, seine Miene wurde leichtsinnig: »Ein Spiel um einen Thron. Ach, Daschka, das Spiel ist mein Glück!«

»Deines.« Sie preßte ihre Stirn an seinen Hals, dicht, damit sie das ungebärdige Pochen seines Blutes spürte. Peitschend drang ihr der herrische Takt durch den Leib. Enger noch drängte sie zu ihm hin.

Sein Schnurbarthaar kitzelte ihre Wange.

Sie seufzte.

Er kannte die Sorge, der es galt: »Denkst du schon wieder an morgen?«

»An morgen,« sie nickte, »wo du zu Anisia oder zu Barbutschka oder zu der dicken Deutschen Liebling sagst.«

»Heute ist heute,« er schwenkte sie jagend herum. »Heute ist mein Herz dein. Morgen? Ich frage heute nicht nach dem Morgen. Sei du mir neu jeden Tag, wie es das Morgen ist, und ich werde dich ewig lieben.«

Ihre weichen, runden Schultern zogen sich hoch und sanken lässig zurück:

»So lockst du alle.«

Er lachte. Tief, dunkel:

»So locke ich auch mich.«

Im Gedränge wurde die hohe Gestalt seines sibirischen Pförtners sichtbar.

Sofort verhielt Menschikoff den Schritt: eine Nachricht? Ihm konnte keine Kunde eine Störung sein. Jede, die kam, brachte Neues, forderte Neues von ihm.

Der Pförtner meldet einen Bauern, der Seine Gnaden zu sprechen wünsche.

»Was hat der Kerl!«

»Er wollte nicht heraus mit der Sprache, sagte nur, es sei dringend, er komme vom Zaren.«

»Vom Zaren. Warum sagst du das nicht gleich, Tölpel! In mein Kabinett mit ihm.« Eine flüchtige Neigung an seine Tänzerin, und schon wand sich Menschikoff geschmeidig durch das Gewühl nach seinem Arbeitszimmer.

Wartete.

Nach einer Weile kam der Sibirier: Der Bauer sei nicht zu bewegen, ihm zu folgen. Er fordere, daß Seine Gnaden sich zu ihm begebe.

»Wirf den Rüpel aus dem Hause!« schrie Menschikoff wütend, rannte aber doch, dem Pförtner voran, über die Stiegen hinab in die Loge neben dem Eingang.

In dem kleinen, engen Raum saß ein junger livländischer Bauer in langschößigem, blauem Tuchrock, die Pelzmütze tief über die Ohren gezogen, das Gesicht auf die im Schoß gefalteten Hände geneigt.

»Hund, Sohn eines Hundes,« der zornige Hausherr packte ihn derb, »ich werde dich lehren, mir Befehle zu erteilen.«

Der Bauer hob langsam den Kopf.

»Majestät.« Menschikoff fuhr zurück.

Der Zar schüttelte schmerzlich den Kopf: »Ich verdiene diesen Titel nicht. Ich habe mein Heer in Stich gelassen.«

»Und Narwa?« Menschikoff war der Zusammenhang nicht klar.

»Narwa ist fest in der Schweden Hand. Karl triumphiert.«

»Unsinn!«

Kaum war dies Wort heraus, so hatte er Peters Fäuste auf seinen Schultern, die ihn rüttelten und schüttelten, daß ihm Hören und Sehen verging.

»So, Unsinn? Es muß wohl Unsinn sein? Ich störe dem Herrn Leichtfuß ein Fest, und das liebt der gnädige Herr nicht. Ich werde dir lehren, mich unsinnig zu heißen.« Die breite Hand des Zaren hob sich.

Der Geschulmeisterte zuckte mit keiner Wimper:

»Schlage zu. Vielleicht lernst du an mir, wie du Karl von Schweden schlagen mußt.«

Der bereite Arm sank herab. Ein Schimpfwort zwischen den Zähnen zerknirschend, kehrte sich der Zar gegen die Wand.

Eine lange Weile blieb Stille. Menschikoff wußte, jetzt arbeitete das Nachdenken in seinem Freunde und Herrn. Er hütete sich, störend einzugreifen.

Endlich klang es murrend über die Schulter hin zu ihm:

»Du hältst mich für feige? Du hast recht. Ich habe meinen Posten vor dem Feinde verlassen.«

»Warum?«

Warum? Peter begriff seine Flucht jetzt selbst nicht mehr. Die Gründe der andern, die ihm zu eigenen geworden waren, hatten an Gewicht verloren. Warum ließ er Heer, Sieg, unermeßlichen Ruhm und wählte statt dessen schmähliches Entweichen, Schande und Untergang? Er suchte nach Antwort und fand nur die Bedenken der Ängstlichen, der Zaudernden und der geflissentlichen Schwarzmaler:

»Karl ist ein Feldherr. Ich bin es nicht.«

»Du wirst es an ihm werden!«

»Seine Soldaten sind erprobt, sind nach allen Regeln der Kunst ausgebildet, die meinen, eine zusammengewürfelte Schar, die mit Gewehr und Säbel spielen, aber nicht ernstlich fechten können.«

Menschikoff lachte, tief, herzlich.

»Du lachst!« Der Zar fuhr herum, Purpurröte auf dem weiten Gesicht, die rechte Wange entstellt von wildem Zucken: »Du kannst lachen, und mein Heer ist vernichtet, zerstreut in alle Winde, Karl auf dem Wege nach Moskau?«

Wärmer noch wurde das Lachen: »Und wenn er mit seinen Schweden in den Kreml einzöge, du bist der Zar, du! Und du wirst ihn besiegen, denn mit dir ist Rußlands unerschöpfliche Kraft!«

Eine Sekunde war es, als schwankte Peter. Dann riß er Menschikoff an sich:

»Herzbruder! Freund! Mann! Du glaubst …«

»Ich glaube nicht, was ich weiß!«

Die Gestalt des Zaren reckte sich: »Schreibzeug her!«

Und nun flogen die Befehle. An den Patriarchen: Beschlagnahmung der Klosterglocken und des bronzenen Kirchengeräts. An die Gemeinden: Vorschriften über neue Aushebung von Mannschaften und Ausschreibung neuer Steuern auf die langen Bärte und Kaftans. An den Hetman der Kosaken: um Stellung von Hilfstruppen. An den Fürsten Galizin, Gesandten in Wien:

»Sollte der schwedische König durch Vermittlung des deutschen Kaisers uns Frieden antragen, so wirst du als Preis unseres Eingehens auf solch Angebot Livland mit Narwa, Kolywan und Dorpat fordern.«

Menschikoff schlug mit der Hand breit auf das Papier: »Das ist russisch gesprochen.« Er kniff die Lider zwinkernd zusammen: »Soll ich das Fest absagen lassen?«

Die Feder flog auf den Tisch, daß die Tinte spritzte. Peter war aufgesprungen. Breitbeinig stand er, den Körper hoch aufgerichtet, die Brust gewölbt von mächtigem Atemzuge:

»Laß Böller schießen! Der Zar hat einen Sieg errungen!«