III.

Ein schwüler Sommer brütete über Livland. Die weiten Felder standen in weißem, zitterndem Glast, und die Straßen der kleinen Städte dunsteten vor Hitze. Es war, als wolle die schwere Glut die neue Zeit garkochen, die für das alte deutsche Ordensgebiet heraufkam.

Im Sturm und mit Gewalt kam sie über das Land. Und der den Sturm antrieb und die Gewalt hetzte, war der moskowitische Zar.

Nur zwei Winter waren vorbeigegangen, seit die Russen bei Narwa die raschen und festen Schläge des schwedischen Karl zu spüren bekommen hatten. Wie Spreu war ihr übermächtiges Heer vor dem Siegbewußten in alle Winde verflogen. Doch der schnelle Triumph gedieh Schweden nicht zum Heile. Vom Kampfeseifer verblendet, hastete Karl von Schlacht zu Schlacht. Dänemark hatte er im Frieden zu Travendal gebändigt, den Moskowiter in Livland erledigt, nun ging es gegen den polnischen König. Verklungene Wasaträume wachten in seinem Blute auf. Begehrte er auch nicht die polnische Krone, so wollte er doch der Schirmherr dieses vielbegehrten und hoch mit Gold, Blut und Falschheiten aller Art bezahlten Kleinods sein. Ein Herrscher von seinen Gnaden sollte den polnischen Thron an Stelle Augusts von Sachsen einnehmen. Tiefer und tiefer verstrickte er sich in das Netz der polnischen Wirren. Er, der gewohnt war, gerade seines Wegs zu gehen, fand sich plötzlich inmitten des Hin und Wider der Parteiungen der polnischen Großen. Und über diesem Treiben wurde er der Gefahr nicht gewahr, die sich in seinem Rücken regte und reckte. Die Lehre von Narwa hatte sich Peter eingebrannt. Er war nicht der Mann, der eine üble Erfahrung vergaß. In aller Stille arbeitete er daran, die Scharte auszuwetzen. Während Karl sich die Hände immer fester mit Verpflichtungen gegenüber seinen polnischen Anhängern band, lernte Peter, die seinen von Tag zu Tag freier bewegen. Was seinen Russen gefehlt hatte, wurde ihnen beigebracht. Hessen und Schweizer, Westfalen und Sachsen bildeten ihm seine Soldaten. An den Grenzen Livlands sammelte sich Trupp bei Trupp. Ein neues Heer, ein anderes als vor Narwa lag, eines, das nicht nur Ergebenheit für den Zaren, das Zucht und Zug in sich hatte. Und es wuchs. An Schlagfertigkeit und Masse. Es schwoll an, gleich einem Strom vor einem Stauwehr. Unversehens brach es über die Dämme. Weithin jagte die Springflut. Und der dem Schwalle hätte gebieten können, war fern, handelte und stritt für eine fremde Krone und hatte des Griffes nicht acht, der seine eigene ihrer köstlichsten Juwelen beraubte.

Angstvoll lauschte das sich selbst überlassene Land auf den dumpfpochenden Tritt der heranmarschierenden Bataillone. Wohin der Russe trat, gingen Scheuern und Speicher in Flammen auf. Kein Haus war sicher, daß ihm nicht der rote Hahn aufs Dach gesetzt wurde. Wer laufen konnte, lief und suchte Schutz in den nächsten festen Städten. Zitternd und bangend hockten die Flüchtigen dort zwischen den Bürgern, scheuchten sie auf aus ihrem gelassenen Behagen und steckten sie an mit der Unruhe, die ihr aufgetriebenes Blut erfüllte. Niemand hatte mehr Lust zur Arbeit. Die Weiber liefen von der Backschüssel und den Waschtrögen vor die Türen, die Männer ließen Hammer und Hobel liegen und sammelten sich an den Straßenecken. Wozu werkeln und sich schinden, wenn am Ende vor Abend noch der Russe da war. Mochten die Kinder schreien. Staken sie erst auf den Spießen der Kosaken, würden sie schon stille werden. Die tollsten Gerüchte durchschwirrten die Luft und wurden hastig weitergegeben mit verzerrten, aufgelösten Mienen. Eine jähe Gier nach dem Gräßlichen befiel diese aus dem gewohnten Geleise geworfenen Menschen. Fiebrig, mit witternden Nasenflügeln sogen sie die grauenvollen Kunden ein, peitschten sich immer tiefer hinein in den Schrecken, um der lähmenden Ungewißheit ihres nächsten Schicksals zu entfliehen. Jede Stunde warteten sie, daß das Furchtbare sich erfülle und Greuel und Gemetzel die friedliche Arbeit langer Jahre verschlänge.

Die Stunden vergingen. Die Tage. Die Drohung verlor an Wucht über die Gemüter. Langsam lenkte das Leben in seine alten Bahnen. Vielleicht ging das Ungemach noch einmal vorüber oder wendete sich zum Nachbar hin, nach Karelien, nach Kurland. Mochte der Blitz in das fremde Haus schlagen, wenn nur das eigene verschont blieb. Die Männer schafften wieder in ihren Werkstätten, die Frauen am Herd und im Hause, aber sie waren nicht mehr dieselben wie vordem. Es gab Augenblicke, wo die Hände von dem gewohnten Geschäft fahrig abirrten, die Augen plötzlich wie bei einem aus tiefem Traum Erwachenden sich weiteten und starr eine unbekannte Welt zu enträtseln suchten. Die Menschen waren unsicher geworden an ihrem Dasein. Mit Grauen wendeten die Alten den Blick von der Zukunft. Aber die jungen Herzen jauchzten. Sie spürten: unter Blut und Tränen kam ein neuer Tag herauf, ihr Tag.

Um den großen Mund Katharina Skawronskas zuckte ein Lächeln: sie fürchtete sich vor dem Neuen nicht, mochte es immerhin in Gestalt der Russen erscheinen. Ihre schmalen Lippen verzogen sich spöttisch: es waren auch nur Männer! Tiefer drückte sie den von dichtem, rotem Haar umbauschten Kopf wider das dunkle Grün des Gaisblattes. Ah! Sie dehnte die Arme. Das enge Miederkleid spannte sich über den vollen Brüsten. Ihre grünlichen Augen bekamen einen hellen Glanz. Eine Erinnerung war ihr in den Sinn gefallen, von einem Abend, einem düstren, regenfeuchten Novemberabend, da Schnee und Sturm ums Haus tobten. Da stand er vor ihr, der Russe. In ihrem Blick blitzte es auf: nein, vor den Russen hatte sie keine Angst. Lässig rückte sie die Glieder, streckte und schob sich zurecht auf der Weidenbank. Der Mittag glutete. Langsam sanken ihr die Lider. Noch einmal hob sie sie:

»Halte gut Wache.«

Der dreizehnjährige Knabe, der in dem Eingang zur Laube an der Erde hockte, nickte ernsthaft. Die Gerte, die seine hageren, verzehrten Finger schwangen, klatschte aufgeregt gegen die Pfosten. Zischend stieß er zwischen den Zähnen hervor:

»Keiner darf dir was tun!«

Unbeweglich saß der kindliche Hüter. Verwandte das Auge nicht von der Schläferin, nur die Gerte in seiner Linken wippte leise.

Ein grünlich schillernder, großer Brummer summte in die Laube und zog seine Kreise. Mit flirrenden Flügeln verhielt er über dem prallen, festen Fuß, der rosig unter dem kurzen, derben Rock sich vorschob. Doch nur einen Augenblick. Eilig surrte er weiter, nistete eine kurze Weile auf dem weißen Busentuch, das unter dem sachten Wellen des Atmens sanft sich hob und senkte, und richtete dann seine Fahrt gegen das leuchtende Gekräusel über der weiß schimmernden Stirn. Dort verweilte er, tastete mit den haarigen Zangen seiner Füße über die klare, samtene Haut. Ein leichtes Zittern rüttelte die Schlafende, der Kopf kehrte sich zur Seite. Erschreckt flog der Brummer auf.

Mit großem, erstauntem Blick war der Knabe dem Schauspiel gefolgt. Jetzt schob er sich mühsam in die Höhe, tappte mit den ungelenken, ungleichen Gliedern auf Katharina zu. Die schmale, enge Brust keuchte mit kurzen, heftigen Stößen. Bebend stand er vor dem Ziel seiner Wanderung. Die Gerte, die er fest umklammert hielt, wippte stärker. Tanzend huschte ihre feine Spitze über Katharinens Wange. Erschauernd zuckte sie zusammen. Ein greller, kicksender Laut brach zwischen den lückigen, schwarzgefleckten Zähnen des kleinen Peinigers hervor. Seine schartige Oberlippe zog sich in jäher Freude weit zurück. Ein schüttelndes Beben rann durch den verwachsenen Körper. Der wehe, verkniffene Zug um seinen Mund war plötzlich aufgelöst in süchtiges Verlangen. Schmatzend sogen die Lippen aneinander. Sacht drängte er seine Hand gegen den atmenden Leib. Finger bei Finger kroch sie, ein kleines, braunes, lüsternes Ungetier, langsam höher, und wand sich durch Rüschen und Falbeln. Sie hatte eben den Rand des wogenden Ausschnittes erreicht und hob sich wollüstig zuckend, als das Knirren des Sandes auf dem Gartenwege sie erschreckt zusammenfahren ließ. Gleich einem Mehlsack plumpste der in seinem geheimen Spiel Gestörte zu Boden und kroch, so schnell es sein lahmes Bein zugab, zu seinem Wächtersitz zurück.

Im Eingang der Laube erschien ein schlanker, junger Mann, einer der Zöglinge des Propstes Glück, in dessen Hause Katharina nach dem Tode ihrer Mutter Aufnahme gefunden hatte.

Der Kleine maß den frischen, blonden Menschen feindselig:

»Katha schläft.«

Arnd Albedyll biß sich ärgerlich auf die Lippen. Er bemühte sich, zu tun, als habe er gar nicht gewußt, daß jemand und wer in der Laube sei.

»So, die Katja ist da herinnen?« Er streckte den Kopf vor, um ihren Anblick in dem grünen Dämmer zu erhaschen.

Schnippend fuhr ihm die Gerte ins Gesicht.

»Verfluchter Balg!« er suchte die Rute zu packen und an sich zu reißen, »sticht dich der Hafer?«

»Du sollst nicht zu Katha,« zischte der Knabe. »Glaubst du, ich weiß nicht, warum du kommst?« Seine Augen glühten böse: »Ich weiß alles. Ich weiß, daß du ihr nachläufst auf Schritt und Tritt, ich habe gehört, wie du sie angebettelt hast, sie soll des Nachts ihre Tür auflassen.«

Der junge Baron mühte sich ein Lachen ab: »Schau, wie du lügen kannst.«

Die Weide in der Hand des kleinen Eifersüchtigen zerknickte: »Ich werde es dem Vater sagen.«

»Untersteh dich!« Mit geballten Fäusten wollte der Erregte auf den hämischen Widersacher ein.

»Junker Albedyll,« eine breite Hand legte sich mahnend auf seine Schulter.

Arnd fuhr herum, bleich, verstört: »Herr Präzeptor!«

Der Präzeptor Wurm musterte ihn kühl: »Habt Ihr Eure Aufgaben schon erledigt, Junker? Ich bin sonst solchen Fleiß nicht an Euch gewöhnt.«

Der Geschulmeisterte stammelte etwas von drückender Glut und Luftschöpfen.

»In der Laube ist die Luft noch schwüler.«

Der junge Baron warf den Kopf in den Nacken und antwortete mit Betonung: »Der Herr Präzeptor muß das freilich besser wissen als ich.«

Ein Blitz zuckte von Auge zu Auge. Kein Blick wich dem andern.

Der Präzeptor hob die Hand. Der Junker stand wie ein junger Stier mit gebeugtem Nacken, bereit, sich beim ersten Schlag auf den Nebenbuhler zu stürzen.

Das Kürtchen kreischte laut auf vor Vergnügen.

Sein Geschrei weckte Katharina.

Mit einem Ruck fuhr sie auf und war sofort auf den Füßen. Wiegenden Schrittes trat sie zwischen die Kampfhähne. Ihr Lächeln ging vom einen zum andern.

Helles Rot schoß in beiden auf.

Katharina streckte die Hände. Ihre Hüften schaukelten leicht: »Ich liebe es nicht, wenn meine Freunde sich streiten.«

Ein ächzender Laut klang zu ihr hinauf, ein verzerrtes Gesicht sank gegen ihre Knie. Ihr kleiner, eifernder Beschützer.

In rascher Umfassung zog sie das erstarrte Körperchen an sich. Sie war die Anfälle seiner Sucht gewohnt. Stundenlang hatten sie ihn sonst geplagt, den armen Leib in wilden Schauern geschüttelt, bis kaum noch Atem in dem wehen Gemächte war. Kein Mittel hatte dagegen verfangen wollen. Als sie zum erstenmal des rasenden Tobens ansichtig geworden war, hatte sie gemeint, der Leibhaftige habe sein Spiel mit dem Kinde, dann aber hatte sie es entschlossen in ihre Arme genommen und an sich gedrückt, fest, ganz fest. Das hatte den ärgsten Sturm gebrochen.

Auch diesmal schien der drohende Ausbruch gebannt. Gleichwohl sprangen der Präzeptor und der Junker eilfertig zu Hilfe, faßten und hielten die Glieder, die in kurzen, heftigen Stößen zu zappeln begannen. Im Eifer ihrer Verrichtung kamen sie näher und näher zu Katharina hin. Diese rührte sich nicht, nur das kupfrige Gekraus über ihren Schläfen streifte bald die Stirn des einen, bald den Nacken des andern ihrer Helfer. Dann flammten deren Stirnen höher auf, und die Hände, die stützen sollten, bebten ärger als das vom Krampf geworfene Wesen.

»Gerad, als ob sie's vom Satan gelernt hätt'!«

Der Gärtnerbursche, der, Rechen und Hacke geschultert, vom Felde heimkam, blieb mitten auf dem Wege, der zur Laube führte, stehen: »Es gibt kein Mannsbild, dem sie nicht das Herz im Leibe umkehrte,« knirschte er hervor. »Verdammt!« Er schob die kurze Holzpfeife in die andere Mundecke und spie aus. »Und kein Loskommen ist. Kein Loskommen. Ist sie aber erst mein Weib,« die Finger spannten sich um die Hacke, »sie mag sich vorsehen. Bei Gott, sie mag sich vorsehen.«

Der brave Johann Kruse, dessen Vater und Ältervater schon in Diensten der Marienburger Propstei gestanden hatten, war nicht der einzige, dem der Gedanken kam, daß es mit der Katharina Skawronska noch mal ein übles Ende nehmen würde wenn sie nicht …

Über dieses Wenn wurde er sich freilich nicht klar. Ebensowenig wie sein Herr, der Propst, der, um seine Predigt zum morgigen Sonntag zu memorieren, den Garten aufgesucht hatte und dabei gleichfalls des verräterischen Schauspiels ansichtig geworden war. Seine geistliche Würde verhinderte es, daß er sich im Fluchen Luft machte, ja er empfand die gewisse Beklemmung, die seine breite Brust bei dem unerwarteten Anblick der augenscheinlichen Erregung seines Präzeptors und seines Zöglings bedrängte, mit einem gewissen Staunen. Schon wollte er auf die Gruppe zu und die beiden jungen Leute an ihre Arbeit weisen, als er plötzlich den Schritt verhielt: trieb ihn nur die Sorge um das Heil der andern?

Die Predigtaufzeichnungen in seiner Hand knitterten unter dem herrischen Griff, mit dem er die plötzliche Erkenntnis zwang:

»Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen,« murmelte er düster und wendete sich mit heftigem Ruck ab.

Ein schwerfälliger Schritt folgte ihm tappend.

»Herr!«

Der Propst sah über die Schulter zurück: »Was gibt's, Kruse?«

Der Gärtner zupfte ihn am Ärmel: »Herr,« seine Stimme war dunkel vor Groll, »seht Ihr, wie die Tochter Baals ihre Lust hat mit den Söhnen Davids. Endet das Ärgernis, damit die Gemeinschaft der Gläubigen nicht Anstoß nehme und Euch einen Verderber heiße.«

»Kruse,« die breite Rechte des Propstes sank schwer auf die Schulter des Knechtes, »du mutest dir viel zu. Das Weib ist listiger als die Schlangen.«

»Ich werde ihr den Kopf zertreten.«

»Und sie wird dich in die Ferse stechen.«

Die Brust des Gärtners hob und senkte sich in stürmischem Atmen:

»Und wenn ich daran zugrunde gehe, sie muß mein werden.«

Der Propst nickte. Ein Würgen war in seiner Kehle, und doch sagte er klar und fest:

»Du sollst deinen Willen haben.« –

Es war Abend geworden.

Der Propst ging in seinem Studierzimmer mit harten Schritten hin und wieder. In dem halben Dämmer des scheidenden Tages leuchteten vom Schreibtisch die weißen Blätter der Handschrift zu der morgigen Predigt. So oft der Blick des ruhelos in der Stubenenge Umgetriebenen diesen hellen Fleck streifte, wich er unsicher aus:

Lehren! Leiten!

Ein schweres Stöhnen unterdrückend, deckte der Propst die Hand über die wie in verhehltem Fieber brennenden Augen. Er fühlte den Grund seiner Seele wanken. Wie war es möglich, daß in ihm, der hoch im Dasein stand, der sich längst jenseits jeder Anfechtung vermeint hatte, plötzlich ein wilder Brand entflammte, nach einem Weibe, dessen Vater er hätte sein können? Seine Fäuste ballten sich schmerzhaft: verfluchter Tag, da ihm der langaufgeschossene Balg im Hause des Ringener Kantors entgegengetreten war, ihn angelacht und ihm erklärt hatte: ich gehe mit dir. Einfach: ich gehe mit dir! Weil der Kantor nicht wußte, wie er den zugelaufenen Nachlaß der Gutsmagd des Herrn auf Rosen neben seinen eigenen acht Göhren durchbringen sollte. Hätte er nur damals auf seine Frau gehört, die sich mit Händen und Füßen sträubte, den Wechselbalg eines adligen Taugenichts und einer hörigen Dirne aufzunehmen. Er aber war erzürnt gewesen ob ihrer unchristlichen Härte. Tagelang hatte er kein Wort mit ihr gesprochen. Nie war das bis dahin in ihrer langen Ehe vorgekommen. Die Frau hatte getrotzt, geweint und sich schließlich seinem Wunsche gefügt. Es war alles gut gegangen. Das Mädel hatte es verstanden, im Handumdrehen auch das Herz sich zu gewinnen, das ihm nicht sehr zugetan gewesen war. Es dauerte noch keine paar Wochen, da sang die Pröpstin das Lob des Fremdlings. Mit allen ging es so. Im ganzen Kirchspiel war keiner, der dem Mädel eine böse Miene gezeigt hätte. Wo es hinkam, leuchteten die Blicke der Männer, und die Frauensleute rissen sich um seine Freundschaft. Es hatte zuweilen wahrhaftig so ausgesehen, als könne das Ding hexen.

Der Propst blieb neben dem Fenster stehen, die Stirn, hinter der es zuckte und arbeitete, gegen den offenstehenden Flügel gepreßt:

War es nicht fast Hexerei, wie sie seinen Jungen, dieses Häufchen Elend, nach sich gezogen hatte? Sie brauchte ihn nur anzurühren, und im ärgsten Toben wurde er ruhig. Wie ein Wunder Gottes war es ihm erst erschienen. Jetzt wußte er, woher das Wunder kam. Das Zucken seines eigenen Herzens hatte es ihm offenbart. Ihm, dem Vorbilde der Gemeinde.

Ein kurzes, gequältes Lachen brach aus dem zusammengepreßten Munde:

»Ein Vorbild!«

Seine Nägel bohrten sich in das Holz des Fensterrahmens.

Er durfte sich nicht an sich beirren. Wohl pochte sein Herz stärker, aber noch hatte er es in der Gewalt. Und er würde dafür sorgen, daß er es in der Gewalt behielt. Das Versprechen, das er seinem Gärtner gegeben hatte, mußte erfüllt werden. Bald mußte es erfüllt werden.

Leise fiel ein rasches, helles Pochen in seine Gedanken und leicht und sacht ging die Tür auf. Ein milder, warmer Schein drang in das Zimmer und scheuchte die abendliche Dunkelheit vor die Fenster, hinaus unter Büsche und Bäume. Katharina, den grünbeschirmten Leuchter in der Hand, trat über die Schwelle. Weich und behende glitt sie durch den Raum.

Die Blicke des Propstes hingen an ihren Bewegungen. Ihm war, als sähe er sie zum ersten Male.

Eben so behutsam, wie sie gekommen, wollte sie sich zurückziehen, da gewahrte sie, wie der Propst die Hand hob, als müsse er sie halten. Unwillkürlich verweilte sie.

Jetzt erst wurde sich der Propst dieser Bewegung bewußt. Er fühlte: er mußte eine Erklärung geben. Was, was nur? Ah, Kruses Werbung, die nahe Hochzeit.

Seine Zunge mühte sich schwer um die Worte. Mit jedem einzelnen türmte er den wehrenden Wall zwischen sich und der gefährlichen Lockung. Jedes einzelne mußte er sich abringen.

Katharina hatte verwundert aufgehorcht: woher auf einmal dieses Drängen auf Erfüllung eines Wunsches, den zu gewähren sie nicht eilig hatte. Bisher hatte der Propst ihr beigestanden, den Ungeduldigen zu zügeln, wenn er allzu heftig in seinem Anliegen wurde. Jetzt redete er ihm das Wort? Was hatte sich ereignet?

Der stillschweigende Widerstand verwirrte den Propst. Seine Rede stockte, brach ab und verstummte endlich ganz. Eine peinvolle Stille entstand. Der Propst glaubte, sein Herz klopfen zu hören. Immer lauter erhob sich der pochende Schwall, wuchs zu einem Klingen und Dröhnen. Keuchend jagte die Brust des Propstes, ihm war, als müsse er in seinem eigenen Blute ersticken. Krallend zerrte seine Rechte an der Halsbinde.

Die dünnen, durchsichtigen Lider Katharinas glitten langsam zu einem kühlen, erstaunten Blick auf. Doch rasch wandelte blitzschnelles Begreifen den fragenden Schimmer der grünlichen Augen in flackerndes Glimmen: es galt, den Vorteil der Stunde zu nützen! Ihr Gesicht nahm einen kindlich-bänglichen Ausdruck an:

»Ich bin dem Geschick dankbar, das mich auch in dem neuen Stande der fürsorgenden Huld des väterlichen Freundes nicht entzieht.«

Die Schmeichelrede tat vor dem Propste einen Abgrund auf. Was Schranke hatte werden sollen, drohte Brücke zu werden. Seine Blicke hingen brennend an der biegsamen, geschmeidigen Gestalt vor ihm: wahrlich, sie war schön, schön wie Bathseba. Die Finger des Propstes bogen sich ineinander: er durfte, er wollte nicht schwach werden gleich David. Als suche er Halt und Stütze, drängte er den mächtigen Rücken gegen den hochlehnigen Stuhl vor dem Schreibtisch. Hastig, fast heftig antwortete er Katharina, ängstlich bemüht, mit jedem Vorschlag weiteren Raum zwischen ihr und sich zu bringen. Die Enge der Marienburger Verhältnisse, die Notwendigkeit voranzustreben, ein größerer Wirkungskreis, Empfehlungen an Freunde in Riga, ein Gütchen bei der Stadt, eine angesehene Stellung und reiches Auskommen. – Erschöpft schwieg er.

Nicht eine Miene hatte sich in Katharinas Gesicht verzogen, nur das Gleißen in ihren Blicken funkelte herrischer. Um das verräterische Glühen zu verbergen, haschte sie nach der Hand des Propstes, um sich mit einem leichten Dank über sie zu beugen.

Doch wie von Klammern wurde sie emporgerissen. Er hatte sie gepackt und hielt sie mit eisernen Fäusten. Armeslänge zwischen seinem Munde und dem andern, dessen Süße zu kosten es ihn hinriß. Langsam neigte sich seine Stirn. Der Zoll, den er der Schwachheit menschlicher Natur entrichtete. Aber seine Hände rückten die gefährliche Bezauberung unerbittlich von ihm ab. –

Die Tür war hinter Katharina ins Schloß gefallen. Leicht, beschwingt, Tanz in den Füßen, eilte sie den Gang hinunter. Auf der Schwelle zum Garten blieb sie stehen. Duftatmend, mondglanzübergossen tat er sich vor ihr auf. Tausend zarte verliebte Töne riefen durch die Nacht. Alle Sinne spannten sich zum Genuß. Schweigend öffneten sich Katharinas Lippen und gaben die kleinen harten weißen Zähne frei. –

Im Arbeitszimmer des Propstes fiel der friedliche Schein der Lichter auf die zuckend im Schoß gefalteten Hände. In dem grünlichen Schimmer des Schirmes aber hob sich ein erhaben geweihtes Antlitz, in dem jeder Wunsch verstummt war in der Bitte um Gnade.