XI.

Die Herrschaft des Zaren wankte. Die Stöße, die Karls Erfolge ihr versetzt hatten, ermutigten die unzufriedenen Geister, die es an allen Ecken und Enden des weiten Reiches gab, sich zu regen. An den Südostgrenzen gärte es schon lange. Die Steuerauflagen waren mit jedem Jahr drückender, die Anforderungen für den geordneten Kriegsdienst immer häufiger geworden. Das mißbehagte den halbwilden Stämmen jener Bezirke. Die altrussische Partei säumte nicht, die Mißstimmung zu schüren. Sie hoffte, ihre Suppe an diesem Feuer zu kochen. Die neuen Beamten, die Peter überall an die Stelle der alten setzte, ihre Art, sich in westlichem Geschmack zu kleiden, ihre geflissentlich zur Schau getragene Freigeistigkeit verletzte die an den alten Bräuchen und Sitten hängende Menge. Die Begünstigung der Ausländer, die der Zar übte, goß Öl in die Flammen. Die beschränkten Gemüter glaubten den Hetzreden kaum minder beschränkter Popen, daß es mit alledem auf ihre Rechtgläubigkeit abgesehen sei, daß den gottverdammten Ketzern ihr Land, ja ihre Frauen zugedacht seien. Diese Heiden, die schauerlichen Götzendienst trieben, hatten den Zaren behext und völlig in ihren Bann gezwungen. Mit Entsetzen erzählte einer dem andern von den greulichen Bildern, die in den Häusern der »Deutschen«, für die ihnen alle Fremden galten, aufgerichtet wären und die diese Gottesleugner anbeteten. – Die Allongeperücken der modischen Herren auf den hohen Perückenstöcken waren die Ursache dieses verhängnisvollen Irrtums. Und immer neue Nahrung erhielt die einmal entzündete Phantasie der Volksmassen. Von beamteter Seite wurde den altrussisch Gekleideten das Betreten der Kirchen verweigert. Der Feldzug gegen die Bärte wurde vom Adel auf das niedere Volk ausgedehnt. Das schlug dem Fasse den Boden aus. In Astrachan kam es zu Zusammenrottungen. Mit einer Hetze gegen die »Deutschen« begann es, und mit der Vertreibung der zarischen Beamten endete es. Der Aufruhr war fertig. Er breitete sich rasch aus. Wie ein Flackerfeuer. Sprang von einem Ort zum andern über, bis die ganze Gegend am Kaspischen Meer in heller Empörung war.

Und nun der Abfall der Ukraine. Der Grund unter den Füßen des Zaren schien zu schwinden. Was seinen Vorfahren die Strelitzen gewesen, waren ihm die Kosaken geworden, eine zu jeder Zeit bereite Heeresmacht, seine gefährlichste Waffe. Jetzt kehrte sie sich gegen ihn.

Peter erhielt die Nachricht mitten in einem Gespräch mit seiner Stiefschwester Anna Iwanowna.

»Du lügst, Iwan Gawrilowitsch,« herrschte er den Überbringer, den Leiter der »Behörde für ausländische Gesandte«, wie das auswärtige Amt zu jener Zeit in Rußland hieß, an: »Der Hetman hat dich wohl zu schlecht bezahlt?«

Diese Anschuldigung hatte nicht die erwartete Wirkung. Golowkin wurde weder rot noch blaß. Ohne mit der Wimper zu zucken erklärte er: »Es lohnt sich nicht, um den Hetman zu lügen, weder für noch gegen ihn. Was er mir gab, reichte kaum für Tee.«

»Ich kenne Euren Tee,« knirschte der Zar und riß dem Minister die Mappe mit den Depeschen aus der Hand.

Ein heftiges Blättern, ein rasches Überfliegen der Mitteilungen. Er wußte genug.

»Wenn ich ihn zu fassen bekomme …« die Lehne, um die sich seine Finger gekrallt hatten, splitterte unter ihrem Druck: »Gezücht!« Er schrie es wild: »Ich habe es genährt! Großgezogen! Groß gemacht!« Die Erregung fuhr zuckend durch seinen Körper. Blutunterlaufen quollen ihm die Augen aus den Höhlen.

Golowkin wurde aschfahl vor Angst, mit einer unsicheren Verneigung zog er sich zurück und drückte zitternd die Tür hinter sich ins Schloß. Der Zar war viel zu eingenommen von seinem Zorn, um es gewahr zu werden. Die Prinzessin rümpfte die Nase: Männer! dachte sie, Männer wollen das sein. Der eine gebärdet sich wie ein eigensinniges Kind, das seine erste Enttäuschung erlebt, und der andere läuft vor dem Ungebärdigen davon. Laut sagte sie:

»Was hast du dich, Petruschka? Triff deine Maßnahmen, und die Schwenkung des Hetmans braucht dich nicht zu schrecken. Sei froh, daß du es frühzeitig erfährst.«

»Daß er mich verraten konnte.« Peter schüttelte stöhnend die geballten Fäuste vor sich hin.

»Unsere besten Freunde hassen uns am meisten,« entgegnete die Prinzessin gelassen, »weil sie am schmerzlichsten unter unseren Schwächen leiden und am genauesten die Mängel unserer Tugenden kennen. Wir sind ihnen keine Götter.« Und als der Zar nur ein verbissenes Schweigen auf ihre Rede hatte, setzte sie hinzu: »Du machst diese Erfahrung nicht zum ersten Male und wirst sie noch öfter machen müssen, vielleicht sogar von solchen, die du gleich dir selber hältst.«

Die Zähne des Zaren schlugen gegeneinander. Es war, als schüttle ihn ein Frost. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe: »Menschikoff?«

»Dein Herzbruder.« Die Prinzessin nickte.

»Du hast Verdacht?« ganz langsam fragte er es. Jede Silbe war schwer von Drohung.

»Dir wird nicht für den Verdacht genügen,« die Prinzessin hob die vollen Schultern, »was mir Gewißheit ist. Golowkin war nicht der einzige, der ein Jahrgehalt von Mazeppa empfing. Auch …«

»Auch der Fürst. Ich weiß es.«

»Warum schmähst du den einen und schweigst bei dem andern?«

»Der Golowkin«, Peters Miene verzog sich verächtlich, »ist ein Geizhals, der für sich zusammenscharrt, mein Alexaschka behält nichts. Das Geld rollt und kommt unter die Leute; so nützt es meinem Lande.«

»Achtung vor dieser Staatskunst.«

»Sie mag nicht gefällig sein. Sie ist klug!«

»Nun, weshalb erbost du dich dann über ihr neuestes Stück? Der Verrat Mazeppas ist Menschikoffs Werk.«

Der Zar fuhr auf: »Wer sagt das?«

»Der und jener raunt es. Mir ist es klar. Je mehr du in Not bist, um so dringender bedarfst du des großen Feldherrn. Er wird sich schon mit dem Hetman verständigt haben, wo und wie dieser sich von ihm schlagen läßt. Dem glorreichen Sieger ist es nachher ein leichtes, für den reuigen Unterlegenen Verzeihung zu erwirken. Mazeppa behält, was er hatte, und der Fürst erhält zu seinen vielen Titeln einen neuen. Er wird Herzog. Wonach es ihn schon lange gelüstet. Am Ende,« sie warf es verloren hin, »gelüstete es ihn nach noch mehr.«

Peters Stirn furchte sich: »Er ist schnell gestiegen, zu schnell …« Er brach ab, machte eine wischende Bewegung mit der Hand und begann von anderem zu sprechen: von seiner Absicht, eine Schule für Ingenieure in Moskau zu begründen, von der Notwendigkeit, eine Abordnung nach Deutschland und Holland zu senden, um sich über die Verarbeitung von Wolle zu unterrichten und von der Anlage neuer Manufakturen.

Die Prinzessin bog den Kopf zur Seite. Sie mußte lächeln: dieser gespielte Gleichmut mochte einen andern täuschen, sie nicht. –

Sie hatte recht. Die angenommene Maske fiel, sobald Peter allein war.

Am Ende gelüstet es ihn nach noch mehr. Wie ein Stachel hatten sich diese Worte in sein Hirn gebohrt: des Herzbruders Ehrgeiz war maßlos, er kannte ihn. Warum sollte er haltmachen vor seinem Throne? Hatte er ihn nicht selber gelehrt, nichts für unerreichbar zu halten? Aus dem armen litauischen Adligen, der die Pasteten austrug, mit deren Bäckerei sich sein Vater in dem fremden Moskau ernährte, hatte er aus Wohlgefallen an seiner raschen frischen Art seinen Adjutanten, seinen Kammerherrn gemacht. Freund war er ihm geworden, und er hatte ihn beschenkt, womit er ihn nur beschenken konnte. Mit seinem Vertrauen und allen Würden, die er zu vergeben hatte. Er selber stand zurück. Er war der einfache Unteroffizier, Peter Michailoff, in der ersten Gesandtschaft, die er in die Hauptstädte Europas gesandt hatte und in deren Mitte Alexander Menschikoff glänzte. Er baute Rußland eine Flotte, ihr Admiral war Alexander Menschikoff. Er wollte es so, er gönnte ihm diesen Kling und Klang von Titeln und Orden, Reichtümern und Ehren. Er liebte den Glanz an seinen Freunden. Je heller sie strahlten, um so weniger brauchte er ins Licht zu treten. Den Schein der Macht ließ er ihnen gern, um so fester hielt er die Macht. Es war keinem zu raten, daran zu rühren. – Er stützte den Kopf in die Hände und sann grübelnd vor sich hin: sollte Alexaschka es wagen? –

Der Tag war verblichen. Der trübe Dämmer des Abends ging ins Dunkel über, und in der Schwärze wuchs und wucherte das Mißtrauen. Schritte nahten und zogen sich vorsichtig zurück: irgendein Diener, der den Zaren zu stören fürchtete. – Peter wurde der Unsichtbare zum Späher. Laute klangen auf und verwehten wieder: Wetterfahnen, die im Winde knarrten, eigenwillige Türangeln und Fensterriegel, die kreischten, eine Diele, die ächzte – der Zar hörte daraus geheimnisvolle Signale, die Lauscher und Spione einander gaben. Mit vorgebeugtem Oberkörper saß er in dem Sessel, horchte angestrengt in die tiefer und tiefer werdende Finsternis: waren da nicht Stimmen hinter der Tür? Flüsterte dort nicht jemand? Wer? Wer? Dem überreizten Ohre wurde jedes Geräusch zu verräterischer Rede. Was raunte? was wisperte es? Er, ein ungetreuer Gatte, ein schlechter Vater? Würgend zwängte es ihm die Kehle: war es Eudoxia, die sich rächen wollte? War es Alexei, der ihn haßte? Bohrend starrten seine Blicke. In der Düsterkeit ballten sich Schatten. Ihm war, als schlüge rings um ihn ein heimliches höhnisches Lachen auf. Verzerrte Larven grinsten. Unter der Perücke sträubten sich ihm die Haare, kalter Schweiß rann über seine Stirn, die Zähne schlugen gegeneinander. Er schob sich aus dem Sessel empor: kamen sie nicht? Streckten sie nicht die kralligen Finger nach ihm, die Bleichen, Blutlosen, über deren lebendige Leichname er hinweggeschritten war auf seinem Wege? – Langsam wich er zurück vor dem gespenstischen Drohen. Er flog wie im Fieber. Aus seinem Blute schlugen die Schauer der Angst über ihn hin. In seinem Gewissen war keine Gewißheit überwindender Güte. Bangen nur war und sträfliche Furcht. Bebend lehnte er an der Tür, tastete nach der Klinke. Sie gab nach. Licht brach herein, warf den Spuk zurück. Aufatmend stand Peter: was vergangen war, war tot, seine Stunde war vorüber, es konnte ihm nichts mehr anhaben.

Doch die innere Unruhe ließ sich so leicht nicht beschwichtigen. Ja, es war, als brächte die Helle sie erst recht zum Gedeihen. Was dem ersten Schreck nur eine ungeheuerliche Drohung war, die sich vergeltend aus der Vergangenheit reckte, das wurde dem näheren Betrachten ein Verhängnis, daran die Zukunft spann.

Er hatte die Depeschen, die Golowkin gebracht hatte, nochmals vorgenommen und sie sorgfältig mit früheren Meldungen verglichen. Akten über Akten häuften sich um ihn. Harmlose Berichte erhielten plötzlich Wichtigkeit, belanglose Bemerkungen rückten in das Licht versteckter Andeutungen, und mit einem Male fühlte er sich im Mittelpunkte einer weitgreifenden Verschwörung. Alle hatten daran teil, alle. Mazeppa und Menschikoff, Eudoxia und Alexei, Karl XII. und August der Starke, seine Minister und Generäle, der Metropolit nicht minder wie sein geringster Diener. Jeder wob an dem Netz, darin sein Schicksal sich verfangen mußte. Keinem konnte, niemandem durfte er trauen.

Niemandem?

Ein warmes Strömen quoll von seinem Herzen auf: Katharina!

Und auf einmal kam ihm sein Spüren und Suchen in den verstaubten Blättern, sein Grübeln über die einzelnen Wendungen in den Briefen seiner Residenten und Agenten unsäglich albern vor. Ein paar kräftige Püffe brachten den Aktenwust um ihn her ins Wanken. Die Arme in die Seite gestemmt, sah er dem Purzeln der Packen zu, dann drehte er sich um, griff nach Hut und Mantel und ging hinaus. In die Nacht.


Das Haus der Postmeisterin Fademrecht in der Sloboda lag in tiefem Schlummer. Nur hinter zwei Fenstern im ersten Stock, die auf den Garten, der Jausa zu, hinausgingen, flimmerte Licht. Dort hatte der Zar bald nach der ersten Begegnung seine neue Freundin untergebracht.

Katharina mochte nicht schlafen. Sie hockte in dem breiten, französischen Bett, die Arme um die Knie geschlungen und das volle runde Kinn darauf gestützt. Die gelbseidene Steppdecke war zurückgeschoben, unter dem dünnen Batist des Hemdes lugten die rosigen Nägel der kleinen Füße hervor. Sie sann vor sich hin. Der Abend hatte ihr nachdenkliche Nachrichten gebracht, durch die Postmeisterin, die in der Stadt gewesen war. Es hieß, der Zar habe einen Schlaganfall erlitten und liege im Sterben. Die alte Frau hatte bedrückt die Hände gerungen: »Bewahre uns der Himmel, daß es wahr ist. Der Zarewitsch haßt die Fremden. Besteigt er den Thron, so sind wir keinen Augenblick mehr unseres Lebens sicher. Die Popen werden schon dafür sorgen, daß wir alle hängen müssen.«

Der Zarewitsch haßt die Fremden! In Katharinas Augen glimmte es auf: sie haßte er nicht.

Ihr fiel die Begegnung ein, die sie beim Fürsten Wolchonski mit ihm gehabt hatte. Ihre erste mit dem Sohne des Zaren. Vor wenigen Wochen. Scheu, schüchtern war der stille, junge Mensch dem Gewühl der ausgelassenen Gesellschaft ausgewichen. In eine der tiefen Fensternischen hatte er sich geflüchtet. Verloren lehnte er dort, die überschlanken Finger gequält ineinander gewunden. Die überlaute Lust der andern peinigte ihn. Ein Zug von Ekel stand auf dem schmalen Gesicht.

Er tat ihr leid. Sie trat zu ihm, und da sie wußte, daß ein religiöses Gespräch ihm das liebste war, hatte sie ihm von ihrem bevorstehenden Übertritt zur rechtgläubigen Kirche gesprochen.

Die dünnen, blutleeren Lider des Zarewitsch waren gesenkt geblieben, aber in die blassen Wangen stieg ein feines Rot der Freude:

»Madame haben einen guten Entschluß gefaßt.« Und nach einer Weile fragte er, wer ihre Paten seien.

Ihr war die Zeremonie zu wenig wichtig. Sie vollzog sie, weil die Klugheit es gebot. Die Einzelheiten zu ordnen überließ sie der Prinzessin Natalie, die ihr den Schritt nahegelegt hatte. Sie erwiderte daher, daß diese wohl Patin sein würde.

»Wenn ich der zweite Zeuge Ihrer Bekehrung sein dürfte?« Leise, fast hauchend brachte der Zarewitsch die Bitte vor, während das zarte Flammen bis in seine Stirn flutete.

»Ew. Zarische Hoheit wollen für mich beten?« Sie hatte sich leicht zu ihm, den sie etwas überragte, niedergeneigt.

»Meine innigsten Bitten würden die dem Heile gewonnene Seele begleiten.« Langsam hoben sich seine dunklen Wimpern, und die schwermütigen, dunklen Augen richteten sich voll auf sie.

Sie hatte ihm die Hand hingestreckt. Zum Dank.

Zögernd hatte er die seine hineingelegt, von Glut übergossen und am ganzen Leibe zitternd. Eine kalte, feuchtende Hand. –

Katharina haschte mit den Schultern nach den geklöppelten Stegen des Hemdes, das ihr herabgeglitten war und die volle, weiße Rundung des Nackens und die festen Brüste freigab: nein, der Zarewitsch haßte sie nicht. Sie schüttelte die rote Wucht ihrer Haare, daß sie wie ein Mantel um sie flossen: ihr war nicht bange um ihren Weg. Nur wer sich selber aufgibt, den gibt das Schicksal auf.

Und wie eine Antwort auf ihre Gedanken klang vom Flusse her, der träge und schwer am Garten vorbeizog, ein Plätschern durch die Stille.

Katharina hob lauschend den Kopf.

Der Ruderschlag war verstummt.

Wohl ein Fischer, der auf nächtlichen Fang fuhr. – Dennoch war eine Unruhe in ihr Blut gekommen, die sie nicht länger im Bette litt. Mit beiden Füßen sprang sie vom Lager: Licht!

Sie begann die Kerzen der venezianischen Girandolen, die zwischen dem Fenster und zu den Seiten der Tür und des breiten Spiegels hingen, zu entzünden.

Flamme um Flamme flackte auf, strömte ihren weichen, warmen Schein über sie hin. Der Spiegel sammelte die helle Flut, und sie drehte sich berauscht in dem wonnigen Glanz. Jauchzend warf sie die Arme empor.

Doch die Gebärde erstarrte. Alles Blut wich ihr zum Herzen.

In dem funkelnden Glas, das ihr Bild zurückwarf, stand noch ein zweites Gesicht, düster, verzerrt von Verlangen.

Nur einen Augenblick, dann hatte sie sich wieder:

»Ew. Majestät wählen eine seltsame Stunde zum Besuch.«

Die Kühle ihrer Worte ging an dem Zaren vorüber. Er wollte sprechen. Es wurden nur losgerissene, stammelnde Laute.

Zauber. Dieses von innen quellende Beben verwandelte Katharina aufs neue. Die geflissentliche Herbheit fiel von ihr ab:

»Kommt mein Freund auch spät, er ist mir angenehm.«

Ganz Güte und zärtliches Mitgefühl, drängte sie ihn auf einen der niederen mit chinesischer Seide bezogenen Hocker, saß neben ihm, zu ihm hingeneigt, daß ihr Haar ihn streifte. Ihre Stimme schmeichelte:

»Hat der Tag dir weh getan?«

Den starken Mann schüttelte es, er brach in die Knie, preßte die Stirn in ihren Schoß:

»Der Tag und die Nacht.«

Seine Hände verwühlten sich in den Falten ihres Hemdes.

»Jede Stunde mästet sich an mir. In Falschheit und Hinterlist. Herr nennen sie mich, weil der Schatten meiner Kraft ihre trüben Geschäfte deckt. Herr!«

»Bin ich's?«

»Was? Was bin ich?«

Die kurze Perücke war ihm in den Nacken gesunken, seine eigenen, kurzen, straffen Strähnen fielen dunkel in ein totenblasses Antlitz, in dem nur die Augen weit in brennender Frage glühten.

Sänftigend legten sich Katharinas Finger über die pulsenden Adern an seinen Schläfen. Eine tröstende Erwiderung wollte über ihre Lippen, doch die Flut seiner Erregung achtete keines Haltes:

»Bin ich ein Mensch? Ein Mensch schafft, und danach hat er Ruhe. Mich treibt's. Immerzu. Durch Tag und Nacht. Der Tag raubt mir die Geduld und die Nacht betrügt mich um den Frieden. Ich kann nicht schlafen. Nicht schlafen. Nur in Dumpfheit falle ich. Aber in mir bohrt's und stachelt's. Es. Es. Was ist das Es? Dann muß ich auf, hinaus. Muß zimmern, hobeln, muß aufs wilde Wasser, muß knuten, knuten.«

Der stöhnende Mund zuckte:

»Und für wen dies alles, für wen?«

Tief beugte sich Katharina über den verzweifelnden Frager. Der feurige Strom ihrer Haare stürzte über ihn hin, hüllte ihn ein in Duft:

»Für deinen Sohn!«

»Katarinuschka!«

Alle Qual, alle Ungewißheit war ausgelöscht. Beseligt breitete Peter ihr die Arme entgegen.

Sie sank nicht hinein. Nur ihr Blick tauchte in den seinen, fest, bewußt, beherrscht.

»Den Erben deines Werkes kann die Geliebte dir nicht schenken, ihn kann dir nur die Gattin gebären.«

»Du bist es!« Peters Verlangen duldete keine Schranke mehr. In diesem Augenblicke war er bereit, jede zu überspringen, die ihn von seinem Ziele trennte.

»Vor aller Welt?«

»Vor aller Welt.« Und in plötzlichem Einfall riß er sein Tagebuch, das er in dem Aufschlag seines Ärmels ständig mit sich führte, hervor und warf rasch einige Zeilen auf das Papier.

»Da!« Er fetzte das Blatt heraus: »Hiermit erkläre ich Katharina, die Trompeterin, für meine Ehefrau und sichere der Nachkommenschaft aus meiner Verbindung mit ihr alle Rechte ehelicher Geburt zu.« Er las überstürzt, drängend.

Ohne eine Miene zu verziehen, lauschte Katharina. Sie zählte die Worte, da sie sie bei ihrer Unkenntnis der Schrift nicht lesen konnte. Es war eines mehr. Breit stand es unter allen, sicher, mannhaft.

Mit einem lockenden Lächeln sah sie von den Buchstaben auf Peter, von Peter auf die Buchstaben. Ihr Finger wies: P–e–t–e–r.

Er nickte.

»Peter!« Eine Sekunde lang schloß sie die Lider. Wie überwältigt von dem Ausblick, der sich ihr eröffnete. Nur eine Sekunde lang. Dann hoben sich die hellen Wimpern wieder. Ohne Hast nahm sie die Verschreibung an sich, erhob sich, zog den Knienden mit sich empor. Es war, als richte sie sich zu ihrer eigentlichen Größe auf.

Ein Zucken der Schulter.

Spitzen und Batist glitt an ihr herab.

In heller Schönheit stand sie in der Helle.

Ihr Kopf sank in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich, weich, zärtlich. Ein süß schluchzender Laut:

»Peter!«

Der Zar lag an ihrer Brust, die glühende Stirn zu ihrem Herzen geneigt:

»Gnädigste Frau!«