XX.

Durch Katharina war der Zar Unterhandlungen mit Schweden geneigt geworden. Der General Ranck war nach Holland zum Baron Görtz gereist, und Herr von Ketteler hatte dem Landgrafen von Hessen-Kassel die erfreuliche Nachricht überbracht. Von der Rolle, die dem jungen Herzoge von Holstein zugedacht war, hatte freilich weder der eine noch der andere Unterhändler eine Ahnung.

Eine Überraschung Karls XII., die leicht in Widerspruch sich äußerte, mußte vermieden werden. Und der Landgraf durfte vollends über die geplante Verbindung vorzeitig nichts erfahren, da er in seinem Sohne, dem Gatten der Schwester Karls, den künftigen Träger der schwedischen Krone sah. Ja, nicht einmal Peter wußte von den Fühlern, die Katharina nach dem Holstein-Gottorpischen Hofe hatte ausstrecken lassen. Erst das Auftauchen des Herzogs in den Kurwegen Pyrmonts machte ihn stutzig.

»Was will er hier?« Er fragte es barsch, als er Katharina von dem Eintreffen des Holsteiners berichtete: »Alle Welt drängt sich an mich. Kaum bin ich die Hessen mit ihren Anträgen los, setzt mir der dicke Ormond zu, daß ich seinem Stuart wieder auf den englischen Thron helfe. Herr von Metsch liegt mir in den Ohren, meine Truppen aus Mecklenburg zu ziehen, aber sein Kaiser läßt nicht versprechen, daß er, wie es seine Pflicht wäre, die rappelköpfischen Stände zum Gehorsam bringen wird; seinetwegen können sie Karl Leopold weiterhin auf dem Trocknen sitzen lassen. Der Graf de la Marck möchte ein Bündnis, von dem ich die Ehre und Frankreich allein den Nutzen hätte. Ich bin neugierig, wer mir den holsteinischen Gecken auf den Hals geschickt hat und mit welchem Anliegen er mich behelligen wird?«

Peter war verbittert. An seinen Kräften zehrte das Übel, das ihm jener Nachtisch beim Feste in der Admiralität eingetragen hatte und das auch den Wassern von Pyrmont nicht weichen wollte. Und an seinem Herzen nagte verbissener Zorn. So oft er seines Sohnes gedachte, und Schafirof und Ostermann sorgten dafür, daß es recht häufig geschah, befiel ihn eine würgende Scham: wenn dieser einmal, nur einmal erwiesen hätte, daß er seines Blutes war. Hageldicht waren seit dem Erlaß, der das Recht der Erstgeburt aufhob, die Schläge auf den unfähigen Thronerben herabgesaust. Drohung war auf Drohung gefolgt. Vor jeder war Alexei zurückgewichen, hatte sich bereit erklärt, seinem Erbe zu entsagen, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Beim Empfange dieser Nachricht hatte Peter mit den Fäusten auf den Tisch gehämmert:

»Und das ist mein Sohn. Mein Sohn?«

In dem glatten Gesicht Ostermanns verzog sich keine Miene:

»Der Prinz unterwirft sich bedingungslos den Anordnungen Ew. Majestät.«

Der Kopf des Zaren schlug auf die harte Eichenplatte. Wie betäubt lag er.

Schweigend wartete der Kanzleirat. Er war zufrieden mit dem Erfolg seiner Meldung. Der Zarewitsch machte es seinen Gegnern leicht, ihn, von dessen Anhang sie für sich fürchten mußten, auszuschalten.

Der Zar regte kein Glied. Röchelnd stieß sein Atem aus gepreßter Kehle. Ihm war, als halte eine übermächtige Hand seinen Hals umklammert und würge, würge. Und ein Gesicht war über ihm, grausam höhnend: das Schicksal! Fester und fester schloß sich der zwängende Griff.

Ein schriller Schrei. Polternd flog der Stuhl zu Boden. Wild um sich schlagend, mit blutunterlaufenen Augen stand der Zar.

Das Gespinst war zerrissen.

Ostermann war einige Schritte zurückgewichen. Es war die einzige Bewegung, die seine innere Angst vor diesen Zufällen seines Herrn verriet.

Die Lippe des Zaren zerrte sich auf, seine starken Zähne wurden frei: »Brauchst nicht davonzulaufen. Die Botschaft wird dir den Kopf nicht kosten. Ich sollte einen andern damit zahlen lassen. Er hätt's verdient. Kannst ihm das zu wissen tun. Und er soll mir das Kloster nennen, in das er sich begeben will.« Er lachte grell auf: »Ich werde es ihm einrichten lassen, daß seine Freunde, die ihn mir wider die Nase setzen möchten, sich ihre eigensinnigen Schädel daran blutig rennen, wenn sie versuchen sollten, ihn herauszuholen.«

Ostermann hatte sich stumm verneigt. Und er und Schafirof hatten die Aufforderung derart abgefaßt, daß dem Zarewitsch klar werden mußte, es ginge um sein Leben. Hoffentlich trieben seine altrussischen Berater ihn zu offenem Widerstande. Dann bot sich endlich die ersehnte Gelegenheit, diese gefährlichen Fremdenfeinde gründlich unschädlich zu machen.

Das war vor Wochen, bald vor Monaten gewesen. Der Zarewitsch hatte nicht geantwortet. Der Kanzleirat war beunruhigt: was ging in Rußland vor, während sein Herrscher am Pyrmonter Brunnen sich als Lenker der Geschicke Europas fühlte?

Anfangs suchte er seine Besorgnis zu verhehlen. Bald aber erschien es ihm nützlicher, und der Kanzler teilte seine Meinung, sie dem Zaren nahezubringen. Scheit bei Scheit nährten sie dessen Erbitterung gegen den Sohn. Nie ließ Peter ein Wort fallen, aus dem sie sich etwas hätten deuten können, aber die brennende Röte, die die bloße Nennung des verhaßten Namens in sein Gesicht jagte und das jähe, tiefe Erblassen, das ihr folgte, sagten den eifrigen Schürern genug.

Und keiner war um Peter, der sich bemüht hätte, die heimlich fressende Glut zu dämpfen. Allen in seiner Umgebung dünkte es vorteilhafter, den Zwiespalt zwischen ihm und seinem Sohn zu erweitern. Einzig Katharina wagte zuweilen eine Entschuldigung für den Unglücklichen. In der letzten Zeit freilich hatte auch sie sich zum Schweigen bestimmen müssen, wollte sie bei Peter nicht die dicht gesammelte Wut zu zerstörender Entladung bringen. Die Ankunft des Herzogs von Holstein kam ihr daher sehr gelegen. Das bedeutete Ablenkung. Doch galt es, den Zaren mit Behutsamkeit für ihr Vorhaben zu gewinnen.

Sorgsam verfestigte sie den Faden, der gerade zu Ende war, an der Rückseite ihrer Stickerei, ehe sie ihm auf seine unmutige Frage antwortete:

»Es muß nicht jeder, der an dich herantritt, geschickt sein. Und mancher, der wie ein Bittender kommt, könnte sich als ein Gebender erweisen.«

»Der holsteinische Herzog!« Er zuckte abtuend die Schultern.

»Der Erbe seines Oheims.«

»Meinst du, daß er mir Schweden auf der flachen Hand entgegenträgt?«

»Nun, dir gerade nicht,« gab sie langsam, jedes Wort wägend, zurück, »aber der Erwählten seines Herzens.«

Er sprang auf, stellte sich breitbeinig vor sie hin:

»Daß ihr Weiber das Kuppeln nicht lassen könnt.«

Sie hob ruhig den Blick zu ihm auf: »Ihr Männer solltet uns dankbar dafür sein. Wenn wir's nicht täten, hätte eure zuschlagende Eigensucht die Erde bald in einen Trümmerhaufen verwandelt.«

Ihre Mahnung hatte seine wunde Stelle getroffen. Seine folgende Erkundigung klang daher bissig:

»Und wem hat deine mütterliche Weisheit ihm zur Erwählten erwählt?«

»Anuschka!«

»So, so. Hast du auch für Lisenka einen Freier in Bereitschaft?«

Sein Spott brachte sie nicht auf.

»Der Herzog von Chartres läßt in Polen für seine Kandidatur Stimmung machen. Ich würde ihn als Schwiegersohn willkommen heißen.«

Sie durfte sich an seinem Erstaunen weiden.

»Wahrhaftig,« sagte er, nachdem er die Überraschung verwunden hatte, in aufrichtiger Bewunderung, »du bist klüger als mein Kanzler.«

Eine leichte Bewegung Katharinas wehrte dem Lobe:

»Ich bin eine Mutter, die an ihre Kinder denkt.«

Die feine, den Sinn vertiefende Betonung, die sie ihren Worten gab, entging Peter nicht. Er nickte: »Allmütterchen!« Scherzend neigte er sich zu ihr, da gewahrte er, wie sie erblaßte, ihre Züge sich spannten, er fuhr herum und sah eben noch die kleine zierliche Gestalt der Fürstin Galizin in der Tür, die sich unhörbar hinter ihm geöffnet hatte, verschwinden.

Sofort war seine Eifersucht rege:

»Was hat sie?« forschte er heftig.

Katharina hatte sich erhoben, ihre Brauen waren ärgerlich zusammengezogen: »Sie ist eine ungeschickte Närrin!« Hastig wollte sie an ihm vorüber.

Er hielt sie auf, legte seinen Arm auf den ihren: »Ich begleite dich.«

Ein Zittern rann über sie hin. Sie mühte sich einen heiteren Ton ab: »Frauenangelegenheiten, die dich nur langweilen.« Sie suchte an ihm vorbei zur Türe zu kommen.

Ehe es ihr gelang, ging diese auf und der Kanzler trat über die Schwelle.

Katharina stockte der Fuß, sie wurde bleich bis in die Lippen: es gab nichts mehr zu verheimlichen. Das Unheil, das sie ihrem Gatten hatte verbergen wollen, war ruchbar geworden. Die unverhohlene Schadenfreude in dem verknitterten Gesicht Schafirofs sagte es ihr deutlich.

Und schon keifte die hämische Stimme:

»Der Zarewitsch ist ins Ausland geflohen.«

Peter brüllte auf.

»Der Hund!«

Wütend kehrte er sich gegen Katharina.

»Und du? Du hast darum gewußt?«

Ein gräßliches Zucken zog seine Züge zusammen. Wie gefällt stürzte er zu Boden.

Während Katharina sich um ihn bemühte, näherte sich Schafirof ihrem Ohre:

»Ich hoffe mir den Dank der gnädigsten Frau verdient zu haben?«

Er erhielt keine Antwort. Nur Katharinas Hand hob sich zu einer verächtlich scheuchenden Bewegung, als wehrte sie ein lästiges Insekt ab.

Eine Weile noch verharrte der Kanzler lauernd, dann duckte er den kleinen schiefen Kopf zwischen die hohen Schultern und schob schlurfend hinaus.