V.

Marienburg stand vor dem Fall.

Auf allen Seiten von den Russen eingeschlossen, keine Hoffnung auf Entsatz, kein Brot und nur noch ein Geringes an Munition, das nicht mehr zur Verteidigung, nur noch eben dazu reichte, dem Gegner den letzten Trumpf zu bieten und Schloß und Basteien in die Luft zu sprengen.

Die tapfere Gegenwehr der Besatzung hatte ihr und den Bürgern freien Abzug erstritten. Mit Sack und Pack, so viel jede Schulter tragen konnte, zogen sie an dem Sieger vorüber.

Zuerst die Soldaten. Müde, verfallene Gesichter über zerschlissenen verschmutzten Uniformen. In stumpfem Trott trabten die von den schlaflosen Wochen beschwerten Füße. Doch vor dem Sieger straffte sich der Tritt, mühten sich die gebeugten Gestalten, sich aufzurichten, faßten die erschlafften Finger fester Säbel und Flinte. Aus manchem Auge brach ein Glänzen, rief dem Überwinder zu: wir sehen uns wieder, wahre dich!

Breitbeinig, auf seinen Pallasch gestützt, erwies der russische Feldmarschall den Abziehenden die Ehre. Die Hand am Hute, grüßte er die Tapferen.

Nach den Soldaten die Bürger. Voran der Bürgermeister und der Propst. Auf samtnem Kissen bot der Bürgermeister dem Feldherrn die Schlüssel der Stadt.

Scheremetjef nahm sie mit einer gewollt gelassenen Bewegung und reichte sie seinem Adjutanten:

»Dem Zaren, und sage ihm,« die rauhe Stimme hob sich, »der Zugang zur Hochzeitskammer sei aufgetan, der Bräutigam möge nicht säumen und kommen, sein Fest mit dem livländischen Herzen zu halten. Diesmal, dafür stehe ich,« er stieß den Pallasch in den Boden, »wird die Schöne sich ihm ergeben.«

»Willig wird sie dem Starken sich verbinden, wenn er ihr gewährt, in seinem Hause in Freiheit nach ihrer Art zu leben.« Der Propst stand hoch aufgerichtet vor Scheremetjef.

Die buschigen Brauen des Feldmarschalls zogen sich dicht zusammen:

»Was will der Pfaffe?«

»Dem Zaren und meinem Lande dienen. Je besser sie einander verstehen,« der Propst deutete auf eine slawische Bibel, die er mit sich trug, »um so eher werden sie ihren gegenseitigen Vorteil begreifen.«

Scheremetjef hörte schon gar nicht mehr auf ihn, sein Blick war auf Katharina gefallen, die an der Seite der Pröpstin den Ausgang der Unterredung abwartete. Über dem einfachen dunklen Rock leuchtete der weiße Hals und das Goldhaar doppelt hell.

»Wer ist das?«

Ohne daß er sich umwendete, wußte der Propst, wen die Frage meinte. Er gab, so weit er es vermochte, Bescheid.

»Gut, gut.« Die massige behaarte Rechte Scheremetjefs wehrte allzu breiten Erörterungen: »Es soll dir und den Deinen an nichts fehlen, Pfaff, Rußland kann tüchtige Leute gebrauchen. Das Mädel wirst du freilich entbehren müssen. Uns ist ein schönes Gesicht zur Labsal mehr vonnöten als dir. – Wir werden schon gute Freunde werden!« grüßend winkte er zu Katharina hin.

Diese verstand nicht eine Silbe des russischen Zurufes, aber sie begriff seinen Sinn und sie lächelte. Mit einem Lächeln ließ sich auf alles antworten. Es sah aus wie ein Versprechen und verpflichtete gleichwohl zu nichts. –

Die Marienburger Bürger waren, in Gruppen eingeteilt, von einem Adjutanten fortgeführt worden. Nach Moskau. Nur Katharina und noch einige Frauen wurden zurückgehalten. Manche blieben auch freiwillig. Was sie einst besessen, woran ihr Herz gehangen hatte, war nicht mehr. Der Mann gefallen, gefangen oder zu neuen Kämpfen fortgerissen, Haus und Hof zerstört, die Nachbarn hierhin verstreut und dahin. Niemandem galten sie mehr etwas, wie sollten sie selber sich etwas gelten? Verzweifelt warfen sie sich fort. Dem ersten besten an den Hals. Froh, daß er sie haben mochte. Sie, die jahraus, jahrein sorglich des Morgen gedacht hatten, auf weit hinaus, verblendeten sich vor ihm. Heute, nur heute einen Arm um sich fühlen, war die Zärtlichkeit noch so rauh, der Liebhaber noch so wüst. Es war ein Mensch, der sie fortnahm aus der grenzenlosen Verlassenheit und sie für Augenblicke ihr Elend vergessen ließ. Vergessen. In den trüben Wirrsalen ungezügelter Lust hofften sie ihre Not und ihren Jammer zu ertränken. Gingen sie dabei zugrunde, um so besser, so waren sie aller Pein ledig. Und sie lockten mit den Augen, aus denen noch die Tränen flossen, und flüsterten Liebesworte mit den Lippen, die in Weh zuckten. Keiner der Reiter und Bombardiere und Musketiere stieß sich daran. Weiber waren Weiber. Lagen sie erst an ihrer Brust, würden sie aufhören zu flennen. Ein paar tüchtige Schnäpse, und sie kreischten vor Vergnügen. Ehe es Abend war, war aller Kummer verflogen. Hei, die Fideln! die würden ihnen die Füße leicht machen. Eins, zwei, eins, zwei, hoppla im Takt! Es sollte ein lustiges Leben werden. Und der eine nahm die Marie, der andere die Martha, der dritte die Liese um den Leib, tat barsch und freundlich, wie es gerade seine Art war, schwenkte und drängte sie und zog mit ihr von dannen; nach den Branntweinbuden und den Tanzzelten. Zu jeder Grete fand sich ein Hans.

Katharina, die, die Hände aufgestützt, lässig an einem Schanzkorb lehnte, hob leicht die Schultern: Die armen Weiber! Da liefen sie hin mit irgendeinem, der ihnen ein bißchen schön tat. So billig gab sie sich nicht.

Sie brauchte sich nicht billig zu geben. Sie konnte wählen. Nicht zwischen zweien und dreien, zu Dutzenden umringten die Russen sie, stießen und schoben sich, starten und glotzten und versuchten, mit plumpen Scherzen ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

Sie sah sie alle und sah dennoch keinen. Nicht einen, der ihr wert erschien, ihm einen Blick zu schenken. Sie schätzte genau: hinauf wollte sie und nicht hinab; diese Leute aber waren keine Staffeln zur Höhe. – Gleichmütig, als sei sie allein, begann sie ein Liedchen zu summen.

Die Soldaten wurden unruhig. Sie spürten das Mißachtende dieser scheinbaren Harmlosigkeit.

»Will das Frauenzimmer uns zum Narren machen,« schalt ein schnauzbärtiger Wachtmeister.

»Sie wartet, daß der Alte ihr eine Kutsche und Lakaien schickt,« höhnt ein schmucker Gardist.

»Da kann sie warten, bis sie alt und grau wird«, lacht sein Nachbar. »Der Brummbär macht bald einmal verliebte Nasenlöcher, aber wenn er erst über seinen Plänen sitzt, denkt er nicht mehr daran.«

»Du!« ein Unteroffizier schob sich dicht an Katharina heran, »tu dich nicht gar so rar. Besser als ein vielbeschäftigter Feldmarschall ist ein Reitersmann, der Zeit für die Liebe hat. Und Lust, Mädel, Lust.«

Der Ton des Liedes wurde übermütig, die eine Fußspitze der Trällernden wippte auf und nieder im Takt:

»Und lädst du mich zum Branntewein
Und lädst du mich zum Bier,
Ich dank' für Bier und Branntewein
Und bleibe lieber hier.
Und bietest du mir gar dein Herz –
Du irrst dich, lieber Freund,
Und treibst ein wenig weit den Scherz:
So war es nicht gemeint!«

Dem Unteroffizier blähte sich der Hals purpurn. Blieb ihm auch der Text fremd, die Weise war deutlich genug.

»Luder!«

»Die Dirne dünkt sich zu gut für einen Soldaten,« hetzte es an seiner Seite.

»Generalsliebchen möchte sie spielen.«

»Was, General,« schrie ein dritter, ein baumlanger Kerl, erbost, »wenn's darauf ankommt, steh ich meinen Mann besser als der.«

Immer enger wurde der Kreis um Katharina, immer bedrohlicher die Gebärden, immer lauter die stachelnden Reden: sollte ein Weib sie zum besten halten?

Jeden gelüstete es, ihr zu beweisen, daß auch die Schönste nicht ungestraft ihr Spiel treibt, aber keiner gönnte dem andern, diesen Beweis zu erbringen. Stärker als die Begierde des einzelnen war der Neid aller auf den Begünstigten. Gleich einer aufgeregten Meute schob und trieb der Schwarm um die eine. Die von Verlangen durchwühlten Leiber flogen, heißer Dunst schlug aus ihnen, näßte die Stirnen, klebte die Haare an die Schläfen und zündete einen flackernden Glanz in den stieren Augen an. Aus manchem Munde troff Speichel.

Die Maske der Gleichmütigkeit und Überlegenheit wich nicht von Katharinas Zügen, obwohl jeder Sinn auf der Lauer lag, den Durchschlupf zu erspähen, der aus diesem gefährlichen Ring führte.

Der Laut eines raschen, schwingenden Trittes drang an ihr Ohr. Ein Federbusch wurde über dem Gewühl sichtbar: ein General.

Mit einem Sprung war sie auf dem Schanzkorb.

Ein Rufen und Schreien. Hundert Arme streckten sich nach ihr.

Der Offizier kehrte sich um, stutzte: das war ja eine Schönheit, um die die Burschen sich balgten. Wahrhaftig zu schade für deren grobe Fäuste. – Im nächsten Augenblick war er mitten unter den Soldaten.

Ihren Alexaschka erkennen und Platz machen war eins. Wie durch eine Ehrengarde schritt Menschikoff auf Katharina zu. Mit einem Scherz wollte er ihr seine Begleitung anbieten.

Sie hob die dünnen Lider. Ein Blick streifte ihn aus diesen kühlen, grauen Augen, herrisch, fordernd.

Und wie unter einem Zwange zog er den Hut und bot der Unbekannten, der Landflüchtigen, der Soldatendirne den Arm.

Fest und entschlossen legte sie ihre Hand hinein, ging sicher an seiner Seite.

Ein brüllendes Krachen riß Menschikoffs Kopf herum.

Flammen schlugen aus der Erde. Eine Wolke von Steinen, Dreck und Staub.

Marienburg war in die Luft gesprengt.

Erschüttert neigte der Mann sich zu seiner Begleiterin:

»Eure Heimat ging in Trümmer.«

Katharina wendete sich nicht um. Ihre Stimme war hell:

»Meine Heimat liegt vor mir.«