X.

Die Zeit war weiter geschritten. Ruhe hatte sie den geplagten Landen nicht gebracht. In Polen, in Litauen, in Sachsen, in den Ostseegebieten und auf russischem Boden waren die Heerhaufen des Zaren, Karls und Augusts des Starken hin- und wiedergezogen und hatten versucht, einander so viel als möglich Abbruch zu tun. Doch noch stand die Wage gleich. Während Peter im Norden aus Livland und Estland sich die besten Stücke herausfetzte, sich langsam zum Meer und gegen Finnland vortastete, sich in den eroberten Strecken wie zu Hause gebärdete, Huldigungen entgegennahm und eifrig mit dem Ausbau des mitten im feindlichen Gebiet gelegenen Petersburg beschäftigt war, entriß Karl seinem Duzbruder und Verbündeten die polnische Krone, suchte ihn in seinen Erblanden heim und zwang ihn zum Frieden von Altranstädt. Des einen Gegners ledig, wendete er seine ganze Stärke seinem gefährlichsten Widersacher zu. Der Herbst 1707 sah ihn auf dem Marsche nach Rußland. Durch Schlesien und Polen rückten seine Kriegsvölker in breiter Linie vor. Von Kurland her drückte sein General Lewenhaupt auf die russische Macht. Langsam, aber unausweichlich drängten sie die zarischen Truppen vor sich her. Über Grodno und Wilna, über die Beresina, hinter Smolensk wich der Zar. Vergeblich hatte er versucht, bei Golowtschin und Dobroje den Vormarsch der Schweden aufzuhalten. Trotz tapferer Gegenwehr war er geschlagen worden. Seitdem gab es keinen Halt mehr. Unaufhaltsam ging es zurück. Zurück.

Mit feinen buntköpfigen Nadeln merkte Barbara Arsenieff die Staffel des russischen Mißgeschicks an. Sie saß in ihrem Boudoir und hantierte eifrig über der Karte, die die Westgrenzen des Reiches zeigte.

Ihr gegenüber die Fürstin Dolska. Die war seit Jahren eine bekannte Erscheinung in der Gesellschaft der Sloboda. Wo sich eine politische Intrige anspann, hatte sie ihre Hand dazwischen. Diesmal galt es die Durchführung eines Planes, der im Schoße der Familie Sobiesky ausgebrütet, den Segen des Papstes, die Zustimmung des Kaisers Leopold gefunden hatte und bestimmt war, der Beruhigung Europas zu dienen. In den Häuptern, die dem Heiratsentwurf einer ehrgeizigen Großmutter zustimmten, malte sich die Erledigung der Angelegenheit sehr einfach: Peter wurde mit Jakob Sobieskys Tochter, Karl von Schweden mit einer österreichischen Prinzessin beglückt, und alles kam in schönste Ordnung. Die jüngsten Kriegsereignisse waren nun freilich der geheimen Mission der Fürstin nicht günstig gewesen. Sie fand das begreiflich. Um so mehr erstaunte sie das Vergnügen, mit dem Barbara Arsenieff das Vorrücken Karls anzeichnete.

»Wenn man Sie so sieht, Liebe,« bemerkte sie verwundert, »möchte man meinen, Sie freuten sich über den Triumph der Schweden. Dabei müssen Sie doch befürchten, sie eines Tages in Moskau zu haben.«

»Und?« Barbara tat, als verstände sie die Verblüffung der andern nicht: »Finden Sie das schrecklich? Ich wäre froh. Auf andere Weise bekomme ich den berühmten Helden vorläufig wohl noch lange nicht zu Gesicht.«

Die Fürstin hatte Mühe, ihre Empörung zu unterdrücken: »Diese Schmach Ihres Vaterlandes wäre Ihnen ein willkommenes Schauspiel?«

»Schon mancher Eroberer ist in Moskau eingezogen,« entgegnete Barbara ruhig, »keiner ist darin heimisch geworden.«

»Aber bedenken Sie nicht die Folgen? Die kaum gemachten Eroberungen im Norden wären verloren.«

»Was Rußland im Norden einbüßt,« der Blick der Russin wurde lauernd, »wird ihm der Süden ersetzen.«

Was sie bezweckte, erfolgte. Die Fürstin horchte auf: »Will der Zar von der Krim Besitz ergreifen?«

»Später auch das, zunächst aber liegt es näher …«

»Näher? Da liegt … –«

»Die Ukraine, ganz recht.«

»Der Zar sollte daran denken …«

»Den Bundesgenossen in einen Vasallen zu verwandeln? Ich weiß nicht, ob er daran denkt, ich bezweifle es sogar. Aber eines Tages wird er daran denken müssen.« Dieser Hieb galt der Freundin Mazeppas. Und er saß.

Die Fürstin wurde unter der Schminke bleich. »Phantasien!« Es kam gereizt heraus, und sie eilte, von dem Gespräch loszukommen.

Barbara Arsenieff machte es ihr leicht. Was sie wollte, war ihr gelungen: der lästigen Mission der Fürstin, die ihre eigenen Absichten zu durchkreuzen drohte, war ein Ende bereitet. Denn die Polin würde nicht säumen, ihren alten Freund vor der vermeintlich ihm drohenden Gefahr zu warnen. Gut so: der Pfeil flog, er würde treffen. Nun galt es, den andern Bogen zu spannen.

Mit langen, festen Schritten querte sie die Zimmer, trat bei Menschikoff ein.

Er drehte nicht den Kopf nach ihr, er erkannte sie an dem harten, polternden Gang:

»Was bringst du, Barbutschka?«

Sie war dicht an seinen Stuhl getreten, sah auf ihn nieder.

»Wie stehst du zu Mazeppa!«

»Wozu fragst du? Du weißt es so gut wie ich.«

»Das Jahrgehalt das er dir gibt, damit du ihm den Zaren geneigt erhältst, ist nicht eben reichlich.«

Menschikoff setzte sich gerade im Sessel auf:

»Barbutschka, seid ihr schon wieder in Nöten?«

»Wer spricht davon? Ich rede von Jan Stepanowitsch. Er sollte weniger knauserig sein. Wer einen Herzogshut wünscht, muß es sich etwas kosten lassen.«

»Einen Herzogshut? Mazeppa? Du träumst!«

»Vielleicht.«

»Den Alten noch mächtiger werden lassen als er ist? Er wird sich hüten.«

»Der Alte braucht Ihn nicht. Er setzt es auch ohne Ihn durch.«

»Das hieße, wider Ihn und wäre Verrat!«

»An Ihm? Die Ukraine ist nicht russische Erde, ihr Hetman gehorcht niemandem als sich selber.«

Menschikoff sann vor sich hin: »Er vermag es nicht aus sich.«

»Meinst du, er fände keinen Bundesgenossen!«

»Den Schweden?« Ungläubig schüttelte Menschikoff den Kopf. »So weit denkt der Kosake nicht.«

»Du bist sehr sicher. Aber wenn nun ein andrer so weit gedacht und Sorge getragen hat, sein Denken ihm beizubringen?«

»Wer?«

Sie war von seinem Stuhl zurückgewichen, hielt sich nur mit den Händen an den Knäufen und lachte. Dumpf, schütternd.

Er starrte verdutzt: »Du? – Bist du närrisch?« Schüttelnd zerrte er ihr Handgelenk: »Willst du Rußland ins Verderben stürzen? Ist's nicht genug an dem schwedischen Bedränger? Was kitzelt dich, Mazeppa aufzuhetzen?«

Sein Drohen endete ihr Lachen nicht:

»Seit wann bist du blind? Was bis jetzt Polen für Karl war, wird die Ukraine werden: der Stein an seinem Fuße. Er wird seine Bewegungen hemmen, er wird ihn zum Rande des Abgrunds ziehen und du, und du,« sie dehnte die Worte, »wirst ihn hinunterstoßen.«

Schwer atmend strich Menschikoff über die Stirn: »Das – hast – du – für mich getan?«

Der zitternde Klang seiner Stimme erregte Barbara Übelkeit, abwehrend streckte sie die Arme: »Nicht diesen Dank, nicht mir. An Darja denke, sie liebt dich. Du bist ihr alles.«

»Und dir? Bin ich nichts?« Die Frage verriet Zweifel, der Ton, in dem sie gestellt wurde, drückte Gewißheit aus.

Barbara war zornig. Ihre Brauen zogen sich dicht zusammen: »Du weißt, daß nur ich selber mir etwas gelte,« antwortete sie böse, kehrte sich scharf um und ging hinaus.

Eitler Männerhochmut! Ihre Fäuste ballten sich: wie er sich blähte in dem Wahn, daß auch sie ihm zu Füßen liege. Wie er gnädig bereit war, ihr für ihre Dienste eine Hand voll Liebe zuzuwerfen. – Ein kurzes galliges Lachen stieß aus ihr: läppische Gaukelei. Ein Wesen wie sie, liebte kein Mann. Ihre Züge verhärteten sich: es sollte sie keiner lieben. Keiner. Sie wollte nicht Liebe, Macht wollte sie und Herrschaft. Der Mächtigste sollte ihr Geschöpf sein, ihres. Und der Mächtigste neben dem Zaren – ihre Blicke wurden starr – über dem Zaren würde Alexander Menschikoff sein. Alexander. Alexaschka! – Mit einem stöhnenden Laut warf sie sich auf ihr Bett. Keine Träne brach aus den brennenden Augen, sie schluchzte nicht, kein Zucken bewegte ihre Lippen, nur das weiße Leinen der Kissen riß unter dem scharfen schneidenden Zerren ihrer Zähne. – –


Der Pfeil flog.

Durch die Steppen trabte eine Reiterschar. Kosaken. In ihrer Mitte der Hetman Mazeppa. Hinter ihm unter dichter Bewachung ein verhängter Wagen. Die mächtigen Räder drückten sich tief in den Boden. Die Last, die sie führten, war schwer. In riesiger eisenbeschlagener Truhe der Goldschatz des Hetmans. Venezianische Zechinen, römische Dublonen, türkische Piaster und russische Rubel. Vorsichtig wich der Zug russischem Gebiete aus. Trabte und trabte. Mit kurzem Rasten.

Von fern her schimmerten goldene Kreuze aufragenden Türmen. Hoch über Sumpf und Morast. Minsk.

Mazeppa riß sein Pferd am Zügel. Bäumend stand es. Mit ihm die andern.

Eine Wolke von Mücken stürzte sich auf Mensch und Tier. Grüne giftig schillernde Fliegen, dickleibige Bremsen bohrten ihre spitzen Rüssel durch Haut und Fell. Widrigkeiten, die nur der erlitt, der zögernd stille hielt.

Das Roß Mazeppas stieg. Die Sporen seines Herrn trieben es hoch. Mit einem gewaltigen Satz sauste es vorwärts. Dem Ziele entgegen.

Kurz vor der Stadt breitete sich das Lager. Graben, Schanzen, schußbereite Stücke, Zelte, Posten, Runden, Soldaten zu Hauf, Pferde und Geschütze, Klirren der Waffen, Rufen und Schreien und der rasche bestimmte Ton der Befehle. Und über allem hell und rauschend vor dem Winde die schwedischen Farben.

Die Kohlenaugen des Hetmans glühten auf. Ein Wink brachte den Fahnenträger an seine Seite.

Eilig streifte der Gerufene die wettersichere Hülle von dem Feldzeichen.

Markig umspannte Mazeppas Faust den Griff, reckte die flatternde Standarte hoch über sein Haupt.

»Für die Freiheit der Ukraine.«

Von den Verschanzungen antworteten jubelnde Zurufe.

Langsam, Schritt bei Schritt ritt der Trupp durch die Lagergassen, näherte sich dem Zelte des Königs.

Knatternd fuhren die Leinwandflügel des Eingangs auf.

Karl trat heraus.

Groß, ragend.

Mazeppa war vom Pferde gesprungen. Breit, wuchtig ging er auf ihn zu. Lüftete den Hut, neigte sich um eine Spanne: »Majestät.«

Bereit streckte Karl ihm die Rechte entgegen.

Fest schlug Mazeppa ein.

Lange hielten sich die Hände.

»Ich bringe mich selbst und was mein ist,« der Hetman wies auf den Wagen, »und mich begleitet der Wunsch von dreißigtausend Kosaken, die darauf brennen, mit den Schweden für die Gerechtigkeit zu kämpfen.«

»Sie folgen Euch?«

»Ihre Pferde sind gesattelt, ihre Lanzen geschärft, ihre Säbel geschliffen. Des Feindes Blöße grinst ihnen entgegen.«

Karls offenes Gesicht spannte sich: »Den Ausweichenden von Süden her packen, zum Stehen bringen, seine Macht vernichten?«

Der lange Graf Piper, Schwedens Kanzler, war neben den König getreten. Er kannte dessen eigenwilligen Einfälle, seine allzu rasch fertigen Entschließungen. Und fürchtete sie. Besorgt, mahnend wagte er Einwände.

Sie glitten am Ohre seines Herrn vorüber. Ungehört. Er war jedem nahen Laut entführt. Das Unbegrenzte hatte sich vor ihm aufgetan. Weiten, wo er reiten konnte Tag und Nacht, Tage und Nächte, wild, ungestüm, zügellos, losgebunden, allein, allein mit sich und seinem schrankenlosen Willen.

Alles Blut war aus seiner Stirn gewichen. Fern, fremd der Blick seiner Augen.

Graf Piper verstummte: jeder Einspruch war vergebens. –

Der Pfeil hatte sein Ziel erreicht.