XXIII.
Peter starb. Es war ein schweres Sterben. Ein Sterben im Stehen. Er lag nicht. Zu viel Kraft war noch in ihm. Sie wollte sich nicht legen. Wütend griff sie um sich, zerbrach den jungen Kammerherrn Moens de la Croix, weil Katharina seiner frühlingshaften Schwärmerei die Sonne ihres Lächelns gegönnt hatte, und hetzte sich in mißtrauischer Eile von einer Grenze des weitgewordenen Reiches zur andern. Von Petersburg nach Astrachan, von Asow nach Moskau, von Riga und Reval nach den Bädern von Olonetz. Und vom Morgen bis zum Abend und manche Nacht hindurch zwang sie den versagenden Körper, geschäftig zu sein. Botschaften, Empfänge, Besichtigungen. Der Ausbau Kronstadts, die Arbeiten am Ladogakanal, die Verlobung der Prinzessin Anna mit dem Herzog von Holstein, die Förderung der geplanten Verbindung Elisabeths mit dem Herzoge von Chartres und das ständige diplomatische Ränkespiel mit den europäischen Mächten hielten Peter in Atem. Nur auf kurze Stunden warfen ihn die bohrenden Schmerzen in seinem Innern nieder. Noch fiebernd, fuhr er empor, und das Hetzen und Jagen begann aufs neue.
Vor Lachta war ein Schiff gestrandet. Die Mannschaft bekam es nicht flott. Er gewahrte es. Sofort mußte seine Fregatte, in der er von Reval gekommen war, beidrehen. Er sandte Hilfe, half schließlich selber. Sechs Stunden lang stand er im eisigen Wasser. Das Schiff wurde frei. Er mußte an Bord getragen werden. Ohne Besinnung, geschüttelt von Frost- und Hitzeschauern, kam er in Petersburg an.
Noch einmal erhob er sich, wankte in sein Arbeitszimmer, den Weltreisenden Bering zu empfangen. Gier, die nicht genug an Ländern und Völkern einschlingen konnte, stürzte sich über die Karten, auf denen der Schwede ihm die Richtung seiner geplanten Fahrt ins Eismeer wies. Jede Unterstützung sagte er ihm zu. Jede. Die knochendürren fiebrigen Finger bogen sich über den leeren weißen Flecken, die auf den Plänen die unbekannten Gebiete anzeigten: das alles würde ihm gehören. Ihm, mit allen Schätzen! – Nimmersatt brannte der Wille aus dem verzehrten Gesicht.
Es war sein letztes Flammenzeichen.
Jäh sank die Glut zur Asche. Furcht und Bangnis deckten sie zu.
Beten mußte um ihn sein und Fürbitte. Priester kamen und gingen. Einmal ums andere nahm er das heilige Mahl, küßte die heiligen Bilder, empfing die Ölung und den Segen.
Angstvoll irrten seine Gedanken durch sein Dasein. Suchten den Wert, der es wog, und fanden ihn nicht. Weit, so weit sein Reich, groß, so groß seine Macht, und nichts, das ihn aus der Verzweiflung rettete, das ihm das Grauen vom Herzen wälzte.
Seine Blicke taumelten über die Menschen, die sein Lager umstanden. In jeder Miene las er die Abwendung, jeder Fuß schien schon gehoben, um fortzueilen: was kümmerte er sie noch? Lauernd spähten sie nach dem neuen Herrn aus.
Er stöhnte laut.
Ärzte neigten sich über ihn, eiliger murmelten die Lippen der Popen.
Von niemandem kam Trost. Nur Worte. Worte.
Er biß die Zähne zusammen.
Die Wasser der Verschuldung stiegen.
Ein fader süßlicher Geschmack war auf seiner Zunge. Ekel, widrig, faul.
Blut. Alles Blut, das er vergossen hatte, in seinem Munde.
Er würgte. Erstickung befiel ihn.
Schreiend schlug er um sich.
Der Gesang der Priester verwirrte sich, überrascht zögerten die Ärzte, zuzugreifen.
Da kam eine Hand. Eine ruhige, sichere Hand. Katharina barg seinen Kopf an ihrer Brust, zog den ungebärdig zuckenden Leib in ihre Arme.
Er wurde still.
Wie ein Kind lag der Mächtige in der Umhegung der Liebe.
»Ich glaube – ich hoffe –«
Lallend zerbrachen die Laute.
Es war vorbei.
»Er ist tot!« Halb ohnmächtig sank Schafirof im Arbeitszimmer des Kanzleirats Ostermann, zu dem er in voller Bestürzung geeilt war, auf einen Stuhl. Die Knie schlotterten ihm und die Kiefer schlugen ihm klappend gegeneinander.
Von seiner hageren Höhe herab maß Ostermann den Kleinen spöttisch: »Hatten Ew. Exzellenz erwartet, das Schicksal werde uns zu Gefallen den Kaiser ewig am Leben lassen?«
»Nein, ach nein,« der Kanzler weinte fast, »aber warum mußte er jetzt sterben? Gerade jetzt? Zu so ungelegener Zeit?«
»Dem, der sich überflüssig fühlt,« erwiderte der Westfale höhnend, »und der sich nicht zu helfen weiß, ist jede Zeit ungelegen.«
Schafirof entging die Bosheit, so sehr bedrückte ihn die Angst: »Sie wird mich nach Sibirien schicken,« jammerte er, »sie haßt mich. Lieber Freund,« er haschte nach Ostermanns Hand, »lege er ein gutes Wort für mich ein.«
Die faunischen Lippen des Kanzleirats verzogen sich zu einem Grinsen. Doch er wußte es vorsichtig hinter einer bedientenhaften Verneigung zu verstecken: »Ew. Exzellenz, es ist an mir, um gütige Verwendung zu bitten, daß ich in meinem Amte bleibe.« Seine Stimme triefte von Ergebenheit. Aber gerade das gab seiner Weigerung den Stachel.
»Ostermann,« Schafirof erhob sich. Er mußte sich an der Lehne des Stuhles halten. Die Füße wollten ihn nicht tragen: »Er weiß recht gut, daß er unentbehrlich ist, und daß jeder, wer es auch sei, der an die Regierung kommt, ihn braucht. Notwendig braucht. Ich bin ihm oft zu Gefallen gewesen. Ich hätte eine andere Antwort erwartet. Doch so ist es: dem gestürzten Esel gibt jeder einen Schlag.«
In den säuerlichen Mienen des Kanzleirats zuckte und arbeitete es. Er hatte Mühe, sich das Lachen über diese nach seiner Meinung durchaus zutreffende Selbsteinschätzung des Kanzlers zu verbeißen. Doch seine Klugheit warnte ihn. Der um seinen Sturz Besorgte war noch nicht gestürzt. Es konnte auch anders kommen, als der Furchtsame wähnte. Sein faltenreiches Gesicht nahm einen gekränkten Ausdruck an: »Ew. Exzellenz belieben, meine aufrichtigste Ergebenheit zu verkennen.« Er schlug den roten Schlafrock, von dem er sich nur selten trennte, dichter um sich, beugte sich zu Schafirofs Ohr und flüsterte: »Niemand weiß, wem in den nächsten Stunden die Herrschaft zufallen wird. Noch ist nichts verloren, wenn wir nicht den Kopf verlieren.«
Der Kanzler rang verzweifelt die Hände: »Gegen sie kommt keiner auf. Das Heer ist für sie, das Volk ist für sie …«
»Und wir sind für sie!«
»Ich?!« Schafirof war entsetzt: »Ich soll mein eigenes Todesurteil schreiben?«
»Die Kaiserin ist nicht kleinlich. Stehen Ew. Exzellenz ihr jetzt zur Seite, so wird sie bereitwillig den üblen Schachzug nach der Flucht des Zarewitsch vergessen.«
»Sie geben mir Hoffnung?«
Ostermann nickte: »Auf die Möglichkeit, viel gut zu machen.« –
Gutmachen. Das war, worauf auch das Volk vertraute. Katharina würde das Land nicht in endlose Kriege stürzen, würde nicht um einer vermeintlichen Mehrung willen Hunderttausende von Menschen opfern. Frieden würde sein und die Werke des Friedens würden gedeihen. Ein Aufatmen ging durch das ganze Reich.
Unbekümmert darum spannen die Gegner Katharinas ihre Ränke. Was kümmerte sie das Volk. Außer zu ihrer Verherrlichung war es nichts nütze. Mochte es sterben und verderben. Der mit Blut gedüngte Boden trug um so reicher. Und die Ernte fiel ihnen zu.
Doch die Dolgoruckis gönnten den Golypins nicht den Platz bei Tische, und diese waren den Trubetzkois nicht grün, und die wieder bemühten sich, den Fürsten Repnin fernzuhalten. Der hetzte gegen die Apraxins und trachtete, die Golowins und Golowkins auszuschließen. Keiner gönnte dem andern einen Bissen, obwohl der Neid auf die »Ausländer« ihren Hunger stachelte.
Das war die eine Partei.
Die andere bildete Menschikoff und sein Anhang. Ihr Ziel, eine Regentschaft, die Katharina den Schein ließ, ihnen die Gewalt gab, sich ohne Rücksicht auf ein Recht zu bereichern.
Gerüstet standen sie gegeneinander. Die Altrussen hatten den niederen Klerus aufgestachelt, wider die »Fremdenherrschaft« zu wettern. Menschikoff stützte sich auf seinen Einfluß bei den hauptstädtischen Truppen.
Bassewitz, der im Hofstaate des Herzogs von Holstein in Petersburg weilte, wußte beiden zu begegnen. Den Wühlereien der Altrussen brach der Erzbischof Theophanes, den er gewonnen hatte und der sich mit seinem ganzen Ansehen für Katharina einsetzte, die Spitze ab. Und Menschikoffs Machenschaften wußte der ihm befreundete Buturlin, der Oberbefehlshaber der Garden, geschickt zu vereiteln, doch so, daß der Fürst des Glaubens blieb, die Mannschaften des preobraschenskischen und des ssemjenowschen Regiments für sich zu haben. Die Kassen ließ Bassewitz auf die Peter-Pauls-Festung schaffen. Er war auf alles gefaßt und bereit, jedem Schlage, der sich gegen die bewunderte und angebetete Frau richtete, zu begegnen. In jedem Lager hatte er Spürer und Zuträger. Die wichtigste Nachricht brachte ihm Jaguschinski: Katharina sollte gezwungen werden, die Herrschaft mit einem Adelsrate zu teilen. Von dem Generalleutnant erfuhr er auch, daß Menschikoff an die wachthabenden Truppen den Befehl hatte ergehen lassen, keinem, der im Palast weilte, den Ausgang zu gestatten, und den als Herrscher zu begrüßen, der sich an dem geöffneten Fenster des Beratungssaales zeigen würde.
»Er sitzt davor,« Jaguschinski kniff zwinkernd die Lider ein, »und wahrhaftig, ich möchte niemandem raten, sich dem Fenster zu nähern. Er hat noch immer Bärenkräfte.« Mitleidig maß er die schmächtige Gestalt des Grafen.
Bassewitz' bartlosen Knabenmund öffnete ein Lächeln. Aber er erwiderte nichts. Er hatte es eilig. Bei dem Dank an den Polen glitt eine mit Dukaten gefüllte kostbare Dose in dessen lange, ein wenig unsaubere Finger: »Die Kaiserin wird sich Ihrer Freundschaftsdienste erinnern.« Damit flog Bassewitz davon. Gleich einem Trompetenstoß schmetterte seine helle Stimme in die Stille des Sterbezimmers.
»Menschikoff und die Bojaren haben sich versammelt! Es geht um Ew. Majestät Rechte!«
Katharina hob kaum das tränenüberströmte Gesicht.
Rasch ergänzte Bassewitz: »Und um die Rechte des kaiserlichen Enkels.«
Das wirkte.
Mit der flachen Hand strich Katharina über die verweinten Augen und preßte die Schläfen zusammen:
»So ist es Zeit!«
Sie stand vor Bassewitz, fest, gesammelt, entschlossen, dem Nachkommen des Zaren sein Erbe ungeschmälert zu wahren.
Raschen starken Schrittes ging sie neben dem Hastenden durch die Gänge. Die Wachen, an denen sie vorüberkamen, präsentierten. Auf einen Wink des Grafen schlossen sie sich an.
»Wozu das?« fragte Katharina verwundert.
»Vorsicht ist stets gut!« gab Bassewitz zurück.
Sie wehrte ab: »Ein Zuviel schadet leicht.«
Flüsternd berichtete er ihr von den Absichten Menschikoffs und der Bedeutung des Mittelfensters.
Sie senkte lässig die Achseln: »Seine Verwegenheit reicht nicht an mich heran.« Sie wies auf die Soldaten: »Zu Ihrer Beruhigung mögen sie hier bleiben. Es folgt mir niemand, außer Ihnen.«
»Majestät!« In Bassewitz' Stimme bebte Sorge.
Kühl schüttelte sie den Kopf: »Nein, Graf, keine Säbel, keine Gewehre. Ich siege durch andere Waffen. – Öffne!«
Der Unteroffizier der Garde vor der hohen Flügeltür zum Beratungszimmer grüßte mit dem Degen. Aber er rührte keine Hand:
»Niemand darf hinein ohne schriftliche Erlaubnis des Fürsten.«
Wallend schoß das Blut in Bassewitz' Wangen. Er griff nach der Waffe.
»Ruhe, Freund!« Katharina trat zwischen ihn und den hühnenhaften Menschen: »Nur kein Ungestüm.« Sie faßte den Unteroffizier fest ins Auge:
»Wessen Haus ist das?«
»Des Kaisers.«
»Der Kaiser ist tot!«
Der Mann bekreuzte sich: »Der heilige Nikolaus bitte für ihn. So gehört sein Haus Euch, Mütterchen.«
»Gut. Und in meinem Hause bestimme ich, nicht Fürst Menschikoff. Öffne!«
Ein tiefer Atemzug hob die breite Brust des Garden: »Majestät.«
»Öffne! Es wird dir nichts von ihm geschehen.«
Die Flügel schlugen auf.
Katharina trat ein.
Die um den mächtigen Tisch Versammelten sprangen von den Sitzen. Verwirrung, Bestürzung in aller Mienen. Nur Menschikoff hatte sich nicht erhoben. Aber die Hand, die den Stuhlgriff umspannte, zitterte leicht.
Langsam ließ Katharina ihre Blicke wandern. Auf jedem einzelnen der Anwesenden blieben sie haften, als wollten sie sich sein Bild unauslöschlich einprägen.
Ein unbehagliches Gefühl.
Der alte Fürst Dolgorucki schüttelte es am ehesten ab.
»Wir haben uns zusammengefunden, um zum Wohle des Vaterlandes …«, begann er unsicher.
»Zu beraten,« schnitt Katharina ihm das Wort ab. »Aber wie ich höre, seid ihr uneins, meine Kinder. Was der eine wünscht, ist dem andern entgegen. Die einen möchten mir Vorschriften machen, die andern erwarten, daß ich welche gebe. Ich werde weder dies tun, noch jenes dulden. Ich werde ausführen, wozu ich vom Zaren bestellt bin: euch den Kaiser zu erziehen!«
»Wann hat der Zar dies bestimmt? – Wo? – Sein Testament! Sein Testament!« schrie es aufgeregt durcheinander.
Katharinas Gestalt wuchs:
»Die Krone, die er mir aufs Haupt gesetzt hat, ist sein Testament!«
Sie sah in der Runde umher und sah in verwirrte, verlegen ausweichende Gesichter.
Es zuckte um ihren Mund:
»Es ist stickig im Saal. Mich wundert, daß ihr es ertragen mögt, meine Freunde. Ein frischer Luftzug tut not.«
Sie umging den Tisch.
Der hohe Stuhl, in dem Menschikoff saß, rückte, wie emporgewunden schoben sich seine breiten Schultern in die Höhe.
Eine Sekunde lang schien es, als wolle er sich Katharina entgegenstürzen.
Sie standen Auge in Auge.
Es blitzte in den ihren auf: kalt, herrisch. Sie deutete auf das Fenster:
»Darf ich Durchlaucht um eine Gefälligkeit bitten?«
Menschikoff raffte sich. Mit zusammengebissenen Zähnen schlug er den Riegel herum und stieß die Fenster auf.
An ihm vorüber beugte sich Katharina hinaus.
Tosend schlugen die Trommler an.
»Alarm?« Repnin fragte mit überkippender Stimme: »Wer hat …«
»Ich habe den Befehl gegeben!« Buturlin riß seinen Degen aus der Scheide und hieb die blanke Waffe auf den Tisch: »Im Namen der Kaiserin, der jeder Vaterlandsfreund gehorcht!«
Niemand wagte eine Erwiderung, denn überwältigender als diese Drohung stürzte von draußen her der anschwellende Zuruf des Volkes herein:
»Das Mütterchen! Heil unserm Mütterchen Katharina!«
Das entschied.
Menschikoff gab sich einen Ruck: ein Narr, der gegen den Strom zu schwimmen versucht. – Er trat neben die Umjubelte:
»Es lebe die Kaiserin Katharina!«