VIII.

Im Gartensaal des Palastes Menschikoff saßen die Freundinnen des Fürsten beisammen. Es waren ihrer vier: die dunkle, weiche, schwermütige Darja Arsenieff, ihre Schwester Barbara, Anisia Tolstoj, die, alle Eifersucht begrabend, ihre Nachfolgerinnen in der Gunst des flattersüchtigen Alexaschka bemutterte, und, als neuester Zuwachs des Kreises, Katharina Trubatschoff, wie die Frauen das Marienburger Mitbringsel des Fürsten nach ihrem entschwundenen Trompetergatten getauft hatten.

Die reife und üppige Anisia hatte ihre Fülle in dem Halbrund eines Sofas zwischen einer Unmenge großer und kleiner Kissen vor jedem unbehaglichen Druck geborgen. Die etwas zu kurzen und ein wenig zu großen Füße baumelten unter dem gesteiften Rock, wie die Klöppel einer Glocke. Ganz rhythmisch schlenkerten sie: rechts, links, rechts, links, rechts, rechts, links. Genau nach der Melodie des Liedes, das die gewandten Finger Barbaras auf den drei Saiten der Balalaika klimperten. Stockte die Spielerin, so hielten auch die Füße in ihrem Pendeln inne, und das runde, staunende Gesicht der »Tante Anisia« wurde noch staunender. Mit offenem Munde wartete sie auf den nächsten Ton, um ihm nur ja mit richtigem Ausschlag das Geleit zu geben.

Allmählich schien es, als ob die Mundsperre sie befallen sollte. Barbara griff andauernd daneben, brach ab, begann von neuem und ließ schließlich die Balalaika lachend in den Schoß sinken:

»Tantchen hat Hunger!«

Katharina schob sogleich den Stickrahmen, vor dem sie saß, beiseite, steckte die lange Nadel mit dem blauen Seidenfaden fest in den gelben Kanevas und erhob sich:

»Armes Tantchen! Ist es schlimm? Soll der Gärtner uns Pfirsiche bringen? Er sagte mir gestern: noch einen Tag, und sie wären reif. Oder magst du lieber eine Creme oder eine Torte?«

»Geh, Schelm,« Anisias kurze, quabblige Hand schlug tätschelnd nach ihr, »du willst mich foppen. Eben sind wir von Tische aufgestanden, ich kann kaum Luft holen, so voll ist mir, da sprichst du von Pfirsichen. Von einer Creme …« Die kleinen Augen schlossen sich entzückt, und die dicke, gedrungene Zungenspitze schob sich leckend über die breiten Lippen.

»Nun Tantchen, du sollst ja nicht essen, nur so,« Katharina zwinkerte ihr verständnisvoll zu, »zum Zeitvertreib.«

»Ach, Gold!« Der umfängliche Busen Anisias dehnte sich in einem sehnsüchtig schmelzenden Seufzer.

Der Mutwillen stach Katharina. Schmachtend bog sie den Kopf zurück, daß die hochgetürmten Haare, auf denen eine kleine, weiße Haube lustig schaukelte, in den Nacken wuchteten und flötete: »Eine Creme sollst du haben, eine Creme –,« und wirbelte, auf den hohen Hacken ihrer Bänderschuhe sich drehend, zur Tür hinaus.

Anisias volle Züge glänzten in Behagen.

»Sie ist reizend.«

Darja, die auf einem Bärenfell ruhte, schlug die weißen, dunkelbewimperten Lider auf und bekräftigte den Ausruf.

Auch Barbara tat es, aber ihre Zustimmung hatte einen leisen boshaften Unterton, der Darja auffiel. Sie richtete sich halb aus ihrer liegenden Stellung auf und sah die Schwester erstaunt an:

»Was hast du gegen das Mädchen? Es ist freundlich und gefällig.«

Barbara nickte: »Die Katharina müßte ein solches Dummchen sein wie du, Herzblatt, was sie nicht ist, wenn sie es darauf anlegte, es mit uns zu verderben. So fest sitzt sie nicht im Sattel, daß sie das wagen könnte. Wir haben ältere Rechte.«

Anisia machte eine müde Handbewegung: »Rechte, Täubchen? Wo ist die Frau, die an einen Mann Rechte hat? Wenn eine darauf pochen könnte, wäre ich es. Und …«

»Nein, Tantchen,« die scharfen Züge der dunkelhäutigen Barbara spannten sich, »du kannst das nicht. Der Ton liegt auf dem Nichtkönnen. Du bist eine gute Seele, lebst in den Tag und denkst nicht an das Morgen. Ich denke daran. Und, ich bin überzeugt, die Katharina denkt auch daran. O, sie ist klug. Sie wird nichts gegen uns unternehmen. Sie wird immer liebenswürdig sein, immer bereit scheinen, uns den Vorrang zu gönnen, aber mit einem Male werden wir überflüssig sein. Ganz und gar überflüssig. Und es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als zu gehen. In aller Freundschaft zu gehen. Das fürchte ich.«

In Darjas Augen standen Tränen: »Du bist schlecht, Barbutschka. Stets mußt du einen in Angst jagen. Fort von Alexaschka, fort? Ich, fort?« Aufschluchzend barg sie den Kopf zwischen den Armen.

»Närrchen,« Barbara beugte sich zärtlich über die Schwester, »sei ohne Sorge, er soll dir nicht genommen werden.«

»Ach, du, dann tust du etwas Böses gegen die Katja, und das mag ich auch nicht. Sie ist gut, und du sollst …«

Barbaras Brauen zogen sich zu einem geraden Strich zusammen, von der Nase zu den Mundwinkeln liefen zwei harte Linien:

»Wenn ich's täte, tät ich's für dich. Doch beruhige dich, was ich vorhabe, kann ihr nur zum Vorteil gereichen. Und es wird es, wie ich sie einschätze.«

Die schlaffen Züge Anisias belebten sich:

»Du hast sie dem Großmogul zugedacht?«

»Gott,« Barbara lachte in ihrer abbrechenden, rauhen Weise, »Tantchen wird scharfsichtig.«

»Du wirst dich verrechnen, Töchterchen, du wirst dich verrechnen. Der Alexaschka ist wie ein Ohrwurm hinter dem livländischen Herzchen her. Die roten Haare haben ihn in Brand gesteckt. Dagegen kommen Daschkas Seelenaugen und dein Schnurrbärtchen nicht auf. Wenn du nicht machen kannst, daß sie sich schwarz färbt, läßt er sie dem Peter nicht.«

»Hast du schon erlebt, daß der ihn um Erlaubnis fragt? Er gibt seine Feste in seines Freundes Palast, er bewirtet seine Gäste an des Freundes Tischen, aus dessen Garten holt er sich die besten Früchte und wir …« Sie richtete die grauen Augen voll auf Anisia.

Die kuschelte sich verlegen tiefer in ihre Kissen:

»Der Zar ist der Zar, Kindchen. Und seine Leidenschaft …«

»Ist wie ein Sturm.« Erschauernd zog Darja das Bärenfell dichter um sich her.

»Der ihn zugrunde richten wird.« Barbara sagte es hart und bestimmt. »Er braucht eine Frau, die ihn zu zügeln weiß.«

»Und das soll das rote Kätchen werden?«

Barbara antwortete nicht. Weder Anisia noch Darja brauchten zu wissen, daß sie sich selber für die Frau hielt, die es verstand, den moskowitischen Zaren nach ihrem Willen und Wunsche zu leiten. Katharina war ihr nur Mittel zum Zweck. Auch war sie sich klar darüber, daß sie oft derartiger Mittlerinnen bedürfen würde. In seinen Begierden war Peter unersättlich. – Ein hochmütig abtuender Zug legte sich um ihren scharfgeschnittenen Mund: was tat es? Mochte er seine Brunst ausrasen mit wem er wollte, wenn ihr blieb, seine Herrin zu sein. Die Livländerin würde ihm in die Augen stechen. Rücksichtslos, wie stets, würde er sie nehmen wollen. Diesmal würde es nicht ohne Strauß mit seinem Liebesgenossen abgehen. Wenn sie geschickt vermittelte, hatte sie bei ihm einen Stein im Brette. Und die Livländerin würde ihr dankbar sein. Benützte sie diese Stimmung klug und gelang es ihr weiter, das Spielzeug zur rechten Zeit beiseitezuschieben – es fand sich unter den höheren Bediensteten des Zaren gewiß ein bereitwilliger Abnehmer – und es durch eine neue Freundin zu ersetzen, so verpflichtete sie sich den kaiserlichen Liebhaber mit jedem Male mehr und bekam ihn schließlich völlig in ihre Hand. Freilich, gewagt war das Unternehmen. Es konnte auch gegen sie ausschlagen. – Sie hob die Schultern: die nähere Gefahr drängte. Alexaschkas Verliebtheit in die Rote mußte ein Riegel vorgeschoben werden. An das Teilen war Darja gewöhnt, seinen völligen Verlust würde sie nicht ertragen. Und dazu kam es – sie sah klar, nur zu klar –, wenn die Livländerin im Hause blieb.

»Die Prinzessin!«

Dieser Ruf Anisias riß sie aus ihren Gedanken. Sie beugte sich vor.

Vom Gewächshaus her kam Katharina. An ihrem Arm hing leicht und lässig ein kleines, glänzendes Körbchen aus buntem Strohgeflecht, aus dem über dem dunklen Grün der Weinblätter die roten Samtbacken der Pfirsiche schimmerten. Sie ging schlendernd ohne jede Hast, mit weichen, ein wenig wiegenden Tritten, ganz wie eine Dame, und einem unbefangenen Beobachter wäre es schwer gewesen, einen Unterschied zwischen dem livländischen Bauernmädchen und ihrer Begleiterin, der Prinzessin Natalie, der Lieblingsschwester Peters, herauszufinden.

Die Prinzessin, eine große Blumenliebhaberin, war ein häufiger Gast in den Treibhäusern des Fürsten, die sie, dem Beispiel ihres Bruders folgend, fast zu ihren eigenen rechnete. Gut einen Kopf größer als Katharina, war sie gezwungen, auf diese herabzusehen, aber weder in ihren Mienen, noch in ihrer Haltung kam irgendwelcher Hochmut zum Ausdruck. Angelegentlich sprach sie auf die Jüngere ein. Langsam, wiederholt stehenbleibend, näherten sie sich dem Gartensaal.

Barbara Arsenieffs Brauen zogen sich zu einem dunklen, geraden Strich zusammen:

»Es ist geradezu, als ob sie etwas an sich hat. Alles läuft ihr zu.«

Hätte sie hören können, was die Prinzessin mit der Nebenbuhlerin ihrer Schwester so dringlich zu besprechen hatte, sie würde in ihrer Meinung von der Gefährlichkeit der Livländerin erheblich bestärkt worden sein.

Dabei gingen die nächsten Absichten der Prinzessin in bezug auf Katharina mit denen Barbara Arsenieffs gleich, nur im Ziele entfernten sie sich voneinander. Auch die Prinzessin fand es an der Zeit, daß ihr Bruder dem wüsten, ausschweifenden Treiben, dem er sich in Gemeinschaft mit seinen holländischen Kapitänen und mit schnapsdurstigen Dienern und Soldaten seiner Garde ergab, entrückt würde. Das Vielerlei und noch mehr die Wahllosigkeit seines Liebebedürfnisses waren ihr ein Dorn im Auge. Ermahnungen fruchteten nichts. Er war ihnen nicht unzugänglich. Doch seine Willigkeit bedurfte zu ihrer Unterstützung eines Ersatzes für die Vergnügungen, auf die er verzichten sollte. Dieser Ersatz hatte bisher gefehlt. In Katharina schien er der Prinzessin gegeben. Sie war wie geschaffen für Peter. Reizvoll und dabei von einer Sicherheit und Derbheit, die ihm Schach zu bieten und ihn in Schach zu halten verstehen würde, ohne von jedem groben Wort und festen Griff ein Aufhebens zu machen. Keine Gemahlin zwar für einen Zaren, aber eine Kameradin für einen Reformer, die nicht von ihrer Vergangenheit gebunden, mit ihm durch dick und dünn ging. Eine aufrechte und starke Gefährtin, die ohne Schüchternheit seine rauhen Freuden teilte und ihn damit von allen ärgerlichen und ihn zerreibenden Zerstreuungen zurückhielt. Eine Genossin, die ihm ein Heim bereitete, wo er zur Ruhe kam von seiner Umgetriebenheit und Kraft sammeln konnte zu neuen Werken. Alle diese Aufgaben konnte Katharina, wenn sie wollte, leicht lösen. Daran zweifelte die Prinzessin nicht. Es kam jetzt nur darauf an, ihr dieses Wollen nahezulegen und schmackhaft zu machen. Die Besorgnis, daß das Bauernmädchen über solcher Erhöhung jede Zurückhaltung verlieren und die selbstverständlichen Grenzen ihrer Stellung zum Zaren überschreiten könnte, kam der Prinzessin nicht. – Musternd glitt ihr Blick zur Seite: da war in Schreiten und Gebärde ein unwillkürliches Maß. Sie stellte es mit Erstaunen fest: woher das Mädchen nur diese kühle, bestimmte Art hatte? Von ihrem Aufenthalte in dem Hause des Propstes wohl kaum und erst recht nicht von ihrem Eintagsgatten. Gleichviel: sie war recht, wie sie war. Und würde sie auftrumpfen, nun, wenn sie es gegen den übermütigen Alexaschka und gegen die überhebliche Arsenieff tat, es konnte bloß von Nutzen sein. Denen war eine Dämpfung not. Die Prinzessin durchschaute deren Machenschaften. Peter durfte säen, die Ernte sollte Alexander Menschikoff einheimsen. So hatte der Ehrgeiz der schnurrbärtigen Barbara es ausgesonnen, und ihr heimlich angebeteter Held sagte nicht nein zu diesem Plänchen.

Das alles war in ihren Gedanken, während sie der anteilsvollen Hörerin die guten Eigenschaften ihres Bruders rühmte, seine Fehler beklagte und mit Schmerz seiner Verlassenheit gedachte, in der die Untugenden üppig ins Kraut schossen.

»Freundinnen,« sie seufzte, »und Freunde, die sich so nennen, hat er mehr als ihm gut sind, aber ein wahrhaft liebevolles Herz ist nicht sein eigen. Und doch, ich meine, das wäre eine schöne Aufgabe für eine Frau.«

Katharina, obwohl sie die Frage verstand, die mit alledem an sie gerichtet wurde, antwortete nicht sogleich. Ihre Lider sanken, ein wägendes Prüfen trat in den kühlen Blick der grünen Augen. Ganz langsam, mit Bedacht, hob sie ihn und richtete ihn ruhig auf die Prinzessin:

»Es wäre eine schöne Aufgabe, wenn es um den Mann lohnt.«

Diese überaus sachliche Erklärung verblüffte die Prinzessin einigermaßen, sie erwiderte darauf mit einem etwas gezwungenen Nicken. Zu der Angelegenheit sprach sie kein Wort mehr. Dennoch war sie in ihrem Plane nicht beirrt, eher noch bestärkt worden.

Schneller, als sie es dachte, reifte er der Verwirklichung entgegen.

Bereits seit Tagen hieß es, der Zar habe den Kriegsschauplatz im Norden verlassen und befinde sich auf der Rückkehr nach Moskau. Gleich allen, die Peter kannten, gab die Prinzessin auf dieses Gerede nichts. Sie wußte, ihr Bruder liebte es, dergleichen auszustreuen. Es sollte keiner sich vor ihm sicher wähnen. Nur diese beständige Bedrohung hielt seine lässige Beamtenschaft bei der Pflicht und beugte allzu großen Gesetzwidrigkeiten vor. Die Rücken der mancherlei Räte bis hinauf zu den höchsten Beamten mußten immer ein leises, ahnungsvolles Jucken verspüren, damit sie sich bemühten, der allzu nachdrücklichen Bekanntschaft mit seinem Stocke auszuweichen. Deshalb schreckte er sie gern durch eine scheinbare Allgegenwärtigkeit. Tauchte unvermutet auf und verschwand ebenso überraschend, kündigte sein Kommen an, blieb aus und erschien, wenn niemand mehr ihn erwartete. Diese Unberechenbarkeit bewirkte schließlich, daß seine Anmeldungen keinen Glauben fanden.

Prinzessin Natalie hatte noch einen besonderen Grund, der einlaufenden Nachricht zu mißtrauen: Peter lag vor Narwa, das Unbezwungene endlich zu bezwingen. Graf Horn war auch diesmal ein hartnäckiger Gegner. Obwohl er auf Ersatz nicht hoffen durfte und den Russen der Sieg sicher war. Mit dem Falle der Festung aber hatte es noch gute Weile. Peters letzter Brief an die Schwester klagte, daß er noch wochenlang den sehnsuchtsvollen Anbeter werde spielen müssen. – Nein, es war sicher wieder müßiges Geschwätz, das von seiner nahen Ankunft fabelte.

An ihrer Sänfte vorüber raste ein hochrädriger Jagdwagen. Des Zaren Gefährt.

Die Prinzessin befahl zu halten. Doch ehe die Träger die Sänfte abgesetzt hatten, war der Wagen vorüber. Einen Augenblick grüßte sie das zurückgewendete Gesicht des Bruders. Es war hell, freudig. Er winkte und rief ihr jubelnd ein Wort zu. Sie verstand es nicht, aber sie wußte: Sieg! Er hatte wieder einen Schritt vorwärts getan. – Eine kleine Schwäche befiel sie, ihre Knie zitterten: vorwärts, nur vorwärts peitschte er. Ihre Finger bogen sich ineinander. Zum Gebet. Demütig neigte sie die Stirn und flehte, daß seinem Streben Bestand werde. Und während sie betete, gingen ihre Gedanken zu dem Mädchen im Hause Menschikoffs, das ihr geschickt erschien, seine Unrast zu lindern, sein Ungestüm zu bannen.

Einstweilen tobte das noch unbehindert. Aufreizend pfiff die Peitsche über den Pferdeköpfen, trieb die Tiere zu rasendem Lauf. Der Wagen stieß und schleuderte auf der unebenen Straße.

Peter lachte, zeigte die Zähne und schrie zu Menschikoff, der hinter ihm saß: »Nun der Herr Graf am eigenen Leibe spüren, wie schlecht der Weg nach Eurem Palaste beschaffen ist, werdet Ihr ihn wohl aufbessern lassen.«

Der Herumgeschüttelte nickte mit verkniffenen Lippen und wünschte den Übermut des Zaren zum Teufel.

Zum Glück währte die Plage nicht lange. Im Schwunge lenkte Peter durch die Einfahrt und vor den Palast, brachte mit einem Riß, so daß sie fast kerzengerade in die Höhe stiegen, die Pferde zum Stehen, warf Menschikoff die Zügel zu, war mit einem Sprunge vom Wagen und mit einem zweiten gewaltigen Satze über die Treppen im Hause.

»Tauben! Meine Tauben! Wo sind meine Tauben!« Sein lärmendes Rufen füllte die Hallen und Gänge.

Barbara kehrte sich lauschend zur Tür, hob sich halb von ihrem Sitz:

»Das klingt …«

Darja war aufgesprungen, bebend, wie gebannt schaute sie nach der Tür: »Der Zar!« Und leise: »Alexaschka!«

»Tauben! Meine Tauben!«

Näher und näher kam der Ruf.

Anisia schob seufzend den Teller mit der Creme zurück und mühte sich aus ihrer bequemen Stellung auf. Glättend strich sie über die etwas gedrückten Falten und Rüschen ihres bauschigen Kleides: »Es lohnt zwar nicht, er richtet es einem doch gleich wieder zu.« Sie stupfte Katharina mit dem Ellenbogen: »Der Zar kommt.«

»Der Zar?« Katharina fuhr ruhig fort, die sauber geschälten Pfirsiche auf einem silbernen Teller zu spalten: »Er schreit wie ein Wilder.«

»Und ist auch nicht viel besser.«

»Tauben!«

Die Tür sprang auf. Peter stand auf der Schwelle.

Die grünen Augen Katharinas starrten einen Herzschlag lang, dann deckten die bläulich weißen Lider ihr glimmendes Zucken. Tiefer beugte sie sich über den Teller. Ein ganz zartes Rot stieg langsam in ihr an. Trotz aller Gegenwehr. Und ihr Blut pochte schneller.

»Tauben! Meine Tauben!« Peter breitete die Arme nach rechts und links, preßte des Tantchens umfänglichen Busen und hastete mit den Lippen über Darjas zuckenden Mund.

»Und das Bärbchen? Das schöne Bärbchen? Will es dem Väterchen keinen Willkommen bieten?« Er faßte nach den kurzen, borstigen, dunklen Härchen, die sich unter ihrer starken Nase kräuselten.

Sie ließ es widerwillig geschehen und bot ihm flüchtig die Wange.

Er klopfte ihr tätschelnd das Kinn: »Braves Bärbchen! Braves Töchterchen,« höhnte er leise. Doch gleich darauf wurde er ernst: »Freue dich, Barbara Arsenieff. Meine Tauben, freut euch! Rußland ist gewachsen! Narwa ist in meiner Hand. Das Meer grüßt Rußland. Livland ist mein. Sein Herz gehört mir.«

Jubelnd schrie Barbara auf. Darja und Anisia umarmten glückwünschend den Zaren, umarmten Menschikoff, der herzugekommen war. Freudig ging Fragen und Antworten durcheinander.

In das erregte Wirren fiel ein kühler Ton:

»Narwa ist nicht Livland!« Katharina sagte es. »Eine alte Sage meldet: nur dem wird Livland zu eigen, der ein livländisch Weib heimführt. Darum ist es nicht schwedisch geworden und wird nicht russisch werden, sondern bleiben, was es ist!«

Der Klang der Stimme weckte in Peter ein Erinnern. Aber es wurde nicht hell, und er war nicht der Mann, sich mit Grübeleien aufzuhalten. »Wer ist das Mädchen?« Er fragte es scharf.

Barbara legte den Arm um Katharina und drängte sie mit leichtem Zwange näher: »Eine schöne Gefangene des Zaren.«

Ein halblauter Fluch entfuhr Menschikoff über diese Schmeichelei. Drohend richteten sich seine Blicke auf die Freundin.

Sie winkte mit den Augen, trat rasch auf ihn zu und preßte seine Hand: »Der Preis lohnt den Einsatz,« zischte sie dicht an seinem Ohr.

Die geballten Fäuste des Günstlings preßten sich noch fester zusammen. Seine Brust rang unterdrückt. Er hob den Kopf. Er glaubte Barbara zu verstehen: Katharina sollte die Delila des zarischen Simson werden. Seine Blicke glühten: dafür war ihm das Liebste feil.

»Meine Gefangene!« Peter betrachtete wohlgefällig die unerwartete Siegesbeute.

»Ich weiß nicht, ob das Kriegsrecht Ew. Majestät gebietet, mich zu den Gefangenen zu rechnen, aber ich weiß, daß das Gastrecht fordert, dem Freunde des Hauses einen guten Willkommen darzubringen.« Mit einer anmutigen Bewegung bot sie ihm den Teller mit den Pfirsichen.

Peters Augen wanderten hin und her zwischen ihrer sauberen Gestalt und dem zierlich hergerichteten Obst:

»Die Frucht sieht lecker aus.«

Ein leichtes Rot stieg in Katharinas Wangen:

»Möchte sie Ew. Majestät angenehm zu essen sein und gut bekommen.«