IX.
Das Freudengelage war lang geworden. Erst die schauernde Kühle der Frühe trieb die Runde auf. Durch die Säle und Gänge des Palastes, in denen das Flackerlicht der Kerzen bereits vor dem ersten Schimmer des Tages zu erbleichen begann, schwankten die übernächtigen, verfallenen Gestalten. Es war als speie die Mitternacht ihre Gespenster wider den Morgen aus. Wankend, auf unsicheren Füßen, tappten die späten Gäste zu ihren Ruhestätten. Die trüben, schwimmenden Augen glotzten stier, die welken Züge waren zu einem blöden Lächeln auseinandergezerrt. Fassungslos grinste es in den sich langsam hellenden Dämmer: war da nicht etwas gewesen, das wie Lust geschienen hatte? Späße waren durch die branntweinduftende Luft gewirbelt, grelle, saftige Späße, die tollen, johlenden Beifall geweckt hatten. Frauenarme hatten sich um Männernacken geschlungen, Männerlippen sich an Frauenbusen gedrängt, heiße, glühende, von Wein und Verlangen feuchte Lippen. Schwül die Glut, brennend der Durst und lechzend die Gier der Leiber. Und nun: Scherben, zerdrückte, zertretene Rosen, zerwühlte Kleider, eine fade, üble Süße von vergossenem Wein. Ekel, Ekel an allem. Froheit, Freude, Freundschaft zu wüstem Schall geworden. Jeder wendete sich von jedem, taumelte fort, in irgendeine Ecke, zu bleiernem Schlaf.
Der Zar wurde geleitet. Von Jaguschinski und Katharina. Der Pole, den die Jahre etwas fett hatten werden lassen, hielt sich selber nur mit Mühe gerade. Die ganze Last ruhte auf Katharina. Sie trug sie mit Munterkeit. Ihrem kräftigen, unverbrauchten Körper hatten Wein und Schnaps nichts anzuhaben vermocht, trotzdem sie wacker Bescheid getan hatte, so oft der Zar oder einer der andern Herren ihr zugetrunken hatte. Sie war dabei freilich mit Schlauheit zu Werke gegangen. Ständig hatte sie mehrere Gläser vor sich stehen gehabt, halbvolle und fast leere, die sie nach Gefallen schob und drehte. So konnte sie jeden Zutrunk bis auf den Rest erwidern, ohne sich zu übernehmen und war nüchterner geblieben als alle andern.
Peter bemerkte es mit Staunen. Vertraulich kniff er Jaguschinski in den Arm: »Pan Pawel, schau dir mal das Mütterchen an, ich glaube, Pan Pawel –,« seine Zunge folgte nicht mehr richtig seinem Willen, »ich glaube, das Mütterchen nimmt es mit dir und mir und noch ein halb Dutzend solcher Gesellen, wie wir jetzt sind, auf. Sieh, sieh dir mal an,« er versuchte Katharinas Rechte, die ihm fest um die Schultern unter der Achsel durchgriff, zu tätscheln, »sieh, wie die zupackt, was die hält, läßt sie nicht wieder los.«
Der Herr Oberstleutnant, welchen Rang Jaguschinski inzwischen erlangt hatte, warf einen schiefen Blick auf die verdächtig klare Begleiterin und murrte etwas von intriganten Weibern.
Damit kam er bei dem Zaren schlecht an. Fluchend bohrte der ihm die Faust in die Seite, und fast wäre es zum Streit zwischen beiden gekommen, wenn Katharina nicht kurz entschlossen den Polen beiseite geschoben und ihm geboten hätte, sich zu entfernen.
Der sonst so Zungenfertige schien für eine Weile die Sprache verloren zu haben, dann aber ging die Mühlschleuder um so kräftiger los. Die Schimpfworte flogen nur so: russisch, polnisch, lettisch, deutsch. Der Vorrat des Sprachgewandten war unerschöpflich. Er zeterte noch, als Katharina mit dem Zaren längst außer Hörweite war und die Tür zu den Gemächern, die für den Herrscher im Palaste seines Günstlings stets bereit waren, sich hinter dem Paare geschlossen hatte.
Schwer war Peter auf sein Bett gesunken, hatte sich aber sogleich wieder aufgerichtet, um sich seines Überrockes zu entledigen. Mit hastigen Fingern zog und zerrte er daran.
»Du wirst es nie zu etwas bringen, wenn du nicht Geduld lernst!«
Eine etwas spöttische, kindliche Stimme hatte es gesprochen.
Mit beiden Händen die Kante des Bettes ergreifend, beugte Peter sich weit vor und starrte der Sprecherin in die kühlen, unbewegten Züge. Die Berauschtheit schien plötzlich von ihm abzufallen. Wie aus tiefem Traum erwachend klang die Frage: »Du?«
»Hast du mich vergessen?« Katharina wiegte sich in den Hüften, reckte die Arme und verschlang sie hinter der lodernden Flamme ihrer Haare. Ihr Leib dehnte sich. »Konntest du mich vergessen?«
»Ich mußte es!« Seine Zähne knirschten. Er zerrte sich an den Pfosten des Bettes empor, »warum kamst du nicht? Ich habe nach dir gebrannt!«
Sie nickte voll Hohn: »Die Glut hat dir das Gedächtnis ausgezehrt.«
Er erwiderte nicht. Ingrimmig, eigensinnig stieß er heraus: »Warum hast du mich warten lassen? Du!«
Sie hob die Schultern. Ein berauschender Duftstrom stürzte von ihrem Leibe auf ihn ein. Heiß stieg Erregung in ihm auf.
Ein kaltes Lächeln spielte um ihre Lippen: »Du wirst noch länger warten müssen.«
»Kanaille!« Blindlings faßte er zur Seite, bekam die Kristallkaraffe mit Ungarwein zu packen, die auf seinem Nachttisch stand und schleuderte sie ihr vor die Füße.
Die Splitter und der gelbe, klebrige Wein spritzten über ihre Bänderschuhe.
»Ew. Majestät belieben eine seltsame Unterhaltung.«
Der eisige Ton traf ihn wie ein Peitschenhieb.
»Weib!« Mit einem Ruck riß er sie an sich, seine blutunterlaufenen Augen waren dicht über ihr:
»Ich kann dich zwingen, mir zu Willen zu sein.«
Sie schrie nicht, sie regte sich nicht, versuchte sich nicht aus der Zange seiner Finger zu winden.
»Tu es, Zar,« sie sagte es eisern ruhig, »wenn du wünschst, daß ich dich hasse.«
Seine Hand sank wie geschlagen herab. Leichenblässe überzog sein Gesicht, und in rascher Verwandlung zerbrach das gewalttätige, harte Wesen. Der Jammer, der ihn stets befiel, wenn sein begehrlicher Wille an Schranken stieß, brach über ihn herein. Zuckend drehte er ihm den Kopf wider die Schulter, stieß ihn in die Knie.
Mit einem Blick erkannte Katharina, was sich bereiten wollte. Es trieb sie nicht in schnelle Flucht, wie sonst jeden aus Peters Umgebung. Ihr waren diese Zufälle ja kein ungewohntes Schauspiel, und was dem Sohne des Propstes Glück das Leiden gelindert, mochte auch dem Zaren helfen. Ohne Besinnen bettete sie die schleudernden Glieder in ihren Armen. Alle geflissentliche Zurückhaltung, alle bewußte, stachelnde Abwehr wich von ihr. Nun der große, starke Mann ihr hilflos hingegeben war, öffnete ein weicher Glanz die beherrschten Züge. Zärtlich hielt sie den Ungebärdigen. Die kleine, runde Perücke, die er trug, war herabgeglitten und hatte die kurzen Haare freigegeben. Mit sachter Hand fuhr sie über das dunkle Gewirr. Wieder und wieder. Ganz leise, ganz sanft. Unablässig. Bis das stoßende Aufbäumen ebbte, das Keuchen des Atems still wurde und die erschöpfte Natur hinüberlenkte in den Schlaf.
Unbeweglich hockte sie … Durch Stunden. Es galt ihre Zukunft.
Erst gegen Mittag erwachte der Zar.
Gestärkt, erquickt.
Verhalten, beinahe zögernd, kam die Bitte: »Bleibe bei mir.«
Statt aller Antwort strich sie ihm über die in Bangen gefurchte Stirn. Wie eine Mutter dem trostsuchenden Kinde: langsam, freundlich, fest.