VI.

Seit Peter den Türmen der Kremlkirchen die ehernen Zungen ausgerissen hatte, um aus ihnen Kanonen zu gießen, konnten die ehrwürdigen Hüter des Alten ihrem Schmerze über die fluchwürdigen Neuerungen nicht mehr durch wehmütiges Geläut Luft machen, das die Gläubigen zur Buße mahnte und zu dringenden Gebeten wider die Anschläge des Antichristen anhielt. All ihren Schmerz und ihren Zorn mußten sie nun im Schwingen der Weihrauchkessel entladen. Je stärker der schwüle, schwere Duft aufquoll und die winzigen Höfe, die engen, von düsteren Gebäuden umstellten Plätze füllte, um so zorngeschwellter waren die Herzen der Bischöfe und Äbte. Mit den Schwaden des süßlichen Dampfes strömten sie wortlos ihre Klagen über das Unheil in die Welt, das sie betroffen hatte. Und kein Schloß, kein Riegel wehrte dieser Kunde. Durch die kleinste Ritze zwängte sie sich in die verschlossensten Gemächer und quälte die allzu weichen Gemüter.

Die Klerisei hatte viel zu klagen. Mit dem gottlosen Bartscheren und dem Wüten gegen die altrussische Tracht hatte das Übel angefangen. Dann hatte der Kriegsteufel den Zaren gepackt und zu dem Frevel angestiftet, sich um seiner ehrgeizigen und eigensüchtigen Zwecke willen an dem Gut der Kirche zu vergreifen. Er kannte nur sich und seinen Willen. Nichts war ihm heilig. Was sich ihm entgegenstellte, stieß er beiseite. Die Greuel, die er begangen, waren nicht zu zählen. Seine Gattin hatte er verstoßen. Die Ärmste, die keiner Fehler schuldig war als ihrer Abneigung gegen seine rasende Neuerungssucht, warf er in eine Haft, die heilig hieß, weil das Elend, das sie aufnahm, Kloster genannt wurde. Nicht einmal ihren Namen ließ ihr der wider die Vergangenheit Wütende. Sterben sollte diese, sterben. Und alles, was ihr zugehörte. Wenn nicht in Wahrheit, so doch im Wesen. Eudoxia war ihm tot. Die Nonne Helena mochte da sein, irgendwo in einem Winkel. Eine lebendig Begrabene unter lebendig Toten. Sein Wille brauste über sie hinweg.

Wohin?

Weiten, hohen Zielen, dem Glücke und der Mehrung Rußlands zu! – priesen die einen. – –

Ins Verderben! – weissagten die andern und fluchten seinen Freunden und nannten sie falsch. Wer waren seine Freunde? Fremde waren es. Schweizer, Schotten, Holländer, Litauer, Polen, Deutsche. Nicht einer ein Russe vom alten Schlage. Nur junges Volk, dem er den Kopf verdreht hatte und das gleich ihm die alte Zucht und Sitte, die Moskoviens Schutz und Stärke war, mit Füßen trat. Verächter des Glaubens wie er, Genossen von Ketzern, Ketzer gar selber. Das die Diener, die Berater, die Günstlinge des Sohnes des Mütterchens Moskau.

Ach, er war ihr Sohn nicht mehr. Losgesagt hatte er sich von ihr. Verleugnete sie, setzte ihr eine Nebenbuhlerin. Der Schändliche, der Verräter!

In den Sümpfen des Nordens, am Finnischen Meer, wo kein Christenmensch hausen mochte, wo Zauberer und Heiden in Nebel und Wasser ihr Unwesen trieben, in der wüsten Einöde, die er den gottverdammten Schweden abgejagt hatte, da hatte er eine Stadt begründet. Eine Stadt, die an Moskaus Stelle treten sollte.

Aus allen Teilen des Landes holte der Arge sich die frömmsten und bravsten Menschenkinder, zwang sie, ihre angestammten Sitze zu verlassen und sich inmitten von Luch und Moor anzusiedeln. Häuser mußten sie bauen, auf Pfählen im Morast, und anstatt, wie sie es gewohnt waren, auf einer Straße von einem Hause zum andern zu gehen, mußten sie zu Wasser fahren. Sie waren es nicht gewohnt und viele ertranken. Ohne in ihrer letzten Stunde für das Heil ihrer Seele sorgen zu können. O, er war ein schlimmer Verderber. Wen er nicht im Wasser um den rechten Glauben brachte, den brachte er mit neumodischen Bräuchen darum. Ohne Schleier gingen die Frauen in der neuen Stadt – Sankt Petersburg hatte er sie genannt, als ob er ein Niemicz war – und kamen mit den Männern zusammen, aßen und tranken und tanzten mit ihnen, tanzten, wie die schamlosen Ausländerinnen in der Sloboda. Die Sloboda. Da war das Ärgernis ausgekommen, da hatte er das Gift eingesogen, und nun war er ganz in den Krallen des Gottseibeiuns.

Wehe! Wehe! Wehe!

Die weichen Züge des Thronfolgers, dem die dicken, fettigen Weihrauchwolken die Klagen der heiligen Väter in sein Kremlgemach trugen, verzogen sich schmerzlich. Die blassen Hände, auf denen die blauen Adern in hohen Strängen standen, schoben die buntseidene Decke dichter um die schon im Hochsommer frierenden Füße und faßten den schweren Folianten, der auf seinen Knien lag, fester. Tiefer neigte sich das bleiche Gesicht über das Buch.

Er las, langsam und mit gestautem Atem.

Seite um Seite wandten die hageren, langen Finger mit andächtiger, ehrfürchtiger Bewegung um. Auf seinen Wangen bildeten sich harte, rote Flecken, in seine Augen trat ein grelles, verzücktes Glänzen. Raum und Zeit versanken um ihn. Eine andere vollkommenere Welt als die der körperlichen Wirklichkeit nahm ihn auf.

Er hörte nicht das scharfe Öffnen der Tür, nicht den festen, bestimmten Schritt, der auf ihn zukam.

Mit verschränkten Armen betrachtete Peter seinen Sohn:

»Du bist eifrig in deinen Studien, das muß ich dir lassen.«

Bei dem ersten Ton der Stimme seines Vaters fuhr Alexei zusammen. Sein Mund ging auf wie zu einem Schrei, doch raffte er sich rasch zusammen und stammelte leise eine Entschuldigung.

Eine unwirsche Bewegung unterbrach ihn. »Was liest du?« Peter griff nach dem Folianten.

Wie schützend breitete Alexei seine Hände über das geliebte Buch. Doch sein Widerstand war nicht von Dauer. Scheu sah er beiseite, als sein Vater, ohne sich um seine Abwehr zu kümmern, das Werk ergriff und den Titel aufschlug.

»Heiligenlegenden!« Ein schallendes Lachen folgte. »Geschichten von Narren und Betrügern sollte es heißen.«

Alexei wurde aschfahl.

»Wo sind die Bücher, die ich dir gegeben habe?«

»Dort.« Der Zarewitsch wies auf ein niederes Tischchen unter dem Fenster, auf dem französische und deutsche Werke über Festungsbau und Kriegswesen aufgestapelt waren. Die drohende Frage des Vaters hatte seinen Trotz geweckt. »Ich habe keinen Gefallen an diesen Dingen,« murrte er leise.

Der Foliant flog in eine Ecke. »Diese Ausgeburten verwirrter Hirne behagen dir besser? Freilich, es ist bequemer, in der Stube zu hocken, zu beten und Psalmen zu plärren, als über die Erde zu laufen und dem Pack, das sich auf ihr herumtreibt, Vernunft beizubringen.«

Alexei antwortete nicht. Er saß in seinem Sessel, steif, kerzengerade, die Augen halb geschlossen, gleichsam erstarrt.

»Hat der Herr Sohn die Sprache verloren?« Peter unterdrückte nur noch mühsam seinen Groll.

Keine Miene regte sich in Alexeis Gesicht: Schweigen! befahl er sich: Schweigen! Die erhabenen Märtyrer hatten Schwereres erlitten, als ihm auferlegt wurde zu tragen. Und hatten für ihre Peiniger Worte des Segens gehabt. O, wie weit stand er ihnen, die er bewunderte, die ihm Vorbild waren, nach. Auf seiner Zunge hatte er den beizenden Geschmack des Hasses. Seine Zähne bohrten sich in die Lippen.

»Bengel!« Peter schüttelte die geballten Fäuste dicht vor dem in Stummheit Verharrenden. »Hast du vergessen, wer vor dir steht? Du? Weißt du nicht, daß ich mit dir machen kann, was ich will? Bildest du dir ein, ich werde mit dir sanfter verfahren als mit allen andern, weil du Blut von meinem Blute bist?« Er riß ihm die Decke von den Knien, stieß ihn hoch: »Elendes Gewächs! Aber wie soll's anders sein«, das Zimmer dröhnte unter seinem Hin- und Widerschreiten, »von Weibern verzärtelt, von den Pfaffen verzogen.« Er blieb vor dem Sohne stehen, seine Stimme war schneidend: »Nimm dich zusammen. Meine Geduld ist nicht unendlich wie die deiner Heiligen mit der Schafsnatur. Ich will, daß du wirst, wie ich dich brauche.« Und da der Zarewitsch noch immer nicht sprach, schrie er, ihn schüttelnd: »Mann sollst du endlich werden. Verstehst du? Mann!«

»Ich verstehe,« Alexei sagte es mit dumpfer Schwere, »daß das in meiner Sprache heißt: ein Mörder!«

»Hund!« Peters Rechte hob sich zum Schlage: »Wenn du nicht so jämmerlich wärst.« Er kehrte sich ab und ließ den Arm sinken: »Es ist zum Ekeln.« Er trat zum Fenster, stieß den Riegel auf. Ein Zucken drehte ihm den Kopf zur Schulter: »Widerlich. Draußen wie drinnen derselbe labrige Gestank. Da kann ja kein Mann dabei gedeihen.« Er besann sich, daß er einen großen Teil der Schuld daran trug, wenn sein Sohn nicht geraten war, wie er ihn sich wünschte. Jahrelang hatte er sich kaum um ihn gekümmert. Sein Ton wurde milder: »Das Mönchsgewäsch mußt du dir aus dem Sinn schlagen. Mit Singen und Beten schafft keiner ein großes Reich. Soll Rußland etwas in der Welt bedeuten, so darf sein Herrscher vor nichts zurückschrecken.«

Langsam hoben sich Alexeis Lider, voll sah er den Vater an. Es waren ernste, schmerzvolle Augen, die sich auf Peter richteten.

Diese stumme Anklage traf den Zaren schwerer, als eine Flut von Vorwürfen es vermocht hätte. Er verstockte sich mit Heftigkeit dagegen:

»Was siehst du mich so an? Du sollst mich nicht so ansehen! Du hast kein Recht dazu!« Schreiend trieb er sich in Zorn: »Kein Recht hast du dazu!«

Vom Platz her kam der dumpfe Schall vieler Tritte und das dunkle Klirren von Ketten, die sich aneinanderrieben.

Es war ein Trupp geflüchteter Strelitzen, die irgendwo an einem Ende des weiten Reiches aufgegriffen und zurückgeschleppt worden waren, um hingerichtet zu werden.

Peters Züge verzerrten sich zur Fratze. Er packte die schmächtigen Schultern Alexeis, zerrte ihn zum Fenster und bog ihm mit gewaltigem Griff Kopf und Leib über die Brüstung:

»Da! So wird es dir gehen, wenn du dich nicht änderst!«

Der unter seiner Faust sich Windende schloß die Augen. Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich ihm.

Verächtlich stieß Peter ihn, daß er taumelte und zu Boden stürzte:

»Das will mein Sohn sein! Mein Sohn!«

Ein leises raschelndes Geräusch ließ ihn sich umsehen.

In der Tür, die zu den Schlafgemächern des Zarewitsch führte, war der Beichtvater Alexeis erschienen.

Mit gespielter Demut verneigte Peter sich: »Der ehrwürdige Vater Ignatiew.« Seine Stimme war voll Hohn: »Ihr kommt zu guter Zeit, Euer Zögling bedarf Eures Zuspruches.«

Der kleine Mann blieb unbeweglich auf der Schwelle. Sein vogelartiges Gesicht war beim Anblick des Zaren noch spitzer geworden: »Solche Tröstung hat dein Sohn stets vonnöten, Peter Michaelowitsch, wenn du ihm die Gnade deines seltenen Besuches schenkst.«

»Wenn ihn schon meine Gnade zu Boden wirft,« der Zar trat hart an den Mönch heran, »wie wird es ihm ergehen, wenn ich ungnädig bin? – Schurken,« bohrend richteten sich seine Blicke auf den Pater, »ich durchschaue euch, ihr seid bange um eure Macht. Einen aufrechten Mann könnt ihr nicht vertragen. Ich bin eurer Schlauheit entschlüpft. Nun wollt ihr mir mit dem da,« er wies auf den Hingeworfenen, »ein Gewicht anhängen. Hütet euch! Treibt es nicht zu weit. Der roten Treppe gegenüber sind noch ein paar Galgen frei.«

Schmetternd schlug die Tür hinter ihm ins Schloß.

Die Drohung hatte den Pater nicht erschreckt. Keine Miene verzog sich in seinem Gesicht. Langsam, jedes Wort im gleichen Tone murmelte er:

»Auf der roten Treppe haben deine Füße im Blut gestanden, Peter Michaelowitsch, als du noch ein Kind warst. Du wirst durch Blut gehen dein Lebelang.« Seine Stimme schlug um: »Daß es nicht das meine ist,« er nickte vor sich hin, »dafür werde ich Sorge tragen.«

Ein leiser, wehevoller Laut rief ihn an die Seite des Zarewitschs. Stützend legte er den Arm um den Bebenden.

Der Verstörte klammerte sich an sein Gewand, preßte aufschluchzend den Kopf zwischen die dunklen Falten:

»Ich wünschte, ich wäre tot. Oder,« er hob das Gesicht, ein seltsam starrer Ausdruck war darin, »oder mein Vater wäre es.«

Sachte legte sich die Linke des Paters auf den Scheitel des Knienden. Seine Rechte schlug das Kreuz:

»Gott sei uns Sündern gnädig, das wünschen wir alle.« – –