XXI.
»Der Prinz hat nichts mehr eingestanden.« Die schlaffen Hängebacken des Generalleutnants Jaguschinski zitterten.
Ein Fluch zerknirschte zwischen den Zähnen des Zaren. Vom Schreibtisch, vor dem er über dem Entwurf der Gründung der Akademie gesessen hatte, fuhr er herum, faßte den Meldenden scharf ins Auge.
»Hast du ihn gründlich befragt?« Ein böses Glimmen war in seinem Blick.
Der Pole nickte. Ihm war bänglich zumute.
»Sieh mich an, Pan Pawel. Ich traue dir nicht.« Wie Eisenklammern hielten die Hände des Zaren seine Schultern.
Die Kinnlade des Generalleutnants klappte haltlos herab:
»Der Prinz,« er bebte an allen Gliedern, »verging uns vor Schwäche. Ich fürchtete …«
Ein Faustschlag traf ihn mitten ins Gesicht:
»Memme! – Ich hab' mir's gedacht. Milde. Güte. Nachsicht. Wenn du nur keinen Schrei hörst! Was kümmert's dich, ob ich die Wahrheit erfahre. Die Wahrheit!« Bohrend preßte Peter die geballten Fäuste gegen die Schläfen.
»Der Prinz beschwört, alles bekannt zu haben,« murmelte Jaguschinski und tupfte das rinnende Blut mit seinem Handschuh von der Stirn.
»Er lügt,« Peter stieß ihn beiseite, »ich werde ihn selbst befragen.« Damit stürzte er hinaus.
Mit schlotternden Knien hockte der Generalleutnant auf einem Sessel und rang fassungslos die weichlichen fetten Finger ineinander:
»Er mordet ihn, er mordet den eignen Sohn.« Und den Kopf in die Hände bergend, stöhnte er jammernd: »Er wird uns alle umbringen. Alle.«
Diese Befürchtung teilte der einstige Liebling des Zaren mit vielen. Seit Monaten lebte jedermann in Petersburg und Moskau in ständiger Todesangst. Mit Knute und Schwert wütete Peter gegen das, was er die Verschwörung des Zarewitsch nannte. Wie gelähmt ließen die Altrussen das grausige Strafgericht über sich ergehen. Keiner wagte zu fliehen. Und Peter griff wahllos in ihre Reihen. Glücklich der, der mit ein Dutzend Knutenhieben und Verbannung davon kam. Die unglückliche Eudoxia wurde öffentlich ausgepeitscht, der Major Glebof hingerichtet, ihr Bruder Abraham Lapuchin zum Tode verurteilt, Alexander Kikin wurde gerädert, die Fürstin Galizin entging der Knute nur durch die Fürbitte Katharinas. An diese selber wagte sich Peter nicht. Aber in seinem Innern wütete die Eifersucht. Er mißtraute ihr, er glaubte an ihr Mitleid für den Ärmsten nicht, er witterte Tieferes hinter ihrer Teilnahme, und jedes Mittel war ihm recht, seinem eigensinnigen Wahne Nahrung zu erspüren. Er wohnte den Verhören der der Verschwörung Angeschuldigten nur bei, um etwas in Erfahrung zu bringen, das sie belastete. Doch das Ergebnis war nichts. Nichts. Und dennoch fand er keine Ruhe. War sie nicht schlauer als die Schlausten, klüger als die Klügsten? Er biß sich die Lippen blutig, um nicht aufschreien zu müssen in Qual: wenn sie ihn dennoch betrogen hätte? Er mied sie, wich ihr aus, hielt sich sogar von seinen Töchtern und dem kleinen Peter Petrowitsch, der ständig kränkelte, fern. Dieses elende Häufchen Leben, das kaum stehen und jetzt im vierten Jahr nur mühselig lallen konnte, war ihm ein Vorwurf. Aber er kehrte ihn gegen Katharina. Er sog aus ihm Bestärkung seiner Zweifel an ihrer Treue.
Und nun die Aussage der Finnin Euphrosyne: der Zarewitsch habe seine ganze Hoffnung auf die gnädigste Frau gesetzt gehabt! – Hieß das nicht Verrat? Zwar die Briefe, in der sein Sohn Katharina anflehte, bei dem Vater für ihn zu bitten, hatte er gelesen. Doch konnte es nicht nur Vorspiegelung gewesen sein, bestimmt, seinen Verdacht abzulenken, seine Wachsamkeit einzuschläfern? War nicht am Ende Ärgeres geplant? Es quoll ihm bitter zum Munde: hatten sie nicht seinen Koch zu bestechen versucht, daß er ihm Gift in die Speisen tue. Sie. Wer war das? Der alte Velten behauptete, die Bojaren. Log er nicht, so konnte er belogen worden sein. Wohin Peter blickte, sah er Trug und Täuschung.
Er raste. Es genügte ihm nicht, daß der Zarewitsch allen seinen Rechten feierlich entsagt hatte. Schuld über Schuld häufte er auf ihn, belud das zaghafte Herz mit Verbrechen, die es in seinen zornigsten Träumen sich nicht erdichtet hatte, lastete seiner Ohnmacht die hochverräterischen Absichten seiner altrussischen Freunde auf, zerrte den Schwachen vor bestellte Richter und ließ seinen Mängeln das Urteil sprechen, als ob es Taten wären.
Tod!
Doch die Toten sind stumm und der erkaltete Mund kann nicht mehr Rechenschaft geben.
Und Peter verschmachtet nach Gewißheit. Er mußte sie haben, und wenn er sie erpressen sollte.
Was Jaguschinski und der Folter nicht gelungen war, würde er mit der Knute erzwingen. Unter dem Schlage, den sein Arm mit der neunschwänzigen Katze führte, waren die starrköpfigsten Verbrecher geständig geworden.
Während er auf die Pferde einhieb, daß sie stiegen und den leichten zweirädrigen Wagen auf dem holprigen Wege von Petersburg nach Schlüsselburg zum Springen brachten, zerrten sich seine Lippen zu einem verächtlichen ingrimmigen Lächeln auseinander. – –
In einer der Kasematten der Festung lag der Zarewitsch. Auf einer schmutzigen Matratze. Die von der Folterung überdehnten und verrenkten Glieder hingen kraftlos herab, als gehörten sie nicht zu dem hageren verzehrten Leibe, in dem das Herz nur noch mühsam und in heftigen Stößen zum Leben aufpochte. Der Kopf war zur Seite gedreht, über den eingefallenen Schläfen lagen die gekrümmten Adern gleich erwürgten Schlangen, und die tief in die Höhlen gesunkenen Augen starrten glasig ins Leere.
»Ist er nicht mehr zu retten?« Die Frau des holländischen Tischlers der Festung, die die Mahlzeiten für den Eingekerkerten zu bereiten und die sich des Gequälten angenommen hatte, mühte sich, ihn weicher zu betten.
Dr. Hofy, den Katharina sogleich geschickt hatte, nachdem sie von der Gattin des holländischen Gesandten, an die sich die Tischlersfrau gewendet, von dem Zustande des Zarewitsch erfahren hatte, verneinte kopfschüttelnd: »Es geht zu Ende. Gott sei Dank!« setzte er hinzu.
Mit diesen Worten trat er auch dem Zaren entgegen.
Peter hörte nicht auf ihn, und als der Arzt ihm den Weg vertreten wollte, nahm er ihn, hob ihn wie einen Federball auf und trug ihn hinaus. Die Tischlersfrau schlich schluchzend hinterdrein.
Der Zar war allein mit dem Sterbenden.
Lange stand er schweigend. Nicht ein Funken Mitleid regte sich in ihm. Rauh packte er den Haltlosen an.
Ein wimmerndes Stöhnen entrang sich dem Gepeinigten.
Dieses Jammern empörte den Zaren nur noch mehr. Unbekümmert um das Ächzen zerrte er ihn hoch:
»Ich will wissen …«
Der müde Körper schwankte hin und her und drohte in sich zusammenzuknicken. Röchelnd hastete der Atem aus der zerquetschten Brust.
Peter beugte sich dicht über den jäh Verfallenden, seine Augen bohrten sich in die fast erloschenen des Hinscheidenden:
»Hast du Katharina Alexejewna geliebt?«
Der herrische Ton riß den sinkenden Vorhang der Zeitlichkeit noch einmal zurück. Ein Rütteln sammelte die verworfenen Glieder, ruckend rafften sich die schlaffen, reckte sich der geschlagene Leib. In dem halb erloschenen Blick entzündete sich blitzend Erkennen. Und Haß sprang hervor.
Weit öffnete sich der blutleere Mund. Wie zu einem langen gräßlichen Schrei:
»Ich habe …«
Die Zähne schlossen sich über der Zunge, die im Augenblick des Todes ein vernichtetes Dasein mit einer Lüge hatte rächen wollen. Fest bissen sie sich ein. Mit einer letzten Anstrengung.
Nickend sank der Kopf vornüber.
Peter sprang auf.
»Wirst du sprechen? Kanaille, wirst du sprechen!« Er packte die Knute, die ihm am Gürtel hing und hieb blindlings darauf zu:
»Reden sollst du, reden!«
Klatschend fielen die Hiebe. Die Bleikugeln der Stränge zogen breite Striemen über Stirn und Wangen. Eine Weile standen diese blutig in dem bläulichen Weiß der Haut. Dann verging das schrille Rot in ein fahles Grau.
Alexei hatte ausgelitten.
»Aas!« Brüllend fuhr der Schrei wider die Mauern.
Äffend hallte er zurück.
Katharina hielt mit ihren Töchtern Tanzunterricht. Den kleinen Peter Petrowitsch zur Seite, der den ausschlagbesäten schmerzenden Kopf in der kühlen Seide ihrer weiten bauschenden Ärmel barg, sah sie den abgemessenen Schritten, dem Drehen und Neigen zu, in dem sich Anna und Elisabeth übten.
Die zierliche Gestalt des französischen Tanzmeisters wippte vor den Prinzessinnen auf und nieder, während der Bogen behende über die Geige strich und leise zirpend die zärtliche Melodie eines Menuetts herauslockte.
»Weicher, Hoheit, weicher die Bewegungen,« wurde die Prinzessin Anna ermahnt, Elisabeths kecke gelenke Art erhielt dagegen ein Bravo, Bravissimo nach dem andern.
Von Katharina kam ermunterndes Lob. Sie hatte ihre Freude an den Fortschritten der Mädchen. Zumal Elisabeth machte sich. Die lässigere Anna bedurfte einiger Anweisung.
Sie erhob sich, der Bequemen die Takte vorzutanzen.
Ein heller Geigenton sang durch den Raum, heiter rannen die Takte. Katharina glitt, schwebte, bog und neigte sich.
Jubelnd klatschte Elisabeth in die Hände: »Fein. – Still,« sie winkte dem fiedelnden Tanzmeister ab. Von den Vorzimmern her war ein unruhiges Laufen und Huschen an ihr Ohr gedrungen.
Und schon stürzte die Fürstin Galizin tränenüberströmt ins Zimmer:
»Gnädigste Frau! Der Zar … der Zarewitsch. Er ist tot.«
»Ermordet? Barmherziger Gott!«
Die Prinzessin Anna hatte den unvorsichtigen Ausruf getan.
Die Fürstin verschloß ihr den Mund: »Wollen Hoheit sich und uns alle verderben?« Sie zog die Mädchen und den Prinzen mit sich fort.
Auch der Tanzmeister verschwand durch eine Seitentür. Es war nicht rätlich, dem Zorn des Zaren sich als Zielscheibe zu bieten.
Katharina blieb allein.
Durch die Gänge tönten die harten Tritte des Heimkehrenden.
Fest legte Katharina ihre Hand auf das Herz, das unruhig aufklopfen wollte. Es mußte still, ganz still seinen Gang gehen.
Gelassen langte sie nach ihrer Stickerei.
Ungestüm dröhnte Peter herein. Sein Atem keuchte. Die Augen waren blutunterlaufen. In den Mundwinkeln hing flockiger Schaum.
Hart blieb er vor Katharina stehen. Seine Zähne krachten unter dem wilden Biß, mit dem er sie zusammenpreßte.
»Weib!« Er schwang die Faust über sie.
Sie rührte sich nicht. Gleichmütig zog sie den Faden durch die Seide.
Diese sichere Ruhe schlug ihn. Ein Bäumen war in ihm. Es mußte sich lösen. Schmetternd prallten seine eisernen Knöchel in den großen venezianischen Spiegel hinter ihr. Klirrend barst er in tausend Splitter.
»Ist dein Haus dadurch schöner geworden, daß du eine seiner Kostbarkeiten zerstört hast?«
Diese anklagende Frage zerriß den Schleier der Wut. Unerbittlich deutlich zeigte sie ihm seine Schuld.
Ein Schauder schüttelte ihn. Vor dem klaren durchschauenden Blick Katharinas senkte er langsam die Lider.