IV.
Katharinas Hochzeitstag war gekommen. Glühend rot stieg sein Morgen aus dem weißlichen Dunst, den die Nacht über den erntereifen Feldern zurückgelassen hatte. Vor den ersten Strahlen der Sonne wich das schwebende Wallen, wandelte sich in kühlen Tau, den die Erde durstig einsog, und durch die schwindenden Schleier schwangen sich die Lerchen, stiegen hinauf, hoch hinauf in den strahlend blauen Himmel, um ihren Weckruf über das Land zu jubeln.
Es war ein eiliges Wecken in jener Frühe. Mit den Lerchen um die Wette schlugen die Glocken und schmetterten die Böller. Immer dringender mahnte das Dröhnen, rief das Hallen. Sturm! hieß das: Sturm! Die Wolke, die wochen-, monatelang gewitterschwanger am Horizont gestanden hatte, zog in rasender Eile herbei: Scheremetjef mit seinen Truppen. Und vor ihnen her von Angst gejagt die Leute von Settinghof und Rosenhof, von Sommerpanlen und Romeskalm. Zu Fuß, zu Pferde, zu Wagen. Hochaufgetürmt den Hausrat und allerlei Kram auf Hucken und Gefährten. Kinder und Alte und die Kranken zwischen Kasten und Truhen, Heubündeln und Strohgarben. Das schob und drängte, weinte und zeterte, jammerte und fluchte. Auf allen Gesichtern die Schatten der friedlosen Nacht. Welk und müde die Züge, die Augen tief, fast erloschen in den Höhlen, stumpf der nahen Zuflucht zugekehrt, doch immer wieder herumgerissen von der Erinnerung an durchlebtes Schrecknis. Dunkel wälzte sich der Strom in die Stadt, zwängte sich in die Straßen und Gassen, füllte sie mit Not und Geschrei.
Peter I. der Große
Nach einem Stich von Jak. Houbraken
Katharina stand am Fenster, als der Schwarm sich vorüberschob. Sie hatte ihren kleinen Spiegel an den Riegel des offenen Flügels gehängt und war damit beschäftigt, ihr Haar aufzustecken. Über die hocherhobenen vollen Arme fluteten die schweren roten Wellen hinab auf den weißen, sanftgeschwungenen Nacken. Prall und fest spannten sich die runden Brüste unter dem zarten Leinen des Hemdes. Im Takt glitt der Kamm durch die dichten Strähnen. Katharina warf den Kopf zurück und zeigte ihrem Spiegelbilde die Zähne: hei, es ging lustig zu in der Welt. In dem winzigen engen Rahmen, darin der Spiegel ihr ein Stück der Straße einfing, wurde sie der Flüchtenden gewahr. Kleine verhuzelte Menschlein krochen über den Weg, zogen randvoll beladene Kärrchen, stießen und balgten sich vorwärts. Wurden immer mehr, wurden ein dichter wimmelnder Klumpen, hatten weder Arm noch Bein, nur Buckel, lauter Buckel, hochaufgetürmte Buckel. Sie kümmerte sich nicht um das, was unten, dort, wo das unglückliche Volk sein bißchen Dasein durch die rettende Gasse schleifte, in Wahrheit vorging, unverwandt blieb ihr Blick auf den putzigen Widerschein gerichtet. Sie lachte, lachte, lachte –. Eine jauchzende Tollheit befiel sie. Sie sprang durchs Zimmer, wirbelte sich im Kreise und klatschte in die Hände: einen solchen Hochzeitstag hatte sobald keine.
Fürstin Darja Menschikoff
Nach einem Stich von A. Dubow
In ihre Ausgelassenheit fuhr das Gellen schriller Trompetenstöße. Zugleich wurde das drängende Lärmen auf der Straße eiliger. Mit einem Ruck stand sie. Die hellen Brauen zogen sich nachdenklich zusammen: ob auch an sie bald die Reihe kam, zu wandern?
Graf Scheremetjef
Nach einer Lithographie von Langlume
Sie stieß die Schultern mit einer abtuenden Bewegung hoch: was konnte ihr geschehen? Ihr, nichts. Wohl aber dem, der in zwei Stunden ihr Mann sein würde. Er sah schmuck aus in der Trompeteruniform. Schade, daß er sie mit Unlust trug. Er meinte, ein junger Ehegatte habe andere Pflichten, als sich in Gefahr zu begeben. Er hatte Angst, daß er seinen Platz neben ihr allzubald würde verlassen müssen. – Sie nickte, während sie ihre krausen, ruscheligen Haare langsam zu einem dicken Knoten schlang: sie brauchte nicht zu sorgen, daß sie allein bleiben würde. War es nicht der Johann Kruse, so war es … Ihre Brust dehnte sich. Sie beendete den Gedanken nicht, aber der feste, bestimmte Ausdruck ihrer Züge zeigte, daß sie in ihrem Geiste Möglichkeiten erwog, die weit über das Dasein einer behäbigen Gärtnersfrau hinausgingen. –
Fürst Alexander Menschikoff
Nach einer Lithographie von Langlume
Die Trauung in der Marienkirche war vorüber. Die Pröpstin hatte im Gartensaal ihres Hauses eine kleine Tafel herrichten lassen. Daran saßen neben dem Hochzeitspaare und den Zugehörigen des pröpstlichen Hauses die Ehrengäste: die betagten Eltern des Gärtners, der Oberst und der Major des schwedischen Regimentes, dem Kruse angehörte, und einige Leutnants, die der Oberst von der Kirche her auf ihre Bitten hin mitgebracht hatte. Die jungen wie die alten Herren hatten nur Augen für die Braut, kaum daß des Bräutigams in den kurzen Trinksprüchen, die seine Regimentsoberen hielten, gedacht wurde. Steif, mit einem bösen, verbissenen Gesicht saß Johann Kruse wie angenagelt auf seinem Stuhl. So oft Katharinens Wohl ausgebracht wurde, hob er den dicken Glashumpen, der vor ihm stand, und leerte ihn mit einem Zuge. Je mehr er trank, um so argwöhnischer belauerten seine runden, rollenden Knopfaugen die ihm gegenübersitzende Katharina.
Graf Apraxin
Nach einer Lithographie von Langlume
Diese unterhielt sich vorzüglich. Der Wein trieb das Blut in rascherem Schlage durch ihre Adern und lockte eine leichte Röte in ihre Wangen. Und die offenkundige Bewunderung der vornehmen Offiziere schmeichelte ihr nicht wenig. Je ingrimmiger ihr Angetrauter dreinsah, um so mutwilliger scherzte sie. Seine närrische, ungelenke Art verdroß sie: wahrhaftig, er benahm sich wie ein Bauer. Sie bemühte sich angelegentlich, sein Ungeschick auszugleichen. Es gelang ihr vortrefflich. Sie plauderte mit ihren Nachbarn, dem Obersten und dem Major, als sei sie einen derartigen Umgang von klein auf gewöhnt, rückte ihnen mit allerlei wißbegierigen Fragen über Verteidigungsanstalten und Angriffsmaßnahmen, Stärke und Bewegungen der Russen, Aussichten und Absichten der Schweden auf den Leib und wußte ihren Lerneifer so mit Munterkeit zu würzen, daß die alten Haudegen ganz hingerissen waren. Besonders der Oberst vergaß völlig, wen er vor sich hatte, und kramte aus den Erinnerungen seiner lang vergangenen Jugend all die kleinen Künste der Hofmacherei hervor und brachte sie beflissen und mit heimlichem Stolz über seine wiederentdeckte Begabung zur Anwendung. Katharina machte sich einen Spaß daraus, ihn in seinen Bemühungen um ihre Gunst anzustacheln. Sie übersah geflissentlich die drohend auf sie gerichteten Blicke ihres Gatten: er sollte sich nicht einbilden, daß sie seine Sklavin sei. Laut und lustig antwortete sie dem schmeichelnden Necken des Obersten.
Stieren Auges starrte der junge Gärtner auf das Paar. Schwere, dunkle Glut rückte über seinen Nacken bis in die Stirn hinauf, die Adern an den Schläfen schwollen zu dicken Strängen. Eben hatte der Oberst sein Glas erhoben und ein Hoch auf die Schönheit und die Liebe ausgebracht. Begeistert stimmten die jungen Leutnants ein. Der Junker von Albedyll reckte seinen Arm wie zum Schwur, seine Augen suchten Katharina. Und selbst der zurückhaltende Präzeptor drängte sich, mit Katharina anzustoßen. Schwerfällig hatte sich Kruse in seinem Stuhl hochgeschoben. Mit der Linken hielt er sich klammernd an der Tischkante, der Kopf beugte sich wie zum Stoß vor. Zitternd schwenkte die Rechte den Humpen, strebte hin, an Katharinas Glas zu klingen. Es gelang ihm nicht. Der Oberst war ihm im Wege. Die launige Ansprache, die er der Gefeierten hielt, wollte und wollte nicht enden. Da packte den andern die Wut. Mit einem dumpfen, abbrechenden Laut warf er den Becher nach dem Hinderlichen. Splitternd klirrten die Scherben über den Tisch, und der Wein färbte in breitem Gusse die festliche Tafel. Grelle Tropfen spritzten auf Katharinas Kleid. Alle sprangen auf. Ein paar der Offiziere zogen die Degen.
Doch Katharina war schneller als die schlagfertigen Unbesonnenen. Über den Tisch hinweg ergriff sie Kruses geballte Fäuste.
»Mein Mann hat dem Herrn Obersten für den freundlichen Trinkspruch danken wollen. Er ist ungewohnt des Wortes, und die Freude über das mir gespendete Lob«, der kühle, beherrschte Blick ihrer grünlichen Augen richtete sich voll auf den Obersten, »hat ihm den Sinn verwirrt. Der Herr Oberst wird es ihm daher nicht anrechnen, daß der beabsichtigte Dank etwas heftig ausfiel.«
Der Oberst fühlte sich von der Höhe seiner Erinnerung herabgestürzt. Er nickte verlegen. In gesucht biedermännischem Tone kehrte er sich zu Kruse:
»Er hat eine gescheite Frau, eine tapfere Frau, eine …«
Katharina schnitt die weitere Aufzählung ihrer Tugenden mit einem tiefen Knix ab, in dem sie vor dem alten Kavalier versank. Ein zweiter vor dem Propst und der Pröpstin, ein herzliches Umarmen der Eltern ihres Mannes, ein leichtes Grüßen und Neigen gegen die übrigen Festgenossen, die Feier war zu Ende. –
Das junge Paar war mit sich allein.
Allein in der kleinen, niederen Stube, deren Fenster in den Garten hinaussahen, durch die seine Pracht mit Blühen und Duften hineinströmte.
Von den nahen Beeten zog der schwere, würzige Geruch des Heliotrops heran, und von den Büschen, die das Haus einrahmten, fiel der schwüle Hauch des Jasmins betäubend in die Enge der Zimmer. Über Rasen und Wegen lag die zärtliche Helle der Sommernacht. Die großen, roten und blaßblauen Häupter der hohen Mohnstauden schwammen leise, von sanftem Winde gewiegt, in dem goldenen Dämmer, und zwei kaum erschlossene Rosen, eine volle purpurne und eine weiche gelbe, neigten sich, auf benachbarten Stengeln schwankend, in kosendem Spiel zueinander.
Katharina hockte auf einem niederen Schemel mitten in der Stube. Die Knie hatte sie angezogen, die Arme darum geschlagen und die Finger fest ineinander verschlungen. Wie leblos verharrte sie. Sie hörte das Umherschwanken des Trunkenen, hörte die lallenden, knurrenden Laute des Eifersüchtigen, das stoßende, ruckende Atmen des Gierigen.
Ein feiner, lauernder Kitzel war in ihr: ob er es wagte, sie zu berühren? Und was würde er tun?
Sacht drehte sie den Kopf über die Schulter.
Er lehnte gegen die Bettwand. Mit zäher Mühe hielt er sich aufrecht. Die schweren, dicken Lider, die ihm jeden Augenblick zuzufallen drohten, riß er überweit auf.
»Frau!«, murrte er, »Frau!«
Katharina ließ die bloßen Füße auf den Boden klatschen. Kühl rannen die Falten des langen Hemdes über ihren heißen Körper. Sie reckte sich. Ihre Oberlippe kräuselte sich verächtlich. Nahe, ganz nahe glitt sie an den zum Griff ausgespannten Fingern vorüber und war mit einem Sprunge zwischen den Kissen. Eilig wollte der Genarrte ihr nach. Doch der Heftigkeit seiner Begierde entsprach nicht mehr die Gewandtheit seiner Glieder. Katharina war schneller als er. Sie wich aus, bog sich zurück, warf ihm die Betten an den Kopf, die Decken zwischen die Beine. Er verfing sich darin, strauchelte, arbeitete mit Händen und Füßen, sich zu befreien. Indessen hatte sie die weichen Wurfgeschosse wieder an sich gerissen, und das hastende Spiel begann aufs neue. Zuerst hatte sie es getrieben, weil sie den vom Rausch Umnebelten sich fernhalten wollte und hoffte, ihn zu ermüden. Dann reizte sie es. Sie hatte ihre Lust daran: wer würde Sieger bleiben? Schon wurden seine Bewegungen lässiger, sekundenlang schien es, als schliefe er, hingeworfen, wie er gerade lag, da gab sie sich eine Blöße, entwich einen Augenblick zu spät seinem Zupacken. Er ergriff sie. Mit beiden Fäusten preßte er ihre Schultern zusammen und riß sie zu sich.
Alles Blut wich aus ihren Lippen. Ein Schrei lag zwischen den erblaßten. Er wurde nicht geschrien, aber jede Fiber an ihr bäumte sich wider die Gewalt.
Ein stummes, erbittertes Keuchen begann.
Immer heftiger, immer wütender wurde der Kampf. Seine Sinne kamen ins Sieden. Eine Feuerwolke stieß aus dem erregten Leibe über ihr, drang auf sie ein, glühend, in flammendem Brande.
Ihr Wehren brach ermattet, ihr Widerstand versagte.
Ganz nah das Knirschen seiner Zähne, sein weinfeuchter Mund.
Da: Wassersturz der Stunde!
Trommelwirbel.
Mit einem Stoß war sie frei:
»Alarm!«
Der plötzlich Ernüchterte hastete zum Fenster, lauschte in die Nacht hinaus.
Von allen Seiten gellten die Signale.
»Verdammt! Aus dem Hochzeitsbett reißen einen die Hunde.«
Er kehrte sich ins Zimmer, schritt auf das Lager zu und warf sich hinein: »Sollen sie mich holen. Ich gehe nicht. Was kümmern uns ihre Schlachten. Mögen sie sich prügeln, wenn sie nicht miteinander auskommen können. Wir«, er griff nach Katharina, »haben Lustigeres zu tun. Was Frau?«
Sie antwortete nicht. In feindlicher Abwehr hüllte sie sich fester in ihre Decken.
Er stutzte. Langte noch einmal nach ihr. Schäkernd, verliebt.
Sie bog aus. Ohne Hast, langsam, verächtliche Ablehnung in dem schönen Gesicht.
Die Augen des Trompeters weiteten sich erschreckt. In plötzlichem Begreifen. Ein rauhes Lachen schlug auf. Brach hart ab:
»Steht's so? Du bist froh, wenn du mich los bist? Je bälder, je besser?«
Sie schwieg. Sie sah über ihn hinweg, weit hinweg.
Das sprach deutlicher als jedes Wort.
Wie unter einem Schlage duckte Kruse den eckigen Kopf zwischen die breiten Schultern.
Stärker lärmten draußen die Trommeln.
Er ruckte sich zusammen.
Einen Augenblick wartete er noch. Auf einen Gruß, einen Händedruck zum Abschied.
Katharina kniff die Lippen zusammen, hart, abweisend, nestelte die Hände in die Falten des Hemdes. – –
Er war gegangen. Sein Schritt war verklungen. Sie saß auf dem Bettrand und ließ die Beine baumeln. Ihre Brust dehnte sich, als wäre eine Last von ihr genommen.
Vom Fenster her kam ein raschelndes Geräusch. Ein Kopf wurde sichtbar, ein schlanker, geschmeidiger Körper.
Der Junker von Albedyll.
Mit einem Sprunge war er im Zimmer, stürzte auf Katharina zu, umschlang sie, flehte und bettelte mit Blick und Gebärde.
Sie antwortete nicht, schloß nur die Augen und bot sich seinen Küssen dar.
Rauschend brauste der Sturm seines ersten lodernden Gefühls über sie hin. Taumelnd glitten seine fiebernden Hände durch ihre Haare, saugte sein Mund den Duft ihres Leibes. Ihren Nacken, ihre Brust sengten seine glühenden Lippen. Keuchend barg sich sein Haupt in ihrem Schoße. Wie ein Schlag fuhr es durch seinen Körper, trieb ihn auf, stark und verlangend. Seine Arme reckten sich, sie an sich zu ziehen.
Jäh richtete sie sich auf, schüttelte die süße Betäubung ab. Zu weit fast hatte sie sich in ihr verloren.
Bestürzt, Tränen der Enttäuschung in den wundersüchtig großen knabenhaften Augen, stand der Junker vor ihr: »Habe ich dir weh getan?«
Katharina wehrte leicht:
»Frühlingssturm tut nicht weh.«
»Und dennoch …«
»Dennoch. Der Sommer ist reicher als der Frühling.« Sie sagte es verloren, über ihn hin.
Er faßte nur die Verheißung, die in den sehnsüchtigen Worten lag. Seine Brust schwoll.
»Meines Sommers willst du warten?«
»Des Sommers …« Ihr Mund öffnete sich durstig. Sie verstummte.
»Du sein Preis.« Ungestüm riß er sie an sich, eilte trunken von Hoffnung davon.
»Sommer,« flüsternd fielen die Laute in die Stille um sie her. »Wer wird ihn mir bringen? Der Bauer nicht und nicht der Junker. Einer ist, der, wollte ich, brächte ihn mir.« – –